Dienstag, 10. September 2019

Bernie Sanders rettet das Klima mit der linken und heilt AIDS mit der rechten Hand während er die AfD in den Staub tritt - Vermischtes 10.09.2019

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Why Trump Wants Even More Pollution Than Industry Does
This is not the first Trump environmental rulemaking process that began with the objectives of owning the libs and humiliating Barack Obama. As the New York Times points out, Trump’s regulatory rollbacks have often drawn opposition from industry stakeholders. Some electric utilities have opposed Trump’s rollback of mercury pollution rules, while automakers have defied Trump’s efforts to rescind Obama-era efficiency standards. The car companies are operating out of a practical understanding that since California can set its own pollution standards, it costs them more to split the market in two, producing efficient cars for the largest state in the union and gas-guzzlers for everywhere else. They have pragmatically negotiated with California, cutting Trump and his monomaniacal love of greenhouse gas emissions out of the process. [...] But they are businesses. They might be willing to pollute the planet to make money, but it’s not their objective. Trump is the product of right-wing media, which has spent years not only denying climate science but turning the issue into a zero-sum culture-war fight in which maximizing fossil fuel production is defined as victory. That, combined with the right’s obsession with negating Obama-era policy accomplishments, produces a strange world in which the administration is demanding car companies and fossil fuel producers sacrifice their financial self-interest in order to accelerate climate change. Trump’s partners in the business lobby thought they were undertaking a somewhat unethical yet pragmatic deal with the administration. But some men just want to watch the world burn. (Jonathan Chait, New York Magazine)
Die rechten identity politics treiben schon fröhliche Urständ. Die Rechtspopulisten - ob Bolsonaro oder Trump - zerstören Umwelt und Klima, weil sie es wollen, nicht, weil irgendjemand sie dazu anleiten würde. Das ist übrigens auch eine der größten Schwachstellen klassisch linker Analyse dieser Prozesse. Deren Fixierung auf wirtschaftliche Umstände endet bei praktisch allen Themen immer bei Korruption. Es sind immer mächtige Wirtschaftsinteressen, die verantwortlich sind und quasi Marionetten steuern. Diese Schwäche hatte mich schon in meinem Abnabelungsprozess vom linken Milieu immer gestört, etwa bei den NachDenkSeiten. Da stehen hinter dem Herdenverhalten der Leitmedien auch immer bösartig agierende Wirtschaftsinteressen. Oder hinter Klimawandel. Oder Außenpolitik. Es ist immer die gleiche Analyse, die sich nie ändert. Wie obiges Beispiel aber zeigt, handelt es sich um identity politics. Deren Rolle ist auf allen Ebenen - links wie rechts, wirtschaftlich wie politisch - weiterhin völlig unterbelichtet. Die aktuelle politische und psychologische Forschung zeigt in Studie um Studie auf, wie wenig zutreffend bekannte Prämissen sind. Dass etwa der homo oeconomicus nicht realitätsnah ist, ist mittlerweile Binsenweisheit. Aber auch der Grund, warum Menschen wählen sie wählen, ist oftmals nicht so rational begreiflich, wie man das gerne glaubt. Und was die Abläufe in der Wirtschaft angeht, sehen wir erst die Spitze des Eisbergs.

Das verfängt ja aber nicht bei allen - ein ähnlich großer Anteil Jungwähler hat Grün gewählt. Was ist bei denen anders? Es ist ein Frage der Gruppenzugehörigkeit. In welche Gruppe gerät man hinein? Wer bestimmt das Denken? Das sind zentrale Fragen, gerade in Zeiten, in denen es nicht mehr 'die eine Öffentlichkeit' gibt, sondern sozusagen Öffentlichkeiten im Plural. In manchen Filterblasen im Internet gibt es nur noch sich selbst bestätigende Aufschaukelungsprozesse. Individuelle Ohnmacht, die Jugendliche empfinden, wird da ausgeglichen mit kollektiven Machtfantasien. Hier liegen die autoritären Versuchungen, die die AfD bedient. [...] Sehen wir hier schon die sich verfestigende gesellschaftliche Spaltung der Zukunft? Die Konfliktlinien „Offene gegen geschlossene Gesellschaft“ und „Liberale Demokratie gegen autoritäre Demokratie“ deuten sich an. Die Grünen-Wähler wollen die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie aufrechterhalten. Dass das der prägende Konflikt wird, ist wahrscheinlich. Dann wird die Frage sein, wo die besseren Angebote sind. Und da geht es wieder um Anerkennung und um das Wahrgenommen werden - diese Kategorien werden in ihrer Bedeutung und Wirksamkeit unterschätzt. Wenn das Anerkennungsbedürfnis bei Menschen nicht erfüllt ist, sucht man sich eine Alternative. Und dann gehört man plötzlich zu einem solchen Milieu. [...] Welche Gefahr droht dadurch? Die AfD wird fälschlicherweise noch als rechtspopulistische Partei bezeichnet, das ist verharmlosend. Rechtspopulismus will kurzzeitige Erregungszustände in den Medien erzeugen. Der Rechtsextremismus will mit Gewalt Schrecken im öffentlichen Raum erzeugen. Der autoritäre Nationalradikalismus, wie ihn die AfD meiner Einschätzung nach anbietet, ist noch viel gefährlicher. Der zielt auf die Institutionen der Gesellschaft, um sie zu destabilisieren. Da geht es um das Eindringen in die Polizei, in Gewerkschaften, das Unter-Druck-Setzen von Theatern, das Kontrollieren von Schulen - das ist das Gefährliche. Das geht bis in die Gedenkstättenpädagogik, Rundfunkräte, die Kulturausschüsse im Stadtparlament. Es hat eine ganz andere Qualität. Und das wird hoffnungslos unterschätzt. (Anne Diekhoff, Tagesspiegel)
Ich möchte aus dem obigen Interview auf zwei Dinge schwerpunktmäßig eingehen. Einerseits ist es die klare Feststellung, dass die AfD eine rechsextremistische Partei ist. Die von Heitmeyer angesprochene Verharmlosung ist ein Dauerproblem, das ich hier auch immer und immer wieder thematisiere. Das fängt bei "besorgten Bürgern" an und geht viel zu weit. Auf der anderen Seite ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die AfD, anders als etwa die Republicans und die Brexit-Wähler, nicht so krass auf bestimmte Alterskohorten absteigen. Wo bei den Genannten gilt, dass "je älter desto rechts", so lässt sich das bei der AfD nicht so eindeutig ausmachen; diese ist weit besser über die Alterskohorten verteilt. (Anders ist das etwa beim Geschlecht; hier ist das Missverhältnis so deutlich männlich verschoben wie bei allen Rechtsextremisten und -populisten.)

3) „AIDS ist auch nicht mehr, was es mal war“. Was aus der Bedro­hung durch HIV im 21. Jahr­hun­dert geworden ist
Was die Menschen daran hindert, sich testen zu lassen, ist eben­jenes Phänomen, das seit Anfang der 1980er Jahre die neuar­tige Erkran­kung begleitet hat, nämlich Angst. Genauer gesagt, ist es in diesem Fall das Zusam­men­spiel zweier alter, gleich­wohl fort­exis­tie­render Ängste. Medi­en­be­richten zufolge beein­flusst die erste von ihnen, die Angst vor Anste­ckung, nach wie vor das Verhalten der Menschen, und offen­sicht­lich macht sie auch vor Mitarbeiter/innen im Gesund­heits­be­reich nicht Halt. So infor­mierte die Stutt­garter Zeitung im Dezember 2017 über Altenpfleger/innen, die sich weigerten, HIV-Positive und Aids-Kranke zu versorgen; aufgrund von wirk­samen Thera­pien leben diese Menschen inzwi­schen immer länger.[...] Homo­se­xu­elle fürch­teten einen Rück­fall in eine frühere Phase gesell­schaft­li­cher Diskri­mi­nie­rung und Verfol­gung, wie es sie vor 1945 und mit der Beibe­hal­tung der Straf­ver­fol­gung nach Para­graph 175 StGB auch noch später in West­deutsch­land gegeben hatte. Und Teile der Politik äußerten Ängste vor Zuständen, die vor Inkraft­treten des Grund­ge­setzes 1949 geherrscht hatten: Restrik­tive Forde­rungen aus Politik und Bevöl­ke­rung nach Zwangs­tests, nament­li­cher Erfas­sung und Isola­tion von Infi­zierten wurden nach der Einfüh­rung des soge­nannten Aids-Tests 1985 immer lauter. Viele erin­nerten sie an die Verfol­gungs­praxis des NS-Staates. [...] Verschwunden ist zudem die Instru­men­ta­li­sie­rung der Angst vonseiten soge­nannter Hard­liner, um bestimmte Maßnah­me­pläne gegen HIV-Infizierte und Aids-Kranke zum Schutz des „Kollek­tivs“ durch­zu­setzen: Bereits Mitte der 1980er Jahre hatte sich das Konzept Süss­muths, das auf Aufklä­rung und Vertrauen in das „präven­tive Selbst“ basierte und sich 1987 im Aids-Sofortprogramm der Regie­rung mate­ria­li­sierte, gegen eine restrik­tive Gesund­heits­po­litik auf Grund­lage des Bundes­seu­chen­ge­setzes behaupten können. Hierfür verant­wort­lich waren rational-pragmatische, aber auch histo­ri­sche Gründe. (Henning Tümmers, Geschichte der Gegenwart)
Zwar haben wir AIDS nicht heilen können, aber die Tatsache, dass die Krankheit mittlerweile weitgehend neutralisiert werden konnte, gehört zu den großen unbesungenen Erfolgen des vergangenen Jahrzehnts. Ich möchte den obigen Ausschnitt aber vor allem deswegen nutzen, um hervorzuheben, wie verantwortliches konservatives Regieren aussehen kann. Letzthin wurde das in den Kommentaren ja bezweifelt. Während Ronald Reagan Panik schürte und aktiv verhinderte, dass AIDS-Opfern geholfen wurde und sie stattdessen ausgrenzte und so für Tausende von Opfern mittelbar verantwortlich ist, agierte Rita Süßmuth verantwortlich und seriös und ging dabei ein großes politisches Risiko ein. So wünscht man sich das.

4) Armin Laschet bezeichnet Salvini als „Hetzer“
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat den italienischen Nochinnenminister Matteo Salvini scharf kritisiert. „Es ist gut, dass einer der schärfsten Hetzer gegen die Rettung (von Flüchtlingen), Herr Salvini, jetzt nicht mehr in Regierungsverantwortung in Italien ist“, sagte Laschet am Samstag in Köln bei einer Feierstunde zum 40-jährigen Bestehen von Cap Anamur. Laschet rief dazu auf, den „Geist von 79“ wieder wachzurufen. In einer Zeit, „wo Hass und Rechtspopulismus wieder salonfähig sind und im Parlament vertreten sind, in einer solchen Zeit machen wir heute mal in Köln in Gegenbewegung“, sagte Laschet. „Das, was im Südchinesischen Meer möglich gewesen ist, muss doch wohl vor unserer Haustür im Mittelmeer ebenfalls möglich sein.“ (Welt)
Noch mehr Beispiele für verantwortungsvolle Konservative in Deutschland. Anstatt sich zu sehr an die Rechtsextremisten heranzuwanzen, in der irregeleiteten Hoffnung, so die offene Flanke nach rechts decken zu können, gibt es klare Abgrenzung zum extremistischen Rand. Bravo. Mehr davon!

5) The People Who Think Bernie Is Moderate
“The key is the binary framing, freedom or free enterprise on one side, and any modification of that is deemed socialism on the other,” Glickman told me. “If you mess with with free enterprise, you will ultimately get through the slippery-slope process to what they posit as socialism. And socialism is more often a code word for New Deal liberalism and its descendants than actual socialism.” [...] But these separations are not clean; the lines between social democrats and democratic socialists and progressives and New Deal Democrats are drawn and erased and redrawn over and over again. Making the whole thing more confusing is the fact that Sanders describes himself as a democratic socialist, not a proponent of social democracy. Making it even more confusing is the fact that the country’s most popular and influential socialist organization—the DSA’s membership has swelled to nearly 60,000, from just a few thousand a few years ago—endorses Democratic candidates, including Barack Obama and Sanders. [...] The socialists’ campaigns and socialist parties might not be popular. But that idea surely is, as evidenced by Sanders’s success, the populist drift of all the Democratic candidates, and the popularity of proposals like the Green New Deal and Medicare for All. Come 2020, there won’t be a socialist in the White House. But there might be some socialism. (Annie Lowrie, The Atlantic)
Der Artikel ist ein ganz netter Einblick in die radikale amerikanische Linke. Die Democratic Socialists of America haben in den letzten zwei Jahren ein wahrlich beachtliches Wachstum hingelegt, aber sie bleiben natürlich trotzdem eine winzige Splittergruppe, verglichen mit der Bevölkerungsgröße. Relevant finde ich den Hinweis auf die völlig unklaren Begrifflichkeiten. Bislang war "socialism" in den USA, anders als etwa im UK, Skandinavien oder Frankreich, eher so besetzt wie bei uns: als Gottseibeiuns und Kampfbegriff. Das offensive Übernehmen des Begriffs erinnert an das ebenso offensive Übernehmen des eigentlich hoffnungslos aus der Zeit gefallenen "conservative" in den 1960er Jahren. Nun bringen Anhänger Bernie Sanders - wie auch Jeremy Corbyns - häufig das Argument, es handle sich nicht um Sozialisten im eigentlichen Sinne, sondern eigentlich Sozialdemokraten. Also wie die Parti Socialiste in Frankreich etwa. Und was viele der Forderungen dieser Politiker angeht, ist das nicht grundsätzlich verkehrt; wenig von dem, was sich in den Programmen Sanders' oder Corbyn findet, wäre nicht zum einen oder anderen Zeitpunkt von einer sozialdemokratischen Partei vertreten worden. Was Sanders und Corbyn (die ich zu dem Zweck in eine Kategorie stecke) aber in meinen Augen trotzdem klar links von der Sozialdemokratie ansetzt ist ihr revolutionärerer Ansatz. Wie auch Lowrie im obigen Artikel, wird die Rhetorik dieser Politiker gerne losgelöst vom Programm begutachtet, nach dem Motto "Klar redet er in krassen Tönen, aber das Programm ist total harmlos". Und das stimmt auch. Nur, woher kommt diese Sicherheit, dass das bestimmende später das Programm und nicht die Rhetorik sein wird? Mein Grundproblem mit Sanders hat sich seit 2016 nicht geändert. Ich vertraue ihm nicht. Und das gleiche gilt für Corbyn. Und, als letzter Gedanke zum Thema - auch bei Trump haben Heerscharen gutgläubiger Beobachter auf den krassen Gegensatz von Rhetorik und Programmatik hingewiesen und die Bedrohung relativiert. Was ist von Trumps Programmtik geblieben? Nichts. Stattdessen haben wir die volle Ladung reaktionären Handelns.

Either climate change is an existential problem or it’s not. If it is, then everything takes a back seat to finding a solution. If that requires progressives to compromise, then we compromise. What we certainly don’t do is pile on an endless list of additional demands that makes it ever less likely to gain a political consensus that we need to take serious action. Climate change has already exposed the worst of conservatism, but it poses a test for progressives too. We have our own comfort zone and we naturally prefer climate plans that fit nicely into that zone. But what if the plan most likely to work is outside the zone? What if it includes some regressive tax elements? What if it requires that we expand our use of nuclear power? What if it takes priority over other things like universal health care and free college? What if it requires us to essentially bribe the fossil-fuel industry into cooperating? I’m not saying it requires any of those things. But it might. Are we still willing to fight for whatever is truly most likely to work? How willing are we to move outside our comfort zone in order to avoid planetary suicide? (Kevin Drum, Mother Jones)
Kevin Drum hat definitiv einen Punkt hier. Wir wissen bereits, aus welchen Elementen des politischen Spektrums bezüglich des Klimawandels wenig zu erwarten ist. Der Lackmustest für alle Progressiven wird sein, inwieweit wir bereit sind, Opfer zu bringen. Denn bislang dient der Klimawandel auch als Vehikel, um einen Strauß von Lieblings-policies durchzusetzen. Das bringt uns auch wieder zu Bernie Sanders, dessen "Klimaplan" zwar gigantische Ausgaben vorsieht, der aber eher am Rande mit Klima zu tun hat und überwiegend andere Bereiche finanziert.

7) Tweet
Es ist ein absolutes Trauerspiel, wie die ganze westliche Welt es schafft, so riesige Erfolge wie die Ausrottung der Masern aus schierer Blödheit rückgängig zu machen. In Deutschland zumindest geht ein guter Teil der Schuld auch an die Grünen, die viel zu lange Impfgegnerschaft und Globuli-Fanatismus in ihren Reihen geduldet haben und jetzt erst sehr zögerlich angefangen haben, das zu verurteilen. In den USA sieht die Lage etwas anders aus, weil die identity politics hier weniger grün-progressiv als rechts-evangelikal sind. Aber beknackt ist es in beiden Fällen. Impfgegner gehören zu den bescheuertsten Gruppen in beiden Gesellschaften.

8) Tweet
Ebenfalls eine wichtige Erkenntnis, die hier formuliert wird. Ich glaube, dass sie ebenso wie die Rolle von identity politics zu den unterschätzten Gründen für den Aufstieg des Rechtspopulismus gehört. Darin passt sie gut zu 2), denn dieses "etwas ironisch gut finden das dann echt gut wird" ist ein Phänomen gerade bei jüngeren Männern. Man sieht es vor allem im Zusammengang mit "politisch inkorrekten" Dingen, die erst ironisch gut gefunden werden und die dann schleichend zum Teil der eigenen Identität werden. Die ganze 4chan-Subkultur erklärt sich durch diesen Blödsinn.

9) Die nutzlose FDP
Das ist die FDP von heute. Sie hat seit der Bundestagswahl mehr als jeden Dritten Wähler verloren. Interessanterweise besonders die über 60, früher eine sichere Miete. Sie verübeln besonders die Regierungsverweigerung. Und es zeigte sich wieder einmal, dass Marketing nicht die Qualität eines Produktes ersetzen kann. Die FDP hat den Anschluss verpasst, besonders in der dominierenden Klimapolitik. Christian Lindners Reaktion auf die Schülerstreiks, jetzt doch besser die Profis ranzulassen, war verheerend. Arroganz, dein Name ist FDP. [...] Auch gibt es neben Lindner weiterhin keine bekannten Gesichter der FDP. Es bleibt eine One-Man-Show, was ein Riesenproblem ist, wenn der eine Mann plötzlich ganz alt aussieht. Und mit ihren marktwirtschaftlichen Angeboten in allen Bereichen der Politik findet sie immer weniger Abnehmer -auch deshalb, weil sie in der Politik und in den Medien kaum noch durchdringt. Inzwischen sind die Grünen auch für viele liberale Wähler die hippe Alternative. Besonders uneinsichtig ist Lindner, was den historischen Fehler der FDP betrifft. Als er die Jamaika-Koalition platzen ließ, versündigte er sich nicht nur an seiner Partei, sondern am Parteiensystem insgesamt. Falls alle Negativentwicklungen der letzten Zeit lassen sie darauf zurückführen: die SPD musste wieder in die Große Koalition und stürzte dramatisch ab, die CDU geriet in die Krise und die AfD erstarkte immer mehr. Und dafür gibt es keine Entschuldigung. Aber Lindner hat nicht die Größe, diesen historischen Fehler einzugestehen. Deshalb ist es kein Wunder, dass immer mehr Wähler sich fragen: Wer braucht noch die FDP? Wenn jetzt Neuwahlen kämen, stünde sie vor einem Desaster und würde weder in der Opposition noch als Koalitionspartner für Schwarz-Grün gebraucht. (Michael Spreng, Sprengsatz)
Ich poste diese Analyse hauptsächlich deswegen, weil sie zeigt, wie sehr man ohne empirische Daten seine jeweils präferierte Interpretation glaubhaft niederschreiben kann. Die Version einer die Verantwortung scheuenden und deswegen von den Wählern abgestraften FDP ist genauso glaubwürdig wie Stefan Pietschs Variante, demzufolge die FDP eher belohnt wird, nicht den grünen Mehrheitsbeschaffer gemacht zu haben. Diese radikal entgegengesetzten Narrative machen deutsche Nachwahlbetrachtungen so frustrierend sinnlos. Wählerwanderungen werden zwar festgestellt, aber kaum analysiert. Es gibt immer noch keine Tradition, zu schauen WARUM Wähler wählen was sie wählen; stattdessen verkleidet jeder seine eigenen Präferenzen als Analyse. Das ist in den USA wesentlich besser. Da werden die Ergebnisse dann zwar gerne ignoriert, damit die eigene Analyse zur eigenen (hasserfüllten) Meinung über Hillary Clinton passt, aber das ist dann wenigstens nicht die Schuld der Analysten.

10) Democrats Need to Plan Right Now for Republican Fiscal Sabotage
There’s another reason to lock in automatic stabilizers now, one that Furman doesn’t mention (among other reasons, the Journal would never publish his op-ed if he did): Democrats need to lock in stimulus while there’s still a Republican president. Republicans have followed a consistent pattern over the last four presidencies: They favor expansionary fiscal and monetary policy when their party controls the White House, and contractionary fiscal and monetary policy when Democrats do. Republicans happily endorsed fiscal stimulus and Keynesian policy under George W. Bush, but turned massively against it after the economy crashed and a Democrat took office. Republicans assume Democrats would do the same, which is why they’re accusing liberals of trying to induce a recession under Trump. The truth is that Democrats have been willing to vote for stimulus under Republican presidents. The Republican Party alone is willing to engage in economic sabotage when out of power. [...] Whatever their conscious or unconscious motive may be, the pattern is unmistakable: Republicans will block any fiscal stimulus under a Democratic president, however dire the economic emergency may be, and however open a Democrat be may to their ideas for counteracting it. (When President Obama welcomed Republicans to help write the stimulus, their response was alarm that he was making it difficult for them to paint him as partisan.) As long as Republicans hold the White House and have some reasonable prospect of keeping it another term, Republicans will support economic stimulus. That means Democrats have, at most, a year to enact enhanced automatic stabilizers. Once Democrats win the election, the GOP will flip into sabotage mode. If Democrats want to avoid Republican obstruction of the rescue effort against the next recession, they need to get their name on the dotted line right now. (Jonathan Chait, New York Magazine)
Das deprimierende an dem Artikel ist, wie richtig die zugrundeliegende Analyse ist. Die Republicans werden willentlich die Wirtschaft zerstören, wenn sie damit nur einem demokratischen Amtsinhaber schaden können. Und wie 2008 darf, angesichts der gerade einsetzenden Wirtschaftskrise, wieder einmal ein Democrat die Scherben der republikanischen Misswirtschaft auflesen, so sie denn 2020 gewinnt. Letztlich aber werden auch clevere Konstruktionen nicht viel helfen. In einem System, in dem nur eine von zwei Parteien demokratisch ist, ist es praktisch aussichtslos, das Zerstörungswerk legislativ aufhalten zu wollen. Ich habe weiterhin keine Ahnung, wie dieses Problem lösbar sein könnte. Ich fürchte, die beste Hoffnung ist ebenso simpel wie düster: Warten, bis der Fieberwahn vorbei ist und das System in der Zwischenzeit so gut wie möglich schützen. Ohne eine völlige Niederlage der Autokraten wird es nicht gehen. Und das erfordert, sehr wahrscheinlich, ein Desaster durch Autokraten. Die Amerikaner können nur hoffen, dass es nicht ihrer sein wird, der es verbricht.


That rationale has helped nicotine-vaping rates explode since 2015, especially among teens. The same technology has become popular among cannabis users both legal and non-. But the question of vaping’s relative danger has recently taken on a much more desperate tone. While vaping is still so new that broad, long-term data on inhaling the often mysterious chemicals found in both nicotine and cannabis “vape juice” won’t be available for years, Americans are beginning to see the effects that heavy or extended use of the vaping market’s vast array of products might have. The early evidence is alarming: A recent report from the Centers for Disease Control and Prevention found that as of August 27, 215 hospitalizations in 25 states have been linked to a mysterious “vaping illness” that affects the lungs of otherwise healthy people, most of them under the age of 30. So far, two people have died. As stories pile up of sicknesses, side effects, and the potential for long-term consequences, it’s clear that “safe” and “safer than smoking cigarettes” are vastly different things. When the regulation of most tobacco products came under the U.S. Food and Drug Administration’s control in 2009, the agency was involved in a lawsuit with an e-cigarette manufacturer over efforts to classify vapes as drug-delivery devices, which would have put placed them under a much higher level of regulatory scrutiny than other tobacco products. That bid failed in 2010, and the consumer tobacco market quickly filled with clever marketing tactics for equally clever—and in many cases addictive—vaping products. E-cigarettes devices themselves didn’t officially come under FDA tobacco oversight until 2016. Now government agencies such as the FDA and the CDC have to play catch-up. The most immediate concern is the illness that has landed hundreds of people in the hospital this summer. (Amanda Mull, The Atlantic)
Was man hier sehen kann ist wieder einmal ein gutes Beispiel dafür was passiert, wenn es keine vernünftigen staatlichen Regulierungen gibt. Dass die e-Zigarette nicht eine gesunde Alternative zum Rauchen sein würde, dürfte eigentlich ziemlich klar gewesen sein, aber letztlich schliefen die Regulierungsbehörden am Steuer und erlaubten es der Industrie, wie zu den besten Zeiten mit wilden Werbeversprechen einen Markt aufzubauen, der so nie hätte existieren sollen. Letztlich schufen sie eine Gateway-Drug und erlaubten es dem Rauchen, einen Teilausbruch aus dem wachsenden sozialen Stigma hinzulegen, in das es in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr gerutscht ist. Gratulation.

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