Dienstag, 17. August 2010

Wulff und Maschmeyer – ein Nachtrag zu einer wenig beachteten Meldung

Von Jürgen Voß

Ende Juli kam eine Meldung über den Ticker, die für mich sensationell war, für andere wohl weniger, deswegen gab es wohl auch keine weitere Aufregung. Oder?

Es geht um die Nachricht, dass unser frisch gekürter Bundespräsident Wulff in Port Andratx (Mallorca) bei seinem langjährigen Freund Carsten Maschmeyer auf dessen „Paradise Castle“ Urlaub gemacht habe. Selbstverständlich alles selbst bezahlt, selbstverständlich!

Carsten Maschmeyer hat seine Firma AWD inzwischen an Swiss life verkauft und hat seine Millionen, vielleicht sogar Milliarden gemacht. Mit Finanzdienstleistungen auf der Basis von des Modells „Strukturvertrieb“. Strukturvertrieb ist die euphemistische Umschreibung für ein besonders perfides Schnellballsystem. Hier werden Berater aus welchen Berufen auch immer, gestern noch LKW-Fahrer, Bäcker oder Metzger, innerhalb kürzester Zeit zu „Finanzberatern“ geschult (M. W. müssen sie diese Schulung sogar selbst bezahlen). Dann werden sie auf die Leute losgeschickt, vor allem auf ihre eigenen, d.h.: Freunde, Bekannte, Verwandte. Diese werden einzeln abgegrast und „beraten“. Resultat: Bei Risiko des Verlustes des einen oder anderen Freundes klappt es am Anfang. Ist der Freundes- und Bekanntenkreis erschöpft (oft im wahrsten Sinne des Wortes, aktiv wie passiv) ist die Party vorbei.
Mit ähnlichen Methoden hat vor Jahren schon ein HSV- Sponsor gearbeitet, ebenso wie die Hamburg - Mannheimer (Branchenjargon: Hamburg-Mafia).


Frage ist jetzt: Was soll ich von einem Bundespräsidenten halten, der sich nicht schämt, mit einem dreimal chemisch gereinigten Jungen aus Versicherungs- und Finanzdienstbranche so eng zu verkehren, und dies, wie der Presse zu entnehmen war, seit Jahren - beruflich wie pri-vat?
Dies wäre aber nur die moralische Seite des Problems. Dass die Medien diesen Hammer kaum bis gar nicht thematisiert haben, ist schon erstaunlich. Die politische Dimension dieses Vor-gangs ist nämlich viel schlimmer als die moralische. Warum?

1. Seit langem steht die Zerstörung der solidarischen Sicherungssysteme auf der neolibe-ralen Agenda. Davon profitieren nicht nur die Anbieter aus dem Finanzmarkt – von deren Fähigkeit, Solidität und Seriosität wir uns ja gerade prächtig überzeugen konn-ten - sondern auch unsere Politiker weidlich. Nur mit dem Unterschied: Jene verdienen Milliarden an der Zerstörung der Rente, unseren Politikern reichen ein paar Hundert-tausend. Ein Fliesenleger denkt eben in anderen Dimensionen als Herr Maschmeyer.
2. Dies geschieht – wie das Beispiel Wulff neuerlich zeigt - noch nicht einmal heimlich sondern ganz offen, man freut sich sogar über die Bilderserien in der Yellow-Press.
3. Die Presse selbst, unsere tolle freie und ach so kritische Presse, die sich an dem Por-sche-Oldie des Vorsitzenden der Linken seit Wochen hochzieht, sieht in solchen Vor-kommnissen nichts Ungewöhnliches oder Berichtenswertes. Vielleicht ist es ihr aber einfach nur peinlich, was bei dem jahrelangen Trommeln für die Privatversicherung herausgekommen ist, so dass sie es vorzieht zu schweigen,
4. Den einfachen Arbeitnehmern wird aber „unverblümt“ gezeigt, wer der eigentliche Nutznießer der Privatisierung der bisher staatlichen Systeme ist: Nicht er selbst mit seinen 2,2,5 % Garantierendite auf den Sparanteil seiner Privatversicherung sondern „die da oben“, die handstreichartig und mit atemberaubendem Chuzpe zerstört haben oder weiter zerstören wollen, was die erste Nachkriegsgeneration der Politiker aufge-baut hat.
5. Die eigentlichen Profiteure aber, die nun mit Milliarden subventioniert werden (getarnt als Zuschüsse und Steuervergünstigen für den kleinen Sparer und Anleger), deren „Connections“ zur Politik sich so prächtig ausgezahlt haben, lachen sich abends in fröhlicher Runde in ihren Villen halb tot, wie leicht ihnen diese Parvenues a la Schrö-der und Wulff auf den Leim gegangen sind.

Und da wundern sich noch manche Leute, warum die Wahlenthaltung bei den 18 – 25jährigen die 50% Marke regelmäßig überschreitet.

Kommentare:

  1. Kann ich nur zustimmen.

    Aber kleine Anmerkung zum Thema AWD.
    Die Schweinerei ist weniger der Strukturvertrieb (Wer von nem Metzger Versicherungen kauft, ist selbst schuld), sondern dass die ja unter dem Deckmantel des "unabhängigen Finanzoptimierers" nur bestimmte Versicherungen verkaufen - Seit kurzem übrigens bevorzugt Berufsunfähigkeitsversicherungen der Swiss Life - Welch Überraschung ;-)

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  2. Die Zahl ist ohne Zweifel diskussionswürdig - aber du hast meine Argumentation verfehlt. Mir geht es nicht um die HEUTIGEN Verhältnisse. Sondern um die, wie sie früher waren.

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  3. Ja, ja der Herr Maschmeyer, früher finanzierte er den Bundeskanzler Schröder mit riesigen Anzeigen und bekam eine Förderung nach der anderen. Jetzt ist es der Bundespräsident. Na, da kann er über Beziehungen nicht schimpfen.

    Aber interessant ist ja die Tatsache, dass einem völlig überschuldeten Regierungsstaat seit vielen Jahren, egal ob von SPD, CDU, CSU, Grüne, FDP regiert alle Politiker treffen Entscheidungen, die gerade das Gegenteil von dem bewirken, das man angeblich bekämpfen will - die Staatsverschuldung.
    Wenn jemand für sein Alter finanziell vorsorgt statt in die Wirtschaft zu investieren oder auch zu konsumieren, entzieht er dem Wirtschaftskreislauf Geld, mit dem neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten, wodurch selbstverständlich aber auch Steuereinnahmen eingefahren werden könnten.

    Somit wird die Rekordverschuldung, die Jahr für Jahr erzielt wird kaum reduziert.

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  4. Als ich die Meldung vor einiger Zeit las, erinnerte ich mich daran, daß ein gewisser Lothar Späth als MP für einen ähnlichen Zusammenhang schonmal zurückgetreten ist. Aber das ist fast 20 Jahre her...
    Sowas MUSS man von Klaus Ernst für seine Schwerstverbrechen verlanngen (eben schon wieder süffisant m Heute-Journal: "Schampus-Klaus" etc...), aber doch nicht für solche Lappalien eines Bundespräsidenten.
    Ich fordere 20 Jahre EKEL-Haft für Wulff und Maschmeyer...

    Die Nachdenkseiten haben vor ein paar Tagen nochmal jene Stelle aus der SR-Doku "Rentenangst" zitiert, als der Versicherungs-Vertreter mit Professorenstuhl sprach: (Zitat)
    " ›Die Rente ist sicher! Nur hat kein Mensch mitgekriegt, dass wir aus der Rente inzwischen ’ne Basisrente schon längst gemacht haben. Das ist alles schon passiert. Es ist alles schon passiert.‹... ›Wir sind runtergegangen durch den Nachhaltigkeitsfaktor und durch die modifi zierte Bruttolohnanpassung. Diese beiden Dinge sind schon längst gelaufen. Ja. Waren im Grunde genommen nichts anderes als die größte Rentenkürzung, die es in Deutschland jemals gegeben hat. Beides Vorschläge der Rürup-Kommission.‹"

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=6468

    (Und den Rürup auch noch seinerzeit für AWD eingekauft)
    Ich bin mittlerweile auch öfter sprachlos, nicht über die Tatsache, daß, sondern über die Offenheit, die Unverschämtheit, wie sie uns besch...n, und
    daß wirklich keinerlei Gewissensreste mehr zu wittern sind, nicht mal minimale. Fasinierend.
    Grüße

    HHarlekin

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  5. Stimme zu. Maschmeier ist mit einem neoliberalen Schneeballsystem unglaublich reich geworden, die Nähe zur Prominenz hat er immer gesucht, nicht nur zur irgendwie passenden Partnerin Veronica Ferres. Auf internen Selbstfeierungsveranstaltungen von AWD traten meines Wissens nach auch schon Gerhard Schröder und Michael Gorbatchew auf. (P.S. Die ganzen Trennstriche im Text sind doch sicher ein Versehen?)

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  6. Engelen-Kefer schreibt auf den Nachdenkseiten, daß die Riesterrente mit 12,5 Milliarden jährlich subventioniert wird.

    Und wir streiten uns ob 400 Millionen zusätzlich für arme Kinder finanzierbar sind.

    Verfluchte Lügen.

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