Donnerstag, 4. Januar 2018

Ein Schwarzes Loch wie ein Sieb

Seit fast einem Jahr läuft nun bereits die Untersuchung des special prosecutor Robert Mueller wegen des Verdachts auf russische Einflussnahme auf den US-Wahlkampf. Zahllose spekulative Artikel sind seitdem erschienen, sagen Reaktionen der Republicans und Trumps auf angenommene Ergebnisse voraus. Ich habe hier auf Deliberation Daily bisher praktisch nichts zu dieser Untersuchung geschrieben und habe das auch in Zukunft nicht vor. Der Grund dafür ist recht simpel: es ist für Außenstehende unmöglich, irgendetwas Belastbares zu der Thematik zu finden. Ich lese auch praktisch keine Artikel darüber, denn das gilt nicht nur für mich. Kaum ein Thema ist so voller parteiischer Nebelkerzen wie diese Untersuchung. Sie steht stellvertretend für eine Problematik, vor die die uns in dieser Zeit das Weiße Haus stellt: es ist ein schwarzes Loch, das leakt wie ein Sieb.

Das ist ein Paradoxon. Wie kann eine Operation ein schwarzes Loch sein, aus dem nichts nach außen dringt, und gleichzeitig löchrig wie ein Sieb voll geschwätziger Angestellter? Wenn es Leaks aus dem Weißen Haus Obamas gab, waren diese ziemlich ernst zu nehmen. Sie waren auch selten, deswegen konnte sich die Presse stets voll darauf konzentrieren. Über das innere Arbeiten seiner Regierung war wenig bekannt, weil der Laden im Allgemeinen gut funktionierte, aber wenn das einmal nicht galt, konnte man Einblicke in das Obama-Räderwerk bekommen.

Trumps Regierung dagegen leakt permanent. Hochrangige und niedrigrangige Angestellte stechen Informationen an die Presse durch. Kongressabgeordnete geben praktisch alle Informationen aus der Regierung direkt an Kollegen oder die Presse weiter. Die rekordhohe Fluktuation tut ihr Übriges. Dazu kommen "Insider"-Informationen der stets wachsenden Schar an gefeuerten Beratern und Regierungsprechern, die ihre eigene Post-Trump-Agenda verfolgen.

Diese ungeheure Flut an Informationen muss jeden Beobachter zermürben. Wenn ein Redakteur das Leak von Montag nachrecherchieren und in eine ordentliche Geschichte packen will, sind Freitag bereits drei weitere bekannt geworden, und niemand interessiert sich mehr für das Leak von Montag. Die gleiche Mechanik wurde Hillary Clinton auch im Wahlkampf zum Verhängnis. Nichts bleibt an Trump kleben, weil die pure Menge an Dreck jede Nuance erstickt.

Dazu kommt, dass in einem Weißen Haus, das dermaßen mit korrupten Günstlingen, inkompetenten Sykophanten, Amateuren und ideologischen Fanatikern vollgestopft ist wie das von Trump, praktisch jede Geschichte eine grundsätzliche Glaubwürdigkeit besitzt. Ein Trump-Wahlkampfmanager gibt betrunken in einer Bar zu, mit den Russen kolaboriert zu haben? Warum nicht? Trumps Schwiegersohn hat Hinterkanäle über Reigerungsorganisationen geöffnet, die sämtliche solchen Vorgänge speichern und überpüfen und ging davon aus, das bleibt geheim? Kein Zweifel. Der Chefredakteur eines rechtsextremen Schmierblatts ist bei wichtigen Telefonkonferenzen mit Wladimir Putin dabei? Durchaus möglich. Solchen Blödsinn hätte man nicht einmal von George W. Bush geglaubt, und "Dubbya" hat die Latte von dummen Entscheidungen im Oval Office wahrlich nicht hoch gehängt.

Aus dem Weißen Haus kommen daher unendlich viele Informationen - das ist das Sieb - ohne dass man deswegen mehr Klarheit in die Vorgänge, die hinter seinen Mauern stattfinden, hätte - das ist das Schwarze Loch. Dieses Paradox ist bisher unzureichend verstanden und stellt den Journalismus vor gigantische Probleme.

Denn auf der einen Seite kann es sich niemand leisten, den größten Klickgenerator unserer Zeit zu ignorieren (was auch zu der inflationären Berichterstattung über seine Tweets führt), und auf der anderen Seite sorgt diese nie endende Berichterstattung mit stets neuen Ereignissen dafür, dass alles zu einem monotonen Gleichklang der Albernheiten wird, in dem es unmöglich ist, Wichtiges von Trivialem zu trennen. Denn noch ein Problem stellt sich Journalisten: sie können Trump und seine Bullshit-Welle auch nicht einfach ignorieren, denn immer wieder sind legitim wichtige Dinge darunter (Obamacare-Repeal, Eskalation mit Nordkorea, Steuerkürzungen, nur als Beispiele). Und häufig sieht man erst im Nachhinein, was davon wichtig ist.

Ich habe daher für mich beschlossen, mich so weit wie möglich zu distanzieren. Ich bin auch kein Journalist, deswegen ist es für mich billig, aus diesem Dilemma auszubrechen. Ich folge Trump auf Twitter nicht mehr und versuche so weit wie möglich seine Tweets und Eskapaden zu ignorieren (nicht, dass das immer gelingen würde). Ich habe die Hoffnung, dass dies den Blick für die wichtigen Themen geöffnet hält, aber die Natur des Schwarzen-Loch-Siebs macht es unmöglich, das sagen zu können.

Das Gleiche gilt auch für die Untersuchung Robert Muellers. Mueller ist ein Profi, und aus seinem Team dringt überhaupt nichts nach draußen. Bisher gab es kein einziges Leak. Da ich nicht hauptberuflich hinterher bin, mich voll in die Russland-Verschwörung einzuarbeiten (und das auch nicht vorhabe), ist es mir unmöglich, irgendetwas der Neuigkeiten, die aus den Ermittlungen über Umwege nach draußen dringen, einzuordnen. Ich halte mich daher mit Aussagen dazu so weit irgendmöglich zurück, bis Mueller selbst an die Öffentlichkeit geht.

Das alles nur als Erklärung, falls irgendjemand sich wundert warum zu diesen Themen praktisch nichts im Blog vorkommt.

Sonntag, 31. Dezember 2017

Die Jugend von heute

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. - Sokrates zugeschriebenes Zitat, um 420 v. Chr.
Mein letzter Artikel hat starke Reaktionen hervorgerufen. Besonders häufig wart dabei eine: die Jugend von heute lerne nicht mehr richtig, beherrsche Rechtschreibung und Formales nicht mehr, kenne nicht den Wert der Disziplin und so weiter und so fort. Diese Argumentationslinie ist uralt. Wenn mich nicht alles täuscht beklagen sich schon auf den ersten sumerischen Keilschriften Schreiberlinge mittleren Alters über die Jugend von heute; zumindest Klagen über die verlotterte Sexualmoral der Frauen und den verderblichen Einfluss von Einwanderern auf dieselbe sind aus Babylon überliefert. Ich möchte an der Stelle in offizieller Funktion Entwarnung geben: The Kids Are Alright, wie es so schön heißt.

Bereits 2013 habe ich detailliert beschrieben, warum die Testergebnisse zu den Rechtschrteibfähigkeiten der Grundschüler falsch interpretiert werden. Ich kann aus der Praxis berichten, dass Rechtschreibung und Formales kein epidemieartiges Problem darstellt. Manche sind besser, manche sind schlechter, ein paar Fehler macht jeder, unleserlich ist nichts. Die Arbeiten, in denen ich Abzug wegen mangelnder Rechtschreibung geben muss, lassen sich an einer Hand abzählen. An dieser Front ist also kein großes Problem.

Gerne wird auch anhand drastischer Beispiele geschildert, welch gewaltige Einbußen es im mathematischen Verständnis gibt. Und zwar ist es wahr, dass hier deutlicher Verbesserungsbedarf gegenüber manchen anderen Nationen besteht, aber gleichzeitig ist es auch wahr, dass diejenigen die glauben, im mythischen "Früher" sei es signifikant besser gewesen, irren. Damals hat nur keiner gemessen.

Auch in Geschichte gab es jüngst eine dramatische Erkenntnis: nur 60% der Schüler wissen etwas mit dem Begriff "Auschwitz" anzufangen! Das klingt erst einmal dramatisch. Nur hatte ein großer Teil der befragten Schüler das Thema noch gar nicht im Unterricht gemacht, und selbst dann ist das Abfragen von "Wofür steht Auschwitz-Birkenau?" keine Messlatte für Wissen über den Holocaust. Nur letzteres wurde nicht gefragt, stattdessen tat man genau das, was das Schulsystem verzweifelt abzustoßen versucht: stures Faktenwissen, ohne zu überprüfen, ob ein kritisches Verständnis existiert. In der Gesamtbevölkerung wissen zudem 87%, für was es steht, was stark darauf schließen lässt, dass die Quote unter Schulabsolventen deutlich höher liegt. Auch hier: keine Panik.

Dieses Muster zieht sich durch alle Fächer und alle Schularten. Die Alarmismen zeugen deutlich häufiger von profunder Unkenntnis über die Funktionsweise des Schulsystems und grundlegende didaktische Konzepte.

Zudem sind die Befürchtungen auch immer dieselben. Sie alle wurzeln in einem Kulturpessimismus, den zu hegen und pflegen das größte Plässier der jeweiligen Elterngeneration darstellt. Arbeitgeber beklagen sich immer über die angeblich unzureichenden Fähigkeiten der Auszubildenden. Die Formen und Moral der Jugend sind immer irgendwie schlechter als früher. Früher wurde immer noch mehr gelerrnt als heute, oder zumindest das richtige. Die Jugend ist immer respektloser als die vorangegangene.

Dabei fällt mir vor allem auf, dass keine Generation je so brav, so angepasst, so konservativ war wie die aktuelle. Die meisten Probleme in der Schule habe ich mittlerweile nicht mehr mit den Schülern, sondern mit deren Eltern. Die Hausordnungsverstöße, die die größten Probleme bereiten, dürften Lehrern vor dreißig, vierzig Jahren als schlechter Witz erschienen sein. Ich erinnere mich noch an meine eigene Schulzeit, wie schwer es Referendare bei uns oft hatten und wie schlecht wir sie behandelten. Selbst von den Klassen mit dem schlimmsten Ruf, bei denen Unterricht wirklich anstrengend war, habe ich im Referendariat stets Unterstützung erfahren, wenn jemand hinten drin saß. Die Schüler von heute sind die nettesten und besten, die es je gab.

Gleichzeitig ist das fachliche Niveau der Lehrer höher als je zuvor, weil die Ausbildung deutlich praxisorientierter und anspruchsvoller ist. Heutige Lehramtsstudenten haben es bereits deutlich schwerer als ich, und ich bin gerade mal 33. Meine Kinder bekommen im Kindergarten eine zielgerichtete und auf empirischer pädagogischer Forschung beruhende Förderung, die zu meiner Zeit völlig unvorstellbar war. Sozialarbeiter kümmern sich um Problemfälle, die früher einfach aus dem System gefallen wären, Inklusion bringt Kinder in das System, die früher in Verwahrungsstätten gepackt wurden. Das wirkt sich auf den Durchschnitt negativ aus, aber für die Gesellschaft ist ein riesiges Plus, das nur in den Spengler'schen Untergangsszenarien der Alten, die von der "Jugend von heute" stöhnen, nicht vorkommt und auch nicht vorkommen darf.

Von daher: die Jugend von heute ist in guter Verfassung. Um sie mache ich mir keine Sorgen. Unsere Gesellschaft erfährt von ganz anderer Seite ihre größte Gefährdung. Diese Seite können die Kritiker der heutigen Jugend jederzeit ausführlich betrachten, wenn sie einfach mal in den Spiegel sehen.

Dienstag, 26. Dezember 2017

Wann kommen endlich Games und Serien in den Bildungsplan?

Es gibt zahllose Felder aus denen ersichtlich wird, dass in den Kultusministerien "Neue Medien" eher als eine kleine methodische Auflockerung, vielleicht gar als ein zweistündiger Methodenschwerpunkt zu Anfang oder Ende des Schuljahrs gesehen werden. Doch diese Passivität gegenüber der Wandlung des kompletten Bildungsbegriffs, der uns ins Haus steht, erstreckt sich nicht nur auf den Methodenteil, wo immer noch viel zu sehr davon ausgegangen wird, dass die OHP-Folie das höchste an medialer Unterstützung ist, was ein Lehrer so gebrauchen kann. Auch in den Bildungsplänen ist eine erschreckende Ignoranz gegenüber medialen Formen zu erkennen. Ich will dies an zwei Beispielen konkret machen: Videospiele und TV-Serien.

Beide finden in der schulischen Welt überhaupt nicht statt, werden eher als frivole Freizeitaktivitäten gesehen, die Zeit von den seriösen Schultätigkeiten abziehen. Der Beschäftigung mit Goethe, Schiller und den Regeln der deutschen Grammatik also. Denn ist das eherne Gesetz aller selbst ernannten Verteidiger von Bildung und Kultur, dass nur ernstgenommen werden kann, was keinen Spaß macht.

Ich weiß dass das überzogen klingt, und natürlich ist es wenigstens in Teilen eine Zuspitzung. Der Bildungsplan enthält ja als einen von vielen Stichpunkten unter "ferner liefen" (nicht abirelevant und daher meist unter den Tisch fallend) auch den Punkt "Filmanalyse". Und wenn man das wenige didaktische Material dazu anschaut, dürfen die Schüler dann auch anhand klassischer Komödien aus den 1970er und 1980er Jahren lernen, welche verschiedenen Kameraeinstellungen es so gibt.

Aber letztlich läuft es darauf hinaus, dass es sich um Nebenaktivitäten handelt, die mehr zähneknirschend aufgenommen wurden, weil es halt der Vollständigkeit halber hineinmuss. Die Vermittlung des klassischen bildungsbürgerlichen Kanons spielt immer noch die erste (und zweite, und dritte) Geige. Ich erinnere mich noch, dass ich während des Referendariats in einer Diskussion um den Nutzen des Lesens von Klassikern im Unterricht verschnupft von der Ausbilderin gebeten wurde, doch noch einmal zu reflektieren, warum ich Deutsch unterrichten wolle, weil ich der Lektüre klassischer Dramen nicht die gebührende Referenz erwies.

Für mich ist es wichtig, dass die Schüler die Möglichkeit bekommen, das ganze theoretische Wissen um Leitmotive, Charakterentwicklung, Dialoganalyse etc. auch praktisch anzuwenden. Und man mag zwar im Philologenverband immer noch dem Leitbild des Matura-Schülers anhängen, der in der väterlichen Bibliothek in seiner Freizeit (Tweetjacket tragend) den ledergebundenen Goethe aufschlägt, aber das geht an der Realität völlig vorbei.

Der mit Abstand größte Kontakt, den die meisten Leute mit Erzählungen haben, ist nicht das gedruckte Buch. Und ich schreibe hier bewusst nicht "Jugendliche" oder "Schüler", denn ist ja nicht gerade so, als ob das später schlagartig besser wäre, nur weil die Leute älter sind. Nein, den meisten Narrativen begegnene die Menschen heute im Fernsehen, und hier zunehmend in Form lang laufender Dramenserien, sowie in Videospielen (noch immer mit stark männlicher Schlagseite, aber das bessert sich langsam).

Es macht daher keinen Sinn, diese "neuen Medien" (die neu zu nennen nach über 30 Jahren auch nur die Berufsneanderthaler fertigbringen) im Unterricht nur als winzigen Nebenaspekt vorkommen zu lassen. Der ständige Bildungssnobismus hat zwar mittlerweile für einige wenige, ausgewählte Filme einen Weg an die Randzone des Bildungskanons erlaubt (Hitchcock!), aber Serien kommen überhaupt nicht vor, und neuere Produkte überwiegend auch nicht. Videospiele, auf der anderen Seite, werden scheinbar nicht einmal als erzählendes Medium wahrgenommen.

Das ist deswegen ein Problem, weil wie zwar in der Schule durchaus erfolgreich Fähigkeiten der Literaturanalyse vermitteln, dieses Wissen aber habituell auf die Klassiker beschränkt bliebt - die kein Schüler je freiwillig in die Hand nimmt (Ausnahme immer der geneigte Leser dieses Artikels, versteht sich). Zuverlässig sind zwei Fragen, die ich jedes Schuljahr bekomme, ob ich die Dinger denn in meiner Freizeit selbst lesen würde und ob irgendjemand die zur Zeit des Autors freiwillig gelesen habe. Es ist völlige Verschwendung, Schülern Methodenwissen an die Hand zu geben, das diese danach nicht wieder gebrauchen können.

Dabei ist das vermittelte Methodenwissen überaus wertvoll, denn es kann Anwendung in den Bereichen finden, in denen die Schüler auch später noch Narrativen ausgesetzt sein werden. Und das sind nach Lage der Dinge Filme, TV-Serien und Videospiele.

Ich unterrichte bereits seit einigen Jahren vergleichsweise umfrangreich Filmanalyse im Rahmen des Deutsch-Unterrichts. Ich benutze zudem Filme gerne als Beispiele, um literarische Konzepte deutlich zu machen. Beides hat nichts mit zu geringen Ansprüchen an das fachliche Niveau zu tun. So eignet sich kaum etwas so sehr wie Filme, um den Unterschied zwischen "Was geschieht?" und "Worum geht es?" deutlich zu machen, also die Abgrenzung zwischen einer Inhaltsangabe und einer Interpretation.

Ein Beispiel: Im Film "The Avengers" geschieht, dass Loki sich eines mächtigen Artefakts versichert und im Bündnis mit einer außerirdischen Macht die Erde zu unterwerfen versucht, was ein Team von Superhelden verhindern muss. Es geht darum, dass man seine eigenen Egoismen und Vorurteile überwinden und lernen muss, im Team zu arbeiten.

"The Avengers" ist sicherlich nicht gerade hohe Kunst, aber es eignet sich beispielhaft, um Konzepte deutlich zu machen. Dafür brauche ich aber keine spezifischen Methoden oder Bildungsplaninhalte, das kann ich in einem kurzen Kommentar erklären. Viel relevanter ist, solcherart erworbenes Methodenwissen, das die Schüler im Allgemeinen auf "Faust" oder den "Steppenwolf" anwenden müssen, auch auf Filme oder TV-Serien anzuwenden. Das hat zwei Effekte.

Effekt 1 ist, dass die Schüler in die Lage versetzt werden, tiefere Bedeutungsebenen solcher Medien überhaupt zu erschließen. Ein von mir jährlich aufs Neue beobachteter Effekt ist, dass sie überhaupt nicht auf die Idee kommen, diese an klassischer Literatur erschlossenen Fähigkeiten auch auf andere Bereiche anzuwenden (das betrifft im Übrigen auch in der Freizeit konsumierte Belletristik). Das aber bedeutet häufig, dass die Schüler rein passive Konsumenten der jeweiligen Medien bleiben. Selbst bei vergleichsweise einfachen, massentauglichen Werken bleibt die Rezeption üblicherweise auf das Verständnis des Plots beschränkt.

Effekt 2 ist, dass die Schüler in die Lage versetzt werden, gute Werke von schlechten zu unterscheiden. Wie bei jedem anderen Unterhaltungsmedium auch - ob Bücher, Popmusik, Spiele - sind 90% aller veröffentlichten Produkte entweder schlecht oder harmlose Massenware, die keine höheren Ziele als reinen Eskapismus verfolgen. In der Lage zu sein, die restlichen 10% zu erkennen und als das zu genießen, was sie eigentlich sind, ist eine zweite wichtige Fähigkeit, die im Rahmen des normalen Unterrichts überhaupt nicht erschlossen wird, weil der immer auf absoluter Hochkultur beschränkt bleibt statt sich in die Niederungen der (anspruchsvollen) Popkultur zu begegeben.

Und das ist ein wichtiger Punkt: es geht nicht um Arthouse-Filme, Stummfilmklassiker oder solche Dinge. Ich rede von völlig normalen Blockbustern und Serienerfolgen. Aber es gibt eben einen Unterschied zwischen der neuesten Adam-Sandler-Komödie und "Star Wars: The Last Jedi". Es gibt einen Unterschied zwischen "Big Bang Theory" und "Breaking Bad".

Ich konnte den Erfolg dieser Maßnahmen letzte Woche live verfolgen. Ich war mit drei Klassen auf Exkursion im Kino (Star Wars: The Last Jedi, englische Originalversion), und wir haben den Film danach im Unterricht besprochen. Zwei der drei Klassen habe ich seit drei Jahren in Deutsch, die dritte gar nicht. Auf meine Frage, worum es ging (Antwort hier), konnte letztere keine Antwort geben. Die Idee, die im Deutschunterricht gelernten Fähigkeiten auf den Kinobesuch anzuwenden, kam ihnen gar nicht. Für sie bestand eine klare Trennung zwischen dem Kinobesuch - der fast schon unter Freizeit verbucht wurde - und Unterricht.

Die Klassen, mit denen ich das schon länger trainiere, konnten sofort diverse gute Antworten geben. Effektiv sahen sie einen anderen Film. (Ein ehemaliger Abiturient erzählte mir kürzlich, dass er und sein Freund seit der Besprechung im Unterricht keine schlechten Serien oder Filme mehr sehen könnten, ohne dass es ihnen sofort auffiele. Mission erfolgreich. :))

Noch wesentlich ausgeprägter sind die beschriebenen Effekte bei Videospielen. Das Medium ist jünger, und es richtet sich (noch) an ein jüngeres Zielpublikum, weswegen es noch seltener als Filme oder Serien in anspruchsvolles Territorium vorstößt. Die Idee, Videospiele überhaupt als narrative Medien zu begreifen - anstatt die erzählte Geschichte als rein verbindendes Element für die Gameplay-Sequenzen zu sehen - kommt den meisten Konsumenten gar nicht.

Effekt 1 ist daher häufig selbst bei bestem Willen schlicht nicht erreichbar. Effekt 2 dagegen ist umso gewichtiger.

Denn wie bei Filmen und Serien auch kann ein höheres Niveau nur dann erreicht werden, wenn die Konsumenten dies einfordern, und einfordern können sie es nur, wenn sie wissen, was ihnen bisher fehlt.

Die ständige bewusste Trennung zwischen komplexer, analysewürdiger Hochkultur auf der einen Seite, die für die meisten Schüler (und späteren Erwachsenen) untrennbar mit "Schule" verbunden wird, und der auf reinen eskapistischen Konsum ausgelegten Populärkultur auf der anderen Seite, die in der Schule allenfalls als Belohnung nach einer Klausur oder zum Zeittotschlagen vor den Ferien benutzt wird, zerstört jegliche Möglichkeit, Effekt 2 auf breiter Basis zu erreichen.

Es ist daher notwendig, dass sich die Schule diesen Werken ebenfalls annimmt und den Schülern eine völlig neue Welt der Rezeption von Popkultur öffnet. Dazu ist es auf der einen Seite nötig, die snobistischen Vorbehalte gegen die Popkultur loszuwerden. Das ist die Aufgabe der Lehrer. Dazu ist es auf der anderen Seite nötig, die Vorstellung loszuwerden, das in der Schule gelernte sei anrüchig und dürfe keinesfalls in die Freizeit vordringen. Das ist die Aufgabe der Schüler.

Freitag, 22. Dezember 2017

Bücherliste 2015/17

Bücher sind der Schlüssel zur Welt, und es gibt praktisch unendlich viele davon auf der Welt, und jedes Jahr kommen neue hinzu. Da das Leben kurz ist, möchte man nicht unbedingt mehrere Bücher anfangen und irgendwann feststellen, dass sie Mist sind und man bisher seine Zeit verschwendet hat. Andererseits ist es oft schwer, an gute Ideen für neue Bücher heranzukommen, wenn man sie nicht gerade durch Zufall findet. Ich stelle daher hier meine Bücherliste 2015/17 (letztes Jahr vergessen eine zu schreiben wie es aussieht) vor, die zwar nicht alle Bücher enthält, die ich in diesem Zeitraum gelesen habe, aber alle, die ich guten Gewissens weiterempfehlen kann. Vielleicht findet ja jemand etwas Interessantes darin. Die meisten Bücher habe ich auf Englisch gelesen; wo vorhanden, habe ich Links auf die deutschen Versionen beigefügt. Alle Links führen direkt zu Amazon, und wer die Bücher über diese Links bestellt sorgt dafür, dass ein kleiner Teil des Preises von Amazon an mich geht. Kapitalismus!

Die Rosahelllau-Falle - Für eine Kindheit ohne Rollenklischees
Sehr empfehlenswertes Buch zum Grundproblem der Gender-Normierung bei Kindern. Beschäftigt sich mit unbewussten Klischees, ein bisschen Hirnforschung, dem Einfluss von Werbung, viel Kindergarten, Peer-Groups und so weiter. Ist gut geschrieben und schnell gelesen sowie sauber recherchiert (mitsamt Fußnoten und Quellenapparat). Als Einstieg in die Thematik absolut zu empfehlen.
Postwar - Die Geschichte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg
Tony Judts Europäische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg ist ein absolutes Standardwerk. Das Grandiose ist, dass er seine Betrachtungen jeweils östlich und westlich des Eisernen Vorhangs macht und nicht eine westzentrierte Geschichte aufzieht. Auch Südeuropa wird ausführlich besprochen, so dass tatsächlich eine gesamteuropäische Geschichte entsteht. Das Buch ist allerdings nichts für Einsteiger; Judt setzt ein gewisses Grundlagenwissen voraus.
The Rise and Fall of American Growth
Dieses hervorragende Buch untersucht die Entwicklung des amerikanischen Lebensstandards von 1870 bis 1970. Das Buch ist vollgepackt mit Informationen, die man in politischen Überblickswerken nicht findet - vom Wandel der Wohnbedingungen über den Wandel der Esskultur zum Siegeszug des Automobils ist alles dabei. Absolute Empfehlung, sollte man gelesen haben!
The Storm before the Storm
Der durch seine Podcasts berühmt gewordene Mike Duncan hat sein erstes Buch vorgelegt, in dem er die Vorbedingungen für den Aufstieg von Pompeius, Crassus und Caesars erklärt, also die Geschichte vom Ende des Zweiten Punischen Kriegs bis zu Sulla. Packend geschrieben, sauber recherchiert, mit gutem Problembewusstsein, kann nur empfohlen werden.
We Were Eight Years in Power
Ta-Nehisi Coates' acht große Essays aus den acht Regierungsjahren Obamas sind hier zusammengefasst. Vor jedem Essay steht eine Betrachtung Coates' aus heutiger Sicht, in der er sehr selbstkritisch mit sich selbst, seinen Thesen und der Frage, ob sie sich gehalten haben, ins Gericht geht. Wer die USA der letzten acht Jahre aus Sicht der afroamerikanischen Bevölkerung verstehen will kommt um dieses absolut grandiose Werk nicht herum.
What Happened Ich habe Hillary Clintons Rückschau auf den Wahlkampf 2016 bereits im Blog rezensiert.
Leviathan Wakes (The Expanse 1) - Leviathan Erwacht (The Expanse 1)
 "The Expanse" ist eine Science-Fiction-Serie von zwei unter Pseudonym James S. A. Corey schreibenden Autoren, die mittlerweile von Netflix in einer sehr sehenswerten Serie adaptiert wurde. Die Bücher sind ebenfalls lesenswert. Im ersten Band wird die Geschichte der Entdeckung einer außerirdischen Lebensform und dem Konflikt darüber durch die verschiedenen Machtgruppen des mittlerweile kolonisierten Sonnensystems erzählt.
Caliban's War (The Expanse 2) - Calibans Krieg (The Expanse 2)
Calibans Krieg ist deutlich politischer als Leviathan Erwacht und befasst sich überwiegend mit den Nachwehen und der Auflösung der Ereignisse aus dem ersten Buch. Der Konflikt zwischen Erde und Mars spielt eine Hauptrolle.
Abaddon's Gate (The Expanse 3) - Abaddons Tor (The Expanse 3)
In Abaddons Tor entdeckt die Menschheit ein Tor zu den Sternen, aber bevor sie es nutzen kann, muss sie sowohl seinen Sicherheitsmechanismus überwinden als auch interne Konflikte lösen.
Drift: The Unmooring of American Military Power
Rachel Maddow, die berühmte MSNBC-Moderatorin, hat in diesem kleinen Büchlein eine großartig knappe und informative Zusammenfassung der US-Sicherheitspolitik dargelegt. Anschaulich stellt sie dar, wie das Pendel zwischen Kongress und Präsident hin- und herschwingt und wie die Versuche, das Militär unter ziviler Kontrolle zu belassen, immer wieder aufgeweicht werden.
A Feast for Crows (ASOIAF 4) - Zeit der Krähen und Die Dunkle Königin
 Ich lese "Das Lied von Eis und Feuer" im Allgemeinen mehrmals jährlich. Wer es noch nicht kennt sollte es dringend lesen, daher hier vor allem die Links. :)
Between the World and Me -Zwischen Mir und der Welt
Ta-Nehisi Coates' berühmtes Essay in Form eines Briefs an seinen Sohn gibt einen faszinierenden Einblick in die Lebenswirklichkeit des schwarzen Amerika und ist grandios geschrieben. 
A Storm of Swords (ASOIAF 3) - Sturm der Schwerter und Königin der Drachen
Ich lese "Das Lied von Eis und Feuer" im Allgemeinen mehrmals jährlich. Wer es noch nicht kennt sollte es dringend lesen, daher hier vor allem die Links. :)
Twilight of the Elites
 Chris L. Hayes, der bekannte Moderator der MSNBC-Talkshow "All In With Chris Hayes" hat 2012 dieses mehr als empfehlenswerte Buch geschrieben. Er betrachtet darin wie sich die Elite der US immer mehr abkapselt und inzestuös vermehrt und keine Neuzugänge mehr zulässt. Viele seiner Beobachtungen waren ihrer Zeit weit voraus, und liest man sie mit dem Wissen um den Wahlkampf 2016, so kann man vor Hayes' analytischem Scharfblick nur den Hut ziehen.
A Clash of Kings (ASOIAF 2) - Der Thron der Sieben Königreiche und Die Saat des Goldenen Löwen
Ich lese "Das Lied von Eis und Feuer" im Allgemeinen mehrmals jährlich. Wer es noch nicht kennt sollte es dringend lesen, daher hier vor allem die Links. :)
A Game of Thrones (ASOIAF 1) - Die Herren von Winterfell und Das Erbe von Winterfell
Ich lese "Das Lied von Eis und Feuer" im Allgemeinen mehrmals jährlich. Wer es noch nicht kennt sollte es dringend lesen, daher hier vor allem die Links. :)
Audacity: How Barack Obama defied his critics and remade America
Jonathan Chait legte mit diesem Buch im Januar 2017 die definitive Obama-Fanboy-Abrechnung vor und zeigt dem aufgeschlossenen Leser, dass Obama tatsächlich einer der größten Präsidenten aller Zeiten ist und dass viele seiner historischen Errungenschaften auch von Trump nicht zurückgedreht werden können. Ein Hoffnungstropfen für enttäuschte Liberale.
 Dynasty: The Rise and Fall of the House of Caesar - Dynastie: Glanz und Elend der römischen Kaiser von Augustus bis Nero
Tom Hollands Bücher über die römische Geschichte zeichnen sich durch ihren ganz eigenen, hypnotischen Stil aus. Holland ist ein Meister der historischen Erzählung und vermag es, die alten Quellen überaus lebendig wiederzugeben - nur um dann kunstvoll Zweifel darüber zu sähen, wie viel davon wir eigentlich tatsächlich glauben können.
Strategy: A History
Dieses Standarkwerk von Oxford History ist ungeheur trocken, aber wer sich für das Thema interessiert - Strategie wird taktisch und strategisch aus militärischer Sicht, aber auch politisch und wirtschaftlich untersucht - bekommt von Aristoteles bis heute einen umfassenden Überblick über strategische Theorie.
Poor Economics: A Radical Rethinking of the Way to fight Poverty - Poor Economics: Plädyoer für ein neues Verständnis von Armut
Absolut empfehlenswertes Werk zur Entwicklungspolitik, das tatsächlich radikal andere Ansätze geht und vor allem mit Empirie untersucht, ob Maßnahmen erfolgreich sind und der Frage nachgeht, welche Maßnahmen in der Kosten-Nutzen-Relation am besten sind und warum Menschen eigentlich arm sind. Besonders faszinierend sind die Kapitel, die sich mit dem ökonomischen Entscheidungsverhalten von Armen befassen - und die einen selbst die eigene Position in einer entwickelten Gesellschaft mit ganz anderen Augen sehen lassen.
Empire of Liberty: A History of the Early American Republic
Dieser Band aus der Reihe "Oxford American History" befasst sich mit dem Ende des 18. Jahrhunderts, als die USA zwar ihre Unabhängigkeit gewonnen hatten, das Ergebnis ihres Experiments aber auf Messers Schneide stand. Der Buchtitel ist dabei durchaus ambivalent zu verstehen, denn natürlich waren bei weitem nicht alle Menschen in diesem neuen Reich frei.
American Maelstrom
Der Autor Michael Cohen legte pünktlich zur Wahl 2016 dieses packende Übersichtswerk vor, in dem er die politischen Geschehnisse des "wilden Jahrs" 1968 in der amerikanischen Politik betrachtet. Die Ähnlichkeiten mit den Entwicklungen von 2016, besonders was die Polarisierung beider Lager und den Aufschwung des Rassismus' angeht, sind tatsächlich faszinierend wie ominös. Cohen versteht sich aber auch darauf die Unterschiede herauszuarbeiten und zu zeigen, wo die Ereignisse von 1968 keine Relevanz für heute aufweisen und erweist sich auch als Legendenzerstörer, wenn er sich etwa mit der Kandidatur Bobby Kennedys befasst. Für einschlägig Interessierte ein absolutes Muss.
Restless Giant: The US from Watergate to Bush v Gore
Ein weiterer Teil der Oxford American History, das sich mit der jüngeren amerikanischen Geschichte beschäftigt. Die Werke zeichnen sich generell durch ihre wissenschaftlich saubere Argumentation und gute Recherche aus, die praktisch völlig frei von Vorurteilen bleibt und beide Seiten der Debatte darstellt, wo es eine Debatte gibt. Die Werke sind daher für Einsteiger in die US-Geschichte hervorragend geeignet.
 Mockingjay - Tribute von Panem: Flammender Zorn (Teil 3)
Der dritte Teil der Tribute von Panem ist der mit Abstand fesselndste und verstörendste der Reihe. Wenn man bedenkt, dass es sich hier um ein Jugendbuch handelt, geht Autorin Suzanne Collins wahrhaft mutige Wege mit ihrer Geschichte und der Hauptperson Katniss. Die Leitmotive und Themen des Buchs - von Kollektivismus vs. Individualismus, von Grenzen der Moral zu PTSD ist alles enthalten - sind schwer verdaulich und fordern den Leser heraus, selbst wenn seine Jugend schon länger zurückliegt.
Catching Fire - Tribute von Panem: Gefährliche Liebe (Teil 2)
Der zweite Teil der Tribute von Panem überrascht mit einigen deutlichen Wendungen, die das Buch klar von der klischeebeladenen Resterampe der Jugendromane abheben, die die Regale der Buchläden überlastet. Absolut lesenswert, auch für Erwachsene.
Grand Expectations: The US, 1945-1974
Ein weiterer Teil der Oxford American History, das sich mit der jüngeren amerikanischen Geschichte beschäftigt. Die Werke zeichnen sich generell durch ihre wissenschaftlich saubere Argumentation und gute Recherche aus, die praktisch völlig frei von Vorurteilen bleibt und beide Seiten der Debatte darstellt, wo es eine Debatte gibt. Die Werke sind daher für Einsteiger in die US-Geschichte hervorragend geeignet.
Freedom from Fear: The American People in Depression and War, 1929,1945
Ein weiterer Teil der Oxford American History, das sich mit der amerikanischen Geschichte beschäftigt. Die Werke zeichnen sich generell durch ihre wissenschaftlich saubere Argumentation und gute Recherche aus, die praktisch völlig frei von Vorurteilen bleibt und beide Seiten der Debatte darstellt, wo es eine Debatte gibt. Die Werke sind daher für Einsteiger in die US-Geschichte hervorragend geeignet.
Fateful Choices: Ten Decisions that Changed the Course of History
Ian Kershaw zeigt in diesem Buch zehn schicksalhafte Entscheidungen der Jahre 1940 und 1941, die den Verlauf des Zweiten Weltkriegs und damit der modernen Menschheitsgeschichte entscheidend prägen. Von Churchills Entscheidung weiterzukämpfen zu Hitlers Angriff auf die Sowjetunion zu Pearl Harbor und der deutschen Kriegserklärung an die USA sind alle relevanten Punkte enthalten. Was das Buch so faszinierend und informativ macht ist, dass Kershaw einerseits die Entscheidungsprozesse und beteiligten Personen/Standpunkte nachzeichnet als auch andererseits die Alternativen aufzeigt, die existiert hätten, wodurch der Leser ein Tiefenverständnis der Entscheidungen erreicht.
The World of Ice and Fire - Die Welt von Eis und Feuer
Für Fans der "Lied von Eis und Feuer"-Reihe bietet dieses wunderschön gestaltete, vollfarbige Buch eine wahre Fundgrube nerdiger Informationen. Nicht ganz so voll gepackt wie das Silmarillion, aber dafür deutlich lesbarer ist es für alle Fans ein Muss.
From Colony to Superpower: US Foreign Relations
 Dieses Buch befasst sich, wie der Titel schon sagt, mit der Geschichte der amerikanischen Außenpolitik. Der Autor schafft es dabei außerordentlich gut, verschiedene Phasen herauszuarbeiten und zu zeigen, wie sich die Prämissen der US-Außenpolitik änderten.
The Glorious Cause: The American Revolution
 Ein weiterer Teil der Oxford American History, das sich mit der amerikanischen Geschichte beschäftigt. Die Werke zeichnen sich generell durch ihre wissenschaftlich saubere Argumentation und gute Recherche aus, die praktisch völlig frei von Vorurteilen bleibt und beide Seiten der Debatte darstellt, wo es eine Debatte gibt. Die Werke sind daher für Einsteiger in die US-Geschichte hervorragend geeignet.
The Hunger Games - Tribute von Panem: Tödliche Spiele (Teil 1)
 Ich hatte das Buch ursprünglich nur gelesen, weil ich es mit einer achten Klasse im Unterricht besprechen wollte. Ich kannte den Film und fand ihn sehr unterwältigend, aber das Buch ist wirklich deutlich besser. Hervorragend geschrieben und voller Motive, Charakterentwicklungen und wichtiger Themen ist es sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene absolut empfehlenswert.
A Knight of the Seven Kingdoms - Der Heckenritter: Das Urteil der Sieben
George R. R. Martin schrieb nicht nur die herausragende "Das Lied von Eis und Feuer"-Buchserie und den oben vorgestellten Welt-Band, sondern auch drei Novellen, die in der Welt spielen. Absolut lesenswert, sollte man sich unbedingt anschaffen. Die Bücher sind auch als Comics verfügbar.
What Hath God Wrought: The Transformation of America 1815-1848
 Ein weiterer Teil der Oxford American History, das sich mit der amerikanischen Geschichte beschäftigt. Die Werke zeichnen sich generell durch ihre wissenschaftlich saubere Argumentation und gute Recherche aus, die praktisch völlig frei von Vorurteilen bleibt und beide Seiten der Debatte darstellt, wo es eine Debatte gibt. Die Werke sind daher für Einsteiger in die US-Geschichte hervorragend geeignet.
Erzählmirnix Fettlogik überwinden
Über dieses Buch und seine Wirkung auf mich habe ich bereits im Blog geschrieben.
Das Versagen der Intellektuellen: Eine Verteidigung des Konsums gegen seine deutschen Verächter
 Ein in Deutschland immer wieder auftretendes Thema ist die traditionell konservative Konsumfeindlichkeit. Das Buch ist leider alles andere als packend geschrieben, aber das Thema selbst scheint mir wichtig genug, es in die Liste hier aufzunehmen.
Mad Men Carousel
Matt Stoller Seitz ist einer der profiliertesten Film- und Fernsehkritiker unserer Zeit, und Mad Men ist eine der besten je gemachten Serien. Wer an gut geschriebener Analyse zu jeder einzelnen Mad-Men-Folge interessiert ist, sollte sich unbedingt dieses Buch besorgen.
Die Deutsche Frage und das Europäische Staatensystem 1815-1871
 Anselm Doering-Manteuffel hat in diesem Klassiker eine gute Übersicht zur Wechselbeziehung zwischen den europäischen Staaten und der Entstehung (oder Nicht-Entstehung) eines deutschen Nationalstaats geschrieben.
 Breaking Bad 101
Alan Sepinwall, der Großmeister der Serienanalyse und -kritik, hat ein Begleitbuch zu einer der besten Serien aller Zeiten, Breaking Bad, geschrieben. Jede einzelne Folge wird analysiert. Für jeden Fan sollte das ein Pflichtkauf sein.
 Ordnung durch Terror
Diese Gemeinschaftsarbeit von Jörg Baberowski und Anselm Doering-Manteuffel vergleicht die nationalsozialistische und kommunistische Gewaltherrschaft in Osteuropa und arbeitet heraus, wie sich beide gegenseitig bedingen, wo ihre Unterschiede und wo ihre Gemeinsamkeiten liegen. Kurz und knapp, gut geschrieben und absolut lesenswert, setzt aber gewisse Grundkenntnisse voraus.
Ohne Schulden läuft nichts
 Thomas Strobls Klassiker liest sich heute noch so flott wie bei seinem Erscheinen, auch wenn einige seiner Beispiele mittlerweile veraltet sind. Als Übersicht über den Themenkomplex "Schulden" und Ideenanstoß bleibt es weiterhin spannend, auch wenn Strobl sich mittlerweile etwas davon distanziert.
Legionär in der Römischen Armee: Der ultimative Karriereführer
Ein absolut grandioses Buch. Im Stil eines Karrieführers geschrieben erklärt es die einzelnen Stationen eines Legionärs, von der Anwerbung zur Ausrüstung hin zu den einzelnen Gliederungen und einer Empfehlung, wohin man sich am besten versetzen lässt. Auf die Art bekommt man Arbeitsweise und Alltag der Legionen super anschaulich erklärt. Von dieser Art Buch sollte es für andere Epochen noch deutlich mehr geben. Ich habe es schon mehrmals gelesen, ein absoluter Genuss.

Sonntag, 17. Dezember 2017

Toxische Feminität - Eine Begriffsklärung

Von Stefan Sasse und Ariane

Da vor einer Weile der Begriff der toxischen Maskulinität Thema im Blog war, haben wir uns auch einmal bestimmtes, erlerntes Verhalten bei Frauen angesehen, das wir dementsprechend als toxische Feminität bezeichnen. Auch hier soll es keinesfalls darum gehen, dass Frauen generell bösartiger oder Männer die besseren Menschen wären, sondern wir beziehen uns auf bestimmte Verhaltensweisen, die sowohl gegenüber Frauen als auch Männern toxisch wirken können. Da der Begriff toxische Feminität bisher in Wissenschaft und/oder Literatur noch nicht eindeutig definiert ist, haben wir versucht, uns dem anzunähern.


Wir haben dabei eine Reihe von Verhaltensweisen ausgemacht, die wir als “toxisch” betrachten, weil sie einer Gleichheit zwischen den Geschlechtern im Weg stehen und/oder schädliche Auswirkungen für beide Geschlechter haben. Einige dieser Verhaltensweisen sind direkte Spiegelbilder dessen, was Stefan in seinem Artikel zur toxischen Maskulinität beschrieben hat, gewissermaßen die andere Seite der Medaille. Mit diesem Vorwort genug nun in medias res!

Wie auch bei Männern werden eine Reihe toxischer Stereotype vor allem in der Popkultur reproduziert und beständig an die Konsumenten ausgesandt. Serien wie “Sex and the City”, “Desperate Housewives”, “Gossip Girl” und viele mehr glorifizieren die oberflächliche Existenz als Konsumenten einer Luxusgüterindustrie. Das ist soweit erst einmal kein Problem - jede kann mit ihrem Geld machen was sie will - aber was all diese Serien gemeinsam haben ist, dass das beständig für Luxus-Mode ausgegebene Geld eben nicht das eigene ist, sondern das der Väter (in den Jugendserien) oder das der Ehemänner (in den Serien für Erwachsene).

Dadurch wird das Bild verfestigt, dass das Lebensziel von Frauen die Heirat mit einem Erfolgsmann sein muss, den man dann so wenig sieht, dass man Befriedigung anderweitig suchen muss. In diesem Kontext wird auch die Benutzung von Sex als Waffe (Serien wie “Gossip Girl”) oder Werkzeug (die meisten) normalisiert, wodurch die Idee, dass Männer sich den Sex durch das gemeinsame Haushaltskonto quasi “erkaufen” und einen Anspruch darauf haben legitimiert wird und gleichzeitig die Idee einer gleichberechtigten, gesunden Partnerschaft hintertrieben wird.

Ein weiteres Merkmal von Frauenfilmen oder -serien ist, dass Beziehungen absolut im Vordergrund stehen. Meist handelt es sich um Liebesbeziehungen, die Suche nach dem richtigen Mann und wenn dieser gefunden ist, die Frage, wie man eine glückliche Beziehung führt. Wie erwähnt gerne dadurch verkompliziert, dass der männliche Love-Interest ein gefährliches Geheimnis hat. Aber auch andere Beziehungen wie zwischen guten Freundinnen oder Kinder und Eltern nehmen häufig sehr viel Raum ein. Alles in allem hat es desöfteren große Ähnlichkeit mit dauerhaften Therapiesitzungen.

Auch hier ist “Sex and the City” ein typisches Beispiel: Vier unterschiedliche Freundinnen in New York erleben viele Irrungen und Wirrungen in Liebesdingen und verbringen viel Zeit mit Shopping und Parties. Zwar sind alle vier auch noch berufstätig und Miranda hat sogar Mann und Kind, aber das spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ebenfalls dazu zählt "Gilmore Girls" , auch hier geht es vornehmlich um Beziehungen. Im Mittelpunkt stehen Mutter und Tochter, und wenn gerade kein Liebesdrama in Sicht ist, geht es um die Beziehung untereinander oder die Wirren zwischen Tochter, Mutter und Großeltern.

Ebenfalls beliebt ist die Variante, dass ein geheimnisvoller, gefährlicher Kerl auf eine normale Frau trifft und sich daraufhin eine höchst komplizierte Liebesgeschichte entspinnt. Manchmal handelt es sich um den Teufel höchstselbst (Lucifer) oder einen Vampir (Twilight/Vampire Diaries) oder einen normalen Mann mit einem Hang zu Sadomasochismus (50 Shades of Grey) und ihnen gemein ist, dass man aus solch problematischen Paaren durchaus Beziehungsdramen über mehrere Filme oder Serienstaffeln basteln kann.

Sehen wir uns dagegen allgemeine Serien oder meinetwegen Männerserien an, treten Frauen oftmals in den Hintergrund. Im Mittelpunkt stehen meist die Männer, die einer bestimmten Aufgabe oder Funktion nachgehen. Da gibt es zum Beispiel das anstrengende Superheldendasein oder die neue Karriere als Drogenproduzent, Geisterjagd, Verbrechensbekämpfung oder andere furchtbar wichtige Dinge. Die Frauen werden hier oftmals als emotionale Komponente gebraucht. Als Vertraute, mit dem sich der Held austauschen kann oder noch häufiger als Love Interest, die dann häufig in Gefahr schwebt und gerettet werden muss.

Hier ist in letzter Zeit zwar einiges in Bewegung geraten, allerdings wirkt vieles noch wie eine Suche nach der "richtigen Frauenrolle". Ein interessantes Mischbeispiel ist die Superheldin “Jessica Jones” Der Charakter ist durchaus cool und tough angelegt, was sich durch eher toxisch männliches Verhalten wie Griesgrämigkeit, exzessives Trinken und Gewaltausbrüche ausdrückt, während die Haupthandlung, während sich die Haupthandlung eher an Beziehungen und ihren Problemen entlanghangelt und Weltrettung kaum eine Rolle spielt.

Frauen und Männer werden als grundsätzlich inkompatible Wesen dargestellt, mit jeweils eigenen, arkanen und unprenetrierbaren sozialen Zirkeln und Ritualen, die sich nur gelegentlich und häufig geschäftsmäßig und wenig erfüllend überschneiden. Die Mystifizierung der Frau als unbekanntes, rätselhaftes Wesen erhält so ihre zeitgenössische Form - als ausgeleierter Topos ist sie aber in der Literatur bekannt, seit Menschen die ersten Zeichen in Steine ritzten.

Nun kann naturgemäß nur eine kleine Schicht von Frauen sich ihre Gleichberechtigung durch Luxuskonsum abkaufen lassen, weil nur eine winzige Minderheit von Männern in der Lage ist, das entsprechende Einkommen zu generieren. In kleinem Maßstab reproduziert sich dieses Bild aber in der Mehrheit der Beziehungen. So geben Frauen im Alltag sechs von sieben Euro in jedem Haushalt aus.

Darunter fällt selbstverständlich der Löwenanteil der Haushaltsausgaben, etwa für die Lebensmitteleinkäufe und Ähnliches. Im Allgemeinen entscheiden die Männer nur über die großen Ausgaben (neuer Fernseher, Auto, etc.), das dann aber häufig im Alleingang. Doch was hat das alles mit toxischer Femininität zu tun?

Die klassische Rollenzuschreibung - Männer gehen zur Erwerbsarbeit, Frauen machen die Hausarbeit - wird durch Frauen in toxischen Wegen gefestigt und legitimiert, sowohl gegen Geschlechtsgenossinnen als auch gegen Männer.

Frauen neigen dazu, Hausarbeit und Kindeserziehung als “ihre” Domäne erbittert zu verteidigen. In diesem Zusammenhang werden die Fähigkeiten von Männern in beiden Bereichen konstant heruntergemacht, eine Zuschreibung, die Männer allzu gern akzeptieren, weil sie sie von viel Arbeit und Verantwortung befreit. Gleichzeitig verweigern sich viele Frauen häufig typisch männlichen Haushaltsaktivitäten und erwarten diskussionslos, dass der Mann diese erledigt, wie zum Beispiel Glühbirnenwechsel, Tragen schwerer Gegenstände oder Autopflege.

Ein besonders toxisches Phänomen ist dabei die Kindeserziehung. Nirgendwo sonst verteidigen Frauen “ihre” Domäne so aggressiv als “Frauensache”, mit dem Resultat, dass sich Väter jahrzehntelang völlig aus der Erziehung wenigstens in den frühen Jahren herausgenommen haben. Zumindest in den ersten sechs Lebensjahren ist die überwältigende Zahl der Bezugspersonen für Kinder weiblich: entweder weil sie bei Mama zuhause sind, oder weil sie in den Kindergarten gehen, in dem immer noch weit über 90% des Personals weiblich sind. Dadurch verpassen sie jede Chance, positive Männerbilder kennenzulernen; der eigene Vater ist oft bestenfalls an Abenden und Wochenende präsent, und viel zu häufig nicht einmal das. Die Zahl der Autobiographien, die die Abwesenheit von Vätern und männlichen Vorbildern generell thematisiert, ist Legion.

Wenig überraschend, dass Jungen wie Mädchen irgendwann selbst auf die Suche nach Identitikationspersonen gehen - und dann von der Popkultur das bereits beschriebene toxische Männlichkeitsbild vorgesetzt bekommen, dem sie dann nachzueifern versuchen (Jungen) oder auf das sie sich präventiv einstellen (Mädchen), oftmals durch Appropriation genau jener toxischen Verhaltensweisen, die bereits weiter oben beschrieben worden sind.

Diese aktive Rollenzuschreibung wird noch durch die Tendenz verstärkt, weibliche Hilflosigkeit zu fetischisieren. Das fängt bei der Mode an, die bewusst unpraktisch gestaltet ist (sowohl für das Ausführen irgendwelcher körperlicher Tätigkeiten als auch oft genug für die Witterungsbedingungen) und zwingend Hilfe erforderlich macht; so beinhaltet die perfekte Abendgarderobe für Frauen Schuhe, die stets einen stützenden Männerarm erforderlich machen und keine Jacke, so dass er bei Kälte ritterlich das Jacket leihen kann. Die dringende Notwendigkeit eines "Beschützers" in allen Lebenslagen gehört ebenfalls zum Problemkomplex. Nicht nur in Hollywood erwarten Frauen von "ihrem" Mann, dass er sie gegen echte oder eingebildete Flirtversuche verteidigt - und fördert damit wiederum Machoverhalten, Gewaltaffinität und männliche Dominanz.

Damit einher geht der beständige Anspruch, beurteilen zu können - und dauernd zu müssen! - was "echte" Männlichkeit ist und was nicht. Denn die heteronormative Durchsetzung dieser Standards gegenüber Geschlechtsgenossinnen richtet sich natürlich auch an Männer, denen abverlangt wird, einem bestimmten Klischee zu entsprechen, um als attraktiv zu gelten. Toxische Femininität schafft sich so selbst die anschließend wortreich bejammerte Falle, dass zwar attraktive, aber unfreundliche, unsensible oder sogar gewalttätige Partner gefunden werden (dass diese Kritik auch aus der mysogenen Nerd-Ecke kommt, macht die Sache nicht einfacher).

Doch auch auf die langfristigen Beziehungen zwischen Männern und Frauen selbst hat die ständige Herabsetzung der männlichen Haushalts- und Erziehungsfertigkeiten nachhaltigen, negativen Einfluss. Die künstliche Spaltung des Alltags in eine “weibliche” Domäne im Haus, wo die Frau “die Hosen anhat” und als unumschränkter Diktator herrscht und dem Mann allenfalls kleine Räume zur Selbstverwirklichung zuspricht (die klischeebeladene Garage aus der amerikanischen Vorstadt oder die Man-Cave im Keller), und der “männlichen” Domäne der äußere Welt, in der die Frau allenfalls als präsentables Accessoire auftritt, sind eine direkte Folge dieser Teilung.

Dazu gehört auch eine Segregation der sozialen Beziehungen. Hausfrauenzirkel, die sich zum Kaffee treffen während die Kinder um ihre Füße wuseln sind die eine Seite des Klischees, (rein männlich besetzte) Kollegenstammtische nach Feierabend, um nicht zu früh in die “weibliche” Domäne zurückkehren zu müssen die andere. Diese Segregation wäre nicht vorstellbar ohne die toxische Feminität, die Männern eine bequeme Ausrede bietet, sich nicht in den Haushalt und die Kindeserziehung einbringen zu müssen.

Unabhängig von Privat- oder Arbeitsphäre gibt es meist eine geschlechtstypische Einteilung in Mikro- und Makromanagement, bei der Frauen für die kleinen Dinge zuständig sind. Ein typisches Beispiel ist, dass Frauen wichtige Daten wie Geburtstage und Jubiläen im Auge haben und Geschenke und Festivitäten dafür organisieren, während dem Mann dabei ungefragt seine Aufgaben zugewiesen werden, wie die Bezahlung oder Fahrdienste.

Besonders ärgerlich und schädlich ist, dass Frauen dabei häufig eine Infantilisierung des Mannes betreiben und sich im häuslichen Bereich eher als Mutter oder Erzieherin ihres Partners aufführen (verbunden mit dem entsprechenden Vokabular; “Hast du deinen Mann schon erzogen?” ist eine vielfach ohne Ironie gestellte Frage unter Frauen), die den Mann weiter von jeder Verantwortung im Haushalt enthebt und eine gleichberechtigte Beziehung untergräbt, weil die Domänen klar voneinander getrennt werden.

Verbunden ist dieses Verhalten durch eine Überhöhung der Hausfrau: die Vorstellung, eine “anständige” Frau zu werden. “Anständige Frauen” sind von ihrem Partner ökonomisch abhängig und gesetzt. Zwar ist das Modell der einen und ewigen Ehe schon seit den 1970er Jahren in der Krise, stellt aber für viele Frauen immer noch die Zielvorstellung dar.

Das wäre soweit kein Problem - jede soll so glücklich werden, wie sie will - würden sie es nicht aggressiv heteronormativ gegen die eigenen Geschlechtsgenossinnen durchsetzen. Niemand ist so effektiv darin, eine Frau als Schlampe oder karrieregeile Rabenmutter zu brandmarken und außerhalb der ehrbaren Gesellschaft zu stellen, wie eine andere Frau.

Auf der anderen Seite werden Frauen, die zu wenig Aufmerksamkeit auf noch zu suchende oder bereits vorhandene Liebesbeziehungen verwenden, argwöhnisch betrachtet. Und mit Blick darauf lästern viele Frauen untereinander mit Vorliebe über das Aussehen ihrer Geschlechtsgenossinnen. Besonders beliebt ist der Vorwurf, diese “ließen sich gehen” und kümmerten sich nicht genug um ihr Idealgewicht, ihre Frisur oder die Kleidungsauswahl. während sie selbst viel Zeit und Energie auf diese Fragen richten. Oft bleibt es nicht bei Unverständnis und Lästereien, sondern gelegentlich artet es ungefragt in vermeintlich hilfreiche Aktivität aus. Nicht macht solche toxischen Frauen glücklicher als einen vermuteten Problemfall wieder “auf den richtigen Weg” zu führen und das volle Programm besteht meist aus Umstyling, mehr Aufmerksamkeit auf Haushalt und Wellness und das Verkuppeln mit dem künftigen Traumprinzen. Auch dieses Thema wird häufig in der Popkultur verwendet, siehe zum Beispiel die Filme “Eine wie keine” oder “Plötzlich Prinzessin”.

Auch sind praktisch alle Frauen beteiligt an der grausigen Verhaltensweise, die Nachlässigkeiten oder Fehler von Männern ihren Partnerinnen zuzuschreiben. Ein Mann trägt ein ungebügeltes Hemd oder unpassende Kleidungsstücke? “Wie kannst du deinen Mann nur so auf die Straße lassen!” Das Wohnzimmer ist nicht aufgeräumt, weil der Mann am Vorabend den stereotypen Fußballabend mit Kumpels abgehalten hat? Wie kann die Frau die Wohnung nur so verkommen lassen! Wohlgemerkt, das machen nicht Männer, die ignorieren das für gewöhnlich in einer Mischung aus wohlberatener Zurückhaltung und genuiner Ignoranz. Es sind Frauen, die ihre Geschlechtsgenossinnen für das Fehlverhalten ihrer Partner und auch ihrer Kinder verantwortlich machen.

Wie auch bei der toxischen Maskulinität spielen Literatur und Film/Serien auch bei weiblichen Rollenbeschreibungen und toxischer Feminität eine große Rolle.

Hier ergibt sich nun zunächst ein Problem. Denn in den meisten Fällen, werden Männerfilme/bücher/serien, wie auch andere Dinge, eher als "das Allgemeine" angesehen, die sowohl für Männer als auch Frauen geeignet sind. Während Frauenromane oder Frauenfilme eher "das andere" sind, nämlich Dinge speziell für Frauen. Der männliche Liebesroman oder die Liebeskomödie speziell für Männer existiert, wenn überhaupt, nur in experimentellen Nischen.

Widmen wir uns zunächst den speziell weiblichen, kulturellen Einflüssen: Um ein weit zurückliegendes Beispiel anzuführen, Jane Austens Einfluss auf die romantischen Vorstellungen ist vermutlich kaum zu überschätzen. Auch männliche Autoren können sich durchaus auf Liebesromane spezialisieren, aus heutiger Zeit fällt mir als erstes Nicholas Sparks (Message in a bottle/Wie ein einziger Tag) ein.

Auch bei Fernsehserien gibt es ein spezielles "Frauenserien-Genre", in dessen Mittelpunkt fast ausschließlich Beziehungskisten stehen. Ein ganz typisches Beispiel ist "Sex and the City". Vier unterschiedliche Freundinnen in New York erleben viele Irrungen und Wirrungen in Liebesdingen und verbringen viel Zeit mit Shopping und Parties. Zwar sind alle vier auch noch berufstätig und Miranda hat sogar Mann und Kind, aber das spielt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ebenfalls dazu zählt "Gilmore Girls" und ich gebe zu, mit 16 habe ich die Serie unfassbar geliebt. Auch hier geht es vornehmlich um Beziehungen. Im Mittelpunkt stehen Mutter und Tochter, und wenn gerade kein Liebesdrama in Sicht ist, geht es um die Beziehung untereinander oder die Wirren zwischen Tochter, Mutter und Großeltern.

Ebenfalls beliebt ist die Variante, dass ein geheimnisvoller, gefährlicher Kerl auf eine normale Frau trifft und sich daraufhin eine höchst komplizierte Liebesgeschichte entspinnt. Manchmal handelt es sich um den Teufel höchstselbst (Lucifer) oder einen Vampir (Twilight/Vampire Diaries) oder einen normalen Mann mit einem Hang zu Sadomasochismus (50 Shades of Grey).

Die Gemeinsamkeit im Frauengenre ist, dass Beziehungen absolut im Vordergrund stehen. Meist handelt es sich um Liebesbeziehungen, die Suche nach dem richtigen Mann und wenn dieser gefunden ist, die Frage, wie man eine glückliche Beziehung führt. Wie erwähnt gerne dadurch verkompliziert, dass der männliche Love-Interest ein gefährliches Geheimnis hat. Aber auch andere Beziehungen wie zwischen guten Freundinnen oder Kinder und Eltern nehmen häufig sehr viel Raum ein. Alles in allem hat es desöfteren große Ähnlichkeit mit dauerhaften Therapiesitzungen.

Sehen wir uns dagegen allgemeine Serien oder meinetwegen Männerserien an, treten Frauen oftmals in den Hintergrund. Im Mittelpunkt stehen meist die Männer, die einer bestimmten Aufgabe oder Funktion nachgehen. Da gibt es zum Beispiel das anstrengende Superheldendasein oder die neue Karriere als Drogenproduzent, Geisterjagd, Verbrechensbekämpfung oder andere furchtbar wichtige Dinge. Die Frauen werden hier oftmals als emotionale Komponente gebraucht. Als Vertraute, mit dem sich der Held austauschen kann oder noch häufiger als Love Interest, die dann häufig in Gefahr schwebt und gerettet werden muss. Hier ist in letzter Zeit zwar einiges in Bewegung geraten, allerdings wirkt vieles noch wie eine Suche nach der "richtigen Frauenrolle". So war ich zum Beispiel sehr verblüfft, dass die Superheldinnenserie “Jessica Jones” in vielen Medien als ganz neue und feministische Antwort auf männliche Superhelden gepriesen wurde. Und die Figur ist wirklich cool und tough, aber ich persönlich war doch enttäuscht, dass es trotz allem "typisch weiblich" um viel Gefühlswirrwarr und Beziehungsdramen ging, während die männlichen Helden ohne diesen extremen Ballast eher die Welt retten dürfen.

An und für sich ist das alles natürlich überhaupt kein Problem und es hat alles seine Daseinsberechtigung. Probleme entstehen dadurch, dass popkulturelle Einflüsse unsere Vorstellungen von Rollenzuschreibungen und richtige oder falsche Verhaltensweisen weiter verfestigen, meist ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Wie schon kurz angesprochen wurde, haben es Frauen in gewissen Dingen einfacher. So ist es für sie zum Beispiel akzeptabler, sich an männlichen Verhaltensweisen zu orientieren, ohne dass dadurch ihre Weiblichkeit in Frage gestellt wird.

Oftmals ergeben sich aber gerade bei Frauen untereinander spezielle Problemfelder, weil hier ein enormer sozialer Druck herrscht und/oder eine soziale Kontrolle stattfindet.

Ähnlich wie in der Popkultur kann es vorkommen, dass Liebesbeziehungen dramatisch überhöht werden. Ist man auf der Suche nach dem perfekten Mann, hat man ihn vielleicht schon gefunden, woher weiß man, ob es auch der richtige ist und wie gestaltet man eine Liebesbeziehung positiv und so weiter und so fort. Wenn man ein verschlossener Mensch und in Gruppen keine Beziehungsanalysen durchführen möchte, stößt man hier schnell auf Schwierigkeiten. Auf noch mehr Unverständnis kann es stoßen, wenn jemand aktuell Single ist und darin kein wirkliches Drama sieht. Besonders wenn man darin keinen unhaltbaren Zustand erkennt, dem zwingend mit Datingportalen, gutmütigen Verkupplungsversuchen oder Wochenenden auf Singleparties abgeholfen werden muss.

Damit einher geht oft ein besonderer sozialer Druck, sich durch Schickmachen oder mit gewissen haushaltlichen Grundkenntnissen sich sozusagen auf die Rolle als perfekte Partnerin vorzubereiten. Oder wenn man bereits in einer Beziehung ist, an der Rolle der perfekten Partnerin zu feilen. Dieser Grat kann durchaus schmal sein, bei zuviel des Guten gilt man andererseits auch schnell als Tussi oder Schlampe.

Ein Beispiel aus Arianes Erfahrung:
Es gibt einen Spruch, den ich immer wieder mal höre, der meiner Erfahrung nach nur bei Frauen unter sich geäußert wird und der mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt: "Du machst ja nichts aus dir". Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Es geht nicht darum, dass ich rumlaufe wie der letzte Schluffi. Ich dusche regelmäßig, trage angemessene, saubere Kleidung und bürste mehrmals täglich meine Haare. Es geht auch nicht darum, ob ich nun schön oder hässlich bin, sondern darum, wieviel Zeit und Energie ich darauf verwende, "etwas aus mir zu machen" Und klar, ich könnte mich der Erwartungshaltung einfach beugen und tagtäglich zwei Stunden früher aufstehen, um meine Haare einzeln mit einer Rundbürste zu föhnen, mich aufwendig schminken, 312 Schönheitsmittelchen nutzen und etwas anderes anziehen als Jeans und Shirt. Im Laufe der Zeit habe ich dabei eine interessante Entdeckung gemacht.
Oft wurde mein zeitschonendes Aussehen als tragischer Fall von Unwissenheit angesehen. Ein Problemfall, der sich doch schnell beheben lässt und ehe man sich versieht, steckt man mitten in einer Typberatung und zupfen die ersten ungefragt an den Haaren herum, um kunstvolle Frisuren auszuprobieren. Irgendwann wurde ich dann selbstbewusster und konnte die wohlmeinenden Frauen aufklären, dass es sich um keinen Bug, sondern ein Feature handelt und ich überhaupt nicht die Absicht habe, (im Alltag wohlgemerkt) mehr Zeit als bisher in mein Aussehen zu investieren.
Ein abschließender Punkt, der auch eine wichtige Rolle in der Diskussion des Artikels zur toxischen Männlichkeit spielte, ist die Frage der sexuellen Belästigung. Denn die ist auch in der toxischen Femininität immanent. Ausgehend vom selben primitiven Männerbild, das Sexualität als grundsätzlich willkommen ansieht, ist es völlig normal für Frauen, Männer an Bizeps, Bauch, Brust oder Po berühren zu können, die ihrerseits bei Berührungen ihres Po oder Brust völlig zu Recht aus dem Häuschen wären.

Am schlimmsten ist es, wenn dieses Verhalten - der andere - dann mit der Begründung “Ich darf das ich bin eine Frau"gerechtfertigt werden. Die oben angesprochene soziale Segregation feiert hier fröhliche Urständ', indem ein komplett unterschiedliches Regelset für Männer wie Frauen postuliert wird. Nur, wenn einmal etabliert ist, dass Normen und Regeln nicht für beide Seiten gelten, dann werden Männer sich entsprechend auch Sonderrechte herausnehmen. Und tun dies im Rahmen der toxischen Männlichkeit dann auch.

Zusammenfassend lässt sich daher feststellen, dass toxische Maskulinität und toxische Femininität zwei Seiten derselben Medaille sind. Wollen wir tradierte Geschlechterrollen durchbrechen und zu einer gleichberechtigten Gesellschaft kommen, müssen beide Seiten ihre Heteronormativität durchbrechen und aufhören, sich gegenseitig in ihren schlimmsten Eigenschaften zu bestärken. Diese Arbeit wurde von Frauen zwar bereits weitreichender erledigt als von Männern, weswegen diesen gerade größere Schritte abverlangt werden müssen. Aber sie ist bei weitem noch nicht getan.

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Wenn Chauvinisten über Recht sprechen

Auf der Seite Legal Tribune Online hat ein Dr. Alexander Stevens Ratschläge für alle Chauvinisten, wie sie trotz der neuen Gesetzeslage beim Sexualstrafrecht ohne Verurteilung durch Weihnachten kommen. Der Autor ging davon aus, dass ein solches Thema per se nicht sonderlich ernstzunehmen ist und lediglich eine rechtliche Hürde für den Chef von Welt darstellt, ungefähr auf dem gleichen Level wie das Nummernkonto auf den Caymans. Dazu passt auch, dass ihm gelegentlich einfällt, dass Vorgesetzte auch weiblich sein können, aber das wird auch eher als Tribut an eine Norm denn aus Überzeugung geschrieben. Die "5 Tipps, wie Sie straflos durch die Weihnachtsfeier kommen" sind denn auch genau das, was man erwarten würde. Ihre Betrachtung lohnt sich, um jenen Chauvinismus entlarven zu können, der in den Schaltzentralen der Macht und denen, die sich dafür halten, immer noch so vorherrschend ist.
Wer mit einer alkoholisierten Person auf oder nach einer Weihnachtsfeier Sex hat, der hat ein Problem. Denn inzwischen muss man sich vor einem Sexualkontakt mit einer in ihrer Willensbildung eingeschränkten Person ihrer Zustimmung versichern, so verlangt es § 177 Abs. 2 Nr. 2 Strafgesetzbuch (StBG).
Was hier als ein rein rechtliches Problem debattiert wird (der Artikel gibt imn Folgenden Tipps, wie man mit geschickten juristischen Begründungen vielleicht doch mit alkoholisierten Frauen schlafen kann) ist einem Menschen mit Mindestmaß an Anstand eigentlich ohnehin klar. Zustimmung zu Sexualakten kann nicht gegeben werden, wenn das Bewusstsein getrübt ist. Aber für den Chauvinisten von Welt ist das natürlich "spaßbefreit" (Zitat aus dem Artikel). Klar, wenn man Spaß so definiert, dass man seine Autoritätsposition ausnutzt um Mitarbeiterinnen erst zum Trinken zu animieren und dann die Trunkenheit hernimmt um sie in die Kiste zu kriegen. Wie schade, dass sowas nun verboten ist. Keinen Spaß mehr heutuzutage! Da fragt man sich direkt, warum man eigentlich Jura studiert hat.
Vorsicht gilt jetzt auch bei überraschenden Annäherungsversuchen auf dem vorweihnachtlichen Firmenfest. Bestraft wird gem. § 177 Abs. 2 Nr. 3 StGB nämlich seit neuestem, wer so schnell und überrumpelnd vorgeht, dass die sexuelle Handlung bereits geschehen ist, ehe das Opfer den Vorfall registriert oder es nicht mehr rechtzeitig mit einer Äußerung reagieren kann. Ein überraschender Kuss der guten Zusammenarbeit wegen oder eine plötzliche Umarmung, weil sich doch an Weihnachten alle prinzipiell ganz liebhaben, kann nun problematisch werden.
Ah, der überraschende Kuss der guten Zusammenarbeit wegen! Der Klassiker. Ich meine, wer mag das nicht? Kommt der dreißig Jahre ältere Vorgesetzte, küsst einen auf den Mund, lallt was von guter Zusammenarbeit. Da kann Weihnachten kommen!
Seit der Strafrechtsreform wird bestraft, wer die Furcht des Opfers vor sozialen Nachteilen für Sex ausnutzt. Den Klassiker, den der Gesetzgeber dabei vor Augen hatte, waren wohl betriebliche Weihnachtsfeste à la Beckenbauer und Co. Schließlich soll sich niemand genötigt fühlen, mit dem hässlichen alten Chef ins Bett zu gehen, um im nächsten Jahr mal "Mitarbeiter des Jahres" zu werden (oder vielleicht gerade nicht mehr sein zu müssen). [...] Wenn sie die ausnahmslos von Gott gegebene Wetterlage in der Hoffnung ausnutzen, Ihre Kollegin werde genau deshalb bei Ihnen im Taxi mitfahren und womöglich auch bei Ihnen übernachten und, wenn man schon mal da ist, auch ein klein wenig Sex mit Ihnen haben, haben sie sich schon strafbar gemacht – wohlgemerkt ohne dass sie ihr irgendwie gedroht hätten oder gar etwas für den Nachteil könnten.
Ihre Kollegin muss auch nicht einmal nach dem Taxi fragen. Es reicht schon, wenn sie annimmt, dass Sie es ihr gerade deshalb nicht anbieten, weil Sie sie ins Bett bekommen möchten. Denn wenn Sie ihr das Taxi überlassen, könnte sie ja jederzeit zu sich anstatt mit zu Ihnen fahren, um dort – wetterbedingt – mit ihnen Sex haben zu müssen. Einer "Drohung" wie "Oh, es schneit draußen! Schade, dass ich zuerst beim letzten Taxi war, aber wir können es uns ja bei mir zu Hause noch etwas bequem machen" bedarf es gar nicht erst.
Das Problem erledigt sich quasi selbst, weil man dafür ja nach der neuen Rechtslage eh auf den Alkohol verzichten müsste. Und dann kann man selbst fahren. Aber ich glaube, diese simple Lösung wäre dann wieder "spaßbefreit", weswegen es schon eines hypothetischen Szenarios bedarf, indem Mann der Kollegin die Mitfahrt im Taxi anbietet, und sie entscheidet sich dann (spontan, der guten Zusammenarbeit wegen), den Mann mit in ihre Wohnung zum Sex einzuladen. Das passiert ja regelmäßig, da können sich die männlichen Chefs kaum davor retten.
Womöglich wird manch einer einwenden, dass eine bloße weihnachtliche Umarmung doch niemals sexuell belästigend sein kann – ich kann Ihnen jedoch versichern, der Gesetzgeber sieht das seit der Sexualstrafrechtsreform anders.
Nicht nur der Gesetzgeber, du Creep. Aber keine Angst:
Nachdem der Straftatbestand der sexuellen Belästigung aber noch immer eine körperliche Berührung verlangt, sind Luftküsse, Blicke in den Ausschnitt, Nachpfiffe und wiederholtes Fragen nach Dates weiterhin nicht strafbar.
Ist das nicht gut zu wissen? Luftküsse, Blicke in den Ausschnitt, Nachpfiffe, wiederholtes Fragen nach Dates wenn sie "Nein" gesagt hat. Ich meine, was so ein Chef von Welt und Doktor der Jurisprudenz halt unter akzeptablem, vielleicht gar angemessenem Verhalten versteht. Nicht so "spaßbefreit" wie unsereiner, der das für unterste Schublade und absolut daneben hält. Aber ich habe natürlich auch nicht Jura studiert. Und dann das Finale:
Mein Tipp also: Um potenzielle Strafbarkeitsfallen auf Weihnachtsfeiern von Anfang an zu umschiffen, sollten Sie die eigene sexuell getriebene Abenteurerlust immer klar kommunizieren. Am besten fackeln Sie nicht lange, sondern sagen einfach gleich, was Sache ist, ganz ohne Subtext. Kein "Hey, wie geht's?" mehr, das hat sowieso genervt. Sagen Sie stattdessen: "Hey, ich finde dich sexuell attraktiv und habe Lust auf einen One-Night-Stand oder vielleicht auch auf mehr". Nicht aufgeben, wenn die Konkurrenz mit etwas subtileren Methoden mehr Erfolg hat.
Ist das nicht drollig? Die Konkurrenz versucht natürlich auch nichts anderes, als Frauen besoffen zu machen und mit dem letzten Taxi zum Sex in die Wohnung zu ködern. Denn wenn alle Männer Schweine sind, ist auch das eigene Verhalten nicht schlimm. Liegt ja quasi in der Natur der Sache.

Lieber Dr. Alexander Stevens, das Problem sind Sie. Ihr unreflektierter Chauvinismus, Ihre Anspruchshaltung, Ihre Flegelei. In Bereichen, die immer noch zu großen Teilen von Männern dominiert werden und die Frauen nur als Untergebene und potenzielle Fleischstücke kennen, mögen Sie noch glauben, eine Mehrheit darzustellen. Aber der Wind dreht sich, und dieses Verhalten ist nicht mehr die Norm. Sie sind ein Fossil. Sie wissen es nur noch nicht.

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Sweet Home Alabama

Gestern ging in Alabama der viel beachtete Sonder-Wahlkampf um den ehemaligen Senatssitz von Bundesstaatsanwalt Jefferson Beauregard III. Sessions zu Ende. Alabama wurde 2016 von Trump 62% zu 34% gewonnen. Seit 2000 hat kein Democrat in diesem Bundesstaat irgendetwas gewonnen. Es galt daher als sicher, dass die republikanische Strategie, Kabinettsposten mit Personen aus sicheren Wahlkreisen zu besetzen und die Sonderwahlen zu gewinnen. Das ist völlig normales (und sinnvolles) Vorgehen auf beiden Seiten, denn im US-System dürfen Abgeordnete nicht Kabinettsposten innehaben und müssen ihren Sitz bei einem Wechsel in die Regierung aufgeben, woraufhin es zur Wahl kommt. In der Zwischenzeit ernennt der Gouverneur des Staates einen Abgeordneten, der den Sitz in der Sonderwahl dann als Amtsinhaber verteidigen kann - ein großer Vorteil. Doch für die Republicans verlief es überhaupt nicht nach Plan.

Der vom republikanischen Gouverneur bestimmte Zwischen-Senator, Luther Strange, war eine normale Lösung: ein radikaler Republican, linientreu in allen Positionen. Er bekam endorsements von allen wichtigen Parteigrößen. Aber recht schnell wurde klar, dass Probleme begannen. Wie in Virginia, wo sich ein ähnlicher Kandidat - Gillespie - knapp gegen einen Rechtsextremisten durchsetzte, stellte der Extremistenflügel der Bewegung einen eigenen Kandidaten auf: Roy Moore.

Moore ist ein völliger Fanatiker. Er wurde zweimal (!) aus gewählten Positionen verstoßen, weil der Verfassungsrecht brach und sich auch mit gerichtlicher Anweisung weigerte, seine Verstöße aufzuheben. So platzierte er als Vorsitzender des Supreme Court of Alabama ein Denkmal für die Zehn Gebote in die Eingangshalle des Gerichts, was klar gegen die Verfassung verstößt, wurde verurteilt und weigerte sich, es zu entfernen. Er verteidigte die Sklaverei, befand dass Frauenrechte und Frauenwahlrecht abgeschafft werden sollten, schwenkte eine Waffe auf Wahlveranstaltungen (was nach alabamaischem Recht auch illegal ist) und ritt mit Cowboyhut auf einem Pferd zum Podium, kurz: wenn man ein Abziehbild aller bösartigen Klischees unter Progressiven, was ein Republican ist, erstellen würde, es sähe aus wie Roy Moore.

Trump, natürlich, liebte den Mann. Alle Kräfte in der Partei zogen in die andere Richtung: keinesfalls dürfe Moore die Vorwahlen gewinnen. Der Mann wäre eine absolute Schande für die Partei, und er schaffte es, dass Jefferson Beauregard III. Sessions plötzlich wie ein Moderator aussah, derselbe Sessions, der das Wahlrecht für Schwarze begrenzen und ihre Bürgerrechte beschneiden will. Moore und seinesgleichen waren selbst für den wohlhabendsten Beobachter kaum mehr als demokratische Politiker zu betrachten. Sie kriechen unter den rechtsextremistischen Steinen hervor, die die Republicans in ihrem Teufelspakt stets ignoriert und gepflegt haben, um sich der Stimmen der Irren zu versichern. Jetzt schmeißen die Irren den Laden, wie der konservative Ideologe Bill Kristol, der noch vor zwei Jahren selbst den rechten Rand der Partei konstitutierte und nun als liberaler Verräter gilt, bereits im August prophetisch feststellte:
Er sollte Recht behalten. Trump, gezwungen von praktisch allen Beratern und Verbündeten, gab ein halbherziges endorsement an Strange, das er zurückzog kaum dass Moore trotzdem zu gewinnen schien. Moore gewann dann die Vorwahl deutlich. Es schien, als ob eine weitere Peinlichkeit auf der republikanischen Wahlliste in den Senat einziehen würde. Schließlich hatte noch nie jemand von seinem demokratischen Gegenpart, Doug Jones, gehört. Jones war ein recht farbloser Staatsanwalt, dessen zugegeben perfekt in die Zeit passende größte Errungenschaft es ist, Ku-Klux-Klan-Mitglieder hinter Gitter gebracht zu haben. In Alabama hat das zugebenermaßen Nachrichtenwert. Aber angesichts der üblichen Abstimmungswerte Alabamas und der immer weiter zunehmenden Polarisierung konnte wenig Zweifel am Ausgang dieses Wahlkampfs bestehen.

Es kam anders. Im Verlauf des Herbsts kam ans Licht, dass Moore in früheren Jahren, als er noch selbst Staatsanwalt war, die Eigenschaft hatte, Teenager zu daten - als er selbst schon jenseits der 30 war. Das ist natürlich illegal, aber die Straftaten sind mittlerweile verjährt. Moore und sein Team aus Spinnern entschlossen sich, Trumps Verteidigungsstrategie von 2016 anzuwenden. Sie leugneten die Vorgänge, bezweifelten die Glaubwürdigkeit der Frauen, erklärten, dass Joseph in der Bibel ja auch eine jugendliche Maria geheiratet habe, fanden weitere Begründungen warum Pädophilie für einen Senator eigentlich, wirklich, ehrlich gar kein Problem ist und benahmen sich auch sonst wie der hinterletzte menschliche Abschaum.

Plötzlich führte Doug Jones in den Umfragen. Der DNC finanzierte ihn massiv, er holte Rekordspenden ein und investierte das Geld neben einer 7:1-Flutwelle von Werbespots in eine gigantische, in Alabama nie dagewesene "Get Out The Vote"-Organisation (GOTV) zur Mobilisierung der schwarzen Wähler, die in Jahrzehnten rassistischer Politik in Alabama häufig nicht registriert sind. Widerwillig entzogen die Republicans Moore ihre Unterstützung. Selbst Trump schien in seiner Begeisterung etwas zu schwanken, aber Moore war ihm viel zu ähnlich um ihn nicht zu mögen.

Und dann geschah, was in diesen Zeiten immer geschieht: der parteiische Instinkt wurde angeschalten, und die Umfragen liefen aufeinander zu. Eine Woche vor der Wahl war der Ausgang Fifty-Fifty, und besonders die Evangelikalen warfen sich für Moore in die Bresche, beteten für ihn und erfanden zahlreiche gewichtige Gründe, warum Pädophilie eine christliche Sache sei. Der RNC finanzierte Moore erneut, nachdem er nur zwei Wochen zuvor alle Verbindungen gekappt hatte. GOP-Senatoren gaben ihr endorsement ab, und Trump tweetete für Moore, als gäbe es kein Morgen. Die meisten Republicans rechtfertigten ihre Unterstützung Moores, den selbst sie als Abschaum betrachteten damit, dass es unmöglich wäre, einen Democrat gewinnen zu lassen. Es war ein beschämendes, ekelerregendes Spektakel, das die wenigen verbliebenen Konservativen in der Partei zu angewiderten Distanzierungen von ihrer Partei trieb (etwa der oben erwähnte Bill Kristol, Tom Nicholls oder Mitt Romney).

Und dann gewann Doug Jones die Wahl.

Das zynische Kalkül der Republicans war nicht aufgegangen. Sie hatten sich in die tiefsten Tiefen begeben, in den größten Dreck gewälzt, sich besudelt, und sie verloren doch. Woran lag es?

Der erste und wichtigste Grund ist der Erfolg von Jones' GOTV-Strategie. Die Schwarzen wählten in Rekordzahlen, und in Rekordraten. 97% alles schwarzen Frauen wählten Jones, immerhin 92% aller schwarzen Männer. Die Zahlen für die Weißen dagegen sind beschämend. 32% der weißen Frauen wählten ihn; 65% hatten kein Problem damit, einem Pädophilen ihre Stimme zu geben. Bei weißen Männern zeigt sich das traurige Gemisch aus Rassismus und toxischer Maskulinität, das bereits Trump zum Sieg verhalf, erneut: 74% gaben Moore ihre Stimme.

Der zweite wichtige Grund war, dass die Gesetze der politischen Gravitation eben doch nicht außer Kraft sind. Trump ist ein unbeliebter Präsident. Die Republicans sind eine unbeliebte Partei. Moore war ein unbeliebter Kandidat. Selbst in Alabama kann eine solche Kombination von Faktoren ausreichen, um zur Niederlage eines Republican zu führen.

Was sagt uns das für 2018?

Wenn ein Staat wie Alabama einen Democrat wählt, weil die GOP toxisch geworden ist, dann steht den Republicans eine harte Abwehrschlacht bevor. Die Mehrheit im Repräsentantenhaus steht für sie auf dem Spiel, und damit jede Hoffnung, den Staat weiter auszuplündern. Der Senat, in dem die Democrats eine historisch schlechte Position haben (25 von 33 Sitzen werden von dieser Partei gehalten), könnte, statt den Republicans die nötigen 60 Stimmen zur Überwindung jeder demokratischen Opposition zu geben, im aktuellen Status Quo verbleiben (eine Übernahme durch die Democrats wäre ein wahres Wunder). Und das alles, ohne dass die Democrats jene Probleme, die ihren Wahlkampf 2016 plagten, auch nur vernünftig angegangen, geschweige denn gelöst hätten.

Für Progressive sind das alles blendende Neuigkeiten. Sweet Home Alabama, indeed.