Montag, 13. Juli 2026

Anmerkungen zum Vertrauen - Scheinerklärungen

 

Der britische Autor Chris Clarke hat in seinem Substack "Parables" eine Essayreihe mit dem Titel "Notes on Trust" geschrieben. Ich wollte sie zuerst im Vermischten verlinken, fand aber die Analyse, obwohl sie sich auf die britischen Verhältnisse bezieht, derart relevant und gut gelungen, dass mich stattdessen entschied, Chris direkt zu kontaktieren und ihn zu bitten, sie übersetzen zu dürfen. Er hat mir das freundlicherweise genehmigt. Der erste Teil der Serie findet sich im Folgenden, die weiteren Teile werden in den nächsten Tagen online gehen. Chris hat sich zudem bereit erklärt, im Podcast der Bohrleute mit mir über seine Thesen zu sprechen. 

Das Vertrauen in die Politik befindet sich auf einem historischen Tiefpunkt. Dies gilt weithin als anerkannte Tatsache. Es handelt sich um ein Phänomen, das in den vergangenen zwei Jahrzehnten viele populistische Aufstände in den westlichen Ländern befeuert hat. Dennoch wurde den zugrunde liegenden Ursachen häufig nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie verdienen.

Ich begann mich für dieses Thema zu interessieren, nachdem ich unzählige Fokusgruppen durchgeführt hatte, in denen ansonsten vernünftige Wähler mit einer stellenweise überwältigenden Verbitterung über Politiker sprachen. Anschließend beschäftigte ich mich mit der Literatur und den Daten darüber, woher diese Verbitterung stammt. Mein bleibender Eindruck ist, dass – auch wenn es nie ein goldenes Zeitalter des politischen Vertrauens gegeben hat – die gegenwärtige Entwicklung äußerst alarmierend ist. Sie lässt sich weder als vorübergehende Modeerscheinung abtun noch als neuer Normalzustand akzeptieren.

Die nachstehende Grafik beispielsweise basiert auf den durchschnittlichen Ipsos-Zufriedenheitswerten aller Parteivorsitzenden seit den 1970er Jahren. Sie zeigt einen Zusammenbruch des Ansehens führender Politiker in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Wie ich bereits schrieb, als ich sie im vergangenen Jahr in einem Essay veröffentlichte, weist die Richtung, die sie anzeigt, auf einen für eine Demokratie unhaltbaren Zustand hin. Der Impuls „sie sind alle gleich“ beziehungsweise „keiner von ihnen“ wird zunehmend zur Standardeinstellung.

In künftigen Artikeln werde ich einige Überlegungen zu den grundlegenden Ursachen hierfür darlegen – und dazu, was dagegen getan werden kann. Zunächst möchte ich jedoch vier „Scheinerklärungen“ betrachten, die häufig zur Erklärung des Vertrauensverlusts herangezogen werden.

Obwohl ich sie als „Scheinerklärungen“ bezeichne, bestreite ich nicht, dass sie Zynismus verschärfen und anheizen. Als Auslöser der politikfeindlichen Stimmung des 21. Jahrhunderts werden sie jedoch erheblich überschätzt. Der drastische Einbruch in der oben dargestellten Grafik lässt sich durch keine von ihnen erklären.

Die erste Scheinerklärung lautet, dass der „Wille des Volkes“ ignoriert werde. Nach dieser Sichtweise beruht die gegenwärtige Verachtung der Politik darauf, dass unsere politischen Führer ihre eigenen Interessen über die populären Überzeugungen und Anliegen der Bevölkerung stellen – oder umgekehrt ihre eigenen Ideologien und Anliegen über das öffentliche Interesse. Sich von dieser verführerischen Vorstellung zu lösen, ist ein wichtiger erster Schritt, um Vertrauen zu verstehen.

Diese Lesart ist besonders unter Radikalen und Populisten verbreitet, unter Anhängern kleinerer Parteien oder bestimmter Kampagnen. Sie besagt, dass die Regierung nur entschieden die Rückführung von Migranten befürworten, die Klimakrise bekämpfen, Superreiche stärker besteuern, die Überwachung beenden, den Staat verkleinern, die Europäische Menschenrechtskonvention verlassen, Palästina unterstützen oder den Grüngürtel schützen müsse – und schon würde ihr wieder vertraut werden.

Es stimmt, dass solche Maßnahmen bei bestimmten Teilen der Bevölkerung das Vertrauen erhöhen würden. Bei anderen würden sie es jedoch verringern – zumindest dann, wenn sie so kompromisslos verfolgt würden, wie ihre Befürworter es verlangen. Politiker sind keineswegs taub gegenüber der Öffentlichkeit; tatsächlich hören sie ihr sehr genau zu. Das Problem besteht darin, dass sie bei vielen der umstrittensten Themen keinen einheitlichen Chor vernehmen, den sie bewusst ignorieren, sondern einen lauten Streit zwischen verschiedenen lautstarken Gruppen.

Ein Beispiel hierfür liefert die folgende Grafik, die das Vertrauen in Politiker während der Brexit-Phase zeigt (mit freundlicher Genehmigung des IPPR). Nigel Farage hatte in den Jahren vor dem Referendum von einer „Armee des Volkes“ gesprochen, deren einwanderungskritische und euroskeptische Ansichten von den Eliten aus der öffentlichen Debatte ausgeschlossen worden seien. Kein Wunder also, so seine Schlussfolgerung, dass das Vertrauen niedrig gewesen sei.

Farage hatte bis zu einem gewissen Grad recht. Die Erfüllung der Forderungen dieser „Armee des Volkes“ in den Jahren 2016 bis 2019 erhöhte tatsächlich das Vertrauen ihrer Anhänger. Gleichzeitig ließ sie jedoch das Vertrauen der Gegner der Brexit-Politik dramatisch sinken. Es kam zu einem Wechsel der Vorzeichen: Leave-Wähler vertrauten stärker, Remain-Wähler deutlich weniger. Der Gesamteffekt bestand jedoch keineswegs darin, den Zynismus zu mindern – vielmehr wurde er noch verstärkt.

Um ein bekanntes Sprichwort abzuwandeln: Man kann das Vertrauen aller Menschen für einige Zeit gewinnen oder das Vertrauen einiger Menschen dauerhaft. Entgegen der Auffassung vieler Parteigänger und Ideologen existiert jedoch kein einheitlicher „Wille des Volkes“, den Politiker bewusst nicht umsetzen.

Diese Vorstellung war schon immer falsch. Heute ist sie jedoch besonders problematisch. Unsere Gesellschaft ist so vielfältig wie nie zuvor – hinsichtlich Alter, Bildungsniveau, Wohlstand, Religion, sexueller Orientierung und ethnischer Herkunft. Entsprechend gibt es ein breiteres Spektrum an Werten und Sichtweisen, sodass die öffentliche Meinung weniger einheitlich ist als jemals zuvor.

Die zweite Scheinerklärung lautet, dass die Politik ihre Aufgaben nicht erfülle. Politiker werde misstraut, weil sie bei den zentralen Leistungsindikatoren, an denen sie gemessen würden, schlechte Arbeit geleistet hätten. Regiere man gut, so die Annahme, werde das Vertrauen zurückkehren.

Diese Scheinerklärung ist für viele Zentristen und Anhänger etablierter Parteien das, was die erste Scheinerklärung für diejenigen an den politischen Rändern darstellt. Auch sie geht davon aus, dass Politiker deshalb misstrauisch betrachtet werden, weil sie den Wählern etwas vorenthalten hätten, das in ihrer Macht liege. Im Mittelpunkt stehen dabei jedoch sogenannte „Valenz-Themen“ – also Alltagsfragen, bei denen unter den Wählern weitgehend Einigkeit über das gewünschte Ergebnis besteht –, und nicht links- oder rechtskodierte Anliegen, die vor allem die jeweiligen Anhänger mobilisieren.

Zu diesen „Valenz-Ergebnissen“ zählen gewöhnlich: geringe Kriminalität, niedrige Steuern, Vollbeschäftigung, starkes Wirtschaftswachstum, kurze Wartezeiten im NHS, ausreichend Personal an den Schulen sowie ein sauberes öffentliches Umfeld. Es handelt sich um Themen, die ideologische Grenzen überschreiten und die nahezu alle Menschen für erstrebenswert halten. Wer in diesen Bereichen liefere, so verkündet die zweite Scheinerklärung, werde den Politikverdruss zum Verschwinden bringen.

Die Schwächen dieser Vorstellung werden am überzeugendsten in dem berühmten amerikanischen Essay „The Death of Deliverism“ aus dem Jahr 2024 dargelegt. Der Text gewann nach der US-Wahl 2024 an Popularität – einer Wahl, die die Demokraten trotz einer durchaus soliden Bilanz bei Beschäftigung, Wirtschaft und der Bewältigung der Folgen der COVID-Pandemie verloren. „The Death of Deliverism“ stellte die Annahme infrage, dass staatliche Leistungen überhaupt wahrgenommen und der jeweils regierenden Partei zugeschrieben würden.

Ein vergleichbares Beispiel auf dieser Seite des Atlantiks war die Zeit der New Labour-Regierungen. Damals wurden bei vielen der genannten Leistungsindikatoren – etwa in der Wirtschaft oder im Gesundheitswesen – gute Ergebnisse erzielt. Dennoch waren die Wähler häufig nur begrenzt bereit, der Regierung dafür Anerkennung zu zollen. Strategen der Labour-Partei sprechen heute vom Phänomen des „I was lucky“ („Ich hatte einfach Glück“). Menschen machten positive Erfahrungen mit gut ausgestatteten öffentlichen Dienstleistungen, gingen jedoch davon aus, dass ihre Erlebnisse ungewöhnliche Ausnahmen gewesen seien.

Langfristig besteht daher nur ein lockerer Zusammenhang zwischen Kennzahlen wie dem Bruttoinlandsprodukt oder den Wartezeiten im NHS und dem öffentlichen Vertrauen. Bei manchen Indikatoren – Kriminalität ist das offensichtlichste Beispiel – besteht nahezu überhaupt kein Zusammenhang. Zufriedenheit mit den Ergebnissen mag die Wähler beruhigen, führt jedoch nicht zwangsläufig zu einem tieferen Vertrauen in die politischen Führer.

Um dies zu verdeutlichen, lohnt sich ein Blick auf die nachstehende Grafik aus einer wissenschaftlichen Arbeit von Will Jennings und Mitautoren aus dem Jahr 2017. Die durchgezogene Linie zeigt, dass die Unzufriedenheit mit den Politikern seit den 1960er Jahren kontinuierlich gestiegen ist und sich von einzelnen historischen Ereignissen kaum beeinflussen ließ. Die Geringschätzung der politischen Führung war während der Drei-Tage-Woche und des „Winter of Discontent“ ebenso groß wie in den wirtschaftlich prosperierenden Nullerjahren.

Es versteht sich von selbst, dass Wirtschaftswachstum und nachhaltige Verbesserungen der öffentlichen Dienstleistungen – bei ansonsten gleichen Bedingungen – positive Auswirkungen haben. Die dargestellten Entwicklungen zeigen jedoch, dass gute Regierungsleistung allein den politischen Zynismus des 21. Jahrhunderts nicht vollständig erklärt und auch kein Allheilmittel gegen die heutige politikfeindliche Stimmung darstellt.

Die dritte Scheinerklärung lautet, dass eine realitätsferne politische Klasse verantwortlich sei. Unsere politischen Führer sähen nicht aus wie wir und sprächen nicht wie wir. Sie wüssten nichts über unsere Schwierigkeiten und hätten kaum Berührungspunkte mit dem wirklichen Leben. Kein Wunder also, dass sie unsere Probleme nicht verstehen könnten.

Dies ist die Erklärung für das geringe Vertrauen, die von Wählern am häufigsten vorgebracht wird. Gleichzeitig ist es eine Deutung, die Politiker selbst aus parteitaktischen Gründen gern aufgreifen, um ihre Gegner anzugreifen oder sich selbst als besonders bodenständig darzustellen. Tatsächlich umfasst sie zwei unterschiedliche Vorwürfe: Zum einen seien die Abgeordneten nicht repräsentativ für die Bevölkerung; zum anderen hätten sie den Kontakt zum „wirklichen Leben“ außerhalb der Westminster-Blase verloren. In der Praxis werden beide Kritikpunkte meist miteinander vermischt.

Um diese Charakterisierung rankt sich eine weitverbreitete politische Folklore. Die „männliche, blasse und abgestandene“ Klasse privilegierter Politiker aus besseren Kreisen wisse nicht einmal, was ein Brot koste. Sie genieße subventionierte Bars und Teestuben im Palace of Westminster. Sie schlafe im Plenarsaal ein. Sie kenne sich alle untereinander von denselben Eliteschulen. Und sie besuche ihre Wahlkreise nur alle vier Jahre, um um Stimmen zu bitten – und so weiter.

Es gibt zweifellos einige Abgeordnete, die aus solchen Verhältnissen stammen oder sich auf diese Weise verhalten. Nach meiner Erfahrung sind es jedoch deutlich weniger, als die öffentliche Vorstellung vermuten lässt. Noch wichtiger für das Thema dieses Artikels ist, dass ihre Zahl im Laufe der Zeit kontinuierlich zurückgegangen ist.

Die nachstehende Grafik zeigt beispielsweise – mit Daten von Full Fact –, dass der Anteil der Abgeordneten, die eine Privatschule besucht haben, seit den 1970er Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist. Tatsächlich besteht das britische Kabinett zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels vollständig aus Politikern, die staatliche Schulen besucht haben.

Auch hinsichtlich der Repräsentation von ethnischer Herkunft, Religion und Geschlecht hat sich die Entwicklung in dieselbe Richtung bewegt. Zwar spiegeln Politiker die Gesellschaft noch immer nicht vollständig wider – bestimmte Gruppen, etwa Personen mit beruflicher Erfahrung in der Politik oder Hochschulabsolventen, sind weiterhin überrepräsentiert –, doch die Entwicklungsrichtung ist eindeutig positiv.

Auch beim zweiten Teil dieses Vorwurfs – dem abwesenden Politiker im Elfenbeinturm – zeigt sich eine ähnliche Entwicklung. So waren Abgeordnete in den 2010er Jahren deutlich stärker in ihren Wahlkreisen verwurzelt als zuvor, was ihre vorherigen Beziehungen zur jeweiligen Region betrifft. Der von außen „eingeflogene“ Politiker ist seltener geworden.

Ebenso hat sich seit den 1960er Jahren die Erwartung durchgesetzt, dass Abgeordnete in ihrem Wahlkreis wohnen und dort regelmäßig präsent sind. Bürgersprechstunden vor Ort gehören heute zum Standard, und die Zahl der Anliegen, mit denen sich Abgeordnete befassen müssen, ist exponentiell gestiegen. All dies sind vergleichsweise neue Entwicklungen. Sie bedeuten, dass der durchschnittliche Politiker die Realität eines kommunalen Wohnungsamts oder eines überfüllten Wartezimmers beim Hausarzt heute besser kennt als früher – und oftmals besser als große Teile der allgemeinen Bevölkerung.

Natürlich ist die Situation nicht perfekt. Einige unserer politischen Vertreter leben tatsächlich in einer anderen Welt. Doch unabhängig davon, aus welcher Perspektive man die Entwicklung betrachtet, werden sie seltener. Die gegenwärtige Vertrauenskrise ist paradoxerweise zu einem Zeitpunkt entstanden, an dem Großbritannien über eine politische Klasse verfügt, die so nah an der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung ist wie nie zuvor.

An dieser Stelle sollte allerdings darauf hingewiesen werden, dass die zahlreichen altertümlichen Traditionen des britischen Parlaments positive Veränderungen häufig verdecken. Wähler sehen Politiker komplizierte, altertümliche Rituale vollziehen und gelangen verständlicherweise zu dem Schluss, dass sie in einer noch abgeschotteteren Blase leben, als tatsächlich der Fall ist. So ist das House of Lords durch verschiedene Reformen in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich egalitärer geworden, dennoch bestehen Zeremonien mit Hermelinmänteln und feierlichen Einführungen fort. Auch hier gilt jedoch: Das Vertrauen war in den Jahrzehnten höher, als die zweite Kammer noch wesentlich antiquierter war als heute.

Hinzu kommt, dass gerade jene Politiker, denen die skeptische Öffentlichkeit zutraut, das Vertrauen wiederherzustellen, häufig selbst Absolventen von Privatschulen sind und ihr gesamtes Leben innerhalb dieser politischen Blase verbracht haben. Jeremy Corbyn, Boris Johnson und Nigel Farage haben die politikfeindliche Stimmung jeweils auf unterschiedliche Weise für sich nutzen können – obwohl sie kaum glaubwürdige Vertreter des „Mannes von der Straße“ sind.

Insbesondere Farage verkörpert genau jene Distanz und jene Privilegien, die Wähler nach eigener Aussage ablehnen. Dennoch genießt er bei Teilen der Wählerschaft erheblich mehr Vertrauen als viele einfache Abgeordnete, die engagiert und gewissenhaft arbeiten. Daraus ergibt sich die ernsthafte Frage, ob die Wähler tatsächlich nach Politikern suchen, die ihrem Alltag nahe stehen – oder ob sie in Wahrheit etwas ganz anderes erwarten.

Die vierte Scheinerklärung lautet, Korruption und Fehlverhalten seien die Ursache. Den politischen Führern werde misstraut, weil sie sich selbst bereicherten, Geld an Freunde weiterleiteten, unberechtigte Spesen abrechneten oder sich auf andere zwielichtige Weise verhielten.

Diese Vorstellung von den „Schweinen am Futtertrog“ ist wiederum eine häufige Erklärung der Wähler für ihr Misstrauen. Und erneut wird sie von Oppositionsparteien und politischen Akteuren genutzt, die versprechen, selbst „über jeden Zweifel erhaben“ zu sein oder „den Sumpf trockenzulegen“.

Ob es sich hierbei tatsächlich um eine Scheinerklärung handelt, ist eine schwierige Frage. Partygate und der Peter-Mandelson-Skandal sind lediglich zwei jüngere Beispiele für tatsächliches Fehlverhalten. Beide haben dem öffentlichen Vertrauen erheblichen Schaden zugefügt. Der Spesenskandal von 2009 bleibt zudem ein Wendepunkt – jenes Jahr, in dem das Vertrauen wirklich zu kippen begann.

Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob solche Skandale das Vertrauen beschädigt haben, sondern ob die dadurch aufgedeckten Formen des Fehlverhaltens heute häufiger vorkommen als früher. Sind unsere politischen Führer korrupter oder skrupelloser als in den 1960er-, 1970er- oder 1980er-Jahren, als das Vertrauen noch größer war?

Wenn die Antwort „Ja“ lautet, dann wäre die Bekämpfung von Korruption und Vetternwirtschaft ein wesentlicher Teil der Lösung. Lautet die Antwort jedoch „Nein“, dann liegt das eigentliche Problem anderswo. Möglicherweise sind Ausmaß und Häufigkeit des Fehlverhaltens gleich geblieben oder sogar zurückgegangen; vielleicht erfahren wir lediglich häufiger von Skandalen, gerade weil die Mechanismen der Kontrolle und Rechenschaftspflicht stärker geworden sind.

Das langfristige Muster im Vereinigten Königreich ist schwer zu erkennen. Im vergangenen Jahr sorgte die Veröffentlichung von Transparency International für Schlagzeilen, wonach das Vereinigte Königreich in den Jahren nach der COVID-Pandemie deutlich korrupter geworden sei. Allerdings hat sich die Position des Landes im Korruptionsindex seit dessen Einführung im Jahr 1995 erheblich verändert, anstatt kontinuierlich schlechter zu werden.

Mangels eindeutiger historischer Daten, die weiter zurückreichen, bieten internationale Vergleiche einen interessanten Gegenentwurf. Die nachstehende Grafik entstand durch den Vergleich des Antikorruptionswerts von Transparency International für das Jahr 2025 mit dem Vertrauen in die Regierung, wie es das Edelman Trust Barometer im selben Jahr für 28 Länder erhoben hat.

Im rechten unteren Bereich der Grafik befindet sich eine Gruppe entwickelter Staaten, die auf der vertikalen Achse ein geringes Vertrauen in die Regierung, auf der horizontalen Achse jedoch nur geringe Korruption aufweisen. Zu diesen Ländern zählen neben dem Vereinigten Königreich auch Frankreich, Japan und Deutschland.

Diesen Ländern mit geringem Vertrauen und geringer Korruption stehen im linken oberen Bereich der Grafik Staaten mit hohem Vertrauen trotz hoher Korruption gegenüber, etwa China und Indonesien. Daneben gibt es eine Gruppe von Ländern – insbesondere in Südamerika und Afrika –, die sowohl hohe Korruption als auch vergleichsweise geringes Vertrauen aufweisen.

Zweifellos spielen zahlreiche länderspezifische Faktoren eine Rolle. Dennoch widerspricht dieser Vergleich der Vorstellung, geringe Korruption führe automatisch zu hohem Vertrauen. Das Vereinigte Königreich gehört zu den am wenigsten korrupten Ländern der Welt (selbst nach der Amtszeit von Boris Johnson auf Rang 20 der 181 untersuchten Staaten). Dennoch ist der Zynismus gegenüber den politischen Führern dort größer als in Ländern, in denen Korruption weit verbreitet ist.

Kehrt man zur Entwicklung im Vereinigten Königreich zurück – die für diese Betrachtung entscheidend ist –, so lautet mein allgemeiner Eindruck, dass heute wesentlich mehr Mechanismen existieren, um Fehlverhalten zu verhindern und aufzudecken, als noch vor fünfzig Jahren. Gleichzeitig haben jedoch die zunehmende Ungleichheit und der Aufstieg großer Unternehmen dazu geführt, dass erheblich mehr Geld in der Politik zirkuliert. Bereiche wie das Lobbying sind massiv gewachsen.

In welchem Ausmaß sich diese Entwicklungen gegenseitig aufheben, bedarf einer ausführlicheren Diskussion. Meiner persönlichen Auffassung nach würde insbesondere eine Reform der Parteienfinanzierung einen großen Unterschied machen, ebenso wie eine strengere Regulierung des Lobbyismus.

Der entscheidende Wandel seit Beginn des 21. Jahrhunderts betrifft jedoch nicht in erster Linie das Verhalten der politischen Führer, sondern das Informationsumfeld und das Ausmaß der öffentlichen Aufmerksamkeit. Dadurch kommen Geschichten wie Partygate oder die Affäre um erhaltene Geschenke leichter ans Licht, häufiger und mit weit größerer Detailtiefe. Eine weitere Verringerung der Korruption kann zwar hilfreich sein; wirklich neu ist jedoch vor allem die heute nahezu unvermeidliche öffentliche Aufdeckung solcher Vorgänge infolge der erheblich stärkeren Kontrolle.

Um es noch einmal zu betonen: Ich bezeichne diese vier Erklärungen als Scheinerklärungen, weil sie für sich genommen den Abstieg des Landes in den politischen Zynismus des 21. Jahrhunderts nicht erklären.

Jede dieser Scheinerklärungen liefert auf ihre Weise eine scheinbar überzeugende und oftmals durchaus berechtigte Begründung für das geringe Vertrauen – Erklärungen, auf die Wähler, Kommentatoren und Politiker gleichermaßen zurückgreifen. Unsere politischen Führer seien verunglimpft worden, weil sie den ideologischen Forderungen nach X, Y oder Z nicht nachgekommen seien; weil sie das Land schlecht regiert hätten; weil sie in einem Elfenbeinturm lebten; weil sie vor allem damit beschäftigt seien, ihre eigenen Taschen zu füllen – und so weiter.

Doch die Missstände, auf die jede dieser Scheinerklärungen verweist, sind – selbst wenn sie tatsächlich existieren – nicht neu. Politiker früherer Jahrzehnte machten sich derselben Versäumnisse schuldig, oftmals sogar in stärkerem Ausmaß, ohne deshalb in dem Maße verachtet zu werden wie heute. Es gibt daher keinen Grund anzunehmen, dass die Beseitigung dieser vier vermeintlichen Ursachen das öffentliche Vertrauen in dem Umfang wiederherstellen würde, den viele erwarten. Die eigentlichen Ursachen reichen tiefer und sind zugleich subtiler, als die heute üblichen Erklärungen vermuten lassen.

Im nächsten Artikel werde ich mich mit einigen jener grundlegenden Ursachen befassen, die tatsächlich erklären, warum das Vertrauen zurückgegangen ist. Anschließend werde ich in weiteren Beiträgen untersuchen, welche praktischen Schritte Politiker unternehmen können.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.