Mittwoch, 13. März 2019

Rechte wollen höhere Steuern, Linke sind gegen das Tempolimit, Putin achtet das Völkerrecht und vielleicht sind in der Überschrift Fake News - Vermischtes 13.03.2019

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) When Demagogic Populism Swings Left
Few American politicians have provoked such devotion and recrimination at the same time. But Long has one notable modern counterpart: Donald Trump. In many ways, his final years paralleled Trump’s 2016 campaign and presidency. Both men rose to national political prominence in the aftermath of a global financial crisis, with ethnic violence on the rise, automation putting workers’ jobs in doubt, and autocratic leaders gaining political power worldwide. Both made waves with sweeping populist rhetoric and policy proposals that challenged their parties’ more moderate establishments and promised to make government work for the common people. Both encapsulated their pledge to elevate the nation in a catchy slogan: Trump’s “Make America Great Again” and Long’s “Every Man a King.” And both, once in power, showed little concern for norms and standard legislative procedures when pursuing their goals. But while Trump ran on a reactionary brand of populism, blending anti-establishment rhetoric and promises to restore prosperity and order with appeals to racist and nativist anxiety, Long pursued a progressive agenda and steered clear of the race-baiting common in Southern politics at the time. In this sense, Long is an interesting foil for Trump, who registered as a Democrat at several points in his life and expressed support for some typically Democratic policies even as he turned to the right. Though he died before he could run for president, much less take office, Long’s brief political career provides a mirrored vision of Trump’s demagogic populism—a glimpse of what could happen if a left-wing politician channeled a similar message and disregard for political mores. Much of the appeal of that kind of populism cuts across eras and party lines. Mark Brewer, a professor of political science at the University of Maine, identifies several factors that have led American populism to gain traction in certain moments, regardless of political affiliations: perceived conflict between “elites” and “common people”; a sense of economic unfairness; distrust of centralized authority, particularly the federal government; and a desire to “maintain a previously existing arrangement that’s under threat and, in a lot of cases, probably gone already.” (Annika Neklason, The Atlantic)
Das ist ein langer, spannender Artikel, dessen ganze Lektüre sehr empfehlenswert ist. Die Geschichte Longs war mir bisher nicht sonderlich bekannt, und während die USA bei weitem keine so lange Tradition linker Populisten haben wie die meisten europäischen Staaten, greift das übliche Klischee, die USA seien gegenüber dem Sozialismus und sozialistischen Ideen völlig immun, doch ins Leere. Das Land kannte immer wieder einzelne Personen, die sich gegen diesen Trend stellen und Erfolge feiern konnten. Bernie Sanders ist nur die aktuelle Ausprägung dieser Gruppe.
Spannend finde ich die Vermischung spezifisch amerikanischer Identität mit solchen linkspopulistischen Ideen. Während diese bei uns nie wirklich den Rahmen der Industrie und Städte verlassen haben, in denen sie im 19. Jahrhundert geschaffen wurden, verquickten sich linkspopulistische Strömungen in den USA sehr häufig mit dem "rugged individualism" der ländlichen Regionen. Es ist glaube ich kein Zufall, dass Bernie Sanders aus einem sehr ländlich geprägten Staat kommt, und genausowenig, dass Long seinerzeit in Louisiana Erfolge feierte.
Ebenfalls interessant zu sehen ist, dass der Populismus beider Richtungen im Grundsatz in der Wahl der Mittel einig ist und eine grundsätzliche Ablehnung des liberalen Rechtsstaats in sich trägt. Aus der Überzeugung, dass die jeweilige Situation die Mittel heilige, wird darauf verwiesen, dass der traditionelle liberale Rechtsstaat korrumpiert und von bösen Mächten übernommen sei, weswegen man die Macht quasi auf der Straße erobern und dann großen Kehraus machen muss. Diese Delegitimierung des Staates zu seiner Übernahme ist allen gemein.

Simon Rosenberg, a Democratic veteran of Bill Clinton’s 1992 campaign, went on Fox regularly for more than ten years. In November, 2017, he had a heated on-air exchange with a Fox host, Melissa Francis, about the Republican tax bill. When Francis hectored him, accusing him of merely repeating talking points, he vowed on the air never to return. “It was always clear that this wasn’t just another news organization,” Rosenberg told me. “But when Ailes departed, and Trump was elected, the network changed. They became more combative, and started treating me like an enemy, not an opponent.” With Shine joining Trump at the White House, he said, “it’s as if the on-air talent at Fox now have two masters—the White House and the audience.” In his view, the network has grown so allied with the White House in the demonization of Trump’s critics that “Fox is no longer conservative—it’s anti-democratic.” After Fox completes the spinoff of its entertainment properties to Disney, the news channel will be part of a much smaller company, under the day-to-day supervision of Lachlan Murdoch. Like Rupert, Lachlan is a conservative, but there’s talk around Fox that he may want to bring the news network closer to the center-right. The biggest test yet of Fox’s journalistic standards is the impending showdown over Mueller’s findings. For two years, the network has been priming its viewers to respond with extraordinary anger should the country’s law-enforcement authorities close in on the President. According to Media Matters, in the first year after Mueller was appointed Hannity alone aired four hundred and eighty-six segments attacking the federal criminal investigation into Russian interference in the 2016 election; thirty-eight per cent of those segments claimed that law-enforcement officials had broken the law. In recent weeks, Hannity has spoken of “a coup,” and a guest on Laura Ingraham’s program, the lawyer Joseph diGenova, declared, “It’s going to be total war. And, as I say to my friends, I do two things—I vote and I buy guns.” Jerry Taylor, the co-founder of the Niskanen Center, a think tank in Washington for moderates, says, “In a hypothetical world without Fox News, if President Trump were to be hit hard by the Mueller report, it would be the end of him. But, with Fox News covering his back with the Republican base, he has a fighting chance, because he has something no other President in American history has ever had at his disposal—a servile propaganda operation.” (Jane Mayer, The New Yorker)
Ebenfalls ein super langer Artikel, aber absolut lesenswert, ist die Geschichte von FOX News. Die Geburt des Senders als ein bewusstes rechtes Gegengewicht von den als zu links empfundenen Leitmedien ist hinreichend bekannt, aber tatsächlich hat das Netzwerk in den letzten drei Jahren eine Wandlung durchgemacht, die nur dadurch zu beschreiben ist, dass es sich nun um einen Staatssender handelt. FOX News zeigt alle Merkmale, wie sie das Staatsfernsehen der autoritären Staaten von Venezuela bis Russland zeigt: eine klare Vorauswahl der Inhalte (effektiv Zensur), propgandistisches Agenda-Setting, eine klare Vermengung von Nation, Netzwerk und Partei. Bisher gibt es auf der Linken keine ähnliche Institution, aber ich fürchte, das ist nur eine Frage der Zeit.

Was also würde passieren, würden die Steuern nun wieder angehoben? Dazu gibt es viele Spekulationen, aber wenige gesicherte Erkenntnisse. Das liegt daran, dass menschliches Verhalten sich eben nicht nur an monetären Anreizen orientiert. Und: Wenn das zusätzliche Geld am Ende in den Ausbau von Schulen und Straßen fließt oder damit die Steuersätze der Normalverdiener gesenkt werden, dann profitieren davon auch die Unternehmen. Es kommt also darauf an, was der Staat mit den Einnahmen anstellt. Es gibt Länder wie Schweden, das trotz eines sehr hohen Spitzensteuersatzes von 60 Prozent über eine wettbewerbsfähige Wirtschaft verfügt. Frankreich dagegen hat eine im Jahr 2013 eingeführte Reichensteuer in Höhe von 75 Prozent auf Einkommen von über einer Million Euro wieder abgeschafft, weil sie als Standortnachteil angesehen wurde. Noch komplizierter ist die Lage bei der Besteuerung von Vermögen, denn es ist sehr aufwendig und kompliziert, Vermögensgegenstände wie Aktien oder Gemälde zu bewerten. Das aber ist nötig, um festzustellen, wie viel Steuern bezahlt werden müssen. Die amerikanischen Steuerrebellen wollen das Problem unter anderem dadurch beheben, dass sie sich auf wenige Superreiche konzentrieren: Der demokratischen Senatorin Elizabeth Warren schwebt eine Abgabe von zwei Prozent auf Vermögen über 50 Millionen Dollar vor. Sie solle an die 270 Milliarden Dollar im Jahr an zusätzlichen Einnahmen bringen. Stefan Bach vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat ausgerechnet, was eine Warren-Steuer für Deutschland bedeuteten würde. Ergebnis: Ungefähr 8100 Haushalte wären von der Maßnahme betroffen, das zusätzliche Steueraufkommen beliefe sich auf jährlich 17,7 Milliarden Euro. Mit dem Geld ließe sich die Abschaffung des Solidaritätszuschlags weitgehend finanzieren. Bachs Modellrechnung macht aber auch deutlich, welche Probleme die Einführung einer Vermögensteuer mit sich bringt. Denn gerade in Deutschland haben die Superreichen ihr Geld nicht einfach auf der Bank, es steckt vielmehr in Unternehmen und Betriebsanlagen. Auch diese Unternehmen würden also höher besteuert, was im internationalen Wettbewerb mit Nachteilen verbunden wäre. Würde Betriebsvermögen aber verschont, brächte die Steuer kaum Geld. Bachs Fazit: Die Besteuerung von Vermögen sollte zumindest europaweit abgestimmt werden. Was folgt daraus? Mit Steuererhöhungen ist es wie mit einem Medikament: Es kommt auf die Dosis an. Der IWF kommt zum Ergebnis, dass die Steuern für Topverdiener in den meisten Ländern durchaus etwas erhöht werden können, ohne das Wirtschaftswachstum zu gefährden. Auch in Deutschland. (Mark Schieritz, Die Zeit)
Die Grunderkenntnis, die ich aus obigem Artikel mitnehme, ist: Nichts Genaues weiß man nicht. Verträgt die deutsche Wirtschaft einen höheren Spitzensteuersatz? Vielleicht. Die absolute Höhe alleine jedenfalls ist wenig aussagekräftig; hier im Blog wurde schon öfter zurecht darauf hingewiesen, dass etwa die Rate der Absetzbarkeiten eine deutliche Rolle spielt: also wie viel Ausnahmebestände, Schlupflöcher, Abschreibungen etc. existieren. Dazu spielen natürlich auch andere Kennzahlen eine entscheidende Rolle; zurecht wird ja im Artikel auf die höhere Steuerbelastung in Skandinavien hingewiesen, der aber auch völlig andere arbeitsrechtliche Regelungen gegenüberstehen als etwa in Frankreich. Äpfel-Birnen-Vergleiche helfen da nicht weiter; die Entscheidung muss daher jeweils auf Ebene der Systeme (in dem Fall Nationalstaat Deutschland) getroffen werden. Siehe auch Fundstück 8.

4) Tödliche Dummheit
Tippt man bei YouTube selbst "Impfungen" ins Suchfenster, lauten die ersten Ergänzungsvorschläge "Sinn oder Unsinn", "schützen nicht vor Krankheiten", "Angriff mit einer tödlichen Waffe" und "machen krank". Unter den ersten Treffern sind manchmal auch seriöse Informationen. Immer und grundsätzlich aber sind auch Anti-Impf-Clips dabei, manchmal ausschließlich solche. Und selbst wenn man sich ein korrekt informierendes Video ansieht, wird als Folgevideo, das automatisch losläuft, gerne eins aus der ganz anderen Richtung vorgeschlagen. Diese Videos schüren Angst, und das sorgt bei YouTube eben für verlängerte Sehdauer, das wichtigste Optimierungsziel der Entwickler. Aufgrund medialen Drucks kündigte YouTube nun zumindest an, künftig keine Werbung mehr vor Videos zu schalten, die vor Impfungen warnen. Impfkritische Kanäle können dadurch kein Geld mehr auf der Videoplattform verdienen. Bei Facebook organisieren sich die oft sehr aggressiven, überzeugten Impfgegner und machen anderen, die korrekt informieren, das Leben zur Hölle. Der "Guardian" zitierte diese Woche einen amerikanischen Naturheilpraktiker, der sich bei einer Kongressanhörung für Impfungen ausgesprochen hatte. Auf Facebook sei der Mann anschließend in einem augenscheinlich konzertierten Angriff als "Pädophiler", "Nazi-Pharma-Scharlatan" und "Drecksack, der für Kindsmord wirbt" beschimpft worden. Sucht man bei Facebook nach "Impfung", findet man praktisch nur Gruppen und Seiten voller Anti-Impf-Desinformation, und zwar weltweit. Kürzlich twitterte der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im US-Abgeordnetenhaus voller Entsetzen einen entsprechenden Screenshot. Die Menschheit bewegt sich gerade, gegen alle Evidenz und Vernunft, in eine Richtung, die unweigerlich zu mehr Todesopfern und Leid durch Infektionskrankheiten führen wird. Und die größten Aufmerksamkeitsverteiler des Planeten helfen, dank ihrer miserabel justierten Sortiersysteme, kräftig mit. (Christian Stöcker, SpiegelOnline)
Ich habe hier immer wieder Artikel zum Thema Impfgegnerschaft verlinkt, aber dieser Ansatz hier ist bisher unterbelichtet. Der gesamte Komplex rund um Fake News leidet ja massiv unter dem Problem schlecht geschriebener Algorithmen. Gleichzeitig bemängeln wir aber auch zurecht das Problem der Blasenbildung; würden die Algorithmen also bestimmte Faktoren ausschließen, bestünde gleichzeitig die Gefahr, dass die Blasenbildung verstärkt wird. Angesichts der dramatischen Auswirkungen sowohl auf die gesamte Gesellschaft als auch auf die verletzbarste Gruppe (die Kinder) ist hier besonders wichtig, dass diesem Unfug ein Riegel vorgeschoben wird. Ein Hoffnungsschimmer am Horizont ist, dass Studien ergeben haben, dass auch die allermeisten Impfgegner grummelnd impfen würden, wenn es vorgeschrieben wäre - es ist die Wahl, die den Leuten Probleme macht. Manchmal ist weniger echt mehr.

5) Ich geb Gas!
Ein Jahr ist Andreas Scheuer am 14. März im Amt. Es könnte die Krönung seiner Karriere sein. Der Verkehrsminister ist zur Schlüsselposition geworden. Die Autoindustrie, die wichtigste im Land, steht vor dem größten Wandel ihrer Geschichte. Digitalisierung und neue Antriebe werden vieles verändern. Rekordstaus und Widerstand gegen schlechte Luft in Städten erhöhen den Druck. Scheuer sitzt am Hebel. Er führt ein Ministerium mit 60 angeschlossenen Behörden. Er ist praktisch Eigentümer der Deutschen Bahn. Er steuert Ausgaben eines Milliardenhaushalts. Er könnte vieles verändern, die Verkehrswende einleiten. [...] Es sind kurze Momente, die einiges aussagen über das Selbstverständnis des Ministers. Über seinen forschen bis ruppigen Politstil. Über Geben und Nehmen auch jenseits von Scherzen. Scheuer hat das lange trainiert. Von 2013 bis 2018 war er Generalsekretär der CSU. Der Posten bringt es mit sich, dass man schlimme Sprüche lange mit sich herumschleppt. Aber Scheuer hat sich schon ziemlich viel aufgeladen. Das "Schlimmste ist ein fußballspielender, ministrierender Senegalese", den man nie mehr abschieben könne, sagte er mal. Und: "Der Sozi ist grundsätzlich nicht dumm. Er hat nur viel Pech beim Nachdenken." [...] Ein Autofreund als Aufseher der Autoindustrie? Für Scheuer selbst ist das kein Widerspruch. Er wurde in Niederbayern groß, einer einst strukturschwachen Region mit vielen Arbeitslosen. Als BMW in den Sechzigerjahren kam, ging es aufwärts. Auch deshalb werde er in Gesprächen mit der Autobranche schon mal deutlich. So sagt es Scheuer. Es gehe jetzt um alles in den nächsten Jahren. "Eine Krise würde massive Einschnitte bedeuten." Nicht für die ganz oben. Sondern für alle, "die jeden Tag durchs Werkstor gehen und am Ende keinen fünfstelligen Betrag auf dem Konto haben". Was für ihn ganz oben auf der Agenda steht? "Den Standort positiv dastehen lassen." So sagt es der Bundesverkehrsminister. (Markus Balser, SZ)
Der Posten des Verkehrsministers wird tatsächlich immer wichtiger. Genauso wie der Finanzminister macht er damit eine ziemlich deutliche Bedeutungsverschiebung durch, die glaube ich allmählich auch von den anderen Parteien anerkannt wird. Mich würde jedenfalls nicht wundern, wenn nach der nächsten Wahl der jeweilige Koalitionspartner dann neben dem Amt des Finanzministers auch das des Verkehrsministers beansprucht und stattdessen der Bedeutungsverlust von Außen- und Wirtschaftsministerium weitergeht.
Ebenfalls sehr schön zu sehen ist ein weiteres Beispiel konservativer identity politics: Das Auto ist bei manchen Deutschen eine Verkörperung der eigenen Seele, und die Anziehungskraft zwischen diesen Leuten und ihren Gefährten ist ebenso tief wie irrational. Für die Autoindustrie scheinen Leute wie Scheuer erst einmal bestmögliche Verbündete, aber wenn das Auto und seine über-dominante Stellung in der deutschen Gesellschaft von einer allseits anerkannten Identität zu einer rein konservativen werden hat die Branche beim Regierungswechsel ein Problem. Danach sieht es gerade zwar nicht aus; zu dominant ist die Rolle der Industrie, wie man etwa an Winfried Kretschmann in BaWü sehen kann. Aber die entsprechende Umschichtung ist durchaus eine reale Möglichkeit.

My fellow neoliberal shill Brad DeLong has declared that it’s time for us to pass the baton to “our colleagues on the left.” As it happens, I agree with him in practice because I think it’s time for boomers to retire and turn over the reins to Xers and Millennials, who are generally somewhat to the left of us oldsters. Beyond that, though, there’s less here than meets the eye [...] At the risk of overanalyzing this, I think DeLong is still a neoliberal and has no intention of sitting back and letting progressives run wild. He has simply changed the target of his coalition building. Instead of compromising to bring in Republicans, he wants to compromise to bring in lefties. Now, this is not nothing: instead of compromising to the right, he now wants to compromise to the left. But I suspect that this simply means DeLong has moved to the left over the past couple of decades, just like lots of liberals. And this once again circles around to just how progressive mainstream neoliberals are. That is, how progressive are they now, not in 1992. And the answer, I think, is pretty damn progressive. Take a look at what folks like DeLong and Paul Krugman were writing in 2009 during the Great Recession. They wanted a bigger stimulus. They wanted the Fed to support a higher inflation target. They supported cap-and-trade. They supported universal health care but plugged loyally for Obamacare because it was obvious that it was the most they could hope for from the current political system. They wanted to (temporarily) nationalize banks. Etc. There’s not a whole lot of sunlight between neolibs circa 2009 and today’s progressives. In fact, if there’s a place where I think they (we) have really changed, it may be in our attitude toward the original social democrats in Europe. For many of us, becoming more like Europe was once a goal. But today Britain is moving toward Brexit. Germany has dictated a destructive monetary and fiscal policy for the entire continent. The Nordic countries have moved right and are now basically neoliberal states. The European South—Spain, Italy, Greece—is on life support. Aside from envying their social safety net policies, which were put in place long ago and are now just hanging on via inertia, there is little to look for in Europe. If we want to pave a new political way in America, we’re on our own. (Kevin Drum, Mother Jones)
Es verwirrt mich immer wieder, dass "neoliberal" im amerikanischen Sprachgebrauch eine andere Bedeutung hat als hierzulande. Während es hier die Klasse jener Reformer meint, die vor allem in den 2000er Jahren den Diskurs bestimmten, bezeichnet es in den USA eher die Gruppe der "Reagan Democrats", also jener Democrats, die in den 1980er Jahren zur Überzeugung gelangten, dass die alten linken Ideen (etwa Keynes) tot waren und man bestimmte Kernpunkte der Konservativen übernehmen müsse. Bill Clinton war quintessenzielle "neoliberal". Spätestens die Wahl Trumps beendete die Dominanz der neoliberals in der Partei. Gleichzeitig ist es wichtig, sich wie Kevin Drum hier bewusst zu machen, dass die Unterscheidung überwiegend akademisch ist, eine rein intra-linke Nabelschau. Denn die konkreten Unterschiede sind allenfalls, wie der Amerikaner sagt, "in degree, not in kind". Ob neoliberal oder liberal, die Fernziele sind dieselben. Die Unterschiede liegen eher in der Wahl der Methoden und der Einschätzung der Reformchancen und ihrer Dauer. Deswegen ist die reale Regierungspolitik beider Gruppen sich auch häufig so ähnlich - zur endlosen Frustration der linken Basis und der konservativen Kritiker gleichermaßen.

7) Tweet
Ich bin immer wieder fasziniert davon, mit welcher Kontinuität die sonst so ziel- und planlos agierende deutsche Außenpolitik auf dem Balkan präsent ist. Die Rolle der frisch wiedervereinigten Bundesrepublik in der Region in den 1990er Jahren etwa ist eines der sträflichst vernachlässigten Themen der jüngeren deutschen Geschichte. Man wiederholt in Berlin gerne mit sonorem Lachen Bismarcks Diktum von den Knochen des einen Pommer'schen Grenadiers, den der Balkan angeblich nicht wert sei. Aber die tatsächliche Politik spricht eine andere Sprache. Die Wilhelmstraße ist immer vorne dabei, im ehemaligen Jugoslawien zu teilen und zu herrschen. So wie Frankreich Nordwestafrika effektiv als seinen erweiterten Hinterhof betrachtet, so sieht aus Perspektive der Bundesrepublik der Balkan aus. Mit allem, was das so mit sich bringt.

8) Why Americans don't cheat on their taxes

True, tax crooks might not confess their real feelings in an IRS survey. But other data confirm that the U.S. is among the world’s leaders when it comes to what economists call the voluntary compliance rate (VCR). In recent decades, America’s VCR has consistently hovered between 81 and 84 percent. Most countries don’t calculate their VCR regularly, but when they do, they lag behind the U.S. One paper that gathered what comparative data were available reported that Germany, the top European Union economy, had a VCR of 68 percent. Other countries score worse, among them Italy (62 percent), the site of a sprawling tax scandal in which about 1,000 citizens were charged last year with bilking the government out of 2.3 billion euros in tax revenue. The public didn’t seem terribly bothered; ex–Prime Minister Silvio Berlusconi, who was convicted of tax fraud in 2013, may have tapped a common sentiment when he said back then that “evasion of high taxes is a God-given right.” Then there’s Greece, where economists have struggled to even calculate a VCR. According to the International Monetary Fund, more than half of Greek households pay zero income tax. Indeed, tax evasion is practically a national sport. [...] What separates Americans from Greeks or Italians? It’s not income-tax withholding, which the U.S. pioneered but Europe has since copied. Higher tax rates may be one factor. Illegal shadow economies, in which goods are sold off the books for cash, are another. (Greece’s black market is the biggest in the eurozone, accounting for 21.5 percent of its GDP.) (Rene Chun, The Atlantic)
Passend zu Fundstück 3 sehen wir hier ein anderes Puzzleteil. Die tatsächlichen Steuerraten Griechenlands und Italiens sind vergleichsweise irrelevant. Entscheidend ist, welche Raten tatsächlich bezahlt werden. Und da sieht es in beiden Staaten düster aus. Volkswirtschaften, die riesige Schattensektoren haben und in denen die Gesetze eher als grobe Richtlinien denn als verbindliches Regelwerk gelten, können nicht effizient operieren. Staaten hingegen, in denen alle Ebenen der Gesellschaft die Spielregeln im Großen und Ganzen einhalten, sind wesentlich erfolgreicher. Die gewaltige Gefahr, die ja auch Schieritz in Fundstück 3 aufbrachte, ist, dass zu hohe Raten dazu führen können, dass die Legitimität des Systems insgesamt erodiert, weil die Belastung nicht getragen wird. Wenn signifikante Teile der Gesellschaft (keine Mehrheiten, aber große Pluralitäten) das Steuersystem so sehen wie die meisten Deutschen das Tempolimit, dann haben wir ein ernstes Problem. Ist das eine realistische Aussicht bei einem höheren Spitzensteuersatz? Keine Ahnung. 
 
9) In India and China, consumers are eager for lab-grown meat. In the US? Not as much.
Would you eat a burger grown from animal cells rather than a whole cow? What about a plant-based burger, once researchers finally pull off a perfect imitation of the texture and taste of a meat burger? That question, believe it or not, might be one of the most important of the century. Modern meat production involves shockingly inhumane conditions, mass use of antibiotics with worrisome public health implications, and high environmental costs. And demand for meat is expected to rise 73 percent by 2050, expanding the scale of factory farming’s horrors while putting more strain on our food system. With all that in mind, researchers are desperately working on better alternatives to meat. Some of them have developed plant-based products — like the Impossible Burger, the Beyond Burger, Just Mayo, and Just Egg — that imitate animal products increasingly well. Some of them are working to invent cell-based products — “clean meat” — that will be, on a molecular level, identical to meat but without the slaughterhouses. That’s exciting — but it only works if consumers buy it. Will they? That’s what a new study of consumer attitudes about plant-based meat and clean meat aimed to find out. Even more striking about this survey: It asked consumers in India and China, two of the largest markets in the world and two sources of growing demand for meat. The results? Consumers in China and India are substantially more open-minded about clean meat than consumers in the US — and even in the US, many meat-eating consumers are intrigued by the idea. Researchers with the University of Bath, the Good Food Institute (a nonprofit that pushes meat alternatives), and the Hong Kong Center for Long Term Priorities asked about 3,030 consumers — approximately 1,000 in each country — to fill out a survey that included questions about what they eat today; questions intended to test their “food neophobia,” or how willing they are to try new foods; and questions about what they’d eat in a world where clean meat, plant-based meat, and conventional meat are all available. They found that consumers in India and China (from a disproportionately urban, educated, and wealthy sample) were much more interested in buying clean meat and plant-based meat, compared to Americans. In all three countries, though, there is clearly a sizable market for clean and plant-based meat. (Kelsey Piper, vox.com)
Ich bin im letzten Jahr aus dreierlei Gründen überwiegend vom Fleischkonsum abgerückt (überwiegend heißt: im Schnitt vielleicht noch einmal alle zehn Tage, und dann Hähnchen): der beträchtliche negative Einfluss aufs Klima, die barbarischen Bedingungen der Massentierhaltung und der gesundheitliche Aspekt. Ich wäre sehr erfreut, könnte ich geklontes oder künstliches Fleisch kaufen, das in seinen Eigenschaften effektiv dem Original entspricht (ich bin kein Fan der vegetarischen und veganen Ersatzlösungen und esse stattdessen hauptsächlich Gemüse). Aktuell ist das noch zu teuer, aber hoffentlich wird das sich noch ändern. Ich hatte den Problemkomplex schon 2015 angesprochen und diese Entwicklung prophezeit. Eine andere interessante Frage in diesem Zusammenhang: Wird echtes Fleisch dadurch Luxusgut oder billiges Massenprodukt? Die Frage ist nicht ganz so offensichtlich, wie es scheint. Denn es ist zwar durchaus leicht vorstellbar, dass Fleisch ein superteures Luxusprodukt der Elite wird und der Rest sich mit künstlichen Lösungen zufrieden geben muss, wie es diverse dystopische Zukunftsszenarien prophezeien. Jedoch gibt es zwei Versionen dieser Zukunft. In der einen erleben wir ein Ende der Massentierhaltung, weil künstliche Ersatzprodukte billig genug oder aber die Tierhaltung zu teuer oder aus anderen Gründen unmöglich werden. Dann ist Fleisch Luxusprodukt. Oder aber die künstlichen Produkte sind zwar qualitativ hochwertig oder gar hochwertiger als das Original, aber sehr teuer (der Burger zu 100 Euro). In dem Fall würde das Kunstprodukt zum Luxusgut, während der Pöbel weiter das ungesunde, massentiergehaltene Fleisch essen muss. Ich würde auf die erste Version wetten, aber die zweite hat zumindest Außenseiterchancen. So oder so ist das aktuelle System nicht haltbar und wird in den kommenden Jahrzehnten untergehen, dessen bin ich sicher. 
 
10) "Die Lumperei geht weiter"
Eigentlich hören wir darin von Teltschik nichts, was wir nicht auch schon von Eppler oder Bahr gehört hätten. Dazu gehört die von keinem Lern- oder Entwicklungsprozess getrübte Verwechslung der ehemals sowjetischen Zustände mit den heutigen russischen Realitäten. Keiner dieser alten Herren erkannte, dass die waffenstarrende, aber im Europa des Kalten Kriegs stets vertragstreue Sowjetunion wenig mit dem hybridkriegführenden Russland Putins zu tun hat. Keiner von ihnen begriff, dass der Moskauer Einmarsch in der Ukraine 2014 einen kraftvollen innenpolitischen Treiber hatte: die ökonomische Krise und die Sozialproteste in Russland seit 2012, denen Putin und seine von Geheimdienst-Seilschaften durchsetzte Oligarchie mit einer Feinderklärung nach innen und einem kleinen Krieg nach außen zu begegnen hofften. Die Behauptung, man reagiere hier nur auf eine westliche Expansion ins eigene Glacis oder gar auf eine Bedrohung russischer Landsleute, das gehörte zur Politfolklore für die große Bühne. Und die Teltschiks schluckten den Köder der simplen Erklärung. Bis heute fürchtet Wladimir Putin nichts mehr, als dass sich die Russen am Maidan ein Beispiel nehmen könnten. Auch wenn zu dieser Sorge angesichts der Atomisierung der russischen Opposition keinerlei Anlass besteht, so ist Putin doch von Angst und Misstrauen beherrscht. Nichts wäre gefährlicher für sein Herrschaftsmodell als ein erfolgreicher, demokratischer ukrainischer Staat. Allein aus diesem Grunde setzt Moskau alles daran, die Ukraine zu destabilisieren und zu denunzieren. Das wird voraussichtlich andauern, bis in Kiew eine dem Kreml gegenüber fügsame Regierung übernimmt. Eine weitere, tiefliegende Wurzel des Konflikts ist die immer noch unvollendete russische Nationsbildung. Nach wie vor ist eine wichtige Frage im Selbstverständnis des russischen Volkes nicht geklärt. Soll man sich als russische Nation im eigenen Territorium konsolidieren und einen respektierten, aber nicht dominierenden Platz in der Welt einnehmen? Oder ist Russland nur als Imperium denkbar, das also verlorene Länder wieder einsammeln muss, allen voran die sogenannten „Brudervölker“ der Ukrainer und Weißrussen, die aber von der schrecklich netten Moskauer Familie genug haben? (Anna Veronika Wendland, Salonkolumnisten)
Gerne übersehen wird bei Diskussionen über Russland die innenpolitische Perspektive, die dieser Artikel hier zum Ausdruck bringt. Putin agiert sicherlich auch aus Großmannssucht und nostalgischer Verklärung des Sowjetimperiums, aber der innenpolitische Druck, dem er sich ausgesetzt fühlt, ist auch nicht zu verachten. Er ist ein wichtiges Puzzlestück um zu verstehen, warum die Tauperiode Russlands mit dem Westen zwischen 2012 und 2014 ein so abruptes Ende fand. Sicherlich war daran die westliche Außenpolitik nicht unschuldig, aber wie so häufig bestimmt die Innenpolitik den Kurs einer Regierung deutlich stärker, als dies aus der Außenperspektive so aussehen mag. Zumindest dann, wenn Leute hinsehen. 
 
11) Justin Trudeau's feminist brand is imploding
At first pass, the SNC-Lavalin affair might not seem like an issue with a feminist underpinning. But the problem with running on a feminist agenda is that when two of your strongest female cabinet ministers resign, you face something of a feminist reckoning. Trudeau has earned international accolades for his vocal support of women’s issues; here at home, he has been criticized for virtue signaling. And the question of what it really means to have gender parity—not just in the cabinet or government, but at work, at home, and in society more broadly—is something for which Trudeau’s brand of feminism might not be able to provide a satisfying answer. From across the aisle, one Conservative MP, Michelle Rempel, put it plainly. “Trudeau came out and asked for strong women, and he got them,” she told me in an interview last week. Accounts of why Wilson-Raybould was originally demoted diverge, depending on whom you choose to believe. She says she was moved out of her post for standing on principle. Trudeau’s office says there was no pressure, that Wilson-Raybould simply interpreted their interactions “differently.” [...] Evidence suggests that when it comes to politics and gender, a role-modeling effect takes place when women are elected and promoted. It works like a tipping point: A politically engaged but hesitant woman is more likely to run for office if she sees other women in positions of political power, says Michael Morden, the research director at the Samara Center for Democracy, a nonpartisan think tank based in Toronto. “We also know that women in cabinet have a more powerful effect than just women in the legislature,” Morden told me. As such, he said, the opposite might also be true: Fewer women in the cabinet could mean fewer women encouraged to run for office. Still, the situation could yet have a positive effect. “It’s radically unusual to see caucus members trying to hold their leader to account like this in Canada,” Morden said. “Success is reassuring; it shows that something can be done.” That is, women watching cabinet ministers standing up to a prime minister rather than kowtowing to party loyalty might inspire them to get involved—not for gender, but for justice. Rempel, the Conservative MP, agrees. Wilson-Raybould and Philpott “haven’t removed themselves from the conversation,” she told me. “They are the conversation.” (Kathrin Laidlaw, The Atlantic)
Nichts hassen Konservative an der Linken so sehr wie deren moralischen Überlegenheitsanspruch. Wahrscheinlich liegt das auch daran, dass niemand gerne an seine eigenen Fehler und Schwächen erinnert wird. Wie man am obigen Beispiel sehen kann, kommt dieser Anspruch aber mit einer großen Bürde: wenn du dich nicht selbst perfekt verhältst, dann wird die Tugend schnell zum Mangel. Man sieht hier aber auch einen Fortschritt der Linken: diese Verfehlungen werden offen angegangen. Man muss klar festhalten, dass Trudeaus Vergehen den Konservativen bei ihren eigenen Leuten nicht einmal ein Lidzucken wert wären. Die freudig erregte Heuchelei ist nur die (nachvollziehbare) Freude, dass die anderen auch ein bisschen schlecht sind. Ebenso festzuhalten ist, dass die Linke sich in den letzten 20 Jahren hier gebessert hat. Man denke nur daran, wie eifrig die Democrats seinerzeit Bill Clintons Vergehen deckten und unter den Teppich zu kehren versuchten. Das ist heute unvorstellbar - wie man auch an Trudeau sieht. Die linke Altherrenriege, und die Konservativen sowieso, sind davon nachhaltig irritiert.

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