Dienstag, 24. August 2010

Mal was grundsätzliches...zur DDR

Von Stefan Sasse
Den Oeffinger Freidenker gibt es nun seit über vier Jahren. Viele Themen wurden bereits mehrfach in unterschiedlichen Beiträgen behandelt, so dass es dem Autor oftmals unnötig erscheint, bestimmte Anspielungen oder Einstellungen näher zu erläutern. Seit 2006 hat sich die Leserschaft jedoch stark vergrößert, und für die, die neu dazugekommen sind, mag nicht immer alles sofort klar sein, was der Oeffinger Freidenker schreibt. Die neue Serie "Mal was grundsätzliches…" soll diese Lücke schließen, in dem noch einmal eine Zusammenfassung zu bestimmten Themen gegeben wird. Diese Folge befasst sich mit der DDR.

Die DDR bestimmt die öffentliche Debatte heute in einem Ausmaß, wie es für einen vor über 20 Jahren so sang- und klanglos untergegangenen Staat eigentlich kaum zu erwarten wäre. Ihr Versagen wird öffentlich mit einer Penetranz erklärt, ihre Bedeutungslosigkeit derart häufig thematisiert, dass sie als Negativfolie zu bezeichnen kaum verkehrt scheint. Die DDR ist eine Monstranz geworden, die politisch missbraucht wird - von der CDU, wenn sie ihre Rote-Socken-Kampagnen gegen die Parte DIE LINKE führt, von der FDP, wenn sie jedwede soziale Reform pauschal mit "Sozialismus" etikettiert und vor der Errichtung der DDR warnt, vor der Springer-Presse, wenn sie derartige Qualifizierung noch ins Extrem steigert, und von vielen anderen, die auf diese Mystifizierung hereinfallen.

Die Rolle der DDR ist dabei die des klassischen Bösewichts. Sie wird benötigt, damit der Held - die BRD - umso strahlender dasteht. Solche Geschichten benötigen eine Schwarz-Weiß-Malung, Grauschattierungen sind unerwünscht. So entstehen Gegensätze. Freiheit hier, Unfreiheit dort. Recht hier, Unrecht dort. Individuum hier, Zwangskollektiv dort. Die Etablierung der PDS als ostdeutsche Volkspartei mit Ostalgismus ist durchaus als Abwehrreaktion auf diese Interpretation zu verstehen. Denn diese Interpretation ist eine Interpretation der Sieger, der gefühlten Sieger zumindest. Von einer Wiedervereinigung ist eigentlich kaum zu reden. Die Thematisierung der DDR steht ganz unter dem Topos des Sieges des westlichen über das östliche System, vulgo der Markt- über die Planwirtschaft - ein Sieg, der so vollständig ist wie selten einer und seither geradezu krampfhaft und beständig zelebriert wird.

Die Geschichte lautet demnach etwa so: während im Westen 1948 Erhard die Weichen auf die Zukunft stellte und das Wirtschaftswunder startete, stellten die Roten im Osten die Weichen auf Untergang und initiierten eine Planwirtschaft, die von Anfang an nicht funktionieren konnte. Während im Westen eine mustergültige Demokratie entstand, wurde im Osten eine grausame Diktatur errichtet, der die Menschen in Scharen davonliefen. Um das zu verhindern, wurde 1961 die Mauer gebaut und der Schießbefehl erlassen. Die Stasi bespitzelte während dieser ganzen Zeit das Volk und drangsalierte es. Der Westen dagegen setzte auf die Kraft des Individuums. Schließlich ließen sich die Massen in der DDR nicht mehr unterdrücken, sondern probten den Aufstand, der das verrottete Ostregime hinwegspülte und den heiß ersehnten Beitritt zur  BRD brachte.

Bevor wir uns den Konsequenzen und Implikationen dieses bestenfalls stark simplifizierenden Geschichtsbilds widmen, müssen wir einige historische Fakten richtig stellen. Das beginnt schon Ende der 1940er Jahre, bevor die beiden deutschen Staaten auch nur gegründet sind und sich die Einwohner von Trizonesien (die drei Besatzungszonen der Westmächte; die Bezeichnung entspringt einem berühmten Schlager der 1940er Jahre) und der SBZ (Sowjetische Besatzungszone; im Westjargon einfach nur "die Zone") noch nicht im Traum vorstellen können, für 40 Jahre in durch Stacheldraht und Beton getrennten Staaten zu wohnen. Man muss sich klar machen, dass die beiden deutschen Staaten grundsätzlich verschiedene Ausgangssituationen besaßen. Westdeutschland umfasste eine deutliche Mehrheit von über 45 Millionen Einwohnern, zu denen bald noch zahlreiche Flüchtlinge aus den verlorenen Ostgebieten stoßen sollten, während im Osten gerade knapp 20 Millionen wohnten. Während der Westen mit dem Ruhrgebiet und den norddeutschen Industriegebieten über große industrielle Substanz verfügte, war das frühere Mitteldeutschland größtenteils indstriearm; lediglich in Sachsen fanden sich substanzielle Betriebe.

Dazu kam, dass die Sowjetunion auf großen Reparationszahlungen Deutschlands bestand - kein Wunder, bedenkt man die im Krieg verursachten Zerstörungen. Der Westen dagegen, besonders die federführenden USA, hatte kein übermäßiges Interesse an Reparationen und andere Prioritäten. Man einigte sich bald auf den Kompromiss, dass jede Besatzungsmacht ihre Reparationen aus ihrer Zone bezog; aufgrund der stark unterschiedlichen industriellen Substanz sollten die Sowjets Nahrungsmittel an die Westzonen, die dafür Industriegüter an die Ostzone liefern - eine Abmachung, die von keiner Seite eingehalten wurde. So versuchten die Sowjets, alles ihnen Mögliche aus ihrer Zone zu ziehen und rissen sogar Schienen heraus. Die DDR startete den großen Systemwettbewerb also mit deutliche Nachteilen - als ob Minardi gegen Ferrari ein Formel-1-Rennen bestreiten sollte.

Zudem waren die Entscheidungen für und gegen Marktwirtschaft beziehungsweise Planwirtschaft so klar von Anfang an nicht. Im CDU-Programm von 1946 ("Ahlener Programm") war noch vom historischen Versagen des Kapitalismus und der Sozialisierung der Schlüsselbetriebe die Rede. Hätten 1946 freie Wahlen auch nur in der Westzone abgehalten worden - Deutschland hätte mehrheitlich sozialistisch gewählt, schienen doch sowohl Faschismus als auch Liberalismus nach den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise und der nationalsozialistischen Diktatur diskreditiert. 1949 hatte sich diese Lage bereits gewandelt. Die Zwangsvereinigung von KPD und SPD im Osten war ein erstes Beispiel sowjetischer Brutalität; die Landreformen ließen sich hervorragend propagandistisch ausschlachten, und die realsozialistische Ästhetik erinnerte nur allzu frappant an die Fackelmärsche der Nazis. 


Dass das Wirtschaftswunder keinesfalls eine eindimensionale, durch einen simplen Startschuss Erhards herbeigeführte Sache war, ist bereits an anderer Stelle hinreichend beschrieben worden. Die DDR plante eine ähnliche Entwicklung, jedoch zeigte sich bald, dass sie keine Chance hatte. Zwar war durchaus beeindruckend, wie sie aus dem Stand eine Schwerindustrie aus dem Boden stampfte, im Gegensatz zur Sowjetunion der 1920er Jahre ohne Millionen Toter, jedoch änderte das nichts daran, dass diese Wirtschaft nie würde effizient sein können (die zu verarbeitenden Bodenschätze kamen in der DDR nicht vor und mussten aus der Sowjetunion importiert werden) und die schwerindustrielle Aufrüstung zulasten der Konsumwirtschaft ging. Für einige Jahre ging das gut, doch die Idylle einer in der gemeinsame Anstrengung für den sozialistischen Musterstaat geeinten Bevölkerung ging spätestens 1953 in die Brüche, als ausgerechnet die gehätschelten Bauarbeiter der Stalin-Allee die Arbeit niederlegten, um gegen erhöhte Arbeitsnormen zu protestieren.

Unbeirrt führte die DDR-Führung unter Ulbricht, der durch die Niederschlagung des "Aufstands vom 17. Juni" - ein propagandistischer Leckerbissen für die BRD, die den Tag sofort zum bundesdeutschen Feiertag erklärte - umso fester im Sattel saß, ihren wirtschaftspolitischen Kurs fort. Gleichzeitig entfaltete sich im Westen das so genannte "Wirtschaftswunder" und erlaubte einen nie gekannten Zugang breiter Bevölkerungsschichten zu Wohlstand, der nur einen Weg zu kennen schien: nach oben. Die zunehmend repressive Atmosphäre der DDR tat ihr Übriges, um besonders junge Menschen massenhaft zur Flucht aus der DDR zu bewegen. Für sie ging es an den Lebensnerv, eine Situation, die sie so nicht tolerieren konnte. Das wusste auch der Westen, und man fragte sich, was die DDR dagegen tun würde.

Für die war die Situation kritischer, als es dem Westen bewusst war. Die Radikallösung, zu der die DDR griff, überraschte denn auch die westlichen Staatenlenker, die lange gar nicht begriffen, was eigentlich geschah. Anders lassen sich die dilettantischen Reaktionen etwa Adenauers kaum erklären. Die DDR mauerte ihre eigenen Bürger ein; ein Schritt, der bereits seit den 1950er Jahren an der Staatengrenze vollzogen worden war (der berühmte "Eiserne Vorhang", von dem Churchill bereits 1946 sprach) und nun auch in Berlin verwirklicht wurde. Peinlich darauf bedacht, ja keine Grenzverletzung zu begehen, mauerte man Fenster an Häuserfronten zu und baute eine Mauer quer über Straßen entlang der Sektorengrenze, immer 50cm versetzt auf DDR-Territorium, damit nicht eventuell auf die falsche Seite fallender Mörtel einen Krieg auslöste. Die Reaktion im Westen war öffentliche Empörung und geheime Erleichterung. Kennedy hatte bereits zuvor in den Berlinkrisen klar gemacht, dass man nicht in Geschehnisse im Ostblock eingreifen würde, wie man es bereits 1953 und 1956 bei den Aufständen in DDR und Ungarn gehandhabt hatte und 1968 in der Tschecheslowakei wieder halten würde. Der moralische Bankrott des Westens, dessen Freiheitsrhetorik sich offensichtlich an den Staatengrenzen erschöpfte und damit nichts als Schein war, wurde durch den noch viel größeren, offensichtlicheren und in Beton gegossen jederzeit sichtbaren moralischen Totalbankrott der DDR offenkundig, die ihre Bürger einsperren musste, damit sie nicht flohen. Die Legende vom "antifaschistischen Schutzwall" konnte angesichts der Richtung, in die die Befestigungen wiesen, niemanden überzeugen.

Man kann es pervers nennen, aber der Plan der DDR-Führung ging auf. Der Staat stabilisierte sich zusehends. Jeder Fluchtmöglichkeit beraubt, legaler Oppositionsmöglichkeiten durch ein politisches Strafrecht entkleidet, blieb der Mehrheit der DDR-Bürger nur das Arrangieren mit dem neuen Staat. Hoffnungen auf den Westen schien es keine zu geben. Zudem setzte eine leichte wirtschaftliche Erhohlung ein. Die Wohnungssituation war, endlich, in den 1960er Jahren größtenteils gelöst. Es gab keine Versorgungsengpässe für Basisprodukte des täglichen Bedarfs mehr. Von westlichem Lebensstandard war man natürlich noch meilenweit entfernt, aber mit dem Regierungswechsel zu Honecker 1971 schien endlich ein Fortschritt erkennbar. Honecker versprach eine bessere Versorgung mit Konsumgütern und schien für eine geistige Öffnung zu stehen. Diese Hoffnungen allerdings wurden unter der beginnenden Ölkrise, die die DDR noch härter traf als die BRD und ökonomische Pläne zur Makulatur machte und dem Eindruck der KSZE-Konferenz bald nichtig.

Die KSZE (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), 1975 in Helsinki abgehalten, verhandelte drei große Themenkomplexe: die Grenzen des Nachkriegseuropa (Korb I), Handelsverträge (Korb II) und Menschenrechte (Korb III). Der Sowjetunion war Korb II der Wichtigste, mit dem man die drängenden ökonomischen Probleme zu beheben hoffte. Der DDR und Polen vor allem lag an Korb I, das heißt der offiziellen Anerkennung des status quo. Die BRD hatte sich unter Eindruck der Hallsteindoktrin bisher beharrlich geweigert, die DDR anzuerkennen. Auch Polen fürchtete bundesdeutschen Revisionismus, da die BRD im Gegensatz zur DDR die Oder-Neiße-Grenze nie anerkannt hatte. Obwohl keine formelle Anerkennung der DDR erreicht werden konnte, unterzeichnete die BRD einen Vertrag, der einer Anerkennung der Grenzen de facto gleichkam und auch eine de facto Anerkennung der DDR enthielt, obgleich man sich offiziell weiter um den formalen Akt drückte. Auch die Handelsverträge waren im Interesse des Ostblocks. Die Verhandlungsführer desselben fühlten sich am Ziel ihrer Wünsche, denn im Gegenzug hatten sie dem Westen die Unterschrift unter einige belanglose Erklärungen zu der Einhaltung von Menschenrechten gegeben - sicherlich von ähnlicher Bedeutung wie die Demokratisierungsversprechen der Sowjetunion von 1945.

Seit Pyrrhus in Italien siegte, hat es keinen solchen Sieg mehr gebeben. Die Aufnahme beider deutscher Staaten in die UNO, die Gewaltverzichtserklärung - all das schmeichelte den Eliten der Volksrepublik Polen und der DDR, war jedoch von wenig substantiellem Wert, wie sich bald zeigen sollte. Korb III der KSZE-Abschlussakte dagegen war eine tickende Zeitbombe. Geradezu arglos veröffentlichte die Ost-Presse von Prawda bis Neues Deutschland den Wortlaut der Erklärung. Damit verfügten die Bürger des Ostblocks erstmals über ein unterschriebenes, öffentliches und bindendes Dokument, auf das sie sich berufen konnten. In Folge erhielt die kritische Opposition einen ungeheuren Aufschwung, dem sich die verkrustete DDR-Führung nicht anders als im massiven Ausbau der Stasi zu erwehren wusste. Erst in den 1980er Jahren wurde die Stasi zu dem riesigen Apparat der ständigen Bespitzelung, als die sie ins öffentliche Bewusstsein eingegangen ist - vorher spielte sie fast keine Rolle. Die Opposition selbst sollte dabei nicht missverstanden werden. In der offiziellen Legende scheint diese Opposition immer die DDR abschaffen und für Marktwirtschaft und den Beitritt zur BRD eintreten zu wollen, aber das ist falsch. Am grundsätzlichen Ziel eines sozialistisch gestalteten Deutschland wurde eigentlich nicht gerüttelt, selbst im November 1989 nicht. Die Opposition wollte eine ANDERE DDR; nicht KEINE DDR.

Entsprechend enttäuscht waren viele der 1989 aus dem Boden sprießenden Bürgerrechtsbewegungen auch von der von der CDU professionell angeleiteten "Allianz für Deutschland", die 1990 für viele überraschend die ersten freien Volkskammerwahlen dominierte. Generalstabsmäßig überrollte die Kohl-CDU die Parteien der DDR ebenso wie ihre Gegner von der SPD im Westen, wo Kanzlerkandidat Lafontaine einen aussichtslosen Abwehrkampf gegen die Beitrittspolitik Kohls führte, der schnell vollendete Tatsachen schuf und meisterhaft mit Gorbatschow und Bush verhandelte. Bereits im Sommer 1990 war klar, dass die DDR bald Geschichte war - unter Lothar de Maizière betrieb die Volkskammer ihre eigene Auflösung mit voller Kraft. Die Bürgerrechtsbewegungen waren zersplittert, überrollt, demoralisiert. Ihre Niederlage war noch vollständiger als die der SPD.

Die offizielle Interpretation der Ereignisse findet sich teilweise bereits verpflichtend in den Lehrplänen für das Fach Geschichte, etwa in Niedersachsen. Sie wird in den Medien beständig kolportiert und in institutionalisierter Erinnerung wie bei den grotesken Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls verewigt. Die Wirklichkeit ist dabei deutlich komplexer und lässt sich nicht auf den simplen Wettstreit zweier Systeme reduzieren, bei denen das eine von Anfang an verloren hatte und nur dank gewaltiger Repression im Inneren überhaupt auf dem hintersten Platz des Rennens blieb. Für das Selbstverständnis der offiziellen BRD aber ist die DDR von überragender Bedeutung.

Schon seit der Existenz der DDR konnte sich die BRD von ihr positiv absetzen, Ereignisse wie den 17. Juni 1953, den Mauerbau 1961 oder die Ausbürgerung Biermanns 1976 propagandistisch aufbereiten. Die Forderung "geh doch nach drüben" gegenüber Systemkritikern in der BRD spricht Bände. Es gelang der DDR nie, etwa die Vertrickung von Alt-Nazis in die politische Struktur der BRD, das Verbot der KPD 1956, die Studentenunruhen 1968 oder die "Berufsverbote" der 1970er Jahre in ähnlichem Ausmaß zu nutzen. Ihr größter propagandistischer Erfolg, die Unterwanderung der Friedensbewegung der späten 1970er und frühen 1980er Jahre, schlug alsbald auf sie selbst zurück.

Heute wird die offizielle Interpretationsfolie "DDR" stets benutzt um politische Ziele zu erreichen. Wer sich an den April/Mai 2010 erinnert, in der ausgerechnet die Debatte um die "richtige" Interpretation der DDR-Geschichte den Landtagswahlkampf Nordrhein-Westfalens (!) vollständig dominierte, kann die Wirkung der Folie kaum leugnen. Auch die Scheindebatte um das Wort vom "Unrechtsstaat" gehört dazu. Seit Lothar de Maizière selbst zu Protokoll gab, dass er das Wort nicht gut findet, ist es etwas schwieriger geworden. Wirkungsmächtig ist es immer noch, denn es zerreißt die Partei DIE LINKE, gegen die es gerichtet ist. Wenn sie es nicht adaptiert, kann man ihr stets vorwerfen, sie würde Geschichtsrelativismus betreiben; akzeptiert sie es aber, so wird die komplette DDR-Geschichte - und damit auch ein Teil ihrer selbst - delegitimiert.

Das ist die vergiftete Wirkung vom "Unrechtsstaat". In der Debatte um dieses Wort dampft die gesamte Problematik der offiziellen Interpretationsfolie beispielhaft zusammen. Das Wort an sich - Lothar de Maizière hat das richtig erkannt - ist Unsinn, denn es behauptet, dass alles an der DDR Unrecht war, von vorne bis hinten. Die BRD hat aber genau das selbst widerlegt, indem sie das Recht der DDR bei dem Beitritt der fünf neuen Bundesländer ausdrücklich übernahm. Unrecht war das politische Strafrecht, darüber kann überhaupt kein Zweifel bestehen, die Bespitzelung durch die Stasi, die Mauer und der Schießbefehl. Aber die DDR war mehr; sie existierte 40 Jahre. Sie war mehr als lediglich ein riesiges Gefängnis, in dem 17 Millionen darauf warteten, vom großen Bruder aus dem Westen geschluckt zu werden. Sie war auch ein Gefängnis, ohne Frage. Dieser Aspekt darf auch nicht verleugnet werden, sollte stets thematisiert werden.

Aber in der DDR gab es Hoffnung auf eine bessere Welt zwischen der Sozialen Marktwirtschaft bundesdeutscher Prägung und dem "Realsozialismus" des Ostblocks. Mit "Sozialismus" hat die DDR wenig zu tun. Sie war ein autoritäres Regime, planwirtschaftlich organisiert, wirtschaftlich sicherlich ineffizient und kein Staat, in dem ich hätte leben wollen. Aber weder war sie eine verbrecherische Diktatur auf einer Stufe mit Stalins Terrorregime oder dem Nationalsozialismus, noch war sie sozialistischer Musterstaat. Es ist an der Zeit, sie mit differenziertem Blick zu betrachten und sich endlich von den Legenden zu verabschieden, die sie umgeben - und aufzuhören, sie als Negativfolie zu verwenden, die unsere eigene Großartigkeit herausstellen soll.

Dieser Artikel erschien auch auf dem Geschichtsblog.

Kommentare:

  1. Mein Eindruck ist, dass die Wirkung der "Bösewicht"-Funktion der ehemaligen DDR nachlässt. Ein Indiz scheint mir zu sein, dass der neue Programmentwurf der Linkspartei, der sehr viel deutlicher "sozialistisch" ist las die alten "Eckpunkte" dieser Partei, in den Mainstream-Medien entweder nicht vorkommen oder erstaunlich "glimpflich davonkommen". In den 1990er Jahren waere so etwas ein gefundenes Fressen für eine Rote-Socken-Kampagne gewesen. Inzwischen ist der Mainstream ziemlich kleinlaut geworden, wenn es um Sozialismus geht. Es ist, glaube ich, insgesamt nicht gelungen, die DDR als Popanz durchgängig in den Köpfen zu verankern. Die Regierenden schweigen über Sozialismus lieber, weil sie vermutlich die Gefahr sehen, dass sich die Sache drehen könnte. Die Pflichtübungen werden witerhin gemacht, aber doch eher auf kleiner Flamme.

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  2. Sehr schöner Artikel, der allerdings aufgrund des großen Zeitraums und der Vielzahl von Fakten und Ereignissen gar nicht vollumänglich sein kann.

    Eine, wohl nicht unwichtige, Anmerkung von mir. Die Errichtung der Mauer war natürlich in Richtung der eigenen Bevölkerung gedacht und gemacht - absolut korrekt. Jedoch im Abwanderungswillen der DDR-Bürger ausschließlich politische Motive zu verorten, ist so nicht richtig. Es waren auch, zu nicht unerheblichen Teilen, auch finanzielle Gründe. Zu welchem Anteil, darüber müsste man spekulieren. Ich würde sogar behaupten wollen, dass der größere Teil wegen wirtschaftlicher (sprich: finanzieller) Ursachen das Land verlassen hat/wollte.

    Daran ist wesentlich ein guter Gedanke schuld, der aber in seinen Auswirkungen leider ins Negative umschlug. Die Einkommensspreizung in der DDR war bedeutend geringer als in der BRD. D.h. auch hochqualifizierte Akademiker (Ärzte, Chemiker etc.) verdienten zwar deutlich besser als der Duchschnitt der DDR-Bevölkerung. Jedoch im Verhältnis zu den Einommensmöglichkeiten dieser Berufsgruppen in der BRD relativ wenig.

    So war besonders in diesen Berufsgruppen die Zahl der schon Abgewanderten und noch Abwanderungswilligen sehr hoch. Die DDR "blutete" vornehmlich in diesen Bereichen aus. Dies ist mehrfach tragisch.

    Einerseits hatte sie besonders viel in die Ausbildung Hochqualifizierter investiert, da ja Ausbildung/Studium komplett kostenlos war. Und andererseits ist doch gerade eine moderate Einkommensspreizung eine für mich besonders anstrebenswerte gesellschaftliche Aufgabe, um zu großen sozialen Ungleichheiten und so auch sozialen Verwerfungen entgegenzuwirken.

    Dass nun ausgerechnet dies eine der Ursachen für die Abwanderung bestimmter Teile der Bevölkerung bildete, ist zwar menschlich nachvollziehbar, aber im Gesamtkontext umso tragischer.

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  3. Ein sehr guter Artikel, dem ich nur in einem wichtigen Punkt widersprechen möchte.

    Zitat: "Ihr größter propagandistischer Erfolg, die Unterwanderung der Friedensbewegung der späten 1970er und frühen 1980er Jahre, schlug alsbald auf sie selbst zurück."

    Hätte man vielleicht auf den ersten Blick vermuten können. Spätestens beim zweiten Blick standen den Leuten von KGB und HVA vermutlich die Haare zu Berge, weil sie bei der Suche nach den Drahtziehern der Friedensbewegung auf ihre Westkollegen gestoßen sein mussten.

    Es waren ja auch nicht wenige Offiziere der Nato beteiligt und nicht nur das. Wie mit einem Zaubertrick waren zum Beispiel in Bayern noch im letzten Dorf die Friedensinitiativen in den Jugenhäusern hochgeschossen. Sogar die katholische Landjugend war gegen die Atomraketen aktiv.

    Wäre selbstverständlich schön, wenn die Bürger und vor allem die Jugend sich politisch wirklich engagieren würden und das Interesse an Frieden und Politik nicht wie auf Kommando wieder verschwunden wäre. Seit Jahrzehnten interessieren die sich in den Jugendhäusern gar nicht mehr für irgendwelche Politik.

    Leider war es eben doch nur eine profesionelle Inszenierung der Westdienste, die zwei Ziele verfolgte:

    Erstens den Aufbau der Partei DIE GRÜNEN. Dafür brauchte es schon etwas Dramatik mit drohendem Weltuntergang durch den militärischen Atomtod. Erst danach konnte man den Leuten mit sowas wie dem Waldsterben kommen, nachdem die Aktivisten erst einmal versammelt waren. Die AKW hätten das statt der Atomraketen auch nicht gebracht.

    Zweitens fand die Friedensbewegung genau zum Zeitpunkt der Volcker-Weltrezession statt und hatte von 1980 bis 1982 ihren Höhepunkt, als die FED in den USA die Zinsen auf 20 Prozent angehoben hatte und plötzlich Abermillionen Arbeiter erwerbslos auf die Straßen flogen.

    Als dann die Keynesianer die Wirtschaft mit Zinssenkung beleben und die Arbeitslosen wieder in Jobs bringen wollten, das standen plötzlich die Umweltschützer auf der Straße. Die Krise dürfe auf gar keinen Fall durch mehr Wachstum bekämpft werden, denn das Wachstum ist doch die Zerstörung der Umwelt.

    Das war der ganze Sinn des umwegigen Manövers, die von der FED mit brutalster Hochzinspolitik durchgezogene Weltrezession mit Massenarbeitslosigkeit und einer mörderischen Schuldenkrise der Drittweltstaaten durch die Hilfe der Friedens- und Ökobewegung (Club of Rome) politisch abzusichern.

    Ob KGB und HVA das jemals noch realisiert haben, wozu die CIA&Co. in Deutschland eine Volksbewegung gegen die Nachrüstung der NATO inszeniert hatten, ist mir leider nicht bekannt. Jedenfalls hatte die DDR mit der Friedensbewegung nichts zu tun.

    Hoffentlich klingt das jetzt nicht zu verschwörungstheoretisch. Ich hätte es ja auch nicht kapiert, wenn ich mir damals nicht ständig eine blutige Nase geholt hätte, weil ich in den Diskussionen damals die Wirtschaftskrise doch tatsächlich durch mehr Wachstum überwinden wollte und die Leute das für ein völlig undenkbares Umweltverbrechen hielten. Irgendwann ist mir dann der Groschen gefallen, wofür die genau rechtzeitig da waren.

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  4. @Lutz: Da hast du Recht; glücklicherweise spielt das für meinen Punkt keine übergeordnete Rolle.
    @Keynesianer: Von Verwicklungen der CIA war mir bisher nichts bekannt. Was ich weiß ist, dass die SED und Konsorten die Friedensbewegung deutlich unterwandert hatten.

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  5. Hallo Freidenker ... die Artikel solltest du dann vielleicht auch zB unter dem Punkt selbstverständnis auf der rechten seite einbauen.

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  6. Lieber Stefan,

    weißt Du das wirklich aus eigener Kenntnis, dass die SED und Konsorten die Friedensbewegung unterwandert hatten, oder hast Du das gehört und gelesen?

    Ich war damals in Bayern nah genug dran und habe eben erlebt, wie die plötzlich wie die Teufelchen aus dem Kistchen sprangen. Überall gleichzeitig wie auf ein Kommando und es war ja auch auf ein Kommando.

    Und das eben in den Jugendhäusern der Kommunen und sogar der katholischen Landjugend, wo das ohne die Förderung aus Kreisen bis hin zur CSU gar nicht möglich wäre. Die einfachen CSU-ler konnten sich natürlich keinen Reim darauf machen, aber gewisse Parteifreunde haben aktiv die Friedensbewegung gefördert, die ohne dies ja gar nicht entstanden wäre.

    Man konnte das damals zu niemandem laut sagen, dass es die Westdienste waren, weil erst später deutlich wurde, was das Spiel sollte. Aber es war nur schwer zu übersehen. Es war wirklich ein Spiel mit völlig verdrehten Fronten und nur wenige wussten, was das nun wieder sollte.

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  7. Nun, ich war damals nicht geboren. Ich weiß, dass der Zeitzeuge der natürliche Feind des Historikers ist, und ich weiß, dass ein Professor, von dem ich extrem viel halte, das in seiner Vorlesung behandelt hat...deswegen bin ich geneigt das zu glauben.

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  8. Grundsätzliches, großes Lob für diesen Eintrag. Ich finde es gut, wenn etwas aufgearbeitet wird und mit kritischem Blick beäugt. Auch habe ich einiges neu gelernt, danke.

    Doch einen kleinen Punkt möchte ich ansprechen:
    "Kennedy hatte bereits zuvor in den Berlinkrisen klar gemacht, dass man nicht in Geschehnisse im Ostblock eingreifen würde, wie man es bereits 1953 und 1956 bei den Aufständen in DDR und Ungarn gehandhabt hatte und 1968 in der Tschecheslowakei wieder halten würde."
    Das als "moralischen Bankrott des Westens" zu bezeichnen, ist problematisch. Sicher gab es schon eine UN-Charta und eine Charta der Menschenrechte, doch immer noch musste (und auch heute: muss) man sich an die Souveränität eines Staates halten. Man kann nicht einfach in die Geschäfte eingreifen, weil man sich moralisch überlegen fühlt. Das ist ein Problem der Politikwissenschaft und Philosophie, was noch heute stark diskutiert wird: Wo zieht man die Grenze zwischen Interventionspflicht und Souveränitätsanerkennung?
    Daher war der Schritt Kennedys (vielleicht) völlig korrekt, auch in meinem moralischen Verständnis. Ich verstehe andererseits, dass es diskussionswürdig ist, wie der Westen sich dort verhalten hat.

    Dennoch, wie gesagt, großes Danke und Lob für diesen Artikel. *flattr* ;)

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  9. Ich hatte mir dieselbe Überlegung gestellt, als ich das Wort vom moralischen Bankrott verwendete. Ich finde es aber angemessen, weil der Westen sich selbst moralisch in einer Art und Weise überhöht und die Widerstandsbewegung angefacht hat (man denke an die Rolle RIAS' 1953!) dass das dann erfolgte Nicht-Eingreifen ein echter Verrat war. Hätte man vorher die Souveränität geachtet und den Ostblock Ostblock sein lassen hättest du Recht; man hat sich aber als etwas besseres hin- und den Aufständischen Hilfe in Aussicht gestellt.

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  10. OK, in sofern ist es vielleicht korrekt, diese starke Kritik zu üben. Wenn man den Widerstand anfacht und dann fallen lässt, ist es keine schöne Geschichte.

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  11. Der Artikel geht am Thema vorbei. Die DDR war Zeit ihres Bestehens ein besetztes Land. Dort wurde ohne die UDSSR gar nichts wichtiges entschieden, auch kein Mauerbau. Die Frage ist was die DDR Bürger hätten in der Lage (besser) machen können. Leider haben sich viele, zu viele korrumpieren lassen. Man konnte auch gut zwischen den Extremen Stasi Knast und SED Eintritt leben. Trotzdem gab es genügend Leute, die das System gestützt haben.

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  12. Was hier fehlt, der Mauerbau war keine Erfindung der DDR. Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben. Es war ein Aufatmen sowohl im Westen als auch im Osten. Es ging also in erster Linie darum, den Frieden zu erhalten.Das sollte man nicht außer Acht lassen. Im Übrigen ist es ganz gut, sich intensiver mit der deutschen Geschichte und deren "Kleinigkeiten" zu beschäftigen. In Hessen hat man nun festgestellt, daß von 403 Abgeordneten 92 Mitglied der NSDAP waren, 26 gehörten der SA, 12 der Waffen-SS an. Der Anteil der Nazis stieg dann weiter an.
    http://www.jungewelt.de/2013/02-21/027.php?sstr=hessischer|Landtag

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    1. Klar war der Mauerbau eine Erfindung der DDR. Sie als einzige Alternative zu Krieg hinzustellen setzt voraus, dass man das bestehende autoritäre System ebenfalls erhalten will. Dann ist die Mauer tatsächlich "aufgezwungen", aber das macht die Verantwortung derjenigen, die sie gebaut haben, keinen Deut geringer. Die NSDAP-Vergangenheit der CDU übrigens auch nicht.

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