Montag, 2. August 2021

Tankies hetzen auf Fox gegen die Heirat von Lindner und Baerbock in Tawian - Vermischtes 02.08.2021

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) The Story of How Same-Sex Marriage Went From Fringe to Mainstream (Interview mit Jesse Eisenberg)

I wrote about how, in 2005, a group of lawyers and representatives of the big gay-rights organizations met in Jersey City to set a national strategy. And they laid out a plan where they thought that they could win marriage nationwide by 2025. But at that point, they were already catching up to the emergence of this as an issue. In 2005, gay couples were already marrying in Massachusetts. The president of the United States had already campaigned for re-election supporting a constitutional amendment to ban same-sex marriage. Nearly 20 states had already banned it in their constitutions. So the strategy followed, rather than catalyzed this movement. [...] One thing is understanding the intersection of political and legal activity. The early victories were won through the courts, and in the case of Hawaii and Vermont were lost through the political process [in Hawaii, a court decision on marriage was over turned via referendum, and in Vermont, the legislature passed civil-unions legislation] , because there hadn’t been the political organizing and lobbying ahead of time to keep politicians out of a constitutional process. For gay marriage activists, they have to fight really hard at the legislature to basically just keep politicians from amending the state’s constitution to ban something after the top court has ruled. So I think that there are areas where — because of the structure of interest groups — the people who do lawsuits and the people who do campaigns are fairly far apart from one another. And I think this is just a really instructive lesson that strategies need to take both those things into consideration and anticipate. A big thing that happened was the development of a single-issue group called Freedom to Marry whose only objective was marriage equality. One of the critiques of existing LGBT groups — most notably the Human Rights Campaign — was that they hadn’t fought hard enough for marriage. I don’t think it was that they necessarily were wimping out. I think the issue was that they had defined a very broad coalition whose interests they served, and that forces them to be concerned about long-term relationship building. [...] Cannabis legalization feels pretty similar to me. I think 20 years ago, there wasn’t a politician in the United States that was in favor of legalizing any drugs. (Ben Jacobs, New York Magazine)

Ich sag's immer wieder, der einzige Grund, dass Marijuana nicht legal ist, ist dass niemand das politische Kapital investieren will. Von allen demokratischen Parteien ist nur die CDU dagegen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die ernsthaft dagegen kämpfen würde, wenn die FDP das zu einer Koalitionsbedingung machen würde. Nur macht sie das natürlich nicht, genausowenig wie die SPD das tat oder die Grünen tun werden, obwohl alle drei Parteien die Legalisierung im Wahlprogramm stehen haben. Das Thema kommt mit schöner Regelmäßigkeit im Unterricht hoch, und ich sage den Schüler*innen immer dasselbe: mir persönlich ist das völlig Hupe. Wenn man mich zwingt, bin ich dafür, dass es illegal bleibt, aber wenn es legalisiert wird, fine by me. Ich denke, die breite Mehrheit der Deutschen fühlt recht ähnlich, was die Wichtigkeit des Themas angeht. Da die junge Generation sehr für die Legalisierung ist, und die alte kaum großen Widerstand leisten wird, ist die Legalisierung nur eine Frage der Zeit. Eine ähnliche Dynamik trieb auch die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe: erst wurde es für eine Mehrheit akzeptabel (und Homophobie mit verblüffender Geschwindigkeit inakzeptabel, siehe etwa in Bullys Umschwung bezüglich "Schuh des Manitu"), dann immer mehr zu einem Bürgerrechts-/Freiheitsthema, und dann abgeräumt. Die Dynamik in den USA war, die Eisenberg das oben beschreibt, teils eine andere, aber diese Grundlage war ähnlich.

2) Leftists and Liberals Are Still Fighting Over the Cold War

This divide between anti-communists and anti-anti-communists is sufficiently profound that, even 30 years after the end of the Cold War, it continues to animate bitter debates among progressive intellectuals. “Cold War liberalism is now a zombie ideology,” Michael Brenes and Daniel Steinmetz-Jenkins argued in a Dissent essay earlier this year. “It offers preparedness as politics: a desire to inculcate a wartime urgency in the body politic, demanding sacrifice without solidarity and individual introspection as a path to freedom.” [...] There is a tendency on the center-left to dismiss these sorts of critiques from the left as simply unserious — to mock them as idealists with politically unrealistic demands, or perhaps they haven’t gotten over the 2016 Democratic primary. But the belief system undergirding these critiques is completely serious. The left is making a profound accusation: that liberalism remains deformed by anti-communism, and only by expurgating this fear of left-wing authoritarianism can it become worthy of progressive ideals. That charge needs to be answered on its own terms. [...] Today’s left-wing intellectuals have revived the Cold War–era critique of liberals, who stand accused of glorifying existing political and economic institutions in general and the security state in particular. [...] While the critics of Cold War liberalism exaggerate its hostility to aggressive government action, and minimize the authoritarian danger against which it defines itself, they do correctly identify its definitional core. The Cold War liberals (or their heirs) place more value on democracy than on advancing the progressive agenda. Liberals respect their opponents’ political rights and are not willing to cast them aside in pursuit of power. As a result of this commitment, they consider it necessary to criticize political allies, especially on questions of democracy and liberal values. (Jonathan Chait, New York Magazine)

Ich finde die Tankies (der Internet-Fachbegriff für die pro-kommunistischen Linken, keine Ahnung wo der herkommt) ja unglaublich bescheuert. Mir ist völlig unklar, wie man heutzutage noch kommunistische Diktaturen wie Nordkorea, Kuba oder Venezuela verteidigen kann. Aber offensichtlich ist dieses "Feind meines Feindes ist mein Freund"-Denken recht weit verbreitet.

Ein Superbeispiel für diese Übertragung von Mustern aus dem Kalten Krieg ist die Positionierung der Linken gegenüber Israel und das ständige Problem damit. Weil in den Frontstellungen des Kalten Krieges Israel ein Verbündeter der USA und die Sowjetunion ein Verbündeter der mit ihm verfeindeten arabischen Staaten war, landeten viele Linke automatisch auf der israelfeindlichen Seite, eine Haltung, die sich auch mit dem Untergang der Sowjetunion nicht mehr geändert hat. Es ist faszinierend und erschreckend zugleich, wie sich solche Muster reproduzieren.

3) Im Visier der Hetzer

Die Grünen und ihre Kanzlerkandidatin sind zwei Monate vor der Bundestagswahl das mit Abstand beliebteste Angriffsziel in- wie ausländischer Akteure, belegen SPIEGEL-Recherchen. Autoritäre Staaten wie Russland und China, die Desinformationskampagnen gern einsetzen, haben die Grünen wegen ihrer Außenpolitik und der Kritik an Menschenrechtsverstößen womöglich im Visier. Extreme Rechte und Verschwörungsideologen versuchen, den Wahlkampf zu torpedieren und zu verhindern, dass die Grünen ihre Themen setzen können. [...] Die Akteure haben dabei eines gemeinsam. Es geht ihnen nicht nur darum, die Bundestagswahl zu beeinflussen. Sie wollen das Vertrauen in demokratische Institutionen zerstören, die Gesellschaft polarisieren und letztendlich spalten. Sicherheitsbehörden und Fachleute beobachten die Entwicklungen mit großer Sorge. Die Attacken gegen die Grünen mehrten sich auffällig, als für eine Weile das Kanzleramt in greifbarer Nähe schien. [...] Aus den Kommentaren wurden mithilfe künstlicher Intelligenz diejenigen 50.000 herausgefiltert, die potenziell strafbaren Hass beinhalten. Davon beziehen sich 174 auf die SPD, 265 auf die CDU und 1535 auf die Grünen. Die kleinste der drei Parteien bekommt also sechsmal so viel Hass ab wie die Volkspartei CDU und fast zehnmal so viel wie die Sozialdemokraten. Schaut man auf die Kandidatin und die Kandidaten fürs Kanzleramt, wird der Unterschied noch deutlicher. Hierfür wurden rund 75.000 Beiträge aus besagten Facebook-Gruppen ausgewertet. Da das Teilen die Reichweite am meisten erhöht und somit am aussagekräftigsten ist, wurde dann analysiert, bei welchen Shares die Kandidierenden erwähnt werden. Baerbock liegt mit mehr als 63.000 weit vorn, vor ihr sind nur noch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn. Unionskandidat Armin Laschet wird dagegen nur bei gut 21.000 Beiträgen erwähnt, für Olaf Scholz interessieren sich die extrem Rechten und Verschwörungsideologen noch weniger, er wird lediglich in etwas mehr als 4000 Shares benannt. [...] Von den 50 Facebook-Profilen, die am meisten Hass verbreiten, sind nach SPIEGEL-Recherchen mindestens zehn offenbar Fake, mit unklaren Hintermännern. Zu den echten Profilen zählen ein erfolgreicher Selbstheilungscoach, eine pensionierte Opernsängerin, eine Sozialberaterin. Fünf Accounts sind aus dem Milieu der AfD und Querdenker. Die Erhebung ergibt auch, dass sich der Hass seit Corona besonders stark Bahn bricht. Zwischen April 2020 und März 2021 hat sich die Anzahl der toxischen Kommentare mehr als verdoppelt. Besonders häufig geteilt wurden die verschwörungsideologisch geprägten »Nachdenkseiten« sowie das neurechte Blog »Tichys Einblick«, aber auch Links der »Bild«-Zeitung und Storchs »Freier Welt«. (Maik Baumgärtner/Roman Höfner/Max Hoppenstedt/Ann-Katrin Müller/Jonas Schaible/Wolf Wiedmann-Schmidt, SpiegelOnline)

Mich wundert keine Sekunde, dass die Grünen die größten Opfer von russischer Agitation sind. Sie sind schließlich aktuell die Partei, die den Interessen des Kremls am ablehnendsten gegenübersteht, vor allem, was die Ukraine und Nordstream 2 anbelangt. Wir haben bereits im Wahlkampf in den USA 2016 und auch Frankreich 2017 gesehen, dass die Russen bereit sind, diejenigen Kandidat*innen, die sie als ihren Interessen am ehesten entgegengesetzt sehen, anzugreifen und die jeweiligen Gegner*innen zu stärken.

Auch dass die "normalen" Hasspostings in den sozialen Medien sich einerseits auf die Grünen und andererseits auf die einzige Kandidatin konzentrieren, ist wenig überraschend. Die entsprechenden Milieus sind ohnehin eher rechts orientiert (die in Fundstück 2 bereits angesprochenen Tankies sind glücklicherweise eine kleine Minderheit) und der große Überlapp zwischen Pegida, AfD-nahen Gruppen, den Querdenkern etc., aus deren Milieu dieser Hass überwiegend stammt, macht diese Gegnerschaft auch nicht eben verwunderlich.

Dazu kommt, dass weder Laschet noch Scholz Personen sind, die aktuell sonderlich viel Hass auf sich ziehen könnten. Das galt natürlich 11 Jahre lang auch für Angela Merkel, bevor sie plötzlich für die Rechten zum absoluten Magneten ihres Hasses wurde; man sollte nicht annehmen, dass Langeweile davor schützte. Aber verwunderlich ist wirklich nichts an den erschreckenden Zahlen, die der Spiegel recherchiert hat.

4) FDP-Chef Lindner macht beim CO2-Preis einen Denkfehler

Doch das ist eine Milchmädchenrechnung oder, besser, eine SUV-Fahrer-Rechnung: Als Beweis von Wirtschaftskompetenz wird vor allem der „Markt“ ins Feld geführt. Doch Lindners Schlussfolgerung hat Denkfehler. Die CO2-Bepreisung ist nämlich gerade ein Instrument, um Marktgeschehen zu ermöglichen. Es handelt sich nicht um Mehrkosten, sondern um die Sichtbarmachung bereits anfallender Kosten. Die Kosten der klimaschädlichen CO2-Emissionen waren viele Jahre unbepreist und deswegen unsichtbar. Doch schon seit Jahrzehnten steigen die Folgekosten des Klimawandels. Wenn wir so weitermachen wie bisher, könnten sie in den kommenden Jahrzehnten in die Billionen gehen. [...] Wenn man das Budget schon 2030 aufgebraucht hat, mutet man den Menschen für die Jahre nach 2030 unzumutbare Lasten und – aufgemerkt, liebe FDP! – Freiheitsbeschneidungen zu. Damit Freiheit von heute nicht die Freiheiten von morgen kostet, ist es schlauer, die Kosten von morgen zu den Preisen von heute zu machen. [...] Wirklich freier Markt hieße: Wir berechnen Deutschlands Weltanteil am globalen CO2-Budget, welches bei einem „Weiter so“ in sieben Jahren aufgebraucht wäre. Da wir zu lange gezögert haben beim Klimaschutz, schmilzt das verfügbare CO2-Budget immer weiter ab. Damit wird CO2 marktwirtschaftlich schon heute eine Mangelware. Folge: Der Preis würde in die Höhe schießen. Und zwar sofort. [...] Wenn die FDP eine CO2-Preissteigerung verhindern will, widerspricht sie ihrem Markenkern doppelt: Statt freien Markt fordert sie einen Kostendeckel für fossile Energie, statt Freiheit beschert sie der nächsten Generation zwangsweise Einschränkungen. Lindners Taschenrechnerübung ist weder der Sorge um die bürgerliche Kleinfamilie geschuldet noch dem Mantra vom alles regelnden Markt. Die Liberalen zielen darauf, den Preis künstlich niedrig zu halten und so der eigenen Wählerschaft möglichst lange ihre Profite zu sichern, Klientelpolitik also. (Claudia Kemfert, Handelsblatt)

Ich komme immer wieder darauf zurück, aber wie sollte das jemals funktionieren? Wenn wir ein Cap einführen - und ich sehe nicht, wie das je passieren sollte - und Deutschland beim aktuellen Verbrauch 2030 seinen "Anteil" aufgebracht hat - was bei unserer aktuellen Debatte und Politik passieren wird - was genau soll dann passieren? Wird Deutschland dann zum 1.1.2031 kein CO2 mehr ausstoßen? Quatsch. Wir werden weitermachen, halt ohne CO2-Zertifikat. Wer sollte uns daran hindern? Wer glaubt, dass das so möglich ist, glaubt auch daran, dass der Vertrag von Maastricht die Fiskalpolitik der EU-Staaten verlässlich in Fesseln legt. Es sind ordoliberale Fantasien, die nichts mit der Realität zu tun hat und von denen zuerst gebrochen werden, die jetzt am lautesten ihre Einführung fordern, sobald sie sie selbst betreffen. Noch schlimmer sind dagegen Leute wie Österreichs Kanzler Kurz: Der stellt sich einfach hin und erklärt, dass wir nichts, aber auch gar nichts ändern müssen, um die Klimakrise zu bekämpfen. Stattdessen werden irgendwelche Technologien es richten. Na dann.

5) The Board Games That Ask You to Reenact Colonialism

In practice, that means the mechanics of “Puerto Rico” are centered around cultivation, exploitation, and plunder. Each turn, a player takes a role—the “settler,” the “builder,” the “trader,” the “craftsman,” the “captain,” and so on—and tries to slowly transform their tropical enclave into a tidy, 16th-century imperial settlement. Perhaps they uproot the wilds and replace them with tobacco pastures or corn acreage, or maybe they outfit the rocky reefs with fishing wharfs and harbors, in order to ship those goods back across the ocean. All of this is possible only with the help of a resource that the game calls “colonists,” —represented by small, brown discs in the game’s first edition, which was published by Rio Grande Games and is available in major retailers—who arrive by ship and are sent by players to work on their plantations. So that’s “Puerto Rico,” the game. In Puerto Rico, the real place, the Spanish empire started enslaving the indigenous Taíno people shortly after Columbus arrived on the island during his second voyage, in 1493. The first African slaves arrived in 1517. By 1560, the total population of captives numbered about 15,000, and in 1560, plantation holders started branding slaves’ foreheads with hot irons in order to adjudicate any potential kidnapping cases. It’s all a little uncanny when you set down a brown “colonist” marker, but the original instruction manual for “Puerto Rico” offers no commentary on the terror of human displacement that it echoes. The game’s animating principle—as much as it has one—is that this island was empty and dormant until the West arrived, bringing with it a golden age. And yet, “Puerto Rico” is still considered to be one of the greatest board games of all time. (Luke Winkie, The Atlantic)

Die Diskussion über den Kolonialismus in Brettspielen ist ziemlich überfällig. Das Motiv ist unglaublich beliebt. Der Grund dafür liegt im selben Prinzip das erklärt, warum so viele Videospiele sich damit befassen, eine Waffe auf etwas zu richten und abzudrücken: der Input bestimmt das Design. Die Verwendung von Tastatur und Maus beziehungsweise eines Controllers bei Videospielen fördert intuititv Designs, bei denen die Interaktion mit der Spielwelt durch Zielen erfolgt - wenig überraschend, dass da Waffen als häufigstes Problemlösungsmittel auftauchen.

Gleiches gilt bei Brettspielen. Hier wird üblicherweise, sofern wir nicht von primitiven Fortbewegungsspielen à la "Mensch ärgere dich nicht", "Monopoly" oder "Snakes and Ladders" sprechen, irgendetwas aufgebaut. Es existieren verschiedene Ressourcen, die miteinander kombiniert neue Ressourcen ergeben. Das kann man natürlich abstrakt machen, aber normalerweise werden die mit realen Ressourcen wie Holz, Lehm, Wolle, Getreide und Erz symbolisiert, die dann wiederum dem Bau von Infrastruktur dienen. Und da das Auge mitspielt und Spiele mehr Spaß machen, wenn sie eine auch noch so primitive Hintergrundgeschichte haben (denke: "Siedler von Catan"), drängt sich die Kolonialisierung scheinbar leerer Räume geradezu auf.

Nur waren diese Räume eben nicht leer. Diese Lüge haben die Kolonisierenden Nationen Jahrhunderte erzählt, und in ihrer Designstruktur reproduzieren die Brettspiele sie immer und immer wieder, weil die Spielmechanismen entweder gar nicht in der Lage sind, indigene Einwohner mit einzubeziehen (die werden ja von niemandem gespielt) oder das nicht wollen, weil "Puerto Rico" nicht der Familienspielhit wäre, der es ist, wenn man dort Sklaven unter Kontrolle halten müsste.

6) "Mehr Klimakrise zuzulassen, ist das Teuerste und Unsozialste"

Die Flutkatastrophe sei "nicht nur großes Unglück und dummer Zufall, sondern auch Konsequenz einer politischen Weigerung, wissenschaftliche Warnungen ernstzunehmen", meinte dann Luisa Neubauer. Die Aktivistin machte den Regierungen von Bund und Ländern scharfe Vorwürfe. Es sei "wahnsinnig zynisch und verlogen", jetzt zu sagen, man hilft den Leuten, um dann am Regierungstisch die gleiche Politik weiter zu betreiben. Das galt natürlich vor allem NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Ihrer "Fridays for Future"-Bewegung werde von Politikern immer gesagt, man müsse vorsichtig sein beim Klimaschutz, weil er sich mit der Bewahrung des Wohlstands nicht vertrüge. Nun aber wurde durch Wassermassen "innerhalb von wenigen Stunden über Jahrzehnte erarbeiteter Wohlstand zerstört", lautete eines der besten ihrer scharf formulierten Argumente. (Christian Bartels, T-Online)

Das ist das mit Abstand beste Argument dieser ganzen Auseinandersetzung in meinen Augen. Ich bin nicht Politikexperte genug um abschätzen zu können, wie erfolgreich es hinsichtlich des politischen Marketings sein kann, aber zumindest für mich ist intuitiv überzeugend, vor allem angesichts der Schäden durch die Flutkatastrophe, dass Nicht-Handeln wesentlich teurer ist als Handeln. Dass damit Schwarze-Null-Fans nicht überzeugt werden können ist klar, aber die lassen sich wie alle Fundamentalisten auch von gar nichts überzeugen.

7) China könnte die Welt ins Chaos stürzen

Letztlich lässt sich die Kriegsgefahr schwer einschätzen, dafür ist China unter Xi zu unberechenbar. Viel wird davon abhängen, wie viel Selbstvertrauen die chinesische Führung in die eigene Stärke hat. Rhetorisch läuft der chinesische Präsident allerdings immer weiter in eine Sackgasse. Zu oft wird die notfalls gewaltsame Wiedervereinigung zur entscheidenden Frage erklärt, so dass ein Rückzieher nur mit einem großen Gesichtsverlust möglich wäre. Außerdem könnte die chinesische Führung einen Krieg nutzen, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Das hat China mit anderen Autokratien gemein. Eine entscheidende Frage wird sein, wie teuer ein Krieg für Peking wäre. Dabei spielt auch die internationale Gemeinschaft eine Rolle. Wenn die Verteidigung der demokratischen Idee ernst genommen wird, könnten viele EU-Staaten und auch die USA Taiwan aus der diplomatischen Isolation befreien. Denn das kleine Land verkörpert die Ideale der politischen Mitbestimmung der Bevölkerung, der Menschenrechte und der Meinungsfreiheit. Einen mutigen Schritt ging in der vergangenen Woche Litauen: Taiwan durfte dort eine diplomatische Vertretung eröffnen. Damit geht das EU-Mitglied auf Konfrontationskurs zu China, Peking bezeichnete die Ankündigung als "Farce" und erinnerte an das Ein-China-Prinzip. Die Konfrontation mit China auf ideologischer Ebene erscheint für den demokratischen Westen unausweichlich. Die Regierungen in Europa und Nordamerika müssen sich entscheiden, zu wie vielen wirtschaftlichen Zugeständnissen sie in diesem Konflikt bereit sind. Nicht nur zur Verteidigung von Taiwan, sondern auch im Ringen für eine demokratische Weltordnung. Die Taiwan-Frage ist lediglich ein Brennglas eines viel größeren Kampfes. (Patrick Dieckmann, T-Online)

Es ist wirklich bedauerlich, dass sich alle Hoffnungen auf eine Liberalisierung Chinas durch die Einbindung in die weltweite Marktwirtschaft zerschlagen haben, wie sie noch in den 2000er Jahren vorgeherrscht haben. Inzwischen ist das Land unübersehbar ein aggressiver Rivale um Vorherrschaft, ein systemischer Konkurrent. Dieser Wettkampf beschränkt sich auch nicht auf die Wirtschaft und Technik. Anders als die Sowjetunion hat China in seiner Herausforderung Hollywoods und der massiven Beeinflussung der Unterhaltungsbranche sogar Aussichten, den Kulturkampf mit den USA zu gewinnen.

Ob China tatsächlich Krieg über Taiwan riskieren würde (oder Nepal), kann ich nicht beurteilen. Möglich ist es durchaus. Der einzige Silberstreif am Horizont diesbezüglich ist, dass es anders als im Kalten Krieg hinreichend Szenarien eines bewaffneten Konflikts zwischen der Volksrepublik und den USA gibt, die nicht in einem nuklearen Höllenfeuer enden. Das allerdings ist nur ein kleiner Trost. Die Aussichten in der Sicherheitspolitik sind für die nächste Dekade alles andere als rosig.

8) The FBI reportedly received 4,500 tips in its investigation into Brett Kavanaugh. What happened to them 'remains unclear.'

"The admissions in your letter corroborate and explain numerous credible accounts by individuals and firms that they had contacted the FBI with information 'highly relevant to ... allegations' of sexual misconduct by Justice Kavanaugh, only to be ignored," Whitehouse and Coons wrote in a Thursday response, signed by five other senators. "Your letter confirms that the FBI's tip line was a departure from past practice and that the FBI was politically constrained by the Trump White House," they added earlier, on Wednesday. The lawmakers called on the FBI to answer a "range of outstanding questions" regarding the tip line and "the relevant information it yielded." The Trump administration reportedly "carefully controlled" the inquiry into Kavanaugh's confirmation, writes the Times. Although it later allowed the FBI to "conduct a more open investigation," the White House initially tried to limit the number of people the agency could interview. Read more at The New York Times.  (Brigid Kennedy, The Week)

Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen bei Kavanaugh. Wie viele damals für ihn in die Bresche gesprungen sind, weil über 20 Frauen, die ihm sexuelle Belästigung vorwerfen, und seine unglaubwürdigen Verteidigungen dazu ja nicht ausgereicht haben, um ihn als ungeeignet erscheinen zu lassen. Dass die Trump-Administration in einem solchen Ausmaß eingriff zeigt einmal mehr ihre Gesetzlosigkeit - und dass sich die gemäßigten Rechten am Nasenring durch die Manege führen und für widerwärtige Menschen wie Kavanaugh instrumentalisieren ließen.

9) Merkel: Germany has not done enough to hit Paris climate targets

The 67-year-old nonetheless conceded that “what has been achieved is not sufficient” when measured against the Paris agreement’s target to limit global warming to well below 2C, preferably to 1.5C, compared with pre-industrial levels. Not just Germany, but the whole world had failed to meet its targets, she said. [...] “I am equipped with sufficient sense for science to see that objective circumstances demand that we can’t continue at the current pace but have to up the tempo,” Merkel said. While Germany alone could not change the world climate, she argued, “the manner in which we do it can set an example that others follow”. Merkel, who was environment minister under Chancellor Helmut Kohl from 1994 to 1998, said the fight for joint global steps towards more efficient climate protection had “shaped my entire political work”. She defended her government’s 2011 decision to phase out nuclear power by 2022, which critics say has made the country more reliant on coal power. “For Germany, the die has been cast,” she said. “I don’t see a government of the future changing anything in that respect.” (Philipp Oltermann, The Guardian)

"Germany has not done enough", als ob Merkel nicht für 16 Jahre selbst Regierungschefin gewesen wäre. Es ist unglaublich wie sie es seit 16 Jahren schafft, sich selbst von dem Land, das sie regiert, abzusetzen und in der Lage ist, einen Aufruf an sich selbst zu starten, mehr zu tun. Es ist eine völlige Diffusion von Verantwortung, und aus unerfindlichen Gründen funktioniert es ein ums andere Mal.

10) The Real Source of America’s Rising Rage

So far there are a few things we can say with some confidence: Collectively, we are no more conspiracy-minded today than we have been in the past. Social media makes it harder to ignore this aspect of American society, and may have even accelerated it, but there’s little evidence that social media is the main driver. In general, people are about as satisfied with their jobs and their lives as they have been in the past. Adjusted for inflation, incomes of the working and middle classes haven’t gone up a lot over the past few decades, but they have gone up. This is true for all racial groups and all income groups. Quite a few social trends have gotten steadily better over the past three decades. Nonetheless, there are a few things that have notably changed for the worse. From a political standpoint, the critical one is trust in government. As we all know, trust in government plummeted during the ’60s and ’70s thanks to Vietnam and Watergate, and then flattened out for the next few decades. [...] To find an answer, then, we need to look for things that (a) are politically salient and (b) have changed dramatically over the past two to three decades. The most obvious one is Fox News. [...] A more recent study estimates that Fox News produced a Republican increase of 3.59 points in the 2004 share of the two-party presidential vote and 6.34 points in 2008. That’s impact. [...] For the past 20 years the fight between liberals and conservatives has been razor close, with neither side making more than minor and temporary progress in what’s been essentially trench warfare. We can only break free of this by staying clear-eyed about what really sustains this war. It is Fox News that has torched the American political system over the past two decades, and it is Fox News that we have to continue to fight. (Kevin Drum, Mother Jones)

Ich empfehle die komplette Lektüre dieses langen und ausführlichen Artikels, einerseits wegen Drums Widerlegung beliebter Narrative zur Quelle der tiefen Polarisierung - Internet und Verschwörungstheorien - und andererseits wegen seines wohl begründeten Fokus' auf die rechte Hetzpresse. Wir haben ein ähnliches Phänomen ja auch in Großbritannien. Auch hier gibt es eine ziemlich aggressive Rechts-Presse, und auch hier haben wir es mit Spaltung, Populismus und so weiter zu tun. Deutschland dagegen, in dem ein vergleichsweise objektiver öffentlich-rechtlicher Rundfunk immer noch dominant ist, hat dieses Problem nicht. Gerade deswegen ist es so gefährlich, dessen Legitimität zu untergraben.

11) Die Pandemie als Ausrede für leere Supermarktregale

Aber es ist nicht nur die Pingdemic, die in Großbritannien – trotz Öffnung – die Wirtschaft bremst, während das Wachstum in der EU wieder anzieht. Lieferengpässe gibt es bereits seit Beginn des Jahres. Und vieles von dem, was jetzt auf die neuerliche Infektionswelle geschoben wird, ist tatsächlich eine Folge des Brexits. Etwa der schmerzende Personalmangel: In zahlreichen Branchen fehlen die kontinentaleuropäischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sonst im Hotel- und Gaststättengewerbe, in der Landwirtschaft, der Fleischindustrie, den Schlachthöfen, den Lagerhäusern und Geschäften tätig waren. Während der Pandemie sind viele in ihre Heimat zurückgekehrt und kommen nun nicht wieder. Auch weil sie nach dem neuen Einwanderungsgesetz kein Visum mehr erhalten: Viele erfüllen die Qualifikationsstandards oder Einkommensanforderungen nicht. Solange die Restaurants geschlossen waren und große Teile der Wirtschaft im Lockdown auf Sparflamme liefen, fiel der Mangel an Arbeitskräften nicht so ins Gewicht. Jetzt ist er überall zu sehen. [...] Viele Unternehmen, die früher nach Großbritannien lieferten, haben sich mittlerweile zurückgezogen oder decken nur noch eine eingeschränkte Produktpalette ab. Der Grund: Es lohnt sich nicht. Die EU-Firmen müssen Rechnungen mit Zolltarifnummern für jedes einzelne Produkt im Laderaum vorbereiten. Das ist für viele Unternehmen zu viel Arbeit, zumal ihre bestehende Software oft auch gar nicht darauf ausgelegt ist. [...] Viele europäische Unternehmen wollen da nicht mitziehen; und britische Importeure streichen die Produktvielfalt für die Einfuhr zusammen. Die Corona-Lage ist also nicht die Ursache dafür, dass die Menschen vor leeren Regalen stehen. (Bettina Schulz, ZEIT)

Der Brexit kommt genau so, wie es die Kritiker*innen von Anfang an vorhergesagt hatten. Chaos, hohe Opportunitätskosten, Vernichtung von Werten. Wie hätte es auch anders sein sollen, wenn eine globalisierte, verflochtene Wirtschaft ohne Vorbereitung (trotz vier Jahre Vorbereitungszeit, ein Hurra auf populistische Regierungen und ihre generelle Inkompetenz) aus einem seit fünf Jahrzehnten bestehenden, zutiefst komplexen integrierten System herausgerissen wird?

Samstag, 31. Juli 2021

Bücherliste Juli 2021

 

Anmerkung: Dies ist einer in einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher und Zeitschriften bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Darüber hinaus höre ich eine Menge Podcasts, die ich hier zentral bespreche, und lese viele Artikel, die ich ausschnittsweise im Vermischten kommentiere. Ich erhebe weder Anspruch auf vollständige Inhaltsangaben noch darauf, vollwertige Rezensionen zu schreiben, sondern lege Schwerpunkte nach eigenem Gutdünken. Wenn bei einem Titel sowohl die englische als auch die deutsche Version angegeben sind, habe ich die jeweils erstgenannte gelesen und beziehe mich darauf. In vielen Fällen wurden die Bücher als Hörbücher konsumiert; dies ist nicht extra vermerkt.

Diesen Monat in Büchern: Sandmann, Sowjetunion, Thronenspiel

Außerdem diesen Monat in Zeitschriften: -

BÜCHER

Vladimir Zubok - A Failed Empire

Die Sowjetunion, so die zentrale These Zuboks, war geprägt von ihren "starken Männern": Stalin, Chruschtschow, Breschnjew, Andropow, Tschernenko, Gromyko und Gorbatschow. Anhand ihrer Amtsperioden untersucht er die Geschichte der Sowjetunion.

Die Stalin'sche Terrorherrschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs stellt dabei den Startpunkt des Buches dar. Zubok zeigt auf, die wie Paranoia des Kreml-Diktators nicht nur sein direktes Umfeld gefährdete, sondern auch den Staat und die Gesellschaft selbst in einem Zustand militanter Armut hielten. Die Konzentration auf Schwerindustrie und Rüstung besaß geradezu absurde Ausmaße, der Grad der ständigen Kriegsbereitschaft ein ebenso ökonomischer wie emotionaler Klotz am Bein.

Nach Stalins Tod versuchte Chruschtschow, der sich in den folgenden drei Jahren als Herrscher durchsetzte und die Fiktion der "kollegialen Regierung" beendete, einen Kurswechsel. Sein "Tauwetter" aber konnte die inneren Widersprüche des Systems nicht beseitigen, konnte keine grundlegende Kritik und Reform zulassen. Chruschtschows ständiges Lavieren, impulsives Agieren und wenig durchdachtes Handeln führte zu außenpolitischen Debakeln wie der Kubakrise. Gleichzeitig aber schuf das "Tauwetter" die Voraussetzungen für eine kleine Elite, freier zu denken und zu diskutieren - jene Elite, die später mit Gorbatschow an die Macht kommen und einen ernsthafteren Reformversuch unternehmen würde.

Chruschtschow einstweilen aber wurde von Breschnjew abgelöst. Die Änderung der UdSSR konnte man bereits dadurch sehen, dass das unblutig vonstatten ging, anders als die Diadochenkämpfe nach Stalins Tod. Breschnjew beendete das "Tauwetter" und führte jene bleierne Repression ein, für die die UdSSR und der Ostblock generell bekannt sein würden. Für die Bevölkerung brachte die Entspannungspolitik mit dem Westen einen besseren Zugang zu Konsumgütern.

Als Breschnjew starb, folgten ihm gleich drei unbedeutende Vertreter seiner Generation nach. Keiner von ihnen besaß die mentale Flexibilität, das knirschende Gebäude des Sowjetstaates zu reformieren. In ihrem Alter und ihren Krankheiten wirkten sie wie Personifizierungen einer verkrusteten Gesellschaft. In dieser festgefahrenen Situation wurde Gorbatschow, Vertreter der "Tauwetter"-Generation, zum Generalsekretär. Seine Politik von Glasnost und Perestroika folgte keinem Plan, sie war instinktgetrieben und vertraute geradezu blind auf die gutartige Kooperation des Westens. Unfähig zu verstehen, was um ihn herum geschah, ist Gorbatschows ewiger Verdienst die unblutige Abwicklung des sowjetischen Imperiums.

Generell hat Zubok kein gutes Bild von dem Führungspersonal der KPdSU. Stalin war ein brutaler Schlächter

Neill Gailman - The Sandman Deluxe Edition Vol. 1 (Deutsch)

Schon seit gefühlt einer halben Ewigkeit habe ich mir vorgenommen, meine literarischen Kenntnisse im Graphic-Novel-Bereich durch die Lektüre von Gailmans "The Sandman" aufzubessern, der zu den absoluten Klassikern des Genres gehört. Ich wusste praktisch überhaupt nicht, was mich erwartet.

Die Cover jedenfalls, die scheinbar auf maximalen Abschreckungseffekt hin konzipiert wurden, sollten nicht abschrecken. Ich mochte den Zeichenstil sehr, der die Grundidee der Hauptfigur - eine antropomorphe Repräsentation des Traums - sehr durch zahlreiche surreale und, ja, traumhafte Bilder vermittelt, ohne dass ich dazu Text brauche.

Der erste Sammelband dieser "Deluxe-Edition" (insgesamt sind fünf Bände geplant, zwei davon bereits erschienen) ist qualitativ hochwertig; der einzige Wermutstropfen ist, dass die schiere Menge an Inhalt - Lesestoff ist wahrlich genug vorhanden - dafür sorgt, dass die Innenseite des Bands manchmal durch die Bindung schwer lesbar ist. Das ist aber glücklicherweise selten ein Problem.

In diesem Band findet sich der Ursprungszyklus von miteinander verbundenen Geschichten. Traum wurde fast 70 Jahre lang eingesperrt und muss sein Reich wiederaufbauen und die drei Talismane zurückgewinnen, die ihm seine Macht geben.

Doch die Handlung selbst ist weniger der relevante Part; wichtiger sind die Leitmotive dessen, was Träume eigentlich sind und die Erkundungen der Charaktere, die als Gefäße für archetypische menschliche Begierden und Ängste dienen.

Ich werde darauf bei der Besprechung von Band 2 noch etwas genauer eingehen; der Sammelband ist den interessierten Lesenden jedenfalls wärmstens ans Herz gelegt.

Neill Gailman - The Sandman Deluxe Edition Vol. 2 (Deutsch)

Der zweite Sammelband zeigt Gailmans zunehmende Sicherheit mit den von ihm erschaffenen Charakteren. Anders als im ersten Zyklus gibt es hier keine zusammenhängenden Geschichten mehr; stattdessen dominieren Episoden mit klaren Leitmotiven und Allegorien.

Besonders hervorheben möchte ich hier, wofür "The Sandman" besonders bekannt ist: den hohen Grad an Intertextualität. Gailman referenziert permanent mal mehr, mal weniger offensichtlich Werke der Literatur, vor allem Shakespeare und die antiken Klassiker. Das bekannteste Werk in dem Zusammenhang ist Gailmans Neuinterpretation von Shakespears "Mittsommernachtstraum". Mein persönlicher Favorit war die Neuinterpretation des Orpheus-Mythos.

Die episodische Natur bedeutet auch, dass Traum als Hauptfigur deutlich in den Hintergrund rückt. Seine Geschwister Begierde, Delirium, Verzweiflung und vor allem Tod werden beinahe auf denselben Status gerückt und dienen in ihren Personifikationen der philosophischen Auseinandersetzung mit Themen, die so alt sind wie die Menschheit selbst.

Daher sei auch für den zweiten Band eine unbedingte Empfehlung ausgesprochen

Noch ein letzter Hinweis: ich habe parallel zur Lektüre der Bände auch noch das Audible-Hörspiel (hochkarätig unter anderem mit James McAvoy als Traum besetzt) angehört. Ohne die Lektüre der Bände allerdings hält sich der Genuss des Hörspiels doch in Grenzen; man sollte die Bilder und Panels halbwegs vor Augen halten, um zu verstehen, was dort eigentlich passiert. Dann aber ist es großartig.

George R. R. Martin - A Game of Thrones (George R. R. Martin - Der Winter naht)

Der folgende Text anlässlich meiner semi-regelmäßigen Neulektüre des "Lieds von Eis und Feuer" entstammt dem Patreon meines Podcasts zum Thema, der Boiled Leather Audio Hour. Unterstützung des Patreon ist stets willkommen!

Like most of you (I gather), I reread "A Song of Ice and Fire" about once per year, or near enough as makes no matter. For this reread, I want to focus on the structure of "A Game of Thrones", a kind of meta-analysis, if you will, and especially concentrate on "early installment weirdness". That term relates to the first volume of a series, or the first episode, or whatever your medium might be, and how it usually is a bit rough on the edges. Ideas are not fully formed yet, characters not really "there", and there are elements that didn't work and were consequently dropped.

There's a surprisingly big amount of that. It shouldn't really be surprising, given that Martin started writing this almost thirty years ago (in 1993!), but compared to the later novels or the (finished!) TV series, it is rather noticable. For example, there is Tyrion's artistic ability, never brought up again until Martin retroactively put a lid on it in "A Dance with Dragons" by explaining it as an artifact of his backstory.

Such details pale towards plot elements that stem from Martin's original outline. There is the groundwork laid for the later three-way-romance between Tyrion, Jon and Arya (mercifully dropped already by the end of the novel, but if you know that Martin planned for this, it's clear to see). Jon's relationship with Arya is strongly established and has little payoff in the novels following it; Robb is the much more important fixpoint for Jon's memories of home.

There's the groundwork laid for the later planned destruction of Winterfell at Tyrion's hands. The wolves' aggression towards Tyrion, his strong connection to the place, the tragic of his friendship to Jon - both in terms of the planned romance with Arya and the destruction of his childhood home - all point towards that direction.

There's the groundwork laid for Catelyn's journey beyond the Wall, as when she is the primary conduit for the dark promonitions about the Land Beyond the Wall, Mance Rayder and the Others. When she hopes that Eddard will have gotten her pregnant again after they had sex in her first chapter, we see an echo of the child birth that wa ssupposed to be her death in that frozen wasteland (a plot thread that Martin returned to with alarming regularity since).

There are also many elements that, would he write "A Game of Thrones" now, would be there but are absent. The most glaring for me is the lack of references. Eddard Stark becomes Hand of the King, but no one compares him to Cregan Stark, which would be an obvious comparison, especially for Pycelle, Varys and Littlefinger. The behavior of people towards Eddard as the first Stark Hand since Cregan makes no sense at all now that "The Hour of the Wolf" is a thing, but of course, it was not yet conceived back then.

People instead tread Ned as a provincial, a bit unrefined and straightforward, much as he is written. But given what we know about Targaryen history by now, there should be a lot darker and much more concrete biases at work. The same goes for kingsguard, king and nobolity in general, the Dothraki and the role of the Free Cities - none of it is grounded in the detailed history Martin has written since. One can debate, I guess, the wisdom of creating all that stuff afterwards.

The same is true of several regions: the Iron Islands are treated as an afterthought; they will be developed as a solution after Tyrion cannot destroy Winterfell anymore because his plot leads to King's Landing. Dorne is only mentioned in passing. The Tyrells likewise. There's no mention of the Crownlands. And so on.

The novel itself remains the weakest of the entire series when we talk about intricacy of plotting and depth of character. It is "only" an extremely well written political thriller set in a low-fantasy world. The main threads are Ned's investigation in Jon Arryn's death - a mystery that will only be solved in the finale of "A Storm of Swords"! - and the political fallout of the Lannister intrigue against Robert Baratheon.

What is very noticable is the tight plotting on the one hand - chapters are following directly on each other and deliver the consequences of the actions of the previous chapter much of the time, instead of following unconnected threads, with the notable exception of Daenerys' arc. But even Dany gets connected to the main plot via the murder attempt and the fears of Robert in a way that will not be true in the following novels.

It's even more pronounced with Jon's arc, which is so carefully plotted that each revelation comes just too late for Jon to take a different course, perfectly calibrated to play out his inner struggles with his dual identity between Stark and Night's Watch.

That is not to take away from an, once again, extremely well written novel. But especially compared to Feastdance, the lack of themes, the close interconnectedness of character arcs with the plot, and above all, the careful construction of the plot. It is incredible on how many chances and coincidences the plot hinges. The fates in the person of Martin have their thumbs on the scales, HARD.

Once again, all of that is not take away from "A Game of Thrones". It makes it, however, the least "A Song of Ice and Fire"-y of all the novels. It's no wonder that Martin was able to write the first three novels so much faster than the last three. The main challenge here is to think about which character best to tell which event through, as to obfuscate and set up most effectively. But there is no question who is present where when; Martin only needs to choose. There is no Meereenese Knot, no question of which character will arrive when where to which effect, how to make time jumps and so on. It's almost quaint. And if you know "A Game of Thrones", you know what that means for the series at large. It's a breathtaking accomplishment. One can only stand in awe of Martin's abilities.

Joe Hill/Gabriel Rodriguez - Locke&Key

Neben dem für mich neuen Sandman habe ich diesen Monat einen alten Bekannten aufgesucht: Locke&Key. Die Graphic-Novel-Reihe erzählt die Geschichte des Keyhouse in Lovecraft, Massachussetts (nicht unbedingt subtil), in dem die Kinder einer durch den Mord an ihrem Vater traumatisierten Familie magische Schlüssel finden und gegen eine dämonische Macht verteidigen müssen. 

Vom Genre her ist der Graphic Novel wohl am ehesten Horror zuzuordnen, mit ordentlichen Schüssen Mystery, Fantasy und klassischen High-School-Coming-of-Age-Elementen. Die Geschichte fesselt mich immer wieder vor allem wegen zwei Faktoren.

Einerseits ist es die Geschichte selbst. Die Mythologie der Schlüssel, ihre verschiedenen Funktionen und Hintergründe ist clever ausgedacht und interessant, vom Überallschlüssel, der das Reisen an andere Orte ermöglicht, zum Geisterschlüssel, zum Kopfschlüssel, dem Zeitschlüssel bis hin zum Omega-Schlüssel, der das ultimative Geheimnis birgt. Was Hill und Rodgriguez mit ihnen machen und wie sie die Schlüssel mit den Charakteren und Ereignissen zu einem wendungsreichen und spannenden Plot verweben ist großes Kino.

Auf der anderen Seite stehen die Charaktere. Vor allem die Hauptcharaktere Bode, Tyler und Kinsey sind facettenreich und interessant und haben die Sympathie der Lesenden auf ihrer Seite, aber auch die anderen Charaktere, inklusive des/der düsteren Antagonisten (welches Geschlecht hat ein Dämon?) wissen zu überzeugen und selbst mit kürzeren Auftritten einen Eindruck zu hinterlassen.

Der Zeichenstil gefällt mir ebenfalls; er ist eher auf der realistischen Seite, abgesehen von einigen surrealen Elementen, die durch die Schlüssel einerseits und Bodes etwas verzerrte Weltsicht andererseits hervorgerufen werden. Das Audible-Hörspiel leidet in meinen Augen wie das des Sandmans unter dem weitgehenden Fehlen eines Erzählers; wer also die Comics nicht ordentlich vor Augen hat, wird Probleme haben, es zu verstehen.

Ein letztes Wort zur Netflix-Serie: die ist leider Gottes Mist, wie ich hier beschrieben habe (inklusive einer deutlich ausführlicheren Beschreibung dessen, worum es in der Geschichte geht). Wer sie also gesehen hat, sollte nicht von ihr auf den Graphic Novel schließen. Letzterer ist weit besser.

Jeff Smith - Bone (Jeff Smith - Bone)

Und noch ein weiterer Graphic Novel. Diesen Klassiker aus den 1990er Jahren habe ich schon öfter gelesen, das hier ist also eine Re-Lektüre (gibt es da eigentlich ein Wort für, das dem englischen "reread" entspricht?). Das Bone-Epos umfasst in der oben verlinkten günstigen Gesamtausgabe fast 1200 schwarz-weiße tuschegezeichnete Seiten.

Die drei Bone-Vettern - Fone, Phoney und Smiley Bone - landen nach ihrer überstürzten Flucht aus Boneville in einem mittelalterlichen Fantasy-Tal. Nicht nur sprechende Tiere und Rattenwesen machen ihnen das Leben schwer; schnell finden sie sich inmitten eines dräuenden, apokalyptischen Krieges wieder. Ungefähr das erste Drittel des Epos ist noch recht niedrigschwellig und behandelt das Dorf Barrelhaven und den Hof von Grandma Ben, Phoneys vergebliche Versuche zu Reichtum zu kommen und Fone Bones Annäherung an die schöne Thorn. Doch die Figur des Bösen "Vermummten" (The Hooded One) streckt bereits ihre Hände nach Phoney aus, dem unwissentlich eine große Rolle in seinem Plan zukommt.

Bald stellt sich heraus, dass Thorn in Wahrheit die Thronerbin und die schrullige Grandma Ben die ehemalige Königin ist. Während der Einsatz immer größer wird und die Gefahren ebenso versuchen die Bones, in dem Chaos zu überleben. Fone identifiziert sich immer mehr mit der Sache der Talbewohner, während Phoney eigentlich nur möglichst reich das Tal wieder verlassen will...

Ich bezeichne den Graphic Novel als Epos, was er sicherlich schon allein des Umfangs wegen ist. Aber auch die von einem kleinen Bauernhof zum Schicksal der Welt eskalierende epische Geschichte weiß zu überzeugen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist der wohl für die 1990er Jahre typische ironische Stil, der viele Elemente durchzieht und immer wieder für abrupte Tonwechsel sorgt. Auch der Cartoon-Stil der Bones mit den ansonsten eher klassisch realistisch gehaltenen Fantasyzeichnungen ist vermutlich nicht jedermanns Sache. Wer sich aber damit anfreunden kann bekommt eine ganze Menge Lesestoff.

 

 

Donnerstag, 29. Juli 2021

Warum Armin Laschet nicht Kanzler werden darf

 

Ich muss diesem Artikel einen Kommentar voranstellen. Es geht um das Lachen. Als Armin Laschet durch das Katastrophengebiet tourte, lachte er über irgendetwas, das irgendjemand gesagt hatte. Das wurde fotografiert. Es wurde zu einem der vielen Mini-Skandale, die in einem Wahlkampf so aufkommen. Laschet wurde fehlende Ernsthaftigkeit im Auge der Katastrophe vorgeworfen. Wie konnte er angesichts dieses Desasters lachen? Was erlaube Laschet? - Mir ist das völlig egal. Laschet ist ein Mensch. Kein Mensch sollte dauerhaft mit einer Maske unterwegs sein. Laschet lachte nicht über die Opfer. Es gibt keinen Anlass zu glauben, dass er die Katastrophe nicht ernst nimmt. Diese Debatten sind super nervig. Sie ersetzen völlig jede ernsthafte Beschäftigung mit dem Wahlkampf, mit den Kandidat*innen, mit ihren Positionen, mit der Zukunft dieses Landes. Laschet lacht. Amthor bemerkt beim Selfie nicht, dass er neben Rechtsradikalen steht. Baerbock schönt ihren Lebenslauf. So the fuck what? Die Frage ist, was diese Leute an der Regierung tun werden, nicht solcher performativer Unfug. Das Niveau dieses Wahlkampfs ist praktisch unerträglich, und es ist medial. Ich möchte das im Vornherein klarmachen. Nicht die Parteien pushen diesen Scheiß. Es sind die Medien. - Hier möchte ich mich mit dem Kandidaten Laschet befassen, und warum die CDU die Bundestagswahl verlieren muss. Nichts davon hat mit seinem Lachen zu tun.

Soweit ich das im Überblick habe, sind alle Lesenden dieses Blogs sich darüber einig, dass Deutschland in einer Art Reformstau steckt, ein Reformstau, der dringend aufgelöst und abgearbeitet werden muss. Es besteht wenig Einigkeit darüber, worin er genau besteht und mit welchen Lösungen er beseitigt werden soll, aber dass der Status Quo unbefriedigend ist, darüber besteht Konsens.

Armin Laschet ist der Kandidat des Status Quo. Wer möchte, dass sich nichts verändert, dass es so weitergeht wie die letzten 16 Jahre, der oder die wählt CDU. Diese Gruppe mag hier im Blog deutlich unterrepräsentiert sein, aber in der Gesellschaft ist sie das sicher nicht. Vier Wahlsiege durch Angela Merkel und ihre nach wie vor geradezu absurd hohen Beliebtheitswerte sprechen eine deutliche Sprache.

Man muss sich hierzu nur die Sprache ansehen, derer sich Laschet bedient. So teilt er etwa die beliebte Rhetorik besonders derjenigen Querdenker*innen, die als seriös gelten wollen, dass man "mit dem Virus leben müsse". Auch mit dem Klimawandel müssen wir "leben lernen". Diese "Kunst, damit zu leben" und der tiefe Bezug zum Konservatismus passen zu Laschets katholischer Prägung. Sei bescheiden, füge dich, akzeptiere deinen Platz, akzeptiere dein Schicksal, höre auf die Autoritäten, vertraue auf Gott.

Auch Plastikphrasen beherrscht Laschet wie die amtierende Kanzlerin, so sehr, dass einige FDP-nahe Programmierer einen Lasch-o-Mat programmiert haben, der mit amüsanter Treffsicherheit zu jedem beliebigen Thema eine Wortwolke produziert, wie sie vom Kandidaten selbst kommen könnte. Auch eine andere Merkel-Sprechweise hat Laschet in seinem Repertoire: etwas ablehnen, indem er zustimmt. "Das Ja-Aber Prinzip" nennt Lukas Eberle das. Oder man denke an Laschets Forderung, für die Impfquote "alles tun was nötig ist", gefolgt von einer Liste aller Maßnahmen, die man auf keinen Fall machen darf und die tatsächlich etwas bringen könnten. Auch Merkel war in diesen beiden Disziplinen großartig. Es verärgert niemanden und bleibt so ungefähr, dass sich noch fast jede Person darin wiederfinden kann.

Doch ist diese demobilisierende Rhetorik nicht das Hauptproblem, sondern eher Symptom dessen, was Laschet und seine CDU zu so ungeeigneten Wahlmöglichkeiten in diesem September macht. Das Problem ist auch nicht, dass Laschet gerne lügt, ob bei der Steuerpolitik oder bei der Bilanz seiner Regierungszeit in NRW, wie etwa die Legende vom Klimamuster-Land NRW. Auch seine zahlreichen Skandale, die Baerbocks in jeder Hinsicht magere Bilanz bei weitem in den Schatten stellen, sind letztlich nichts Außergewöhnliches.

Das Problem von Armin Laschet geht wesentlich tiefer, und in diesem Problem ist er die perfekte Verkörperung sowohl der CDU als auch ihrer Wählerschaft und wohl einer Pluralität der Deutschen. Kein Wunder ist er der mit Abstand aussichtsreichste Kandidat auf das Kanzleramt im September. Angesichts der Herausforderungen, vor denen wir stehen, ist das allerdings fatal. Am deutlichsten wird es, wenn wir über den Klimawandel sprechen.

Dieses Problem geht weit über den CDU-Vorsitzenden hinaus. Es ist tief in die DNA einer Partei eingegraben, die sich selbst mit den Interessen der fossilen Energiebranche und den damit verbundenen Branchen (allen voran der Autoindustrie) identifiziert und unter der megalomanischen Verwirrung leidet, sich selbst mit Deutschland gleichzusetzen, getreu dem Motto dass das, was für die CDU gut ist, auch für das Land gut sein möge, und umgekehrt.

Nirgendwo wird die zerstörerische Verquertheit dieser Ansicht so deutlich wie in der bemerkenswert offenen Aussage der Sachsen-CDU "jedes zusätzliche Windrad schwächt die Position der Braunkohle". Das ist natürlich korrekt, denn genau das ist ja die Idee. Aber die CDU identifziert sich mit dem Land und den Interessen der Braunkohleindustrie, einer der schlimmsten Umwelt- und Klimaverpester überhaupt. Es ist ein Skandal, dass die überhaupt noch aktiv sind; dass die Sachsen-CDU sich brüstet, für ihre Interessen einzutreten, ist symptomatisch für das Problem. Aber es ist repräsentativ für die CDU. Man betrachte nur die generell katastrophale Bilanz der Merkel-Ära etwa beim Verhindern des Ausbaus der Erneuerbaren.

Aber auch Laschet selbst tritt mit Verteidigungen der Kohle hervor. Eine seiner ersten öffentlichen Äußerungen nach den katastrophalen Überschwemmungen war seine Weigerung, die Kohle-Politik zu ändern, etwa wenn es um neue Kohleausstiegsdaten geht, die er einfach nicht haben will. Dazu passt "Laschingers Kohleausstiegsplan", der das Kunststück fertig bringt, "vor dem Plan" fertig zu werden, obwohl er acht Jahre hinter dem geforderten Zeitpunkt liegt.

Auch für die Überschwemmungen trägt Laschet wesentlich mehr Mitschuld, als ihm lieb sein kann. So gehörte die noch unter der auch nicht unbedingt durch forsche Klimaschutzpolitik aufgefallenen Kraft-Regierung beschlossene Verhinderung der Renaturierung für Ablaufflächen zu den ersten politischen Projekten Laschets bei der Machtübernahme. Natürlich hätte das Land dadurch nicht überschwemmungssicher gemacht werden können, keine Frage, und schon gar nicht in einer Legislaturperiode. Aber Laschet ging bewusst in die entgegengesetzte Richtung und muss sich daher nicht wie etwa Kraft den Vorwurf des unzureichenden Handelns gefallen lassen, sondern des aktiven Verschlimmerns der Situation.

Diese eigenwillige Prioritätensetzung findet sich auch in dem von Konservativen und Liberalen gerne vorgeschobenen Argument, die wenig wohlhabende Bevölkerungsschicht schützen zu wollen. Christian Stöcker nimmt diese heuchlerische Ausrede in seinem Artikel "Reden wir doch mal über Armin Laschet" auseinander:

Zum Thema Billigflüge sagt Laschet: »Ich finde es falsch, wenn nur die Reichen fliegen und die anderen sich den jährlichen Mallorca-Flug nicht mehr leisten können. Das ist eine soziale Frage.« Direkt im Anschluss kommt die Frage nach dem von der Union blockierten Vorschlag, Mieter und Vermieter gleichermaßen am CO₂-Preis fürs Heizen zu beteiligen, also noch eine »soziale Frage«. Laschet: »Letztlich müssen die Kosten für den Verbrauch von Energie auch von dem getragen werden, der diese Energie nutzt.« Also von den Mietern allein. [...] Die Mindermeinungen von Einzelnen, die Laschet hier beschwört, sind seit den späten Achtzigern das sehr erfolgreich eingesetzte bevorzugte Propagandamittel derjenigen, die gerne weiter mit der CO₂-Produktion Geld verdienen wollen. [...] Ziele, Maßnahmen, Ergebnisse, alles im Prinzip okay für Armin Laschet, solange man sich nicht ausgerechnet jetzt auf irgendetwas festlegen muss. Es könnte ja sein, dass doch noch eine »Mindermeinung« dazwischenkommt. Oder eine »soziale Frage«. Schönes Beispiel: Armin Laschet will CO₂-Kosten nicht mit einem Klimageld für alle ausgleichen, sondern mit »der Pendlerpauschale«. Ausgleich ja, aber nur für Leute mit Auto in der Garage. [...]

Die CDU versteht sich auf Wahlkampf, das steht wohl außer Frage. Eine ähnliche unehrliche Laviererei findet sich auch bezüglich der CDU-Steuersenkungspläne. Nachdem ein Wahlprogramm verabschiedet worden war, das Steuersenkungen vorsah, behauptete Laschet, dass es die mit ihm nicht gäbe (Steuererhöhungen auch nicht; der Kandidat der Stagnation präsentiert sich auch hier in Reinform). Markus Söder, der Verlierer des internen Machtkampfs, widersprach ihm sofort: die CSU sei für Steuersenkungen. Was Laschet tut, wenn er Kanzler wird? Das weiß er wahrscheinlich selbst nicht. Auch darin ist er ein würdiger Nachfolger Angela Merkels.

Klima- und Steuerpolitik sind nur zwei Felder, die ich hierfür herausgegriffen habe. Das Vorgehen hat bei Laschet Methode. Er ist nicht bereit, auch nur die geringsten Widerstände zu überwinden, sondern erfüllt den der CDU verpflichteten Interessengruppen jeden Wunsch. Das allerdings wäre bei einem Kanzler Merz oder Söder vermutlich nicht viel anders gewesen.

Was Laschet einzigartig macht, ist sein völliger Mangel an Gestaltungswillen, wie er selbst in der taz beklagt wird. Nicht, dass mir den Gestaltungswillen nicht eben mangelnden Merz lieber wäre, aber dieses Land hat nun 16 Jahre Stagnation hinter sich. Klar können wir uns nochmal vier davon leisten, das ist nicht die Frage. Aber der Preis dafür ist extrem hoch. Man hat nicht das Gefühl, dass Laschet klar wäre, wie hoch dieser Preis ist. Liane Bednarz drückte es in brillanter Schärfe als "defizitäres Gefühl für die Ernsthaftigkeit von Situationen" aus. Oder auch: "Laschet ist immer wieder überrascht von den Dingen, die er schon lange wusste" (Christian Stöcker).

Wird Laschet kurz vor der Ziellinie doch noch scheitern? Laschet ist kein Schicksal. Die Unwetterkatastrophen in NRW jedenfalls brachten zumindest das "Ende des Teflonkandidaten". Er wird zudem die Bilder nicht mehr los werden, die ihn im Unwetterchaos von NRW zeigen und auf denen er keine gute Figur macht. Laschet hat zudem sehr schlechte Kompetenzwerte bei Krisenmanagment und Bekämpfung der Klimakrise, die je nach dem Schwerpunkt der letzten Wahlkampfwochen ein Mühlstein um seinen Hals sein könnten.

Aber insgesamt ist sehr unwahrscheinlich, dass ihm das Kanzleramt noch zu nehmen sein wird. Dafür ist die Phalanx seiner Gegner zu unernsthaft und uneins. Solange Grüne und FDP sich nicht einigen können, wird Laschet nicht kraft eigener Stärke Kanzler werden, sondern wegen der Schwäche seiner potenziellen Konkurrenten. Auch darin ist er Merkel nicht unähnlich. Das Land wird das bitter bezahlen müssen.

Mittwoch, 28. Juli 2021

Merkel denkt einsam auf der europäischen Toilette über Videospiele und Entscheidungshygiene nach - Vermischtes 28.07.2021

 

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Und das will Europa sein?

Das europäische Turnier macht in jedem Bild Werbung für die Wirtschaft geschlossener Gesellschaften - mehr symbolische Selbstverleugnung kann man sich kaum ausdenken. Als wäre es gleichgültig, wie sich Europa sportlich und in solchen großen Fernsehmomenten präsentiert, als wäre das, was Europa historisch ausmacht - die offene Gesellschaft, die Menschen- und Bürgerrechte, das Bemühen um eine Partnerschaft zwischen Kapital und Arbeit - bloß eine Option, und wenn jemand Werbung für das Gegenteil machen möchte, dann ist das nur eine Frage des Preises. Wenn sich Kinder und Jugendliche in diesem Sommer vor einem Bildschirm versammeln, um das europäische Turnier zu sehen, dann erfahren sie wenig von den Besonderheiten der Europäischen Union, verfolgen vielmehr eine coronavergessene Verkaufsveranstaltung, in der die Fans die Nationalhymnen der anderen ausbuhen. Wäre Europa eine Marke und die Uefa ein Franchisenehmer, müsste man die Lizenz zurückfordern. [...] Auch die andere große Show des Frühjahrs, der Eurovision Song Contest, geriet zum unfreiwilligen Zeugnis der großen europäischen Selbstverachtung. Es war ein Fernsehabend, den man sofort vergessen wollte: Die Songs wirkten wie von Algorithmen komponiert, Versatzstücke von kommerziell erfolgreichem Zeug, dass erneut zusammengerührt wurde, auf dass wieder Geld damit verdient wird. Die Idee, dass Musik und Kunst Sphären von eigenem, symbolischem Wert sind und nicht nur Produkte - das ist eine spezifisch europäische Errungenschaft. [...] Das sind keine Randbetrachtungen. Natürlich gibt es noch krassere Versäumnisse, die europäische Flüchtlingsabschreckung, die Grausamkeit an den Außengrenzen und der anhaltende Skandal der ertrinkenden Menschen im Mittelmeer. Aber wenn Europa zu sich, seinen Werten finden möchte, eines Tages, auch mit denen, die heute noch als junge Menschen am Bildschirm lernen, was das sein könnte, ein Europa des Humanismus und der Kultur, dann beginnt der Weg dorthin mit den Bildern, die Europa von sich selbst entwirft. Und umgekehrt befördert eine weiterhin nachlässige Inszenierung europäischer Events den Weg in die geopolitische Irrelevanz. Zumindest auf dem Feld der Kultur aber könnte, sollte das anders sein. (Nils Minkmar, SZ)

Kritik am ESC und seiner mangelnden künsterischen Qualität ist so alt wie der Wettbewerb selbst, da ist wenig Besonderes. Auch dass Fußball ein Business ist, in dem es um Milliarden geht und das von Werten so weit entfernt ist wie Mark Zuckerberg, ist kaum neu. Die UEFA hat die WM an Katar vergeben. Und ihr Verhalten in der Pandemie ist ohnehin unterirdisch. Mehr muss man zu dem Laden ohnehin nicht wissen. Ich denke aber, dass Minkmar Recht hat, wenn er von "europäischer Selbstverachtung" spricht. Tatsächlich ist es nicht so, als wären die Einwohner*innen der EU stolz auf den Staatenverband. Eine europäische Identität existiert immer noch praktisch nicht. Da ist es wenig hilfreich, wenn alles, was man von der EU mitbekommt, Negativnachrichten sind. Die sollten wirklich etwas mehr Wert auf Imagepflege legen. Denn eine EU, die keinerlei Legitimität bei ihren Bürger*innen besitzt, eine EU, die nicht einmal rhetorisch für ihre Werte einzustehen bereit ist (konkrete Handlungen erwartet man ja schon gar nicht mehr), die hat mittelfristig ein Problem.

2) Cass Sunstein: «Mit Entscheidungs-Hygiene lassen sich bessere Resultate erzielen»

NZZ am Sonntag: Ihr Buch handelt von Fehlentscheiden, die Sie Noise oder Rauschen nennen. Um was geht es konkret?

Cass Sunstein: Stellen Sie sich vor, Sie steigen frühmorgens immer auf dieselbe Waage. Wenn die Waage jedes Mal um ein Kilo abweicht, dann ist das eine Verzerrung, ein systematischer Fehler. Wenn Sie jeden Tag auf eine andere Waage desselben Typs steigen und dabei jeweils unterschiedliche Werte erhalten, ist das Rauschen. Überall da, wo unterschiedliche Menschen Entscheidungen zum selben Sachverhalt treffen, kommt es zu solchem Rauschen: im Sport, vor Gericht, in Spitälern. Noise ist die Variabilität unterschiedlicher Experten oder Systeme, wenn es um dieselbe Entscheidung geht. Das menschliche Gehirn ist ein Messinstrument und genau wie solche nicht immer vor Fehlschlüssen gefeit.

Wieso Fehlschlüsse? Es ist doch normal, dass Einschätzungen von verschiedenen Personen sich nicht zu 100 Prozent decken.

Schon. Wir haben bei unseren Untersuchungen herausgefunden, dass der Mensch durchschnittlich mit etwa 10 Prozent Abweichung rechnet, auch wenn sich Expertengremien beraten. In der Realität gibt es allerdings mehr als 50 Prozent Abweichung. [...]

Sie zeigen in Ihrem Buch auch auf, dass Noise nicht gleich Noise ist.

Sagen wir, eine Firma hat zwei Recruiter, die jeweils bis zu zehn Leute einstellen dürfen. Beide sind gleich qualifiziert und vertrauenswürdige Experten auf dem Gebiet. Was die beiden beeinflusst, ist ihre Laune und die Situation. Wir nennen das Occasion Noise. Dieselbe Person kann zu unterschiedlichen Zeitpunkten denselben Bewerber unterschiedlich beurteilen. Dazu kommt Level Noise, also Unterschiede in der Grundeinstellung der beiden. [...]

Auch die Reihenfolge der Bewertung spielt eine Rolle, oder?

Genau. Wir wissen schon lange, dass Schwarmwissen untergraben wird, wenn einzelne Gutachter von der Bewertung ihres Vorgängers erfahren. Wir beeinflussen uns gegenseitig. Fragen Sie eine Gruppe von Personen, wie gross die Distanz zwischen Berlin und München ist. Wenn die Befragten ihre Antworten gegenseitig nicht wissen, liegt der Durchschnitt gespenstisch oft richtig. Aber wenn sie voneinander wissen, orientieren sie sich an den Aussagen ihrer Vorgänger. Auch das lässt sich auf alle Berufsbereiche übertragen, die wir untersucht haben. (Martin Angler, NZZ)

Wie angesichts dieser eigentlich seit Langem bekannten Ergebnisse psychologischer Untersuchungen sich der Mythos der Meritokratie so lange halten kann, ist mir unbegreiflich. Die Vorstellung, die gerade in der Privatwirtschaft als Legende eifrig gepflegt wird, dass man irgendwie eine Bestenauslese betreibe, ist weitgehend haltlos. Dasselbe gilt für andere Eliteschmieden, von Harvard über Goldman Sachs.

Aber für meinen eigenen Arbeitsbereich sind die Ergebnisse noch viel profunder. Es ist die Lebenslüge des Schulsystems, dass die Benotungen eine faire Leistungsstandmessung und Beurteilung darstellen würden, wo sie ihn Wahrheit unglaublich arbiträr sind. Deswegen sollten wir, von den Lerneffekten einmal ganz abgesehen, auch weiter weg von den Noten. Sie sind schädlich, sowohl für den Lernerfolg der Schüler*innen und ihre Lernmotivation generell als auch für sich naiv auf sie verlassenden Personaler später.

3) Politik darf keinen Spaß machen! – Über die angemaßte Unschuld von Videospielen

Erstens: Die Hintergrundgeschichte des Spiels ist, dass eine Gruppe von Öko-Terrorist:innen massenweise Dollar-Noten mit Pockenviren infiziert haben, woraufhin die Infrastruktur in Manhattan zusammenbricht. Folge ist ein Bürgerkrieg in den Straßen der Stadt, nachdem Polizei und Militär sich überfordert zurückgezogen haben. Die Stadt wird von außen abgeriegelt und es gilt fortan das Gesetz der Straße. Einziger Hoffnungsschimmer: Eine Spezialeinheit von Schläferagenten der Strategic Homeland Division, die nun vor Ort aktiviert werden und mit Waffengewalt für Gerechtigkeit sorgen. Und das soll nun also ein Unterhaltungsprodukt ohne politische Aussage sein? [...] Warum wurde überhaupt von Ubisoft über Jahre hinweg behauptet, dass ein Spiel über US-amerikanische Militäreinsätze gegen Drogenbarone in Südamerika ebenso wie ein Spiel über eine rechtsextreme Sekte im Mittleren Westen unpolitisch sei? Dafür gibt es zwei plausible Erklärungen. Erstens steckt dahinter die Befürchtung von Marketingabteilungen, Anteile am Markt zu verlieren. Das hat der Spiele-Reviewer Jesse Hennessy gut zusammengefasst: „If you come across as preaching your political agenda, you’re gonna alienate everybody who doesn’t agree with you.”. Wer sein Spiel so wie der schwedische Entwickler Machinegames dezidiert als Anti-Nazi-Spiel positioniert – so geschehen in einem Tweet anlässlich von Wolfenstein: The New Colossus: „Make America Nazi-Free Again. #NoMoreNazis #Wolf2“ – der muss in Kauf nehmen, dass Nazis sich dann über das Spiel beschweren. (Eugen Pfister, 54books)

Ich hab es in den letzten Vermischten auch immer wieder drin gehabt, aber das Thema taucht gerade verstärkt auf. Gerade bei Videospielen ist es auffällig, wie sehr die Illusion von "unpolitisch Sein" zum Selbstverständnis sowohl der Industrie als auch der Community gehört, obwohl es offensichtlich kompletter Humbug ist. Videospiele hatten schon praktisch immer Geschichten mit klarem politischen Einschlag erzählt. Das ist ja auch kein Problem. Aber wenn ich mich alleine an meine Gaming-Hochzeiten zurückerinnere, Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre, da waren Spiele wie "Counterstrike", in denen Terrorbekämpfung eine entscheidende Rolle spielte; da war "Command&Conquer Generals", wo eine arabische Terrorgruppe Pickups mit MGs und mit AK-47 bewaffnete "Angry Mobs" gegen US-Truppen hetzte; da wurden Diktatoren mit der Waffe in der Hand in so vielen Spielen bekämpft, dass man den Überblick nur verlieren kann.

Gleichzeitig leidet die Branche immer noch unter einer massiven Blickwinkelverzerrung. Diese ist 2014 in den #Gamergate-Skandal explodiert, er immer noch bei weitem nicht aufgearbeitet ist. Die häufig xenophoben und jingoistischen Grundtöne, die viele dieser Spiele unterfüttern, werden ebenfalls nur sehr ungern thematisiert. Wie kann es unpolitisch sein, dass Spielende etwa in "Call of Duty Black Ops" Gefangene foltern mussten? Wie kann es unpolitisch sein, wenn die Antwort der meisten Spiele auf große Probleme darin besteht, diese mit der Waffe in der Hand anzugehen? Letzten Endes ist die Handlung der meisten Games ein Tom-Clancy-Roman auf Drogen, und niemand würde den als unpolitisch betrachten.

Ich denke, der Grund dafür liegt mit in der mangelnden Reife des Mediums. Noch immer gelten Videospiele als junges Medium, aber das ist Unsinn. Es gab ernsthafte, breite Debatten über die Filmkunst, als der Film kaum 30 Jahre alt und der erste Blockbust kein Jahrzehnt hinter sich hatte. Blockbuster bei Videospielen gibt es seit drei Jahrzehnten, das Medium selbst könnte mittlerweile legal in Rente gehen. Es ist ein konsequentes sich-aus-der-Verantwortung-Stehlen einerseits und ein nicht-ernst-Nehmen andererseits, das auch diejenigen betrifft, die gar nicht selbst daddeln, sondern das Ganze nur von außen betrachten, ob Politik, Eltern, Lehrkräfte oder Schulen.

4) Laschet und Schröder, eine bemerkenswerte Männerfreundschaft

Schon im Juli 2018 wollte der SPD-Veteran „nur einem“ in der CDU die Kanzlerkandidatur zutrauen – eben Laschet. Und auch, als dieser im April dieses Jahres sich bei der Kanzlerkandidatur hauchdünn gegen Markus Söder durchsetzte, lobte Schröder diese „richtige Entscheidung“. Laschet und Schröder, die Verbindung zweier Männer aus unterschiedlichen Generationen und Parteien, überrascht. Was könnte der Altkanzler davon haben, den CDU-Politiker derart entschieden zu unterstützen – ist es nur persönliche Zuneigung oder steckt womöglich mehr dahinter? Zwei Verbindungspunkte des Altkanzlers nach Nordrhein-Westfalen fallen dabei insbesondere auf: Schröders Ehefrau Soyeon Schröder-Kim arbeitet fürs Land NRW – und genießt in der Ausübung ihres Amts große Freiheiten. Und: Schröder selbst ist als Verwaltungsratspräsident für eine Tochterfirma des russischen Energiekonzerns Gazprom tätig. Laschet wiederum befürwortete schon lange dessen umstrittenes Pipeline-Projekt Nord Stream 2, das der Altkanzler hierzulande vorantreibt. Mit einem Kanzler Laschet bekäme Schröder womöglich einen direkten Draht ins Kanzleramt. Dies wirft die Frage auf, ob es ein Geben und Nehmen zwischen den beiden Männern gibt. (Hanns-Martin Tillack, Welt)

Es ist bemerkenswert, was für einen Abstieg Gerhard Schröder seit 2005 hingelegt hat. Von einem der bedeutendsten Kanzler der Republikgeschichte zu einem korrupten, schamlosen Lobbyisten, der sich bei einem Kleingeist wie Laschet Gefallen abkaufen lässt. Der keinerlei Loyalität zu seiner Partei hat, oder wenigstens seinen alten Weggefährten. Immerhin können wir uns praktisch sicher sein, dass uns das bei Merkel alles nicht blühen wird. Was auch immer sonst man über sie sagen mag, korrupt ist sie nicht.

5) Warum Fantasy so wichtig für junge Menschen ist

2019 wurde außerdem eine Studie zur Korrelation zwischen Genrevorlieben und Beziehungsansichten veröffentlicht. US-amerikanische Seiten wie Women’s Health oder Marie Claire berichteten über die Studie mit der Schlagzeile: „Harry Potter-Fans sind die besseren Partner“. So einfach ist es natürlich nicht, aber die Studienergebnisse sind dennoch interessant. Ein Team von Psycholog*innen hat 404 Fans verschiedener Genre nach ihren Ansichten zu Beziehungen befragt. Die Ergebnisse zeigten, dass unter anderem Fans von Fantasy weniger wahrscheinlich als andere toxische Ansichten unterstützen. Die befragten Harry-Potter-Fans stimmten unter anderem Aussagen wie „Meinungsverschiedenheiten können zerstörerisch sein“ oder „eine Beziehung braucht keine offene Kommunikation, man muss auch so wissen, was der andere meint“ seltener zu als Befragte, die Harry Potter nicht gelesen hatten. Manche Harry-Potter-Fans behaupten auch, durch die Reihe schon recht früh ein politisches Bewusstsein erlangt zu haben. Zum Beispiel, weil die Bücher auch immer wieder diskriminierenden Umgang beschreiben, wie zum Beispiel als Draco Malfoy Hermine Granger als „Schlammblut“ aka minderwertig bezeichnet oder aber weil Voldemort und seine Todesser*innen im Grunde Faschist*innen sind. So sehr wie Fantasy Eskapismus bedeutet, so sehr kann das Genre eben auch politisch sein. Das zeigt auch eine 2021 erschienene Studie: Darin wurden „Die Tribute von Panem“ auf marxistische Standpunkte und das dargestellte Klassenbewusstsein analysiert. Ob Harry-Potter-Fans wirklich per se die besseren Menschen sind, wage ich zwar zu bezweifeln, aber sie sind zumindest gar nicht mal so weird, wie Nicht-Fans denken. Und wie gesagt: Wenn uns Fantasy einen Raum für Kreativität, Spaß und Eskapismus bietet, dann halte ich gerne an meiner Vorliebe für zauberhafte Welten und magische Wesen fest. (Nhi Le, Jetzt)

Ich möchte die Frage an dieser Stelle beantworten: nein, Fantasy macht einen nicht zum besseren Menschen. Es ist eher eine Frage von Henne und Ei: ein prozentual größerer Anteil von Personen, die solchen Themen gegenüber aufgeschlossen sind, fühlt sich zu Fantasy als Genre hingezogen. Dazu kommt, dass Fantasy ein Nerd-Genre ist, und Nerds sind überdurchschnittlich gebildet. Gleichzeitig sind sie auch überdurchschnittlich sozial unterentwickelt, das ist immer die andere Seite der Medaille, und wir haben #Gamergate als die dunkle Bauchseite bereits in Fundstück 3 erwähnt.

6) »Wir brauchen einen Superlockdown« (Interview mit Helge Peuckert)

Herr Peukert, nach dem Karlsruher Urteil zum Klimaschutzgesetz hat die Bundesregierung in Rekordzeit ein neues Klimaschutzgesetz vorgelegt. Was halten Sie davon?

Nicht genug, aber die Schraube wird angezogen. Schon witzig: Vor dem Beschluss des Verfassungsgerichts hielten Regierung und Parlamentsmehrheit die Klagen für unbegründet, hinterher waren alle begeistert. Die neuen Zielformulierungen sind eine Sache, die Umsetzung eine andere. Jetzt beginnt die Balgerei, wen man wie belasten kann, und die Primärstrategie der Preiserhöhungen ist natürlich unsozial. Ich frage mich generell, ob man die doch deftigen Ziele im gegebenen Systemrahmen überhaupt hinbekommen kann.

Sie zeichnen in Ihrem neuen Buch ein düsteres Bild der ökologischen Ist-Situation. Wie sieht diese aus?

Wenn wir die Ergebnisse des IPCC-Berichtes zur 1,5-Grad-Erderwärmung ernst nehmen, dann ist nach meiner Rechnung das weltweite Restbudget an Treibhausgasemissionen schon jetzt aufgebraucht. In Deutschland sind wir bei zwei Grad plus, weltweit sind über Land gerechnet die 1,5 Grad bereits überschritten. In vielen Bereichen ist es bereits wirklich ernst: Dürren, Wasserknappheit, das Sterben der Insekten, das Schmelzen von Gletschern sowie das Auftauen des Permafrostes etc. Forschungsinstitute sagen uns, dass Kipppunkte nahe sind. Wir sind mitten drin im Ökozid. [...]

Auch mit dem Emissionshandelssystem gehen Sie ins Gericht. Warum?

Nur 57 Prozent der Zertifikate werden versteigert, der Rest wird kostenlos an die exportorientierte Industrie verteilt, die in den letzten Jahren dementsprechend nur geringe Treibhausgasminderungen vorzuweisen hat. Auch ist die festgelegte Kappungsmenge für 2020/2021 enttäuschend, da die Emissionen 2019, vor Corona, bereits unter dieser Menge lagen. Die negativen Umweltauswirkungen pro Tonne CO2 liegen laut Umweltbundesamt bei knapp unter 200 Euro. Da sind auch die gegenwärtigen 50 Euro/Tonne viel zu niedrig. Schlüge man 200 Euro auf die Produkte drauf, ginge die Wettbewerbsfähigkeit flöten oder man müsste sich vom »freien« Welthandel und den WTO-Regelungen verabschieden und hohe Importzölle einführen. Widersprüchlich ist natürlich auch der gleichzeitige Ausbau von Pipelines wie Nord Stream 2 und riesiger Reservoirs in Norddeutschland für fossile (Fracking-)Importe aus den USA. (Guido Speckmann, Neues Deutschland)

Der Emissionshandel erfüllt mittlerweile dieselbe Funktion wie die Laffer-Kurve. Er erlaubt es Konservativen und Liberalen, etwas zu sagen, das wissenschaftlich und wohl durchdacht klingt, das aber in Wahrheit keinerlei Bezug zur Realität hat. Ich sage es immer wieder: Ja, in der Theorie ist er Emissionshandel eine super Idee. In der Praxis funktioniert er aber nicht, weil das weltweite System zu seiner Durchsetzung fehlt. Effektiv bräuchte es eine ähnlich mächtige unabhängige Institution wie die von der WTO durchgesetzten Schiedsgerichte. Während diese aber sehr gerne Klima- und Umweltschutzmaßnahmen blockieren, fehlt ein ähnlich mächtiges Instrument zur Durchsetzung des Klimaschutzes. Aktuell funktioniert es nicht.

7) The Lingering Relevance of the Katyn Massacre

Historian and filmmaker Jane Rogoyska begins her book on the April-May 1940 Katyn massacre—in which the Soviet Union massacred some 22,000 Polish intellectuals and military officers who had been POWs in its custody—with a cruel yet pertinent question: Why should we care about Katyn? As Rogoyska writes, the death toll from Katyn is “a drop in the ocean compared to the millions of Soviet citizens murdered by Stalin.” Even if we are only discussing Poles, the Soviet dictator’s deportations of ethnic Poles caused the deaths of many tens of thousands more than died at Katyn. And, naturally, Hitler’s record as a murderer of Poles made Stalin look like a squeamish amateur in these matters; the Führer’s bureaucrats, slavers, and assassins in the Warthegau and the General Government killed 5 to 6 million Polish civilians (about 2 to 3 million of them non-Jewish) during the war. So why, in view of the numerically far deadlier atrocities endured by the Poles and other peoples during the war, should we especially care about Katyn? And why, 80 years later, does Katyn remain a “continuing bone of contention” between Poland and Russia? The answer, Rogoyska shows us, lies in the great deceit behind Katyn—a cover-up of extraordinary malice and discipline, in which the Soviets initially claimed they had simply lost track of the 22,000 Poles in their custody, and later, when about 4,000 of the dead officers showed up in excavated mass graves, blamed the Nazis for the massacre. (Matthew Ghobrial Cockerill, The American Conservative)

Die Sowjetunion der Stalinzeit ist eine einzige riesige Mordmaschine. Sicher, Katyn verblasst gegen die Gesamtheit des Holocaust, aber dasselbe gilt für Babi Yar. Die Zahl der Ermordeten unter der kommunistischen Diktatur erreicht in ihrer Gesamtheit sicherlich ähnliche Dimensionen wie die der Nationalsozialisten. Übertroffen werden die beiden ohnehin nur von einem weiteren kommunistischen Diktator, Mao, und der einzige, der in seiner Liga spielt, ist der kommunistische Diktator Pol Pot, der zwar nicht mengenmäßig, aber anteilig an der Bevölkerung einer der größten Killer aller Zeiten war. Seit diesen Mörderregimen ist niemand unter Diktatoren dieser Welt je auch nur annähernd an diese Zahlen herangekommen. Es bleibt die Hoffnung, dass diese Massenmorde einzigartige Artefakte des 20. Jahrhunderts bleiben werden.

8) The Singular Chancellor

With Germany’s election drawing closer, what has become of all that political capital? What will Merkel’s legacy be—and will she deserve to be called a great chancellor? [...] Merkel unquestionably transformed Germany’s post–Cold War politics, liberalized her party, presided over an extraordinary expansion of German economic and political power in Europe, and did much to defend the European political project. And yet her claims to greatness are inconclusive, perhaps because so many of the significant achievements of her tenure have come with a darker underside. [...] Merkel, meanwhile, seems increasingly frustrated and depleted, her endless patience eroded, her legendary negotiating energy spent. Germans may someday come to appreciate that Merkel was singularly lacking in the character flaws of her three great predecessors, Adenauer, Brandt, and Kohl, each of whom left office under a shadow and against his will. Her integrity and dedication are beyond question—and she will be the first of Germany’s heads of government to relinquish power of her own accord. Nonetheless, and despite her considerable achievements, the ultimate responsibility for the state of the country, and its relations with its allies and adversaries, lies with the chancellor. (Constanze Stelzenmüller, Foreign Policy)

Bedeutend? Sicher. Groß? Nein. Angela Merkels Kanzlerschaft ist vor allem in ihrer Obstruktionswirkung relevant. Merkel hat es geschafft, 16 Jahre lang einen gesamtdeutschen Konsens herzustellen, der eigentlich nur einmal wirklich ins Wackeln kam, im Backlash gegen die Flüchtlingspolitik. Zwar warf Merkel ihre Politik auch hier angesichts der sich wandelnden Stimmungslage sofort über Bord warf, blieb es im Gegensatz zu ihren sonstigen Wenden an ihr hängen.

Aber zurück zur Konsensherstellung. Merkel schliff im Endeffekt alle Ecken und Kanten ihrer Politik ab, was ihr gewaltige Zustimmungsraten und der CDU Wahlsiege verschaffte. Aber der Preis dafür war 16 Jahre kleinster gemeinsamer Nenner, was in manchen Fällen durchaus positive Ergebnisse hatte, weil es auf kalten, schmerzlosem Weg Problemthemen abräumte, die früher Kulturkriege ausgeläst hätten - Stichwort gleichgeschlechtliche Ehe. Aber auf anderen Gebieten - Digitialisierung, Klimawandel, nur um zwei zentrale zu nennen - dürfte Merkel vor allem wegen dem in Erinnerung bleiben, was sie alles verhinderte und nicht leistete.

9) The politics of loneliness is totalitarian

Human beings are social, communal creatures. We seek out connection with others of our kind and especially enjoy engaging in common enterprises and the emotional intimacy that can follow from such experiences. The standard way for people to have these kinds of collective experiences is out in the world — in extended family, local community, religious organizations, work, unions, clubs, and politics. The fact that friendlessness is on the rise seems to be a function, in part, of the wasting away of these intermediary institutions in civil society. Families are smaller than they used to be, and fewer people marry in the first place. Communities are fraying under economic pressures and as a result of social shifts. Fewer people go to church. Work more often involves analysis of symbols (ideas and numbers) and takes place mostly within our own heads, mediated by technology, with remote work also becoming more common in recent years. Unions are a shadow of what they once were. We've been bowling alone for decades. All of this can make it harder to forge friendships. At least in the real world. The rise of the internet, and especially social media, has opened up other possibilities for social interaction, if not exactly friendships. [...] Online relationships are different. A modicum of that closeness might be achieved by some, taking the edge off the pain and loneliness of a life without friends. But for most the interaction will tend to remain topic-specific — and for nearly all, the interaction will be entirely mental. A friendship (or love affair, for that matter) conducted completely online takes place wholly within the minds of the participants, with imagination playing a vastly greater role than it would in the real world. (Damon Linker, The Week)

Ich halte wenig von Linkers Bezug dieser Thesen auf die Radikalisierung und Polarisierung der Politik. Das Internet ist global, und die Polarisierung à la USA ist es dezidiert nicht. Natürlich ist Einsamkeit ein Faktor, der eine große Rolle spielt. Aber nicht alle Menschen, die einsam sind, radikalisieren sich. Die meisten werden das nicht tun. Und diese kulturpessimistischen Ansichten von wegen "die Moderne ist ganz schrecklich und unsere sozialen Beziehungen gehen kaputt" kann ich ohnehin nicht leiden; die sind so alt wie die Menschheit und noch nie richtig.

10) Will progressives really reject the biggest half a loaf in history?

"Many in the Squad and Squad-adjacent will vote no," an anonymous "progressive lawmaker" told CNN after the package was announced. The lawmaker called the proposal a "capitulation by progressives" who started out the process aiming for a whopping $6 trillion plan. Now this might be a negotiating tactic — a ploy to make moderate Democrats like Sen. Joe Manchin (D-W.Va.) more comfortable that a bill negotiated with the help of Sen. Bernie Sanders (I-Vt.) is actually the "middle ground," or an effort to bump up the bottom line number just a little bit more. But it's worth taking the lawmaker seriously: Democrats have a thin margin of advantage in the House of Representatives. If only a few members peel off, the bill would be doomed. And that would suggest that progressives aren't up to the task of governance. A study last year by researchers at Northwestern University suggests many legislators are inclined to reject "half-a-loaf" compromises that move policy closer to their preferred outcome. Why? Because they're afraid of being punished by primary voters for not getting the whole loaf. They rarely get the whole loaf, however — the result is usually gridlock, and no loaf at all. That would be an unacceptable outcome in this case. Biden-era Democrats have operated on the theory that they must aggressively govern in a way that improves the material well-being of voters. That won't happen if progressives decide to hold out on the budget proposal. They should take the deal, then work to get more next year, and the year after that. (Joel Mathis, The Week)

Es war schon immer das Prärogativ der jeweiligen radikalen Elemente der eigenen Partei, jeden "half loaf" abzulehnen, ganz egal, wie groß und toll er war. Die Linken waren darin schon immer besonders gut. Sie schießen gegen Obamacare (zu viel Marktwirtschaft), gegen den Stimulus (zu klein), gegen das Pariser Abkommen (zu unzureichend) und jetzt gegen Coronahilfen und Infrastrukturpaket.

Dahinter steht die völlig fehlgeleitete Annahme, dass das Scheitern eines schwierig ausgehandelten Kompromisses bedeute, dass der Weg frei würde für die wahre, unverfälschte Version, die nach Ansicht der radikalen Linken dann die jeweilige Erlösung bringen wird. Dabei ist alles, was das Scheitern des Kompromisses bedeutet, dass gar nichts kommt. Es ist der halbe Laib oder keiner, und das nicht zu erkennen und für realistische Ziele zu kämpfen ist Ursache der ewigen Schwäche der Linken.

11) Fox News is the real source of right-wing vaccination paranoia

The Republican Party has always had a dozen or three looney bins on their extreme end, people who are willing to say just about anything as long as it's stupid enough. But they're not the problem. The problem is that Fox News has taken their schtick and nationalized it. As recently as 20 years ago, Massie and Roy and their ilk wouldn't even have gotten a page A23 blurb in the national media. Today, Fox News blasts out this kind of idiocy to the entire country several times a day and it soon becomes all but a part of the GOP platform. It's one thing to be anti-Trump. But if we really want sanity back in our politics, conservatives need to become anti-Fox News. That's a lot harder since it's not clear if Republicans can win elections reliably without them, but it's the only answer. As long as Fox remains the primary source of news on the right, our country will continue to slide downhill. (Kevin Drum, Jabberwocky)

Das ist ein ziemlich zentraler Gedanke. Auch in Deutschland gibt es in jeder Partei Spinner; die AfD ist sogar eine komplette Partei voll mit ihnen. Aber die sind bei uns nur relevant, wenn die Medien - wie im Wahlkampf 2017 oder während der Hochphase der Querdenker 2020 - ihnen ein Forum bieten. Tun sie das nicht, brüllen sie in ihre Blase. Aber FOX News in the USA oder Zeitungen wie die Daily Mail im Vereinigten Königreich haben die Spinner konstant ins Hauptprogramm gepackt. Das Resultat davon kann man aktuell begutachten. Es ist nicht "die Polarisierung", die nicht vom Himmel fällt, es ist die völlig verzerrte und unverantwortliche Medienlandschaft. Und man kann über Springer sagen was man will - Murdoch, it ain't.

Ich glaube, das ist in Deutschland auch deswegen besser, weil bei uns die Öffentlich-Rechtlichen immer noch eine dominante Stellung haben, wenngleich diese deutlich schwächer ist als ehedem. Deswegen ist es auch so gefährlich, wenn die ÖR von rechts diffamiert und deligitimiert werden. So hat es auch in den USA angefangen, wo NBC und Konsorten zunehmend angegriffen wurden und den Raum dafür schufen, dass erst die lokalen Hetzmedien und dann die republikanische Prawda den Markt erobern konnten. Da wird mit dem Feuer gespielt.