Mittwoch, 12. September 2012

Augstein und Blome zur Rentendebatte

Von Stefan Sasse



Hui, ist der Albrecht Müller unter dem Makeup jung geworden...oh, ist der Augstein, das fiese neoliberale U-Boot. Aber ernsthaft, so argumentatorisch untergehen sehen habe ich Blome selten.

Kommentare:

  1. Wieso ist Blome untergegangen? Das liegt doch eher im Auge des Betrachters. Unerfreulich fand ich, wie am Ende das Niveau heruntergezogen wurde, schließlich debattierten dort zwei sehr intelligente und eloquente Menschen.

    Zwei Argumente von Augstein möchte ich herausgreifen, weil sie grundsätzlich verwandt werden. Erstens, die aufgrund der demographischen Entwicklung erwartbaren Ausgabensteigerungen der Rentenkasse könnten durch die Umleitung der Produktivitätsgewinne finanziert und so das Rentenniveau beibehalten werden. Der Produktivitätsfortschritt wird jährlich verteilt, er bleibt nicht einfach auf einem Konto stehen, sondern wandert in die Kassen der Beschäftigten und der Unternehmen. Man kann auch den Euro nicht zweimal ausgeben. Außerdem würde das bedeuten, dass die nachfolgenden Generationen noch weit mehr Anteile ihres Einkommens an die Rentnergeneration abführen müssten. Statt heute de facto 26% (inklusive Benzinanteil) würden dann über 30% fällig.

    Zweitens, Ansparen ginge gar nicht, weil Einkommen (und damit auch Renten und Renditen) von der jeweils erwerbstätigen Bevölkerung erwirtschaftet werden würden. Folglich wären auch Kapitalerträge vom Sinken der Erwerbstätigkeit betroffen. Das setzt weiter an einem rein nationalökonomischen Denken an. Doch im Gegensatz zu Rentenanwartschaften lassen sich Kapitalvermögen in Volkswirtschaften exportieren, die boomen, wo die Bevölkerung wächst und produktiver wird. Die Erträge daraus werden dann importiert und steigern hier das Renteneinkommen. Da Deutschland seine Erwerbstätigkeit für das Jahr 2030 nicht aufgrund von mehr Unternehmen und Beschäftigten ausweiten wird können, müssen Kapitalvermögen ausgeweitet werden.

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    1. Inwieweit sich Kapitalvermögen exportieren lassen und inwieweit sie von ihren "Verwaltern" (Axa, Ergo, Maschmeyer und Konsorten) seriös verwaltet und angelegt werden, darüber geben die Desaster auf den Finanzmärkten beredte Auskunft. Im Übrigen ist die Gleichung: Kind = zukünftiger Beitragszahler, alter Mensch = zukünftiger Rentner Unfug. Die letzten 40 Jahre haben gezeigt, dass ein Resultat geburtenstarker Jahrgänge auch ein Millionenheer von Arbeitslosen sein kann, was bei den jetzigen Renten zu massiven Einbußen geführt hat und weiter führen wird, abgesehen von der Tatsache, dass Millionen älterer Menschen überhaupt keinen oder einen lächerlich niedrigen Rentenanspruch haben und erst recht in Zukunft haben werden. Die ersten großen Trümmer der neoliberalen Aera fallen uns nach und nach auf die Füße.

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  2. Intelligent und eloquent ist Blome allemal. Aber er nutzt seine Gaben auf die schäbigste Art und Weise. Er weiß ganz genau, dass die Politik, die er so vehement verteidigt, dieses Volk in den Untergang führen wird. Sehenden Auge beschönigt er die Verbrechen, die gerade statt finden und wird sich irgendwann, wenn es zu heiß wird für ihn, aus dem Staube machen. Dieses widerwärtige Agieren läßt meine Schlagadern anschwellen und man möchte solche Banditen gern mal an die nächste Lampe hängen...
    Anton Chigurh

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  3. @In Dubio: Blohmes Reaktion auf Augsteins Argument mit dem Mackenroth-Theorem war unterirdisch. Die "zweite Gehirnzelle" von Augstein dagegen war natürlich auch nicht gerade super.

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    1. Das war Foulspiel von Augstein. Blome ist Journalist, man kann nicht erwarten, dass er wie ein VWL-Professor ökonomisches Spezialwissen vor der Kamera parat hat. Mit Sicherheit wusste kaum einer der Zschauer auf Anhieb, was das Mackenroth-Theorem aussagt. Faire Diskutanten beschreiben Spezialwissen kurz.

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  4. Mir kommt es so vor, als wär das alles nur Show, bei der sich die beiden profilieren können. Schon irgendwie seltsam, dass gerade in dem Moment, in dem Augstein eine etwas längere Argumentationskette zum Abschluss bringen wollte, Blome auf das vollkommen unpassende EZB-Thema umschwenkte, und Augstein gar keine Anstalten machte, die Diskussion wieder auf das eigentliche Thema zurückzulenken. Im Gegenteil, er machte mit.

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  5. Naja, die beiden könnten das Format nicht aufrechterhalten wenn sie sich gegenseitig nicht einigermaßen tolerieren würden. Augstein hat das Thema ja in anderen Folgen durchaus auch schon gewechselt.

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  6. Das ist richtig. Augstein hat ein paar Alibi-Worte dazugepackt, aber da stößt man wohl schnell auch an die Grenzen eines Zehn-Minuten-Formats. Trotzdem hätte ich erwartet, dass Blohme Augsteins Hinweis darauf, dass es aussagt dass Einkommen immer aktuell erwirtschaftet wird, wenigstens wahrnimmt.

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  7. Ja, das mag schon sein. Aber ich finde die Sendezeit auch schlicht zu kurz. Zehn Minuten sind nix. Da hat ja gerade mal jeder seine Ausgangsposition erläutert, bevor eine richtige Diskussion überhaupt in Fahrt kommen könnte.
    Und dann sind solche Themenwechsel (die ja in diesem Fall nicht mal ansatzweise was mit dem eigentlichen Sendungsthema zu tun haben) bei der kurzen Sendezeit noch schädlicher.

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  8. @Jürgen Voß

    Das Gros deutschen Vermögens ist nicht von den großen Vermögensverwaltern angelegt. Es steckt in Grund und Boden, Gebäuden, Unternehmen und Unternehmensanteilen und - natürlich - auch in Geldvermögen. Und überhaupt, was steckt da für ein Wirtschafts-, ja Gesellschaftsbild dahinter? Sie kaufen sich einen BMW, weil Sie meinen, mit diesem Statussymbol fühlen Sie sich besser und füttern die Gewinne der Bayern. Niemand braucht ein Mobiltelefon, dennoch machten Millionen Fans Steve Jobs zu einem reichen Mann. Und Sie fliegen unter erbärmlichen Umständen mit Ryanair um ein paar Cent für den Trip in eine Stadt zu sparen, die Sie eigentlich nicht interessiert. Wenn Sie aber Ihr Geld anlegen, darf dies nichts kosten, vor allem darf davon keiner sonst profitieren. Wo wollen Sie arbeiten? In einer Wirtschaft wie der griechischen, wo hohe Gehälter nur im Staatsdienst, garantiert gewinnlos, gezahlt werden und der Rest aus Kleinhändlern und wenigen Großkopferten besteht?

    Das Riesenheer an Arbeitslosen gab es in den letzten Jahrzehnten, weil die Gesellschaften durch gesetzliche und vertragliche Regelungen immer mehr Menschen aus dem Erwerbsleben herausgenommen hatten. Dass das kein Grundgesetz sein muss, zeigten die durchgehend hohen Erwerbsquoten in den USA, in der Schweiz und das Anwachsen der Erwerbsquoten in Deutschland seit 2005. Diese hohen Arbeitslosenquoten, die Sie als Argument benutzen, waren künstlich erzeugt. Und Arbeitslosigkeit geht nicht zurück, weil die Bevölkerung schrumpft, sondern weil sich die rechtlichen und andere Bedingungen ändern. Daher gilt durchaus prinzipiell die Gleichung: Kind = zukünftiger Beitragszahler, alter Mensch = zukünftiger Rentner.

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  9. Das sinkende Verhältnis von Jungen und Alten als Argument für Altersarmut zu benutzen ist schon dreist.
    1. "Die" Alten werden nämlich gar nicht von "den" Jugen finanziert, sondern ehemalig abhängig Beschäftigte von aktuell abhängig Beschäftigten. Reiche Alte und Juge sowie Beamte sind also schon mal außen vor.
    2. Das Rentengesetz (kein Naturgesetz!) macht das Auskommen der Rentner von der Lohnsumme der aktuell Beschäftigten abhängig. Die Renten werden also nicht dadurch sicherer, dass er mehr Junge gibt, sondern nur dadurch, dass der Lohnzuwachs der Jungen mit der Zahl der Rentner mithalten kann. Das tut er seit ca. 15 Jahren nicht mehr. Die Geburtenrate ist total irrelevant, solange die Jugend massenhaft arbeitslos ist oder miese Löhne verdient.
    3. Früher hatten die Leute wahnsinnig viele Kinder. Haben die Alten deshalb besser gelebt? Nein! Müssten sie aber nach der Demographietheorie. [Anderes Beispiel zur Verdeutlichung: Heute muss ein Landwirt 50 Menschen ernähren, früher haben 3 Landwirte 4 Menschen ernährt. Haben wir deshalb weniger zu essen? Nein, weil die zwei Landwirte heute ungefähr 100x so produktiv sind. Reine Verhältnisrechungen, die Löhne und Produktivität ausklammern, sind totaler Schwachsinn.]
    4. Fazit: Die Demographietheorie unterschlägt 1. die Abhängigkeit der Renter von der Lohnsumme (eben nicht von der Anzahl der Jungen!); 2. Das Phänomen der Produktivität, wodurch eine Geselleschaft THEORETISCH immer mehr Alte versorgen könnte. Dass dies praktisch nicht der Fall ist liegt daran, dass allein die abhängig beschäftigten die Rentern durchfüttern müssen und deren Löhne von Firmen und dem Staat seit ca. 15 Jahren gedrückt werden (während, nebenbei bemerkt) die Einkommen aus Vermögen und Unternehmertätigkeit explodieren.

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