Montag, 23. Juli 2012

Einschneidende Debatte

Von Stefan Sasse

Manche Debatte kommen über die Bundesrepublik wie ein Sommergewitter: plötzlich und völlig unerwartet, aber doch irgendwie reinigend. Die aktuell durch ein regionaler Urteil ausgelöste Debatte zur religiösen Beschneidung von Jungen ist so eine. Vor dem Urteil hat niemand je darüber nachgedacht. Jetzt sind wir in einer Grundsatzdebatte zur Abwägung verschiedener Grundrechte, vor allem dem Recht auf körperliche Unversertheit auf der einen und der Freiheit der Religionsausübung auf der anderen Seite. Solche Debatten sind gut, weil sie uns zwingen, unsere eigenen Werte zu reflektieren und manchmal auch ungeahnte Schattenseiten der Gesellschaft aufzeigen. So ging es auch mir. Als ich das erste Mal von dem Urteil gehört habe, bedachte ich die Nachricht mit kaum mehr als einem müden Grinsen. Eine kleine Systemverirrung, so schien es. Aber nach einigem Nachdenken und dem Lesen vieler kluger Artikel (vgl. Twitter Timeline) habe ich meine Meinung geändert. Tatsächlich ist es so, dass die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen einen Anachronismus darstellt, den zu tolerieren es eigentlich keinen vernünftigen Grund gibt. Ich will im Folgenden darlegen, warum ich dieser Meinung bin und zwei pointierte Gegenmeinungen kritisch betrachten.

Die Beschneidung von Jungen ist zweifellos ein für das Judentum wie den Islam zentraler Ritus. Würde heute gefordert werden, auf das Übergießen eines Babykopfes mit Weihwasser zu verzichten, weil es dem Kind schadet, so wäre der Aufschrei des Christentums wohl ähnlich. Nun versichern diverse Religionsexperten, dass es keinesfalls unbedingt notwendig ist, diesen Ritus auch durchzuführen (nicht beschnittene Juden dürfen als einzige Einschränkung in der Ausübung ihres Glaubens nicht am Tempelopfer teilhaben, das zum letzten Mal vor 2000 Jahren abgehalten wurde; die Auswirkungen auf den Islam sind mir nicht bekannt). Das stärkere Argument der Befürworter von Beschneidung ist damit Tradition. Da das Judentum generell Wert darauf legt, das Band untereinander und eine Art kollektive Identität auch in der Fremde zu erhalten (so zumindest habe ich das verstanden), ist ein gemeinsames, unlöschliches Merkmal hier natürlich sehr hilfreich. Es dient quasi der Identitätsbekräftigung der Religion. Hier aber wird es problematisch. Da das Grundrecht der Religionsfreiheit auch beinhaltet, sich gegebenenfalls für keine Religion zu entscheiden (oder eine andere), könnte es theoretisch sein, dass das Kind später, wenn es mündig geworden ist, gar nicht zu dieser Gemeinschaft gehören will und das "Zeichen" dann trotzdem lebenslang trägt. Diese andere Seite der Religionsfreiheit wird in der Debatte gerne unterschlagen.

Eher sekundär sind in dieser Überlegung medizinische Gründe. Beide Seiten bringen hier Argumente vor,  die hinreichend albern sind, um sie nicht ernst nehmen zu müssen: die einen erklären, dass die Beschneidung die Qualität des Geschlechtsverkehrs entscheidend verbessere und einen guten Schutz gegen AIDS darstelle, die anderen, dass die Beschneidung auch bei Säuglingen schwere psychische Schäden zurücklasse. Im einen Falle hätte sich über Jahrtausende das beste Rezept für guten Sex nicht durchgesetzt, im anderen Fall gäbe es Millionen von psychisch traumatisierten Männern - auch das nicht besonders wahrscheinlich. Interessant ist also hauptsächlich die Güterabwägung: auf der einen Seite das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf der anderen die freie Religionsausübung. Befürwortet man die Legalität der Praxis der Beschneidung, so argumentiert man damit, dass der Eingriff zum Einen relativ unbedeutend ist und zum anderen die Kinder ja noch nicht mündig sind und damit die Entscheidung den Eltern zufällt. Das ist soweit auch richtig. Auf der Gegenseite aber wird argumentiert, dass ein medizinisch nicht notwendiger Eingriff eigentlich gar nicht einfach von den Eltern entschieden werden kann. Und hierfür gibt es einige gute Beispiele, die wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten selbst in deutsches Recht eingefügt haben.

Zum Einen ist es Eltern verboten, Kinder zu schlagen. Nicht einmal ein traditioneller "Erziehungsverstärker" in Form eines Versohlens des Hinterns oder einer Ohrfeige ist erlaubt. Wenn bereits darin ein Schaden am Kind erkannt wird, der nicht mit dem Recht der elterlichen Verfügungsgewalt vereinbar ist - wie soll das denn bitte für die Beschneidung gelten? Zum Anderen ist die Beschneidung von Mädchen vollständig verboten - aus bekannten Gründen. Warum aber bei Mädchen Unrecht ist, was bei Jungen Recht sein soll, erschließt sich keinesfalls. Hier liegt eine Ungleichbehandlung nach Geschlecht vor, die grundgesetzlich ebenfalls ausgeschlossen wird. Richtig ungemütlich wird die Debatte aber, wenn man sich für einen Moment vorstellt, dass es um eine religiöse Praxis gehen würde, der nur die Muslime anhingen. Kaum vorstellbar, dass sich die Politik und die Gesellschaft ebenfalls so für die Religionsfreiheit in die Bresche werfen würden. Stattdessen wäre wesentlich wahrscheinlicher, dass eine Anpassung an "unsere" Werte gefordert würde, flankiert von einer reißerischen Berichterstattung über die barbarischen islamischen Praktiken. Warum aber dürfen Religionen, die Mädchenbeschneidung vorsehen, diese in Deutschland nicht ausüben, während die Jungenbeschneidung erlaubt ist? Das Recht gilt für alle gleichermaßen. Es ist nicht möglich, manchen Religionen zu erlauben, gegen grundgesetzliche Regelungen zu verstoßen und es anderen zu verbieten. Das gilt im Übrigen auch für das Christentum, das sich noch immer einige Sonderregeln herausnimmt - die massive Benachteiligung der Frauen etwa, die viele Posten nicht antreten dürfen, oder die Entlassung bei Scheidung wegen moralischer Inkompatibilität. Es ist zu hoffen, dass diese Themen ebenfalls noch in die Debatte Eingang finden.

Zuletzt möchte ich zwei merkwürdige Argumentationsstränge beleuchten. Sybille Berg, Kolumnistin bei SpOn, ereifert sich darüber, dass das Thema überhaupt debattiert wird - in Afghanistan sterben schließlich Menschen, hier nur die Vorhaut! Dieses Argument ist der kleine Bruder der "Iss deinen Teller leer, in Afrika hungern Menschen"-Melodie. Beides ist vollkommener Quatsch. Ob es in anderen Teilen der Welt große Probleme gibt oder nicht ist doch kein Bewertungsmaßstab, wie wir hier mit unseren umgehen. Soll Angela Merkel einfach mal die Pressefreiheit aufheben, weil in Syrien gerade Bürgerkrieg herrscht und das doch bitteschön wichtiger ist als dieser blöde Artikel 5? Der Versuch Bergs, das Thema ins Lächerliche zu ziehen, ist eine gern benutzte Strategie bei als unwichtig empfundenen Debatten. Tatsächlich aber geht es hier um eine grundgesetzliche Güterabwägung - das ist nichts, das man nebenbei erledigen sollte.

Etwas seriöser argumentiert Patrick Bahners in der FAZ. Er erklärt, dass das Grundgesetz gewissermaßen organisch gelesen werden müsse. Es sei so zu interpretieren, dass es für die Bewohner des Landes passt. Er erkennt einen bedrohlichen "religionskritischen Zeitgeist" und beschwört Parallelen zu den Versuchen des frühen 20. Jahrhunderts, die Juden durch Beschneidung ihrer religiösen Praktiken per Gesetz quasi einzudeutschen. Darum kann es aber nicht gehen. Worum es geht sind vielmehr Grund- und Menschenrechte. Bahners hat vollkommen Recht, wenn er verlangt, das Grundgesetz nicht zur buchstabengetreu auszulegenden Bibel umzugestalten. Er vergisst aber, dass es die dahinterstehenden Prinzipien sind, die es zu verteidigen und auszulegen gilt. Und hier muss die Frage erlaubt sein, inwieweit es überhaupt zulässig ist, den Eltern Entscheidungen von solcher Tragweite zu überlassen. Die im Artikel formulierte Vorstellung, dass es dem Kindeswohl automatisch diene, wenn es in seine jeweilige religiöse Gemeinschaft initiiert wird, ist völlig absurd. Eine solche Verallgemeinerung lässt sich überhaupt nicht treffen.

Aus diesen Gründen bin ich der Meinung, dass das Verbot der Beschneidung richtig ist. Gleichzeitig plädiere ich dafür, hier nicht innezuhalten. Wir sollten uns allgemein fragen, ob es noch zeitgemäß und richtig sein kann, den Religionsgemeinschaften überhaupt Sonderrechte en masse einzuräumen und das Ganze mit "Tradition" zu verbrämen. Die katholische Kirchen diskriminiert Frauen, ist halt Tradition! Da muss das Grundgesetz dann auch mal fünfe grade sein lassen. Warum aber ausgerechnet Religionsgemeinschaften Sonderrechte zugebilligt werden, lässt sich außer mit der Tradition eigentlich überhaupt nicht begründen. Es ist an der Zeit für eine viel breiter angelegte Debatte.

Kommentare:

  1. Auch wenn ich dir im Grundsatz zustimme, möchte ich doch gegen den Vergleich zwischen Jungen/Mädchenbeschneidung entschieden protestieren. Sorry, aber das ist einfach Quatsch, beide Beschneidungen so zu vergleichen und daraus noch eine Ungleichbehandlung bei Jungen zu machen. Es handelt sich um eine ganz andere Dimension des Eingriffes, bei dem teilweise sogar ganze Geschlechtsorgane entfernt werden, was oft bzw in meisten Teilen ein Leben lang das Wasser lassen und Geschlechtsverkehr nur unter Schmerzen möglich macht. Das ist bei der männlichen Beschneidung nicht der Fall.
    Auch religiös gibt es hier Unterschiede, da es nicht wie bei der jüdischen Jungenbeschneidung als identitätsstiftendes Merkmal gilt, sondern es hier mehrere Religionen (hauptsächlich Muslime und Christen) davon aber wieder nur kleine Teile betrifft. Siehe hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Beschneidung_weiblicher_Genitalien

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  2. Selbstverständlich ist das nicht das Gleiche! Ich wähle den Vergleich nur, weil die Rechtfertigung in beiden Fällen absurd ist.

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    1. Der Vergleich ist deshalb etwas schräg, weil sich dahinter zwei ganz unterschiedliche Dinge verbergen. Meines Erachtens sachgemäßer wäre der Vergleich mit der Labioplastik, wobei hier Religiöse einwenden mögen, dass das religiöse mit ästhetischen Motiven gleichgesetzt würden.

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  3. Ja na gut, trotzdem halte ich den Vergleich für schief aufgrund der Auswirkungen und auch weils eben kein gemeinsamer religiöser Ritus ist wie bei der jüdischen Beschneidung.

    Aber egal, im Grundsatz stimme ich dir ja zu. Obwohl ich zugeben muss, dass ich etwas Bauchschmerzen damit habe, die Beschneidung von einem Tag auf den anderen zu kriminalisieren. Gerade in einem Land wie Deutschland, das immer noch stark mit der christlichen Kirche verwoben ist.

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  4. Ich für meinen Teil finde die Aufregung extrem übertrieben. Da war zu lesen vom Zitat: "größten Anschlag auf jüdisches Leben seit dem Holocaust" - derartige Übertreibung muss doch nun wirklich nicht sein. Ebensowenig Aktionismus unseres Gesetzgebers. Der werden schnell Resolutionen beschlossen, und eine GEsetzesinitiative angekündigt. Wohlgemerkt - das Urteil des Kölner Landgerichts ist kontrovers, aber entgültig ist es auch nicht. Dafür gibt es doch den Rechtsweg und die Berufung. Und wenn das eben nicht geht, bleibt eben das Verfassungsgericht oder der europäische Gerichtshof für Menschenrechte.
    Statt also irgendwelche Sondergesetze zu machen und damit dem Grundsatz unserer Gewaltenteilung ad absurdum zu führen (mir gefällt die Rechtsprechung nicht, also mach ich ein Gesetz, was womöglich aber auch wieder kassiert werden könnte)- wäre allen Gegnern und Befürworten weit mehr geholfen den Weg durch die Instanzen zu beschreiten und ggf. das höchste aller deutschen Gerichte ein Urteil fällen zu lassen. So wie wir es beim Schächten, oder beim Kopftuch erlebt haben.

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  5. Sehr guter und sachlicher Artikel (zumindestens meisstens ;)), der die vorrangige Frage - steht Religion, egal welche, über dem GG - herausstellt und den Rest zu Recht als Blödsinn entlarvt.

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  6. Die männliche Beschneidung muss man einzeln betrachten. Man kann sie nicht rechtfertigen, in dem man sagt: "Aber die weibliche Bescheidung ist doch viel schlimmer." Man kann auch nicht sagen, einen Finger abscheiden ist ja nicht so schlimm, weil eine Hand abhacken ist ja viel schlimmer.

    Die medizinische Argumentation sollte man nicht ausblenden. Psychische Schäden nach Beschneidungen als ähnlich albern einzuordnen wie Schutz vor AIDS als Argument für eine Beschneidung ist nicht korrekt. Es gibt keinen Fall, wo eine Beschneidung jemals vor AIDS geschützt hätte. Wohl aber gibt es psychische Schäden nach einer Beschneidung. Denn im Islam werden nicht Babys beschnitten, wie bei den Juden, sondern Jungen, die so um die 4-5 Jahre alt sind. Ob und wie groß die psychische Schänden sind, hängt vom Fall und Individuum ab.

    Auch können Männer, die als Baby beschnitten worden sind und sich nicht daran erinnern können, auch nachträglich gesundheitliche Schäden, auch psychische, davon tragen. Die ungeschützte Eichel verhärtet und wird unempfindlicher. Gerade bei Männern im fortgeschrittenen Alter kann es dadurch zu Problem bei Erektion und Sex kommen. Und wenn ein Mann dort Probleme hat, kann dies auch zu psychischen Problemen führen. Das ist nicht zwangsläufig so, aber diese Fälle gibt es.

    Die Entfernung der Vorhaut ist irreversibel und deshalb sollte es bei Kindern ohne medizinische Indikation nicht erlaubt sein. Selbst bei mündigen Erwachsenen sollten diese über die Nachteile eines solchen Eingriffs genauestens informiert werden.

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  7. Was bisher nicht einmal den Vereinten Nationen gelungen ist, die Deutsche Gerichtsbarkeit hat Moslems und Juden durch das Beschneidungurteil auf einer Seite der Barrikaden vereinigt.
    Wie wäre es, das Kölner Gericht als Kandidat für den nächsten Friedensnobelpreis vorzuschlagen? ;-)
    Zum Thema selbst wird zumindest von den Fanatikern auf jüdischer Seite keinem Deutschen die Gnade der späten Meinungsgeburt zugebilligt.
    Darum versuchen wir doch einmal zu verstehen, was eine jüdische Publizistin dazu zu sagen hat.

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  8. @Ariane
    Mit welcher Berechtigung könnte man die Beschneidung von Jungen erlauben, aber die kleine Beschneidung bei Mädchen verbieten. Ich spreche hier über eine Verkleinerung der Schamlippen, wie sie heute häufig als Schönheitsoperation durchgeführt wird, siehe Wiki.
    Dass die weibliche Beschneidung kein identitätsstifendes Merkmal sein kann, weil die jeweilige Gruppe nicht groß genug sei, ist meiner Meinung nach kein gutes Argument. Das Recht auf freie Religionsausübung hängt ja auch nicht von der Größe der Glaubensgemeinschaft ab. Ich bin klar gegen Beschneidung, unabhängig vom Geschlecht, mich stört nur dieses ständige aber-Frauen-sind-von-allem-schlimmer-betroffen.

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    1. Es geht mir nicht um eine "bei Frauen ist alles schlimmer"-Argumentation. Ich halte es nur für schwer vergleichbar.
      Soweit ich weiß, ist die Art der Beschneidung bei Jungen immer gleich, da unterscheidet sich nur der Zeitpunkt. Bei der Mädchen-Beschneidung waren weitaus größere Beschneidungen ebenfalls sehr verbreitet, die kleine Beschneidung keinesfalls die Regel. Wenn zwei Drittel der Juden/Muslime den halben Penis abschneiden würden, wäre vermutlich ebenfalls schon längst alles komplett verboten.
      Bei der religiösen Begründung ging es mir nicht um die Größe der Glaubensgemeinschaft, sondern dass (ich glaube hauptsächlich von jüdischer Seite) die Beschneidung als Bund mit Gott gesehen wird, wie in der Bibelstelle, die noch identitätsstiftend im Laufe der Jahre überinterpretiert wurde imo. So eine Argumentation gibt es bei der Frauenbeschneidung nicht, da ist es entweder "nur" Tradition oder wird durch die Sexualität der Frau versucht zu begründen. In muslimischen und ich glaube auch christlichen Verbänden gibt es dazu auch Aussagen, dass die Beschneidung bei Frauen kein religiöses Fundament hat.
      Ich möchte nochmal betonen, dass es nicht heißt, dass Beschneidung bei Männern mehr Berechtigung hat. Es dürfte aber schwieriger werden, diese "Tradition" wegzulassen oder zumindest abzumildern.

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    2. Mit der Beschneidung von Frauen ist aber allgemein nicht die Labioplastik gemeint, sondern eher jene, die ganz sicher die Sexualität eher verunmöglicht.

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  9. Warum lassen wir die Betroffenen nicht selbst entscheiden, ob sie einer Religion angehören wollen? Nicht im Säuglingsalter, versteht sich. Das gilt für alle Religionen. Wenn sich jemand mit 18 dafür entscheidet, den Bund mit Gott einzugehen und dafür seine Vorhaut zu opfern, ist das vollkommen in Ordnung. Warum interpretieren Eltern Religionsfreiheit immer nur als Freiheit, ihren Kindern etwas aufzwingen zu dürfen, und nie so, ihren Kindern die Wahlfreiheit zu lassen? Weil Religionen generell zu Intoleranz neigen? Weil Religionen dazu neigen, sich selbst zum absoluten Maßstab zu machen, ohne zu akzeptieren, dass es auch andere Sichtweisen gibt? Das ist genau das, was ein gewisser Joseph Aloisius Ratzinger als "Relativismus" verdammt. Demokraten nennen das Pluralismus. Aber erfahrungsgemäß haben Religionen Probleme mit der Demokratie. Ich sage das nicht nur in Richtung Islam, das gilt genauso fürs Juden- oder Christentum. Bekanntlich wurde die Demokratie GEGEN den hartnäckigen Widerstand der Kirche erkämpft.

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  10. @Michael Schöfer

    Der Punkt, der mich an dem Kommentar stört, ist, dass der Autor der Meinung vertritt, dass Religion den Kindern immer aufgezwungen wird und die Wahlfreiheit fehlt. Dazu meine ich, dass alle Eltern das an ihre Kinder weitergeben wollen, was für sie selbst wichtig und bedeutungsvoll ist. Wenn dazu die Religion gehört, dann gebe ich auch das an mein Kind weiter. Das nenne ich nicht aufgezwungen. Wie soll es außerdem die Wahl im späteren Leben treffen, wenn es die entsprechende Religion gar nicht kennt? Anhand von "Buchwissen" kann das doch nur sehr eingeschränkt passieren.
    Generell betrachtet zwingen die Eltern den Kindern ziemlich viel auf (wenn man es denn konsequent weiter denkt). Allein schon die Entscheidung in welchem Land es lebt, in welcher Stadt, in welchen Kindergarten und in welche Schule es geht usw., sind dann doch auch aufgezwungen. Das Kind hat da auch keine Wahlfreiheit. Es ist nun mal so, dass die Eltern erst einmal viel für ihre Kinder entscheiden. Und auch die Entscheidung der Eltern, dass Kind mit keiner Religion vertraut zu machen, ist doch auch eine aufgezwungene Entscheidung.
    Bei der Religion hat das Kind - wie bei vielen anderen Themen auch - später genug Wahlfreiheit, weil sich jeder Mensch irgendwann entscheidet, ob und wenn ja, zu welcher Religion er gehören will.

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    1. Das Kind hat aber nicht die Freiheit, wenn es sich dann mit 18 Jahren sagt "nee, Judentum/Islam passt mir nicht, will ich nicht", sich eine neue Vorhaut wachsen zu lassen. Die zu entfernen ist irreversibel, und dieser Schritt wird getätigt ehe das Kind irgendeine Entscheidung getroffen hat. Es wird ihm aufgezwungen, ohne dass es dazu eine Notwendigkeit (wie etwa bei der Wahl von Wohnort, Schule usw) gäbe. Das hat nichts mehr mit Vermittlung von religiösen Werten oder gar Religionsfreiheit zu tun. Das ist reiner, unnötiger Zwang.

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    2. @Marc O`Lulu

      Lass es mich mal so beschreiben: Nehmen wir an, ich wäre ein überzeugter Sozialdemokrat. Was mache ich? Melde ich mein Kind im zarten Alter von einer Woche bei der SPD als Mitglied an? Nein. Ich kann dem Kind lediglich meine sozialdemokratischen Werte in der Hoffnung vorleben, dass sie ihm eine Richtschnur sind und es später als Jugendlicher/Erwachsener selbst Sozialdemokrat wird. Das nennt man gemeinhin Erziehung (im Gegensatz zur Indoktrination). Wenn mein Kind dann doch zu den Grünen oder zu den Piraten geht, ist das zwar enttäuschend, aber das Ergebnis seiner eigenen Persönlichkeit. Offenbar waren meine sozialdemokratischen Werte zumindest für meinen Sohn/meine Tochter nicht so stichhaltig. Damit muss ich leben.

      Jetzt ersetze “sozialdemokratische Werte” durch “religiöse Werte”. Das funktioniert in puncto Religion nämlich genauso. Wenigstens theoretisch. In der Praxis werden Kinder jedoch ohne gefragt zu werden Mitglied einer Religionsgemeinschaft. Nicht weil die Kinder es wollen, sondern vielmehr weil es die Eltern wollen. Und dann sagt man zum Kind: Du bist doch Christ, Moslem oder Jude etc. Das Kind IST dann etwas aufgrund der Entscheidung der Eltern. Und sich davon zu lösen, ist erfahrungsgemäß schwer. Insbesondere in einem religiösen Umfeld.

      Nehmen wir an, das erwachsen gewordene Kind eines sozialdemokratischen Elternhauses entscheidet sich für die Piratenpartei. Würde man ihm dann ebenfalls sagen “Aber Du bist doch Sozialdemokrat”? Wohl kaum, denn der junge Erwachsene würde bestimmt erwidern: “Nein, das war bloß Dein Wille, nicht meiner.”

      Ich bin davon überzeugt, dass man religiöse Überzeugungen Kindern nur anbieten bzw. glaubwürdig vorleben sollte. Die Entscheidung, welche Überzeugungen sich das Kind später zu eigen macht, gebührt allein ihm. Schade, dass Religionen diesbezüglich zu Intoleranz neigen und an einer bewussten Entscheidung der Menschen gar nicht interessiert sind. Wahrscheinlich deshalb, weil sich viele dann für ein Leben ganz ohne Religion entscheiden könnten.

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  11. Sehr ärgerlich, selten dass ich einem Artikel in einem linken Forum so uneingeschränkt zustimmen kann und der noch die Breite der Argumentation so abdeckt, dass nur Brotkrumen bleiben.

    §223 StGB kennt keine Abstufung der Körperverletzung, eventuell kommt noch §224 StGB zur Anwendung. Ob einem Mädchen also die Schamlippen aus religiösen Gründen entfernt werden oder moslemische Jungen im Alter von 12 Jahren vor der versammelten Verwandtschaft die Vorhaut vom Köpfchen gezogen wird, ist rechtlich eine Sache. Daher ist der Vergleich absolut zulässig.

    Eher erstaunlich ist, mit welcher Liberalität der demokratische Rechtsstaat solche Verfahren bisher toleriert hat. Es ist ja keine singuläre Debatte, sie findet besonders heftig in den USA statt, wo in manchen Regionen 80 Prozent der Männer beschnitten sind. Schweden ist jedoch das einzige westliche Land, wo eine gesetzliche Regelung existiert, die Beschneidungen nur in sehr engen Grenzen erlaubt. So macht sich Deutschland nicht zur "Komikernation", wie die Bundeskanzlerin sich zu Beginn ausdrückte, sondern die anderen EU-Staaten verfolgen sehr aufmerksam, wie die Güterabwägung in Deutschland ausfällt. Fatal wäre nur, würde der Gesetzgeber versuchen, die Rechtsnormen der Verfassung durch einfaches Gesetz zu beugen.

    In einem muss ich widersprechen: die katholische Kirche praktiziert keine verfassungswidrige Diskriminierung. Eher muss man fragen, wie weit der Gesetzgeber noch die Gleichmacherei und die Vorschriften treiben will, wie die Belegschaft von Unternehmen auszusehen hat. Seit Jahrzehnten werden Unternehmen bestraft, wenn sie nicht genügend Behinderte einstellen. Mit der Folge, dass diese dann besondere und sehr weitgehende Rechte besitzen und die Zahl der behindert werdenden Arbeitnehmer in Krisenzeiten auf wundersameweise anschwellen. Konzernführer müssen zurücktreten, wenn sie sich außerhalb der Unternehmenssphäre ungebürlich verhalten haben und niemand beanstandet, dass Soldaten Vorschriften für ihr Privatleben gemacht wird. In Parteien und Vereinen kann nur Mitglied werden, wer sich zu bestimmten Riten und Überzeugungen verpflichtet und kann ausgeschlossen werden, wenn seine öffentlichen Äußerungen missverständlich in rechtsextremen Kontext gesetzt werden können, die aber durch die Verfassung gedeckt sind. Da war der Vergleich dann doch sehr schräg.

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  12. "Als ich das erste Mal von dem Urteil gehört habe, bedachte ich die Nachricht mit kaum mehr als einem müden Grinsen. Eine kleine Systemverirrung, so schien es. Aber nach einigem Nachdenken und dem Lesen vieler kluger Artikel (vgl. Twitter Timeline) habe ich meine Meinung geändert. Tatsächlich ist es so, dass die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen einen Anachronismus darstellt, den zu tolerieren es eigentlich keinen vernünftigen Grund gibt."
    War bei mir exakt genau so.

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  13. Zitat: ...im anderen Fall gäbe es Millionen von psychisch traumatisierten Männern - auch das nicht besonders wahrscheinlich.

    Dass es Millionen psychisch gestörter Männer gibt ist doch möglich (nicht nur durch Beschneidung) Dazu ein paar Erkenntnisse aus dem "journal of men´s health", die durchaus zu dem Schluss zwingen, dass da was ganz arg nicht gutgegangen ist.

    http://www.mensstudies.com/content/2772r13175400432/?p=a7068101fbdd48819f10dd04dc1e19fb&pi=4

    stopit. protect society.

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