ich bin dieses Wochenende ab heute bis Montag jenseits jeden Internets. Haltet euch solange an die Kollegen der Blogbar und an frühere Beiträge. Viel Spaß dabei und sonnige Tage!
Liebe Grüße
euer Oeffinger Freidenker
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Teil 1: Auftakt
Teil 2: Welche Wurzeln hat unser Bildungssystem?
Teil 3: Schulformen
Teil 4: Infrastruktur
Teil 5: Lehrerbildung
Teil 6: Die Universitäten
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Schulformen
Die Schulformen Deutschlands zu beschreiben ist nicht leicht. Bekanntlich ist das Bildungssystem in der BRD föderalistisch geregelt, was bedeutet, dass jedes Bundesland der Überzeugung ist, mit seinem System den Stein der Weisen gefunden zu haben und sein System als dem der anderen Länder überlegen ansieht (obgleich immer wieder Bestrebungen versucht werden, einheitliche Tests durchzuführen). Dieser Bildungsförderalismus hat auch Rückwirkungen auf die Lehrerausbildung, wie wir in einem späteren Artikel noch sehen werden, nur so viel: ein Lehramtsstudent in Baden-Württemberg kann sein Praxissemester zwar in Neuseeeland machen, aber nicht in Bayern – weil die Schulsysteme zu unterschiedlich seien.
Welche Schulformen gibt es also in Deutschland? Eine Form findet sich mehr oder minder unverändert in allen Bundesländern, und das ist die Grundschule. Sie beginnt für gewöhnlich für Kinder mit dem sechsten Lebensjahr (sofern sie nicht in eine Grundschulförderklasse kommen, die eine Art Mittelding zwischen Kindergarten und Schule darstellt) und dauert zwischen zwei und vier Jahren. Am Ende der Grundschule steht in den meisten Bundesländern dann die Selektion auf eine weiterführende Schule. Davon gibt es bis zu vier: die Sonderschule, die Hauptschule, die Realschule und das Gymnasium, die sich wiederum in Unterzweige aufgliedern können (Werksrealschulen, Wirtschaftsgymnasien und so weiter). In einigen Bundesländern, die sozialdemokratisch regiert sind (oder lange Zeit waren) gibt es außerdem mehr oder minder weit fortgeschrittene Experimente mit Gemeinschafts- oder Einheitsschulen. Was aber bedeutet das alles? Wir wollen uns zuerst einmal dem Unterschied zwischen dem „normalen“ System, das ab hier richtigerweise als „gewohntes“ System bezeichnet werden soll, zwischen dem dreigliedrigen Schulsytem und den Gemeinschafts- oder Einheitsschulen, ab sofort nur noch als Gemeinschaftsschulen bezeichnet, befassen.
Das dreigliedrige Schulsystem, das vor allem von den Konservativen präferiert wird, geht vereinfach gesagt davon aus, dass Kinder individuelle Stärken haben. Die einen sind pfiffiger, die anderen weniger. Gemeinhin wird unterstellt, dass Kinder, deren Fähigkeit zum abstrakten Denken weniger weit entwickelt ist, handwerklich eher begabt sind. Dementsprechend gibt es mehrere Schulformen, die für diese Typen geeignet sein sollen.
Die erste (und rangniedrigste) dieser Schulformen ist die Sonderschule. Sonderschulen sind für lernschwache Kinder gedacht, die hier in einem für sie angepassten Niveau lernen sollen. Die Lernkurve ist allgemein flacher als bei den anderen weiterführenden Schulen, abstraktes Denken wird fast nicht benötigt.
Die zweite Stufe ist die Hauptschule. Sie deckt den Zeitraum ab, der vom Gesetzgeber als gesetzliche Schulpflicht vorgesehen ist (neun Jahre) und endet damit für gewöhnlich im Alter von 15 oder 16 Jahren. Die Schule soll Kinder darauf vorbereiten, später eine handwerkliche Lehre zu beginnen.
Die dritte Stufe ist die Realschule. Sie ist gewissermaßen ein Zwitter zwischen Hauptschulen und Gymnasien. Ursprünglich war sie als Alternative zu den humanistischen Gymnasien geschaffen worden um gleichrangig eine an den Naturwissenschaften orientierte Ausbildung zu bieten. Mit der Aufteilung in allgemeinbildende und humanistische Gymnasien jedoch ist sie immer weiter zurückgedrängt worden, bis sie ihre heutige Stellung eingenommen hat. Die Kinder lernen hier kompliziertere Sachverhalte, bleiben jedoch eingermaßen praxisnah und sollen nach der Schullaufbahn, die ein Jahr länger dauert als auf der Hauptschule, idealerweise eine Lehre als Kaufmann oder etwas Ähnliches beginnen.
Die vierte Stufe ist das Gymnasium. Es ist gewissermaßen die Krone des Schulsystems, ein Relikt aus der Zeit, als es noch dem oberen Prozent der Kinder vorbehalten war (heute bis zu 50%). Praxisbezug spielt hier fast keine Rolle, Abstrahierungen müssen auf hohem Niveau erlernt und ein breites Allgemeinwissen erworben werden. Die zwölf bis dreizehn Jahre Schulzeit enden in einer großen Prüfung, dem Abitur (früher auch Reifezeugnis genannt), das die Hochschulreife beinhaltet. Das Gymnasium ist also dezidiert dazu gedacht, die Kinder auf ein späteres Hochschulstudium hin vorzubereiten.
Soweit die Theorie. Wir werden uns später mit der Praxis beschäftigen. Gemeinschaftsschulen funktionieren nach einem anderen Prinzip. Hier wird gerade nicht davon ausgegangen, dass die Kinder gewissermaßen inhärent klüger oder dümmer und damit für bestimmte Aufgaben prädestiniert sind, sondern dass ein gemeinsames Lernen letztlich für alle von Vorteil ist. Wo Konservative damit argumentieren, dass auf diese Art die Klugen und Schnellen von den Dummen und Langsamen ausgegrenzt werden argumentieren die progressiven Befürworter, dass die Ersteren die Letzteren mitziehen und letztlich beide Seiten profitieren. Gemeinschaftsschulen sehen oftmals gemeinsamen Unterricht bis zur sechsten bis zehnten Klasse vor (selten in einem anderen Rahmen), meist mit der Möglichkeit verbunden, bei entsprechender Neigung die gymnasiale Oberstufe aufzusatteln und damit die Hochschulreife nachzuholen.
Die Form des dreigliedrigen Schulsystems ist in ihrer häufigsten Ausprägung als staatlich finanzierte und kontrollierte Schule anzutreffen, die nach den gesetzlichen Standards und Richtlinien des Kultusministeriums funktioniert, deren Lehrer verbeamtet sind und die chronisch unterfinanziert sind. Sie sind als Privatschulen relativ selten.
Gemeinschaftsschulen auf der anderen Seite sind zum Teil staatliche Einrichtungen (praktisch ausschließlich in sozialdemokratisch regierten Ländern) und werden ebenso häufig als private oder teil-private Anstalten geführt, oftmals mit Zuschüssen des Staates, aber ohne die Weisungen und Regeln des Kultusministeriums.
Den Gesamtschulen ist gemein, dass sie häufig besser sind als ihr Ruf. Es stimmt nicht, dass die Schüler dort im Schnitt bessere Leistungen erreichen würden als ihre gleichaltrigen Kameraden im dreigliedrigen Schulsystem (als Vergleichsmaßstab können hier nur die zentralen Abiturprüfungen oder Abschlussprüfungen der Realschule herangezogen werden), aber es ist gleichfalls falsch, wie vor allem ihre Gegner nicht müde werden zu behaupten, dass die Abgänger der Gemeinschaftsschulen im Schnitt schlechter wären als ihre Kameraden aus dem gewohnten Schulsystem.
Welche Argumente gibt es also für Gemeinschaftsschulen, wenn sich doch am Ergebnis scheinbar nichts ändert? Der Unterschied liegt im Detail. Ich habe eingangs die theoretische Konzeption des dreigliedrigen Schulsystems angesprochen, die zu Teilen noch aus dem Bismarck-Reich mit seinen Elementar-, Volks- und Realschulen stammt. Diese Konzeption ist von der Wirklichkeit überholt. Sie mag in einer von den Konservativen gerne verklärten Zeit gegolten haben, als nur ein Prozent der Schüler (praktisch ausschließlich aus besserem Hause und männlich) das Gymnasium besucht hat und die überwältigende Mehrheit mit den Elementarschulen (und später den Hauptschulen) vorlieb nehmen musste. Damals mag das System so funktioniert haben, und in der hauptsächlich von der Industrie geprägten Wirtschaft jener Jahre mögen auch die Ergebnisse zur Situation des Arbeitsmarktes gepasst haben.
Gerade der Bildungsförderalismus ist einer der größten Blockierer für Reformen, interessanterweise nur in den seltensten Fällen aus Wahlkampfmotiven. Wurden Sozialstaatsreformen bislang praktisch immer zu wahltaktischen Zwecken blockiert oder nicht blockiert, so kann der Bildungssektor als ein verbliebendes Bollwerk der ideologischen Auseinandersetzung gelten. Im Endeffekt geht es um das Aufeinanderprallen zweier Menschenbilder, die sich in den letzten 150 Jahren nicht großartig verändert haben: die Konservativen auf der einen Seite sind der Überzeugung, dass Menschen von Natur aus unterschiedlich sind und es deswegen auch unterschiedliche Bildungswege braucht – im in diesem Zusammenhang leider oft gebrauchten Stammtisch-Deutsch gibt es eben „dumme“ und „kluge“ Schüler, und man muss die dummen von den klugen separieren, damit sie die klugen nicht versauen. Die Progressiven gehen davon aus, dass die Kinder zwar unterschiedliche Begabungen und Lernweisen haben, es aber so etwas wie „dumme“ Kinder nicht wirklich gibt. Kinder lernen „anders“, nicht „schlecht“ oder „gut“. Das dreigliedrige Schulsystem bzw. die Gesamtschule trägt diesen Vorstellungen Rechnung.
Die aktuelle Misere um die Hauptschulen zeigt jedoch deutlich, dass das dreigliedrigen Schulsystem nicht mehr in der Lage ist, die aktuellen Problemstellungen zu bewältigen. Man kann das auf die sozialdemokratische Bildungsexpansion der 70er Jahre schieben, als der Prozentsatz der Kinder, die das Gymnasium besuchen konnten sprunghaft anstieg und dadurch und durch Einführungen wie die des Bafög gleichzeitig auch die Studentenzahlen in die Höhe gingen, ein Boom, der bereits kurz darauf in Panik vom durchaus eher konservativen Schmidt abgebrochen wurde (deswegen spreche auch in diesem Zusammenhang gerne von „progressiv“ als Gegensatz zu „konservativ“ und nicht von SPD und CDU). Effektiv aber sieht es so aus, dass die Chance eines Hauptschülers heute einen Job zu bekommen um ein vielfaches schlechter ist als noch vor zwanzig Jahren. Sie liegt nahe null, und auch für die Realschulen sieht die Lage nicht viel besser aus. Gymnasiasten drängen inzwischen in Jobs, die früher von Hauptschülern erledigt wurden, auch und gerade in den handwerklichen Berufen. Der Schule gelingt es nicht mehr, notwendiges Wissen zu vermitteln, der Ruf nach mehr Praxisbezug wird immer lauter.
Gleichwohl führt dieser Ruf in die Irre. Ein Praxisbezug kann in einer Welt, in der sich das vorhandene Wissen mit jeder Dekade verdoppelt keinen praktischen Wert besitzen. Er besitzt eine unglaublich geringe Halbwertszeit und lässt sich bereits nach kurzer Zeit kaum mehr sinnvoll gebrauchen, wie beispielsweise die Hilflosigkeit vieler Menschen im Umgang mit Computern immer wieder beweist, von iPhones und ähnlichem ganz zu schweigen. Welchen Nutzen soll es haben, wenn Achtklässter die Nutzung von Windows XP erlernen, wenn bei ihrem Abitur Windows Vista von Windows 7 abgelöst wird? Dies sind keine Aufgaben, die die Schule meistern kann. Die Schule muss in der Lage sein, ein breites Wissen zu vermitteln, und vor allem das Wissen darüber, wie man sich Wissen auch aus fremden Fachbereichen aneignet. Ich bin der Überzeugung, dass die Gesamtschulen in dieser Disziplin deutlich besser abschneiden als das dreigliedrige Schulsystem, und dass Gesamtschulen die Zukunft sind, so sehr sich die Konservativen auch dagegen sträuben mögen.
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Erinnert sich noch jemand an den großen Writer’s Strike in Hollywood, als die Traumfabrik so richtig albtraummäßig lahmgelegt war, weil alle Drehbuchautoren beschlossen hatten, dass sie etwas besser bezahlt werden wollten als Supermarktkassierer bei KiK? Ich muss ehrlich sagen, ich habe keine Ahnung, was das Ergebnis dieses Streiks war, aber ein eher unbeabsichtigtes Ergebnis war die Produktion eines „Supervillain-Musical“ (von denen es, wie wir alle wissen, viel zu wenige gibt), das unter der Feder von Joss Whedon entstand und in dem Neil Patrick Harris die Hauptrolle des Dr. Horrible spielt. Den kennt ihr vielleicht noch als Carl Jenkins in „StarshipTroopers“ (der Geheimdienstyp mit dem Nazi-Ledermantel). Wenn nicht, macht das auch nichts, nach diesem Film werdet ihr ihn kennen. Joss Whedon ist im Übrigen ein netter Mensch, denn das Video gibt es im Netz zum Download für praktisch kein Geld. Die DVD kann man leider nur in den Staaten kaufen. Andere Möglichkeiten gibt es nicht, denn wer würde schon PIRATErie betrieben wie manche BAYern?
Worum geht es also? Dr. Horrible ist ein Nachwuchsbösewicht, der nur allzugerne in „Bad Horse’s Evil League of Evil“ aufgenommen werden würde. Dummerweise muss er sich dafür erst beweisen, wie ihm Bad Horse persönlich auch in einem Antwortbrief auf seine Bewerbung mitteilt: ohne eine wirklich große, böse Tat (am besten ein Mord!) geht gar nichts. Nur ist Mord definitiv nicht Dr. Horribles Stil, also muss er etwas anderes versuchen. Sein Plan ist ein Freeze-Ray, mit dem er die Zeit anhalten will um so sein Ziel zu erreichen, die Welt zu beherrschen – und nebenbei die Frau seiner Träume zu gewinnen, Penny, die er in seiner bürgerlichen Existenz als Billy regelmäßig im Waschsalon trifft und nicht anzusprechen wagt.
Doch beim Diebstahl einer wertvollen Substanz namens Wonderflonium, die er für seinen Freeze-Ray benötigt, interferiert Dr. Horribles Nemesis, Captain Hammer, und ruiniert sowohl Horribles Plan als auch seine Liebe zu Penny, denn die glaubt Hammer habe sie gerettet und verliebt sich in ihn. Da Dr. Horrible seine treue Fangemeinde über sein Blog in Videobeiträgen über seine neuesten Fortschritte informiert, sind leider auch Captain Hammer und das LAPD auf dem Laufenden über seinen Plan mit dem Freeze-Ray, und so scheitert Horrible grandios. Nun gibt es nur noch eine Chance auf einen Eintritt in Bad Horse’s Evil League of Evil, und das ist kaltblütiger Mord. Aber wen sollte Dr. Horrible ermorden…?
Wer jetzt denkt, dass das (englischsprachige) Musical von knapp 43 Minuten Dauer nur für dümmliche Gags zu haben ist, der liegt vollkommen daneben. In dieser Zeit gelingt Joss Whedon, wofür die Nolans immerhin zweeinhalb Stunden, Christian Bale und Heath Ledger benötigt haben: das Superheldengenre gehörig zu demontieren, analysieren und auf die Schippe zu nehmen. Hinter Dr. Horrible steckt deutlich mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Die Charaktere Horrible, Captain Hammer und Penny haben alle drei Tiefgang, und hinter jedem verbirgt sich mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Sie machen charakterliche Entwicklungen im Verlauf des Musicals durch, hauptsächlich während der hevorragend getexten und gesungenen Lieder, die teilweise absolut Ohrwurmcharakter haben. Philosphische Fragen werden aufgeworfen, und an vielen Stellen (wenn auch nicht gerade bei den Tricks) braucht Dr. Horrible sich wahrlich nicht vor seinen Vorbildern zu verstecken. So, für den folgenden Absatz herrscht Spoilergefahr.
Wenn Dr. Horrible beispielsweise reflektiert, dass alleine Penny seine Bosheit in der Waage enthält und sie ihn mit ihrer Hinwendung zu Captain Hammer immer mehr in Richtung Böse treibt, so hat dies fast die gleiche tragische Dimension wie Dr. Manhattans Bindung an Laurie Juspecyk in Watchmen. Ebenfalls eine Referenz an dieses großartige Comic-Epos ist die Ernsthaftigkeit, mit der die Welt die Existenz von Superhelden und Superschurken anerkannt hat. Als Captain Hammer schlussendlich von Dr. Horrible deklassiert wird, tragen die Mädchen statt Hammer-T-Shirts plötzlich Horrible-Shirts, und die Medien berichten anstatt über Hammers unaufrichtige Charity-Aktionen über Horribles neuesten Zug – business as usual. Einen üblen Twist zieht Joss Whedon ebenfalls noch in den letzten fünf Minuten, wenn Dr. Horrible fulminant seinen Traum erreicht – und dennoch ebenso grandios scheitert. Da bleibt einem das Lachen im Halse stecken, und man ist gezwungen, sich reflektierend noch einmal mit den Charakteren und ihren allzumenschlichen Zielen – vor allem Anerkennung – auseinanderzusetzen. Nur die besten Komödianten erreichen das.
So, hier endet die Spoilergefahr.
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Wann immer die überzogenen Gehälter der Spitzenamanager gegeißelt werden geistert eine Wortkombination durch die Debatte: leistungsgerechte Bezahlung. Mit bemerkenswerter Penetranz versucht ein Konsortium von Lobbyisten landein, landaus durch die Talkshows tingelnd uns klar zu machen, dass Gehälter von mehreren Millionen im Jahr irgendetwas mit Leistung zu tun hätten. Thomas Wieczorek, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler und freier Autor, hat sich des Mythos angenommen und deklassiert ihn vollständig. Unsere Spitzenamanger bekommen nämlich nicht nur obszön viel Geld, nein, sie verdienen es nicht einmal im wahren Wortsinn.
Ein Paradebeispiel hierfür ist Jürgen Schrempp; dessen Karriere als Daimlerchef wird von Wieczorek ausführlich beschrieben. Schrempp ist es gelungen, in seinen zehn Jahren (in denen er übrigens über 80 Millionen Euro verdient hat, womit er eher zu den Geringverdienern der Branche zählt) Kontrolle über den Daimler-Konzern eine Fusion mit Chrysler gehörig in den Sand zu setzen und 95 Milliarden Euro Firmenwert zu vernichten. Um das noch einmal klarzumachen, die Firma war nach seiner Führung 95 Milliarden weniger wert als zuvor. Allein durch die Ankündigung seines Rücktritts stieg die Daimler-Aktie um 5%. Dieser Mann, der seine Firma fast ruiniert hat, ging natürlich mit goldenem Handschlag, wie so viele Versager vor ihm. Schrempp ist allerdings nicht arbeitslos, wie es jeder Arbeiter wäre, der über zehn Jahre die Maschinen an seinem Arbeitsplatz kaputtshreddert. Er darf neue Firmen in den Abgrund führen.
Dieser Wahnsinn hat Methode, und Wiezcorek zeigt mit beeindruckender analytischer Weitsicht und akribischer Genauigkeit auf, wie es den Managern gelingt, trotz offensichtlicher Inkompetenz und schweren Fehlern immer wieder viele, viele Millionen zu kassieren. Das große Netz der Aufsichtsräte ist dafür der Hebel Nummer 1. Allein anhand einiger weniger Unternehmen, die Wiezcorek exemplarisch herausstellt, wird leicht deutlich wie vernetzt die Manager untereinander in den Führungsgremien ihrer jeweiligen Firmen sind. Auf diese Art genehmigen sie sich gegenseitig Phantasiegehälter und decken sich im Falle allzu offensichtlichen Versagens, wie es ständig vorkommt. Eine ganze Public-Relations-Industrie voller bezahlter Mietmäuler gibt ihnen dafür das nötige intellektuelle Fundament. Die Dürftigkeit ihrer Weltbilder wird exemplarisch immer wieder Hans-Werner Sinn, dem Chef des ifo-Instituts deutlich, dessen Aussagen und Prognosen sich bisher in Bausch und Bogen als vollkommener Mist erwiesen haben, der aber trotzdem beständig ganz oben mitmischt und seine gekaufte Meinung ständig durch den Blätterwald rieseln lässt.
Dies ist exemplarisch für die gesamte Zunft. Eine bestenfalls zweitklassige Oberschicht träufelt das Odeur des Erfolgs, der sich an kurzfristigen Aktiensprüngen nach oben abzeichnen soll, über ihr eigenes Versagen. Firmen werden zugrundegerichtet, und wie die Heuschrecken ziehen sie von Firma zu Firma, bis sie sich irgendwann auf ihr Altenteil zurückziehen.
Thomas Wieczoreks Buch ist so wichtig, weil es leicht verständlich und auf vergleichsweise wenig Raum das Kunststück schafft, dem Leser einen fundierten Eindruck des Treibens in den Vorstandsetagen zu vermitteln. Eine parasitäre Elite lebt auf Kosten der Allgemeinheit und vernichtet tausende von Arbeitsplätzen, und dafür wird sie auch noch gefeiert und mit absurdesten Gehältern belohnt. Bücher wie dieses müssen gelesen werden, damit Hans-Werner Sinn (pars pro toto für all die Mietmäuler) endlich zum Schweigen gebracht werden können und eine nachhaltige Wirtschaftspolitik beginnen kann – auch in den Vorständen.
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