Montag, 13. Dezember 2010

Die deutsche Desinformationsgesellschaft

Ein Gastbeitrag von Moritz Steglitz

Es geht mir auf den Keks. In all diesen großen Streitfragen, von Stuttgart 21 über die Kernenergie bis hin zur Konfliktlösung in Israel oder der hiesigen Integrationsdebatte: Über alles reden die Leute, aber die wenigsten von ihnen beschäftigen sich wirklich damit. Die Menschen bilden sich ihre Meinung nicht, in dem sie viele verschiedene Medien zu Rate ziehen, sondern sie beschränken sich in den meisten Fällen auf ein Medium, oder sogar auf gar keines. Hintergrundwissen ist nicht gefragt, die Beschäftigung mit den Themen ist tabu.

Verbale Arschtritte als neue Diskussionsform

Das ist einer der Gründe, aus denen ich mich in vielen Fällen weigere, von einer Diskussion zu sprechen. Stures aufeinander Herumhacken mit vorgefertigter, versteifter Meinung ist keine Diskussion. Dabei findet ein großer Teil dieser Nicht-Diskussionen online statt, an Orten, an denen man sie am wenigsten erwarten sollte: Unter Zeitungsartikeln. Nun ist es eine Sache, wenn sich die Kommentatoren bei BILD.de verbal gegenseitig auf die Fresse geben. Wenn aber unter einem Artikel von ZEIT online nur eine desinformierte Gedankenkeilerei stattfindet, in der sich die Nicht-Diskutierenden zuerst gegenseitig beleidigen und dann später dazu übergehen, den Ersteller des Beitrags mit verbalen Entgleisungen zu bewerfen, dann ist das in meinen Augen ein Zeichen dafür, dass auch die, die sich als “besser informiert” bzw. “offen gegenüber allem” ausgeben, in vielen Fällen genau das nicht sind.

Das Schlimmste an solchen Auseinandersetzungen ist für mich dann, dass die Teilnehmer all ihre Aussagen als Tatsachen darstellen, die ihnen zufolge 100%ig der einzig wahren Wahrheit entsprechen. Frei nach dem Motto “Der Papst ist unfehlbar, ich bin es erst recht!” macht man den jeweils anderen für seine unverständlichen Ansichten zur Sau und erklärt ihm, dass er mit seinem Schrumpfhirn gar nicht erst weiterleben müsse.

Mund auf, Hirn aus

Ich nehme mich selbst von dieser Kritik nicht aus, kann in meinem Fall aber sagen, dass ich mir immer mehr Mühe gebe, die Dinge zu hinterfragen. Und zwar von allen Seiten, ohne vorgefertigten Standpunkt. Stuttgart 21 ist für mich so ein Fall, denn während die eine Seite das Projekt als komplettes Desaster, den dreifachen Weltuntergang und die Vernichtung des Planeten Erde bezeichnet und der Rest dagegen hält, dass alle S21-Gegner hirnlos, dumm und blöd seien und sich selbst erhängen gehen sollten, weil Protest an sich sowieso zum Kotzen sei und man auch kein Recht darauf habe, seine Meinung auf offener Straße kund zu tun¹, bin ich selbst einfach ruhig geblieben und habe ich mich ein bisschen mit dem Konflikt auseinander gesetzt – mein aktueller Standpunkt ist der, dass das Projekt nur eines von vielen seiner Art ist. Der Protest sollte sich in meinen Augen also eher gegen Großprojekte richten, deren Kosten der Staat maßlos unterschätzt. Die Tatsache, dass das Thema die Bürger jedoch so stark beschäftigt, sollte von der Politik nicht zum eigenen Wahlkampf genutzt werden, stattdessen sollten sich alle demokratischen Parteien gemeinsam für das Durchsetzen eines Volksentscheids einsetzen. Und bevor jetzt jemand kommt und mir erklärt, dass das rechtlich gar nicht möglich sei: Da sind wir schon wieder beim Thema dieses Beitrags, denn diese rechtlichen Schwierigkeiten sehen lediglich die Befürworter von Stuttgart 21, von unabhängiger Seite bzw. von Seiten der Projektgegner wurden sie bis heute nicht bestätigt.

Ein anderes Beispiel: Ich habe in den letzten Tagen mit vielen verschiedenen Menschen über die Castor-Demonstrationen diskutiert. Einige meiner Diskussionspartner waren dabei von der Sinnlosigkeit der Proteste überzeugt, Gorleben sei schließlich die einzige Möglichkeit, den Atommüll sicher² zu lagern. All denjenigen, die sich mit der Geschichte des Zwischenlagers Gorleben auseinander gesetzt haben, dürfte sich bei einer solchen Aussage der Magen umdrehen. Doch die Politik unserer aktuellen Regierung hat tatsächlich dazu beigetragen, dass nicht nur Atomkraftbefürworter, sondern auch die noch etwas unentschlosseneren Atomkraftgegner das Gesagte für bare Münze nehmen und nicht hinterfragen. Stattdessen plappert man munter nach, was in Berlin vorgeplappert wird – Mutti Merkel ist schließlich Physikerin, sie muss es also wissen.

Desinformiert diskutiert und regiert es sich besser

Die Nation der Dichter und Denker weigert sich, selbst zu denken. Sie weigert sich, zu hinterfragen. Und das alles angetrieben von einer Politik, die nicht den Eindruck macht, als würde sie sich davon stören lassen – alle aktuell im Bundestag vertretenen Parteien rügen meiner Ansicht nach gerne den Populismus ihrer Kontrahenten, greifen gleichzeitig jedoch selbst gerne auf selbigen zurück. Denn: Mit nichts gewinnt man Wählerstimmen besser, als mit fein gestreuter Desinformation. Aber: Mit nichts diskutiert es sich unsachlicher, hysterischer und hektischer, als mit breit gestreuter Desinformation. Und: Nichts haben wir lieber, als einen großen, klumpigen Haufen stinkender Desinformation.

¹ Viele derer, die Letzteres behaupten, verteidigen die Aussagen Thilo Sarrazins parallel dazu damit, dass ihm sein Recht auf freie Meinungsäußerung gewährt werden müsse. Abgesehen davon, dass ihm dieses Recht nie streitig gemacht worden ist, frage ich mich: Sarrazin hat Meinungsfreiheit, die Anderen aber nicht? Und das ist weshalb so?
² Wer hat eigentlich damit angefangen, im Zusammenhang mit Atomkraft ernsthaft von ‘Sicherheit’ zu reden?

Moritz Steglitz ist der Betreiber des Sockenblogs und schreibt dort regelmäßig zu allen möglichen Themen. Der vorliegende Artikel ist im Original bei ihm erschienen.

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Artikel. Viele Diskussionen im Internet haben keine Grundlage. In liberale Blogs werden Fragen und Hinweise ob ein Markt immer effizient sei grundsätzlich abgeblockt. Es gibt nur das schwarz/weiß denken. Obwohl in allen Bereichen Menschen tätig sind, wird eine Sache zur Erlösung verklärt. Das eigene Denken wird durch eine Aneinanderreihung von Thesen anderer vermeintlich gebildeter Menschen ersetzt. Thilo war doch schließlich ein Doktor. Darum wird er es schon wissen.

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  2. Vf. "Desinformationsgesellschaft" unterliegt genau dem Kritisierten. Anschauungsbeispiel für "linksliberale" Desinformation.

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  3. @Anonym: Wieso? Das musst du mir näher erklären ;)

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  4. Desinformationsgesellschaft?

    Sicher, aber leider gerade auch am Beispiel der Gegner von Atomkraft zu erkennen. Wo werden denn die Brennstäbe aus französischen Atomkraftwerken sicher endgelagert? Und warum demonstrieren die Grünen in Frankreich nicht gegen Atomkraftwerke?

    Die Atomkraftgegner in Deutschland genießen eine riesige Medienunterstützung und es handelt sich bei der Anti-Atomkraft-Bewegung um eine typische politische Inszenierung. Wie übrigens auch im Fall der Klimakatastrophisten.

    Man muss also schon um einiges tiefer einsteigen, um die Desinformation zu erkennen. Weite Bereiche der Öko-Bewegung sind ein Teil der Desinformation. Wachstum sei doch so schlecht für die Umwelt, wird den Keynesianern ständig an den Kopf gehauen.

    Aber ohne Wachstum kein Wohlstand für die Massen. Schauen wir uns die Weltenretter vor dem bösen Konsum näher an, werden sie seit dem Club of Rome von den Superreichen gesponsert. Denen reicht es, wenn sie selber im Wohlstand leben, die Massen sollen CO2 sparen und auf billigen Atomstrom verzichten.

    Ich bin für Wirtschaftswachstum und mehr Konsum für die Massen und die Wiederaufbereitung abgebrannter Kernbrennstäbe.

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  5. Die Leute werden gezielt verdummt, viele merken und wissen es zwar, scheuen sich aber nicht, ihre Dummheit und Einfältigkeit auch offen zur Schau zu stellen.

    Klugscheißer sind nur bei "Wer wird Millionär?" gefragt, ansonsten sind sie Out. Dummheit und Konsum sind In.

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  6. @Keynesianer:

    "Aber ohne Wachstum kein Wohlstand für die Massen." - glaubst du das wirklich? Ich meine, dass das eine überdenkenswerte These ist.

    "es handelt sich bei der Anti-Atomkraft-Bewegung um eine typische politische Inszenierung" - woran erkennt man das und ist sowas schlimm?

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  7. @Keynesianer:
    "Aber ohne Wachstum kein Wohlstand für die Massen."

    Das gilt nur für die Massen hier. Der Blick über den Tellerrand zeigt jedoch: Unser Wachstum liegt in vielen Fällen auf den Schultern von Menschen, die nichts von diesem Wachstum zu spüren bekommen. Die Säulen unseres Wachstums haben keinen Wohlstand und sie werden, solange sich der Blick über den Tellerrand nicht durchsetzt, vermutlich auch kaum je etwas davon mitbekommen.

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  8. Der Punkt ist IMHO, das es zwar noch nie so leicht war, sich Informationen zu einem Thema zu besorgen, aber die Fähigkeit der Leute, die Qualität dieser Informationen zu verifizieren, sich nicht geändert hat.
    Dazu gibts n feines Beispiel im Kontext Klimawandel: Seit einiger Zeit wird ja kolportiert, es gäbe viele peer-reviewed-Artikel von Klimaskeptikern. z.B. hier:
    http://www.populartechnology.net/2009/10/peer-reviewed-papers-supporting.html

    Schaut man sich die Sache genauer an, stellt man fest das praktisch die gesamte Liste Müll ist. Die allermeisten der angegebenen Artikel sind in Zeitschriften erschienen, die nicht SCI-gelistet sind.

    Da hätten wir z.B. Energy & Environment:

    http://www.sourcewatch.org/index.php?title=Energy_and_Environment bzw.

    http://www.realclimate.org/docs/thacker/skeptics.pdf

    In diesem "peer-review-Journal" erschien vor nicht allzu langer Zeit ein Artikel, wo behauptet wurde, der CO2-Gehalt in der Athmosphäre gehe seit 70 Jahren zurück (!).

    Also kurz gesagt: Früher schwurbelten viele ohne jede Kenntnis irgend einen Nonsens zu einem Thema, heute findet sich zu jeder Meinung zu einem Thema irgend ein Nonsens im Netz, auf den die Leute referenzieren können.

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  9. Gerade im Bereich Klimawandel haben wir es mit gezielter Desinformation zu tun. In Folge dessen erlauben sich viele, die ein paar klimaskeptische Artikel gelesen haben, aber von den wissenschaftlichen Grundlagen vielleicht nichts verstehen, auch schnell ein Urteil. Dass es auch für erneuerbare Energien Produkte geben wird und dabei Geld fließt, wird dann als Argument für die Unredlichkeit der Klimaforscher und die vermeintliche eigentliche Motivation - wirtschaftliche Interessen - dargestellt. Die Folge ist ein Netz voller Klimasketiker, die keine Ahnung von wissenschaftlicher Methodik und den Fakten (der Klimawandel ist keine umstrittene Theorie, er ist anerkannter Fakt, die Frage wo und wie zu modifizierend, ist Gegenstand der Wissenschaft), aber alle eine Meinung haben. Desinformationsgesellschaft trifft es hier bestens!

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  10. Zitat: "Desinformiert diskutiert und regiert es sich besser
    Die Nation der Dichter und Denker weigert sich, selbst zu denken. Sie weigert sich, zu hinterfragen. Und das alles angetrieben von einer Politik, die nicht den Eindruck macht, als würde sie sich davon stören lassen"

    Ganz davon abgesehen, dass ich dem Artikel im Großen und Ganzen zustimme, bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob in der zitierten Aussage nicht mehr Wahrheit steckt, als man auf den ersten Blick vermuten könnte.

    Nicht selten, und m.E. in steigender Tendenz, kann man in den Foren "Anheizer" antreffen, so zumindest meine Beobachtung. Sie kommen stets dann vermehrt in die Präsenz, wenn sich die Chance ergibt, es könnte sich eine konstruktive Diskussion entwickeln (dazwischen kann man zumindest stets Versuche erkennen). Jedoch stürzen sich dann mind. 1 bis 3 solcher Schreiber (kann auch eine hetoregene Aggressor-Gruppe sein, bestehend aus Dummheit, Demagoge und ggf. einem "kranken" Geist), auf diejenigen, die tatsächlich sachlich bleiben möchten. Und es wird so lange provoziert, bis entweder jemand sich zur Wehr setzt, dann ist die Diskussion zerstört, oder sich zurückzieht, dann ist die Diskussion ebenso zerstört oder es einfach ignoriert, aber selbst dann ist die Diskussion durch SPAM bereits zerstört.

    Was fehlt, ist eine Diskussionplattform, in der dies schlicht nicht möglich ist, also Nettiquette wörtlich genommen wird.

    Denn völlig rational betrachtet, werden in den "Diskussionen" Äußerungen getätigt, die im Mangel an Intellektualität des Volkes eigentlich so nicht möglich sein sollten. Zumindest dann nicht, wenn man davon ausgeht, die Teilnehmer sind sowohl des Schreibens mächtig, als auch in der Lage, sich die Schuhe zuzubinden.

    Die geballte Zurschaustellung der Dummheit ist derart präsent, dass es mir schwer fällt, daran kein System erkennen zu wollen. Zumal wir, folgen wir der Normalverteilung der Intelligenz auf der Gauß'schen Kurve (die Korrektheit der Zahlen einmal dahin gestellt ... paar rauf oder runter ...) eigentlich ein Mengenproblem haben sollten.

    So drängt sich mir eher der Eindruck auf, man mag mich gerne paranoid nennen, diese Darstellung ist erwünscht, aufgestellt, bezahlt, geschürt, provoziert damit wir uns (Volk) in der Mehrheit für zu blöd, schlicht für alles halten.

    Sind doch wunderbare Vorraussetzungen, so das cui bono betrachtend, in denen man förmlich ungestört regieren kann. So ein blödes Volk hat eh nichts zu sagen, und der Nebeneffekt ist auch nicht zu verachten: "Gott bewahre so ein dummes Volk vor mehr Demokratie".

    Freundliche Grüsse
    rosi

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