Mittwoch, 4. Dezember 2019

Narrative im Mediendschungel, die AfD und Feminismus, Microsoft und Trumps Regierungsbilanz -Vermischtes 04.12.2019

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) The SPD’s new left-wing leadership could prove just the jolt Germany needs
The claim that Esken and NoWaBo (“NoWaBo-fakis” to his detractors) are wildly left-wing deserves to be assessed in the context of a German economic debate that has skewed far to the right of economic orthodoxy in recent years. A country with negative interest rates where a moderate party (the CDU) jokes about its “fetish” for balanced books with posters showing a leather police hat on a black zero is not a country enjoying a healthy economic debate. As the economist Christian Odendahl puts it, Esken and NoWaBo are by international comparison about as hard-left as the IMF, in that they want more of Germany’s vast surplus to be spent on wide-eyed priorities like school, digital and rail improvements. Their proposed minimum wage increase to €12 an hour, below the level currently being proposed in Britain by renowned hardline socialist Boris Johnson, would inject some much-needed demand into the slowing eurozone economy. Meanwhile, their insistence that the grand coalition improve its dismally unambitious climate package puts them somewhere close to such extreme lefties as French president Emmanuel Macron and Dutch prime minister Mark Rutte. [...] There is, in other words, a case for looking at the SPD’s choice in a broader historical context. “One of the curiosities of today’s SPD is that the best way to advance in the party is to distance oneself as much as possible from Gerhard Schröder’s chancellorship,” laments the commentary in today’s FAZ. This is understandable. Schröder did some necessary things - making the German labour market more competitive, modernising German society, breaking some taboos in German foreign policy - but the lesson is not that Germany needs a copy-paste of his chancellorship. Today it faces different challenges: growing economic divides, disruptive technological challenges, a less certain American security umbrella, environmental demands. The SPD may or may not be part of the answer to those challenges. But it can certainly contribute some vigour and impulse to the debates leading up to that answer. For that Esken and Walter-Borjans might - just might - prove a blessing. (Jeremy Cliffe, The New Statesman)
Ich habe keine starke Meinung zur neuen SPD-Spitze. Ich halte Olaf Scholz für eine fürchterliche Wahl, aber das heißt nicht zwingend, dass NoWaBo und Esken besser wären. Ich gehe nur sehr schwer davon aus, dass ein entschlossenes "weiter so" - und nichts anderes verkörperte Olaf Scholz - ein sicherer Tod der Partei ist. Vielleicht ist diese Wahl nun, wie manche denken, tatsächlich "Selbstmord aus Angst vor dem Tod". Vielleicht nicht. Aber in einer solch verzweifelten Situation ist der Versuch, etwas zu ändern, sicherlich besser als weiter sehenden Auges in die Bedeutungslosigkeit zu sinken. Gleichwohl ist mein Optimismus, dass die SPD sich noch einmal herumreißen wird, eher beschränkt.

2) Das Vermächtnis des Alexander Gauland
Braunschweig zeigt: Der "Flügel", ideologisch weiter stramm am rechten Rand, ist machtstrategisch ins Zentrum gerückt und bestimmt nun maßgeblich die Personalpolitik mit. Beispiele dafür gab es zuhauf: Stephan Brandner wählten die Delegierten zum zweiten Parteivize, einen ausgewiesenen Demagogen. Ihm kam zugute, sich als Opfer der herrschenden Verhältnisse präsentieren zu können, nachdem er im Bundestag als Vorsitzender des Rechtsausschusses abgesetzt worden war. An Brandner dürfte die AfD wohl noch ihre Freude haben, gilt er doch selbst manchem im "Flügel" als unberechenbarer und eigenwilliger Kantonist. [...] Dem neuen Ehrenvorsitzenden Gauland, mit 91 Prozent gewählt, scheint selbst nicht ganz geheuer, in welche Richtung sich die von ihm vor sechs Jahren mitgegründete AfD entwickelt. Bezeichnend waren seine Bemerkungen zur inneren Verfasstheit der Partei. In Braunschweig bezeichnete er den Traum mancher von einer "kleinen sozialrevolutionären Partei" als "irreal" und warb dafür, in demokratischen Wahlen so stark zu werden, dass die AfD nicht mehr von der "Gestaltungsmacht" des Landes ausgeschlossen werden könne. Dass der 78-jährige sich gezwungen sah, eine solche Selbstverständlichkeit zu betonen, zeigt, welche radikalen Vorstellungen in Teilen der Partei vorhanden sind. Auch Gaulands Schlusswort strahlte alles andere als Selbstgewissheit aus. Sollte die Partei "irgendwann in die falsche Richtung gehen", dann werde er sagen, was er denke - aber "immer unter vier Augen". Gauland wird wissen, warum es solcher Mahnungen bedarf. Schließlich war er es, der seine schützende Hand über Höcke und dessen "Flügel" hielt und hält. Er war es, der ihn und sein Netzwerk groß werden ließ. Das ist Gaulands eigentliches Vermächtnis. (Severin Weiland, SpiegelOnline)
Mein Lieblings-Vergleich für Gauland und seine Spießgesellen ist Alfred Hugenberg. Der hielt sich auch für einen ungeheuer cleveren politischen Akteur, der in der Lage war, ein ungenutztes rechtsradikales bis rechtsextremistisches Reservoir zu aktivieren und unter Kontrolle zu halten. Bekanntlich war er das nicht. Und an der AfD haben sich mittlerweile diverse Hobby-Bürgerliche die Finger verbrannt, die dachten, den wilden Drachen des Rechtsextremismus zu reiten und in homöopathischen Dosen zu kanalisieren. "Experten" wie der Werte-Union hängen dem gleichen Irrglauben an. Diese Kräfte lassen sich nicht kontrollieren. Jeder, der glaubt das zu können, scheitert am Ende - oder wird halt notwendigerweise selbst zu dem, was er ursprünglich nur zu nutzen hoffte. Wir sehen das in Weimar, wir sehen es mit den Trump'schen Republicans, wir sehen es gerade live mit der AfD, und ich hoffe inständig dass wir es mit der Werte-Union nicht sehen werden, weil dieser Haufen Amateure und Blindfische hoffentlich nie Bedeutung erlangen wird.

3) Klima-Freunde sind nicht eure Feinde
Die protestierenden Bauern nennt, anders zum Beispiel als die Aktivisten von Extinction Rebellion, niemand radikal. Dabei ist die Position, sich EU-Regeln verweigern zu wollen, die den Einsatz von giftigen Stoffen reduzieren sollen, ja durchaus ziemlich extrem. Beide, Bauern und Klimaaktivisten, nutzen die gleiche Protestform: Sie legen den Straßenverkehr lahm, bevorzugt in der Bundeshauptstadt. Aber jedes Mal, wenn Extinction Rebellion oder Fridays for Future, so wie diesen Freitag, wieder einmal das Gleiche tun wie die Bauern diese Woche, fabuliert wieder irgendein Kommentator oder Politiker, dass das bestimmt irgendwann mit Gewalt enden wird. [...] Aber dass Verkehrsblockaden von Leuten, die den Planeten retten wollen, routinemäßig als problematisch und potenzielle Vorstufe zur Gewalt gedeutet werden, während Verkehrsblockaden von Leuten, die gern weitervergiften wollen wie bisher, als bedenkenswerter Protest behandelt werden, leuchtet mir nicht ein. Im Übrigen sind die Klimademonstranten natürlich erstens um Größenordnungen mehr Leute und zweitens, was noch viel wichtiger ist, ein wirklich internationales, ja globales Phänomen.Fridays for Future ist die erste dezentrale globale Nichtregierungsorganisation, und das macht Hoffnung. Teile der weiterhin sehr national denkenden Bauern, die mit ihren Treckern in Hamburg und Berlin den Verkehr lahmlegten, haben übrigens ihrerseits durchaus Bezüge zu radikalen Positionen - nur aus einer anderen, sehr problematischen Richtung. So teilt die AfD die Forderungen der Bauern vollständig. Sie versucht sich, weil der Hass auf Flüchtlinge offenbar nicht mehr so zieht, jetzt zu einer Art Anti-Umwelt-Partei weiterzuentwickeln. Zu den Organisatoren der Bauernproteste wiederum gehören Leute, die auch gern mal die Narrative aufnehmen, mit denen Klimawandelleugner beständig Zweifel an der Schuld des Menschen an der Klimakrise zu sähen versuchen. (Christian Stöcker, SpiegelOnline)
Die Ungleichheit in der Berichterstattung, die Stöcker hier wahrnimmt, hat durchaus ihre Richtigkeit. Ein guter Teil davon beruht meiner Einschätzung nach auf der Bequemheit von Narrativen. Demonstrierende für Klimaschutz laufen irgendwie unter alternativ, und das normale Framing für solche Positionen ist das von Systembruch, von Widerstand, von Aufruhr. Die Bauern dagegen sind eine eingesessene Gruppe, sie stehen für Erhalt, für Stabilität, für die gute alte Zeit. Entsprechend leicht schreiben sich die Artikel dazu, weil sie eingefahrene Präkonzepte bedienen. Wie bereits bei der Thematik der Konsensbildung, die wir im letzten Vermischten diskutiert haben, ist das weniger böse Absicht oder eine große Gleichschaltung der Presselandschaft durch die Mächtigen, sondern vielmehr eine Kombination aus Bequemlichkeit sowohl der Journalisten als auch der Leser und, daraus folgend, von Marktmechanismen. Es verkauft sich eben, was die Leute lesen wollen, und dementsprechend wir das auch geschrieben. Das ändert sich erst dann, wenn sich der Publikumsgeschmack ebenfalls auf breiter Front ändert. Das passiert irgendwann immer, und dann ist man plötzlich nicht mehr der nostalgisch verklärte Bauer, sondern ein reaktionäres Fossil, während die Systemrebellen von einst zum neuen Establishment werden. Es ist nicht gerade so, als sei das noch nie vorgekommen.

4) Des Teufels Generäle – Der Geschichtsrevisionismus der AfD liegt offen auf dem Tisch
Ganz ernst kann es ihm damit nicht gewesen sein, denn regelmässig bedient Gauland das Stereotyp vom deutschen «Schuldkult», so etwa, in einer vergleichsweise harmloseren Version, bei der Haushaltsdebatte am 11. September 2019 im Zusammenhang mit dem Klimaschutz: «1945 waren wir der Teufel der Welt. Heute wollen wir die Engel des Planeten sein, das leuchtende Vorbild.» Bei dem Zitat schwingt ein Subtext mit, der auf die Relativierung der deutschen Schuld abzielt. Das macht die Kontextualisierung mit weiteren «sprachlichen . . . Brückenköpfen» (Kubitschek), die Gauland zuvor in der deutschen Diskurslandschaft errichtet hat, klar. [...] Gehalten werden die Bastionen des ungeschminkten Geschichtsrevisionismus vor allem von der zweiten und dritten Reihe. Dabei schlägt man bisweilen über die Stränge, wie die schleswig-holsteinische Parteivorsitzende Doris von Sayn-Wittgenstein, die als symbolisches Bauernopfer im Rahmen eines Parteiausschlussverfahrens herhielt. Mit der Abgrenzung von denen, die sich allzu dumm anstellen, kommt die AfD der Strategie von Kubitschek nach. Der propagiert nämlich ganz offen «die Auflösung klarer Fronten zu dem Zweck, die feindliche Artillerie am Beschuss zu hindern». [...] Eine nüchterne Bestandsaufnahme zeigt indes, dass das revisionistische Denken in der AfD mittlerweile sogar bei der Frage nach der Schuld am Zweiten Weltkrieg angekommen ist. Mit Jürgen Elsässers «Compact»-Magazin veranstaltete ein wichtiger Vorfeldakteur der Partei im Juni 2019 eine «Geschichtskonferenz» mit dem vielsagenden Titel «Freispruch für Deutschland». Dort trat unter anderem der ehemalige Bundeswehrgeneral Gerd Schultze-Rhonhof mit seinem Standardthema auf: «Der Krieg, der viele Väter hatte». (Markus Linden, NZZ)
Über Schultze-Rhonhof habe ich hier im Blog ausführlich geschrieben. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal explizit davor warnen, die AfD beständig zu verharmlosen, nur weil sie auch das eine oder andere breitenwirksame Kritikthema transportiert. Diese Partei ist in ihrem Kern reaktionär und rechtsradikal, gute Teile der Partei auch rechtsextrem. Wenn die sich durchsetzen, wird die Republik eine andere. Und diejenigen, die das betreiben, sind nicht doof. So sicher, wie die AfD nichts lieber will als ihre braunen Finger auf ein Innenministerium legen, so sehr lecken sie sich dieselben Finger nach den Kultusministerien. Wenn die CDU sie ihnen jemals überlässt, dann haben wir diesen Revisionismus bald in unseren Klassenzimmern. Wehret den Anfängen.

5) Männerforscher Klaus Theweleit: «Männer tragen eine 12 000 Jahre alte Gewaltgeschichte im Körper, die in unseren Gesellschaften gepflegt und gefördert wird»
Herr Theweleit, Hand aufs Herz: Finden Sie den Begriff der «toxischen Männlichkeit» übertrieben?
Begriffe wie toxische Männlichkeit sind immer übertrieben, und diejenigen, die sie benutzen, wissen das meistens auch. Die Formel erhebt ja nicht den Anspruch auf exakte Wirklichkeitsbeschreibung, sondern fasst bestimmte Phänomene, die es gibt, in zwei Wörtern zusammen. Es geht hier um Männlichkeit als ein Gift, so wie verpestete Luft. Eine bestimmte Form der Männlichkeit also, die nicht anders kann, als gesellschaftliche Wirklichkeit über Gewaltverhältnisse zu gestalten. [...] Mir geht es um etwas anderes: Männliche Übergriffe existieren in unserer Gesellschaft und bleiben in vielen Fällen straflos, weil sie gar nicht als übergriffiger Akt, sondern als Selbstverständlichkeit gedacht werden. All das geschieht nicht nur unbewusst, sondern auch bewusst, weil wir das alle mehr oder weniger im Körper tragen.
Ist also die Biologie schuld an der Gewalt gegen Frauen?
Nein, das kommt überhaupt nicht von der Biologie, sondern das ist gesellschaftlich so entstanden. Männer tragen in unserer Kultur eine 12 000 Jahre alte Gewalt- und Kriegsgeschichte im Körper, die ihnen eine Dominanz verleiht und in unseren Gesellschaften gepflegt und gefördert wird. Seitdem es diese männerdominierten Gesellschaften gibt, gibt es auch den Übergriff auf den weiblichen Körper und einen dauernden Vorschriftenkanon mit Definitionen, wie Weiblichkeit auszusehen hat. Auch alle Buchreligionen haben sich an dieser männlichen Dominanz orientiert. Einer der Hauptzwecke der Bibel und des Koran besteht darin, Lebensregeln für Frauen aufzustellen: wie sie zu gebären und zu heiraten haben, was sie dürfen und was sie nicht dürfen. Religionen sind manngemacht, Gottes Wort ist auch immer das Wort des Mannes. Damit ist der Übergriff von Anfang an gegeben. (Judith Sevenc Basad, NZZ)
Theweleit ist immer eine Lektüre wert, auch wenn seine Arroganz manchmal nur schwer zu ertragen ist. Ich will das hier hauptsächlich als wissenschaftlichen Unterbau dafür dalassen, dass diese ganzen Männer- und Frauenrollen nicht biologisch sind, sondern ein soziales Konstrukt. Theweleit macht hier das große Fass auf und führt das auf tausende von Jahren kultureller Prägung zurück (und haut nebenbei eine Dawkins-kompatible Generalkritik an Religion heraus, die, sagen wir, eher grenzwertig ist). Er liegt damit sicherlich nicht falsch, aber man muss aufpassen, dass man damit nicht in einen vulgärmarxistischen Determinismus gerät. Theweleit selbst unterliegt dieser Gefahr sicher nicht, aber ich habe keine Lust, bald eine progressive Version von "Warum Frauen nicht einparken können" zu lesen. Relevant finde ich außerdem Theweleits Bemerkung, dass das Patriarchat schon immer danach gestrebt hat, einen "Vorschriftenkanon" für Frauen aufzustellen. Ich glaube, deswegen provoziert der Feminismus aktuell auch immer einen so starken Backlash: Er stellt nichts weniger als eine seit Jahrtausenden etablierte Dominanzhierarchie in Frage. Wenn man sich ansieht, mit welcher Virulenz etwa in den USA die Weißen auf den Bruch ihres bisherigen Dominanz-Privilegs durch die nun mit Bürgerrechten versehenen Schwarzen reagieren, wo wir es mit "nur" vier Jahrhunderten eingeübten Hierarchien zu tun haben, verwundert die Aggressivität gegen den Feminismus keine Sekunde.

6) Democrats are running into Trump's economic buzzsaw
But this is the part of the forecast that should really worry Democratic campaign strategists: "Solid growth should mean another year of above-trend job gains. We expect the unemployment rate to fall to levels last seen during the Korean War, bringing a further pickup in wage growth to 3.5 percent." So not only rising take-home pay with low inflation, but a jobless rate so historically low that even the oldest boomers have little memory of such a time. Look, if you're a president who promised to make America great again, and the unemployment rate falls to its lowest level since the early 1950s, it arguably looks like you're making American great again. Of course, this is just one forecast. But even if next year is just pretty much like this year, not much better or worse, it would still mean an economy experiencing a record-long expansion that would be well into its 11th year by Election Day 2020. Not that 2020 Democratic nominees will lack a counter-argument. They will likely argue that most Americans aren't benefiting from the expansion. As South Bend, Indiana, Mayor Pete Buttigieg said at the last Democratic debate, "In an economy where even when the Dow Jones is looking good, far too many Americans have to fight like hell just to hold on to what they've got." The problem with such an approach is that even though Democrats are loathe to admit it, this is an expansion that's finally helping a broad swath of Americans. Wages are actually growing fastest at the bottom right now, not at the top, and that reality is playing a big role in keeping the expansion on track. Nor should Democrats dismiss the low jobless rate. It's not some phony number. For instance: Employment for prime-age workers has now completely recovered from the 2008 financial crisis even though many economists fretted it never would. To many Americans, the Trump economy is going to seem a lot better than the Obama economy. (James Pethokoukis, The Week)
Während ich der Analyse des Artikels grundsätzlich zustimme, habe ich mit dem Framing ziemliche Probleme. Punkt eins: The Trump economy is the same as the Obama economy. Das Wachstum der US-Wirtschaft ist seit 2010 praktisch unverändert. Nur musste Obama den Scherbenhaufen der Finanzkrise und der anderen Bush-Fiaskos aufkehren, während Trump einen gemachten Stall übernahm (und seither nach besten Kräften herunterwirtschaftet). Zum anderen haben Präsidenten praktisch keinen Einfluss auf die Wirtschaftslage. Ob Obama, Bush oder Trump, Clinton, Reagan oder Bush (senior), die Wirtschaftsentwicklung verläuft im Guten wie im Schlechten praktisch ohne präsidialen Einfluss. Wo Präsidenten massiv Einfluss haben ist im Abmildern von Krisen (oder eben nicht), aber im Generieren von Wachstum haben sie wenig Macht. Das wäre der Job des Kongresses - und der weigert sich beharrlich. Bezüglich der eigentlichen Analyse: Für die Democrats ist die Lage unzweifelhaft extrem schlecht. Es ist absolut pervers, sich etwas anderes zu wünschen - wir sollten das künstliche Schaffen von Wirtschaftskrisen und massivem Leid weiter den Republicans überlassen. Aber da die wirtschaftliche Lage zu den sogenannten "fundamentals" gehört, den Faktoren also, welche sich durch einen Wahlkampf nicht verändern lassen und für die Prognose des Wahlergebnisses wesentlich größere Relevanz besitzt als die meisten anderen Faktoren, ist das nichts, was angesichts der kommenden Wahl optimistisch stimmen kann.

7) The Search to Understand Barack Obama Continues
That is something we heard often as a critique of Obama. But it ignores the fact that he was first and foremost a community organizer, which is often at odds with those in the so-called “helping professions.” There is a tendency in the latter to assume a posture of paternalism that sees clients as victims who need to be rescued. The job of a community organizer is to empower people to help themselves. [...] No one understands Barack Obama better than his wife Michelle. She captured the essence of the man with this: “Barack is not a politician first and foremost. He’s a community activist exploring the viability of politics to make change.” Now that his life as a politician is over, Obama is back to being a community organizer, focusing his energy on raising up a whole new generation of leaders. [...] Ryan Lizza’s piece explores the desire by some Democrats for Obama to put all of that aside and step in to take control of a contentious presidential primary. That is not a role that the community organizer is going to take. The comments Obama made recently were basically his attempt to say, “Chill out.” [...] He is saying that we should trust the process of choosing a nominee. After the last three years, it is understandable that trust is in short supply. But Ta-Nehisi Coates might have captured one of the most enduring descriptions of the former president when he said that Obama displayed a “shocking, almost certifiable faith in humanity.” The community organizer thinks we can do this. I sure hope he’s right. (Nancy LeTourneau, Washington Monthly)
Im letzten Vermischten hatten wir Obamas Vermächtnis bereits aus der Perspektive der Schwarzen beleuchtet; hier sehen wir eine Analyse seiner theory of change. Ich habe noch nie verstanden, wie einerseits Linke sich so schwer tun können, Obama und seine Herangehensweise zu verstehen und ihn als neoliberalen sellout sehen, oder wie andererseits Konservative sich in die Vorstellung hineinsteigern können, er sei ein linksradikaler Revolutionär. Beide Ansichten können nicht gleichzeitig richten sein, und sieht man sich ohne ideologische Brille an, wer Obama ist, was er sagt und wie er regiert, kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass er ein liberaler Zentrist ist, ein Moderater, wie er im Buche steht.

8) Microsoft Japan’s experiment with 3-day weekend boosts worker productivity by 40 percent
Last August, Microsoft Japan carried out a “Working Reform Project” called the Work-Life Choice Challenge Summer 2019. For one month last August, the company implemented a three-day weekend every week, giving 2,300 employees every Friday off during the month. This “special paid vacation” did not come at the expense of any other vacation time. And the results were pretty incredible! First off, the reductions. Employees took 25.4 percent fewer days off during the month, printed 58.7 percent fewer pages, and used 23.1 percent less electricity in the office (since it was closed an extra day). All of these saved the company quite a bit of money. Next, the increases. Productivity went up by a staggering 39.9 percent. That means even though the employees were at work for less time, more work was actually getting done! A lot of the increase in productivity is attributed to the changing of meetings. With only four days to get everything done for the week, many meetings were cut, shortened, or changed to virtual meetings instead of in-person. And even though it should seem obvious, it’s also important to note that 92.1 percent of employees said that they liked the four day workweek at the end of the trial. Due to its success this year, Microsoft is planning on repeating it again next summer or perhaps at other times as well. [...] While some of the commentors have a point that this kind of policy wouldn’t work for every type of job, one thing is for certain: humans are only capable of doing so much work in a week. Beyond a certain threshold, no matter the job, work isn’t going to be work anymore, it’s just going to be time-padding. (Scott Wilson, SoraNews24)
In unserer kleinen Dauerdiskussion zu Arbeitszeiten hab ich dieses kleine Stück hier. Natürlich ist Japan ein Extremfall, was Arbeitszeiten angeht, und der vorliegende Fall ein sehr spezifischer Teil des Arbeitsmarkts. Aber die Betonung des Artikels gerade auf dem Streichen sinnloser Meetings ist etwas, das den meisten Leuten bekannt sein dürfte. Die Arbeitgeber sind bekanntlich sehr liberal im Umgang mit der Eh-da-Zeit. Wenn lange Arbeitswochen Pflicht sind - und 38-40 Stunden SIND eine lange Arbeitswoche - dann muss diese Zeit gefüllt werden. Und wie jeder weiß, findet sich immer irgendwas. Wenn Zeit dagegen eine wertvollere Ressource ist, dann fällt viel unnützer Ballast auch weg oder wird substituiert. Und das wäre eigentlich im Interesse aller Beteiligten.

 9) With impeachment, America’s epistemic crisis has arrived
Can the machine successfully hold the right-wing base in an alternate reality and throw up enough fog to keep the general public at bay for long enough to get through the next election? It seems challenging, given the facts on record, but this is just the sort of challenge the machine was built for. [...] Tribal epistemology happens when tribal interests subsume transpartisan epistemological principles, like standards of evidence, internal coherence, and defeasibility. “Good for our tribe” becomes the primary determinant of what is true; “part of our tribe” becomes the primary determinant of who to trust. [...] As I covered in more detail in this post (and this one), over time this led to a steady deterioration in fealty to norms, epistemological and otherwise, to the point that something like 30 percent of the country is now awash in a fantasia of conspiracy theories and just-so stories. [...] Tribal epistemology is key to this. Republicans must render partisan not only judgments of right and wrong but judgments of what is and isn’t true or real. They must render facts themselves a matter of controversy that the media reports as a food fight and the public tunes out. That’s the main reason they are focusing their attacks so intently on process complaints. The investigation itself, the hearings, the whole process must come to be seen as partisan, which will serve as permission for the engaged on the right to attack it, the engaged on the left to embrace it, and the broader public to dismiss it. [...] Democrats are still dependent on the mainstream press to convey their messages to the broad public. Many of their consultants and press officers still view their role as managing relationships with mainstream reporters. But the mainstream media, catering to low-information voters and reinforcing their worst prejudices in the process, persists in covering politics precisely through the most cynical lens, as a team sport, competing performances to be narrated like an announcer calling a game. (David Roberts, vox.com)
Ich habe das hier nur auszugsweise zitiert, es ist ein ungeheuer brillantes und langes Essay, das die Thematik von allen möglichen Seiten beleuchtet. Ich habe diesen Ausschnitt wegen der völligen medialen Asymmetrie in medialer Hinsicht gewählt. Die Republicans haben einen komplett isolierten und abgeschirmten Komplex mit Talk Radio, Breitbart und FOX News (als pars pro toto). Ihre Wähler kommen überhaupt nicht mit einer anderen Realität in Kontakt. Das ist auf der Gegenseite des Spektrums völlig anders. Zwar gibt es auch eine linke Medienblase mit entsprechenden Outlets, aber erstens haben diese nur einen kleinen Bruchteil der Reichweite rechter Outlets, zweitens sind sie immer noch sensible gegenüber so etwas wie Fakten und lügen nicht offen und drittens - und wichtigstens - folgt die absolute Mehrheit der demokratischen Wähler AUCH, wenn nicht sogar AUSSCHLIESSLICH den traditionellen Leitmedien. In der virulent polarisierten Stimmung der USA ist das ein klarer Wettbewerbsnachteil, weil die Verwundbarkeit gegenüber Skandalen, Enthüllungen oder schlicht der normativen Kraft des Faktischen nur eine Seite des Spektrums betrifft. Die AfD hat schon mehrfach explizit gesagt, dass es ihr Ziel ist, eine ähnliche Blase zu schaffen. Das Ziel der NachDenkSeiten etwa war in Deutschland ja schon immer, so etwas für das linke Spektrum hinzubekommen ("Gegenöffentlichkeit"); sonderlich erfolgreich waren die Linken damit aber aus welchen Gründen auch immer noch nie. Ich halte einen guten Teil des etwa 20% umfassenden Wählerpotenzials der AfD auch deswegen für so hoch, weil sie eben bereits gegenüber der Realität immunisiert und völlig unerreichbar sind.

 10) What Trump has actually done in his first 3 years
As 2020 approaches, Trump’s achievements are a reminder that Trump and his team are doing real things that have real impacts on real lives. His successes explain why the conservative movement is solidly behind him, despite its considerable doubts from four years ago. Regardless of what Trump tweets or says or does during the election, it’s worth remembering there’s more to him than the Trump Show. [...] As a candidate, Trump was vocally skeptical of climate change regulations but specifically vowed “to promote clean air and water,” which are overwhelmingly popular causes. But Trump has moved to roll back dozens of rules on these subjects without the changes ever becoming a focus of sustained public debate. Most of these rollbacks’ impacts will be felt primarily in the long term, but already, particulate pollution is getting worse, reversing years of progress. [...] The difference is that from day one Trump has enjoyed a GOP Senate majority and the new rules whereby judicial nominees cannot be filibustered by the minority. Consequently, Trump has seen federal judges appointed and confirmed at a record rate. He’s put 46 Circuit Court judges on the bench in three years compared to 55 across eight years of Obama, meaning a bit over a quarter of appeals court judges are now Trump appointees. If these judges ultimately rule in his favor, the short-term consequences for both immigration and the safety net will be large — over and above the obvious longer-term impact of the judiciary. But the extent to which judicial nominations loom large in Trump’s policy résumé underscores how thin it is. The Senate has had ample floor time to consider his nominees because members simply haven’t done much legislating. That’s left Trump with executive actions that have certainly been consequential in spots — especially in his key areas of rhetorical focus around energy and immigration — but still a considerably smaller impact than his recent predecessors who all signed several major pieces of legislation. (Matthew Yglesias, vox.com)
Wie Fundstück 9 handelt es sich auch hier um ein sehr langes, ausführliches und wohlrecherchiertes Essay, das die Lektüre lohnt. Tatsächlich ist die Präsidentschaft Trumps bisher für Progressive ein volles Desaster, und all jene naiven Beobachter, die 2016 nicht müde wurden zu betonen dass die apokalyptischen Warnungen übertrieben waren, sehen umso dümmer aus. Nicht, dass sie ihren Irrtum eingestehen würden. Davon abgesehen halte ich die Personalisierung auf Trump allerdings für einen schweren analytischen Fehler. Denn es ist nicht die Person Donald Trump, die all das erreicht hat. Der Mann kriegt kaum das policy-Äquivalent des Schuhebindens richtig hin. Verantwortlich für die massiven Erfolge in dieser kurzen Zeit ist etwas, das ich bei den Progressiven sehr vermisse und nicht müde werde zu betonen: Die Vorbereitung der nächsten Präsidentschaft. Jahrelang kuratierten die Republicans Listen über Listen mit Extremisten, die sie, sobald sie die Macht haben würden, sofort in zentrale Stellungen hieven konnten. Trump machte im Exekutivbereich viele dieser Listen obsolet, als er seine korrupten Klienten und Gönner in Machtpositionen hievte (daher ja nun das Impeachment), aber überall, wo es wirklich wichtig war, bekamen die republikanischen Operateure ihren Willen. Die Democrats brauchen dringend eine vergleichbare Vorbereitung. Und da Progressive, anders als Konservative oder Reaktionäre, etwas aufbauen und nicht nur verhindern oder zerstören wollen, muss diese Vorbereitung noch umfassender sein. Ich habe darüber in meiner Serie zum New Deal geschrieben; was benötigt wird ist nicht nur geeignetes Personal (die Republicans haben zwar linientreue Extremisten, aber keine Leute, die tatsächlich kompetent sind - erneut, das brauchen sie auch nicht, weil es ihnen ausschließlich um das Verhindern, Zerstören und Durchwinken von Lobbyentwürfen geht), sondern auch Gesetzesinitiativen, Gutachten, etc. Und da sehe ich erschreckend wenig aktuell.

 11) Apokalyptische Writer
Die Analysen, die prophetisch sein wollen, aber an die Grenzen des eigenen Journalisten-Egos stoßen müssen, erzeugen Zyklen und Routinen, stetig wiederkehrenden Formulierungen, die die Lücke des Spekulativen überbrücken sollen. Dieser Effekt wird hier durch die fast schon unheimliche Einhelligkeit der Einstellung zur SPD verstärkt und erinnert an die Texte, die der Landsberger Poesieautomat von Hans Magnus Enzensberger herstellt. Diese Apparatur setzt per Zufallsprinzip Satzglieder zusammen, die am Ende in ihrer Willkür Poesie ergeben, Zufallsgedichte. Die Verblüffung sagt viel über die journalistische Wahrnehmung der sozialdemokratischen Partei aus, in der eine sozialdemokratischere Ausrichtung nur eine trojanische Finte von Kevin Kühnert sein kann. Und in der die Wähler gar Truppen sind, die in seinem Auftrag „zur Wahlurne stürmen, um der ungeliebten Großen Koalition einen Denkzettel zu verpassen“, wie es Michael Bröcker, ehemaliger Chefredakteur der „Rheinischen Post“, heute in Steingarts „Morning Briefing“ beschreibt. Die allgemeine Fassungslosigkeit über die „rote Revolte“ ergäbe jedoch nur Sinn, wenn man bis dahin davon ausgegangen wäre, dass bisher doch alles wunderbar lief. Außerdem: Hätte Olaf Scholz gewonnen, hätte man medial das „Weiter so!“ beklagt, die Erschütterungen, Beben, Totentänze, Selbstzerstörungen argumentativ zwar anders ausstaffiert – aber mit exakt demselben Fazit geschlossen:
  • „Als politische Kraft hat sich die SPD gerade selbst abgewählt.“ („Berliner Zeitung“)
  • „Die SPD ist sich selbst nicht gut genug.“ („Süddeutsche Zeitung“)
  • „Sie hat sich vielmehr selbst aufgegeben.“ („Welt“) (Stefan Niggemeier, Übermedien)
Wie in Fundstück 3 beschrieben ist ein Großteil dieses Problems mit Bequemlichkeit gepaarter Herdentrieb, der vom Markt belohnt wird - und damit systemisch. Das Hoch- und Runterschreiben von Politikern hat lange Tradition. Wulff hat das erlebt, erst himmelhochgejubelt und dann zerfetzt. Merkel hat es erlebt. Schröder kennt es. Kurt Beck ist ein alter Bekannter. Und so weiter. Das passiert ständig. Und es hat für die Medien den großen Vorteil, dass sie die absolute Deutungshoheit behalten und stets Recht haben. Daher kommt auch - passend zu Fundstück 4 - der heftige Backlash so vieler traditioneller Leitmedienmacher, die (wohl nicht zufällig) überwiegend männlich, weiß und mittleren Alters sind, gegen die Neuen Medien (erst Blogs, jetzt Twitter) und solche Politakteure, die durch die Kultivierung einer eigenen, unabhängigen Plattform sich diesem Deutungsmonopol zu entziehen vermögen. Und genauso natürlich der immer stärker werdende Wunsch derselben Politakteure, diese Unabhängigkeit zu erreichen, so sie sie nicht schon haben. Es ist ein Teufelskreis.

Dienstag, 3. Dezember 2019

Obama zwingt die EZB mit der BBC zu Strafzinsen gegen die Kohleindustrie - Vermischtes 03.12.2019

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) The BBC’s fabled impartiality was only ever an elite consensus
But the influence of rightwing editors and journalists, while not insignificant, misses the longer standing establishment orientation of the BBC. Academic research shows that its reporting is strongly shaped by corporate interests, state officials and the political elite – the government of the day in particular. And even some BBC loyalists concede that it too often follows the agenda set by the rightwing press. Behind these patterns of reporting is an organisation long shaped by officialdom – which, since the market-based reforms imposed by John Birt in the 1990s, has been increasingly influenced by the commercial culture of the private sector. More recently it has drifted further right, pushed and pulled by Tory and Tory-led governments that squeezed its funding and reshaped the political culture and agenda to which its editors defer. [...] Brexit, meanwhile, poses enormous challenges to journalism in general, but for the BBC they are especially acute since it has similarly disrupted its typical compass for impartiality: elite consensus. The majority of officials and business executives are opposed to Brexit, as are the vast majority of independent experts, but the government has sought to press ahead nevertheless. The electorate, meanwhile, remains fairly evenly split. In such circumstances, balancing opinion – public or elite – with expertise poses significant editorial dilemmas, and the BBC has been widely criticised for failing to challenge misinformation and misconduct by Brexit campaigners. BBC political journalists have sought to ride the storm by sticking to their conventional model of embedded reporting: describing the political wrangling and relaying the competing claims and counterclaims. But this has only exposed it to further accusations of bias. Even at the best of times BBC journalism tends to lean towards the government of the day, while the ostensibly neutral “he said, she said” approach too often means relaying disinformation at odds with the BBC’s public purpose. The current election will be a major test for the BBC, but in the long run we will need to address some of the longstanding structural problems that our current circumstances have brought to the surface. (Tom Mills, The Guardian)
Das Problem ist sehr ähnlich wie auch in Deutschland. Ich argumentiere schon seit vielen Jahren, dass die NachDenkSeiten (pars pro toto) zwar in ihrer Beschreibung des Missstands von einem starken (aus ihrer Sicht) feindlichen Medienkonsens richtig liegen, nicht aber in ihrer Analyse. Das Problem ist nicht "Meinungsmache" im Sinne einer konzertierten Aktion, das Problem sind auch nicht einzelne starke Verleger die den Redaktionen die Marschrichtung vorgeben, nein, das Problem ist wie immer strukturell und soziologisch bedingt. Der Journalismus, zumindest jener, der über die entsprechende Reichweite verfügt - vulgo der Leitmedien - ist wahnsinnig homogen. Da das Sein bekanntlich das Bewusstsein bestimmt, sorgt diese Homogenität im Hintergrund für eine Homogenität des Habitus. Auf Twitter wurde das erst jüngst thematisiert: Lange, unbezahlte oder kaum bezahlte Praktika sind praktisch eine Zugangsvoraussetzung für den Journalismus (wie übrigens auch für die Politikberatung!). Und solche muss man sich leisten können. FAZ, SZ und Spiegel sind schließlich nicht gerade in Regionen, die durch günstige Mieten glänzen. Ohne Unterstützung des Elternhauses geht da nichts. Es verwundert daher nicht, dass der Journalismus sich generell schwer damit tut, etwa die Lebensumstände der Armen angemessen zu begreifen - oder irgendwelcher anderer unterrepräsentierter Gruppen. Das ist natürlich kein auf den Journalismus beschränktes Problem, aber hier (wie auch in der erwähnten Politikberatung) deswegen auffälliger, weil die Formung der Wirklichkeit (ich kanalisiere hier mal meinen inneren Luhmann) durch die Massenmedien eine herausragende Stellung einnimmt und daher eine besondere Verantwortung innehat.

2) Wer von Ökodiktatur spricht, hat das Problem nicht verstanden
Politik ist menschengemacht und was menschengemacht ist, ist dem menschlichen Einfluss zugänglich. Normale politische Probleme können jetzt gelöst werden oder später oder nie. Selbst ein Krieg kann prinzipiell zu jedem Zeitpunkt beendet werden, wenn sich alle Seiten darauf einlassen. Normale politische Probleme sind verfügbare Probleme, weil das Handeln zu einem Zeitpunkt die Handlungsmöglichkeiten und Notwendigkeiten zu einem späteren Zeitpunkt nur beeinflusst, aber nicht bestimmt. Die Erderhitzung ist anders, ist nicht beliebig verfügbar. Sie kann entweder sehr schnell noch eingedämmt werden, oder sehr bald nicht mehr, weil dann Kipppunkte aktiviert werden und sich der Prozess der Erhitzung dem Zugriff des Menschen entzieht. Bernd Ulrich, der stellvertretende Chefredakteur der "Zeit", bezeichnet in seinem Buch "Alles wird anders" die Klimakrise als kumulativ: Jedes Molekül eines Treibhausgases, das in diesem Jahr ausgestoßen wird, muss nächstes Jahr zusätzlich eingespart werden. Mit jedem Moment der Verzögerung wächst die Aufgabe im nächsten Moment. Je länger wir nichts tun, desto schwerer wird es, zu handeln, desto höher werden die Kosten und desto einschneidender die notwendigen Maßnahmen. Das widerspricht der Gewohnheit und auch den üblichen Methoden politischen Handelns. Daraus folgt eine Tatsache, die der Intuition sogar noch stärker widerspricht. Sie lautet, auf eine Formel gebracht: Veränderung ist Bewahrung, Bewahrung ist Zerstörung, Mäßigung ist Übermaß. (Jonas Schaible, T-Online)
Das ist Jonas' letztes Essay für T-Online; inzwischen ist er zum Spiegel gewechselt. Ein letztes Mal Glückwunsch dafür. Ich finde seine Gedanken absolut relevant für die Diskussion, gerade was die völlige Verdrehung der üblichen "Methoden politischen Handelns" angeht. Ich habe hier bereits öfter betont, dass die zentrale Wasserscheide zum Thema Klimawandel hier in Deutschland nicht ist, ob man ihn für real hält oder nicht. Die kleine Gruppe der Spinner, die das bezweifeln, findet gerade in der AfD ihre Heimat. Die Wasserscheide ist vielmehr, ob man den Klimawandel als existenzielle Krise begreift oder vielmehr als ein (wenngleich schwerwiegendes) Problem unter vielen, für dessen Lösung einerseits noch Zeit ist oder das sich schlicht den Lösungsansätzen der Politik entzieht. Deswegen reden wir, zumindest meinem Gefühl nach, in den entsprechenden Debatten auch so häufig aneinander vorbei. Ich bin wenig überraschend wie Jonas der Überzeugung, dass es sich um eine schwerwiegende Krise handelt und dass daher jede Lösung, die nicht radikal ist, in Wirklichkeit Radikalismus bedeutet. Aber das geht gegen jedes tradierte Politikverständnis und beinhaltet seine eigenen Gefahren. So bescheuert die Rede von der Ökodiktatur angesichts des aktuellen Programms der Grünen auch sein mag, so ist sie eine reale Gefahr, die uns ins Haus stehen kann, besonders, wenn wir noch länger Lösungsansätze verschleppen und daher umso radikalere Lösungen später notwendig machen.

3) „Der niedrige Zins wird in Berlin und Brüssel gemacht“
Einigen Ökonomen treiben solche Aussagen die Zornesröte ins Gesicht. Denn hört man sich unter Wirtschaftswissenschaftlern um, so ist das Narrativ häufig ein anderer. Die EZB habe mit ihrer Zinssenkung 2008 die Wirtschaft Europas vor einem Kollaps bewahrt und der Politik damit Zeit erkauft. Die habe diese Chance aber nicht genutzt; die nötigen Reformen blieben aus. Mit Kritik an der EZB lenke die Politik nur vom eigenen Versagen ab. „Es ist schlicht falsch, dass die EZB den Zins alleine macht“, argumentiert auch Rüdiger Bachmann, Professor für Makroökonomik an der US Universität Notre Dame. „Sie muss sich viel mehr am natürlichen Zins orientieren.“ Als solchen versteht man den theoretischen Zins, bei dem der Gütermarkt im Gleichgewicht und das Preisniveau stabil ist. „Und der ist aktuell aufgrund vieler Faktoren niedrig“, fährt Bachmann fort. „So sparen zum Beispiel unheimlich viele Leute, weil die Gesellschaften älter werden. Auch die Unternehmen sparen heute viel mehr.“ Zudem lebten wir zunehmend in einer The-Winner-Takes-It-All-Ökonomie, in der die Konzentration der wirtschaftlichen Stärke bei wenigen Unternehmen dazu führe, dass sie weniger Druck hätten, zu investieren. „Es muss klar sein: Man kann nicht über niedrige Zinsen meckern und gleichzeitig knausrig sparen“, meint Bachmann. „Wenn Staat, Unternehmen und Privatiers ihr Geld lieber sparen als zu investieren, sinkt der Zins.“ Verantwortlich sind folglich aus seiner Sicht die politischen Rahmenbedingungen. „Der niedrige Zins wird hauptsächlich nicht bei der EZB, sondern in Berlin und Brüssel gemacht“, schlussfolgert Bachmann. Und Schulden seien ja nicht per se nicht gut oder schlecht; sie seien lediglich ein Instrument, von dem gut beleumundete und langlebige Institutionen wie der deutsche Staat auch durchaus gebrauch machen sollten, meint Bachmann. (Thorsten Mumme, Tagesspiegel)
Zentralbank-Mythen gehören zum Kernbestand sowohl der Liberalen als auch der Konservativen in Deutschland. Man denke nur an die Bedeutung einer stabilen Währung, die den Zentralbanken anvertraut ist, oder die niedrige Inflation, mit der allein sie betraut sind. Bislang war das stärkste, heiligste Argument im Köcher der CDU, FDP und mit ihr verbundenen Experten stets die Unabhängigkeit der Zentralbank, ob Bundesbank oder EZB, die es gegen die fiskalische Verantwortungslosigkeit von links zu verteidigen gelte und in deren sakralen Hallen die Geldpolitik unabhängig von den Wirren der Zeit getroffen werde. Seit allerdings die EZB nicht mehr in den Händen von Ordoliberalen im Sinne der Bundesbank ist, hat sich dieses Narrativ gedreht. Inzwischen machen dieselbe Leute, die früher andächtig die Unabhängigkeit der Zentralbank gepredigt haben, die Institution als ihren schlimmsten Feind aus. Der Grund dafür ist leicht auszumachen; die expansive Niedrigzinspolitik der EZB ist nicht eben etwas, was für Anleger aller Arten sonderlich attraktiv ist. Nur zeigt dieser Umschwung eben auch, dass die viel beschworene Unabhängigkeit diesen Leuten nur solange ein Wert war, wie sie ihren Interessen diente. Und es zeigt ebenso, dass die Zentralbanken vorher eben diesen Interessen dienten, ein Kritikpunkt, der von linker Seite ja mittlerweile seit Jahrzehnten fruchtlos an ihre Adresse geschleudert wird. Ich habe nicht viel mehr zu bieten als die Erkenntnis dieser politischen Situation, aber als Institution, die so weitreichende Entscheidungen wirtschaftspolitischer Art trifft, ist die EZB selbstverständlich keine Ruhezone im Sturm der Politik; sie ist im Kern politisch und als solche auch politischen Prozessen unterworfen.

4) Tweet
Tatsächlich muss man Perry hier ein wenig in Schutz nehmen. Das Zitat, das vor einigen Tagen auf Twitter der Aufreger der Stunde war, ist verkürzt wiedergegeben. Perry bezeichnete auch Obama als von Gott auserwählt; hierunter verbirgt sich weniger eine evangelikale Begeisterung als vielmehr deren grundsätzliche Weltsicht: Wir Menschen sind auf der Welt, weil Gott uns hierhin gesetzt hat, und jeder erfüllt eine Rolle in Gottes Plan. Auch Obama. Auch Karl Marx. Diese Weltsicht erlaubt es den Evangelikalen natürlich auch, sich einfach herauszureden. Wenn Trump Präsident ist, obwohl er ein mehrfacher Ehebrecher und Vergewaltiger, neurotischer Lügner und generell furchtbarer Mensch ist, dann ist das Gottes Willen, get in line. Warum man gegen Gottes Willen in diesem Fall nicht mit dem gleichen Furor opponieren können sollte, den man Obama entgegenbrachte, ist daraus nicht gesagt - aber für eine Vulgärversion christlichen Extremismus reicht es leider.

5) Hass und Hetze kommen überwiegend von rechts
In der Debatte über Hasskommentare sprechen Kritiker seit Langem von einer einseitigen Betrachtung des Themas. Unter anderem „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt betonte jüngst, die Hetze von linker Seite werde dabei oft übersehen. Einige unserer Nutzerinnen und Nutzer im Internet haben sich ähnlich geäußert. Wir sind dem Vorwurf einmal nachgegangen. [...] Wie ist nun die Verteilung von Hasskommentaren, Hetze und Drohungen zwischen Rechts und Links? Die bislang vorliegenden Zahlen beim Bundeskriminalamt besagen Folgendes: Ein Großteil der Hasskommentare (77 Prozent) „lässt sich dem rechtsextremen Spektrum zuordnen, knapp 9 Prozent der Kommentare sind linksextrem, die verbleibenden 14 Prozent sind ausländischen oder religiösen Ideologien beziehungsweise keiner konkreten politischen Motivation zuzuordnen.“ Eine Bestätigung dieser Tendenz kommt aus der Praxis. Staatsanwalt Christoph Hebbecker von der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen bei der Staatsanwaltschaft Köln sagte im DLF: „Wir können ganz klar sagen, dass die ganz weit überwiegende Anzahl der Fälle, die wir täglich bearbeiten, dem rechten und rechtsextremen Spektrum zuzuordnen ist, ein kleiner Teil auch dem linken Spektrum, und ein kleiner Teil ist auch keiner politischen Orientierung zuzuordnen. Das sind beispielsweise extreme Gewaltdarstellungen.“ Hebbecker spricht von „80 vielleicht auch 85 Prozent plus x“. Die bundesweit repräsentative Studie "#Hass im Netz: Der schleichende Angriff auf unsere Demokratie“ kam im Juni zu dem Ergebnis: „14 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund wurden bereits mit Hatespeech angegriffen, dagegen nur 6 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund.“ Auch dieses Ergebnis untermauert die Aussage, dass Hass und Hetze überwiegend von Rechts kommen. [...] Der Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld, Andreas Zick, sagte schon 2017 der Tagesschau: „Wenn wir uns Internetseiten anschauen – dazu gibt es Untersuchungen – dann finden wir kaum Hatespeech auf linken Websites. Es gibt im linksextremen Bereich Kritik und auch zum Teil Agitation. Es gibt Propaganda gegen das System, gegen Eliten und auch teilweise Hetze gegen Personen. Aber eine bestimmte Kultur der Abwertung und Herabwürdigung finden wir vor allem im rechten Spektrum.“ (DLF)
Die Zahlen des BKA sind eindeutig. Die Schlagseite rechter politischer Gewalt ist so eindeutig, dass die ständigen Versuche diverser Politiker und Kommentatoren aus dem liberalen und konservativen Spektrum, linke politische Gewalt (die unzweifelhaft existiert) auf dasselbe oder sogar ein schlimmeres Niveau zu heben, nur noch als Absicht gelesen werden können. Das Problem unserer Tage ist Rechtsextremismus, ist rechte politische Gewalt, ist rechte Hetze. Wenn sich das wieder ändert und dasselbe Phänomen von links an Stärke gewinnt, erwarte ich von unseren Kommentatoren hier, dass sie mich ehrlich halten und es mich mit derselben Verve angreifen lassen, mit der ich jetzt gegen die Rechten wettere. Aber dieser Tag ist schlicht nicht, und es ist höchste Zeit, das endlich anzuerkennen.

6) Can American nationalism be saved?

Sean Illing

I have to say, it’s strange that you were so staunchly anti-Trump a few years ago, even publishing an entire collection of essays trashing his worldview, and now you write in this book that Republicans should “thoughtfully integrate his nationalism into the party’s orthodoxy.” What changed?

Rich Lowry

A couple of things. We ran our “Against Trump” issue in December 2015 prior to the Iowa caucuses. We desperately wanted to defeat him. We thought there were 16 better alternatives. But fast-forward to today, he’s now the president, and we’ve seen how he’s governed and I’ve been surprised in two ways. I’ve been surprised how on some really important matters of substance to conservatives of long-standing, he’s been a rock, like on pro-life stuff, on conscience rights, on judges. That was one of the deep concerns we had about him but he’s basically delivered. My other surprise is I thought he would attempt to tone it down in terms of his personal conduct once he took office, but he absolutely hasn’t. The office has made no impression on him whatsoever. The huge downside is that he doesn’t respect the separation of powers in our government, he doesn’t think constitutionally, and says and does things no president should do or say. And I and my colleagues call him out on that. But at the end of the day, we’re asked to either favor Trump or root for Elizabeth Warren or Bernie Sanders or Joe Biden or Mayor Pete, who oppose us on basically everything. So it’s a pretty simple calculation. (Sean Illing, vox.com)
Dieses Interview mit dem Chef des rechtsradikalen "National Review", die 2015 noch die Begründer der Never-Trump-Bewegung waren, spricht Bände. Nicht, dass was Lowry hier sagt in irgendeiner Weise sonderlich unlogisch oder abartig wäre. Selbstverständlich werfen die conservatives alle Bedenken über Bord, denn sie bekommen von Trump, was sie immer wollten: Steuergeschenke für die Superreichen, rechtsradikale Richter auf allen Ebenen und eine Totalblockade des politischen Systems. Es ist erfrischend, wie offen Lowry ausspricht, dass es nichts gibt, das ihn und seinesgleichen gegen Trump in Stellung bringen könnte. Es sollte auch nicht überraschen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele Progressive auch viel Bullshit von einer Präsidentin Tulsi Gabbard erdulden würden, wenn diese die Kernforderungen der Partei erfüllt. Zugegebenermaßen nicht so viel wie die Republicans, dafür sind die Democrats zu sehr die Guten. Aber wer sich jemals einen breiten Widerstand in der GOP gegen Trump erhoffte, war und ist hoffnungslos naiv, und Lowry sagt das auch ganz offen.

7) Heads, Trump Wins. Tails, We All Lose.
It’s surprising, really, in a 230-year-old republic, how many questions about the presidency have gone unanswered by the courts, because nobody ever needed to pose them. What are the exact limits of executive privilege? How, in the modern age, can Congress punish White House aides who defy lawful subpoenas? Can an individual state prosecute a president for state crimes? The courts have not answered these questions, either because these questions have not arisen or because resolutions have been quietly negotiated when they have. But Trump is a more aggressive litigant than his predecessors. He makes bigger claims, probably because he has more to cover up. He will force the courts to pronounce answers. Those answers will probably rebuff him, both because his claims sound outrageous and because they so obviously attempt to conceal wrongdoing. Just as hard cases make bad law, so bad cases lead to hard law. Trump has refused to release any impeachment-related documents to Congress. He has asserted a right to prevent all his aides and even former aides from testifying. He has forced Congress to litigate everything. Should he continue to lose, as he has consistently lost up until now, his attempts to protect himself from oversight will hobble the presidency long after he leaves it. The case that worries me most is Trump’s attempt to defeat the Manhattan district attorney’s subpoena of his accounting records. Incredibly, even after all these centuries, the power of a state over a president remains blurry. On the one hand, we certainly don’t want state and local prosecutors harassing presidents for political reasons. On the other hand, what if Trump did shoot a man on Fifth Avenue—a state crime, not a federal one? Legal precedents do not guide us. [...] But state liability raises all kinds of additional questions about federal supremacy and local jurisdiction. It’s a mess. To date, presidents have resolved the question “Can a president be investigated and potentially indicted for state crimes?” by the excellent expedient of not committing state crimes. Trump has apparently found that too high a bar. (David Frum, The Atlantic)
Ich habe diese Punkte in meinem eigenen Artikel zum Impeachment ebenfalls bereits angerissen. Frums Schwerpunkt hier liegt mehr auf dem konstitutionellen Schaden des gesamten Prozesses, und er trifft den Nagel auf den Kopf. Trump ist eine Belastungsprobe für das System, wie es sie noch nie hatte. Er entdeckt Schwachpunkte, die wegen der Einhaltung bestehender Normen vorher nie zur Debatte standen. Dieselbe Gefahr droht uns hierzulande auch. Die gesamte Demokratie fußt darauf, dass bestimmte Normen, die nirgendwo festgeschrieben sind, eingehalten werden. Tabus, sprichwörtliche political correctness. Es gibt Grenzen, die nicht überschritten werden - bis es jemand tut, und dann hat der Kaiser plötzlich keine Kleider an. Diese Grenzüberschreitung setzt einen Teufelskreis in Gang. Entweder wird die Überschreitung heimgezahlt - dann ist die Norm für immer zerstört - oder sie wird hingenommen, und dann gilt die Norm nur noch für eine Seite. Ich habe hier schon oft geschrieben, dass ich den Tag fürchte, an dem die Democrats es den Republicans heimzahlen werden. Aktuell nehmen sie es praktisch mit Engelsgeduld hin, dass ihnen Posten gestohlen und Wahlen unterdrückt werden. Aber das kann nicht ewig so weitergehen. Die AfD zerstört hierzulande bereits am laufenden Band Tabus, die aus gutem Grunde errichtet worden waren. Ich fürchte es dauert nicht mehr lange, bis wir in der FAZ das Pro und Contra der Holocaustleugnung diskutieren werden.

8) A Middle-Class Agenda for Democrats
As progressives, we have a natural tendency to focus our policies on the poorest and weakest among us. This is, needless to say, admirable, but it’s also politically dangerous if it’s taken too far and leads the middle classes to believe they’ve been abandoned. [...] Is it any wonder they feel left behind even if they make more in absolute terms than the poor? The best example of this is the bitter observation from many of them that they wish they were poorer so they’d qualify for Medicaid instead of having to pay for an Obamacare policy with big deductibles and out-of-pocket maxes in the thousands of dollars. [...] You get the idea. These are things with limited costs that can be sold to the middle class as real, concrete benefits. At least, they can be if you know how to talk to ordinary people. And since, like it or not, middle-class workers tend to worry about spending and deficits, it’s appealing that these things can be financed in fairly ordinary ways, not via stupendous new taxes that barely sound plausible even to low-information voters. And for those of you who are super sophisticated and want to point out that it hardly matters what anyone proposes since none of it will pass through a Republican-controlled Senate anyway—well, you’re wrong. It does matter. Ordinary voters don’t think about filibusters and Senate majorities and other niceties of the American constitutional order. They just want to know whose side you’re on. A presidential campaign is a chance to tell them. (Kevin Drum, Mother Jones)
Ich denke dass Drum völlig Recht hat, was politische Kommunikation angeht. Diese Ideen sind, anders als die großen Würfe, tatsächlich sehr populär, und zu versuchen, der Wählerschaft innerhalb eines Wahlkampfs MMT als Problemlösung zu verkaufen, ist mindestens mal ambitioniert. Auf der anderen Seite ist aber diese Art kleinteiliger Politik auch wieder schwer zu verkaufen, weil ihr die Vision fehlt. Man begeistert halt nicht wirklich mit kleinteiligen Reformen.

9) "In the 2010s, White America Was Finally Shown Itself" - Ta-Nehisi Coates on “Obama’s decade,” reparations, and Kaepernick.
I would probably say it the other way and say racism is a useful frame to understand partisanship since the 1960s. The Republican Party is effectively a white party in this country. It’s the party of a white majority that greatly fears becoming a white minority. You have to separate the fact of Obama being a black man from the fact that that black man represented a multiracial party. That’s very, very important. [...] George Wallace — you know his story. WallaceWallace lost in his first run for governor of Alabama in 1958 to John Malcolm Patterson, but he would go on to become one of the most prominent segregationist politicians, campaigning for president four times in the Democratic primaries. was liked by the NAACP and was liked by black people, and his earliest campaign for governor did not want to make segregation and racism central to his campaign. Then he lost to a guy who went out and did that. He said, “I will never be out-n—–ed again.” He said, “I tried to talk about good roads and good schools and all these things that have been part of my career, and nobody listened. And then I began talking about ‘n—–s,’ and they stomped the floor.” It’s a guy that probably knew better. Some of these folks, if they are not racist themselves — and I’m willing to grant that — they don’t find racism so odious and so offensive that they either (a) would not stoop to using it themselves or (b) don’t mind the occupant of the White House using it or being a racist himself. [...] I really do, because I think there are two ways of analyzing Obama. There’s a politics of him, and there’s Obama as a mythical figure, the symbolic aspect of what he is. [...] People forget that Obama is immensely popular with black people, like probably the most popular person maybe after his wife. Why is that? Is that because of policy? No, he is confirming something in them. There’s something in black folks that they feel good about when they see him. [...] You got this guy, the embodiment of all of these middle-class values that America preaches and also the black community actually believe in themselves, and here it’s embodied and modeled before the world for eight years. Before Obama, most famous black people were all entertainers. And now you got an actual head of state who conducts himself in a way that you would want your son to conduct himself. (Zak Cheney-Rice, New York Magazine)
Wie alles, das von Ta-Nehisi Coates kommt, ist auch dieses Interview mehr als empfehlenswert. Ich habe aus vielen interessanten Gedanken den obigen herausgegriffen, weil hier noch einmal deutlich wird, welche Bedeutung die Person Barack Obamas gerade für die Schwarzen hat. Der Mann war eine absolute Ausnahmeerscheinung.

10)  Coal Knew, Too
“Exxon knew.” Thanks to the work of activists and journalists, those two words have rocked the politics of climate change in recent years, as investigations revealed the extent to which giants like Exxon Mobil and Shell were aware of the danger of rising greenhouse gas emissions even as they undermined the work of scientists. But the coal industry knew, too—as early as 1966, a newly unearthed journal shows. [...] As Cherry did some of his own digging, he soon realized his discovery could be the first evidence that the coal industry was aware of the impending climate crisis more than half a century ago—a finding that could open mining companies to the type of litigation that the oil industry is now facing. [...] As recently as 2015, Peabody Energy argued that carbon dioxide was a “benign gas essential for all life.” [...] The group sits at the heart of a broader right-wing misinformation network funded in large part by hedge fund billionaire Robert Mercer and his daughter, Rebekah, both Republican mega-donors who backed President Donald Trump and financed projects such as Breitbart News and Cambridge Analytica, the data firm considered key to Trump’s 2016 win. Palmer’s daughter, Downey Magallanes, was a top policy adviser at Trump’s Interior Department before joining oil giant BP in September 2018. [...] Evidence of what fossil fuel companies knew about climate change and when is critical to the legal strategy of those seeking damages for carbon dioxide emissions. If fossil fuel companies were aware of their products’ harmful effects on the planet, they could be held liable for damages. (Èlan Young, Mother Jones)
Auch wenn die eigentlichen Verantwortlichen nie zur Rechenschaft gezogen werden können, so ist es doch gut zu sehen, dass wenigstens die juristischen Personen der entsprechenden Unternehmen sich nicht so leicht entziehen können. Es ist dieselbe Geschichte wie mit Tabak. Die Unternehmen wissen genau, dass sie ein schädliches Produkt herstellen, und sie geben Milliarden aus, um dieses Fakt zu verschleiern und das Leben von hunderttausenden von Menschen zu verkürzen. Es wäre die Hoffnung, dass der allgemeine Umschwung der öffentlichen Meinung zu diesem Thema auch die Verbrechen der fossilen Energieträgerbranche erfasst. Beispiele wie diese sind es, die wahrlich die Schattenseiten des Kapitalismus aufzeigen. Nirgendwo sonst ist es so deutlich, dass der Einfluss von superreichen Unternehmen auf die Politik ein Übel ist und so weit wie möglich eingeschränkt gehört - und welche Rolle der Staat darin hat, den Marktprozessen Beschränkungen aufzuerlegen. Denn selbst bekommen die ihre niederen Instinkte offensichtlich nicht in den Griff.

11) Bestandsgarantie für Zombies
Braunkohle ist der dreckigste aller fossilen Energieträger, Spitzenreiter unter den CO2-Verursachern und außerdem noch ein schier unerschöpflicher Quell anderer giftiger Substanzen: Quecksilber, Schwefeldioxid, Stickoxide. Ins Grundwasser entlässt der Tagebau Sulfat und Chlorid, ins Oberflächenwasser Eisen, was die Flüsse "verockert" und, so das Umweltbundesamt, "aquatische Lebensgemeinschaften" stört. Braunkohle ist für die Unternehmen, die daran verdienen, ein wunderbar stabiler und kalkulierbarer Umsatzbringer. Das liegt daran, dass RWE und LEAG, die gemeinsam einen Marktanteil von 87 Prozent haben, die Kohle nicht am Markt einkaufen müssen, sondern sie direkt vom Tagebau in ihre Kraftwerke schicken. Wie billig die selbst geförderte Braunkohle wirklich ist, werde von den Energieversorgungsunternehmen erfahrungsgemäß nicht preisgegeben, so das Umweltbundesamt. Außerdem wird die billige Braunkohle, von der gern behauptet wird, sie sei ein "subventionsfreier" Brennstoff, vom Gesetzgeber in Wahrheit verhätschelt. Braunkohle ist von der sogenannten "Förderabgabe für Bodenschätze" freigestellt, und die Förderunternehmen sind auch weitgehend von den sogenannten "Wasserentnahmeentgelten" befreit. Sie saugen im Schnitt für etwa 17-20 Millionen Euro Wasser aus dem Kreislauf, gratis. [...] Das Verrückte ist: Trotz alledem wäre die Braunkohle schon längst nicht mehr profitabel, wenn die Betreiber dieser Klima- und Landschaftszerstörungsfabriken auch nur annähernd für die Umweltschäden zur Rechenschaft gezogen würden, die sie verursachen. Zur Erinnerung: Laut Umweltbundesamt erzeugt eine Tonne CO2 Klima-Folgeschäden in Höhe von 180 Euro. [...] Mit anderen Worten: Die von der Bundesregierung geplante CO2-Steuer in Höhe von zehn Euro pro Tonne, die von ausnahmslos allen, die sich damit auskennen, als viel zu niedrig eingestuft wird, hat nicht zuletzt einen Zweck: Sie hält die deutschen Braunkohlekraftwerke, die größten Dreck- und CO2-Schleudern des Landes, am Leben. Die Tagebaue fressen unterdessen laut Umweltbundesamt im Schnitt zwei Hektar Landschaft pro Tag. (Christian Stöcker, SpiegelOnline)
Und wenn man dann, gleich passend zu Fundstück 10, sehen will, warum politische Kontrolle auch keine Garantie für irgendwas ist, muss man sich nur das Desaster der Kohlepolitik in Deutschland anschauen. Von den ewigen, hyperteuren Subventionen für die sterbende Steinkohle in Ruhrgebiet und Saarland zu den noch schlimmeren, weil neben ihrer ökonomischen Ineffizienz auch noch die Umwelt zerstörenden Braunkohlesubventionen in den neuen Bundesländern sind alle Ebenen des Staates bis zum Dorthinaus mit der Branche verfilzt. Wie auch bei der Atombranche (Stichwort Atommüll) werden die Preise für Energie völlig dadurch verzerrt, dass ein großer Teil der Kosten externalisiert, sozialisiert und in die Zukunft verschoben wird. Möglich ist das nur, weil die Politik auf allen Ebenen mit deren Interessen verflochten ist und es die Branche geschafft hat, sich selbst mit Hoheitsinteressen gleichzusetzen. Die permanente Kampagne gegen die erneuerbaren Energien ist da auch nur ein Baustein dieser Strategie. Da werden lautstark die Subventionen wie das EEG bejammert, während gleichzeitig ein Vielfaches dieser Beträge in wesentlich schädlichere und, wenn man alle Kosten realistisch rechnet, ineffizientere Energieträger steckt.

Sonntag, 1. Dezember 2019

Bücherliste November 2019

Dies ist der erste einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Je nachdem wie sich das einpflegt werde auch auch auf andere Medien und Formate eingehen, die ich als relevant empfinde. Vorerst ist das Verfahren experimentell, bitte gebt mir daher entsprechend Feedback! Diesen Monat: der achte Band von "The Expanse", apokalyptische Geschichts-Narrative, eine Geschichte der sexuellen Belästigung, Dinosaurier, Deutschlands Sicherheitspolitik und die Besatzungspolitiken der US Army.

Nadia Schadlow - War and the art of governance: Converting military success into political victory

Seit Vietnam beherrscht das Problem des "Danach" die amerikanische Sicherheitspolitik: Was tun wir, wenn der militärische Konflikt gewonnen ist? Wie gewinnen wir den Frieden? Nadia Schadlow hat dazu ein Buch vorgelegt, das vom amerikanisch-mexikanischen Krieg in den 1840er Jahren bis heute nachverfolgt, wie das amerikanische Militär versuchte, militärische Erfolge politisch abzusichern. Herausgekommen ist letztlich eine Geschichte amerikanischer Besatzungs- und Verwaltungspolitik. Dabei schälen sich einige Leitmotive heraus. So zieht sich wie ein Roter Faden durch die US-Geschichte, dass das Militär diese Aufgaben nicht übernehmen will, aber nicht darum herumkommt, weil es keine anderen Akteure gibt. Diesem Unwillen der Militärs steht immer ein Misstrauen der zivilen Behörden gegenüber, die keine parallelen Militärregierungsstrukturen etablieren wollen. Dieser Dualismus prägt die gesamte Geschichte und sorgt beständig für Friktionen. Schadlow verfolgt einen sehr eingeschränkten Fokus. Viel zu oft beschreibt sie lediglich die entsprechenden Organisations- und Verwaltungsakte, ohne weiter auf das "Warum" einzugehen. Man kann das exemplarisch an der Darstellung des 19. Jahrhunderts sehen. Die US-Truppen in Kalifornien und New Mexico etwa greifen vor allem auf lokale Strukturen zurück und halten schnell Wahlen ab, erfahren wir da, um sich selbst sobald wie möglich herauszunehmen. Während der Besetzung der Südstaaten hat Präsident Johnson starke Bedenken gegen die Militärregierung und will diese möglichst schnell zurücknehmen. Und auf den Philippinen geben die US-Truppen die Regierung bald an zivile Behörden. Nichts davon ist falsch, aber es fehlt entscheidender Kontext. In Kalifornien und New Mexico geht die politische Kontrolle an amerikanische Siedler, deren Anwesenheit in mexikanischen Gebieten ja überhaupt erst der Grund für den Krieg war, aber Schadlow sagt davon kein Wort. Bei ihr klingt es so, als ob die US Army eine Demokratie mit Mexikanern aufbaut. Johnson wollte die US Army aus dem Süden haben, weil diese Garant der Reconstruction war und es sein Ziel war, den Südstaaten die Rückkehr zur rassistischen Weißenherrschaft zu erlauben - weswegen er ja auch impeached wurde. Und auf den Philippinen führte die Armee einen jahrzehntelangen, blutigen und genozidalen Vernichtungskrieg, aber Schadlow hört ihre Geschichte einfach mit offiziellem Ende der Kampfhandlungen auf. Auf diese Art lässt sich natürlich eine Erfolgsgeschichte schreiben, aber wenig lernen. Wenn das die Art ist, wie Militärgeschichte in West Point gelehrt wird, dann gute Nacht. Die Grenzen von Schadlows Ansatz bleiben auch danach deutlich. Sie beschäftigt sich quasi nur mit Militärregierungen, solange die Kampfhandlungen anhalten und schneiden mit der Kapitulation des jeweiligen Gegners praktisch ab. In der Betrachtung Deutschlands nach beiden Weltkriegen wie Koreas nach dem zweiten ist so der eigentlich relevante Teil nur angedeutet und nicht Gegenstand der Untersuchung. Die Rolle des US-Army im besetzten Rheinland zwischen 1919 und 1921 etwa ist hochgradig interessant, weil die US-Truppen recht schnell als Puffer zu Frankreich und Großbritannien gesehen wurden und agierten - und hier wäre auch der Vergleich mit 1945-1949 instruktiv, der aber auch ausbleibt. Richtig auseinander bricht die Struktur des Buches danach. Von Korea geht es nach Panama (!) 1989, und von dort nach Afghanistan und Irak. Vietnam bleibt völlig unerforscht. Zu den Anti-Terror-Kriegen erfahren wir zwar viel Verwaltungsgeschichte, voll kryptischer Abkürzungen, bleiben aber bei der nicht eben rasend innovativen Feststellung stehen, dass das Fehlen einer klaren Strategie und das permanente Oszillieren zwischen Anti-Terror- und Aufbau-Einsätzen wenig hilfreich war und ist. Das Buch bleibt so eine ziemliche Enttäuschung und nur für die sehr eingeschränkte Zielgruppe, die sich für Civilian Affairs im US-Militär interessiert, von Belang.

Sarah Brockmaier/Philipp Rothmann - Krieg vor der Haustür. Die Gewalt in Europa und was wir dagegen tun können

Die Deutschen tun sich bekanntlich schwer mit militärischen Interventionen und verlegen sich lieber auf "politische Lösungen", den Zauberstab der Verhandlungen. Doch weder das eine noch das andere ist eine immer zu bevorzugende Lösung, und Brockmaier und Rothmann behandeln in ihrem Buch diverse Fallbeispiele von Libyen zu Mali und Syrien, in denen sie untersuchen, welches Instrument angewandt wurde und mit welchem Erfolg. Grundsätzlich für ihre Argumentation ist die nicht unbedingt neue, aber stets zutreffende Kritik, dass es der deutschen Außenpolitik grundsätzlich an einer sinnvollen strategischen Ausrichtung fehlt. Sie beklagen die einseitige Verengung der Debatte auf die Frage, ob militärische Mittel eingesetzt werden sollen, und wehren sich dagegen, es als beständigen Dualismus zu sehen - Militär schlecht, Zivil gut -, ohne dass eine Strategie dahintersteht. Völlig zurecht fragen sie etwa, wie eine "politische Lösung" aussehen soll, die der damalige Außenminister Steinmeier vorschlug, als der IS die Jesiden massakrierte; gleichzeitig kritisieren sie aber auch die "Intervention auf Autopilot" in Libyen 2011. Ihre Argumentation ist insgesamt differenzierter, was wenig verwunderlich ist: ihre Kernforderung ist die nach differenzierter Werkzeugauswahl in den internationalen Beziehungen und einer dahinterliegenden Strategie. Diese Kernforderung wird in verschiedenen Dimensionen, von Entwicklungshilfe über logistische Unterstützung zu rechtsstaatlichen Prozessen zu Interventionen immer wieder wiederholt und an konkreten Beispielen sehr greifbar gemacht. Brockmaier und Rothmann schauen dabei auch über den Tellerrand hinaus, welche Interessen und legalistischen Theorien von anderen Akteuren wie etwa Brasilien (2011 Vorsitzende des UN-Sicherheitsrats) vertreten werden und wie diese mit Europa interagieren. Sehr empfehlenswertes, leicht lesbares Buch, das mit einem guten Mix an Beispielen und theoretischen Abhandlungen aufwarten kann.

James S. A. Corey - Tiamat's Wrath. The Expanse Book Eight (James S. A. Corey - Tiamats Zorn)

Ich habe für meinen Patreon zum Podcast „Boiled Leather Audio Hour“ eine Rezension  geschrieben. Diese steht bislang nur Patreons offen, aber weil ich euch alle so lieb habe und gleichzeitig ein wenig Werbung für Podcast und Patreon betreiben will, findet ihr den Text nachfolgend.

For some reason, the publication of the eighth novel in the Expanse cycle in March totally went past me, so I only read it now. The book picks off a few years after Book 7, in which the Laconians conquered the known galaxy and James Holden was taken captive by High Consul Duarte. As we check back in, Naomi is a vital figure in the Underground's leadership cadre, Bobby commands a stolen Laconian destroyer (piloted by Alex), and Amos is MIA on a mission to Laconia, where he was supposed to plant a Nuke but has since missed every evacuation window. Holden remains a captive of Laconia. 
The story is told from five POV characters perspectives: Naomi, Elvi, Alex, Bobby and, new to the mix, Duarte's daughter Theresa. Without going too much into spoilers, the plot covers a scientific mission of Elvi's that's supposed to research anomalies in the weirder ring systems, several terrorist attacks carried out by Bobby and Alex, Naomi's struggle with the ultimate goal of the resistance and how to achieve it and Theresa's development as the teenage daughter of the new Empire's God King. In two chapters, we get an intermission from Holden's viewpoint, but in general, for the first time, the man remains aloof and closed to us. 
It's not exactly a secret that the two authors behind the alias of James S. A. Corey are friends of George R. R. Martin's and owe at least part of their writing success - which has branched out into a TV series that was saved from oblivion by Expanse-fanboy number one, Jeff Bezos - to this acquaintance. 
The influences are unmistakable. It begins with the POV structure that's lifted directly from "A Song of Ice and Fire" and continues into the gritty, at times almost grimdark setting and the, let's say, morally challenged characters. Even the general plot outline borrows from the original, with the danger of an old, almost eternal and not understood force (the Others, basically) rearing it's ugly head only now in the 8th novel, where the "game of thrones" before served as distraction and to fatally weaken humanity in the face of its coming onslaught. 
However, if "The Expanse" proves one thing, then it's that having a successful recipe doesn't mean you can recreate it easily. The same problems that have plagued the series from its inception are coming back with a vengeance in this novel as well, and the root of all the problems can be summed up in two words: prose and characters. 
Prose first. James S. A. Corey simply aren't anywhere near the level that George R. R. Martin writes on. This is apparent when it comes to descriptions of things, which not only get repetitive but are, at times, almost excruciating. It's the worst when it comes to dialogue, though. 
The things the characters say are painfully obvious. There is practically no subtext. All motivations are spelled out, directly talking at each other. The same is true of the descriptions of the inner monologue the characters experience that oftentimes serves only as a mouthpiece for political or philosophical ideas. 
This is something of a science-fiction tradition. Bad dialogue laden with ideas, spouted at each other or in the form of inner monologue at the reader, is rife in the genre. But it seriously weighs down the whole experience. 
And it leads to point two, the characters. It has always been a problem of The Expanse that its characters, especially the secondary cast, weren't all that interesting. Bobby is a Marine. Alex is a Pilot. Amos is the Heavy Weapons Guy. Only Holden and Naomi have more facets to them, but they remain a cipher more often than not. 
In this novel, these problems go into overdrive, as Naomi has a rather weird plot about becoming the chief of the resistance whereas Holden is a cryptic sage on Laconia, who knows things because he has to and does and says weird, random shit. The whole secondary cast of characters like Elvi and Theresa don't have any personality at all, just fig leaves in place of it. 
However , "The Expanse" still isn't all bad, or else I wouldn't have made it into book eight. Its main strength is that it's interesting on two levels. The first is the plot, the second is the worldbuilding. 
In regards to the plot, the political and military machinations are very well thought out and are full of exciting dynamics. Everything makes sense without being predictable, and there are stakes to everything. 
But where "The Expanse" really shines is in the worldbuilding. The universe it creates, especially the solar system, is gripping and fascinating, and its brand of "realism, but not enough so that it ruins a good story" is the best-working parallel to Martin's brand of "deconstruction" of its genre. 
I was very skeptical about the story branching out more into science-fantasy and opening up to different systems (over 1300, to be exact), with the precursors and enemy aliens and all that, but it neatly fits with the tone established in the first novels and feels like an organic continuation and escalation rather than a convenience. 
Therefore, if you've read "The Expanse" until that point, there's no reason to stop now, even though the novel definitely is one of the weaker ones, together with book four. I personally want to know how the story ends, that's for certain, and I will suffer the weaknesses for the good stuff.

Dan Carlin - The end is always near 

Dan Carlins Podcast "Hardcore History" gehört sicherlich zu den bekanntesten Geschichtspodcasts überhaupt, und zu den erfolgreichsten. Es ist so gesehen verwunderlich, wie lange es gedauert hat, bis Carlin endlich ein Buch dazu geschrieben hat. Der Titel "Hardcore History" ist dabei Programm; Carlins Geschichtserzählungen sind nichts für Zartbesaitete. Seine Selbstbeschreibung ist, dass er an den "extremes of the human experience" interessiert ist. So beschäftigt er sich mit Völkermorden, dem Zusammenbruch von Zivilisationen, dem Einsatz der Atombombe oder Kindesmisshandlung in der Geschichte. Das vorliegende Buch ist langjährigen Hörern des Podcasts thematisch bereits bekannt; die darin vorliegenden Kapitel sind allesamt polierte Versionen früherer Episoden des Podcats (etwa "Suffer the Children", "Beubonic Plague" oder "Logical Insanity"). Das ist auch gleich der erste Kritikpunkt. Wer wie ich diese Folgen noch gut im Ohr hat, wird in der Buchversion (die Carlin im Hörbuch in seinem ihm eigenen Stil selbst vorliest) wenig Neues entdecken. Für Fans des Formats dürfte das allerdings kaum abschreckend sein. Tatsächlich ist absolut faszinierend, wenn Carlin seine großen Geschichtserzählungen entwirft. Er ist ein herausragender Erzähler, erst einmal völlig unbenommen vom eigentlichen Inhalt. Aber auch der Inhalt weiß überwiegend zu überzeugen. Wenn Carlin die Logik des "moral bombing", also des Flächenbombardements vor allem im Zweiten Weltkrieg nachvollzieht, stecken wir als Leser/Hörer in den Schuhen der Verantwortlichen. Wir mögen immer noch instinktive Abwehrreaktionen gegen die Logik haben, aber wir verstehen sie. Gleiches gilt für die logic insanity des atomaren Rüstungswettlaufs. "Erschrecken" dürfte die relevante Reaktion sein, wenn man die Erzählungen von der Herrschaftspraxis der Assyrer liest, bei denen Völkermord und Menschenrechtsverbrechen Staatsräson waren. Geradezu erschütternd ist seine Geschichte der Kindesmisshandlung. Die große Frage, die Carlin hier aufwirft, ist, ob bis Mitte des 20. Jahrhunderts nicht praktisch alle Kinder konstant misshandelt wurden - und welche Rückschlüsse das auf die Geschichte und ihre Entscheidungsträger zulässt. "Frage" ist übrigens die richtige Formulierung für Carlins gesamten Ansatz. Er liebt es, Fragen aufzuwerfen, den Leser zu provozieren und zum Nachdenken über die Frage nicht nur anzuregen, sondern geradezu zu zwingen. Die große Leistung seines Ansatzes ist es, sein Publikum zum fundamentalen Zweifel zu bringen, zur Reflexion über Themen, mit denen man sich sonst nicht beschäftigt hätte. Eine letzte Schwäche soll nicht verschwiegen werden. Die Verschriftlichung der früheren Podcast-Beiträge sorgt für einige Redundanzen, die im Hör-Medium bei weitem nicht so stark ins Gewicht fallen, in der konzentrierten Form hier aber auffällig sind und durch ein entschlosseneres Lektorat hätten verhindert werden können. Es ist nichts Schlimmes, nur hat Carlin einige Lieblingsvergleiche, die sich auf der kleinen Fläche dieses Buches häufen dessen Hörbuchversion keine acht Stunden lang ist - während Carlins Podcast locker 20 Stunden und mehr Gesamtlaufzeit zu einem Thema erreichen können, wo das dann weniger auffällt. Die unbedingte Kauf- und Leseempfehlung aber bleibt bestehen.


Linda Hirshman - Reckoning. The epic battle against sexual harassment

Manchmal liest man Bücher, die einen Erkenntnisgewinn bringen, der wie ein scharfes Schwert in die Unordnung des Geistes schlägt und alles neu strukturiert. Hoffentlich gibt es auch welche, die mir helfen, bessere Vergleiche zu finden. Anyway. Lesern dieses Blogs dürfte nicht neu sein, dass ich das Aufkommen von #metoo und der deutlich verbesserten Wahrnehmungsschwelle gegenüber sexueller Gewalt sehr offen gegenüberstand. Aber gemäß dem sokratischen Motto dass ich eigentlich nur weiß, dass ich nichts weiß, hätte mich nicht überraschen sollen, wie wenig ich eigentlich über die Hintergründe der Bewegung, gerade auf intellektueller Ebene, eigentlich durchdrungen hatte. Glücklicherweise gibt es Linda Hirshman. Von den 1960er Jahren bis heute zeichnet Kirhsman den Kampf der Frauenbewegung für die Anerkennung sexuellen Missbrauchs als Straftat nach. Dieser vollzog sich auf verschiedenen Ebenen: Von der rein juristischen Überarbeitung der Strafgesetzbücher und der zugrunde liegenden Normen (wie so oft ist der Civil Rights Act von 1964 eine Wasserscheide) zu ersten realen Entscheidungen hin zu einem gesamtgesellschaftlichen Bewusstseinswandel, den die Autorin in der #Resistance der #Pussyhats und der #metoo-Bewegung ein vorläufiges Ende finden lässt. Was dieses Buch so brillant und unbedingt lesenswert macht (ich halte es für DAS Buch, für das ich dieses Jahr eine Empfehlung aussprechen will!) ist, wie die Autorin einerseits in der Lage ist, die systemischen Strukturen zu analysieren, die hinter dem langen Kampf für die Anerkennung dieses Strafbestands und der Täter liegen. Entscheidend dafür ist ihre Fähigkeit, die juristischen Auseinandersetzungen auf ein verständliches und packendes Level zu holen (angesichts des trockenen Stoffes nicht eben einfach) und mit feministischer Theorie zu verbinden, und andererseits, wie sie es schafft, die inhärenten Widersprüche dieses Kampfes gerade auf progressiver Seite offen zulegen. Die zentrale Erkenntnis ist die Dichothomie zwischen zwei Unterdrückungsrichtungen für Frauen: einerseits die von konservativer Seite kommende Einschränkungen der Reproduktionsrechte und formellen Bürgerrechte (das klassische Patriarchat) und andererseits die von liberaler Seite kommende "sexuelle Befreiung" der 1960er Jahre, die Hirshman in einer Art geißelt, die jeden Konservativen zu Jubelrufen reizen dürfte. Vor dieser analytischen Brille macht plötzlich die lange Reihe liberaler, sich öffentlich zum Feminismus bekennender Sexualstraftäter von Bill Clinton bis Harvey Weinstein Sinn. Hirshman zeichnet dabei mit analytischer Brillanz und Schärfe das schwierige Verhältnis des Feminismus zu diesen Leuten und Strömungen nach, einerseits als Ganzes und andererseits als interner Richtungskampf zwischen zweiter und dritter Welle. Zudem enthält das Buch eine klare Theorie des sozialen Aktivismus, die permanent mit diesen Ereignissen verknüpft wird und als analytisches Instrument dient. Der beständige Kreislauf von rechtlicher Umgestaltung, Präzedenzfällen, Aktivismus, Backlash, Anerkennung und der Rolle des technologischen Wandels (Stichwort Hashtag-Aktivismus) werden von ihr alle ebenso kühl wie präzise analysiert. Noch einmal: eine absolute Empfehlung, und ein wahres Ausnahmebuch.

Steve Brusatte - The Rise and Fall of Dinosaurs

Dinosaurier gehören genauso wie Sterne und Planeten zu den Themen, zu der Kindersachbücher in Hülle und Fülle existieren (ich lese sie permanent mit meinen Kindern, kann also auf Erfahrung aus erster Hand zurückblicken) und die für Jugendliche und Erwachsene meist völlig vom populärwissenschaftlichen Radar verschwinden. Das ist sehr bedauerlich, und eigentlich interessieren mich beide Themen ja auch. Ich habe daher ein wenig recherchiert und bin auf dieses Werk von Steve Brusatte gestoßen, das einen Überblick aus der Feder eines Paläontologen verspricht. Vom Beginn der Trias nimmt uns der Autor auf eine Zeitreise bis zum Einschlag des Meteoriten, der die Kreidezeit beendet. Brusatte weiß gut, für welches Publikum er schreibt. Neben einigen exotischeren Dinosauriern und Forschungsgegenständen weiß er die Klassiker abzuarbeiten: Sauropoden, Triceratops, Tyrannosaurus Rex und Konsorten. Dabei bringt er stets den aktuellen Stand der Forschung ein und vermag aus der Beschreibung der Forschungsmethodik ein lebendiges Bild der längst vergangenen Zeit zu zeichnen. So erfährt man nicht nur etwas über die Dinosaurier, sondern auch über die Paläontologie. Diese nimmt einen wesentlich größeren Stellenwert ein, als der Buchtitel vielleicht erst einmal vermuten ließe; zu jedem Thema stellt und Brusatte einige seiner Kollegen in farbenfrohen Kurzbiographien vor (jeder seiner Bekannten ist effektiv ein Charakter aus Jurassic Park, wenn man ihm Glauben schenken darf). Es ist ein sehr amerikanischer Stil, aber er ist unterhaltsam. Etwas problematischer empfinde ich den Rückgriff auf narrative Kunstformeln, in denen beständig von "König" und "Dominanz" die Rede ist, sprich, welche Lebensform evolutionär an der "Spitze" steht. Das ist eigentlich eine ziemlich veraltete und schlicht gefährliche Sichtweise, vor allem, wenn man wie Brusatte explizite Analogien zur Menschheit zieht. Es ist ein bisschen Vulgär-Evolutionstheorie. Insgesamt aber ist das Buch für den interessierten Laien super verständlich und gut zu lesen. Daher klare Empfehlung, wenn man mal wieder - auf Erwachsenenniveau - der kindlichen Begeisterung für Dinosaurier nachspüren möchte. Buchtipps für eine ähnliche Reise durch das Sonnensystem sind herzlich willkommen.