Sonntag, 8. August 2010

Die Katastrophe von Duisburg

Welche Folgen es hat, wenn ein Schlagwort zur Ideologie wird

Von Jürgen Voß

Das Ruhrgebiet steht mal wieder im Focus der Öffentlichkeit. Doch diesmal ganz anders als geplant war. Mit dem großen Marketingbrimborium um die „Kulturhaupt-stadt 2010“ sollte gezeigt werden, zu welch spannender und phantastischer Region sich dieser alte Schwerindustriekoloss inzwischen entwickelt hat, wie toll seine Menschen sind – natürlich darf der Hinweis auf „Multikulti“ nie fehlen – und vor allem wie prächtig die Region den Strukturwandel geschafft hat.

So schreibt die Süddeutsche am Samstag in einer Subhead: Das Ruhrgebiet hat den Strukturwandel geschafft und bietet dann einen Text an, in dem exakt das Gegenteil bewiesen wird. Also ein simpler Druckfehler? Fehlte da das „nicht“? An-ders wäre es jedenfalls nicht zu erklären, denn die traurigen Fakten über die Realität des Ruhrgebietes stimmten alle.


Und diese Fakten wären noch zu ergänzen: Die Region hat den Verlust von über 1 Million Arbeitsplätzen im gewerblichen Bereich bis heute nicht ansatzweise kompensieren können. Die Arbeitslosenziffern, statistisch geschönt wie alle Berichte aus dieser „Anstalt“, sind katastrophal. Die Absolutzahlen der verlorenen (sozialversicherungspflichtigen) Arbeitsplätze machen dies deutlich: So hat Duisburg – die Stadt des Desasters - seit 1960 79.763 Arbeitplätze verloren; Essen, die „Dienstleistungsmetropole“, die angeblich noch am besten dasteht, 94.328; Mülheim 29.439, Oberhausen 47.162, Bottrop 48.365, Gelsenkirchen 93.199 (Quelle: 1960: Landesamt für Statistik; 2009: Bundesagentur für Arbeit). Dies alles sind per saldo Zahlen; sie sagen nichts aus, über den „inneren“ Wandel der Erwerbspersonenstruktur. Denn statistisch wird der verloren gegangene Arbeitsplatz im Bergbau und auf der „Hütte“ gleichgesetzt mit dem hinzugewonnenen Teilzeitarbeitsplatz der Boutiquenverkäuferin, die brutto vielleicht ein Drittel des früheren Bergmannsalärs verdient. Die eigentlichen Verluste an sozialver-sicherungspflichtigen Vollzeitstellen im gewerblichen Bereich liegen also noch viel höher als die genannten.

Es gibt also gar keinen Strukturwandel, denn dieser hätte ja bedeutet: Die eine In-dustrie verschwindet, die nächste kommt. Nur: Der junge Mann, der 1960 im Berg-bau seine Lehre begann – als es auch schon zwei Jahre kriselte – ist heute im Zweifelsfalle HartzIV-Kandidat; erst recht gilt dies für den jugendlichen Bauhilfsarbeiter und den ungelernten Hüttenarbeiter. Deren Arbeitsplätze sind schlicht nicht mehr vorhanden. Arbeit wurde und wird – dies ist die traurige Realität - ersetzt durch Sozialhilfe – für Zyniker sicherlich auch eine Art Strukturwandel, doch sicherlich keine Erfolgsbilanz.

Doch die logische Frage drängt sich auf: Warum konnte sich die Schimäre „Strukturwandel“ so lange politisch halten? Neben den zig Milliarden, die an Subventionen in die Region geflossen sind – und wahrlich nicht nur an den Bergbau alleine – ist es einfach die völlige Alternativlosigkeit, die die Menschen bewogen hat, am alten festzuhalten und sich den Status quo so lange wie möglich schön zu lügen. So weit menschlich verständlich. Etwas maliziöser gedacht kann daraus natürlich auch ein Schuh werden: Der Fahrsteiger, der, mit 53 „abkehrt“ und dies mit 2.800 Euro Anpassungsgeld tut, und später mit 3.000 Euro Rente seinen „kärglichen“ Lebensunterhalt fristen muss, hatte sicherlich ebenso ein Interesse, den Bergbau so lange wie möglich beatmen zu lassen, wie der einfache Kumpel, bei dem die Beträge ab dem 49. Lebensjahr 1.600 Euro und später 1.850 Euro lauten. Gleiches gilt für die Politiker: Die Städte des Ruhrgebietes, insbesondere der Emscherzone, die an sich erwerbswirtschaftlich gar keine Grundlage mehr haben und nie mehr haben werden, bieten in ihren Verwaltungen wunderbare Positionen. So ist der Sprung vom braven Oberstudienrat (A 14) zum nach B10 besoldeten O-berbürgermeister schon Grund genug, die Klebstoffunterlage auf dem Amtsstuhl permanent frisch zu halten, komme was da wolle, und wenn es 21 Tote sind.

Einer solchen Interessenslage findet in der Mittelmäßigkeit des Bewusstseins aller Beteiligten folgerichtig seine Entsprechung: In Duisburg ist offenbar worden, mit welch fatalen Methoden diejenigen unter Druck gesetzt worden sind, die sich Reste des gesunden Menschenverstandes bewahrt hatten. Höhepunkt ist das Schreiben an den NRW - Innenminister, doch den querulatorischen Polizeipräsidenten abzulösen. Diese Mentalität hat zu anderen Zeiten Menschen ins KZ und an den Galgen gebracht.

So ist – mag es wie an den Haaren herbeigezogen klingen – die Duisburger Kata-strophe auch eine Folge der großen Lüge, die das Ruhrgebiet seit Jahren ideolo-gisch beherrscht und gleichzeitig politisch lähmt: Die Lüge vom Strukturwandel; die Lüge: Wir haben es geschafft, wir sind eine Region mit Zukunft! Eine Lüge, die von allen materiell Interessierten fleißig nachgeplappert wird und vom alles beherrschenden Medienkonzern, der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung („WAZ“), täglich aufs Neue unter die Leute gebracht wird, eine Lüge, die der Region die Zukunft eher verbaut als ihr eine neue, bessere zu ermöglichen.

Kommentare:

  1. Ich hab 13 Jahre in Duisburg gelebt und gearbeitet, es gibt Bereiche wo der "Strukturwandel" funktioniert, in Duisburg ist das zB die Logistik die auch gut zur reichlich vorhandenen Infrastruktur passt. Bedauerlich ist das scheinbar alle Staedte nur noch auf die "Kreativ-Koepfe" schaut, klar, Bergbautechnik klingt nicht so sexy wie Business-Consulting.

    Das weitere Bashing kann ich aber nicht nachvollziehen, die Arbeitslosenzahl sind aehnlich mit anderen ex-Industrie-Staedte (zB Bremen oder Saarbruecken) und Strukturwandel laesst sich mit Suchen&Ersetzen auf Dienstleitungsgesellschaft auf ganz Deutschland uebertragen. Und das WAZ Mist schreibt ist nun auch keine Neuigkeit, allerdings, was sollen sie auch anderes schreiben? "wir sind eine Region ohne Zukunft" oder "es gibt eine Zukunft aber vielleicht ohne uns"?

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  2. Hmm. Also du meinst die WAZ will "Gute Laune" verbreiten ?

    Das kann natürlich auch sein. Ich war bisher davon überzeugt, dass sie das alles ernst meinen, was viele Kommentatoren da so von sich geben.

    Ok vieleicht ist es ne Mischung aus beide. !?!

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  3. Drei kritische Anmerkungen zur Diskussionsrichtung auch vorm konkreten Hintergrund des Scheinstrukturwandels (West) der konkreten Entindustrialisierung des REVEIRS im allgemeinen und Duisburgs im besonderen:


    1] Artikel 2 (2) des Grundgesetzes schreibt das „Recht auf Leben und körperliche Unversehrheit“http://de.wikipedia.org/wiki/Recht_auf_körperliche_Unversehrtheitfest, von Profivolljuristen typischerweise Menschenrechtslyrik genannt. Wer diesen Zynismus nicht teilt, darf – und sollte – daran erinnern, daß der Schutz menschlichen Lebens Oberstes Gebot allen staatlichen Handeln ist. Das gilt auch und gerade für Planung, Organisation und Durchführung der diesjährigen LOVE PARADE in Duisburg und die nach wie vor notwendige und bisher nur ungenügend geleistete Aufklärung, warum am 24. Juli 2010 in Duisburg „Leben und körperliche Unversehrtheit“ leider nicht geschützt wurden und wer außer dem Duisburger OB Adolf S. dafür verantwortlich war.


    2] Dr. Heribert Prantl (SZ-Politressortleiter) hat in seiner Bielefelder Antrittsvorlesung 22. Jänner 2010http://www.sueddeutsche.de/kultur/antrittsvorlesung-heribert-prantl-das-taegliche-brot-der-demokratie-1.74289 auf die (letztlich einen „schwachen Staat“ kennzeichnende) reale Ohnmacht von Staatsanwaltschaften verwiesen, die das Gegenteil des auch in der LOVE-PARADE-Folgediskussion nach dem 24. Juli bestärkten MYTHOS STAATSANWALTSCHAFT ist:


    „Die Staatsanwaltschaft hat bekanntlich alle möglichen Zwangsmittel zur Verfügung, bis hin zum Haftbefehl. Täuscht mein Eindruck, daß Publizität ein viel wirksameres Mittel sein kann? Die Macht und die Kraft der Medien können bei der Aufklärung politischer Skandale mit strafrechtlichem Einschlag in besonderer Weise deutlich werden - gerade dann, wenn man die Rolle der Medien vergleicht mit der noch immer bescheidenen Rolle, die dabei Staatanwaltschaft und Justiz spielen.“


    Aus dieser realempirisch-realistischen Sicht kann es nur wie Opferverhöhnung klingen, wenn gerade das Täterspektrum sich auch im DU-LOVE-PARADE-Fall hinterm Staatsanwalt verschanzt.


    3] Gerade weil das unsagbare und auch traumatisierende Leid, die Todesängste wie die vielen Toten und (Schwer) Verletzten des DU-24.Juli 2010 nicht aus der Welt zu schaffen sind und weil es nicht um Rache, sondern um moralische Verantwortung und politische Kompetenzen/Zuständigkeiten/Verantwortlichkeiten geht, ist der Präventionsaspekt - wie künftig diese, ähnliche und vergleichbare Ereignisse zu vermeiden sind - auch aus meiner Sicht zentral.


    8.8.2010

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  4. Hat Hamburg den Strukturwandel nicht geschafft:

    143000 Arbeitsuchende S.5.

    Die Arbeitslosigkeit liegt in Hamburg bei 15%.

    Das Konzept der Bedarfsgemeinschaft ist bestens geeignet aus Arbeitslosen Arbeitsuchende zu machen. 80% der nur Arbeitsuchenden haben einen akademischen Abschluss. Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit von Akademikern wirklich.

    http://www.arbeitsagentur.de/Dienststellen/RD-N/Hamburg/AA/A01-Allgemein-Info/Publikation/AMA-Berichte/2010/AMAReport/Arbeitsmarktbericht-07-2010-Statistik-pdf.pdf

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  5. Godwins Law wartet gleich gar nicht erst auf die Kommentare, das Nazikeulchen wird gleich selbst geschwungen.

    Ansonsten kann man dem Artikel auch kürzer fassen. Die Politik ruft der Kapelle auf der Titanic zu "Speilt, spielt, spielt das Lied vom erfolgreiche Strukturwandel!" - Damit keiner die Behauptung hinterfragt. Die Politik ist eben vorrangig ein Verwalter. Gestalten und treiben muß der Souverän. Der glänzt aber durch Abwesenheit.

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  6. Im Ruhrgebiet war einst der Bergmann mit der Grubenlampe das Symbol für regionale Identität und relativem Wohlstand. Heute ist das "Ruhrgebietslogo" der Obdachlose, der in öffentlichen Abfallbehältern nach Pfandflaschen und -dosen sucht.

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