Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Pogrom in Belfast
Einer der düster-faszinierendsten Aspekte rund um das Thema "Selbstradikalisierung der Bürgerlichen", das ich mit Ariane im Podcast diskutiert habe, ist die Reaktion auf die Ausschreitungen in Belfast. Dort war es in Reaktion auf einen - man muss leider sagen: wieder einmal - erfolgten Messerangriff durch einen Geflüchteten (siehe dieser Artikel im Guardian) zu etwas gekommen, das man durchaus als Pogrom bezeichnen kann. Ein aufgepeitschter Mob attackierte willkürlich Geschäfte und Wohnhäuser von Menschen mit Migrationshintergrund. Genauso, wie diese Messerangriffe letztlich nur eine statistische Frage der Zeit sind, genauso sind es auch diese Pogrome, weil von rechten Politiker*innen und Medien ein Klima der Gewalt geschaffen wird, das vor allem in einer Enthemmung der Sprache Ausdruck findet. So werden die Pogrome auf FOX offen gefeiert. Gleichzeitig drohen andere Figuren düster mit "very turbulent years", die Großbritannien und anderen europäischen Ländern bevorstünden. Auch die Welt ist wieder an vorderster Front dabei, dieser Enthemmung Vorschub zu leisten. Henry Donovan etwa erklärt: "Nein, das Hauptproblem ist nicht „rechtsradikale Gewalt“", was angesichts von Pogromen einen erschreckenden Mangel an Urteilsfähigkeit vermissen lässt. Eine andere Überschrift fragt: "Wie lange noch? Die Frage, die sich Briten stellen, ist existenziell". Es ist durchaus ulkig, Pogrome als "Frage stellen" zu bezeichnen. Ahmad Mansour indessen hetzt schon einmal vorsorglich gegen "Die Einzelfall-Lüge von den psychisch kranken Tätern", damit dem Hass auf gar keinen Fall moderierende Einflüsse oder gar Kontext entgegenstehen können. Das alles heißt übrigens auch keine Sekunde, dass die Ursprungstat irgendwie entschuldbar sei. Aber wie man aus dem Zorn über solch eine Tat massive, gewalttätige Pogrome gutheißen kann, erschließt sich mir keine Sekunde. Bürgerlich ist daran gar nichts. Es ist die Politik des Mobs.
2) Fertility Divide
Eine amerikanische interessante Studie untersucht den "Fertility Divide" zwischen verschiedenen Ideologien und kommt zudem Schluss, dass die niedrigeren Geburtenraten von Progressiven gegenüber Konservativen neben der offensichtlichen Dimension der traditionellen Wertorientierung der Konservativen auf zwei Faktoren beruht: der Einschätzung der eigenen elterlichen Fähigkeiten und der Furcht der Weitergabe genetischer Effekte. Letzterer ist bei Progressiven wesentlich ausgeprägter. Ich habe mangels Sachkenntnis keine Ahnung, wie gerechtfertigt das ist, aber ich erinnere mich noch an Sarah Palin seinerzeit und wie unter Konservativen gefeiert wurde, dass sie ihr behindertes Kind hat und so liebt, da scheint bei den amerikanischen Konservativen schon eine entsprechende Kultur zu herrschen. Der für mich interessantere, weil nachvollziehbarere, Teil ist der über die elterlichen Fähigkeiten: Konservative sind wesentlich überzeugter davon, gute Eltern zu sein, als Progressive das sind. Ich denke, wie alle Medaillen hat das zwei Seiten. Einerseits spricht daraus eine gewisse Hybris der Konservativen, die dann gerne zu der Kindesmisshandlung führt, die in Skandalen aus diesen Kreisen immer wieder Bahn bricht. Auf der anderen Seite ist die ständige progressive Seelensuche auch nicht sinnvoll, weil man als Eltern immer Fehler machen wird, immer mal überfordert sein wird.
3) British Decline
Im Atlantic ist ein sehr langes und lesenswertes Profil über die Lage Großbritanniens unter dem aussagekräftigen Titel "How Britain Became as Poor as Mississippi". Da Mississippi nun wahrlich nicht als Perle der USA gelten kann, ist der Vergleich durchaus krass. Das Bild, das der Artikel zeichnet, ist auch entsprechend: heruntergekommene Städte, verwahrloste Gegenden, schlechte wirtschaftliche Aussichten. Ich bin bei diesen Zeichnungen immer nicht sicher, ob sie nicht zu apokalyptisch sind - oder ob wir die Sache nicht zu rosig sehen. Bezüglich Großbritannien ist das Leitmotiv des "decline" ja seit mindestens drei Generationen fest in den Briten verpflanzt. Das Land ist ja quasi schon immer auf dem absteigenden Ast; erst im imperial decline, der in den 1920er Jahren gefühlt wurde, dann nach der endgültigen Relegierung in die zweite Reihe in den Dekolonisierungen in den 1970er Jahren, wo die allseits gefühlte Malaise Margret Thatcher ins Amt spülte - was in vielen Gegenden ikonische Industrieruinenlandschaften hervorbrachte, die wie nichts anderes für den heutigen decline zu stehen scheinen. Dass das alles zu einem Aufschwung genau der Rechtsradikalen führt, deren engstirniger Nationalismus das Land maßgeblich in die aktuelle Krise zu treiben hilf, ist unter diesen Umständen schon fast geschenkt.
4) Normenkonflikt
Die Grundgesetzwidrigkeit mancher Reformfantasien, die Ariane und ich ja auch im Podcast thematisiert haben, prallt immer wieder auf die rechtsstaatliche Realität. Ich habe dieses Phänomen in den vergangenen Jahren schon öfter beschrieben: die Verrechtlichung der Politik macht diese zunehmend handlungsunfähig. Zwischen Schuldenbremse, Sozialstaats- und Klimaschutzgebot, von der Verflechtung mit der EU gar nicht zu reden, prallen die politischen Kräfte immer wieder ab. Ein neues Urteil bestätigt dabei einmal mehr, dass "das Existenzminimum unantastbar bleibt". Diese Normenkonflikte sind rechtlich nicht lösbar, nur politisch, und sie lassen radikale Fantasien in allen Lagern wachsen, die sich irgendwann entladen werden. Die Frage ist nur, wo. Dass das erste Opfer der Entladung der liberale Rechtsstaat sein wird, steht außer Frage. In den vergangenen Jahren sah es öfter so aus, als wären eher die Progressiven mit ihrem Bedürfnis nach Investitionen und Klimaschutz diejenigen, die den Prozess beförderten; inzwischen sind es die radikalisierten Ex-Bürgerlichen.
5) Politiker*innenbeleidigungen
Die Dauerposse um Politiker*innenbeleidigungen hat sich als Thema der Kulturkämpfer*innen mittlerweile totgelaufen, aber das Problem als solches bleibt ungelöst, und das in beide Richtungen. Josephine Ballon hat im Spiegel die richtige Idee: "Wir müssen die Betroffenen nicht weniger schützen – sondern besser". Denn dass die Beleidigungen sehr oft ein unerträgliches Maß übersteigen ist ebenso wahr wie dass die Hausdurchsuchung wegen eines "Schwachkopfs" schwachköpfig ist. Aber die verbale Gewalt sägt ebenfalls an den Fundamenten von Rechtsstaat und Demokratie und ist eine Vorstufe zu realer Gewalt und ihrer Akzeptanz. Wehret den Anfängen.
6) Kriminalitätsstatistik
Dobrindt prangerte bei der Veröffentlichung der Kriminalitätsraten vor allem linksextreme Gewalt gegen Polizist*innen an. Zunahme frauenfeindlicher Straftaten um 50% berührte ihn gar nicht. Generell werden Kriminalitätsstatistiken grundsätzlich selektiv gelesen und diskutiert. So schaffen es Progressive ja auch genauso zuverlässig, die Straftaten aus dem migrantischen Milieu kleinzureden oder den Linksextremismus zu relativieren, wie es Konservativen gelingt, Gewalt gegen Frauen oder rechtsextreme Straftaten bei weitem nicht so belangvoll wie das jeweilige Gegenstück zu finden. Letztendlich bleibt Deutschland dankenswerterweise trotz aller Katastrophenmeldungen ein relativ friedliches Land.
7) KI
Der ZEIT-Journalist Yves Bellinghausen hat in der ZEIT ein Dossier über den Einsatz einer Agenten-KI geschrieben. Er hatte sich selbst als KI-Agenten nachgebaut, der für ihn Telefonate und Interviews übernahm. Die Erkenntnisse aus diesem Selbstversuch sind durchaus interessant, fallen aber in meinen Augen in den generellen Trend, was KI-Nutzung angeht: die Dinger können immer mehr, aber es gibt eine Art gläserne Decke, gegen die sie stoßen, und wenn es nur die zunehmende Sinnlosigkeit bestimmter Interaktionen ist. Wenn man ehrlich ist, sind miteinander telefonierende KI-Agenten in zahlreichen Fällen sicherlich die wesentlich sinnvollere Alternative als menschliche Konservationen - von Restaurantreservierungen zu Arztterminen. Dass Interviews, die eine KI mit der anderen führt, nicht sonderlich ergiebig sind, dürfte auf der Hand liegen. Aber viele Tätigkeiten dürften in Zukunft recht leicht von dieser neuen Software erledigt werden und dabei natürlich auch Arbeiten überflüssig machen. Gleichzeitig glaube ich aber nach wie vor, dass dadurch neue menschliche Tätigkeitsfelder entstehen werden.
Resterampe
b) Interview mit Ulrike Franke zum Ende von FCAS.
c) Guter Punkt zum autonomen Fahren.
d) Die Fehler der 2000er Jahre werden 1:1 wiederholt.
f) Diese Leute hören sich echt selbst nicht mehr reden.
g) Dorothee Bärs selbst finanziertes Studium. Immer dasselbe mit diesen Leuten.
h) Hunter Biden’s Life After Shame. Daran erkennt man meiner Meinung nach auch die wahren Christen oder Konservativen: die müssten diesen gefallenen und bereuenden Leuten nämlich aufhelfen.
i) Da sind wieder die bürgerlichen Rechtsstaatsverteidiger*innen: "Deutschland bricht EU-Recht, verständlicherweise" erklärt Anna Schneider. Die sollen sich nochmal beschweren wenn Progressive "verständlicherweise" EU-Recht brechen, das ihnen nicht in den Kram passt, ob Migration oder Schuldengrenzen oder was auch immer. Recht ist kein à-la-Carte-Menü! Diese Leute sind eben weder liberal noch bürgerlich.
j) Ist schon praktisch, dass Liberale und Konservative nie mit Finanzierung behelligt werden. Siehe auch hier.
k) Sehr wichtige Entscheidung eines Münchner Gerichts zu KI. Ich hoffe, das hält sich.
l) Der Zusammenhang von Finanzmärkten und Hunger.
m) Sehr lesenswertes Interview mit Antonio Scurati. Ich habe den ersten Band seiner Reihe seinerzeit gelesen und rezensiert.
n) Die Leistungen der Regierung erschöpfen sich echt in Identitätspolitik.
o) Robert Misik sehr lesenswert zum Antiurbanismus.
p) Ich finde den US-Umgang mit Trinkgeld völlig pervers. Das sollte komplett verboten werden.
q) Wählende verstehen Ideologie nicht. Auch so etwas, das in die gleiche Richtung läuft wie die Idee "moderater" Wählender.
r) Francis Fukuyama und S21. Eine Geschichte vieler Missverständnisse.
t) Enshittification of the Internet, ChatGPT-Edition.
u) Wenn am nächsten Sonntag Europawahl wäre (Juni 2026): Rechtsaußen-Rückgang verstetigt sich. Auch mal gute Nachrichten.
v) Sehr lesenswerte Reflexion über Kaiser Wilhelm.
x) Auch mal ein merkwürdiges Hufeisen von LINKE zu CDU.
Fertiggestellt am 23.06.2026
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