Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Grüne Pläne
Die Grünen haben eigene Pläne vorgelegt, wie in der aktuellen Krise reagiert werden sollte. Zentrale Elemente sind eine dreimonatige Rückkehr des 9-Euro-Tickets und eine Abwrackprämie für Heizungen. Ich bin etwas zwiegespalten deswegen. Auf der einen Seite ist das eine wesentlich bessere Kommunikation als das, was sie an der Regierung abgeliefert haben. Abwrackprämie statt Heizungsverbot ist sicherlich ein erfolgversprechenderer Ansatz. Auf der anderen Seite sind das natürlich super kleinteilige Regelungen, die weder bei der Klimakrise noch bei der aktuellen Wirtschaftskrise eine große Auswirkung haben werden. Ich finde es bemerkenswert, wie sehr sie das Vorgehen der aktuellen Regierung spiegeln: statt Tankrabatt 9-Euro-Ticket, statt der Abwrackprämie für neue Verbrenner eine für Wärmepumpen. Sehr kleinteilig. Aber auch irgendwo realistisch - und zeigt einmal mehr, wie wenig radikal die Partei ist und wie problemlos die gegebenenfalls mit der CDU regieren könnte.
2) Verschwörungstheorien
In den USA grassieren gerade Verschwörungstheorien, dass das Trump-Attentat gefaked sein soll. Auf der einen Seite bin ich völlig bei Markus Feldenkirchen, dass hier eine gewisse karmale Gerechtigkeit vorliegt, dass der ständige Verbreiter von Verschwörungstheorien nun einer solchen selbst zum Opfer fällt. Auf der anderen Seite ist die Theorie als solche aber völlig absurd. Erstens würde sie erfordern, dass ein Schütze ein sich bewegendes Ziel (Trump) um ungefähr 5mm verfehlt. Das ist...etwas risikoreich. Dazu würde es, wie bei all diesen absurden Verschwörungstheorien, erfordern, dass keine Ahnung wie viel Beteiligte die Klappe halten. Und zuletzt, und das ist der Faktor, bei dem mich die beste Erklärung dafür verlieren würde, erforderte eine solche Verschwörung, dass die inkompetenteste, dümmste Regierung aller Zeiten das hinbekommt. Sorry, einfach nein.
3) Das Ende von FCAS
Wie es zum Zeitpunkt dieses Artikels aussieht, ist FCAS vor dem Aus. Marina Kormbacki sieht darin ein grundsätzliches Versagen von deutscher und französischer Politik. Die fehlende Rüstungsintegration in Europa ist ein Dauerthema: alle Staaten sind zu egoistisch und unterlaufen ständig die Wettbewerbsregeln. Aber ich bin auch unsicher, wie funktionsfähig dieses System aktuell wäre: wenn in Frankreich der FN die nächste Wahl gewinnt, wollen wir dann wirklich von der französischen Rüstungsindustrie abhängig sein? Wir sehen gerade ja, wie toll das mit den USA läuft. Vielleicht ist das Ende von FCAS daher kein Beinbruch. Was wir aber auf jeden Fall brauchen, ist mehr strategische Integration, und hier ist die Sprachlosigkeit zwischen beiden Ländern ein Problem. Bereits 2021 schrieb Jörg Lau, dass Franzosen und Deutsche massiv aneinander vorbeireden. Und Thorsten Brenner identifiziert einen antifranzösischen Bias des deutschen sicherheitspolitischen Establishments. Gleichzeitig ist auch allen bewusst, dass die Franzosen nichts lieber hätten, als dass wir ihre Pseudo-Großmachtpolitik bezahlen. Da ist noch viel Kärnerarbeit zu betreiben.
4) Das Mindset der Milliardäre
Jeff Spross schreibt auf Twitter: "I feel like “people in positions of immense wealth, power and prestige in the economy are often extremely dumb” is an Occam’s Razor that explains a great deal of craziness in the world, but also one that a lot people who generally aren’t dumb are nonetheless loath to consider." Er sieht sich in einem aktuellen NYT-Artikel belegt, in dem Ross Douthat aus einer sehr freundlichen Perspektive über das völlige Scheitern von Elon Musk schreibt. Und ich kann ihm nur zustimmen. Musk ist tatsächlich eine dieser merkwürdigen Figuren, die auf einigen Feldern absolut brillant und auf anderen unendlich dumm sind. Ich glaube, irgendetwas an diesem Superreichtum macht echt das Hirn kaputt. Noah Hawley beschreibt das in einem exzellenten Essay im Atlantic. Ich habe ja auch meine Meinungen zur deutschen Autoindustrie, aber ich würde nie auf die Idee kommen, dass ich als CEO von Daimler einen besseren Job machen würde als die aktuelle Riege dort. Aber Leute wie Musk sind der Überzeugung, sie könnten ALLES. Douthat formuliert es perfekt: "This [das Scheitern von DOGE] was not an unexpected outcome, and it was strange to watch a man of Musk’s capacities burn political capital and the energy of his apprentices just to discover that the real money is in big popular entitlements that can’t be cut by presidential fiat." Es ist völlig offensichtlich und jedem, der auch nur ein Quäntchen Wissen über das System hat, in dem Musk da amateurhaft herumfuhrwerkt, auch klar. Aber jemand, der so blöd ist wie Musk, eben nicht. Es ist die Hybris, die sich auf der Hyperkompetenz auf anderen Feldern ergibt. Aber die überträgt sich halt nicht einfach. Stattdessen führt diese Hybris in sehr altbekannte Gefilde. Es ist ja kein Zufall, dass die Techmogule alle "auf Regime-Change setzen", wie Hannah Pilarczyk im Spiegel schreibt. Christian Stöcker kommentiert das im Spiegel ausführlich. Und ich sag's immer wieder.
5) Gerrymandering in den USA
Seit Langem wird in Bezug auf die US-Politik über die Praxis des Gerrymander diskutiert, den vor allem die Republicans seit dem Projekt "REDMAP" 2010 aggressiv verfolgen und dazu nutzen, demokratische Wahlergebnisse verzerren. Wie bei so Vielem hat Trump es überzogen und einen "Enormous Gerrymandering Blunder" hingelegt. Die Prämisse war grundsätzlich stabil: wie in den letzten 16 Jahren würden die Democrats niemals mit gleichen Mitteln gegen das Gerrymandering der Republicans angehen, sondern wie immer überparteiliche Reformen verlangen (die natürlich nicht passieren werden). Doch die Democrats haben, so unwahrscheinlich das auch sein mag, tatsächlich lang genug in ihrer Hose gesucht und ein paar Eier gefunden. Sie haben ihre Drohung, gegen die aggressiven Gerrymander zurückzuschlagen, wahrgemacht und erst in Kalifornien und nun in Virginia ebenfalls aggressive Gerrymander durchgeführt. Praktisch alle Beobachtenden und auch die Democrats selbst sind sich einig, dass das scheiße ist - der Gerrymander ist demokratieschädlich und sollte nicht sein. Aber ebenso sind sich mittlerweile alle einig, dass es nicht anders geht. Die Republicans lassen einfach keine andere Wahl mehr.
6) Fallstricke der Kommunalpolitik
Die Welt hat einen absolut faszinierenden Gastbeitrag des früheren Wuppertaler Oberbürgermeisters Uwe Schneidewind, der aus dem Nähkästchen plaudert und unideologisch erklärt, warum die Kommunen oft dysfunktional sind (und trotzdem insgesamt recht gut funktionieren). Das Ding ist in seiner Gänze lesenswert, aber ich will einen Aspekt besonders herausgreifen, nämlich den zur Entbürokratisierung: "Dieser Regelflut kommt man nur bei, wenn eine Gesellschaft wieder mutiger wird: bereit ist, geringere Schutzstandards zu akzeptieren, mehr Eigenverantwortung einzufordern und nicht in jedem Fall auf maximale Einzelfallgerechtigkeit zu drängen. Das ist politisch hoch anspruchsvoll. Zu gut sind die Interessengruppen hinter jeder einzelnen Norm organisiert, zu etabliert ist die Empörungskultur schon bei kleinsten Ungerechtigkeiten." Schneidewind hat 100% Recht damit, und das ist etwas, das mich an dem Entbürokratisierungdiskurs, wie er normalerweise geführt wird, so wahnsinnig macht: diese Dimension wird null bedacht. Natürlich haben wir zu viel Bürokratie, aber jede davon ist für sich genommen sinnvoll. Pauschal zu schimpfen ist also Quatsch, denn dann wird die jeweilige Interessengruppe dahinter nie überwunden werden können. Es braucht den aktiven Buy-in in weniger Sicherheit und geringere Standards. Das ist ein hartes Brett zu bohren, aber nur dann wird man ehrlich und nachhaltig über Bürokratieabbau diskutieren können - und dann braucht man auch keine Kettensäge, sondern kann mit dem Skalpell ran.
7) Rauchverbot
Und wo wir gerade bei sinnvollen Regulierungen sind: Großbritannien, das Mutterland des Laissez-Faire, verabschiedet gerade das härteste Rauchverbot der Welt. Das Ziel ist es, effektiv das Rauchen vollständig zu beseitigen. Der Artikel von Ingo Arzt betont vor allem zwei Aspekte, die dieses Gesetz - neben seiner Härte - so besonders machen. Das erste ist eine jahrzehntelange, gesamtgesellschaftliche Tabuisierung von Rauchen. Das tödliche Laster ist in Großbritannien viel weniger verbreitet als hier (um den Faktor 50%), und der Konsens, dass es ganz zerstört werden sollte, zieht sich durch alle Parteien (außer natürlich den Rechtspopulisten um Farage, die es wieder abzuschaffen geloben, denn wann imemr etwas den Menschen schadet, findet man dieses Gesindel weit vorn). Das zweite ist der lange Atem der Maßnahme selbst: Schritt für Schritt wird die Altersgrenze fürs Rauchen angehoben, so dass bestehende Raucher*innen nicht betroffen sind, sondern das Übel an der Wurzel gepackt wird: den neuen Konsumierenden. Am Ende der Gesetzeslaufzeit wird die Altersgrenze fürs Rauchen nicht wie bei uns 18 betragen, sondern 32. Das ist natürlich erst einmal kein Erfolgsgarant; die meisten deutschen Rauchenden haben ja auch vor dem 18. Lebensjahr angefangen. Vielmehr ist es eine Frage der Strenge der Durchsetzung und eben des gesamtgesellschaftlichen Konsens' hinter dem Rauchen - oder besser: seiner undesiarability - , der hier entscheidend ist. God save the King.
Resterampe
a) Die Bessermänner und ihre unerträgliche Selbstinszenierung. Es ist das ewige schlechte Gewissen, das sich immer in Ablehnung derjenigen entlädt, die besser sind als man selbst. Es ist dieselbe Motivation, die Ablehnung von Vegetarismus/Veganismus, von Umweltschutz und so weiter befeuert. Selbst ein Philipp Amthor scheint das mittlerweile verstanden zu haben.
b) Ulf Porschardt stellt fest, dass es das Overtonfenster gibt.
c) Jörg Lau führt völlig zu Recht viele heutige amerikanische Probleme auf Dubbya zurück.
d) In Frankreich übernimmt gerade auch ein rechtsextremer Milliardär die Medien. Was soll schon schief gehen? Ich komme immer wieder darauf zurück.
e) Tempolimit 120 für die Bahn? Deutschland, ein gelähmtes Land. Die Bahn ist echt völlig verrottet.
f) Andreas Püttmann zum Rechtsruck.
g) 54books hat einen lesenswerten Artikel zur Geschichte des Gebärens.
Fertiggestellt am 26.04.2026
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