Samstag, 1. Februar 2020

Bernie gewinnt nicht, weil der Schah mit Sturmgewehr zu viel mit Erdogan Fahrrad fährt - Vermischtes 01.02.2020

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) How a Chase Bank Chairman Helped the Deposed Shah of Iran Enter the U.S.
Yet as the jet touched down, the only one waiting to receive the deposed monarch was a senior executive of Chase Manhattan Bank, which had not only lobbied the White House to admit the former shah but had arranged visas for his entourage, searched out private schools and mansions for his family and helped arrange the Gulfstream to deliver him. “The Eagle has landed,” Joseph V. Reed Jr., the chief of staff to the bank’s chairman, David Rockefeller, declared in a celebratory meeting at the bank the next morning. Less than two weeks later, on Nov. 4, 1979, vowing revenge for the admission of the shah to the United States, revolutionary Iranian students seized the American Embassy in Tehran and then held more than 50 Americans — and Washington — hostage for 444 days. [...] The hostage crisis doomed Mr. Carter’s presidency. And the team around Mr. Rockefeller, a lifelong Republican with a dim view of Mr. Carter’s dovish foreign policy, collaborated closely with the Reagan campaign in its efforts to pre-empt and discourage what it derisively labeled an “October surprise” — a pre-election release of the American hostages, the papers show. The Chase team helped the Reagan campaign gather and spread rumors about possible payoffs to win the release, a propaganda effort that Carter administration officials have said impeded talks to free the captives. [...] Mr. Rockefeller then personally lobbied the incoming administration to ensure that its Iran policies protected the bank’s financial interests. [...] The hostages were released on Inauguration Day, Jan. 20, 1981, and a few days later Mr. Carter’s departing White House counsel called Mr. Rockefeller to inquire about how the release deal affected Chase bank. “Worked out very well,” Mr. Rockefeller told him, according to his records. “Far better than we had feared.” (David D. Kirkpatrick, New York Times)
Die Recherche Kirkpatricks allein macht den kompletten, langen Artikel lesenswert. Welche Rolle die Bank im gesamten Iran-Drama spielte, ist bemerkenswert. Was ich für besonders auffällig halte, ist wie unglaublich schmutzig und skandalüberladen die republikanische Außenpolitik jener Tage war. Man vergisst über die posthum darüber gestreute Nostalgie und Propaganda gerne, wie umstritten Reagans Präsidentschaft zu ihrer Zeit war, und dass ihm wegen der Iran-Contra-Affäre (völlig zu Recht) ein Impeachment drohte!
Was die historische Forschung mittlerweile herausgearbeitet hat, bleibt leider weitgehend unbemerkt. Aber von der Wahlkampfhilfe der Ayatollahs für Reagan 1980 bis zur Finanzierung von rechtsgerichteten Massenmördern in Lateinamerika war die damalige Außenpolitik, zusätzlich bis zur Unkenntlichkeit verwickelt mit einzelnen mächtigen Wirtschafts- und Finanzinteressen, ein einziger clusterfuck, wie das die Amerikaner nennen. Das Ende des Kalten Krieges und die spätere Glorifizierung Reagans haben darüber ein Tuch geworfen. Letztere übrigens ist ein Projekt der späten 1990er, vor allem vorangetrieben durch den damaligen rechten Flügel der Republicans und seine Helfer wie Grover Norquist, der seither durch mehrere Radikalisierungswellen der Partei selbst wieder abgesetzt wurde. Das Ausmaß an Schmutz und Nebelkerzen, das mit dieser Geschichte einhergeht, ist bemerkenswert.

2) Hillary Clinton Wants a Fox News of the Left. Oh, and She Really Loathes Bernie Sanders.
It’s hard to overestimate the influence of Fox News. The radio talkers are one thing. Drudge is one thing. Breitbart is one thing. And they all form a cohesive ecosystem that envelops the conservative movement these days. But without Fox News they have no anchor. Fox is the sun around which they all revolve. The problem, though, is that I suspect there’s no market for a Fox of the left. MSNBC is part of the way there, and they don’t have a fraction of the influence of Fox. For whatever reason, liberals simply don’t want to spend hours each day watching Fox-style propaganda. We prefer our propaganda in the form of humor; movies and TV shows; and subtler news outlets that temper their point of view with lots of actual facts about things. A media empire of the left probably wouldn’t be a moneymaker. There are times when I wonder how things would be different if Rupert Murdoch had simply met different people at various times in his life. It’s not as if he’s been a consistent conservative ideologue, after all. He just wants to make money. But willy nilly, he discovered that he could make money in America with conservative news, so that was that. Conservative it would be. And our country has never been the same. (Kevin Drum, Mother Jones)
Ich habe hier ja auch schon darüber geschrieben, dass es kein Zufall ist, dass so etwas wie rechtes Kabarett (vor allem gutes) praktisch nicht existiert. Die andere Seite der Medaille ist sicherlich, dass es weder linkes talk radio noch ein linkes FOX News gibt. Selbst so etwas wie die NachDenkSeiten bleibt in Reichweite und Zugkraft deutlich hinter seinen rechten Pendants zurück. Das ist kein Zufall. Ich finde auf der anderen Seite Drums beiläufige Einordnung der meisten Hollywood-Produktionen als spiegelbildlich linke Propaganda spannend. Zumindest was das Potenzial, damit Geld zu machen, angeht, hat er sicherlich Recht. Die modernen Hollywood-Blockbuster, die auf Diversität achten und weibliche Hauptfiguren etablierten - hauptsächlich aus dem Hause Disney - haben Milliarden und Abermilliarden Dollar gemacht. Interessante Analogie in jedem Fall.

 3) Why Political Science Doesn't Like Term Limits


Another important effect of term limits is to reduce legislators' expertise and capacity, as nicely described in this Brookings study. If you can only serve for six or eight years, chances are you don't get particularly good at some of the key tasks of legislating -- writing a budget, crafting large bipartisan bills, understanding the executive branch well enough to provide competent oversight, etc. -- before you get kicked out. Often legislative leaders have only a few years of experience before they take over the chamber. This inexperience and lowered capacity tends to make legislatures weaker relative to the governor's office. Under term limits, California legislators, according to Bruce Cain and Thad Kousser, are less likely to screen bills or alter the governor's budget proposals. As they argue, "For a variety of reasons related to term limits, there is more room for fiscal irresponsibility in the Legislature now and less incentive, experience, and leadership to correct it." This weakness also means that legislators are more subject to the influence of lobbyists, who are not term limited and can develop a lifetime of expertise on a subject. Some more findings suggest that term limits generally fail to achieve what their advocates promise. That is, they have not reduced campaign spending. They have not, as Susan Carroll and Krista Jenkins noted, increased the number of women serving in office. Nor have they increased the overall representativeness or diversity of legislatures. (Seth Masket, Mischief of Faction)
Es ist so ein pet peeve von mir, aber mich nerven die Klischees über Politik und die daraus und der generellen Unkenntnis über politische Prozesse erwachsenden stupiden Reformforderungen ungeheuer. Von Legislaturperiodenbeschränkungen (die in Deutschland unendlich viel weniger Sinn machen als in den USA und schon dämlich sind, wie der Artikel zeigt) über irgendwelche Verbote für Jobs in der Wirtschaft nach Ende der politischen Karriere über die nicht totzukriegende Vorstellung, der Fraktionszwang sei ein Problem und müsse dringend durch eine "freie Debatte" "unabhängiger Abgeordneter" ersetzt werden, nichts davon hat etwas mit realer Politik zu tun, aber es sorgt immer wieder für bescheuerte Maßnahmen, die im besten Fall wertvolle Zeit und Ressourcen fressen und im wesentlich häufigeren schlimmeren Fall das ganze System aktiv schlechter machen.

 4) Tweet
Ich will hier gar nicht die Werbetrommel dafür rühren, diese man babies in echte Kriegseinsätze zu schicken; abgesehen von der durchaus attraktiven Absurdität, sie mit den Realitäten eines echten Konflikts zu konfrontieren, sind das ja nur Kriegsverbrecher im Wartestand. Für uns Europäer ist die gesamte Ikonographie, mit der sich vor allem die moderne Second-Amendment-Bewegung umgibt und die von NRA und GOP so massiv unterstützt wird, mehr als verstörend. Diese Leute organisieren sich als paramilitärische Verbände, und man kann an solchen Aufmärschen immer wieder erkennen, welche Bereitschaft, ja, welches Verlangen nach politischer Gewalt da teilweise vorherrscht. Um etwas Küchentischpsychologie zu betreiben: Dass die ganzen Waffennarren sich permanent in eine Welt imaginieren, in der die Democrats ihnen jeden Moment ihre Spielzeuge und Phallussymbole wegnehmen könnten, mag mit dazu beitragen, eine Wandlung dieser Leute in Richtung der SA zu verhindern. Man sieht ja gücklicherweise auch, dass Extremisten wie diejenigen, die jüngst im amerikanischen Nordwesten Gebietsbesetzungen vornahmen und schwer bewaffnet der Staatsgewalt trotzen, wenig Nachahmer finden. Aber: rhetorisch stellt sich die Bewegung jedes Mal hinter diese Leute, nur um dann wenn es doch zu Gewalt kommt mit nichts etwas tun zu haben zu wollen. Zuletzt soll auch noch einmal auf den Punkt des Tweets hingewiesen werden: Die Auftritte dieser Typen sind größtenteils Show, ein Feiern toxischer Maskulinität. Letztlich ist es vor allem Ausweis einer ungeheuren Fragilität, in der die eigenen Männlichkeitskonzepte auf die plakativste und plumpste Weise - mit paramilitärischen Drohgebärden - dargestellt werden. Hier findet sich die direkte Parallele zu SA und anderen Konsorten; wie Hans Theweleit bereits in den 1970er Jahren herausgestellt hat, trieben verquere Männlichkeitsideale und deren Herausforderung in einer modernen, progressiven Ära auch unsichere Männer in die Arme der Braunhemden.

 5) Tweet
Ich finde es ja manchmal echt erheiternd, welche Urständ die rechten identity politics feiern können (nicht, dass die linken davon immun wären, selbstverständlich). Man muss aber schon echt tief in den Kaninchenbau eingedrungen sein, um aus der Konsequenz, dass Autofahrer regelmäßig Fahrradfahrer umbringen, die Fahrradfahrer der Unverantwortlichkeit zu ziemen. "Was machen die auch auf dem Fahrrad, wo auch Autos unterwegs sind?!elf!!!" Das Niveau, das die AfD in den deutschen Bundestag trägt, ist schon echt erbärmlich.

 6) Sorry, But Democrats Have to Compromise and Republicans Don’t
The liberal share of the population has steadily increased over the past few decades, but it still tops out at 26 percent. That means Democrats need about two-thirds of independents to create a majority. And that means appealing to the center—or in some places to the center-right. It’s the only way to get to 51 percent. Republicans, by contrast, start out with 35 percent. If they manage to appeal to just the conservative portion of independents, they can get to 51 percent. So that’s what they do. [...] But how do Republicans get away with being so damn extreme? Shouldn’t that scare off the moderates? Maybe it should, but again, life isn’t always fair. Conservatives, by definition, want to keep things the same, and being extreme about keeping things the same is just not that scary. Liberals want to change things, and being extreme about change is scary. So Republicans can win even with a nutball right-wing caucus making up a big chunk of their party. Democrats can’t. This is a drag. But the fact remains that America has historically progressed in tiny spurts: a few years during the New Deal; a few years in the mid-60s; a few months (literally) after Obama was elected president. There are modest wins and modest losses the rest of the time, but that’s all. The American public just can’t handle very much liberal progress at a single time, and if you don’t like that, you need to figure out how to sell liberalism so well that the chart above turns significantly upward. Give me a call when you figure out how to make that happen. (Kevin Drum, Mother Jones)
Ich fürchte, dass Kevin Drum Recht hat. Die Polarisierung, Radikalisierung und Wählerschichtung in den USA ist extrem asymmetrisch. Ergo kommen die Republicans mit Zeug durch, bei dem die Democrats keine Chance hätten. Das ist grotesk, unfair und für das Land und die Demokratie in höchstem Maße schädlich. Aber was hilft's? Die ständige Frage nach der electability, mit der Sanders und Warren kritisiert werden, ist peripher relevant. Aber an der Peripherie wird die Wahl halt entschieden. Von weit über 60 Millionen Stimmen entschieden 2016 immerhin rund 77.000. Viel peripherer wird es nicht.

 7) Der Scheinriese

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