Montag, 27. April 2026

Bücherliste Frühjahr 2026

 

Ich komme gerade aus vielerlei Gründen nicht dazu, für alle Dinge, die ich lese, eigene Rezensionen zu erstellen. Deswegen lasse ich eine alte Tradition wieder aufleben und erstelle hier eine Übersicht über einige Titel, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, mit einigen Anmerkungen. Die Titel dieser Liste wurden von Januar 2026 bis XXX gelesen. Alle Links führen zu Amazon; wenn ihr darüber bestellt, erhalte ich einen kleinen Anteil. Damit genug der Vorrede, los geht’s.

Charles M. Schulz - Snoopy für alle Lebenslagen

Wer sich nicht gleich die Gesamtausgabe der Peanuts ins Wohnzimmer stellen will - was neben der beträchtlichen Investitionssumme auch noch eine gewisse Menge Regalplatz erfordert - kann sich quasi die Budgetvariante gönnen und "Snoopy für alle Lebenslagen" mit einem Best-of des vorwitzigen Beagles im gestalterisch eher anspruchslosen Reclam-Gelb ins Haus holen. Nach einigen Oberkategorien sortiert gibt es eine Reihe von Snoopy-Gags, die sowohl für den Hund alleine (natürlich auch das Flieger-Ass des Ersten Weltkriegs und den weltberühmten Anwalt) als auch mit dem "Jungen mit dem Mondgesicht" oder dem Vogel Woodstock beinhalten. Als jemand, der Empfänger war, kann ich auch sagen, dass es sich gut als kleines Geschenk eignet, gerade wenn jemand sich in einer persönlichen Krise befindet.

Michael Howe - Terrible Maps: The stupidly funny illustrated gift book perfect for geography lovers

Der Twitteraccount "Terrible Maps" hat eine große Fangemeinde, und das nicht zu Unrecht. Die dummen Geografiescherze, die auf diesem Kanal verbreitet werden, lassen mich jeden Tag schmunzeln, wenn ich darüber stolpere, aber man muss natürlich eine Ader für diese Art des kruden Humors haben. Wer etwa über den hier abgebildeten Gag, auf dem auf einer USA-Karte Indiana rot markiert und alle anderen Staaten als Outdiana ausgewiesen sind, nur den Kopf schüttelt, wird auch mit dem Rest der Scherze kein großes Vergnügen haben, wo etwa auf einer komplett leeren Europakarte alle Luftwaffebasen des Römischen Reichs verzeichnet sind oder einfach Großbritannien fehlt, während die Überschrift darauf verweist, dass es sich um die Darstellung eines fiktiven Europas handelt, bei dem Großbritannien benachbart zu Japan liegt. Als coffee table book oder Geschenk absolut zu empfehlen.

Karl-Heinz Ott - Verfluchte Neuzeit. Eine Geschichte des reaktionären Denkens

In letzter Zeit ist illiberales Denken, das hinter die Aufklärung zurück will, wieder auf dem Vormarsch. Man darf Trump und Konsorten sicherlich keinen allzu großen theoretischen Unterbau unterstellen, aber in ihrem Fahrwasser befinden sich Intellektuelle, die durchaus einen solchen aufbauen. Dem widmet sich Karl-Heinz Ott und schaut auf diejenigen Denker, die alles Übel bei Descartes und Hobbes sehen und zurück zu (vermeintlich) klaren Verhältnissen wollen. Ich habe die Lektüre allerdings ehrlich gesagt recht schnell abgebrochen; weniger, weil das nicht ein interessantes Thema wäre, sondern weil mir die Struktur des Buchs zu rhapsodig war. Assoziativ hin und her springend, Themen anschneidend, miteinander verknüpfend, immer wieder auch kolumnenartige Meinungsversatzstücke - es war nicht für mich. Wer mit so etwas aber kein Problem hat und gerne in den Gedanken der großen Denker und ihrer Epigonen unterwegs ist, für den ist das sicher was.

Randall Munroe - How to

Randall Munroe ist bekannt für seine Comicstrips bei xckd wie auch für seine mittlerweile zweibändige brillante Reihe "What if". Mit "How to" hat er ein Werk vorgelegt, in dem er "absurden wissenschaftlichen Rat für verbreitete Probleme" vorlegt. So erklärt er unter anderem, wie man ein Loch gräbt oder einen Drachen steigen lässt. Einerseits nutzt er diese Probleme, um die dahinterstehenden physikalischen Phänomene zu erklären; andererseits stellt er sich bewusst dumm, um dann absurde Szenarien aufbauen zu können. So erklärt er nicht nur, wie Fangespielen funktioniert, sondern rechnet auch durch, ob ein olympischer Langestreckenläufer oder Sprinter Usain Bolt gewinnen würde (der Langstreckenläufer, Usain Bolt hat keine Chance). Auch das Drachensteigen dient nicht nur der Erklärung, wie das Ding funktioniert, sondern auch, wie man damit den Niagarafall überqueren kann. Und seine verschiedenen Ansätze, wie man umziehen kann, erfinden zur Vermeidung der Reibung das Rad und zeigen, wie ein komplettes Haus umziehen kann und was des gehobenen Unfugs nicht noch mehr ist. Wie alle seine Bücher ist auch dieses ein ideales Coffetable-Book, oder wie in meinem Falle eines, das man auf die Toilette legen und gepflegt zwischen den großen Geschäften durchblättern kann. Unbedingte Leseempfehlung.

John Dolan - Erdogan Pizza

John Dolans Berichte aus aller Welt haben eine Art ersten Teil, "The War Nerd Dispatches", das ich bereits rezensiert habe. Mir war gar nicht bewusst, dass es auch einen zweiten Teil gibt. Aber es gibt ihn. Das Buch ist eine Sammlung der Newsletter, die Dolan an seine Unterstützer*innen ausschickte, während er durch die Weltgeschichte tingelte. Dolan ist in diesen Erzählungen immer kurz vor dem Bankrott und reist deswegen vor allem durch möglichst arme Länder. Er schlägt sich mit Englischkursen durch und schreibt Kolumnen für (damals) Pando, ein nicht mehr existierendes Onlinemagazin. Die Newsletter sind ein Mix aus unterhaltsam geschriebenen Reiseberichten, die interessante (und hoch idiosynkratische) Einsichten in die besuchten Länder enthalten und militärhistorischen Ruminationen. So erklärt er angesichts eines Besuchs in Italien das System von Wachtürmen zur Abwehr muslimischer Überfälle an der Adriaküste in der frühen Neuzeit, analysiert die brutalistische Architektur der Sozialisten in Albanien, die nationalistischen Monumentalbauten in Mazedonien und vieles mehr. Es ist für mich schwierig, den Wahrheitsgehalt der persönlichen Erlebnisse Dolans zu beurteilen - vielleicht sind diese auch nur rahmende Narrative für seine Ausflüge in die Militärgeschichte. Aber das macht sie nicht weniger spannend lesbar.

Lena Falkenhagen/Tom Finn - Im Schatten Simyalas 1 - Ruinen der Elfen

Ich dachte mir, ich lese mal wieder einen DSA-Roman; ich hatte ohnehin Lust auf etwas Zeit in Aventurien, und Tom Finn und Lena Falkenhagen sind ja durchaus ein Gespann, das gewissen Rang und Namen hat. Die Nostalgie schlägt auch zu (ich habe immerhin ein von Tom Finn signiertes Exemplar von "Grenzenlose Macht" im Schrank stehen). Aber meine Güte, das Ding war für mich so unlesbar, dass ich nach 20 oder 30 Seiten aufgegeben habe. Das liegt einerseits an den Charakteren und der Handlung, andererseits aber am Schreibstil. Letzterer zuerst: die Beschreibungen sind ebenso ausufernd wie langweilig. Die Ausrüstung der Charaktere wird detailliert beschrieben, ständig "keuchen" sie, innerhalb von zwei Seiten werden Monsterraten gleich dreimal als "Viecher" bezeichnet, die von den Charakteren erledigt werden. Das Treffen der Hauptcharaktere zu Beginn ist so gekünstelt und voller Exposition, dass es in "The Gamers" nicht wirklich fehl am Platz wäre. Für mich war das Fass voll, als der getreue Gefährte unseres Hauptcharakters, Veteran vieler Schlachten, als Rothemd im Kampf gegen die Riesenratten ins Gras beißt und selbiger Hauptcharakter erklärt, dass die Scharlatanin, die er gerade kennengelernt und mit ihm gerettet hat, dafür nichts kann, weil sie Recht hatte, den Endgegner zu beschießen statt die Monster, die seinen besten Freund auffressen. Taktisch mag das richtig sein, aber emotional macht das null Sinn und hat mein Interesse an den Charakteren hart auf null fallen lassen, so dass ich das Ding zur Seite gelegt habe. Meine Güte.

Birte Förster - 1919: Ein Kontinent erfindet sich neu

Das Jahr 1919 war für Europa wie auch den Rest der Welt eines, das einen großen Einschnitt bedeutete. Das formale Ende des Ersten Weltkriegs ging mit einer globalen Pandemie und zahlreichen sozialen Trends einher. Es ist daher verständlich, dass Birte Förster es sich in einem gigantischen Querschnitt her nimmt, um ein Kaleidoskop einer Epoche zu erschaffen. In drei großen Abschnitten näher sie sich dem Jahr an: "Aufbruch und Vernetzung", "Europas Neuerfindung in Paris" und "Neue Staaten, neue Kriege". Die Erzählung enthält für einschlägig Interessierte viele bekannte Dinge, aber Förster nutzt den knappen Raum geschickt aus, um auch immer wieder Analysen und Bewertungen unterzubringen oder eher unbekannte Seiten dieser Epoche zu beleuchten. So legt sie ein besonderes Gewicht auf die internationalen Arbeitskämpfe; 1919 war ein Jahr, in dem die Gewerkschaften zahlreiche Errungenschaften erlangten (und Rückschläge erlitten), die uns heute noch begleiten. Eine eher konventionelle Erzählung stellt die über die Versailler Verhandlungen dar, wo Förster aber, ganz im Zeichen der europäischen Fortschrittserzählung, auch die Versuche von Frauengruppen für mehr Repräsentation oder die Problematik der rassistischen Prämissen der Friedensmacher in den Blick nimmt. Leider muss man sagen, dass die von Förster dargelegte Frühphase des Faschismus vermutlich noch bei weitem nicht so vielen Leuten bekannt ist, wie man sich das wünschen würde. Insgesamt ist das Buch daher als Einstiegs- und Überblickswerk sehr zu empfehlen.

Matt Kindt - Mind MGMT Omnibus (Teil 1, Teil 2, Teil 3), Deutsch Teil 1, Teil 2, Teil 3

Matt Kindts "Mind MGMT"-Epos habe ich bereits einmal hier rezensiert und anlässlich meines Erwerbs des Brettspiels erneut gelesen. In drei umfangreichen Sammelbänden (die in der englischen Variante recht günstig, in der deutschen leider recht teuer sind) liegt hier die ganze Saga um die fiktive (?) Organisation Mind MGMT vor, deren parapsychische Spione in ein Netz von Intrigen verwickelt sind. Die Organisation wurde eigentlich aufgelöst, aber der mysteriöse "Eraser" versucht, sie neu zu gründen, wogegen sich einige Veteran*innen zu stellen versuchen. Die Erzählung nutzt einerseits die Konventionen des Spionagethrillers und arbeitet auf der Plotebene mit zahlreichen Rückblenden und Erkenntnissen (es werden permanent neue Seitencharaktere eingeführt, die die schillernde Geschichte der Organisation beleuchten) und bricht gleichzeitig mit sämtlichen erzähltechnischen Konventionen. Dasselbe gilt für den etwas skizzenartigen Zeichenstil; Matt Kindt weiß mit der Konstruktion seiner Panels immer wieder zu überraschen und auch die Seitenränder für die Erzählung zu nutzen. Die Story ist verworren und verwickelt und recht komplex, aber man kann die Geschichte auch als eine Vibe-Geschichte lesen. Man braucht eine gewisse Toleranz für die zahlreichen Absurditäten der Geschichte, die sich gleichzeitig hochgradig ernst nimmt - vermutlich die einzige Art, wie psychisch trainierte Black Ops Delphine irgendwie Sinn machen können.

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