Mittwoch, 25. August 2010

Sarrazin und die linke Scholastik

Von Jürgen Voß

Warum ein „Rechtspopulist“ gerade der Linken so weh tut

Sarrazin hat wieder zugeschlagen. Sein Buch “Deutschland schafft sich ab“, noch gar nicht veröffentlicht, zum Teil aber schon vorab erschienen in der Bildzeitung (!), sorgt wieder für helle Aufregung, besonders im „politisch korrekt“ denkenden Lager.

Der Reflex ist dort der gleiche wie bei allen Sarrazinäußerungen der jüngsten Ver-gangenheit: Hier tobt sich ein rechtspopulistischer Denker mit einem Konglomerat von sozialen und demographischen Halbwahrheiten auf dem Rücken einer wehrlo-sen Minderheit aus, der wir alle – die wir anders denken – vehement zur Seite stehen müssen (Beispielgebend die „Besprechung“ von Wolfgang Lieb in den „NachDenk-seiten“ vom 24. August). Die Frage ist nur: Ist dieser schon automatische Empö-rungsreflex richtig und wird er Sarrazin und seinen Aussagen gerecht?


Ich habe da meine Zweifel. Machen wir uns doch gar nichts vor: Sarrazin trifft mit seinen Positionen die Erfahrungs- und Lebenswirklichkeit von Millionen Menschen - und eben nicht nur deren Vorurteile - exakt auf den Punkt. Insbesondere die perma-nent wachsende muslimische Bevölkerungsgruppe (1991: 1,5 Mio., heute rund 4 Mio.) wird von der Mehrheit der Bevölkerung (Alle Umfragen zeigen das) in einer Mi-schung von Unbehagen und dem Gefühl wachsender Bedrohung empfunden (ob zu Recht oder zu Unrecht mag dahingestellt sein, es ist so!).

Insgesamt – um damit mal auf ein kaum diskutiertes Faktum zu kommen – sind in Deutschland exakt 6,981 Mio. Menschen per saldo von 1987 – als die Auflösung des Ostblocks begann – bis 2007 zugewandert. Darunter sind 3,08 Mio. Aussiedler und 3,875 Mio. Ausländer, unter ihnen 430.000 Türken (Quelle: Stat. Jahrbücher des Bundes 1987 – 2009, Tabelle 2.36ff.). Dass der Mehrheit der Bevölkerung eine Zu-wanderung in dieser Größenordnung in einer Zeit permanenter Massenarbeitslosig-keit (seit 1973!) kaum oder gar nicht zu vermitteln ist, beweisen die offiziellen Stellen indirekt dadurch, dass sie in unzähligen Publikationen diese Zuwanderung als letzt-lich „gut“, „demographisch (!) notwendig“ „bereichernd“ und „kulturell wie ökonomisch wertvoll“ hinstellen. Große Zeitungen wie die Frankfurter Rundschau und vor allem die Süddeutsche Zeitung beteiligen sich an diesem Themenmarketing seit Jahren mit an vorderster Front.

Wird über die Nachteile der Massenzuwanderung oder problematische Sozialdaten der Zuwanderer diskutiert – sofern dies überhaupt geschehen darf- regiert wieder der Reflex. Entweder werden die Zahlen bezweifelt oder relativiert oder, wenn beide Techniken nicht greifen, wird der Mehrheitsgesellschaft die Schuld gegeben wegen ihrer mangelnden aktiven Integrationsleistung. Das empfohlene Standardrezept lau-tet dann „Bildung“: Als wenn Bildung beliebig verabreichbar wäre und nicht – wie wir seit Jahrhunderten wissen – an (oft religiös begründeten) antiemanzipatorischen Grundeinstellungen, kulturellen Traditionen und irrationalen Verhaltensmustern durchaus scheitern kann.

Ethnische Arbeitslosendaten, die etwa bei muslimischen Zuwanderern, vor allem bei der dritten türkischen Migrantengeneration, in den Großstädten zwischen 40 und 60 Prozent liegen, werden schulterzuckend zur Kenntnis genommen, wenn nicht gar meist ebenfalls unterdrückt. (Dass die Zahlen bei den russischen Aussiedlern ähnlich liegen, ist ein anderer Problemaspekt der Massenzuwanderung, der ebenfalls tabui-siert wird.)
Der Katalog an Tabus ließe sich erweitern: Schulverweigerung und – versagen, mangelnde Ausbildungsfähigkeit und – willigkeit (!), Sozialhilfe- und Kriminalitätsda-ten. All dies wurde und wird nicht diskutiert. Warum? Weil die Standardargumentation nach dem Motto von Wilhelm Busch „Daraus schließt er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf“ es seit Jahren nicht zulässt, darüber zu diskutieren und weil die Invektivenschleuder mit „Ausländerfeind“, „Rassist“, „Faschist“ usw. im Köcher wirksam bis zur Existenvernichtung derjenigen funktioniert, die die Wahrheit auszusprechen wagen.

Fazit: Natürlich ist Sarrazins Buch, vor allem was die lineare Hochrechnung der de-mographischen Daten anbelangt, hanebüchener Unsinn (wie übrigens die gesamte Aussterbensthese der „Demographietheoretiker“); in manchen Punkten der Situati-onsbeschreibung argumentiert Sarrazin aber (leider) durchaus zutreffend. Und das macht solche Aussagen so gefährlich. Probleme werden angesprochen, die wir seit Jahren kennen, deren rationale, ideologiefreie und ergebnisoffene Diskussion wir aber bewusst vermieden haben. Sarrazin und sein (wesentlich gemäßigtere) „Bruder im Geiste“ Buschkowsky holen auf ihre Weise deshalb eine Diskussion nach, die die Linke, sofern sie sich als rationale Kraft versteht, schon Anfang der 90er Jahre hätte führen müssen. Kein Wunder, dass sie heute mit wütender Empörung die Diskussion nur rezipiert anstatt sie konzeptionell anzuführen. Dazu wäre es aber nötig, dass die„Linke“ ihre dogmatische Zuwanderungsscholastik endlich aufzugeben bereit ist.

Kommentare:

  1. "Sarrazin trifft mit seinen Positionen die Erfahrungs- und Lebenswirklichkeit von Millionen Menschen - und eben nicht nur deren Vorurteile - exakt auf den Punkt"

    Der Autor triffts (unfreiwillig) auf den Kopf. Es geht bei Sarrazins Buch eben NICHT um die Realität, sondern das subjektive Erleben.

    Der dargestellte Unterschied zwischen Vorurteilen und "Lebenswirklichkeit" ist nämlich EXAKT das Problem. Die angebliche Lebenswirklichkeit ist in aller Regel nicht mehr als das Zusammenreimen von "Wahrheiten" auf Grund von Beobachtungen (z.B. wenn man in Berlin (oder anderswo) regelmäßig von ausländischen Jugendlichen "angemacht" wird, und sich auf dieser Basis seine "Meinung" zusammenreimt). Schliesslich haben die wenigsten ganz real intensiveren Kontakt zu größeren Gruppen von Migranten.

    Die angebliche "Lebenswirklichkeit" SIND also in aller Regel Vorurteile. Schliesslich leben Migranten und Deutsche in aller Regel nebeneinander her.

    Sarrazins Buch ist exakt genauso gelagert wie z.B. FOX News in den USA.
    Es dient der Bestätigung der eigenen Gesinnung bzw. Meinung. Dabei ist es völlig irrelevant ob die Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt. Denn es geht eben NICHT um die Wahrheit, sondern es geht um die offiziöse Bestätigung der eigenen Meinung.
    Deshalb kann Sarrazin in seinem Buch auch jeden noch so albernen Nonsens schreiben (was angesichts der Teile die bisher veröffentlicht wurden zu vermuten ist), genauso wie FOX in den USA jeden noch so albernen Nonsens als Nachricht verbreiten kann.

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  2. Schöner Text, dem ich inhaltlich voll zustimme. Ich denke, gerade in Deutschland ist mehr als in anderen Ländern seit Jahrzehnten eine unheilige Allianz von Linken und Rechten konsequent dabei, jede Diskussion über Ausländer und Zuwanderung im Keim zu ersticken. Die Rechten als Vertreter des Arbeitgeberlagers, die stets nur an billige Arbeitskräfte für die Industrie dachten, sich im Zweifelsfall auf das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit berufen und heute durch Beseitigung der europäischen Grenzen weiter den selben Effekt erzielen. Auf der anderen Seite die Linken, ideologisch geprägt und in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit ohne viel Gegenwind. Im Denken oft zu einfach gestrickt, machen sie sich bis heute zum unfreiwilligen Vehikel rechter Forderungen. Während sie sich für Idealisten halten, ebnen sie seit Jahrzehnten den rechten Interessen den Weg, ohne es selber zu erkennen. Die einen wollen billige Arbeitskräfte, um mehr Profit zu erzielen, die anderen wollen alles unheimlich Multi-Kulti ohne Rücksicht auf das Empfinden des überwiegenden Teils der Bevölkerung und ohne Gedanken an die langfristigen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Dabei findet sich bei diesem Typ Linken oft genau jene Intoleranz gegenüber Andersdenkenden, die sie selber anprangern. Ein Frau im Deutschlandfunk löste bei mir fast Brechreiz aus, als sie neulich in einem Interview zur Zuwanderung jeden zweiten Satz mit 'und das ist auch gut so' beendete. Andere Meinungen? Nicht erwünscht. In diesem Sinne, danke für den Beitrag.

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  3. "rationale, ideologiefreie und ergebnisoffene Diskussion"

    Du glaubst im Ernst, es könnte eine ideologiefreie und ergebnisoffene Diskussion geben? Was Sarrazzin bezweckt, ist -neben Kohle machen mit Populismus- z.B. die Einführung eines Integrationsministeriums. Da wird dann -natürlich ganz ergebnissoffen und ideologiefrei- entschieden, wer nach Deutschland darf und wer wieder abgeschoben wird.

    Die Linke tut recht daran, diese Art der sarrazzinschen "Argumentation" scharf zu kritisieren. Wer sich in Zukunft über Menschen wie Sarrazzin ("das kleinste Problem von Hartz4 Empfängern ist das Untergewicht"), Buschkowsky und Clement ("Arbeitslose sind Parasiten") nicht mehr aufregt, öffnet dem Faschismus Tür und Tor.

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  4. Die Aussagen von diesem Mann (Herr Sarrazin) klingen für mich beinahe so:

    Wir sind die Deutschen! Wir werden eure (Menschen, die aus anderen Regionen dieser Welt kommen, und sich aus welchen Gründen auch immer dazu entschlossen haben, hier zu leben) biologischen und individuellen Charakteristika den unsrigen hinzufügen (Integration). Eure Kultur wird sich anpassen (Assimilation) und uns dienen (wirtschaftlich Nutzen) - Widerstand ist zwecklos!

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  5. Die Frage ist doch: Trägt Sarrazin zu dieser Diskussion bei?

    Und siehe da: Nichts tut er.

    Warum auch. Für ihn liegen ja die Ursachen in der Tatsache, dass das Ausländer sind.

    WOW. Welch zutreffende Situationsbeschreibung.

    Eine Diskussion muss geführt werden. Aber nicht unter solchen Voraussetzungen. Und schon garnicht als "Reflex" auf das hirnfreie Geschwafel dieses Sozialdarwinisten

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  6. Im Gegensatz zu Frau Heisig darf man Herrn Sarrazin wohl getrost jedweden Bezug zu dieser Problematik absprechen. Seine Beweggründe seien deshalb einmal dahingestellt.

    Viel interessanter ist die Tatsache, wie sie im Artikel auch beschrieben wird. Dass nämlich bei bestimmten Diskussionsthemen umgehend Reflexe zum Zuge kommen, die nicht zielführend sind. Gerade von den links verorteten Mitbürgern.

    So wie es Gegenden gibt, in denen weit und breit nichts von einer wie auch immer gelagerten Problematik mit Ausländern zu spüren ist, sieht es gerade in Ballungsgebieten anders aus. Manche Gegenden von Hamburg, Berlin, Köln oder Frankfurt sind nicht nur bei Polizisten mittlerweile "No-Go-Areas". Nur darüber spricht man nicht.

    Stattdessen treibt man, auch in unserer 33.000 Einwohner zählenden Kleinstadt, immer wieder gerne den "Kampf gegen Rechts" vor sich her. Mit einer solchen Penetranz, als gelte es das Schreckgespenst von braunen Horden, die fackeltragend durch die Straßen ziehen, zu vertreiben.

    Was wir vielmehr brauchen ist eine vorbehaltlose Diskussion der gesamten Gesellschaft hierzulande. Denn so wie es Vorurteile zu genüge gibt, so gibt es auch Probleme, und das nicht zu knapp. Aber eine solche wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht möglich sein.

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  7. Die unmögliche Tatsache von Christian Morgenstern

    Palmström, etwas schon an Jahren,
    wird an einer Straßenbeuge
    und von einem Kraftfahrzeuge
    überfahren.

    Wie war (spricht er, sich erhebend
    und entschlossen weiterlebend)
    möglich, wie dies Unglück, ja -:
    daß es überhaupt geschah?

    Ist die Staatskunst anzuklagen
    in Bezug auf Kraftfahrwagen?
    Gab die Polizeivorschrift
    hier dem Fahrer freie Trift?

    Oder war vielmehr verboten
    hier Lebendige zu Toten
    umzuwandeln - kurz und schlicht:
    Durfte hier der Kutscher nicht -?

    Eingehüllt in feuchte Tücher,
    prüft er die Gesetzesbücher
    und ist alsobald im klaren:
    Wagen durften dort nicht fahren!

    Und er kommt zu dem Ergebnis:
    Nur ein Traum war das Erlebnis.
    Weil, so schließt er messerscharf,
    nicht sein kann, was nicht sein darf.

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  8. Der eigentliche Skandal ist ja, dass jemand wie Sarrazin für die Hetze, die er öffentlich betreibt, einen führenden Posten bei der Bundesbank bekommen hat. Der hat sich mit seinen Kochrezepten für Arbeitslose dafür qualifiziert.

    Jetzt führt er die bekannte Kampagne, die Opfer der herrschenden Verhältnisse gegeneinander aufzuhetzen. Selbstverständlich wird Sarrazin nicht darüber schreiben, dass die Herren des Kapitals es waren und gerade heute wieder sind, die noch mehr Zuwanderung fordern, um hier die Löhne zu drücken.

    Gerade eben will man schon wieder angebliche Fachkräfte von sonstwoher anwerben, um hier den Ingenieur über 50 nicht mehr zahlen zu müssen. Dass dann nicht oder nicht nur Fachkräfte kommen, ist klar. Auch die Asiatin arbeitet für Hungerlohn auf einem mörderischen Job in der Altenpflege nur bis zu dem Tag, an dem sie nicht mehr zurückgeschickt werden kann.

    Aber die wirklichen Probleme werden von Sarrazin und Konsorten nicht angesprochen. Die tun so, als hätten linke Gutmenschen die Arbeiter aus der Türkei und bis aus Arabien ins Land geholt und nicht die Kapitalisten.

    Das müsste die Linke der Bevölkerung klarmachen, dass es sich bei dem ganzen Problem um die Folge gezielter Lohndrückerei handelt. Schon ein guter Mindestlohn würde Kapitalisten zwingen, dann doch lieber für das Geld einen Deutschen zu beschäftigen, statt einen Inder oder Chinesen.

    Aber für einen Mindestlohn wird Sarrazin sicher nicht plädieren und so könnte die Linke es den Bürgern erklären, dass das eben nur Hetze ist.

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  9. Ist das jetzt Selbstkritik und Sie geloben Besserung? Ich verstehe ihren Bezug auf die Linke nicht und auch nicht, warum Sie "Beißreflexe" ausmachen und ein Tabu brechen wollen.

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  10. Momentan ist es en vogue, die Schuld an allen Missständen "linken Gutmenschen" anzulasten. Dies führt zwangsläufig zu einer gewissen Nachlässigkeit in der Argumentation.

    Was meint der Autor mit "dogmatischer Zuwanderungsscholastik"?

    Die OECD, die seit Jahren die schlechten Bildungschancen von Migrantenkindern in Deutschland anmahnt?

    Wirtschaftsnahe Institutionen wie DIW und IHK, die ungeachtet 4 Mio. Arbeitsloser vehement für eine weitere Zuwanderung plädieren?

    Es ist die politische Kaste, der Sarrazin selbst angehört, die hier versagt hat. Es besteht nicht der politische Wille, die unkontrollierte Zuwanderung einzudämmen. Schon die Regierung Kohl hat sich unter dem Motto "Deutschland ist kein Einwanderungsland" einem konstruktiven Zuwanderungsgesetz verweigert. Lieber entspricht man dem Wunsch der Industrie nach Billiglöhnern.

    Die daraus resultierende Ängste breiter Schichten vor dem sozialen Abstieg lassen sich bestens dem Phantom des "politisch korrekt denkendem Gutmenschen" anlasten. Macchiavelli lässt grüßen!

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  11. Als ich den Titel des Buches "Deutschland schafft sich ab" las, dache ich spontan: "Was solls? Kauf ich mir nen Tiroler Hut!" Aber diese Tegtmeier-Kopie meint das nicht so, wie ich es gern verstanden hätte. Deshalb die guten Texte hier und auf den Nachdenkseiten. Was mich aber wundert ist, dass Siegmar Gabriel Inhalte des Buches nicht für skandalös sondern, wie er sagt, nur für "sprachlich gewalttätig" hält. Ach so: Muss ich darunter verstehen, dass Herr von Manger äh Tegtmeier, ne, Sarrazin bitte etwas moderater, "rhetorisch gewaltfreier" seine rassistischen Texte verfassen soll?

    Dass 90 % der BLÖD-Leser die Behauptungen von S. richtig finden, beweist nur wieder einmal, wie gefährlich Volksentscheide sein kännen.

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  12. Lieber Herr Voß,

    wer sich so eindeutig rassistisch positioniert wie T.S. hat von intelligenten und gebildeten Menschen halt nichts zu erwarten als Verachtung.
    Das was sie "Beissreflex" nennen, ist die gesunde Abwehrreaktion des denkenden Individuums auf derartige Entgleisungen.

    Halten Sie es ernsthaft für belebend für die Debatte, wenn die besagte Bevölkerungsgruppe als minderwertig und parasitär charakterisiert wird? Ach ja, Sie halten das ja für rational, ideologiefrei und ergebnisoffen...

    Das ein erfolgreicher Hetzer nicht im luftleeren Raum operieren kann, sondern vorhandene Probleme als Vehikel für seine Ideologie benutzen muss, versteht sich von selbst - und ist in Ihrem Fall offenbar ausreichend, um Ihre klammheimliche Zustimmung zu bekommen.

    Zu Ihrem wirren Fazit:
    Sarrazin holt für die Linke eine Diskussion nach, welche diese schon lange hätte führen müssen? Um dann ganz rational zu dem Ergebnis zu kommen, dass es tatsächlich minderwertiges Menschenmaterial gibt, welches möglicht an der Vermehrung zu hindern ist? Dass die Faschisten womöglich gar nicht so falsch lagen, sich bloss in der "Rasse" geirrt haben?

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  13. "Dass der Mehrheit der Bevölkerung eine Zu-wanderung in dieser Größenordnung in einer Zeit permanenter Massenarbeitslosig-keit (seit 1973!) kaum oder gar nicht zu vermitteln ist, beweisen die offiziellen Stellen indirekt dadurch, dass sie in unzähligen Publikationen diese Zuwanderung als letzt-lich „gut“, „demographisch (!) notwendig“ „bereichernd“ und „kulturell wie ökonomisch wertvoll“ hinstellen."
    Was ist denn das für eine Logik? Da gesagt wird, dass Zuwanderung ökonomisch sinnvoll ist, ist sie das nicht? Fehlt nur noch "die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg". Ich bin ekrlich gesagt ziemlich schockiert, gerade diese These "ausländische Billigfremdarbeiter überschwemmen unser Deutschland!" auch hier in der Diskussion und auch von solchen, die sich wohl eher der politischen Linken zuordnen würden, zu lesen. Naja, so haben Sarrazin, Bild und Co. schon mal etwas erreicht, was sie sich wünschen.

    "Ethnische Arbeitslosendaten, die etwa bei muslimischen Zuwanderern, vor allem bei der dritten türkischen Migrantengeneration, in den Großstädten zwischen 40 und 60 Prozent liegen"
    Ah, Muslime sind also jetzt eine Etnie.

    Sarrazin liefert ja nicht nur plumpe Vorurteile statt Fakten (die ich mir in dem Artikel auch gewünscht hätte, anstatt nur "so denken das DIE LEUTE ja auch", ich kann mich hier auch nur dem ersten Kommentar anschließen). Ja, es gibt durchaus Probleme, und ich denke auch nicht, dass diese von der linken politischen Seite ignoriert werden. Probleme kann man aber am besten bei ihren Ursachen bekämpfen. Sarrazin aber liefert dazu ganz klar rassisitsche und sozialdarwinistische Ansichten dazu, wenn er sagt, dass bestimmte Ethnien eine geringere Intelligenz haben, dass sich nur die "Höherwertigen" vermehren sollen usw. Und nein, über Rassismus und Sozialdarwinismus möchte ich nicht ergebnisoffen diskutieren.

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  14. 1. Ob Herr Sarrazin irgendwo "leider recht" hat oder nicht, werde und kann ich nicht beurteilen, weil ich sein Buch nicht gelesen habe. Und kaufen werde ich das Buch bestimmt nicht. Ich werde doch nicht noch einen Menschen finanziell unterstützen, der in einer beschämenden Art und Weise gegen Minderheiten Stellung bezieht.

    2. Wer öffentlich so mit niederen Pauschalaussagen eine Diskussion anheizt, kann nicht ernsthaft verlangen, dass das auch noch sachlich und "ergebnisoffen" diskutiert wird.

    Ich glaube er will auch nicht sachlich diskutieren. Ich habe da so meine eigenen subjektiven Vermutungen.....

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  15. Sehr geehrter Herr Voß,

    Ihr Artikel befremdet ein wenig. Selbstverständlich gibt es Integrations-Probleme, sogar massive (wie auch sonst in einer heterogenen, rasch veränderlichen Gesellschaft!), allerdings werden Entwicklungen und Trends, die dem von Ihnen skizzierten Wahrnehmungsbild widersprechen, ebenfalls häufig nicht zur Kenntnis genommen. Die Erkenntnisresistenz ist vielleicht bei „Linken“ noch am relativ geringsten. In einer sog. Diskussion, die schon zufolge ihrer Wortwahl in weitaus überwiegendem Maße instinktgesteuert ist, sollte man den Ruf nach Rationalität nach wie vor eher an die sog. „Mehrheit der Bevölkerung“ richten.

    Wie immer dem sei, der entscheidende Punkt scheint mir ein anderer, nämlich was denn nun eigentlich zu tun sei. Es geht ja nicht um die jetzige und künftige Zuwanderung, denn gemäß allen sog. Analysen stellen ja die bereits hier lebenden Ausländer das Hauptproblem dar. Wie also wäre der relativen zahlenmäßigen Zunahme, der Arbeitslosigkeit, dem Mangel an Bildung und Ausbildung usw. zu steuern? Gerne hörte man konkrete Vorschläge von denen, die zur sog. Diskussion aufrufen und intellektuell hochwertige Warnungen in den qualitativ hochwertigen Medienwald rufen oder darauf ein national-moralisch hochwertiges Echo geben. Man erregt sich, die Handlungsvorschläge allerdings beschränken sich auf’s Zuschlagen als Reflex. Ich kenne keinen einzigen ernstzunehmenden, effektiven, akzeptablen, sachhaltigen Vorschlag aus diesen Kreisen, nur Expektorationen nach obiger Manier. Und eben auch Bräunlichkeiten, der Firnis ist dünn. Langfristig bleiben alleine Förderung und Bildung, auch im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung. Allerdings bedürfte es dazu nicht nur durchdachter gesetzlicher und organisatorischer Maßnahmen (teils durchaus direktiv), sondern vor allem auch entsprechender Investitionen. Das sagt genug über die Realisierbarkeit. Nur so allerdings wird man den Fehlern der Vergangenheit entgegenarbeiten können.

    An den Früchten sollte man also die erkennen, die nach sog. Diskussion rufen. Die Früchte werden aber, wie es aussieht, auch in Zukunft von zweifelhafter, symbolischer Natur sein (z.B. exemplarische Bestrafung und Lynchphantasien), denn es geht offensichtlich primär um das Selbstbild und Ausleben von Hass. Sieht man, welches geistige Niveau zumeist oder durchgängig diejenigen vertreten, denen es am lautstärksten um die Zukunft der sog. deutschen Kultur geht, dann erklärt sich Vieles. Schließlich ist Bildung Bild, wie schon Boris von Humboldt wusste (oder war es Wilhelm Amadeus von Goethe im sadomasochistischen Inzest-Drama „Was ihr wollt“?).

    So gesehen kann man bei verstärktem wirtschaftlichem Druck auch künftigen sog. Diskussionen ohne Spannung entgegensehen. Sie werden weiter auf Meutenheulniveau laufen, und zwar mit oder ohne „Linke“, denn die bewirken ohnehin nichts bei der keineswegs schweigenden Mehrheit. Ihre Ratschläge scheinen mir daher auch in der heutigen Situation immer noch an die falsche Adresse zu gehen. Ändern wird sich nichts durch „Linke“, auch nicht, indem diese etwas „eingestehen“, sondern allenfalls durch die breite sog. Mitte, die diese Änderungen mittragen, im Alltag mitrealisieren und dabei, ebenso wie andere, ihre Ressentiments im Zaum halten muss statt sie hemmungslos groß und größer zu ziehen. Das allerdings sagt auch etwas über „Kultur“.

    Mit freundlichen Grüßen

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  16. Ich schrieb unlängst:

    "Der öffentliche Diskurs läßt kaum Raum, sich "sachlich" mit den Hetzern auseinanderzusetzen. Aber auch deren Positionen lassen keinen Raum. Ich will nicht argumentieren, warum Türken oder Moslems generell doch nicht so schlecht sind - denn damit sind wir schon beim Punkt, ich müßte die Türken rechtfertigen, ihre Existenz in Deutschland gutreden, sie quasi entschuldigen. Und dazu kann man, gerade als Demokrat, nicht bereit sein. An oberster Stufe kommt die Erkenntnis, dass türkische Menschen Mitbürger und Nächste sind - Sarrazin und Partner rücken aber davon ab, spalten, tun so, als seien diese Menschen uns total entgegengesetzt. Auf dieser Ebene ist Diskussion letztlich eine undemokratische Sünde, denn sie führt immer auf Pfade, die man ethisch gar nicht betreten darf. Ob auch nur ein Körnchen Wahres an den Thesen Sarrazins ist, ist zunächst unerheblich. Zuerst kommt das Bekenntnis zum Nächsten. Wenn es ausbleibt, ist jede mögliche Wahrheit irrelevant und jede Diskussion ein Abdriften in Schamlosigkeit."

    Das schrieb ich am 1. Dezember 2009... hier der ganze Text:
    http://ad-sinistram.blogspot.com/2009/12/man-diskutiert-nicht-mit-henkern_01.html

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  17. Is ja wie in der bild, nur umgekehrt. sehr interresant.

    vielleicht solltet ihr das nicht untereinander sondern mit der anderen partei ausdiskutieren. an rhetorischen mittel scheint es euch ja nicht zu mangeln.

    wünsche viel spaß

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  18. Ich bin immer und gerne dazu bereit, eine "rationale, ideologiefreie und ergebnisoffene Diskussion" zu führen. Ich benutze in solchen Fällen gerne Fakten, wie diese zum Beispiel:
    http://www.fr-online.de/politik/mehr-auswanderer-als-einwanderer/-/1472596/4464748/-/index.html

    Also mein Fazit: Ja, Schland wird blöder, weil die Intelligenten abhauen. Der Rest, der hier bleibt, kann sich nur keinen Rolator zur Flucht leisten.

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  19. oh, diese bedeutungsschwangere empfindlichkeit der ausländerfeinde und rassisten. meinungsfreiheit bedeutet nicht unbedingt, dass man vor wertender beurteilung des eigenen standpunktes geschützt wird.

    dass aber auch so viele leute damit durchkommen, scheiße zu reden und sich bei angemessener reaktion als entkommenes lynchopfer gerieren.

    ist übrigens kein spezifisch deutsches problem.


    .~.

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  20. Tja, kaum ein Thema, das hier seit längerem so polarisiert hat wie dieses...

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  21. Der Witz ist, dass keineswegs nur die Linke "mit wütender Empörung ... reagiert". Sondern mehr oder weniger die gesamte Phalanx der Politoligarchie.

    Und zur Sarrazin-Provokation:
    Ich halte Sie für intelligent genug zu realisieren, dass Ihr Blog-Eintrag ohne diese Provokation nicht zustande gekommen wäre, und dass wir ohne diese (wie immer man sie inhaltlich beurteilt) eine "rationale, ideologiefreie und ergebnisoffene Diskussion" auch in den nächsten tausend Jahren nicht führen würden (was natürlich keineswegs den Umkehrschluss zulässt, dass wir jetzt zu einer solchen kommen müssten).

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