Der britische Autor Chris Clarke hat in seinem Substack "Parables" eine Essayreihe mit dem Titel "Notes on Trust" geschrieben. Ich wollte sie zuerst im Vermischten verlinken, fand aber die Analyse, obwohl sie sich auf die britischen Verhältnisse bezieht, derart relevant und gut gelungen, dass mich stattdessen entschied, Chris direkt zu kontaktieren und ihn zu bitten, sie übersetzen zu dürfen. Er hat mir das freundlicherweise genehmigt. Der dritte Teil der Serie findet sich im Folgenden, die weiteren Teile werden in den nächsten Tagen online gehen. Chris hat sich zudem bereit erklärt, im Podcast der Bohrleute mit mir über seine Thesen zu sprechen.
Ich habe kürzlich zwei Beiträge über Vertrauen geschrieben. Im ersten vertrat ich die These, dass der Rückgang des politischen Vertrauens nicht auf zunehmendes Fehlverhalten oder schlechtere Regierungsarbeit zurückzuführen sei, sondern auf ein Umfeld, in dem Fehlverhalten und Versagen mit größerer Wahrscheinlichkeit aufgedeckt werden. Im zweiten Beitrag baute ich darauf auf und argumentierte, dass der Vertrauensverlust maßgeblich durch die intensive öffentliche Aufmerksamkeit des Informationszeitalters beeinflusst werde.
Dieser dritte Teil untersucht diese These ausführlicher und greift dabei auf einige internationale Vergleiche zurück. Im Mittelpunkt steht insbesondere die Idee des Moynihan-Gesetzes (Moynihan’s Law) im Zusammenhang mit politischem Vertrauen. Diese dem demokratischen US-Senator Pat Moynihan zugeschriebene Maxime lautet:
„Die Zahl der Menschenrechtsverletzungen in einem Land verhält sich stets umgekehrt proportional zur Zahl der von dort gemeldeten Beschwerden über Menschenrechtsverletzungen. Je mehr Beschwerden öffentlich geäußert werden, desto besser sind die Menschenrechte in diesem Land geschützt.“
Das Moynihan-Gesetz lässt sich auch auf andere Bereiche anwenden. So zeigen Studien beispielsweise häufig, dass Menschen in Ländern mit besseren Gesundheitswerten ihren eigenen Gesundheitszustand schlechter einschätzen oder häufiger selbstständig Ärzte aufsuchen – weil sie gesundheitsbewusster geworden sind. An anderer Stelle beschrieb Steven Pinker das sogenannte „Gewalt-Paradox“: Je weniger gewalttätig eine Gesellschaft wird, desto stärker beschäftigen sich ihre Mitglieder mit Gewalt.
In all diesen Fällen ist eine überproportionale öffentliche Unzufriedenheit der Preis für höhere Standards und größere Wachsamkeit. Gilt dasselbe auch für das Vertrauen in demokratische Institutionen?
Die nachstehende Grafik bietet eine Möglichkeit, diese Frage zu beantworten. Sie entstand durch den Vergleich der Daten zum Vertrauen in die Regierung aus dem Edelman Trust Barometer 2026 (vertikale Achse) mit den Werten des Press Freedom Index 2026 (horizontale Achse). Sie weist auf ein Paradox hin, das nach meiner Auffassung Anklänge an das Moynihan-Gesetz aufweist: Das politische Vertrauen ist dort hoch, wo die Pressefreiheit niedrig bewertet wird, und dort niedrig, wo die Pressefreiheit hoch bewertet wird.
Diese umgekehrte Korrelation ist zwar nicht ausnahmslos. Einige Länder mit hoher Pressefreiheit schneiden beim Vertrauen besser ab als andere. Dennoch ist das Muster auffällig. Es gilt für entwickelte Staaten, die politisch sowohl links als auch rechts des Vereinigten Königreichs stehen. Es gilt für Länder, die besser oder schlechter regiert werden als das Vereinigte Königreich, ebenso wie für Staaten mit höherer oder geringerer Korruption.

Dieser Zusammenhang widerspricht der optimistischen Vorstellung, dass hohe Rechenschaftspflicht automatisch mit hohem Vertrauen einhergeht. Auf den ersten Blick mag das verwirrend erscheinen. Warum sollten Menschen Regierungen größeres Vertrauen entgegenbringen, die die Opposition zensieren oder die vierte Gewalt einschränken?
Auf einer anderen Ebene ergibt das beobachtete Muster jedoch durchaus Sinn. Dort, wo Missstände unweigerlich an die Öffentlichkeit gelangen, wird das Vertrauen in die politischen Führer eher sinken. Je stärker wir uns als Gesellschaft dieser politischen Fehlleistungen bewusst werden – je mehr wir über sie wissen und je wahrscheinlicher ihre Aufdeckung ist –, desto eher gelangen wir zu der Überzeugung, von einer undemokratischen, inkompetenten oder korrupten Führung regiert zu werden. Hier zeigt sich das Moynihan-Gesetz in der Praxis.
Man könnte natürlich einwenden, dass dies nicht zwangsläufig so sein müsse. Würden Fehlverhalten und Versagen vollständig aus der Politik verschwinden, gäbe es auch nichts mehr aufzudecken. Keine Vetternwirtschaft, keine nachlässige Gesetzgebung, keine Inkompetenz, keine Pflichtversäumnisse. Das erscheint mir jedoch unrealistisch. Wenn wir von gewöhnlichen Menschen regiert werden wollen, müssen wir akzeptieren, dass gelegentlich Fehler passieren – sowohl in beruflicher Hinsicht als auch im persönlichen Verhalten.
Durch die Brille des Moynihan-Gesetzes betrachtet könnte der ausgeprägte politische Zynismus des 21. Jahrhunderts daher sogar als Beleg dafür gelten, dass unsere politischen Führer vertrauenswürdiger geworden sind. Oder zumindest dafür, dass nicht vertrauenswürdiges Verhalten heute mit größerer Wahrscheinlichkeit ans Licht kommt und sanktioniert wird. Ein hohes Maß an Misstrauen wäre demnach ein Hinweis auf eine unabhängige vierte Gewalt und die intensive öffentliche Kontrolle, die mit ihr einhergeht.
Ich glaube jedoch, dass die Gesamtaussage des Moynihan-Gesetzes im Zusammenhang mit politischem Vertrauen komplexer ist. Die oben dargestellte Grafik könnte zwar darauf hindeuten, dass eine dauerhafte politikfeindliche Grundstimmung der Preis ist, den wir für eine offenere Demokratie und die kontinuierliche Aufdeckung öffentlichen Fehlverhaltens zahlen. Anders als bei Menschenrechten, Gesundheit oder Gewalt – wo eine erhöhte Wachsamkeit nur wenige offensichtliche Nachteile mit sich bringt – ist inzwischen jedoch deutlich geworden, dass geringes demokratisches Vertrauen selbst schwerwiegende Folgen hat.
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen vielmehr, dass das Vertrauen in politische Führer, sobald es unter eine bestimmte Schwelle sinkt – von Skepsis zu Zynismus, von kritischer Kontrolle zu Verachtung –, beginnt, genau jene offene Demokratie zu untergraben, die diesen Zustand hervorgebracht hat. Veränderungen werden schwieriger, weil Menschen davon ausgehen, dass neue Kandidaten ohnehin lügen. Der Staat schrumpft, weil die Bürger Politikern nicht mehr zutrauen, verantwortungsvoll mit ihrem Geld umzugehen. Politische Instabilität und häufige Regierungswechsel werden zur Normalität, weil die Unzufriedenheit immer schneller einsetzt. Die Notwendigkeit, die Medien ständig zu bedienen, führt dazu, dass nicht mehr die Politik die Berichterstattung bestimmt, sondern die Berichterstattung die Politik. Vernünftige Menschen verzichten darauf, für politische Ämter zu kandidieren, weil die ständige öffentliche Einmischung und die verbreitete Verachtung das politische Leben unerträglich machen – und so weiter.
Von geringem Vertrauen profitieren letztlich diejenigen, die nahezu unempfindlich gegenüber Kritik sind; jene, deren demokratische Überzeugungen am schwächsten ausgeprägt sind, die einer offenen Gesellschaft den geringsten Wert beimessen und am ehesten bereit sind, mit doppelten Maßstäben zu arbeiten.
Und dieser Effekt dürfte sich nur noch verstärken, je intensiver die öffentliche Kontrolle wird. Wenn eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit das demokratische Vertrauen verringert, dann folgt daraus konsequenterweise, dass eine vollständige Transparenz das Vertrauen in politische Führer vollständig aufzehren könnte. Die 24-Stunden-Nachrichtenwelt und das Zeitalter sozialer Medien könnten das politische Vertrauen bis auf null reduzieren – sofern Politiker nicht lernen, auf andere Weise damit umzugehen.
Die entscheidende Frage lautet daher, ob es eine neue Art des Politikmachens gibt, die auch in einem Klima ständiger Kritik und ununterbrochener Berichterstattung Vertrauen schaffen kann. Meiner Ansicht nach liegt die Antwort in einer größeren Bereitschaft der Politiker, ihre Überlegungen offenzulegen und Zusammenhänge zu erklären; darin, überzeugen zu wollen, statt lediglich Positionen zu verkünden; darin, nicht vorzugeben, perfekte Ergebnisse seien erreichbar; darin, übermäßige Parteilichkeit zurückzuweisen; und schließlich darin, von den Wählern zu verlangen, sich ebenfalls mit schwierigen Entscheidungen auseinanderzusetzen.
Das eigentliche Catch-22 besteht jedoch darin, dass genau diese einfachen Schritte im heutigen Umfeld intensiver öffentlicher Kontrolle massiv entmutigt werden. Sie sind mit erheblichem Risiko verbunden und versprechen zugleich nur geringen oder gar keinen politischen Gewinn. Deshalb besteht für Politiker des 21. Jahrhunderts der Weg des geringsten Widerstands darin, die eigenen Karten möglichst verdeckt zu halten und jene zusätzliche öffentliche Angriffsfläche zu vermeiden, die ein solches offeneres Vorgehen mit sich bringen würde.
Einen Weg zu finden, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, sollte für alle, denen das geringe politische Vertrauen Sorgen bereitet, das eigentliche Heilige Gral sein. In den nächsten Artikeln werde ich beginnen, einige der Grundprinzipien zu untersuchen, mit denen dies gelingen könnte.
Der unten abgebildete New-Yorker-Cartoon erschien 2017, ein Jahr nach Donald Trumps erstem Wahlsieg, und machte sich über gedankenlosen Populismus lustig. Darin stürmt eine Gruppe von Flugzeugpassagieren das Cockpit, überzeugt davon, das Flugzeug selbst besser steuern zu können.

Die Grundannahme des Cartoons wurde kritisiert – sowohl von linker als auch von rechter Seite. Viele argumentierten, Politiker wären nur halb so viel Feindseligkeit ausgesetzt, wenn sie das „Flugzeug einfach besser fliegen“ würden. Einer schrieb:
„[Der Cartoon] geht davon aus, dass die gegenwärtigen Piloten ihre Arbeit ordentlich gemacht haben. Aber was wäre, wenn sie regelmäßig abstürzen würden und sich anschließend weigerten, die Schäden zu reparieren, bevor sie erneut starten? Was wäre, wenn aufgrund der Fahrlässigkeit der Besatzung die Menschen auf den billigeren Plätzen um ihr Leben bangen müssten, weil einige Fenster zerbrochen sind? … Diese Darstellung kommt der Realität deutlich näher. Und sie erklärt, warum viele Passagiere sich nach einem Wechsel sehnen könnten.“
Sowohl der Zeichner als auch seine Kritiker meinten dies natürlich augenzwinkernd. Beide gingen jedoch von der Vorstellung aus, dass Politik in gewisser Weise mit dem Fliegen eines Flugzeugs vergleichbar sei. Der eigentliche Streitpunkt bestand lediglich darin, wie gut oder schlecht diese Aufgabe derzeit erfüllt werde.
Diese Sichtweise entspricht auch der Vorstellung vieler Wähler: Politik sei zwar schwierig, doch wenn sie kompetent betrieben werde, müsse sie Ergebnisse hervorbringen, mit denen letztlich alle zufrieden seien. Politiker selbst fördern diese Wahrnehmung, wenn sie versprechen, „die Arbeit zu erledigen“ oder „das Chaos der Vorgänger aufzuräumen“.
Angesichts dieser Darstellung überrascht es kaum, dass Politiker im Vergleich mit Piloten beim Vertrauen praktisch chancenlos sind. Flugzeugführer stürzen schließlich fast nie ab und fliegen ihre Passagiere kaum jemals an den falschen Ort, während Regierungen und Politiker scheinbar auf Schritt und Tritt Fehler machen. Entsprechend vertrauen 87 Prozent der Menschen Piloten, aber nur 9 Prozent Politikern.

Worin unterscheidet sich also der Beruf des Piloten vom Beruf des Politikers? Um zu verstehen, weshalb Abgeordnete und Regierungsmitglieder in solchen Vertrauensrankings fast immer am unteren Ende landen, lohnt es sich, dieser Frage ernsthaft nachzugehen.
Dabei lassen sich zwei Aspekte unterscheiden. Beide erscheinen auf den ersten Blick offensichtlich. Dennoch werden sie kaum jemals ausgesprochen. Meiner Ansicht nach helfen sie jedoch dabei zu verstehen, welche zwei Fähigkeiten Politiker wiederentdecken müssen, wenn sie Vertrauen zurückgewinnen wollen.
Die erste grundlegende Unterscheidung betrifft das gewünschte Ziel.
In nahezu allen Berufen der oben gezeigten Grafik – insbesondere in jenen mit besonders hohem Vertrauen – ist das Ziel eindeutig und unstrittig. Die Aufgabe eines Ingenieurs besteht darin, eine Brücke zu bauen, die nicht einstürzt. Die Aufgabe eines Arztes besteht darin, Krankheiten richtig zu diagnostizieren und zu behandeln. Natürlich gibt es in manchen Berufen unterschiedliche Auffassungen darüber, wie dieses Ziel erreicht werden sollte, und gelegentlich spielt dabei auch Politik eine Rolle. Außerdem gibt es einige Berufe, die manche Menschen grundsätzlich ablehnen – ein Pazifist wird Soldaten möglicherweise stets misstrauen, ein Atheist einem Geistlichen.
In den meisten Fällen besteht jedoch weitgehend Einigkeit darüber, wie ein gutes Ergebnis aussieht. Beim Flugzeugpiloten etwa wollen alle Passagiere dasselbe: sicher, schnell und komfortabel an denselben Zielort gelangen.
Politiker bilden auf dieser Liste nahezu die einzige Ausnahme. Ihre erste Aufgabe besteht nämlich darin, das Ziel überhaupt erst festzulegen. Dieses Ziel wird zwangsläufig einige der Menschen enttäuschen, die im politischen „Flugzeug“ Platz genommen haben. Auf jedem politischen Flug befindet sich eine beträchtliche Minderheit von Passagieren, die den Zielort, den der Pilot ansteuert, überhaupt nicht erreichen möchte. Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, ein Ziel zu finden, das genügend Menschen begeistert, um das Flugzeug überhaupt starten zu lassen, während alle übrigen wenigstens widerwillig zustimmen.
So war Politik schon immer. Doch wie ich im zweiten Teil dieser Reihe erläutert habe, besteht eine der wichtigsten Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte darin, dass die Gesellschaft zugleich deutlich vielfältiger und wesentlich weniger autoritätshörig geworden ist.
Heute sitzen Reihen von Passagieren im Flugzeug, die unterschiedlichen Religionen angehören, sehr unterschiedliche Bildungsabschlüsse besitzen, sich für völlig verschiedene außenpolitische Themen interessieren oder äußerst unterschiedliche Erfahrungen mit Migration gemacht haben. Alle diese Passagiere sind besser informiert und selbstbewusster als früher. Viele beziehen ihre Informationen zudem aus Medienkanälen, die ihre bestehenden Ansichten zusätzlich bestätigen.
Ein gemeinsames Ziel für eine derart heterogene Gruppe zu finden, ist deshalb erheblich schwieriger geworden. Politiker reagieren darauf im Wesentlichen mit zwei unterschiedlichen Strategien. Die erste besteht darin, ein sehr spezielles oder besonders ehrgeiziges Ziel auszuwählen, das ungefähr ein Viertel der Passagiere begeistert, den überwiegenden Rest jedoch gegen sich aufbringt. Dabei kann es sich etwa um radikale Maßnahmen in der Migrationspolitik oder weitreichende wirtschaftspolitische Experimente handeln.
Politiker, die diesen Weg wählen, gelangen häufig gar nicht erst an die Regierung. Innerhalb ihrer Anhängerschaft genießen sie jedoch nahezu uneingeschränktes Vertrauen – oft sogar Verehrung. Nigel Farage und Jeremy Corbyn sind Beispiele dafür. Beide genießen unter ihren Unterstützern außerordentlich hohes Vertrauen; viele von ihnen fragen sich, warum nicht alle Politiker so authentisch sein können. Gleichzeitig wirken beide auf große Teile der übrigen Wählerschaft geradezu abschreckend.
Ein typisches Beispiel für diese zweite Strategie ist Keir Starmer. Indem er im Wahlkampf 2024 konsequent auf Sicherheit setzte und Risiken vermied, errang er einen „lieb- und leidenschaftslosen Erdrutschsieg“ (loveless landslide). Die Grenzen dieses Ansatzes treten inzwischen jedoch deutlich zutage. Anders als Politiker vom Typ Corbyn oder Farage verfügt Starmer nicht über eine begeisterte Anhängerschaft, auf die er sich in schwierigen Zeiten stützen könnte. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass Labour mit genau dieser Strategie eine Wahl gewonnen hat.
Beide Typen politischer „Piloten“ haben jedoch etwas gemeinsam: Sie werben nicht für ihr Ziel. Stattdessen beziehen sie Positionen, die sich daran orientieren, wohin verschiedene Gruppen von Passagieren ohnehin bereits fliegen möchten.
Der erste Typ – der Corbyn- oder Farage-Pilot – vertritt seine Position mit Nachdruck und begeistert damit die vier oder fünf Sitzreihen von Passagieren, die genau dieses Ziel ansteuern wollen. Sein Alleinstellungsmerkmal besteht darin, dass er von dieser Position nicht abrückt. Er unternimmt nur geringe Anstrengungen, diejenigen Passagiere zu überzeugen, zu beruhigen oder ihnen seine Überlegungen zu erklären, die Vorbehalte haben.
Tatsächlich wäre eine Mäßigung seiner Position für ihn sogar riskant. Würde er ein etwas weniger ehrgeiziges Ziel wählen, könnten gerade jene Passagiere, die ihn von Anfang an unterstützt haben, sich nach einer anderen Alternative umsehen. Vor genau dieser Herausforderung steht Nigel Farage derzeit, da Restore den Wählern rechts von ihm eine noch kompromisslosere Option anbietet.
Der zweite Pilotentyp wird in die entgegengesetzte Richtung gedrängt: Er ist darauf angewiesen, Positionen einzunehmen, die den größtmöglichen Konsens sichern. Auch er vermeidet daher jene konkreten Argumente – den Versuch zu inspirieren, ehrliche Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen oder die Menschen für ein ambitionierteres Ziel zu gewinnen –, die vielleicht tatsächlich mehr Passagiere hinter einer weiterreichenden Vision versammeln könnten.
Kommt es beispielsweise zu einer populistischen Welle, reagiert dieser zweite Pilotentyp typischerweise mit einer Anpassung seiner Position: einer zusätzlichen Begrenzung der Migration, neuen Kompetenzen für Schottland oder ähnlichen Maßnahmen. Weil seine Wählerbasis jedoch sehr breit gefächert ist, kann eine solche Kursänderung kaum aus echter Überzeugung erfolgen. Sie wirkt vielmehr wie ein Zugeständnis, das lediglich der Beruhigung dienen soll – und erzielt deshalb selten den gewünschten Erfolg.
Zusammenfassend hat unsere äußerst vielfältige Wählerschaft also zu zwei Führungsstilen geführt: Der eine untergräbt Vertrauen, weil er eine Minderheit begeistert und dabei die Mehrheit gegen sich aufbringt. Der andere untergräbt Vertrauen, weil er den Eindruck vermittelt, überhaupt keine festen Überzeugungen zu besitzen. Diese beiden Ansätze stehen zwar seit Anbeginn der Politik in Spannung zueinander. Je heterogener die Gesellschaft jedoch geworden ist, desto stärker erscheinen sie als gegenseitig ausschließende Alternativen.
In einem Mehrheitswahlsystem (First Past the Post) tritt dieser Gegensatz besonders deutlich hervor. Politiker, die versuchen, beide Ansätze miteinander zu verbinden, landen häufig im Niemandsland: Sie zeigen zu wenig Flexibilität, um einen breiten Konsens zu schaffen, zugleich aber auch zu wenig Überzeugungskraft, um echte Loyalität hervorzurufen.
Um es noch einmal zu betonen: Die entscheidende Fähigkeit, die der Politik heute fehlt, ist die Kunst des Argumentierens und Überzeugens – die Fähigkeit, Menschen mit Vorbehalten für ein Ziel zu gewinnen, ohne die eigene Position automatisch aufgeben zu müssen.
Der zweite grundlegende Unterschied betrifft Kompetenz und Ergebnisse.
In nahezu allen Berufen der oben gezeigten Grafik liegen Kompetenz und Ergebnis eng beieinander. Ist ein Ingenieur kompetent, stürzt die Brücke nicht ein. Ist ein Pilot kompetent, bringt er alle Passagiere sicher an das richtige Ziel.
Natürlich gibt es kleine Unterschiede zwischen Kompetenz und Ergebnis – etwa wenn ein technischer Defekt auftritt oder ein Sturm aufzieht. Im Allgemeinen gilt jedoch: Wer in diesen Berufen sehr kompetent ist, erzielt auch die bestmöglichen Ergebnisse.
Je weiter man in der Rangliste nach unten geht, desto größer wird diese Lücke. Ein Unternehmensleiter kann beispielsweise keine perfekten Verkaufszahlen garantieren. Bei Politikern ist der Abstand zwischen Kompetenz und Ergebnis jedoch größer als in jedem anderen Beruf. Selbst hohe fachliche Kompetenz garantiert weder perfekte Resultate noch kommt sie ihnen auch nur annähernd gleich.
In diesem Zusammenhang denke ich häufig an das folgende Zitat von Douglas Jay, dem wirtschaftspolitischen Berater von Clement Attlee, über die ersten Monate der Regierung von 1945:
„Mein eindrücklichster Eindruck aus all den Monaten in der Downing Street Nr. 10 war, wie falsch die Vorstellung ist, die Journalisten, Wissenschaftler und viele andere von der Macht eines Premierministers haben. Man stellt sich einen großen Mann vor, der in seinem Büro sitzt, an gewaltigen Hebeln zieht, Anordnungen erlässt und die Ereignisse nach seinem Willen lenkt. Nichts könnte weiter von der Wirklichkeit entfernt sein, wie ich sie in der Downing Street erlebt habe. Statt große Macht auszuüben, sah sich der Premierminister unablässig wirtschaftlichen und materiellen Zwängen gegenüber und mit Problemen konfrontiert, die gelöst werden mussten, sich aber nicht lösen ließen.“
Seit Douglas Jay dies schrieb, haben zahlreiche Entwicklungen diese Beobachtung sogar noch zutreffender gemacht. Wie ich kürzlich erläutert habe, hat beispielsweise die Globalisierung den Handlungsspielraum heutiger Regierungschefs erheblich eingeschränkt – insbesondere in der Wirtschafts- und Migrationspolitik.
Dennoch behaupten moderne Politiker weiterhin, Kompetenz und Ergebnisse seien praktisch dasselbe. Ein kompetenter Politiker müsse schließlich liefern können, was die Bürger verlangten. Gelinge ihm das nicht, sei er eben inkompetent. „In jedem anderen Beruf wären Sie längst Ihren Job los“, lautet ein häufiger Vorwurf von Wählern.
Gerade Oppositionsparteien tragen dazu bei, dieses Bild zu verstärken. So wurde etwa die Lebenshaltungskostenkrise nach COVID und dem russischen Angriff auf die Ukraine von Labour-Politikern bis zur Wahl 2024 regelmäßig als „Tory cost-of-living crisis“ bezeichnet. Damit wurde suggeriert, eine kompetente Regierung könne dieses Problem rasch lösen, wenn sie es nur wirklich wollte.
Als Labour anschließend selbst die Regierung übernahm, zeigte sich jedoch, dass auch sie die Krise nicht einfach beheben konnte und weit weniger Handlungsspielraum besaß als zuvor angenommen. Dieses Scheitern wurde von vielen Wählern rasch als gebrochenes Versprechen wahrgenommen. Heute greifen sowohl die Green Party als auch Reform UK Labour genau aus diesem Grund an – obwohl sie selbst vermutlich vor denselben Schwierigkeiten stünden.
Wie lässt sich also die Kluft zwischen Kompetenz und tatsächlichen Ergebnissen verringern, um Vertrauen zurückzugewinnen?
Zunächst müssten Oppositionsparteien überhaupt anerkennen, dass diese Kluft existiert. Insbesondere die Art und Weise, wie politische Programme präsentiert und Wahlkämpfe geführt werden, verschärft das Problem. Parteien stellen fast immer Ergebnisse in den Vordergrund – etwa „Migration unter 100.000“, „das höchste Wachstum der G7“ oder ähnliche Versprechen. Kaum jemand beginnt jedoch mit dem Wie oder erläutert offen, welche schwierigen Entscheidungen notwendig wären und wie die Finanzierung tatsächlich aussehen soll. Dadurch klingen politische Programme für viele Wähler wie bloße Versprechungen ohne Substanz. Und sobald eine Partei regiert, ist die Enttäuschung nahezu vorprogrammiert.
Die eigentliche Verantwortung liegt jedoch bei den Regierungsparteien. Sie könnten ihre politischen Gegner unter Druck setzen und allzu einfache Lösungen entlarven, indem sie ihre eigenen Überlegungen offenlegen. Sie könnten ehrlich über die Dilemmata sprechen, vor denen sie stehen. Sie könnten einen Blick „unter die Motorhaube“ gewähren und konkret erläutern, warum beispielsweise die Zahl der kleinen Boote seit 2019 gestiegen ist oder weshalb die Lebenshaltungskosten so hoch geblieben sind.
Doch fast immer schrecken sie davor zurück, weil sie fürchten, dies könnte als Schwäche ausgelegt werden. Stattdessen verlassen sie sich auf Angriffe gegen den politischen Gegner. Es gilt weiterhin das von Ronald Reagan zugeschriebene Bonmot: „Wenn du erklärst, hast du schon verloren.“
So sieht sich die Labour-Regierung derzeit beispielsweise mit Forderungen aus dem linken Lager konfrontiert, deutlich mehr Schulden aufzunehmen und sich nicht länger von den Anleihemärkten abhängig zu machen. Viele Labour-Politiker reagieren darauf mit Spott über diese vermeintlich einfachen Lösungen und die ökonomische Unkenntnis, die sich dahinter verberge. Sollte ihre Einschätzung tatsächlich zutreffen, dann besteht jedoch umso dringender die Notwendigkeit, der Öffentlichkeit ehrlich und dauerhaft zu erklären, vor welchen wirtschaftspolitischen Dilemmata die Regierung tatsächlich steht – und den Bürgern die Überlegungen des Finanzministeriums nachvollziehbar zu machen.
Wie Douglas Jay es formulierte, ist das Bild eines Regierungschefs, der – wie ein Pilot im Cockpit – an gewaltigen Hebeln zieht und dadurch die Ereignisse steuert, eine Illusion. Solange die politische Klasse selbst an dieser Fiktion mitwirkt, kann sie sich allerdings nur begrenzt darüber beklagen, dass ihr mit Verachtung begegnet wird.
Zusammenfassend weisen die vorangegangenen Überlegungen auf zwei Fähigkeiten hin, die Politiker wieder als zentrale Werkzeuge ihres Berufs begreifen sollten.
Die erste ist die Fähigkeit zu argumentieren und zu überzeugen. Anders als ein Flugzeugpilot müssen Politiker zunächst entscheiden, wohin sie überhaupt fliegen wollen. Angesichts einer äußerst anspruchsvollen und heterogenen Wählerschaft scheinen viele Politiker die Vorstellung aufgegeben zu haben, Menschen noch überzeugen zu können. Wenn sie jedoch wieder ernsthafte Argumente vorbrächten, anstatt lediglich Positionen einzunehmen und Botschaften zu platzieren, könnten sie möglicherweise beginnen, den Respekt der Wähler zurückzugewinnen.
Die zweite Fähigkeit ist die Bereitschaft zu erklären. In einer Zeit außergewöhnlich großer Herausforderungen können Regierungen keine perfekten Ergebnisse garantieren. Anders als beim Piloten führt politische Kompetenz nicht automatisch zu den gewünschten Resultaten. Wenn Regierungen jedoch den Mut hätten, offen über die Schwierigkeiten zu sprechen, mit denen sie konfrontiert sind, könnten sie eine erwachsenere politische Debatte mit den Bürgern beginnen – und auf diesem Weg Schritt für Schritt verloren gegangenes Vertrauen wieder aufbauen.
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