Donnerstag, 17. Dezember 2009

Chuzpe als Generationengerechtigkeit

Ein Gastbeitrag von Jürgen Voß.


Das schöne jiddische Wort „Chuzpe“ wird in der Regel mit „Rotzfrechheit“ übersetzt. Um „Chuzpe“ zu veranschaulichen, wird oft die Geschichte von dem Mörder erzählt, der Vater und Mutter umgebracht hat und dann vor Gericht mildernde Umstände für sich reklamiert, da er ja jetzt Vollwaise sei.


Wer in diesen Tagen und Wochen das neoliberale Leitmedium unserer Zeitungslandschaft, die Süddeutsche, aufmerksam liest, bekommt weiteren Anschauungsunterricht in Sachen „Chuzpe“.


Anstatt angesichts des Desasters, das die neoliberale Ideologie weltweit angerichtet hat, wenigsten einen Moment der Reflektion einzulegen, macht die nach wie vor marktradikal ausgerichtete Wirtschaftsredaktion der SZ einfach fröhlich weiter, als wenn nichts geschehen wäre.


Guido Bohsem setzt bei der Rentendiskussion weiter auf die demographische Trumpfkarte; Marc Beise, der neue neoliberale Star, will Deutschland komplett deindustrialisieren und zur „Wissensgesellschaft“ umfunktionieren und Nikolaus Piper, der marktradikale Mentor des Blattes, der heiße Befürworter der “neoliberalen Einwanderungsgesellschaft“, der Bejubler deregulierter Finanzmärkte, der Bewunderer von Ackermann und Konsorten, inzwischen Amerika Korrespondent, kennt in Sachen neoliberaler Ideologie weiterhin keine Kompromisse: Er empfiehlt uns nach wie vor die Orientierung am amerikanischen Modell:


Dort sei „die Arbeitsproduktivität drastisch gestiegen, während sie bei uns gesunken ist“ (wenn Millionen entlassen sind, steigt natürlich die Produktivität der übrig gebliebenen, eine tolle Erkenntnis! J.V.). Deshalb sollte keine Gewerkschaft auf Lohnprozente pochen, sondern auf „Beschäftigungssicherung“ setzen. Das habe die IG Metall verstanden, Verdi noch nicht.“


Auch der prekäre Arbeitsmarkt sei schon in Ordnung. Eine schlecht bezahlte Beschäftigung zu haben, sei immer noch besser als gar keine: „Wenn man kurze Zeit einen schlechten Job hat, ist dies hinnehmbar. Wichtig ist, dass aus diesem Job heraus ein Aufstieg in ein reguläres Arbeitsverhältnis möglich ist.“ (Das ist ja bei uns garantiert der Fall! J. V.)

Dazu muss man das amerikanische Modell nicht kopieren. Aber lernen kann man schon von Amerika“ (alle Zitate aus dem Kommentar“ Die Zukunft der Arbeit“ in der SZ vom 17 Dezember 2009.


Als „älterer Herr“, der das Arbeitsleben hinter sich hat, steht es mir nicht zu, angesichts eines solchen Unfugs persönlich zu werden. Wäre ich jetzt ein junger Mensch, der trotz glänzender Examina, trotz Auslandsaufenthalte, trotz guter Fremdsprachenkenntnisse, trotz hervorragenden Computerwissens sein Dasein in einem Callcenter oder als Praktikant ohne Bezahlung fristen muss (wie es tausende leider tun), dann würde ich Herrn Piper mal fragen, ob er, mit seinem kleinem volkswirtschaftlichen Studium aus den frühen siebziger Jahren und einem Volontariat bei einen Provinzblättchen in der heutigen Zeit für sich noch den Hauch einer Beschäftigungschance sähe.


Eine Generation, die es so leicht gehabt hat wie keine zuvor, empfiehlt heute den jungen Menschen, die arbeiten wollen und können, die alternativlose Akzeptanz barbarischer Arbeitsmarktmodelle, die der eigenen persönlichen Biografie, die von einer nie gekannten Fülle an Chancen geprägt war, diametral entgegenstehen.


Dies ist nicht nur zynisch, es ist hochgradig unsensibel und menschlich widerlich. Es ist eiskalte Chuzpe.

Kommentare:

  1. Ergänzend muss ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht werden, dass dieser Nikolaus Piper auch Wirtschaftsjournalist beim "VORWÄRTS" war. Ja ja, beim "VORWÄRTS" und dieses zu einer Zeit, als man dieses Blatt noch in Nähe von "links" verorten durfte.

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  2. Der Neoliberalismus ist so simple gestrickt, dass ihn jeder Blödmann kapiert und an Blödmännern hat es noch nie gemangelt. Leider auch nicht an Leuten, die es besser wissen könnten wenn sie den wollten. Allerdings muss man sich wohl darüber klar sein, dass man es als Kritiker des ökonomischen Mainstreams nur schwer zu etwas bringt und die Wahrscheinlichkeit, es bis in eine der "großen" Wirtschaftsredaktion zu schaffen eher gering ist. Wenn man sich ein wenig näher mit den Dingen befasst fällt auf, dass es durchaus genug kluge Leute gibt, die es besser wissen -nur kannt sie kaum jemand, weil sie nicht in die Talkshows eingeladen werden. Dort sitzen nur solche Leute, die im "Vorgespräch" gezeigt haben, dass sie "auf Line" sind. Wir haben es hier mit etwas zu tun, was die Gesellschaft wie einen Sekte unterwandert hat und dazu geführt hat, dass auf nahezu allen wichtigen Positionen Leute sitzen, die das neoliberale Credo in die Welt hinaus tröten.
    Die dümmste Theorie aller Zeiten (Scheunemann) wird uns wohl noch einen Weile erhalten bleiben auch wenn immer mehr Leuten auffällt, dass sie nicht stimmen kann, weil die Realität (Armut, Arbeitslosigkeit, Ausbeutung) sich auf Dauer nicht leugnen lassen wird.

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  3. Das ist so nicht ganz richtig; der Neoliberalismus ist schon eine komplexe Wirtschaftstheorie. Nur die Deppen, die sie umsetzen wollen, reduzieren das immer auf "ich will mehr Geld".
    Das ändert natürlich nichts dran, dass der Neoliberalismus dumm ist und nicht funktioniert, aber primitiv ist er auch nicht. ^^

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  4. http://de.wikipedia.org/wiki/Neoliberalismus

    Insbesondere bitte die Abschnitte zu
    Alexander Rüstow:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Neoliberalismus#Alexander_R.C3.BCstow_und_Wilhelm_R.C3.B6pke

    und zu Milton Fridman lesen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Neoliberalismus#Milton_Friedman



    Kurz: Rüstow befürwortet Konkurrenz
    unter scharfer staatlicher Kontrolle, der Staat soll die Regeln setzen...
    Fridman will den Staat soweit wie möglich beschneiden und einige publizistische Volldeppen haben daraus die Theorie vom "Small State" gemacht und geben vor, nie darüber nachgedacht zu haben, wer denn dann das vom verkleinerten Staat hinterlassene Machtvakuum ausfüllen würde...


    Ach ja, und die vielgelobte Privatisierung der Rente, ob als Riester-Rente oder als "Pensionsfond": guckt nur mal, wieviele US-Pensionsfonds gerade pleite gehen.

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  5. Auch wenn Neoliberalismus-Bashing grade "in" ist - bringen tut es nichts.

    Klar, der sogenannte Neoliberalismus ist ein nettes Opfer auf den man jetzt die ganze Schuld abladen kann, das BILD-Volk LIEBT eben Verschwörungstheorien und einfache Formeln (wie z.B. Weniger Staat = mehr Wohlstand für alle).

    Was mir in der politischen Öffentlichkeit gerade fehlt ist ein gewisses "Innehalten". Also sich zu überlegen an welchen Stellen repariert werden sollte. An welchen Stellen man das mit dem weniger Staat besser lassen sollte (Bildung, Bahn) und an welchen Stellen ein Neuanfang sinnvoll wäre (Gesundheit, Steuer, Rente)

    Und noch ein wenig Haarspalterei zum Schluss: Der Neoliberalismus funktioniert in der Praxis schon, nur gefallen uns die Ergebnisse nicht.

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