Diese Woche titelt der Spiegel mit dem großen Aufmacher „90 Jahre Versailles – Der verschenkte Frieden – Warum auf den Ersten Weltkrieg ein Zweiter folgen musste“. Der Spiegel propagiert damit ein Geschichtsverständnis, das ich für grundfalsch halte und das leider auch vor etablierten Historikern nicht Halt macht. Es ist ein Geschichtsverständnis, das vom Ende einer Entwicklung auf den Anfang zu schließen versucht. Einige Beispiele gefällig?
- Die Weimarer Republik ist gescheitert. Worin lagen die Gründe dieses Scheiterns und wie kam Hitler an die Macht?
- Der Erste Weltkrieg brach nach einer Phase beispiellosen Nationalismus’ aus. Welche Entwicklungen führten zur Krise von 1914?
- Die DDR ging nach 40 Jahren unter. Wie kam es zu diesem Untergang? Welche Strukturen beförderten ihn?
Dies scheint auf den ersten Blick kein Problem und gerechtfertigt zu sein. Doch vor dem Hintergrund einer solchen Fragestellung gerinnt die Geschichte zu Schicksal, zu einer zwangsläufigen Abfolge von Ereignissen, die sie definitiv nicht ist. Es entsteht der Eindruck einer Unentrinnbarkeit und Gesetzmäßigkeit, die in dem aktuellen Spiegel-Titel ihren publizistischen und in Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ ihren wissenschaftlichen Niederschlag findet.
Dabei muss man aber andere Fragen stellen. Diese Fragen würden, angewendet auf die obigen Beispiele, unter anderem lauten:
- War das Scheitern der Weimarer Republik in ihrer Struktur angelegt? Welche Rolle spielten ihre Strukturen überhaupt noch bei der Machtergreifung Hitlers?
- Wie wahrscheinlich war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs überhaupt? Hätte er verhindert werden können?
- War der Untergang der DDR ein zwangsläufiger? Gab es Reformbestrebungen innerhalb des Systems?
Um auch dem Nicht-Historiker begreiflich zu machen, worauf ich hinaus will, möchte ich diese Punkte auf die jeweilige historische Situation angewendet etwas weiter ausführen.
1) Die Weimarer Republik
Das System der Weimarer Republik existierte von 1919 bis
Das System der Republik hatte bereits einige Krisen erlebt, bevor Hitler an die Macht kam. Bürgerkrieg zwischen Links und Rechts 1919, Kapp-Putsch 1921, das Vier-Krisen-Jahr 1923 (Inflation, Ruhrbesetzung, Rheinlandseperation, Hitler-Putsch), die Weltwirtschaftskrise (ab 1929). Von letzterer würde sich die Republik nicht mehr erholen, und in der oben kritisierten Darstellung führt sie direkt zur Wahl Hitlers, der mit seinen leichten Parolen schnell aufsteigt und schließlich die Machtergreifung durchführt.
Doch ich behaupte, dass 1929 nicht zwangsläufig den Endpunkt der Weimarer Republik datiert. Nicht einmal 1932, das Jahr des größten Wahlsiegs der Nationalsozialisten, tut das. Die Weltwirtschaftskrise begann
Wir wissen, was weiter geschah. Der Reichstag versagte Brüning die weitere Unterstützung, der daraufhin mit Notverordnungen von Hindenburgs Gnaden weiterregierte. Als dieser Zustand unhaltbar wurde, ersetzte man Brüning in rascher Folge durch weitere solche Schattenkanzler, von Papen und von Schleicher. Diese Entwicklung ist der Grund dafür, dass ich das Ende der Weimarer Republik auf 1930/31 datiere, denn seit die Kanzler sich nicht mehr auf eine Mehrheit im Reichstag stützen konnten war das System effektiv ausgehebelt. Was geschah war legal, die Weimarer Verfassung erlaubte es. Das ist der Grund, warum ich ihre offizielle Lebensdauer bis 1945 datiere, denn Hitler hat es nie für notwendig erachtet, sie formal abzuschaffen. Das war nicht nötig, er konnte auch so legal regieren. Er kaum auch nicht zur Macht, weil die NSDAP große Wahlerfolge gefeiert hätte. Die hatte sie, zweifellos. Aber die Macht erlangte Hitler eben nicht über parlamentarische Wege, denn diese funktionierten diesbezüglich noch und hielten ihn von der Macht fern. Es brauchte eine Intrige der Aristokratie (von Hindenburg, von Papen und andere) um ihn zum Kanzler zu machen. Eine direkte Notwendigkeit durch ein Wahlergebnis bestand dazu nicht; 1932 markierte den Höhepunkt der nationalsozialistischen Wahlerfolge, zu dem Zeitpunkt, als Hitler Kanzler wurde, drehte die Stimmung bereits wieder.
Besteht also ein direkter Wirkungszusammenhang zwischen dem Aufstieg Hitlers und dem Ende Weimars, der unvermeidbar gewesen wäre, wie es der Spiegel allein durch den Versailler Vertrag suggeriert? Ich sage nein. Der Versailler Vertrag war bereits zu Weimarer Zeiten das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben war. Deutschland bezahlte so gut wie nichts von den Reparationen, die ihm auferlegt waren, weswegen die Franzosen ja 1923 das Rheinland überhaupt besetzten. Auf Folgekonferenzen wurde die Last immer weiter reduziert, wurden immer weitere Zugeständnisse gemacht. Die Front der Sieger des Ersten Weltkriegs bröckelte, und Deutschland schloss neue Allianzen, unter anderem mit Sowjetrussland und war drauf und dran, den Vertrag vollständig auszuhebeln – ein Ergebnis, das schließlich Hitler vollende. Der Versailler Vertrag kann es also nicht gewesen sein, der Hitler und den Zweiten Weltkrieg zum unabwendbaren Ereignis machte. Es war Hitler, der den Zweiten Weltkrieg zum unabwendbaren Ereignis machte, aber sein Aufstieg war nicht vorgezeichnet. Seine Ideen waren bestenfalls lückenhaft (wie Golo Mann schreibt: „schlechte Literatur“), seine Propaganda zwar meisterhaft, aber vor der katastrophalen Depression fast wirkungslos. Die Weimarer Republik erlebte zwischen 1924 und 1928 eine Phase beispielloser Stabilität und Prosperität. Wäre diese nicht von der Großen Depression abgewürgt worden, könnte sie noch heute bestehen. Sowohl Roosevelt als auch Hitler, beide 1933 an die Macht gekommen bewiesen, dass die Große Depression ein lösbares Problem war, Hitler sogar noch erfolgreicher als Roosevelt. Allein der amerikanische Erfolg des New Deal straft Lügen, dass alleine Hitler Deutschland hätte aus dem wirtschaftlichen Sumpf ziehen können, in den es selbstverschuldet geraten war. Wer also heute die Parallelen zu 1929 beschwört sollte sich auch darüber im Klaren sein, dass wie die Entwicklung und, vor allem, die Entwicklungsperspektiven zu dieser Zeit aussahen.
2) Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs
Das Ende des 19. Jahrhunderts war von einer Phase beispiellosen Nationalismus’ und schließlich sogar Imperialismus’ geprägt. Auf der ganzen Welt griffen die europäischen Nationalstaaten nach Kolonien und bemalten Landkarten in ihren Farben. Im Gegensatz zu den meisten Darstellungen beteiligten sich auch die USA rege und machten Ernst aus der Monroe-Doktrin, derzufolge der amerikanische Doppelkontinent ihre Einflusssphäre sei, während sie gleichzeitig Kolonien in Pazifik und Karibik eroberten, unter anderem im amerikanisch-spanischen Krieg von 1898. Die Rhetorik war aggressiv, der Habitus der beteiligten Mächte ebenso. Es scheint deswegen nur logisch, dass es irgendwann zur Eskalation kommen musste. An düsteren Prophezeiungen fehlte es nicht. Zum Großteil erwarteten die Bevölkerungen einen Krieg, der teilweise sogar als „reinigendes Gewitter“ herbeigesehnt wurde. Doch war der Krieg überhaupt unvermeidbar?
Ich behaupte Nein. Die Periode zwischen 1871 und 1914 war gekennzeichnet durch einen kontinuierlichen Frieden in Europa, trotz aller anderslautenden Rhetorik. Die Situation ist mit der des Ost-West-Konflikts vergleichbar. Jeder erwartete einen kriegerischen Zusammenstoß zwischen verfeindeten Supermächten, die an der Peripherie erbittert um Einflusssphären rangen. Doch der Krieg kam nicht. Wäre er gekommen, er wäre für alle Beteiligten eine gewaltige Überraschung gewesen, gerade trotz der allseitigen Antizipation. Genau gleich war die Situation 1914.
Auf den ersten Blick war die Serbienkrise von 1914 eine wie viele andere zuvor auch. Niemand wollte einen europäischen Krieg, und den Aussagen des deutschen Generalstabs mit seinem „lieber heute Krieg als morgen“ ist nicht allzuviel Gewicht zu schenken. Der deutsche Generalstab war auf den Krieg genauso mangelhaft vorbereitet wie alle anderen, als er schließlich kam; allein die völlig unflexible Konzentration auf ein fehlerhaftes und veraltetes Konzept wie den Schlieffen-Plan beweist es. Es war eine Kette von Missverständnissen, falschem Stolz und katastrophalen Fehlentscheidungen, die schließlich zum Kriegsausbruch führten. Niemand wollte diesen Krieg, denn jeder wusste, was davon zu erwarten war: der Untergang des Alten Europa. Die düstere britische Aussage, nun „gingen in Europa die Lichter aus, und wir werden sie zu unseren Lebzeiten nicht mehr angehen sehen“ wurde Wirklichkeit. Die verzweifelten und hektischen Versuche besonders der deutschen Verantwortlichen, den Ausbruch doch noch abzuwehren, das völlige Fehlen von Kriegszielen (die ersten wurden erst einen Monat nach Beginn des Krieges veröffentlicht!) und die Unvorbereitung des Militärs zeigen deutlich, für wie unwahrscheinlich ein europäischer Krieg zu dieser Zeit gehalten wurde. Darin unterscheidet sich auch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs von der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs. Hitler wollte Krieg, wusste von Anfang an dass er ihn wollte, hatte klare (wenn auch absurde) Ziele und ging gezielt Schritte zur Entfesselung eines Krieges, von dem niemand außer ihm glaubte, dass er irgendeinen positiven Effekt haben könnte.
Der Erste Weltkrieg war nicht, wie allgemein behauptet wird, ein wahrscheinliches Ereignis. Er war unwahrscheinlich. Ich habe vorher den Vergleich mit dem Ost-West-Konflikt gebracht. Das war kein Zufall. Die Perioden des Friedens decken sich fast vollständig. Man muss sich vor Augen halten, dass zwischen 1871 und 1914 die unglaubliche Zahl von 45 Jahren liegt. So lange war selten Friede gehalten worden im Europa der Großmächte. Zwischen 1945 und 1989 liegen ebenfalls fast 45 Jahre; 47 sind es, wenn man den Untergang der Sowjetunion 1991 als Endpunkt wählt. In beiden Perioden wurden Pläne geschmiedet für den Ernstfall, der von allen antizipiert und gleichzeitig gefürchtet wurde, den Ernstfall, von dem man sich wünschte, dass er nie eintreten möge. In einem Fall kam er, und alle vorher gefassten Pläne wurden zur Makulatur, wie sie es in dem anderen auch gewesen wären.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war also ein unwahrscheinliches Ereignis, eines, das hätte verhindert werden können und nach Ansicht der damals Beteiligten auch hätte verhindert werden müssen. Nicht einmal sein Verlauf war vorgegeben, denn im Gegensatz zu 1939 stand der Ausgang des Ganzen keineswegs von Anfang an fest. Es gab niemandem, der einem deutschen Sieg kompromisslos gegenüberstand, wie dies gegen Hitler der Fall war und auch der Fall sein musste. Ein Sieg Deutschlands im Ersten Weltkrieg wäre keine Katastrophe gewesen. Niall Ferguson behauptet sogar, dass die Wirkung potenziell positiver gewesen wäre als seine letztendliche Niederlage.
3) Der Untergang der DDR
Bekanntlich endete die DDR im Jahr 1990, nachdem der Mauerfall 1989 ihren raschen Zerfall eingeleitet hatte. Ich hatte eigentlich nicht vor, die Geschichte der DDR in diesen Artikel zu integrieren, doch nachdem ich heute morgen das Vorbereitungsbuch „Die Geschichte der DDR“ zum niedersächsischen Zentralabitur las, kann ich diesen Aspekt nicht auslassen. Bereits im Vorwort dieses Buches findet sich die klare Ansage, die DDR sei zum Untergang verdammt gewesen, an ihr sei nicht auch nur das geringste Gute zu finden und man müsse den Geschichtsunterricht dazu nutzen, dies den Schülern deutlich zu vermitteln. Das ist hanebüchener Unsinn. Die DDR war nicht zum Untergang verurteilt, schon gar nicht durch ihren inneren Aufbau. Und die vollständige Dämonisierung eines Staatswesens kann kaum dazu beitragen, es zu verstehen. Daran scheitert heute bereits die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Wer die Träger eines solchen Systems pauschal verteufelt, betreibt Ideologie, aber er wird nie verstehen, wie diese Systeme funktioniert haben und deswegen auch keine Lehren daraus ziehen können. Wäre die DDR rundweg schlecht gewesen, sie hätte sich keine 40 Jahre halten können. Dies soll keine Verteidigung der DDR sein, die durchaus kein Staatswesen war, in dem ich hätte leben wollen oder in dem ich irgendjemandem zu leben gewünscht hätte. Man tut sich nur keinen Gefallen, wenn man es derart betrachtet, wie dies oft getan wird.
Ist die DDR also zum Untergang verturteilt gewesen? Seit 1953 war ihre Herrschaft stabil, einen Aufstand gab es bis 1989 nicht. Noch im Frühjahr 1989 ging niemand davon aus, dass die deutsche Teilung in absehbarer Zeit beendet würde, man erwartete sogar, dass sie mehr oder minder lange bleiben würde. Zu diesem Zeitpunkt waren die Weichen interessanterweise jedoch bereits auf Untergang gestellt. Die Glasnost&Perestroika-Bewegung in der Sowjetunion hatte etwas losgetreten, das sich so schnell nicht würde unterdrücken lassen. In seiner derzeitigen Form war das Regime reformunfähig und allein auf die Sicherung seiner Pfründe bedacht.
Wäre aber eine Reform vorher möglich gewesen? Die Geschichte der DDR ist gleichzeitig auch eine Geschichte verpasster Chancen. Ideologie und Realpolitik gerierten in der DDR einen unheilvollen Mix. Während viele besonders wirtschaftspolitische Entscheidungen durch die Ideologie negative Entwicklungen schufen – man denke nur an das Desaster der Landwirtschaftspolitik mit ihren LPGs – zerstörte die Realpolitik mit den hohen Reparationsforderungen der UdSSR und später die Einbindung der DDR in den Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe die wenigen positiven Entwicklungen. Meine Behauptung ist, dass wenn die DDR dieselben Startchancen gehabt hätte wie die BRD (entwickelte Industrie, massive Aufbauhilfen durch die USA, kaum Reparationen) sich wirtschaftlich auch ähnlich gut entwickelt hätte.
Politisch ist es ein anderes Kaliber. Ulbricht war 1953 bereits unhaltbar geworden, seine stalinistische Linie wurde massiv angegriffen und durch den Machtwechsel im Kreml schienen seine Tage gezählt. Ironischerweise konnte er durch den Volksaufstand von 1953 seine Macht festigen, die durch den Mauerbau von 1961 konsolidiert wurde und somit alle Reformbestrebungen blockieren. Erst der Aufstieg Honeckers schien den Boden für Reformen zu bereiten, und in wirtschaftlicher Hinsicht wurden diese auch mit einer Zuwendung zum Konsumsektor halbherzig umgesetzt. Doch der Abstand zur BRD war durch die 20 verschenkten Jahre gigantisch geworden, und Honecker war nicht zu radikalen Reformen bereit – aus seiner Sicht zurecht, wie der schnelle Untergang der DDR 1989/90 beweist.
Mit dem Mauerfall 1989, der ein reines Zufallsprodukt darstellte, bestand ein unglaublicher Handlungszwang. Mit einer gewaltigen Geschicklichkeit, von der nach 1990 nicht ein Jota übrig blieb, trieb Helmut Kohl die Einigung voran und die DDR vor sich her. Die freien Volkskammerwahlen 1990 entmachteten die SED, der Anschluss an die BRD war spätestens nach der Währungsunion praktisch nur noch Formsache.
Wäre das System früher reformiert worden, besonders in wirtschaftlicher Hinsicht, würde es möglicherweise noch heute bestehen. Es ist eine traurige Tatsache, dass Menschen materielle Wohltaten deutlich über politische Freiheiten stellen. Das DDR-System ging nicht daran zugrunde, dass die Menschen kaum Partizipationsmöglichkeiten hatten. Es ging daran zugrunde, dass die Menschen unzufrieden wurden. Auch das nationalsozialistische Regime hatte breiten Rückhalt, solange es einen hohen Lebensstandard generieren konnte. Erst, als es dazu nicht mehr in der Lage war, wuchs die Kritik am System, genauso wie in der DDR .Der Aufstand von 1953 ist dafür das lebendigste Beispiel, denn er entzündete sich an Lohnkürzungen, nicht daran, dass es an politischer Partizipation gefehlt hätte. Die Forderungen nach dieser kamen erst später hinzu.
Diese Lektion halte ich in Bezug auf unsere Gegenwart für sehr wichtig. Auch die Anerkennung unserer parlamentarischen Demokratie fußt darauf, dass sie es schafft, den Menschen ein erträgliches Auskommen zu sichern. Schafft sie das nicht, was aktuell der Fall ist, sinkt der Rückhalt des Systems. Dies ist ein langsamer Prozess, und er ist leicht umkehrbar, gerade die DDR hat es bewiesen. Nie war die Bevölkerung so sehr im Frieden mit dem DDR-System wie zwischen 1971 und dem Beginn der 1980er Jahre, als sich der Lebensstandard langsam anglich. Nie war der Rückhalt des parlamentarischen Systems in der BRD so groß wie zwischen 1957 und 1990, als der Lebensstandard ungeahnte Höhen erreichte.
Es gibt keine Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte. Bei fast jedem geschichtlichen Ereignis spielte der Zufall eine Rolle, nicht nur die grundsätzliche Struktur der Entscheidungsfindung. Es gibt fast immer ein „Was wäre, wenn“, keine Schicksalslinie, an der die Völker wie Marionetten einem größeren Plan folgen. Wer das behauptet kann gleich dem ganze Menschenstreben abschwören, denn alles was wir tun wäre dann letztlich vergeblich. Aber so ist es nicht. Jede Entwicklung lässt sich ändern, ob zum Guten oder zum Schlechten. Wenn wir Lehren aus der Geschichte ziehen wollen müssen wir diese Tatsache anerkennen und nicht nur gemachte Fehler vermeiden, sondern auch nicht getroffene Entscheidungen erkennen und abschätzen, ob es vernünftiger gewesen wäre, sie zu treffen – anstatt einer anderen Entscheidung, die getroffen wurde und Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat.