Montag, 20. Oktober 2014

CBD Öl: legale Alternative für medizinisches Marihuana

Ein Gastbeitrag von Anne Friederich.

Disclaimer: Dieser Artikel stammt nicht vom Autorenteam des Oeffinger Freidenker.



In Deutschland gibt es keine legale Möglichkeit, an legales Cannabis zu kommen. Nur in seltenen Fällen darf von Ärzten Cannabis an Schmerzpatienten verschrieben werden, doch auch das ist meist synthetisch produziert. Eine legale alternative für alle, die nicht mehr weiter mit ihren Schmerzen und Leiden kämpfen wollen, könnte sich aber eventuell schon bald im CBD Öl zeigen. Das sogenannte Cannabidiol (CBD abgekürzt) ist der Wirkstoff neben dem THC, der in der Planze am effektivsten gegen Erkrankunken wirkt.

Samstag, 4. Oktober 2014

Ich lag falsch (5): Don't tell me who I am

Originalbeitrag auf Deliberation Daily.

Geschlechterrollen gibt es schon seit Ewigkeiten. Bereits bei Adam und Eva waren sie klar verteilt: "Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht." Woraufhin Gott ihm die Frau als Hilfe zur Seite stellte. Gemacht war sie aus einem Teil des männlichen Menschen, ihre Identität war ihm zur Seite zu stehen. Aber nicht einmal das bekam sie hin, denn sie verriet ihn aus Naivität an die böse Schlange. Diese Geschichte, die auch heute noch fleißig gepredigt wurde, diente Christen über Jahrhunderte zur Rechtfertigung ihrer Herabwürdigung von Frauen. Nicht, dass heidnische Gesellschaften besser gewesen wären. Es gibt wohl nur wenige, in denen Frauen einen so schlechten Status hatten wie im Römischen Reich. Dagegen war die christliche Misogynie geradezu ein Segen. Auch bei den alten Griechen war man nicht gerade auf der Seite des Fortschritts, was Geschlechterrollen anging.

Argumentiert wurde dabei eigentlich fast immer gleich: Der Mann wurde, mit unterschiedlichen Begründungen, als dominanter Teil gezeigt, dem die öffentliche Sphäre unterlag und der für Schutz und Versorgung von Frau und Kindern zu sorgen hatten, die rechtlich häufig auf derselben Stufe standen. Natürlich war dies auch für den Mann nicht ganz ohne Nachteile, oblag es doch ihm, in die zahllosen Kriege zu ziehen, die für die menschliche Geschichte so kennzeichnend sind. Da jedoch zu allen Zeiten Armeen sich nicht auf das Töten gegnerischer Kombattanten beschränkt haben, ist das nur ein sehr schwacher Trost.

Es gehört mit zu den in der Einführung angesprochenen Blindheiten, dass ich mich bei der Betrachtung von Geschlechterrollen immer nur auf die politische und rechtliche Gleichstellung beschränkt habe. Selbstverständlich gilt auch weiterhin meine Aussage, dass sowohl Männer als auch Frauen im überwiegenden Teil der Geschichte sehr wenig bis nichts zu sagen hatten. Das ändert aber nichts daran, dass jenseits der politischen Enrechtung der Mann deutlich mehr Rechte als die Frau genoss. Nicht nur, dass er häufig über die Frau als Eigentum verfügte (was in zahllosen Kulturen auch zeremoniell bestätigt wird); oft war er auch alleiniger Verwalter des Hausstands und einziger legaler Vormund der Kinder. Scheidungen waren fast immer nur für den Mann möglich, und die Frau zu schlagen oder anderweitig zu misshandeln galt nicht als Verbrechen, sondern als Prärogativ des Mannes. Bis 1997 (!) war es in der Ehe für eine Frau nicht möglich, ihrem Ehemann sexuelle Dienste zu verweigern. Mir ist es inzwischen unbegreiflich, wie ich diese Fakten einfach unter den Tisch kehren konnte, aber ideologische Verblendung hilft da wohl.

Legitimiert werden diese Rollenbilder häufig mit "Tradition" beziehungsweise "Kultur" auf der einen oder biologischen Faktoren auf der anderen Seite. Natürlich bestreitet niemand, dass Frauen und Männer durch ihre biologische Disposition voneinander getrennt werden: nur eines der beiden Geschlechter kommt in den zweifelhaften Genuss von Schwangerschaft und Entbindung und produziert danach nahrhafte Muttermilch. Daraus jedoch eine fundamentale Schieflage in den Rechten zu konstruieren ist mehr als nur gewagt. Es fügt zum Schaden auch noch den Spott dazu. Genau das aber geschieht ständig. Frauen werden mit Mutterschaft und Versorgung assoziiert, was sie an Heim und Herd bindet. Eine gleichzeitige Assoziation mit Frauen war und ist grundsätzlich "Schwäche" ("das schwache Geschlecht"), sowohl im Sinne körperlicher als auch psychischer Kraft. Frauen wird unterstellt, emotionaler zu sein als Männer und nicht zu den gleichen Denkleistungen imstande zu sein. Generell wird "weiblich" mit "schlecht" assoziiert, auch wenn das nicht immer explizit ausgesprochen wird, während "männlich" meist "gut" bedeutet. Nivea hat dies für eine Werbekampagne grandios aufgearbeitet:

Das Zurschaustellen von "männlichen" Verhaltensweisen wird für Frauen meist nicht akzeptiert. Dies sieht man häufig bei Politikerinnen oder Unternehmensführerinnen, wenn man ihnen aggressives oder machtgieriges Verhalten vorwirft, das für Männer problemlos akzeptiert wird. Auch hier wirkt sich das Rollenmodell auch für Männer schädlich aus: stellen sie ihre Gefühle zur Schau, gilt dies als "weibisch" oder "schwach". Diese Rollenmodelle reduzieren daher die Palette gesellschaftlich akzeptabler Verhaltensweisen für Männer. Gleichzeitig gelten Zorn und Gewalt für Männer als akzeptierte Gefühlsvehikel (etwa um Trauer auszudrücken), für Frauen nicht. Dass solche Zuschreibungen zu einer Schieflage in der Akzeptanz von häuslicher Gewalt führen, die erst seit kurzer Zeit als Thema erkannt und bekämpft wird, ist nur eine der vielen negativen Auswirkungen dieser Rollenbilder. Für Männer führt dies umgekehrt dazu, dass sie in den selteneren Fällen weiblicher Gewalt über keinerlei eingeübte Konfliktlösungsmechanismen verfügen, da man diese immer nur den Frauen zuschrieb und antrainierte, während sie vor allem kompetitive Strategien kennen.

Das perfide an allen Rollenbildern ist, dass sie, gerade weil sie sich aus einer langen Tradition her begründen, praktisch unsichtbar sind. Wir sind sie gewohnt, sie wurden uns von Geburt an anerzogen. Kleine Jungs werden ermutigt, ihre Grenzen auszuprobieren, während Mädchen eher beschützt werden. Mädchen helfen eher als Jungs bei der Hausarbeit, man gibt ihnen Puppen statt Autos, statt zum Judo gehen sie zum Ballett. Es ist gerade das omnipräsente der Rollenbilder, das sie so mächtig macht, und das den Kampf gegen sie mit einem so großen Backlash kommen lässt - einer heftigen Gegenreaktion der Gesellschaft selbst. Frauen sind hier keinesfalls ausgenommen. Einer der großen Irrtümer des Feminismus war schon immer anzunehmen, dass alle Frauen automatisch auf seiner Seite sind (ebenso wie der Irrtum der Sozialisten war, alle Arbeiter müssten automatisch zu ihnen stehen), und jede Abweichung davon als Verrat wahrzunehmen. Lebenslang antrainierte Verhaltensweisen wieder abzulegen, selbst wenn sie schädlich sind, ist nicht gerade eine kleine Leistung. Für Männer kommt noch hinzu, dass die trotz aller Schäden, die selbst durch das System erleiden, immer noch Netto-Profiteure sind.

Die Versuche des Aufbrechens von Rollenbildern sind daher fast zwangsläufig ein Elitenprojekt. Nur wo das kritische Reflektieren von Denkmodellen eingeübte Routine ist, kann eine Erfolgschance bestehen. Dass der Urboden des Feminismus die Universitäten sind, überrascht daher nicht. Die Gefahr hier besteht hauptsächlich darin, dass die Diskussion in den abstrakten Welten der universitären Welt bleibt. Das Aufkommen einer neuen Generation von Feministinnen, die die erlernten Theorien auch auf bisher als zu profan abgelehnte Wirkungsbereiche anwenden (gerade die Popkultur) und ihre Analysen publikumswirksam und verständlich zu verpacken wissen, könnten hier Wunder wirken.

Doch auch die eher akademischen Diskussionen enthalten wertvolle Ansätze. So mag das Gender Mainstreaming zwar einige extreme Verrennungen in Sackgassen hervorgebracht, ist aber in seiner grundsätzlichen Richtung zu begrüßen. Auch die Ansätze zu einer geschlechtergerechten Sprache, wie sie etwa von Anatol Stefanowitsch vertreten werden, sind trotz ihrer bisher eher mangelhaften Alltagstauglichkeit ein Schritt auf dem richtigen Weg. Was es hier noch braucht sind die Mittler, die die wissenschaftlichen Erkenntnisse aufgreifen und wirkungsvoll verankern können - in einer Art und Weise, die für die breite Bevölkerung auch akzeptabel ist. Bisherige Versuche wie das Binnen-I und seine Geschwister (Asterikse, Unterstriche, etc.) sind nur Krücken und für den Alltag unbrauchbar.

Das Ziel muss es also sein, klassische Geschlechterrollen aufzulösen und die volle Bandbreite an Möglichkeiten für beide Geschlechter zugänglich zu machen. Das heißt explizit nicht, wie von vielen Kritikern befürchtet, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern völlig aufzulösen. Das ist selbstverständlich eine biologische Unmöglichkeit. Das Ziel muss es sein, sie komplett irrelevant zu machen. Es sollen daher nicht Röcke, Ohrringe und Makeup verboten werden oder gleich utopische (oder dystopische) Vorstellungen einer Welt ohne Geschlechtsverkehr und Babys aus der Retorte gepflegt werden. Es geht darum, die akzeptablen Verhaltensweisen, Ziele, Rollen und Möglichkeiten jedes Geschlechts auch auf das andere auszuweiten. Jungs sollen weinen dürfen und Mädchen sich aktiv behaupten, um es plakativ auszudrücken. Und von diesem Ziel sind wir noch weit entfernt.

Dienstag, 30. September 2014

Ich lag falsch (4): Misogynie im Alltag


Dieser Post erschien ursprünglich auf Deliberation Daily.

Ein häufig unterschätztes Problem ist, wie sehr frauenfeindliche und Frauen benachteiligende Faktoren in unserem Alltag verwurzelt sind. Sie finden sich an Orten, wo man sie gar nicht vermuten würde und wo sie uns auch gar nicht auffallen, weil wir an ihren Anblick von klein auf gewohnt sind. Nichts trägt so sehr zur Konstruktion von Genderrollen und verwurzelten Stereotypen, wie wir sie noch einmal im letzten Teil der Serie betrachten werden bei wie die Konstruktionen, denen wir im Alltag begegnen. Wir finden sie auf den Schachteln von Nahrungsmitteln und Spielzeug. Sie begegnen uns in der Werbung allgegenwärtig. Wir sehen sie auf Schildern in Piktogrammen. Sie durchsetzen unsere Freizeitgestaltung in allen Medien. Selbst unsere Sprache ist davor nicht gefeit. Macht man sich diese Dinge erst einmal bewusst, sieht man es überall. Es ist, wie auf Aufforderung für fünf Minuten nicht an Eisbären zu denken.

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Nicht für mich gemacht.
Beginnen wir mit unschuldigen Babyprodukten. Wenn Elternteile neben den glücklichen, properen Babys abgebildet sind, sind es weit überdurchschnittlich Frauen, die sich mit den kleinen Rackern beschäftigen und ihnen den verschmierten Po abwischen. Auch Kinderspielzeug zeigt sehr häufig spielende Mütter mit ihren Kindern (es sei denn, es ist genderkodiertes Jungen-Spielzeug, aber dazu gleich mehr). Auf einer Packung Kindernahrung von Milupa findet sich allen Ernstes die Hotline für die "Mütterberatung". Väter haben offensichtlich nie Fragen zur Kindeserziehung. Die Hotline ist übrigens auch "Von Mamas für Mamas". Auf diese Art und Weise werden Tätigkeiten von vornherein mit einem bestimmten Geschlecht assoziiert. Gleiches gilt etwa auch viel zu häufig auch noch für Waschmittel. Auf der anderen Seite des Spektrums finden sich gerne Männer auf Packungen von Werkzeug und Autozubehör, weil Frauen ja bekanntlich nicht einmal Nägel in die Wand schlagen können.
Dieser ungute Trend setzt sich beim Spielzeug fort. Exemplarisch ist er bei Produkten der Lego-Familie zu betrachten, wo das Zielpublikum klar vorgegendert ist. Während die überwältigende Mehrheit der Produkte klar für Jungs beworben wurd (mit einem Fokus auf kämpferischem Wettbewerb und dem Prozess des Bauens) ist eine Produktlinie ("Lego Friends") explizit für Mädchen beworben und, natürlich, in Pastellrosa gehalten. Im Umkehrschluss bedeutet dies auch, dass der Rest der Lego-Produktpalette nicht für sie ist - ein Fakt, das die Werbung unterstreicht. Auch bei Duplo und anderem Spielzeug, das eher für Kinder zwischen ein und drei Jahren gedacht ist finden sich bereits klare Gendererwartungen formuliert. Anita Sarkeesian hat in einer Serie von drei sehenswerten Youtube-Videos diese Mechanismen am Fall Lego analytisch dekonstruiert (hier, hier, hier).

Nun verbietet natürlich niemand Mädchen, sich mit den Lego-Produkten der Reihe "Ninja-Go" zu beschäftigen und sich gegenseitig floureszierende Chips an den Legomännchenkopf zu schießen, und ich würde auch nie fordern, diese Produkte nicht zu produzieren. Viele Mädchen werden die Genderkodierung auch ignorieren und sich das Material trotzdem kaufen. Ein anderer Faktor, der leider auch von Sarkeesian und anderen Feminstinnen nicht oft genug bemerkt wird ist, dass diese Stereotype auch für Jungs und Männer schädlich sind. Nicht nur blockieren sie eine ganze Reihe von erfüllenden oder nützlichen Funktionen für Männer (putzende Männer werden immer noch gerne ironisierend in der Werbung eingesetzt, und ein Spielen mit Barbies ist immer noch undenkbar). Während Mädchen und Frauen - glücklicherweise - immer mehr aufgefordert werden, die ihnen zugedachten Rollen aufzuweichen und zu durchbrechen, gibt es für Jungen und Männer noch keine vergleichbare Bewegung. Auch hier kann ich wieder mit Beispielen aus meiner eigenen Erfahrung aufwarten: Als es auf Arbeit darum ging, einige Regale an der Wand zu befestigen, musste ich zu meiner Schande gestehen, nicht gerade ein Gott an der Bohrmaschine zu sein. Kommentar der Chefin (!): "Was bist denn du für ein Mann?" Exakt dieselben Reaktionen bekommt meine Frau, wenn sie gesteht dass sie nicht nähen kann, ein Job, der bei uns mir zufällt. Purer Unglaube ist das Resultat.

Man beachte die Frauen im Hintergrund. Spaß für die ganze Familie!
  Auch in den Medien, die wir für unsere Unterhaltung benützen, finden wir diese Rollenbilder und Vorurteile ständig wieder und bekommen sie serviert. Hauptcharaktere in Filmen, die nicht explizit für ein weibliches Publikum gemacht sind, sind in überwältigender Mehrheit männlich (und weiß, aber das ist noch einmal ein ganz anderes Thema). Noch immer bestehen dramatisch viele Filme den Bechdel-Test nicht. Ihre Problemlösungsstrategien sind häufig sehr gewaltorientiert, was problematischerweise besonders häufig mit klassischer Männlichkeit verbunden wird. Besonders auffällige Delinquenten sind hier machoistische Gewaltphantasien wie die Serie "Sons of Anarchy" (meine Artikel dazu hier) oder das gesamte Genre der Rache-Geschichten, das in Filmen wie "96 Hours" seine Entsprechung findet. Frauen werden hier fast immer auf die Rolle des passiven Opfers reduziert, worauf es an dem Mann ist, für diese Ehrverletzung Rache zu nehmen (und häufig genug die alleine völlig hilflosen Frauen zu retten). Zwar sind die Täter auch in 99% der Fälle männlich; ihre Bosheit besteht aber aus der körperlichen Gewalt, die sie Frauen antun (und die gleichzeitig als Ausrede für billigen Gewalteinsatz dient). Ohne diesen Faktor sind sie dem Hauptcharakter selbst unangenehm ähnlich. So findet "Sons of Anarchy" nichts dabei, die Helden ein Pornostudio betreiben und Frauen anbrüllen zu lassen - die bösen Jungs bedienen sich Zwangsprostituierter und schlagen ihre Frauen. Hier reden wir aber nur noch über Gradunterschiede. Der beständige Rückgriff auf dieses uralte Muster der "Damsel in Distress" wurde von Anita Sarkeesian ebenfalls in zahlreichen Videos dekonstruiert (hier, hier, hier, hier). Für an der Debatte Interessierte habe ich hier und hier ebenfalls Stellung genommen.

Die Gamer-Kultur, die dieser Tage unter dem Stichwort #Gamergate so sehr in die Schlagzeilen geraten ist (sogar SpOn hatte was dazu) ist wohl das offensichtlichste Beispiel dafür, dass es noch weit verbreiteten Frauenhass gibt. Sarkeesians Kritik wurde von massiven Hass- und Drohungskampagnen begleitet, die so heftig waren, dass sie aus ihrem Haus flüchtete und Polizeischutz beantragte. Noch heute kann sie problemlos die "Hass-Mail des Tages" veröffentlichen; ihre Auswahl ist offenkundig groß genug. Drohungen sie zu vergewaltigen und zu töten erinnern auf ungute Art und Weise an die aktuellen Exzesse in Indien, wo die von den örtlichen Autoritäten legitimierte Vergewaltigung als probates Mittel der Züchtigung von Frauen gilt, die aus ihrer Rolle fallen und sich - in den Augen der Männer - zu viel herausnehmen. Auch der Skandal um die gestohlenen Nackt-Selfies von Popkulturgrößen wie Jennifer Lawrence offenbarte Abgründe, in denen den Frauen - wie in der missratenen Vergewaltigungs-Awareness-Kampagne der britischen Regierung - die Schuld gegeben wurde. Im Englischen wird dieser Prozess als "slut-shaming" bezeichnet. Er stellt ein jahrhundertelang erprobtes Mittel der Frauenunterdrückung dar: den Frauen einzureden, sie seien an ihrem Schicksal selbst schuld und nicht die Täter und sie sogar zu Komplizen im üblen Spiel zu machen (mehr dazu im letzten Teil der Serie).

Der Kampf gegen festgefahrene Stereotype und Rollenklischees hat sich zu lange nur auf einige wenige Teilbereiche der Gesellschaft bezogen. Mit Ausnahme des Schmutzboulevards (etwa Fox News) haben die Medien sich genauso wie die Politik einem beeindruckenden internen Säuberungsprozess unterworfen und vermeiden tendeniziöse Berichterstattung. Auch in der Politik (und zunehmend der Wirtschaft) ist offener Sexismus inzwischen praktisch unmöglich geworden. Im Privaten oder Semi-Privaten (Meinungsäußerungen im Internet lassen sich nicht mehr wirklich klar einordnen) aber fühlt man sich bisweilen immer noch wie im Dschungel.

Das perfide an all diesen Beispielen ist, dass sie für sich genommen nicht schlimm sind. Wer sieht nicht gerne Liam Neeson zu, wie er böse Mädchenentführer erschießt? Darf man nicht daran Spaß haben, wenn sich Motorradgangs gegenseitig über den Haufen schießen? Muss ich aufhören, GTA V zu spielen? Kriegt mein Sohn nun doch kein neues Lego-Flugzeug, sondern das Barbie-Set? Das ist natürlich Quatsch. Auch gibt es selbstverständlich auch positive Gegenbeispiele. Es gibt Filme und Spiele mit weiblichen Hauptfiguren, die sich nicht um Shoppen und Backen drehen. Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Aber noch immer ist eine viel zu große Mehrheit der Produkte in unserem Alltag von Sexismus - in beide Richtungen! - durchsetzt, der uns in alten Genderrollen festhält. Von den historisch gewachsenen Rollenvorstellungen und ihren Beharrungskräften ganz zu schweigen. Aber die beschäftigen uns im nächsten und letzten Artikel der Reihe.

Montag, 29. September 2014

Ich lag falsch (3): Warum Gleichstellungspolitik an den Familien ansetzen muss

Dieser Post erschien ursprünglich auf Deliberation Daily. 

Es gibt ein Sprichwort, das das grundsätzliche Dilemma jeder Gleichstellungspolitik illustriert, das gleichzeitig in der öffentlichen Debatte weitgehend ignoriert wird: "Biology as fate, pregnancy as a life sentence." Der große Graben zwischen Männern und Frauen ist und bleibt ihre Biologie, die den Frauen ihre wohl schwerste Benachteiligung überhaupt entgegenstellt: die alleinige Fähigkeit, Kinder auszutragen, zu gebären und in ihren ersten Lebensmonaten zu ernähren (Ersatznahrung ist und bleibt ein schwieriges Substitut). Da fast alle menschlichen Gesellschaften noch immer um eine Kernfamilie aus Mutter, Vater und Kindern herum zentriert sind und eine Mehrheit der Menschen noch immer einen Kinderwunsch hat, ist eine Schwangerschaft im Leben einer Frau ein statistisch zu erwartendes Ereignis. Schwangerschaften aber haben, neben den gesundheitlichen Implikationen und Fragen des Komforts, immer auch die Eigenschaft, Frauen für eine Dauer von mindestens 14 Wochen aus dem Erwerbsleben zu katapultieren, in der Realität aber oft deutlich länger. Pausen im Erwerbsleben aber sind Gift für jegliche Karrierewünsche, und die Begeisterung von Vorgesetzten für Schwangerschaften ihrer Angestellten hält sich meist auch in engen Grenzen. Bisher aber überlässt der Feminismus dieses Feld viel zu sehr konservativen Reformern, anstatt selbst tätig zu werden.

Diese Zurückhaltung hat lange Tradition. Der Feminismus entstammt einer Tradition, die klassischen Geschlechterverhältnissen ohnehin eine Absage erteilt hat (man denke nur an das unheilvolle Dogma Alice Schwarzers, das den Geschlechtsverkehr zwischen Mann und Frau als grundsätzlich verwerflich ablehnt) und hat sich daher mit dem klassisch-bürgerlichen Familienbegriff nur als Antipoden befasst, was durch das beständige Besetzen des Begriffs durch die CDU in Deutschland nicht leichter wird. Tatsächlich ist Familienpolitik in Deutschland seit 2005 eigentlich immer CDU-Politik. Das Elterngeld, eine der größten Expansionen des Wohlfahrtsstaats zugunsten von Frauen aus der Mittelschicht, geht auf sie zurück. Dass der Feminismus sich eher bei Grünen, Linken und in Maßen der SPD heimisch fühlt, führt diese Spaltung nur noch weiter.

Das ist verheerend, denn die Familie ist immer noch die Wunschlebensform der überwältigenden Mehrheit in Deutschland. So wünschenswert andere Sozialformen für den Feminismus und die Linke generell auch sein mögen, so können sie allenfalls ferne Zukunftsziele sein. In der Praxis der deutschen Wohnzimmer ist es immer noch so, dass die Frauen den überwältigenden Anteil von Hausarbeit und Kindeserziehung übernehmen, während die Männer eher für die Versorgung zuständig sind. Selbst wenn beide Ehepartner arbeiten, bringt häufig der Mann den größeren Anteil des Familienvermögens ein, und wenn nur ein Ehepartner arbeiten kann (etwa, weil ein kleines Kind zu versorgen ist), dann bleibt in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle die Fraue zu Hause. Dies ist zum Teil der Struktur des Elterngelds geschuldet (das per default den Frauen 12 Monate bezahlt, die bei Beteiligung des Mannes um mindestens zwei Monate auf maximal 14 Monate ausgeweitet werden können), aber zu einem größeren Teil Traditionen und Rollenbildern sowie, erneut, der Biologie geschuldet sind: zwar ist es theoretisch möglich, dass die Frau Muttermilch abpumpt und Papa über den Tag das Kind füttert. In der Praxis aber ist dies den meisten zu viel Umstand. Aber auch veraltete Rollenbilder führen dazu, dass Frauen immer noch in die Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt werden. Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: seit ich 2012 Vater geworden bin hat mich noch nie - wirklich nie - jemand gefragt, wie ich eigentlich die Belastungen eines Vollzeitjobs mit einem Kind vereine. Hätten wir für jedes Mal, wenn meiner Frau diese Frage gestellt wurde, 10 Euro bekommen, könnte ich den kompletten und nicht unerheblichen Windelbedarf des Juniors damit decken. Warum werde ich nicht implizit dafür angegangen, dass ich mein Kind zugunsten der Arbeit vernachlässige (es geht in die Kita), meine Frau aber schon? Für Leute, die behaupten wir hätten die alten Rollenmodelle überwunden, habe ich seit ich Vater geworden bin nur noch ein müdes Lächeln übrig. Und ich bin wahrlich nicht ein Musterbeispiel für die gleichberechtigte Aufteilung von Hausarbeit, wie ich gestehen muss.

Diese Faktoren führen dazu, dass Frauen - vielleicht auch unbewusst - bei der Studien- und Karrierewahl Berufszweige meiden, in denen lange und unflexible Arbeitszeiten die Regel sind. Wollen sie trotzdem erfüllende und ansprechende Berufe haben, landen sie beinahe natürlich im öffentlichen Sektor (wie ich hier ausführlich beschrieben habe). Dies trägt zu dem eklatanten Mangel von Frauen in Führungsetagen und in naturwissenschaftlich und ingenieurstechnischen Berufen bei, in denen lange Arbeitszeiten die Regel sind. Für viele Frauen wird damit bereits von Beginn an ein erheblicher Anteil von Optionen ausgeschlossen, was noch wesentlich mehr als überkommene Rollenbilder oder Unsinn von "natürlichen Begabungen" erklären hilft, warum weibliche Gymnasiastinnen zwar durchschnittlich bessere Noten als ihre männlichen Mitschüler haben, an den Universitäten aber in den "harten" Fächern wie Maschinenbau, Informatik oder Physik unterrepräsentiert sind (teilweise in Verhältnissen von 8:1 oder 9:1), dafür aber in "weichen" Fächern wie Lehramt, Erziehungswissenschaft oder Kunst überepräsentiert sind.

Noch viel problematischer als die eigentliche Berufswahl aber ist der eklatante Mangel an Betreuungsmöglichkeiten. Will eine Frau nach der Geburt gleich wieder arbeiten (der Mutterschutz währt derzeit 8 Wochen), so ist ihre einzige Chance, eine Tagesmutter oder eine vergleichbare Fachkraft anzustellen - was für die deutliche Mehrzahl der Haushalte unbezahlbar ist. Kindertageseinrichtungen nehmen in den seltensten Fällen Kinder auf, die jünger als ein Jahr sind, und die Mehrzahl beginnt ihre Gruppen immer noch erst mit zwei oder sogar drei Jahren. Dazwischen ist eine Lücke, die von irgendjemandem gefüllt werden muss. Wenn die eigenen Eltern dann nicht schon Rentner sind und zufällig in der Nähe wohnen, bleibt eigentlich keine andere Chance als selbst zuhause zu bleiben, bis ein Platz in einer Kindertageseinrichtung verfügbar wird - und diese Einrichtungen bieten oftmals auch nur halbtags Betreuung an. Und in der überwältigenden Mehrzahl der Fälle ist es die Frau, die zuhause bleibt. Den Bedarf gibt es übrigens klar - bereits über die Hälfte der Kita-Kinder in Deutschland sind länger als 35 Stunden pro Woche dort, Tendenz rasch steigend.

Nun könnte man die Frage stellen, warum nicht einfach der Mann zuhause bleibt. Das würde das Problem der Benachteiligung von Frauen ja lösen. Oder man macht es 50:50. All das sind valide Punkte. Tatsächlich sollte es Standard werden, dass sich beide Partner deutlich mehr Gleichheit in der Kindeserziehung zugestehen. Im Falle einer 100%-Beschäftigung ist es aber unrealistisch anzunehmen, dass dies möglich ist. Teilzeitmodelle aber, die beiden Partnern eine Teilnahme am Erziehungs- und Hausarbeitsprozess ermöglichen, sind gerade in den Jobfeldern, die klassisch mit Karriereoptionen assoziiert werden, derzeit völlig illusorisch - erneut, auch hier mit der bemerkenswerten Ausnahme des Öffentlichen Dienstes, wo beispielsweise seit Kurzem explizit die Möglichkeit eingeräumt wurde, dass sich zwei Personen den Direktorenjob in einer Schule teilen, um mehr Frauen diesen Karrierepfad zu ermöglichen. Vermutlich aber sind sie sogar generell eine Illusion, wie ich hier argumentiert habe, weil Führungsaufgaben einfach die vollständige Person fördern und für Familien- und Privatleben außerhalb der Wochenenden (wenn überhaupt) nur wenig Raum lassen.

Was also folgt aus alledem? Wer eine breite Mehrheit von Frauen emanzipieren und ihnen dieselben Teilhabemöglichkeiten am wirtschaftlichen, politischen und sozialen Leben wie Männern einräumen möchte, der kommt nicht umhin, die Familien weiter zu stärken. Das heißt nicht, dass das Ehegattensplitting weiter als die heilige Kuh betrachtet werden muss (obwohl es sicher nicht die Wurzel allen Übels ist). Stattdessen braucht es flächendeckende Ganztagsbetreuungsmöglichkeiten für Kinder auch unter einem Jahr, großzgügige Teilzeitmodelle für Eltern, die es beiden (!) Partnern erlauben, im Job kürzer zu treten um sich der Familie widmen zu können und, vor allem, einen Wandel in tradierten Denkmustern, die beiden Geschlechtern bestimmte Rollenmodelle vorschreiben (eine Problemstellung, der wir uns im nächsten Teil widmen werden). Die Gleichstellungspolitik seit 1957 hat ihr Ziel, den Frauen die Hindernisse für das Verfolgen ihrer Karriere- und Selbstverwirklichungswünsche aus dem Weg zu räumen, weitgehend erreicht. Woran sie noch scheitert ist, der Mehrheit der Frauen das Wahrnehmen dieser Möglichkeiten zu erlauben. Es mag vermessen klingen zu fordern, dass wir effektiv die Beschränkungen der weiblichen Biologie per Gesetz beseitigen oder zumindest dämpfen müssen. Aber genausowenig wie permanente Enthalsamkeit der richtige Weg gegen Teenagerschwangerschaften ist eignet es sich, um Frauen in der Gesellschaft gleiche Rechte zuzugestehen.

Freitag, 26. September 2014

Ich lag falsch (2): Warum rechtliche Gleichstellung nicht ausreicht


Frauen wurden in Deutschland schon oft gleichberechtigt. Die Weimarer Verfassung von 1919 relativierte dies mit einem "grundsätzlich", ein Vorbehalt, der 1949 im Grundgesetz fallengelassen wurde. Als man bemerkte, dass das Grundgesetz ohne Folgegesetze irgendwie auch nur Papier ist, kam 1957 das Gleichberechtigungsgesetz dazu, das so gut war, dass es bis 1959 auf Aufforderung des Bundesverfassungsgerichts mehrfach korrigiert werden musste. 1974 wurde Frauen das Verfügungsrecht über den eigenen Körper in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft zugesprochen. 1977 wurden Frauen dann erneut gleichberechtigt, als die männlichen Eheprivilegien aufgehoben wurden. 1980 wurden die Frauen dann am Arbeitsplatz gleichberechtigt. 1985 wurden die Unversitäten verpflichtet, die Benachteiligung von Frauen zu beseitigen, 1991 begann die Öffnung der Bundeswehr für Frauen. 1994 wurde die Erfolgsgeschichte des Gleichberechtigungsgesetzes durch das "Zweite Gleichberechtigungsgesetz" bestätigt. 2001 wurde die Elternzeit beiden Geschlechtern zugestanden. 2006 schützte man Frauen vor Stalking und führte das "Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz" ein. Letzteres sprach nicht mehr von Gleichberechtigung, denn mittlerweile hatte sich bis in den Bundestag vorgesprochen, dass gleiche Rechte auf dem Papier längst nicht einer gleichen Behandlung in der Praxis entsprechen müssen - eine Erfahrung, die sonst auch Minderheiten gerne machen. Offensichtlich besteht also eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. 

Doch woher kommt diese Diskrepanz? Sie liegt daran, dass Theorie und Praxis eben oftmals auseinander fallen. Rollenbilder, denen wir uns im vierten Teil der Serie verstärkt widmen wollen, lassen sich nicht durch einen arkanen Gesetzestext ändern, dem keine reale Entsprechung zugrunde liegt. Als die Verfassungsväter (plus vier Verfassungsmütter) die Gleichberechtigung im Grundgesetz verankerten, war noch überhaupt nicht klar, was damit eigentlich gemeint war. Die Mindestinterpretation bestand darin, dass vor Gericht Frauen und Männer wegen der gleichen Straftat auch gleich behandelt würden. Es sagte aber noch recht wenig darüber aus, ob Gesetze Wirkungskraft nur für Männer oder Frauen haben dürften. Und hier lag die Crux, denn die untergeordnete Stellung der Frau war zu jener Zeit noch in Gesetzen und Regularien festgeschrieben, die letztlich eine jahrzehntelange patriarchalische Ordnung wiederspiegelten: so war der Mann 1949 nach wie vor berechtigt, eine Arbeitsstelle der Frau fristlos zu kündigen, hatte das alleinige Erziehungsrecht für die Kinder und durfte als einziger eine Ehescheidung beantragen. Zudem stand nur ihm das Recht zu, das gemeinsame Vermögen zu verwalten, selbst wenn es von der Frau in die Ehe eingebracht worden war. 

Diese Zustände wurden erst 1957 bis 1959 langsam eingeschränkt oder beseitigt, blieben aber in der Praxis oftmals bestehen: viele Frauen brachten nicht sonderlich viel Vermögen in die Ehe ein; wie auch, wenn sie vorher nicht arbeiten konnten? Die immer noch weit verbreitete Aussteuer bestand vorrangig aus Gebrauchsgütern des Haushalts, die sich verschleißten und kaum als Vermögen zu betrachten oder im Falle einer Scheidung einfach mitgenommen werden konnten, sofern man nicht vor Gericht um jeden Topf streiten wollte. In der Praxis blieben die männlichen Vorrechte daher meist bestehen; die Kluft zwischen dem gesetzgeberischen Anspruch und der Realität blieb bestehen und wurde erst mit dem Beginn der Frauenbewegung und der generellen Ablehnung des Adenauer-Muffs ab den 1960er Jahren langsam geschlossen. 

Nun liegen diese düsteren Zeiten hinter uns, und Frauen genießen unzweifelhaft deutlich mehr Rechte als in jenen Hochzeiten des bürgerlichen Lebenswandels. Trotzdem bestehen auch heute noch teils krasse Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die ihren Ausdruck in den Missrepräsentationen von Berufen und Hierarchien finden. Ein Teil davon lässt sich auf die in Teil 4 angesprochenen Rollenbilder zurückführen, aber ein Teil hat auch mit den gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun. Ein in einem Gesetz formulierter Anspruch muss, soll er nicht lediglich bloßer Anspruch bleiben, durch konkrete Regulierung und Ausführungsbestimmungen ausgestaltet werden. Artikel 14 des Grundgesetzes kann da ein Lied davon singen. 

Warum aber bleibt die Gleichstellung bislang immer noch unerfüllt? Es gibt einige Gebiete, auf denen sie mittlerweile sehr weit vorangeschritten ist und in dem es nur noch eine Generationenfrage ist, bis sie vollständig erreicht ist (eine neue Generation, in der mehr Frauen die ihnen eröffneten Möglichkeiten nutzen, muss erst noch die volle Spanne des Erwerbslebens durchlaufen). Diese Generationenfrage wird gerne unterschätzt, denn die Führungspositionen, in denen man die Frauen gerne sehen will, werden vielfach erst im Alter von 50 oder mehr Jahren erreicht. Die entsprechenden gesetzlichen Regelungen gehen auf die 1990er Jahre zurück, was erwarten lässt, das in der nächsten Dekade der Anteil von Frauen in Führungspositionen stark zunehmen wird. Einen solchen Effekt können wir in der Politik, wo sich fast viele Parteien Quotenregelungen unterworfen haben, bereits beobachten, wenngleich den Frauen dort immer noch vorrangig "weiche" Ressorts zugedacht werden (und die CDU merkwürdigerweise Spitzenreiter im Abschaffen dieses stillen Konsens' ist). 

Am durchschlagendsten war der Erfolg des politisch organisierten Feminismus aber vermutlich am Ort seiner Empfängnis: den Universitäten. Hier gibt es die strengsten Regeln, die angepasstesten Ordnungen (man denke nur an den Streit um die Verfassung der Hochschule Leipzig) und die konsequenteste Begünstigung von Frauen in Bewerbungs- und Einstellungsverfahren. Am wenigsten Erfolg hat der Feminismus dagegen in den unteren Schichten der Gesellschaft, im Bereich von Niedriglöhnen, alleinerziehenden Müttern und 450-Euro-Jobberinnen. Warum gerade in diesen Bevölkerungsschichten so wenig Rückhalt für die feministischen Projekte besteht, ist eigentlich nicht schwer zu verstehen. Es liegt daran, dass der Feminismus letztlich ein Elitenprojekt war und über weite Teile immer noch ist, wie ich im Geschichtsblog dargestellt habe. Ob künftig 40% der Vorstände eines DAX-Konzerns weiblich sein sollen oder nicht, ist für eine Kassiererin bei Aldi eine genauso akademische Frage wie Steuervorteile für den Firmenwagen für einen männlichen Kanalarbeiter. 

Die realen Probleme dieser Bevölkerungsgruppe gleichen sich für Männer wie Frauen, sind aber aus noch anzusprechenden Gründen für Frauen schwieriger zu bewältigen als für Männer. Diese Probleme werden vom Feminismus aber immer noch nicht wirklich angesprochen. Besonders der universitäre Feminismus ergeht sich in durchaus relevanten Fragestellungen (mehr dazu in Teil 4), die aber von der Lebenswirklichkeit der Bevölkerungsmehrheit sehr weit entfernt sind. Folglich werden diese Frauen von der feministischen Befreiungsutopie nicht wirklich mitgenommen, genausowenig wie sich etwa der Liberalismus um sie schert (außer im sehr abstrakten, weil sein ultimativer Sieg das vollendete Utopia für alle herbeiführt). 

Letztlich gibt es einen großen Faktor, der sich durch kein Gesetz der Welt beseitigen lässt und der der realen Gleichberechtigung immer wieder in den Weg läuft: die Biologie. Einzig und allein Frauen können schwanger werden, und eine Schwangerschaft stellt einen schwerwiegenden Einschnitt in das Leben jeder Person dar, überproportional aber in das der Frauen. Der Feminismus umgeht dieses Problem häufig durch das Propagieren eines männerfreien Lebensstils oder dem ideologischen Überhöhen der Alleinerziehenden, aber beides läuft der Lebenswirklichkeit gerade weniger gut situierter Frauen konträr entgegen. Frauen sind auch heute noch massiv benachteiligt, weil sie immer noch den mit Abstand größten Teil der Bürde der menschlichen Fortpflanzung schultern und diese Bürde ihnen unsichtbare Folgekosten auflastet, die in ihrer Tragweite immer noch weit unterschätzt werden. Dies ist zwar mit Sicherheit nicht die einzige Quelle ihrer Benachteiligung, aber so wichtig, dass ihr der zweite Teil unserer Artikelserie gewidmet werden soll.

Donnerstag, 25. September 2014

Ich lag falsch (1): Einführung

Artikel erschien ursprünglich auf Deliberation Daily. 

Ich habe in den vergangenen acht Jahren meiner Bloggerkarriere viele Positionen geräumt, von deren Richtigkeit ich einmal überzeugt war. Aber eine davon habe ich bislang noch nicht groß thematisiert, obwohl es wohl die ist, wo meine Kehrtwende am deutlichsten ist. Es geht natürlich um Feminismus, Gleichberechtigung, Gleichstellung, Maskulismus. Um Frauenquoten, geschlechtergerechte Sprache, um Kita-Plätze und biologische Grundbedingungen, um gläserne Decken und Rollenmodelle, um Gendertheorien und Gender-Pay-Gaps. Früher war ich der Überzeugung, dass der Feminismus von Übel ist, dass er Männer und Frauen spaltet und dass er sein Ziel grundsätzlich verfehlt. Und während ich mit Alice Schwarzer und Thea Dorn immer noch nichts anfangen kann, so musste ich doch mittlerweile einsehen, dass meine Vorstellungen davon ungefähr denen der konservativen Rednecks entsprachen, die den Vertretern der völligen Gleichberechtigung der Afroamerikaner die Spaltung der Gesellschaft vorwarfen. Ich lag falsch.

Um diesen Missstand zu beheben, möchte ich eine kleine Artikelserie starten, in der ich meine gewandelte Einstellung zu diesen Themen erklären, den Ursprung meiner gewandelten Meinung offenlegen und das ganze in eine kohärente Form gießen will. Mit folgenden Themen möchte ich mich dabei beschäftigen:

1) Rechtliche und soziale Randbedingungen Rechtliche Gleichstellung heißt noch lange nicht, dass man auch im Alltag gleichberechtigt ist. Dieser Teil erklärt die Diskrepanz zwischen Gesetzesanspruch und Wirklichkeit. Meines Erachtens nach werden zudem soziale Faktoren für die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen oft übersehen. Mein Vorwurf an den politischen Feminismus, dass es sich letztlich um ein Elitenprojekt handle, spielt in diese Kategorie mit hinein.

2) Familienpolitik als Kernpunkt der Emanzipation Mein Argument ist, dass das entscheidende Politikfeld für die Emanzipation beider Geschlechter, vor allem aber der Frauen, auf dem Gebiet der Familienpolitik liegt und nicht in Frauenquoten für Vorstände. Dieses Argument fußt direkt auf den im ersten Teil angesprochenen sozialen Problemen.

3) Mysoginie im Alltag Die irrige Vorstellung, die Gleichstellung sei bereits im Wesentlichen erreicht - der ich auch angehangen habe - ist letztlich blind gegenüber den gesellschaftlichen Realitäten und konnte eigentlich nur aus dem Blickwinkel des männlichen Privilegs heraus entstehen. In diesem Teil soll deutlich gemacht werden, wo wir im Alltag Mysoginie erleben und wo Rollenbilder sich in der Gegenwart drastisch auswirken.

4) Genderkonstruktion und historische Grundlinien Welche Rollenbilder haben wir und woher kommen sie eigentlich? Hatten sie eine Berechtigung, haben sie diese noch, und wer profitiert eigentlich davon? Welche Rolle spielt geschlechtergerechte Sprache?

Wie mein langsamer Abschied von der politischen Linken auch war diese Abwendung vom Maskulismus ein gradueller Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum vollzogen hat und vor allem mit Perspektivenwechseln zu tun hat. Normalerweise halte ich mein Privatleben aus diesem Blog heraus und erzähle keine langen und breiten Geschichten, um meine Punkte deutlich zu machen. Das überlasse ich Tom Friedman. Die persönliche Natur dieses Wechsels wird es mehr als sonst erforderlich machen, dass ich auf persönliche, weil prägende, Erfahrungen zurückgreife. Ich versuche es trotzdem auf ein Minimum zu beschränken. Trotzdem möchte ich versuchen deutlich zu machen, warum ich die Seiten gewechselt habe, ein Wechsel, der wegen meines langen Schweigens zu dem Thema für Stammleser abrupt erscheinen könnte. Er ist es nicht.

Der wesentliche, entscheidende Faktor, der zum Überdenken vorher liebgewonnener Positionen führte, waren meine Erfahrungen mit der Schwangerschaft meiner Frau und meinem Kind. Der Doppelstandard, der von der Gesellschaft konsequent angewendet wurde wenn es um die Frage ging, wer im beruflichen und privaten Bereich kürzer treten müsse, um das Wohl des Kindes zu gewährleisten, wurde unerträglich. Ich werde im dritten Teil der Serie noch genauer darauf eingehen. Meine Erfahrungen mit den Einschränkungen, denen Frauen aufgrund von Schwangerschaft und Mutterschaft ausgesetzt sind, brachte ein Weltbild ins Wanken und speist meinen Fokus auf der Familienpolitik als der zentralen Gleichstellungspolitik.

Trotzdem war mir der Feminismus selbst noch immer ein Buch mit Sieben Siegeln. Wie so viele andere empfand ich ihn als aggressiv, polarisierend, einseitig, abgehoben und schädlich. Zum Teil hat sich diese Einstellung auch nicht geändert, wie im zweiten Teil etwas näher ausgeführt wird. Der "klassische" Feminismus gibt mir weiterhin nichts. Ich fand meinen Zugang an einem eher ungewöhnlichen Ort: auf Youtube. In meiner Fixiertheit auf einen Gegner, der seit den 1990er Jahren auch für einen großen Teil der Frauen selbst zunehmend irrelevant wird, übersah ich komplett eine neue Generation. Es ist der Feminismus von Laci Green, Anita Sarkeesian und Emma Watson. Er beschäftigt sich nicht mit Frauenquoten und luftigen Gendertheorien, sondern mit alltäglichen Herausforderungen, und er begreift Männer nicht als Gegner, sondern als Verbündete im Kampf um die Gleichberechtigung von Frauen.

Meine Motive sind dabei im Übrigen nicht selbstlos und edel. Das hier ist kein "Feed the World"-Konzert oder das Kleben von "Ein Herz für Kinder"-Aufklebern, um mich selbst danach besser zu fühlen. Ich lehne die klassischen Rollenbilder auch aus egoistischen Motiven ab: ich habe keine Lust auf die Rollenverteilung des alten Patriarchats. Ich möchte gerne mit meinem Kind auf den Spielplatz können, ohne als einziger Mann dort von den versammelten Müttern komisch angeschaut zu werden. Ich will nicht allein verantwortlich für die Versorgung der Familie sein. Ich will nicht der dominante und mächtige Teil einer Beziehung sein, nur weil meine Frau sich um Haushalt und Kind kümmerte und daher kein eigenes berufliches Standbein besitzt. Ich will in einer gleichberechtigten Beziehung leben, und ich habe keine Lust darauf, mir von der Gesellschaft vorschreiben zu lassen, wer die Wäsche macht, die Kleider näht, den Abwasch macht oder ein neues Auto kauft und es Samstags wäscht. Es ist Zeit, dass das Patriarchat endlich stirbt, um nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer zu befreien.

 Ich hoffe, dass die Artikelserie einige interessante Diskussionen auslösen wird. Legen wir los.

Dienstag, 9. September 2014

Warum Obama alles andere als eine Enttäuschung ist

Von Jan Falk und Stefan Sasse 

  
Ein “lustloser Präsident”, der seine Präsidentschaft “retten” müsse - so beschrieb jüngst Markus Feldenkirchen bei Spielgel Online Obamas Status im Weißen Haus zwei Jahre vor Ende seiner Amtszeit. Auch in Kommentarspalten deutscher Online-Medien liest man immer wieder von einem Präsidenten, der zwar schöne Reden halten könne, aber nicht handle, nicht besser sei als Bush, der insgesamt gescheitert sei. Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein.
Als der damalige Präsidentschaftskandidat im Sommer 2008 an der Berliner Siegessäule vor Hunderttausenden sprach, von einem besseren Amerika und mehr Kooperation in der Welt, waren die Hoffnungen in Deutschland auf diesen anderen, neuen Politiker riesig, woran sein überbordendes rhetorisches Talent nicht ganz unschuldig gewesen sein dürfte. Schon damals gab es hier und da kluge Kommentare, die vor den immensen Erwartungen, aber auch Aufgaben des neuen Präsidenten warnten, aber sie wurden kaum gehört. Dieses immer noch großartige JibJab-Video von 2009 zeigt - leicht zugespitzt - die damalige Stimmung: