Mittwoch, 12. Februar 2020

McKinsey berät einen Soja essenden Trump gegen das Versinken in Teergruben - Vermischtes 12.02.2020

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Teergruben sind die neuen Verhinderungsdiskurse
Eine Weile habe ich in Vorträgen und Publikationen immer wieder auf Verhinderungsdiskurse hingewiesen, mit denen verhindert wird, dass sich insbesondere die durch die Digitalisierung möglich gewordenen pädagogischen Neuerungen an Schulen durchsetzen. Ein Beispiel dafür ist der Datenschutz und Urheberrecht, mit dem immer wieder Verunsicherung bei Lehrkräften geschaffen wurde, die erste Schritte mit digitalen Methoden machen wollten. Auch die langweilige Frage nach dem Mehrwert ist Teil einer Verhinderungsstrategie: Mit einem seltsamen Vergleich wird eine Art Beweislastumkehr vorgenommen, die dazu führt, dass neue Lernverfahren erst etwas beweisen mussten, was bereits benutzte nie beweisen könnten: Dass sie besser funktionieren als solche, die ganz anders funktionieren. Mittlerweile nehme ich eine Verschiebung war. Werden intensive Debatten geführt, geht es nicht mehr darum, eine Transformation zu verhindern, sondern sie zu verzögern, Akteur*innen zu zermürben. Auf Twitter hat Matz (?) vorgeschlagen, den Begriff der Teergrube dafür zu verwenden [...] Dabei handelt es sich um ein Verfahren der Spam-Bekämpfung, bei dem unerwünschte Netzwerkverbindungen verlangsamt und Verbindungspartner blockiert werden. Die Diskussion über WhatsApp an Schulen ist ein ideales Beispiel für eine Teergrube: Wer die Diskussion führt, ist nicht gegen Digitalisierung oder gar Chats, nur halt gegen WhatsApp als Tool. Dieser Widerstand führt nun bei allen, die Chats mit Lernenden führen, dazu, dass sie auf andere Werkzeuge ausweichen müssen, bei denen der Netzwerkeffekt weniger gut spielt. Die Verbindung wird verlangsamt, die innovativen Lehrkräfte werden mit Arbeit und einer Diskussion blockiert, die sie daran hindert, weitere Entwicklungsschritte umzusetzen. Wer sich für WhatsApp ausspricht, erscheint verantwortungslos, unbedarft, korrumpiert. (Philipp Wampfler, Schule Social Media)
Ich mag die Analogie mit den Teergruben. Die Idee eines "Verhinderungsdiskurses" fasst in Worte, wofür ich bisher nicht wirklich einen Begriff hatte. Beispiele dafür wäre zum Beispiel die ewige Frage nach der Finanzierung von diesem oder jenem Vorhaben, ob es nun um Klimaschutz oder Medicare for All geht. Nie geht es da tatsächlich um eine Diskussion, wie das denn zu finanzieren wäre; es geht um die Verhinderung des Diskurses, das Versenken des Themas in einer zähen Teergrube. Es hat schon seinen Grund, dass die Republicans sich nie auf die Frage einließen, wie man Trumps beknackte Mauer finanzieren könne. Ich bin etwas unsicher, ob ich das leidige Thema "Political Correctness" auch in diesen Kontext einordnen würde. Auch hier geht es ja um die Verhinderung eines Diskurses, aber die Vertreter von Political Correctness haben das ja als offene Zielsetzung, während etwa die Teergrube der Finanzierungsfrage über ihre wahre Natur hinwegtäuscht. Was meint ihr? Ist es analytisch sinnvoll, das zusammen zu sehen, oder sind das verschiedene Phänomene?

 2) Socialism May Be Just What the Service Economy Needs
And the service industries of the future may not be as subject to the magic of free markets as agriculture and manufacturing. Prices in health care are not very good signals of cost and value because of asymmetric information, uncertainty and other problems; this is why you don’t often see people price-shopping for health services. As for education, its benefits lie in the distant future and are hard to gauge in advance; many people derive great benefit from college, but the economic gains don’t seem closely related to the price paid. And when people don’t know what they’re getting or aren’t able to shop around, competition can’t work its magic. It’s no coincidence that health insurance and college are two of the main industries Sanders is targeting for nationalization or quasi-nationalization. Indeed, these services are already nationalized in most advanced countries, and public education is already public. The structural shift to service economies might thus give socialism an advantage it never enjoyed in the 20th century. Even if this is true, however, a shift toward socialism carries big risks. The incredible efficiency of physical goods-making industries tends to get taken for granted these days, but heavy regulation and taxation of these industries could make food, energy, transportation, housing and consumer items more expensive. And rising prices would increase the temptation for misguided measures -- such as price controls -- that could hurt the economy. So if the new socialists can stick to the service industries, they may find success where their 20th century predecessors failed. But if they interfere too much with industries where markets work well, they might find themselves repeating old mistakes. (Noah Smith, Bloomberg)
Ich stimme Smith grundsätzlich darin zu, dass ein funktionierender Markt gerade im Bildungs- und Gesundheitssektor praktisch unmöglich ist. Aus gutem Grund werden diese beiden Sektoren in den meisten europäischen Ländern auch streng reglementiert und produzieren wesentlich bessere Ergebnisse in der Breite, als dies für die unreglementierter agierenden Gegenstücke in den USA (und in geringerem Maße Großbritannien) gilt. Ebenso unterstütze ich völlig seine Warnung davor, zu sehr in das produzierende Gewerbe einzugreifen. Aber die größte Herausforderung der service economy lässt Smith in diesem Artikel unangesprochen: Was Fabrikarbeit im 19. Jahrhundert war, ist heutzutage ein Großteil des Dienstleistungssektors. Hier finden sich die schlechtesten Arbeitsbedingungen, die meiste Ausbeutung, die niedrigsten Löhne in der Volkswirtschaft. Seit über 20 Jahren scheitert praktisch jeder Versuch, das etwas einzuhegen. Die Gewerkschaften kriegen keinen Fuß auf den Boden, und der Staat hat - nach immerhin über einem Jahrzehnt harten politischen Kampfes - kaum mehr geschafft, als mit dem Mindestlohn eine absolute Untergrenze der Ausbeutung einzuziehen. Hier ist noch viel Luft nach oben.

 3) Tweet
Ich bin immer wieder bass erstaunt darüber, welche ungeheure Unkenntnis über das deutsche Steuersystem vorherrscht. Grundsätzliche Elemente eines progressiven Steuersystems bleiben weiterhin unverstanden. FDP-Politiker und Wirtschaftslobbyisten müssen sich entweder vorwerfen lassen, selbst elementare Grundbestandteile des Steuersystems nicht zu verstehen. Oder sie verzerren das Bild absichtlich so, dass ein falscher Eindruck entsteht. Man könnte es auch, weniger generös, Lügen nennen. Und diese Legenden werden beständig wiederholt. Ich sehe die Folge davon permanent. Nicht nur gehen Schüler ständig davon aus, dass beim Überschreiten einer Tarifgrenze das GANZE Gehalt vom neuen Steuersatz betroffen ist; auch gestandene Arbeitnehmer haben nicht die geringste Ahnung, wie hoch eigentlich die Steuern tatsächlich sind. Und das, obwohl sie sich jährlich mit Steuererklärungen und -bescheiden herumschlagen müssen und monatlich eine Abrechnung bekommen. Es gibt keinen Sektor, auf dem umfassende Desinformation so durchschlagende Effekte hatte wie dieser. Chapeau, Wirtschaftsliberale, muss man euch lassen.

 4) Stop Blaming Democrats for Republican Intransigence
That theory was embraced by both Obama’s critics on the left and most of the mainstream media. For the latter, it became the basis of their obsession with bothsiderism. Any failures of Obama to successfully negotiate with Republicans were explained by a lack of compromise on both sides. None of that took into consideration the fact that, on the day of Obama’s inauguration, Republicans settled on a policy of total obstruction. Their position was that, no matter the issue or the proposed solution, they would vote as a block against it. We are now witnessing how far Republicans are willing to go with that level of intransigence in their refusal to hold Donald Trump accountable. Senate Republicans will not only refuse to hear from witnesses, they will vote to exonerate the most corrupt president in this country’s history. While the Green Lantern theory was initially tied to the presidency, we’re already watching it be applied to congressional Democrats.  [...] As Josh Marshall wrote, “there’s always a strong tendency to take consistent and insistent misbehavior as a baseline.” So because Republicans have now become the party of intransigence, that is the new norm and gets a pass when it comes to accountability. The burden is placed on Democrats to conjure up some magic trick to stop Republicans from employing a strategy that has worked marvelously for them—partly because the media fails to identify the source of the problem. [...] All of those people have accurately diagnosed the problem. It doesn’t lie with the lack of magical powers on the part of Democrats. Instead, it is the way that Republicans have determined to march in lock-step to defend the indefensible. (Nancy LeThourneau, Washington Monthly)
Die Argumentationsweise findet sich seit vielen Jahren in den meisten einschlägigen Medien und ist auch nicht auf die USA beschränkt. Die Rechtsextremisten tun irgendetwas Schlechtes, und daraufhin stellt man die Frage, warum die Linken sie dazu gezwungen haben. Im Falle des Impeachment ist das besonders absurd. Wie können die Democrats es auch wagen, Trump wegen seiner Vergehen zur Rechenschaft zu ziehen? Da ist es ja klar, dass die GOP-Senatoren ihn unbedingt unterstützen müssen. Hätten sie das Verfahren nicht eröffnet, dann...wäre genau das gleiche passiert. Spätestens hier bricht das Argument auseinander. Dasselbe können wir auch hinsichtlich der Wähler beobachten. "Schuld sind immer die anderen", habe ich das Phänomen in meinem Artikel zum Thema genannt. Die haben quasi gar keine andere Wahl als Trump oder Höcke zu wählen, schließlich werden sie für die Entscheidung, die sie bereits getroffen haben, ja kritisiert! Es ist eine Infantilisierung der Politik. 

5) Her mit den Schulden
Es ist also sinnvoll, wenn die Staatsschuldenpolitik auf das Preissignal reagiert, das die Zinsen von Staatsanleihen senden. Insbesondere langfristige Staatsanleihen spielen hier eine Rolle. Ihre Zinsen zeigen, wie der Markt zukünftige Refinanzierungsrisiken einschätzt. Wenn neue Staatsschulden langlaufend sind, bleiben fiskalische Risiken jedenfalls bei einer kurzfristigen Änderung des Zinsumfeldes klein. Eine gute Staatsschuldenpolitik sollte auf Zinssignale reagieren. In dieser Hinsicht ist die in Artikel 109 des Grundgesetzes verankerte Schuldenbremse defizitär. Sie ignoriert die Möglichkeit, dass Zinsen niedriger sind als die gesamtwirtschaftliche nominale Wachstumsrate. Dieses Politikumfeld erfordert, wie gezeigt, eine völlig andere Staatsschuldenpolitik: Eine Erhöhung des Staatsschuldenziels wird zum Selbstzweck, um heutige und alle zukünftigen Generationen zu entlasten. Denn entweder führt ein höheres Staatsschuldenziel, nötigenfalls in konzertierter Aktion mit den europäischen Partnern, zu einer wünschenswerten Erhöhung der Zinsen auf liquide Anlagen und entlastet damit die Sparer; oder es führt zumindest zu einer dauerhaften Entlastung der Steuerzahler, falls es so nicht gelingt, die gleichgewichtigen Zinsen zu erhöhen. Deutschland sollte daher seine aktuelle Politik überdenken und mehr Schulden wagen. Während sich all dies aus ökonomischer Theorie klar ableiten lässt, ist es nicht möglich, aus der hohen Nachfrage der Unternehmen nach liquiden Anlagemöglichkeiten Schlussfolgerungen über die optimale Größe und Zusammensetzung der Staatsausgaben zu ziehen. Insofern ist unser Plädoyer für mehr Staatsschulden nicht notwendigerweise eines für mehr Staatskonsum oder mehr staatliche Investitionen. Dies ist ein anderes Thema mit anderen Zielkonflikten. Wie die fiskalischen Spielräume eines höheren Schuldenziels genutzt würden, bleibt im politischen Abwägungsprozess. Höhere Transfers sind ebenso denkbar wie mehr Investitionen in öffentliche Güter oder in einen Deutschland-Fonds, mehr Personal im öffentlichen Dienst oder schlicht niedrigere Steuern. Politisch wäre also für alle Couleur etwas dabei. (Rüdiger Bachmann/Christian Beyer, FAZ)
Ich halte diesen Artikel für einen weiteren Beleg dafür, dass sich das Overton-Fenster verschiebt. Zwar haben die Befürworter der Austeritätspolitik aktuell noch Oberwasser. Aber die schwarze Null und die schwäbische Hausfrau geraten zunehmend unter Druck. Ich denke, in 10-15 Jahren werden wir an einem Punkt sein, an dem ein neuer wirtschaftswissenschaftlicher Konsens Staatsschulden grundsätzlich anders sieht, und dieser Konsens wird dann auch als neuer Konsens auf die Redaktionen niederschlagen. Die Frage ist nur, ob die Bedingungen dann noch so günstig sein werden wie heute. Vermutlich nicht.

 6) Democrats Are Freaking Out About Mike Bloomberg
Sanders and Bloomberg each symbolize something much bigger than themselves. They’ve each promised to support the eventual Democratic nominee—Sanders insists that the prospect of another Trump win is more important than ideological differences between Democrats, and Bloomberg has pledged to keep his billion-dollar operation going whether he wins or not. But would Bloomberg really keep his fortune pumping to help elect a socialist, especially after losing at the convention? And would Sanders really back a billionaire moderate who got party insiders to throw him the nomination? “There are going to be a lot of people who are going to be very upset if they feel like the election was stolen from them by a cabal of corporate types,” Jeff Weaver, Sanders’s top strategist and generally the most reliable reflection of the senator’s thinking, told me a few weeks ago. Comments like this make me think of the day in Philadelphia in 2016 when Hillary Clinton was officially nominated and dozens of Sanders supporters staged a walkout. Some were holding Sanders signs. Some had put Sanders campaign stickers over their mouths, to show that they’d been silenced. That was after Sanders had given a speech urging his supporters to unify behind Clinton. But people who were there that afternoon told me they felt like they had to keep up the fight, even without the candidate. Enough Sanders supporters remained so disenchanted that they stayed home on Election Day, or voted for Jill Stein or Trump. Even some of Clinton’s most devoted supporters have admitted privately that they’d be uncomfortable with Bloomberg grabbing the nomination from Sanders. The risk of fracture within the party seems enormous. (Edward-Isaac Dovere, The Atlantic)
Ich glaube keinem der beiden. Klar werden sie  die notwendigen Geräusche machen, um innerparteiliche Geschlossenheit zu demonstrieren und sich gegen Vorwürfe immunisieren. Aber Sanders, der rückhaltlos eine Bloomberg-Kandidatur unterstützt? Bloomberg, der seine Ressourcen in gleichem Umfang wie für sich selbst zur Wahl eines erklärten Sozialisten bereitstellt? Ich sehe es einfach nicht.

 7) Why Men Think Plant-Based Meat Will Turn Them Into Women
The tension in the commercial derives from the divide between fast-food consumer bases, which skew male, and vegan consumer bases, which skew decidedly less so. Yet the manly Burger King customers ultimately come away open-minded—if not altogether converted—and say they’re more inclined to order an Impossible option tomorrow. Though it’s never addressed head-on in the ad, there’s a clear subtext of sexual stigma: Are they really man enough to eat a soy burger? Among at least some vegan-curious men, plant-based proteins are inextricably tied to gender. Thought-leading bros like the podcast guru Joe Rogan and the pop/clinical psychologist Jordan Peterson have turned to all-meat diets, fueling an eating trend that appeals to a sense of purity or natural order, despite knowing the burden of their choices on the planet. Taken to an extreme, some men believe that the primary ingredient in the Impossible Whopper and countless other vegan products will literally turn them into women. [...] It’s rare to hear anyone admit that they made a mistake when arguing for a diet they believe in. Once a way of eating becomes central to our identities, we default to believing whatever evidence supports the fact that we’ve chosen wisely and are living virtuously. The world is ordered, and our understanding of it is coherent. Plus, admitting you’re wrong can make you grow breasts. I read that online. (James Hamblin, The Atlantic)
Die Soja-Verächter aus dem Maskulistenspektrum sind eine dieser vielen merkwürdigen Subgruppen, die aus dem Milieu der gefeierten toxischen Männlichkeit kommen. Ich habe das Phänomen das erste Mal durch ein YouTube-Video des Influenzers HBomberguy kennengelernt. Es gibt in dieser Subkultur tatsächlich die Ansicht - oder Verschwörungstheorie, oder wie auch immer man das nennt - dass durch eine vegetarische Ernährung (oder eine vegane, oder eine sojabasierte, je nach Spinner) zu einer Veränderung des Hormonhaushalts führt, die dann "echte Männer" zerstört. Effektiv handelt es sich um die Nahrungsmittelvariante der "großen Umvolkung", weil natürlich immer die Verschwörungstheorie mitkommt, dass die linksgrünversifften Gutmenschen eine riesige Verschwörung am laufen haben, die durch das Zwingen der Bevölkerung auf einen veganen/vegetarischen Kurs (mit Soja!) die Männer zerstören und so das Land zur Übernahme durch die Feministen bereit machen soll. Im Kampf gegen diese sinistre Verschwörung ist dann natürlich jedes Mittel Recht, und das ist, wo dieser harmlose Unfug aus dem Dunstkreis der extremistischen Spinner plötzlich sehr relevant werden kann. Genauso wie bei #Gamergate und der Problematik mit der Gamerszene finden sich hier nämlich ebenfalls auffällig viele Verbindungen ins Milieu der neuen Rechtsterroristen.

 8) How McKinsey Destroyed the Middle Class
In the middle of the last century, management saturated American corporations. Every worker, from the CEO down to production personnel, served partly as a manager, participating in planning and coordination along an unbroken continuum in which each job closely resembled its nearest neighbor. Elaborately layered middle managers—or “organization men”—coordinated production among long-term employees. In turn, companies taught workers the skills they needed to rise up the ranks. At IBM, for example, a 40-year worker might spend more than four years, or 10 percent, of his work life in fully paid, IBM-provided training. Mid-century labor unions (which represented a third of the private-sector workforce), organized the lower rungs of a company’s hierarchy into an additional control center—as part of what the United States Supreme Court, writing in 1960, called “industrial self-government”—and in this way also contributed to the management function. Even production workers became, on account of lifetime employment and workplace training, functionally the lowest-level managers. They were charged with planning and coordinating the development of their own skills to serve the long-run interests of their employers. [...] Middle managers, able to plan and coordinate production independently of elite-executive control, shared not just the responsibilities but also the income and status gained from running their companies. Top executives enjoyed commensurately less control and captured lower incomes. This democratic approach to management compressed the distribution of income and status. (Daniel Markovitz)
Der Einbruch der betriebseigenen Fortbildungen ist in der Tat eine schwerwiegende Entwicklung der letzten 40 oder 50 Jahre, und ich denke, es ist fair, ihm das Label "McKinsey" umzuhängen, denn niemand war so einflussreich darin wie die berühmteste und größte Beratungsagentur. Wenig überraschend, schließlich profitierte sie am meisten davon und schuf sich so auch ihre eigene Nachfrage. Während sich die Firmen so mittelfristig mit ihrer eigenen Kürzungspolitik ins Knie schossen, um kurzfristig Gewinne zu realisieren (für die sich die Chefetagen dann mit sprunghaft steigenden Gehältern entlohnen ließen), zogen sie eine Decke durch ihre Unternehmen, die kaum mehr zu durchbrechen war. Die interne Mobilität aber hatte nicht nur auf die Gleichheit in der Gesellschaft Auswirkungen, sondern eben auch auf die Unternehmen selbst. Die nomadenhaften Funktionärseliten, die mit immer gleichen Lebensläufen zwischen Firmen hin- und herwechseln, mögen zwar auf dem Papier mehr Erfahrung mitbringen als die früheren Karrieren, die im selben Unternehmen verbracht wurden. Aber sie haben auch den Nachteil, dass sie absurderweise nur wenig neue Perspektiven mitbringen, keine Bindung zum Unternehmen haben und oft dessen Kerngeschäft gar nicht verstehen. Es gibt eben keine Entwicklung ohne Nachteile, und letztere werden immer sichtbarer.

 9) Ist es radikal, Jungen beizubringen, nicht zu vergewaltigen? 
Doch auf welchem Wissensstand sind wir als Eltern, Bezugspersonen und Lehrer*innen? Ich bin 35 Jahre alt und habe den Begriff »konsensualer Sex« erst irgendwann im Zuge des #aufschrei-Hashtags kennengelernt. Etwas sieben Jahre ist das her. Für das diffuse Unwohlsein rund um den Sex meiner Jugend und teilweise bis ins Erwachsenenalter haben mir erst feministische Diskurse in sozialen Netzwerken die Sprache gegeben. Die #Metoo-Debatte hat für viele Menschen bewirkt, Jahre später verstehen zu können, dass das, was sie als vielleicht schlechten oder komischen Sex in Erinnerung hatten, etwas war, das gegen ihren Willen geschehen ist. Das es vielleicht schon sexuelle Nötigung war, möglicherweise eine Vergewaltigung. Dennoch empfinden viele Erwachsene verbalen Konsens als zuviel verlangt. Menschen in meinem Alter, nicht nur Männer, machten erst über »Nein heißt Nein« Witze, und das Konzept »Ja heißt Ja« ging ihnen dann erst recht zu weit: »Schützt uns jetzt nur noch eine schriftliche Einwilligung vor einer Falschbeschuldigung?« Dass in ihrer Sexualität bislang nonverbale Kommunikation gereicht hat, um sich zweifelsfrei zu verständigen, begreifen die Kritiker*innen der aktiven Einwilligung nicht als Glück oder Zufall, sondern fälschlicherweise als Standard. Der »enthusiastic consent« hingegen könnte vielen anderen ersparen, schlechte Erfahrungen zu machen. [...] Eine Studie der US-Sozialorganisation Confi über Übergriffe auf Universitätsgeländen unter 18- bis 25-Jährigen kam zu dem Ergebnis, dass einer von vier jungen Männern der Überzeugung war, Frauen müssten zum Sex überredet werden. Von den Frauen glaubte das nur eine von zehn. 16 Prozent der Männer stimmten der Aussage zu, es könne nicht als sexueller Übergriff gelten, wenn beide betrunken seien, während dem nur fünf Prozent der Frauen zustimmten. Diese Unterschiede entstehen nicht, weil angeblich eine gewisse Aggressivität in der Natur von Männern liegt, sondern weil unsere Gesellschaft den Stereotyp »der Mann als Eroberer« noch immer vermittelt und belohnt. [...] Wissen allein reicht jedoch nicht. Was sexualisierte Gewalt zusätzlich reduzieren könnte, während es Jungen und Männer gleichzeitig glücklicher macht, sind flexiblere und insgesamt mehr Modelle von Männlichkeit, mit denen sie sich identifizieren können. Denn wenn Jungen und Männer sich starren Männlichkeitsnormen unterwerfen, neigen sie nicht nur mehr dazu, andere zu belästigen oder zu schikanieren, sie werden auch selbst eher Opfer von Gewalt. Sie trinken mehr Alkohol, geraten häufiger in Autounfälle und neigen eher zu sexuell riskantem Verhalten. Während der Druck auf Mädchen, sich in einer bestimmten Art und Weise zu verhalten, um akzeptiert zu sein, mittlerweile geringer geworden ist, ist der Druck auf Jungen, sich im Rahmen eines engen Stereotyps zu verhalten, immer noch groß. (Theresa Bücker, SZ)
In den letzten Jahren sind massive Veränderungen auf diesem Gebiet eingetreten, die absolut hoffnungsvoll stimmen. Es gibt ein neues gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für die Problematik, das überhaupt erst das Ausmaß des Problems offenlegt. Ja, die Zahl der Männer, die sexuelle Gewalt immer noch als unproblematisch oder normal betrachten, ist beängstigend hoch. Aber auf der anderen Seite wird das Ganze überhaupt erst einmal thematisiert und kann dann in Elternhäusern, Kindergärten und Schulen aufgegriffen werden, so dass eine neue Generation mit weniger toxischer Männlichkeit heranwächst - und dann ihrerseits wiederum eine noch bessere Generation hervorbringt.
10) Democrats Have Successfully Implemented a 50-State Strategy
Following the debacle in Iowa and the refusal of Senate Republicans to hold Trump accountable, the “Democrats in disarray” crowd is having a field day. As someone who tends to chafe at conventional wisdom, I thought I’d go against the grain and bring you some good news about Democrats. Almost no one is noticing that the party has successfully implemented a 50-state strategy when it comes to fundraising. Howard Dean is the one who popularized the idea of a 50-state strategy back in 2005. What most people don’t know is that in promoting that idea, he was posing a direct challenge to the Democratic “establishment” of his day. Prior to his chairmanship of the DNC, the party was the focal point for fundraising and its leadership doled money out to candidates in a top-down strategy based on who they thought would be viable. Very little of that money was spent to support state parties or candidates in red states or districts that were deemed to be unviable. [...] The Democratic candidates outraised Republicans $55 million to $49 million last quarter. One thing to keep in mind about those numbers is that Republicans will be defending 23 seats in 2020, while the Democrats will be defending 12. [....] What we have is a Republican Party that has become increasingly dependent on large donations from outside groups and a Democratic Party fueled by grassroots donations directly to candidates. That is how a 50-state strategy is attempting to level the playing field in the era of Citizens United. (Nancy LeThourneau, Washington Monthly) 
Ich bin gespannt, ob diese Strategie Früchte tragen wird. Angesichts der Absage diverser Kandidaten an Großspenden von der Wallstreet muss die Partei zwangsläufig die Basis ihrer Spender vergrößern; die 50-Staaten-Strategie ist somit weniger brillanter Schachzug als bittere Notwendigkeit. Aber es ist gut, dass der DNC die Problematik erkannt hat und flexibel genug war, entsprechend darauf zu reagieren. Mittel- und langfristig mögen sich diese erhöhte Sichtbarkeit und Mobilisierung sogar in Wahlerfolgen niederschlagen. Insgesamt aber bin ich ziemlich skeptisch, inwieweit das als Strategie tragfähig ist. Keine Wahl einer solchen kommt ohne Nachteile aus, und die 50-Staaten-Strategie hat den Nachteil, dass der Fokus verloren geht. Letztlich entscheidet sich die Wahl immer noch an einigen wenigen Battleground States, und die massive Polarisierung (das Gesetz der 42%) trägt seinen Teil dazu bei, dass plötzliche, überraschende realignments unter den Staaten eher unwahrscheinlich bleiben dürften.

 11) You’ll Never Know Which Candidate Is Electable
So it’s fair to say that our notion of electability is, at some level, related to our individual knee-jerk social biases — things like the color of a person’s skin, or the way they present their gender to the world. We take those ingredients and we make assumptions about that person. We make assumptions about what other people might think about that person. We make assumptions about what researchers want us to say when they ask about our biases. We make a stew — reactions and reactions to reactions. It’s virtually impossible to avoid bias in perceptions of electability, said Alan Abramowitz, professor of political science at Emory University. “Just about anything that affects how you feel about a candidate could affect assessment of electability,” he said. Media narratives, in turn, often prey on these biases, which only makes them stronger. In lifting up electability as a marker of fitness, we’ve inadvertently created a system that caters to whatever our imagined lowest common denominator might be. You might want to vote for a black, female candidate, goes the narrative … but other voters are racist and sexist and so you can’t. [...] A June 2019 Ipsos poll, for example, found that 74 percent of Democrats and Independents said they’d be comfortable voting for a female president, but only 33 percent of those same people believed their neighbors would be as open-minded. The effect captured in that Ipsos poll is so common, social scientists use it in their research to make sure participants aren’t just blowing some woke-sounding smoke. “People aren’t stupid,” Bauer told me. If you just ask who they like as a candidate, they’ll figure out that you’re trying to see if they’re sexist. “But asking if you think they’ll win is asking if you think other people will vote for that candidate. It takes social desirability pressure off the individual.” But when polls turn up results like that, are they showing that Democrats are secretly more sexist than they let on? Are they showing Democrats are unfairly contemptuous of their fellow Americans? Maybe a little of both? It’s hard to say, but it does demonstrate how hard it is to predict electability based on what you think other people think. [...] Ideologues are elected more often than they used to be. Outsiders are elected more often, too. And the percentage of true swing voters is shrinking, Utych said. So does that mean someone like Sanders is more electable and someone like former Vice President Joe Biden is less electable? Electability here becomes a game of divining which group is more important to winning — swing voters or the partisan base. But that’s no more accurate than trying to estimate how sexist your neighbors are. “Which segment is bigger … there’s not great information on that,” Utych said. “Anything you say is just guessing.” (Maggie Koerth, 538)
Ich habe das an anderer Stelle auch schon geschrieben, aber electability ist ein ähnlich schwammiger Begriff wie mandate und ist im Endeffekt nur ein zunehmend schlecht verhüllter Versuch, die eigenen politischen Interessen absolut zu setzen und zu objektivieren. Electable ist, wer meine Ansichten vertritt. Ein mandate hat, wer versucht, meine Meinung durchzusetzen. Beides aber ist letztlich Kaffeesatzleserei. Die electability zeigt sich am Wahltag. Das stärkste Argument gegen sie als Analysekategorie ist die Wahl Donald Trumps. Wenn jemand unelectable war, dann er, und es war offensichtlich irrelevant. Auch die große Stärke Bernie Sanders' spricht gegen die Theorie. Auf der anderen Seite ist die Polarisierung in den USA asymmetrisch; die Democrats sollten nicht glauben, mit so viel durchkommen zu können wie die Republicans. Für sie gelten Normen, Regeln des Anstands und ein Bedürfnis nach Kompromissen nämlich noch. Das mandate auf der anderen Seite wird immer dann bemüht, wenn NACH einer Wahl die Gewählten irgendetwas tun wollen; wahlweise, um es zu legitimieren, wahlweise, um es abzulehnen. Wir haben das auch bei der Thüringenwahl gesehen, wo allerlei Kaffeesätze gelesen wurden, um den wahren Willen der Thüringer angesichts der unklaren Machtverhältnisse herauszubekommen. Es ist alles Quatsch. Politiker haben ein mandate durch ihre Wahl, das umzusetzen, wofür sie eine Mehrheit oder die entsprechenden verfassungsmäßigen Befugnisse haben. Alles weitere zeigt die nächste Wahl.

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