Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Europas Verteidigung
Jonas Schaible wundert sich in seinem neuesten Newsletter darüber, dass die Aussagen von Spahn und Rutte, dass Europa ohne die USA wehrlos sei und sich nicht verteidigen könnte, so merkwürdig unbesprochen bleiben. Denn wenn wir wirklich geliefert wären ohne die USA und völlig schutzlos, dann können wir echt einpacken. Ich glaube aber auch, das ist viel Hysterie. Ja, die europäischen Armeen sind gerade nicht in einer blendenden Verfassung. Aber zum einen wird daran gearbeitet, das zu ändern. Und zum anderen glaube ich nicht, dass in einem realen Kriegszustand, in dem das europäische Kernterritorium betroffen wäre, also mit einer Umstellung zu voller Kriegswirtschaft, Europa nicht sich zu verteidigen in der Lage wäre. Der Preis dafür wäre hoch, und vieles an fehlender Ausrüstung und Kompetenzen würde letztlich durch Menschenleben wettgemacht werden müssen. Aber das ist nicht dasselbe wie völlig wehrlos. Europa verzwergt sich da auch etwas. Wir sind nicht ein kollektives Luxemburg.
2) Marco Rubio in München
Bei der Münchner Sicherheitskonferenz schlug dieses Jahr nicht J. D. Vance auf, sondern Außenminister Rubio. Aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen wird das von zahlreichenden Beobachtenden mit einer ungeheuren Bedeutung aufgeladen (Nico Lange vergleicht dieses Phänomen mit einer "toxischen Beziehung"; Regina Laska analysiert die Rede und die Reaktionen hier ausführlich); Majid Sattar versteigt sich etwa in der FAZ sogar zu der Behauptung, dass mit ihm als Präsidentschaftsbewerber 2028 zu rechnen sei und konzediert, er sei der einzige, auf den sich Europa noch verlassen könne. Sorry, da ist gar nichts, auf das man sich verlassen könnte. Wer glaubt, dass Rubio sich gegen MAGA stellen und das Ganze auch noch gewinnen könnte, ist ein Traumtänzer. Er wird sich nicht dagegen stellen, wenn sein Boss im Oval Office etwas anderes befiehlt. Diese Fantasien, dass man einzelne Leute aus Trumps Umgebung quasi für sich in Anspruch nehmen und gegen ihn ausspielen könnte, ist genau das: Fantasie. Rubio ist einer der letzten, die noch den alten republikanischen Ethos von außenpolitischen Alleingängen und so weiter haben, aber damit steht er ziemlich allein auf weiter Flur. Als Präsidentschaftskandidat hat er sich 2016 disqualifiziert.
Auch witzig ist übrigens, wie sehr wieder einmal vom Standpunkt abhängt, ob man Ratschläge toll findet oder nicht. So ist etwa der Welt-Kolumnist Marc Felix Serrao begeistert von Rubios Einmischung in Europas Angelegenheiten und klopft dafür, "Massenmigration" endlich als Problem zu begreifen, weil ansonsten "in 20 bis 30 Jahren Europa anders aussieht". Irgendwie klang das anders, als Baerbock die Einhaltung der Menschenrechte anmahnte; das war ein absolutes No-Go. Inhaltlich nimmt Thorsten Dittkun den rassistischen Blödsinn von Marc Felix Serrao auseinander. Es ist auffällig, wie der da mit Begriffen von "unbestreitbar wahr" um sich wirft, während es sehr bestreitbar unwahr ist. Was übrigens nicht heißt, dass Migration nicht ein Thema wäre, aber halt nicht wegen diesen völkischen Albtraumszenarien.
3) Der Indigo-Blob
Immer wieder kommt in der Diskussion die Frage auf, ob "die Medien" einen linken Einschlag haben oder nicht. Das grundlegende Misstrauen aus der Rechten ist zwar ohnehin unabhängig von Empirie, weil es auf Wahrnehmung beruht, aber eine Untersuchung ist schon allein deswegen nötig, weil eine vernünftige Analyse nur möglich ist, wenn wir die Realität korrekt beschreiben können. Nate Silver postuliert in einem Artikel die Existenz eines "Indigo Blobs"; seine Argumente beziehen sich dabei auf die US-Medienlandschaft, aber ich denke, sie sind mit einigen Anpassungen auch für Deutschland anwendbar. Seine Datenanalyse ergibt drei relevante Datenpunkte. Die ersten beiden sind, glaube ich, für die USA weitgehend unstrittig: die "rechten" Medien (vor allem FOX News) sind WESENTLICH parteiischer als einerseits die "linken" Medien (etwa MSNBC) und die "Mainstream"-Medien (etwa CNN oder NBC) und gleichzeitig gibt es wesentlich mehr nicht-rechte Medien. Somit entsteht eine Unwucht: die unparteeischeRE (man beachte den Komparativ) Berichterstattung gibt es bei den Mainstream-Medien, aber diese sind eben nicht unparteiisch.
Hier kommt der dritte und für die Diskussion auch in Deutschland relevante Punkt ins Spiel, nämlich Silvers Verweis auf den Indigo-Blob: der Mainstream der Medien tickt Mitte-Links. Nicht stark, aber grundsätzlich vorhanden und wahrnehmbar. Das Problem allerdings darauf zu reduzieren, nun einseitig eine Behauptung aufzustellen, die seien parteiisch und man müsse das System zerstören, halte ich für zu kurz gesprungen, denn mit einer weiteren Radikalisierung ist ja auch niemand geholfen. Und die ist in Deutschland ja bei weitem noch nicht so weit wie in den USA. Für den Mainstream dürfte der Befund ebenfalls gelten: ZEIT, Spiegel und Co befinden sich auf Silvers Metrik vermutlich auch irgendwo zwischen 0 und -3. Der Unterschied ist unser rechts Biotop. Die FAZ ist locker das Äquivalent, während die Welt zwar deutlich radikalisiert ist, aber bei weitem nicht auf FOX-Niveau herumschwimmt. Das ist aktuell noch NIUS' und Apollo News' alleiniger Bezugsraum. Als letzte Bemerkung halte ich Silvers Konzentration auf Twitter für ebenso korrekt wie irrelevant. Wie die Nutzendenbasis tatsächlich in der Masse aussieht ist ja völlig irrelevant. Auch wenn nur 30% der Nutzenden rechts sein sollten, sehen die ja trotzdem keine linken Inhalte. Die Follower- und Filterblasenstruktur sorgt ja dafür. Und ein besseres Bild der realen Bevölkerung bekommen Journalist*innen und Politiker*innen auch nicht, wenn sie neben der woken Crowd auch Nazis in die Timeline bekommen. Das Resultat sehen wir gerade auch im Scheitern eines vernünftigen Umgangs mit der AfD.
4) Mit Rechten reden
Simon Sahner schreibt auf 54books eine Art Rückblick auf das Buch "Mit Rechten reden" (Raus aus der Manege – Warum öffentliches Reden mit Rechten ein Problem ist"). Er postuliert, dass derzeit mehr mit Rechten gesprochen werde als je zuvor (soweit wahr) und dass dies offensichtlich keinen Effekt auf deren Anziehungskraft habe (ebenfalls wahr). Seine These ist, dass dies daran liegt, dass die rechte Blase anders als die konservative, liberale und linksliberale Mitte nicht an einem echten Austausch interessiert ist. Die Vorstellung, man entlarve die Rechtsradikalen und -extremen und könnte diese dadurch bezwingen, führe in die Irre, weil deren Anhänger*innen immun gegen solche Entlarvungen seien und sich nur als Opfer inszenierten und bestätigt sähen. This is true as far as it goes, aber das Phänomen ist ja grundsätzlich eher eine psychologische Konstante. Niemand kommt gut mit kognitiver Dissonanz klar, und alle politischen Richtungen sind sehr gut darin, "Widerlegungen" der anderen Seite zu ignorieren. Ich denke, der größere Unterschied besteht in der Resistenz gegenüber Skandalen, aber das ist auch nur eine Frage des Trainings: Verantwortlichkeit ist in der DNA der demokratischen Parteien, die hier Selbstreinigungsprozesse haben, die den Extremisten schlicht völlig abgehen, die in Kategorien von "wir gegen die" denken. Grundsätzlich wäre dies auch der politischen Mitte antrainierbar, und wir können gottfroh sein, dass unsere politische Kultur schlicht eine andere ist. Letztlich beschreibt Sahner damit auch nur einmal mehr, dass es offensichtlich nichts taugt, mit Rechten zu reden, um sie zu demaskieren oder zurückzukonvertieren. Eine Lösung für das Problem findet sich aber auch nicht.
Resterampe
a) Also, manchmal ist Marcel Fratzscher echt eine Heiße-Luft-Maschine. Der Artikel hat eine super interessante Prämisse, aber keine Struktur, mäandert rum und wiederholt vor allem Allgemeinplätze.
b) Bret Deveraux hat einen großartigen Artikel zu bewaffneten Aufständen und gewaltfreiem Protest. Er nimmt darin auch starken Bezug auf das von mir rezensierte "Waging a good war".
c) Marc Röhlig schreibt im Spiegel vom "Epstein in allen Männern", und ich weiß nicht, wie sehr ich diese Argumentationslinie mag. Auf der einen Seite beschreibt er reale Probleme, die ich hier im Blog ja auch oft genug anprangere, aber auf der anderen Seite halte ich es für schwierig, dazu die Brechstange des Epstein-Vergleichs zu benutzen. Das hat für mich akute Gefahr, der Nazivergleich der Genderfragen zu werden.
d) Eine Umfrage ergibt, dass ein großer Teil der Deutschen denkt, in den 1980er Jahren sei das Leben besser gewesen als heute. Was für ein Unfug. Außenpolitisch war damals noch Kalter Krieg und Atomkriegsgefahr, die AIDS-Epidemie griff um sich, die Lebenserwartung war niedriger, das Fernsehprogramm auch nicht besser, die Gesundheitsversorgung wesentlich schlechter, der Segen globalen Handels mit seiner Auswahl günstiger Konsumgüter noch nicht da, und so weiter und so fort. Diese toxische Nostalgie, ich krieg die Krise.
e) Ukrainische Drohnenpiloten haben ein Manöver mit NATO-Truppen gemacht und letztere ziemlich eingeseift. Ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig die Unterstützung und Kooperation mit der Ukraine für unsere Sicherheit ist. Die Erfahrungen der ukrainischen Armee sind ungeheuer wertvoll.
f) Zum Thema "kein rechtsextremer Antisemitismus".
g) Der "Verein der deutschen Sprache" blamiert sich wieder mal. Das beste ist, dass sie dann, wie alle Ideologen, die Korrektur nutzen, um zu zeigen, dass sie Recht hatten :D
h) Kritik an der Martenstein-Rede. Genau deswegen macht es auch so wenig Sinn, ständig auf diesen Meinungsfreiheitsunsinn reinzufallen.
i) Zur Debatte um die Washington Post hier noch etwas zur Abschaffung der Rezensionssparte und zu den wirtschaftlichen Grundlagen.
j) Die WTO kritisiert Chinas Handelsüberschuss als das Gleichgewicht des Handels gefährdend. Die Argumentation kommt mir aus den 2000er Jahren für Deutschland bekannt vor und ist für China genauso richtig.
Fertiggestellt am 24.02.2026
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