Montag, 30. Juli 2012

Das Geld-Paradoxon

Von Marc Schanz

Es gibt mehr als tausend und eine Geschichte über das goldene Kalb der Moderne, unser geliebtes Geld. Viele davon sind wahr, denn Geld hat viele Gesichter, doch noch mehr davon sind unwahr. Gerade in Krisenzeiten verbreiten sich die dümmsten Geschichten unter ihnen und das ist äußerst gefährlich. Einerseits bedeutet Geld nahezu unbegrenzte Freiheit, andererseits kann es zu einem vollständigen Verlust derselben führen. Leider ist es möglich, Unfreiheit als Freiheit zu verkaufen - einfach deshalb, weil nur die Wenigsten von dieser Gefahr ahnen und noch weniger die Konsequenzen ökonomischer Entscheidungen verstehen.

Ich erzähle euch heute eine Geschichte über das Geld, die ihr so noch nicht gehört habt. Ich werde euch die Frage beantworten, worin der Wert des Geldes besteht und am Ende werdet ihr wissen, dass ihr ihn selbst bestimmt.

Mit Geld kann man sich die schönsten Dinge kaufen, Geld hat also einen Wert. Nicht wenige Zeitgenossen meinen jedoch, Geld sei nur bedrucktes Papier. Das ist richtig, Geld kann über Nacht einfach so seinen Wert verlieren und zu einem nutzlosen Fetzen Papier werden. Obwohl sich die sichtbaren Eigenschaften einer Banknote nicht verändern, kann sich dessen Wert in Luft auflösen. Der Wert scheint demnach etwas Magisches, zumindest etwas Unsichtbares zu sein.

Versuchen wir, die Spur aufzunehmen. Gehen wir auf den Markt und schauen uns an, wie dort die Preise entstehen. In einer Marktwirtschaft geschieht dies, wie jeder von uns vor sich hin beten kann, durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Das Angebot kann ich sehr gut beschreiben: bei Produkten ist es die Stückzahl, bei Dienstleistungen die Arbeitsstunden, bei einer Mietwohnung die Quadratmeterzahl, usw.. Ein Angebot lässt sich also sehr genau in objektiv überprüfbaren Kennzahlen darstellen und erfassen. Doch was ist eigentlich die Nachfrage und wie kann ich sie messen? Sie ist im Grunde das Verlangen nach einer Ware oder Dienstleistung. Dieses Verlangen steckt in uns drin. Etwas, das in uns drin ist, kann man doch nicht messen! Doch, das geht. Der Trick ist ganz einfach. Ich schaue mir an, was jemand bereit ist zu geben oder zu leisten, um ein bestimmtes Gut zu bekommen. Nehmen wir an, ein neues Smartphone kommt auf den Markt. Der eine Interessent würde für das Smartphone einen ganzen Monat ohne Pause durcharbeiten, ein anderer würde es gegen sein noch nicht so altes Tablet eintauschen und jemand Drittes hat ein paar alte Goldmünzen, die er dafür her geben würde. Diese angebotenen Gegenleistungen, in denen sich das Verlangen manifestiert, können objektiv beschrieben und gemessen werden. Man könnte auch sagen, ein Angebot hat eine werthaltige Eigenschaft, die bei einem oder mehreren Menschen ein Verlangen nach diesem Objekt auslöst. Diese Eigenschaft kann sehr flüchtig sein, bei einem Apfel erlischt das Verlangen, wenn jemand anderes hinein beißt oder der ein oder andere Wurm bereits von ihm Besitz ergriffen hat. Bei Gold ist dies anders, seine werthaltigen Eigenschaften sind seit tausenden von Jahren stabil.
Jetzt ist es nur noch ein kleiner Schritt, das Angebot und die Nachfrage in einer Zahl ausdrücken zu können. Es fehlt nur ein Maßstab und genau das ist die Aufgabe des Geldes. Es kann den Wert von Angeboten und der Nachfrage messen. Das Verfahren ist nicht einmal schwer zu verstehen, denn es geschieht auf einem ganz einfachen Weg: durch einen simplen Vergleich. Es ist wie eine Messung mit einer alten Waage: in einer Schale liegt das zu messende Angebot bzw. Gegenleistung und in die andere Schale wird die richtige "Portion" Geld hinein gelegt, um die Waage ins Gleichgewicht zu bringen. Diese imaginäre Waage misst jedoch nicht das Gewicht, sondern ermittelt die "Schwere" des Wertes. Diese Waage existiert nicht in der Realität, denn sie befindet sich in unseren Köpfen - sie soll ja einen inneren Wert ermitteln. Sie wird immer dann aktiv, wenn wir einen Wert schätzen müssen. Diese unsichtbare, innere Bewertung wird erst sichtbar, wenn wir einen Kauf tätigen. Erst der Akt des Kaufes macht also die Nachfrage sichtbar und wird zu einer Messung eines inneren Wertes, nämlich des Verlangens - so sonderbar das auch klingen mag.

Geld muss ebenfalls einen Wert haben, ansonsten wäre ein Vergleich mit Waren oder Dienstleistungen nicht möglich. Wie entsteht dieser? Natürlich ebenfalls durch Angebot und Nachfrage. Das Angebot besteht aus der Geldmenge und die Nachfrage ist unser Verlangen nach dem Gut Geld.
Etwas abstrakter formuliert: der Marktwert besteht aus dem Zusammenspiel zweier dynamischer Konstrukte, dem Angebot und der Nachfrage, die jeweils aus individuellen Werturteilen bestehen. Die individuellen Werturteile werden über einen Maßstab vergleichbar gemacht, in dem der Markt ein Referenzobjekt auswählt. Legt der Markt ein Referenzobjektes fest, macht er dieses zu Geld. Diese Eigenschaft als Referenz ist selbst werthaltig, denn das Geld wird zur Messungen benötigt und wird auf Grund dessen nachgefragt.

Meine Geschichte über eines der Geheimnisse des Geldes beantwortet nur wenige Fragen, sie ermöglicht jedoch etwas viel Wichtigeres: die richtigen Fragen zu stellen! Zum Beispiel ist die Frage nach dem Wert des Geldes sinnlos, denn genau so gut könnte ich die Frage stellen: wie lange ist ein Kilometer? Geld ist der Maßstab des Wertes, es ist die Grundlage zur Wertermittlung. Der Wert von einem Euro ist daher immer und stets exakt ein Euro.

Es sind unsere Wünsche und Wertvorstellungen, die sich im Geld manifestieren.
Es ist eine Illusion zu glauben, Geld sei nur etwas abstraktes, objektives oder rationales, Geld ist ebenso dynamisch, subjektiv und irrational. Die Wissenschaft der Ökonomie erfasst nur die rationale Oberfläche des Geldes, hinter die düstere Fassade des Geldes möchte sie nicht schauen. Dort lauert eine fremde Welt, die sie nicht verstehen kann und will.
In einer Krise kommt diese zum Vorschein. Statt das Geld weiterhin als rationales Tauschmittel zu verwenden, wird es als Notgroschen gehortet. Obwohl objektiv alles Eigenschaften des Geldes gleich bleiben - weder die Akzeptanz des Geldes schwindet, noch ändert sich die Geldmenge - findet ein radikaler Qualitätwechsel des Geldes statt. Wir nehmen Geld plötzlich anders wahr. Stand früher die Möglichkeit, mit Geld etwas zu kaufen, im Vordergrund, wird jetzt der Sicherheitsaspekt, mit einem Geldvorrat für eine Notlage vor zu sorgen, zur dominierenden Handlungsmaxime. Dieser Qualitätswechsel des Geldes hat für die Realwirtschaft heftige Auswirkungen, denn ihr wird Geld entzogen und die Krise wird dadurch verschärft.
Der Gedanke, in einer Währung sind kulturelle Wertvorstellungen kodiert, verliert plötzlich seine Absurdität. Geld ist mehr als nur ein künstlicher Maßstab, es hat eine dunkle, kaum beherrschbare Seite, die sehr viel mit uns als Mensch zu tun hat.

Täglich halten wir Geld in unseren Händen, dennoch bleibt es merkwürdig unbegreiflich. Es ist jedoch beruhigend zu wissen, dass wir auch in Zukunft Geld haben werden. Denn solange wir Bedürfnisse nach Waren und Dienstleistungen haben, wird es Geld in dieser oder in einer anderen Form geben.
Geld ist in unserem Leben und in unserer Gesellschaft zu einer stabilen Konstante geworden, obwohl es aus einer unbeherrschbaren Dynamik besteht - ist das nicht ein herrliches Paradoxon?

Kommentare:

  1. Mehr Unfug geht wohl nicht in diesem Blog?

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  2. Der Markt ist unsere Religion und das Geld ist unser Gott. Manche töten für Geld die Meisten verbringen sogar ihr ganzes Leben damit Geld zu "verdienen". Nur durch Geld können wir Sklaven des Marktes unseren Lebensunterhalt sichern. Und wir bestimmen auch nicht was wir träumen und begehren. Man sagt es uns: die X-Box, das iPad, der Audi, das Eigenheim...."oh Lord would you buy me a Mercedes Benz...!" Dafür dürfen wir dann schuften und uns krumm machen ein Leben lang. Alles eine einzige Verwertungskette von der Geburt bis zur Bare. Unser Motto lautet nicht "liebe Deinen Nächsten" sonder "hohl das meiste für Dich raus"...Amen!

    PS: Tut mir leid, aber dieser Artikel provoziert ganz einfach einen ebenso emotionalen Kommentar.

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    1. @Wolfgang Buck

      Zwingt uns das Geld, eine X-Box, das iPad, usw. zu kaufen? Ich denke nicht, das hat viel mehr etwas mit uns zu tun. Geld kann Wunderbares ermöglichen. Mich hat vor allem das CERN und die Entdeckung des Higgs-Teilchen fasziniert. Es ist doch unglaublich, was Europa zu leisten in der Lage ist, wenn es solidarisch zusammen arbeitet und ein Projekt gemeinsam finanziert.
      Geld und der Markt sind für mich kein Teufelszeug, sie sind nur Mittel zum Zweck und somit erst einmal neutral. Zugegeben, die Verwertungslogik ist eine sehr gefährliche Angelegenheit, aber auch hier: es zwingt uns niemand, diese auf alle Bereiche auszudehnen. Es liegt immer an uns, was wir machen. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass es bequem ist, die Schuld auf ein abstraktes System abwälzen zu können.

      Wir alle müssen mehr über das Geldsystem wissen, nur so können wir die Alternativlosigkeit durchbrechen. Ich möchte nur dazu anregen, etwas tiefer zu schauen. Dann wird man erkennen, dass man auch selbst etwas ändern kann.

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    2. Die Verwertungslogik, umfasst mittlerweile sämtliche Lebenswelten: Lohnarbeitswelt, Bildung, Sozialer Bereich, Kultur, Sport, Zwischenmenschliches etc. Der Markt ist unser Gott und das Geld sein Instrument der Heiligsprechung.

      1.) Wie verändert Geld den Menschen?
      2.) Was passiert mit jemanden, der kein Vermögen besitzt und sich standhaft weigert, seine Arbeitskraft zu verkaufen?
      3.) Inwiefern hat der Gott-Markt-Leviathan Einfluss auf unsere Sprache, auf unsere zwischenmenschliche Kommunikation, auf unser Denken, unser Verhalten und unser Wertesystem?
      4.) Sind Menschen, die viel Haben, viel konsumieren können wirklicher glücklicher und zufriedener als Menschen, die wenig haben?
      5.) Hat das Geld dazu beigetragen, dass es weniger Scheidungen, weniger Umweltverschmutzung, weniger Gewalt, weniger Verbrechen, weniger zwischemenschlicher Hass usw. gibt oder hat es das alles eher befördert?

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    3. @epikur

      Ich persönlich trenne Geld und die Problematik der Verwertungslogik. Geld gab es bereits bevor die Verwertungslogik ihren Siegeszug antrat, es existierte auch schon, als es noch keine Umweltzerstörung gab. Geld ist ein Mittel, es kann auch sinnvoll eingesetzt werden.

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  3. "Zum Beispiel ist die Frage nach dem Wert des Geldes sinnlos, denn genau so gut könnte ich die Frage stellen: wie lange ist ein Kilometer?"

    Diese Aussage halte ich für falsch. Einen Kilomenter kann man eindeutig definieren. Den Wert des Geldes nicht. Wieso konnte bei der Hyperinflation in den 20er Jahren einfach eine neue Währung eingeführt werden und die Inflation hörte auf? Der Wert des Geldes hat viel mit Glauben zu tun. So lange wir Geld als Zahlungsmittel akzeptieren ist es etwas Wert. Verschiedene Ereignisse können diesen Glauben erschüttern.
    Das ist der Unterschied zu einem Kilometer. Der ist hier genauso lang wie im Andromeda Nebel.

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    1. Geld ist doch genau definiert, das hat es mit dem Kilometer gemein. Und Größen, die auf diesen Messungen beruhen, wie das BIP oder Staatsschulden, bestimmen unser Leben. Wir haben nur die Illusion, dass es sich um stabile Konstrukte handelt. Über diesen Widerspruch handelt mein Artikel.

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  4. Der Wert des Geldes ist seine Kaufkraft, also die Menge an Gütern und Dienstleistungen, die ich für eine Geldeinheit kaufen kann. Weiter unterscheidet man Binnen- und Außenwert (wieviele Geldeinheiten einer anderen Währung ich kaufen kann). Der Wert einer Geldeinheit ist der reziproke Wert der Preise. Es ist also gerade nicht wie beim Kilometer.

    Die Frage nach dem Wert des Geldes ist also keinesfalls sinnlos. Im Gegenteil, es ist die entscheidende Frage. Man kann eine Banknote auch als eine Art Anteilschein auf das Sozialprodukt auffassen. Dann löst sich die "Magie" des Papiergeldes, die schon den Faust beschäftigt hat, in Luft auf.

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    1. @CitizenK

      Der Wert einer Geldeinheit ist der reziproke Wert der Preise. Es ist also gerade nicht wie beim Kilometer.
      Wenn ich einen Tausch Gut gegen Gut mache, dann müssen beide einen ähnlich hohen Wert haben. Geld ersetzt ja nur eines der Tauschgüter, es hat also keinen reziproken, sondern den gleichen Wert. Die Kreditschulden stellen einen negativen Wert dar, zweifelsohne, aber das damit geschöpfte Geld hat einen positiven Wert.

      Man kann eine Banknote auch als eine Art Anteilschein auf das Sozialprodukt auffassen.
      Definitiv, das meinte ich mit vielen Geschichten über Geld. Es ist nur so, dass das aber implizieren würde, dass das Finanzsystem keinen Einfluss auf das Sozialprodukt hätte. Vor der Krise traf das ja auch weitgehend zu, nur gilt das in der Krise nicht mehr. Das Finanzsystem und auch das Geld haben ihre Qualität geändert und damit ändern sich auch seine Geschichten. Für mich ist da viel Platz für Magie. Und Faust ist ohne Frage die beste Geschichte über die Magie des Geldes.

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    2. "Für mich ist da viel Platz für Magie."

      Ja, genau so klingt der Beitrag!

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  5. Klingt danach als hätten sie dir das Wasser abgestellt und du wüsstest nicht wohin mit deinen verflüssigten Exkrementen. Nimm einfach 4-lagig, dass weicht nich so schnell bis auf die Griffel durch beim abwischen - wenn es dir das denn wert ist.

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  6. Geld ist der Glauben, kein Gott oder sowas. Glauben die Menschen an den Wert des Geldes, ist es was wert. das ist etwa so wie bei den Göttern im DSA-Universum :D. Die beziehen ihre Macht aus den Menschen, die an sie glauben. Das Absurde ist, dass es einzelne Menschen gibt, die Geld konrollieren und somit den Glauben korrumpieren. Der große Fehler ist mMn, dass Geld oft als Privatsache angesehen wird, was es aber nicht ist.

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  7. Ein Widerspruch beim heutigen Geld ist, das es sowohl Tauschmittel und GLEICHZEITIG auch Wertaufbewahrungsmittel ist. Das sind zwei genau gegensätzliche Eigenschaften in einem Medium vereint! Das muss zwingend zu Geldproblemen führen, die ja auch in praktisch jeder Volkswirtschaft reichlich anzutreffen sind.

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    1. @Anonym

      Geld beinhaltet immer eine Wertaufbewahrungsfunktion. Ich erhalte zu einem bestimmten Zeitpunkt das Geld und möchte es zu einem späteren Zeitpunkt gegen Waren eintauschen. Der Geldwert muss diese Zeitspanne ohne größere Wertverluste überbrücken können, sonst funktioniert die Tauschfunktion nicht. Ich sehe keinen Widerspruch, sondern einen logischen Zusammenhang.

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