Freitag, 17. April 2026

Rezension: Andreas Fulda - Wenn China angreift. Ein Szenario

 

Andreas Fulda - Wenn China angreift. Ein Szenario (Hörbuch)

Nach dem Angriff Putins auf die Ukraine und dem Trumps auf den Iran ist die Möglichkeit, dass China seine imperialen Ambitionen wahrmachen und die aus seiner Sicht abtrünnige Provinz Taiwan angreifen und annektieren könnte in der Wahrscheinlichkeit stark nach oben gerückt. Xi Jinping hat die chinesischen Streitkräfte bereits vor geraumer Zeit angewiesen, bis 2027 bereit militärisch zu sein, die Invasion Taiwans durchzuführen. Spätestens 2049, zum hundertjährigen Jubiläum des Siegs im Bürgerkrieg, haben sich die Kommunisten ihre eigene Zielmarke gesetzt: bis dahin muss Taiwan wieder mit der Volksrepublik "vereinigt" sein, alles andere wäre eine Blamage und unerträgliche Demütigung für ein Land, in dem nationale Ehre ein wesentlicher Treiber der Außenpolitik ist. Andreas Fulda, Politikwissenschaftler an der Universität Nottingham und Kenner sowohl Chinas als auch Taiwans, warnt bereits seit geraumer Zeit davor, dass China eine aggressivere Außenpolitik fährt und der Westen sich darauf vorbereiten muss. Er hat nun ein Buch vorgelegt, in dem er "ein Szenario" entwirft, wie eine Annexion Taiwans aussehen und welche Konsequenzen sie haben könnte. Angesichts dessen, dass gerade Deutschland wie so oft nicht damit zu rechnen scheint, dass passieren wird, was für uns sehr unangenehm wäre, und die Augen verschließt, ist das ein wichtiger Debattenbeitrag - ungeachtet dessen, wie man zu den konkreten Szenarien steht, für die Fulda explizit auch Kritik und Debatte einfordert.

Fuldas Szenario beginnt im Frühjahr 2027 mit einem Unfall: während der schon fast routinemäßigen Provokation Taiwans durch Verletzungen des Luftraums stürzt ein chinesischer Pilot ab und stirbt. Dies führt sofort zu einer Verschärfung der chinesischen Rhetorik und einem Informationskrieg, der Taiwan die Schuld an dem Zwischenfalls zuschiebt. Innerhalb Taiwans herrscht ein großer innenpolitischer Konflikt: die regierende DDP ist für eine klare, von China unabhängige Politik und wird deswegen von China auch als feindlich betrachtet. Die größte Oppositionspartei, die KMT (Chinesische Volkspartei), die lange Jahre selbst an der Regierung war und eine "Normalisierung" der Beziehungen zu China vertreten hatte, verurteilt scharf die Politik der DDP und fordert eine Einigung mit China, notfalls unter Aufgabe der Souveränität des Landes. China nutzt zudem weitere innere Konflikte Taiwans: die taiwanesischen Triaden sind unpolitisch und haben kein Problem, für entsprechende Bezahlung für China zu arbeiten. Sie inszenieren ein Attentat auf den taiwanesischen Präsidenten, das die Konflikte im Land deutlich erhöhen und die Politik damit lähmen soll.

Die chinesische Regierung beginnt, eine Seeblockade von Taiwan durchzuführen. Gleichzeitig werden im Geheimen Truppenverbände an der ostchinesischen Küste zusammengezogen. Fulda legt in seiner Darstellung großes Gewicht auf die öffentliche Meinung, sowohl in China und Taiwan als auch im Westen. Der KPCH gelingt es hier, von Anfang an die Oberhand zu behalten und großen Zweifel in den westlichen Öffentlichkeiten zu erhalten, und die westliche Öffentlichkeit zu spalten: eine Antikriegspartei formiert sich schnell und nimmt das massiv gepushte Narrativ von "innerchinesischen Angelegenheiten" und der taiwanischen Schuld auf, so dass es zu keiner einheitlichen und schnellen Reaktion kommt.

Und Geschwindigkeit kennzeichnet in Fuldas Szenario das Handeln der chinesischen Regierung eindeutig. Die Blockade zeigt sofort starke Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, weil die Durchfahrt durch die Straße von Taiwan, die immerhin 30% des Welthandels passiert, eingeschränkt wird. Fulda konnte das nicht wissen, aber Trumps Angriff auf den Iran 2026 hatte bei wesentlich geringerem Welthandelsvolumen der Straße von Hormus bereits starke Effekte. Taiwans eigene Abhängigkeit vom Welthandel schlägt sofort durch: das Land ist auf Importe von Getreide angewiesen, die nun nicht durchkommen, und hat keine großen Lagerbestände.

Die chinesische Regierung mobilisiert zudem einen großen Teil der privaten Fischerflotte und rüstet diese mit militärischer Nachrichtentechnologie aus. Dadurch ist sie in der Lage, mit einer Vielzahl von Schiffen ein enges Netz um Taiwan zu ziehen, das gleichzeitig die Blockade aufbaut und spioniert und sich gegenüber dem Ausland als Protest der Fischer gegen Taiwans Aggressionen tarnt. Als der eigentliche Angriff beginnt, ist Taiwan deshalb isoliert.

Der chinesische Angriff verläuft in  Fuldas Erzählung aus mehreren Gründen recht reibungslos. Einmal hat die innenpolitische Lähmung Taiwans durch den Streit der beiden großen Parteien eine effektive Verteidigungspolitik verhindert; viele der Befestigungen und Notfallpläne sind nicht in dem Maß implementiert, wie sie implementiert sein sollten, weswegen die theoretische Kapazität Taiwans höher ist als die tatsächliche. Ebenfalls stark ins Kontor schlägt die Illoyalität eines ehemaligen taiwanesischen Spitzenmilitärs, der sich von den Chinesen hat kaufen lassen und ihnen Informationen über die Stellungen und Pläne der Regierung gegeben hat. Chinesische Spione nutzten die liberale Atmosphäre des Landes zudem aus, um in mehreren Besuchen das Regierungsviertel zu vermessen, so dass es im chinesischen Hinterland nachgebaut und für Trainings genutzt werden konnte.

Dieses Training erlaubt eine Kommandomission, in der der Präsident und seine Vizin festgesetzt werden. Das Internet wird quasi komplett geblockt und abgeschaltet. Gleichzeitig verläuft die Landung zwar verlustreich, aber erfolgreich. Nachdem der Strand eingenommen ist, ist die Eroberung der restlichen Insel nur noch eine Frage von Tagen; die Truppen, die sich ins Gebirge zurückgezogen haben, kapitulieren schließlich mit dem Rest der Insel, so dass die Welt weitgehend vor einem fait d'accompli steht.

Mit diesem Status beginnt der zweite Teil des Buchs. Hier befasst sich Fulda mit den Folgen des Angriffs. Die USA unter ihrem isolationistischen Präsidenten (es ist Trump gemeint, aber natürlich nennt Fulda keine Namen) können sich nicht auf eine gemeinsame Linie einigen. Zudem stehen sie unter dem Schock eines chinesischen Cyberangriffs, der Teile der Ostküste für Stunden in einen Blackout tauchte. Ein großer Teil der Öffentlichkeit und der MAGA-Bewegung will keinen Krieg für Taiwan; entsprechend verzögert ist die US-Antwort (die dann auch vor allem diplomatische Protestnoten enthält). Noch schlimmer ist die Lage in Europa, das, verstärkt durch die hybride Kriegsführung der Chinesen, ebenfalls eine pazifistische Mehrheit hat.

Die Verwerfungen durch die Blockade allerdings führen sowohl in den USA als auch in Europa zu einer Wirtschaftskrise, auf die beide unzureichend vorbereitet sind - anders als die Chinesen, die sich seit vielen Jahren vorbereiten und entsprechend große Lager angelegt haben, um Sanktionen überstehen zu können. Fuldas Kritik an der mangelnden strategischen Weitsicht der westlichen Welt ist implizit, aber deutlich vernehmbar. Damit überlassen die USA den Chinesen effektiv die Kontrolle über die Taiwanstraße und den Handel in der Region, was zu einem diplomatischen Realignment in der Region führt: das offensichtliche Versagen der USA, ihre Verbündeten zu schützen, lässt Länder wie Vietnam oder die Philippinen den Ausgleich mit dem neuen Hegemon suchen. Japan indessen rüstet massiv, auch nuklear, auf, um sich gegen die chinesische Bedrohung schützen zu können, während die Chinesen Ansprüche auf japanisches Gebiet erheben.

Die Folgen für Taiwan selbst sind katastrophal. Das Land wird in China eingegliedert, die Bevölkerung in drei Gruppen eingeteilt: eine, die als reumütig gilt (etwa die Anhänger*innen der KMT), eine, die als reformierbar gilt und in Umerziehungslagern einige Jahre "Loyalität" lernen darf, und eine, die als gefährliche Verbrecher verfolgt wird. Zu den chinesischen Kriegsvorbereitungen gehörte auch die Erstellung extensiver Listen; wer sich jemals im Internet abfällig gegenüber China äußerte, wird nun als Feind verfolgt. Wer das Glück hat, nie online gewesen zu sein, wird meist als "reumütig" geführt. Das dystopische Szenario endet in Schauprozessen gegen die ehemalige DDP-Führung, die ihre Schuld rituell eingestehen und zum Tode verurteilt, dann jedoch begnadigt werden.

Das Ausland greift auch deswegen nicht ein, weil China die in Taiwan lebenden Ausländer*innen geschickt als Verhandlungsmasse nutzt. Im Einklang mit dem Völkerrecht (worauf China auch in Fuldas Szenario großen Wert legt, was ich für realistisch halte) erlaubt es den Abzug sämtlicher

Der dritte Teil des Buches verabschiedet sich von dem Szenario und erklärt Taiwan und die völkerrechtliche Situation näher. Fulda widmet sich hier in großer Schärfe den deutschen "China-Expert*innen", die er als wesentlich zu weich gegenüber China sieht, und verurteilt scharf auch die Begeisterung über bestimmte Elemente der Politik des Landes. Hier wird er sich sicher wenig Freunde machen, aber gerade die pointierte Schärfe seiner Attacken einerseits und der Worst-Case-Natur seines Szenarios andererseits (die er freimütig zugibt) helfen natürlich der Popularität des Buches und seines Autors enorm.

Wichtig ist für Fulda in diesem Abschnitt vor allem, dass Taiwans völkerrechtlicher Status bei weitem nicht so unklar und umstritten ist, wie gerade in der deutschen Öffentlichkeit gerne getan wird. Er insinuiert hier auch immer wieder, dass der Erfolg der chinesischen Propaganda bei diesen Fehlvorstellungen eine größere Rolle spiele.

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Insgesamt war das Buch eine positive Leseerfahrung: Fulda schreibt flott und spannend, entwirft skizzenartig einige Charaktere und weiß einen Spannungsbogen zu entwerfen. Dabei verflechtet er Informationen und Spekulation auf eine unterhaltsame Art und Weise. Gerade andere Expert*innen dürften Fulda heftig widersprechen, aber er besetzt natürlich auch eine Lücke im deutschen Diskurs: es fehlt schlicht an profilierten Stimmen in der Sicherheitspolitik ganz generell, und so kann praktisch jede*r, der oder die sich kompetent zu einem Thema äußern kann, die Stimme dieses Themas werden. Das lief im Sicherheitshalber-Podcast ja genauso. Mir fehlt jegliche Kompetenz im Thema, um Fuldas Angebot, seine Thesen konstruktiv zu kritisieren, annehmen zu können. Ich kann nur feststellen, dass ich seinen grundsätzlichen Pessimismus teile und das Werk überwiegend plausibel finde.

Wo ich Fragezeichen setzen würde sind vor allem zwei Felder. Einmal ist es die große Bedeutung, die Fulda dem Verrat eines einzelnen Offiziers beimisst. Da wir nicht wissen, ob China einen solchen Geheimdienstcoup gelandet hat, handelt es sich hier um das spekulativste Element, auf dem aber einige Grundannahmen ruhen. Zum anderen ist es die Reibungslosigkeit, mit der alles vonstatten geht: natürlich ist es ein Worst-Case-Szenario (oder aus Chinas Sicht Best-Case), aber gerade der russische Überfall auf die Ukraine hat gezeigt, wie schnell ein solches Szenario in ein Desaster für den Angreifer eskalieren kann. Im Falle einer amphibischen Landung auf einer so befestigten Insel wie China ist das nicht auszuschließen.

Ebenfalls sehr realistisch empfinde ich die Mimikry von Protesten, die China im Vorfeld des Angriffs hier betreibt. Dabei werden westliche Protestformen imitiert - die Fischerproteste erinnern an die Bauernproteste mit ihren Traktoren -, sind aber in Wahrheit staatsgesteuert und militarisiert. Ihre Inszenierung aber spaltet die westliche Öffentlichkeit und gibt dem chinesischen Narrativ Glaubwürdigkeit, die jedes Handeln um den entscheidenden Anteil verzögert.

Ob man die Annahmen Fuldas teilt oder nicht - in jedem Fall dürfte sein Buch eine Debatte befeuern, die in Deutschland mehr als überfällig ist.

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