Montag, 6. Dezember 2010

Die Angst der Besitzstandswahrer

Von Stefan Sasse

Wilhelm Heitmeyer ist Vorurteilsforscher. Er untersucht seit neun Jahren Vorurteile gegen Gruppen wie Langzeitarbeitslose, Zuwanderer und Obdachlose. Der Trend, den er dabei ausmacht, ist beachtlich. Nicht nur nehmen aggressive Vorurteile gegen die genannten Gruppen deutlich zu;sie nehmen vor allem in den hohen Einkommensgruppen mit einer Rasanz zu, die erschreckend ist. Der Grund dafür besteht nach Ansicht der Forscher in den gestiegenen Abstiegängsten der Mittelschicht. Diese Erklärung ist absolut plausibel und weist eine frappante Parellele zu den frühen 1930er Jahren auf, in denen es ebenfalls die Mittelschicht war, die aus Abstiegsängsten heraus eine aggressive Trennlinie zu ziehen versuchte und dabei damals in Scharen der NSDAP zulief - ganz im Gegensatz zu der alten Legende, es seien die Arbeitslosen gewesen, die die Nazis gewählt hatten.


Man sollte diese Parallele aber nicht überstrapazieren. Ein neuer Hitler steht uns nicht ins Haus. Die Mittelschicht der damaligen Tage stand in ihrer Mehrheit nicht fest auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, in ihren Reihen hatte die Republik sicherlich weniger Freunde. Das ist heute anders; trotz der Krise ist die Zustimmung zur BRD und ihrem System ungebrochen hoch - einzig das aktuelle Parteienpersonal und der Weg, den es einschlägt, steht immer massiver in der Kritik. Doch selbst die härtesten Kritiker wollen in der Regel nur den Weg der Republik ändern, nicht aber die Republik selbst. Das ist der beruhigende Part.

Beunruhigend dagegen ist die offensichtliche Angst der Besitzstandswahrer, also der Mittelschicht. Sie ist wie so oft - eine weitere Parallele zu Weimar - die einzige, die wirklich viel zu verlieren hat. Viele Arbeiter und kleine Angestellte verdienen inzwischen so wenig, dass Hartz-IV keine wesentliche finanzielle Verschlechterung mehr darstellt, obgleich sie diesen Abstieg zu Recht seiner sozialen Konsequenzen wegen fürchten. Richtig gefährdet ist aber tatsächlich die besitzende Mittelschicht. Wer etwa in einem längeren Erwerbsleben den schwäbischen Traum vom Eigenheim verfolgt hat, wer Kinder an den Universitäten hat, wer sich daran gewöhnt hat, Geld für Urlaub oder neuen Wagen prinzipiell zur Verfügung zu haben, für den ist Hartz-IV tatsächlich ein gigantischer Albtraum. Und was das Schlimmste ist: jeder ist Spielball der Gewalten, denn es gibt praktisch nichts, was man gegen den Abstieg unternehmen kann. Es kann jeden treffen, und nach spätestens 18 Monaten sind alle im Elend gleich.

Die bewusste Abkehr der rot-grünen Regierung von der Sicherung des Lebensstandards als Prinzip der Sozialsysteme war ein direkter Angriff auf die Mittelschicht, die in Deutschland einmal die konstitutierende Schicht war und die in allen Sonntagsreden vorkommt. Tatsächlich ist es auch die Mittelschicht, die Wahlen entscheidet, sie ist das Ziel der sozialen Aufsteiger und Heimat derer, die es geschafft haben (vgl. Artikel hier). Wenn sie in ihren Grundfesten erschüttert ist, wackelt auch der Staat. Denn er kann weder auf die Loyalität derer zählen, die er mit dem Hartz-System ausgrenzt und mit den Rentenreformen in Altersarmut drängt, noch auf die Profiteure jener Politik. Die Superreichen werden die letzten sein, die zur Verteidigung ausrücken. Sie werden immer oben sein, und ihre Einstellung der letzten Jahre lässt nicht hoffen, dass sie selbst aus Eigenerhaltungsinteresse zu Verzicht bereit sind.

Dabei ist die Einstellung aller extrem kontraproduktiv. Die Mittelschicht, die zunehmend Aggressionen auf die Benachteiligten richtet, die sie - kein Wunder beim aktuellen Meinungsklima - pauschal verdächtigt, an der Gefährdung ihres eigenen Wohlstands schuld zu sein, ist dabei das größte Problem. Ihr zunehmender Hass auf die Unterschicht ist eigentlich irrational. Es wäre in ihrem besten Interesse, die Sozialsysteme wieder herzustellen, nicht nur um selbst wieder ein Fangnetz zu haben, sondern auch, weil es die eigenen ökonomische Situation sicherer gestalten würde. Selbst die Reichen müssten ein Interesse am Erhalt des sozialen Friedens haben, das zumindest rudimentär vorhanden ist. Doch davon ist nichts zu spüren. Sie behandeln den Staat zunehmend als ihr Eigentum und pressen ihn aus, so gut sie können. Und wer bereits unten ist, bekommt die Verachtung aller anderen und zum Schaden auch noch die Knute der Staatsgewalt ab.

Was aus diesem gefährlichen Kreislauf droht ist, erneut gesagt, nicht der Aufstieg einer neuen Führerfigur. Dafür gibt es in Deutschland keine Anlagen, dafür hat die Aufarbeitung der NS-Zeit zu gut funktioniert. Die reale Gefahr, die besteht, ist die weitere Abwendung vom System, die Wahl ständig neuer verwaltender Regierungen à la Schwarz-Gelb, die nichts weiter tun als die schmaler werdenden Wähler- und vor allem Spendergruppen zu bedienen und ansonsten den Mangel zu administrieren. Eine Abwendung von der Demokratie wäre die Folge, eine Herrschaft der seelenlosen Bürokratie mit Lizenz zur Ausplünderung durch die gerade Herrschenden die Konsequenz. Dieser Entwicklung gilt es entgegenzutreten, doch dafür ist gerade nirgendwo Besserung in Sicht.

Kommentare:

  1. wo und wann ist in diesem land die ns zeit aufgearbeitet worden???

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  2. Ihr Artikel, Herr Sasse, ist ein weiteres Beispiel für Manipulation durch Auslassung nicht unbedeutender Details. Während im verlinkten Artikel durchaus die Verachtung gegen Frauen noch eine Rolle spielt, bemühen Sie sich in manipulativer Absicht, diese Personengruppe nicht zu erwähnen.

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  3. @ landbewohner

    Erwarten Sie von Herrn Sasse keine historischen Fakten oder stimmigen Analysen. Er ist Teil der bürgerlich-liberalen "Medienmeute" (Hartmut Krauss), die durch die dauernde Wiederholung von Scheinwahrheiten (Rechtspopulisten auf links gebürstet) für die entsprechende Verblendung der Leser sorgen, um funktionale Leitkonzepte reaktionärer Herrschaftskulturen zu verteidigen und die Logik der Ausbeutung als Teil "linksliberalen" Gedankengutes spruchreif zu machen. Unter der Behauptung einer gelungenen Entnazifizierung soll es überflüssig sein, zu prüfen wie und was nicht demokratisch ist, und dabei entschlossen einer "realen Gefahr", nämlich einer "Abwendung vom System" ("System" setzt Sasse übrigens schon im nächsten Satz ganz im Stile der Rechten mit "Demokratie" gleich) entgegenzutreten. Die Gebeutelten sollen also dieses "System" auch noch verteidigen, um die "Demokratie" nicht zu gefährden - wobei die "Demokratie" nur die Profitlogik meint, die in Arm und Reich trennt. Sie, als Leser, sollen hier nur eins verstehen: Es hat überhaupt keinen Sinn irgendetwas zu unternehmen, denn tun Sie das, gefährden Sie die Demokratie. (Und wer will das schon?!) Es gibt nämlich - nach Sasses Logik - keine Alternativen zum Kapitalismus und jeder Widerstand ist zwecklos.

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  4. Nein, das muss ich überlesen haben. Das tut mir Leid, es war keine böse Absicht.

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  5. Weihnachtszeit ist Märchenzeit....

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  6. WEnn mich meine Geschichtkenntnisse nicht trügen war Hitler auch nicht gleich die scheinbar charismatische Führerfigur und auch nciht aus eigener Kraft erfolgreich.
    Nur weil wir gerade keinen Führer sehen heißt das nicht dass wir nicht in einigen Jahren einen bekommen, ich teile die Sicherheit des Autors nicht, wohl aber seine Bedenken und sehe sehr wohl die Parallelen.

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  7. @Stefan Sasse
    Ich muss dir zustimmen. Ich habe am Wochenende einer Unterhaltung gelauscht als ich in der Sauna war. Auch dort wurden die Thesen von Sarrazin akzeptiert ohne sich wirklich mit ihnen auseinanderzusetzen. Der Ausländer an sich sei okay, aber muss er denn Moscheen bauen und darf er faul sein.

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  8. Ja, ich sehe auch Parallelen und zwar beim Linksliberalismus historisch und der politischen Bedeutung im Jahre 2010. Historisch hat auch ein organisierter Linksliberalismus in der Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus und nationalsozialistischer Herrschaft so gut wie keine Spuren hinterlassen und er wird es auch zukünftig nicht können. Sasses pseudolinke Solidarität mit Opfern des Kapitals und/oder des Faschismus ist kulturrelativistische und postmoderne Opfervereinannahmung und er bietet de facto keine linke Theorie (und bezieht auch keine antifaschistische Position). Eine radikale Linke solidarisiert sich nicht mit Opfern, sondern mit Ideen. Aber Sasse hat weder Überblick, noch einen Plan und auch keine Idee. Über Reizthemen der radikalen Linken zu schreiben, bedeutet nicht, dies auch zu können -sprich: linke Theorie verstanden zu haben und anwenden zu können- und noch weniger bedeutet das Schreiben über Faschismus, sich damit erfolgreich gegen die Rechte durchsetzen zu können.

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  9. @ endless.good.news

    Der Oeffinger Freidenker ist doch selbst bereitwilliges Verbreitungsorgan sarrazinischer Parolen.

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  10. "Eine radikale Linke solidarisiert sich nicht mit Opfern, sondern mit Ideen."

    So wie die westliche Linke in den 60er Jahren den stalinistischen Terror und die Unterdrückung der Reformbewegungen im Ostblock als notwendiges, aber verschmerzbares Übel auf den Weg in eine "bessere" Zukunft betrachtet hat?
    Die Verantwortung gegenüber der Geschichte, entbindet von der Verantwortung gegenüber den Menschen?
    Meine Güte, ich dachte von dem Zug wär man längst wieder abgesprungen....

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  11. Wo werden in Deutschland Frauen heutzutage diskriminiert, nur weil sie Frauen sind? Höchstens die Männer! Ein völlig unsinniger Kommentar.

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  12. So dumm war nicht mal die westliche radikale Linke. Wenn so etwas je passiert ist, waren es Linksliberale wie Sasse oder einfach haltlose Unterstellungen so wie ihre, SkycladGuardian.

    Eine radikale Linke orientiert sich an Fakten und nimmt konkret darauf Bezug, und eben hyperventiliert nicht zu politischen Nahtoderfahrungen oder ähnlichem Müll. Dass aber solche wie Sie hier Faschismusverharmlosung rechtfertigen, belegt die verminderte Qualität dieses Blog: Ein Zuhause für verhinderte Rechte mit Karriereambtionen. Möchte Sasse die Wegbereiter des Faschismus verkloppen, muß er sich selbst schlagen. (Und ich hätte meinen Spaß dabei.)

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  13. Der Header zum Artikel in der Süddeutschen von Detlef Esslinger, also eben jenem Artikel, den Sasse hier in manipulativer Absicht nach subjektiven Maßstäben "gefiltert" hat und fast schon sinnentstellend verunglimpft (Eure Armut kotzt mich an) lautet:

    Flächendeckende Schmähung: Die Reichen verachten die Armen. Aber auch Frauen, Migranten und generell Andersdenkende. Das hat eine Langzeitstudie ergeben. (...)

    Was die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit angeht, die Heitmeyer als Konfliktforscher seit untersucht, so heißt es auf wikipedia: Das Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit beinhaltet der Definition nach folgende Elemente: Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Abwertung von Obdachlosen, Abwertung von Behinderten, Islamophopie, Klassischer Sexismus, Etabliertenvorrechte, Abwertung von Langzeitarbeitslosen. Die Ergebnisse der jährlich stattfindenden Erhebungen werden kontinuierlich berichtet.

    Da müssen Antifeministen und Sexisten wie Sasse natürlich filtern, um auch irgendwie glaubhaft darstellen zu wollen, dass ihnen wenigstens die männlichen Lanbgzeitarbeitslosen und Opfer der hetzende Medienmeute (die nicht zuletzt er selbst massiv und aktiv betreibt) am Herzen liegen, während die weiblichen Langzeitarbeitslosen ja einfach heiraten könnten oder sich prostituieren etc.

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  14. Selten so einen blühenden Unsinn gelesen, wie das anonyme Geschreibsel von 14 Uhr. Da muß bei der Sozialisation erwas ganz gewaltig schiefgelaufen sein. Anscheinend ist jeder, der nicht gerade ein lila Puldel ist, ein bösartiger Sexist und hetzer. Ich liege mit Herrn Sasse nicht 100% auf einer Linie, aber dies ist völlig abwegig.

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  15. @Anonym 14:22
    Oh, danke dass Sie mir die Augen geöffnet haben, ich sei ein Faschismus-Sympathisant.
    Natürlich. Dann ergibt alles Sinn.
    All die Stunden als virtueller Space Marine im Auftrag des theokratisch-militaristisch-faschistischen und xenophoben Imperiums!
    In diesem Sinne: Death to all Xenos!

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  16. Haha Stefan, da hast du dir aber mal einen richtigen Troll eingefangen :D

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  17. Das haben wir alle am Liebsten: mit ad-hominem-Dreck werfen (anders kann man's nicht bezeichnen), aber Anonym bleiben...
    Troll dich!

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  18. @stefan sasse

    Was hältst du als alter Kritiker der SZ-Wirtschaftsredaktion eigentlich hiervon?

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  19. @Frank: Prinzipiell richtig. Die Gestalt dieser USE würde sich in meiner Vision zwar sicher von der der SZ unterscheiden, aber in der Richtung stimme ich voll zu. Ich sehe außerdem den Euro tatsächlich gefährdet. Für viel mehr fehlt mir aber ehrlich gesagt der fiskalische Fachverstand.

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  20. Wäre Hartz4 so schlimm wie vielfach dargestellt wäre, würde sicherlich die Mittelschicht den Protest mittragen oder Angst vor dem Abstieg haben.
    Bis dahin darf jede zweckgerichtete Studie so ausgestaltet werden, dass das Ergebnis auch der Überzeugung des Initiators entspricht.

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  21. @Wehner

    Die Mittelschicht kann den Protest erst mittragen,
    wenn sie sich mit dem Hartfear Pöbel solidarisiert.

    Aber wiso?
    Mir geht es ja gut!

    Pauschalisieren ist so eine tolle Sache,macht vieles einfacher.Meckern nach unten,bewundern nach oben.

    Im übrigen wäre Harzfear nicht ganz so schlimm,
    wenn es bedingungslos wäre!

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  22. Jaja, Frauen und besonders betroffen. Das übliche Gejammer seit Jahrzehnten.

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  23. War es nicht auch eine Heitmeyer-Studie (oder sogar die selbe), die vor ein paar Monaten vermeldete: 10% der Deutschen wünschen sich einen "starken Führer" und knappe 30% würde eine starke Einheitspartei begrüßen?

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  24. @NannyOgg

    Ja, das macht mir auch Sorgen.

    Besonders weil ich immer mehr das Gefühl habe, dass in der Öffentlichkeit vorgetragene Argumente auch mit noch so guter Rethorik einfach untergehen. Und da hilft dann auch die NS-Aufarbeitung nichts mehr. Die Schreihälse sind die, die gehört werden - da kommen gleich alle gerannt. So jemand wie Westerwelle hätte doch durchaus - nur was Charakter und Auftreten angeht - das Zeug zu einem "starken Mann", oder nicht?

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