Samstag, 2. Juli 2011

Der Euro – eine Währung uns zu knechten


Vor unseren Augen spielt sich in Griechenland eine Tragödie ab, ein europäisches Land versinkt im Chaos. Aus dem idyllischen Land, das viele von uns persönlich von Urlaubsreisen kennen, wird ein Land des Protests und der Unruhen. Die Bilder verstören, denn Griechenland ist keiner dieser failed states eines fernen Kontinents. Griechenland ist nah, es gehört zu uns, zu Europa. Ein verstörendendes Gefühl keimt auf: kämpft etwa Griechenland stellvertretend für uns gegen die Euro-Krise an? Wird eine Niederlage das Ende des Euros bedeuten?

Diese Furcht ist alles andere als unbegründet. Ein Blick auf die objektive Bedrohung für den Euro zeigt: Griechenland ist mit seinen etwas mehr als 11 Millionen Einwohnern ein verhältnismäßig kleines Land und es umfasst nur 3,4 % der gesamten Bevölkerung der Eurozone. Wenn ein solcher Zwerg so riesige Probleme bereitet, was passiert dann eigentlich, falls mal ein großes Land wie Spanien, das ja ebenfalls zu den gefährdeten PIIGS-Staaten zählt, in ernste Schwierigkeiten gerät?

Das wuchernde Wachstum der Rettungsschirme

Im letzten Jahr gab es bereits eine Rettungsaktion, die den Euro endgültig sichern sollte. Wer kann sich noch daran erinnern? Es wurde ein europaweiter Rettungsschirm mit der unglaublichen Summe von 750 Milliarden Euro gespannt. Heute weiß man, es war nur eine Beruhigungspille, die jedoch die gewünschte Wirkung entfaltete: die Eurokrise wurde für einige Zeit aufgeschoben. Mit diesem enormen Kraftakt hatte sich Europa in einer Krise das Wichtigste erkauft: Zeit. Die Banken und Versicherungen wussten dieses teure Geschenk zu nutzen und stießen die griechischen Schrottpapiere ab. Ein großer Batzen von ihnen lagert jetzt in der Bad Bank der Hypo Real Estate und bei der EZB – mit anderen Worten: die Privatwirtschaft hat die Zeit erfolgreich genutzt, um die sicher zu erwartenden Verluste zu sozialisieren. Der Steuerzahler muss wieder einmal fast vollständig für die Verluste der Krise aufkommen.

Leider konnten unsere politischen Eliten diesen wertvollen Aufschub nicht nutzen. Statt an einer tragfähigen Lösung der Krise zu arbeiten, spielten sie lieber Krieg in Libyen. Jetzt steht wieder die Griechenlandkrise auf der Agenda und die Eliten verharren in der Diskussion auf dem gleichen Stand wie vor einem Jahr, nur diesmal fehlt etwas sehr wichtiges: die Zeit für sinnvolle Rettungsmaßnahmen.

Elitenkinder im Finanzhaifischbecken

Je länger die Krise andauert, desto größer wird das Gefühl der Unsicherheit. Unsere Politiker können mit ihren hektischen Handlungen nicht das notwendige Vertrauen schaffen, das dringend nötig wäre. Sie wirken vielmehr wie Getriebene, die von einer Krisensitzung zur nächsten hecheln. Doch wer ist der Jäger in diesem Spiel? Währungen stehen immer unter dem Druck der Finanzmärkte. Eine Währungsunion ist der zusätzlichen Gefahr des Auseinanderbrechens ausgesetzt. Diese logische Tatsache verstehen unsere elitären Herren des Euros nicht. Es ist das tägliche Brot von Spekulanten, Währungen zu manipulieren, um daraus Profit zu schlagen. Ein Zerfall einer Währungsunion wäre für sie ein Fressen ohne Ende, sie könnten sich dann die Filetstücke ganzer Staaten einverleiben. Die verbliebene Supermacht USA hat ebenfalls kein Interesse an einem starken Konkurrenten zu ihrer Leitwährung, dem Dollar. Die Schwäche Europas kommt Amerika daher äußerst gelegen, denn so können die Folgen der weltweiten Finanzkrise, die der amerikanische Immobilienmarkt auslöste, ohne große Mühen auf den Euro abgeladen werden.

Der Euro hat Feinde – das ist im harten Finanzgeschäft nun einmal so. Doch statt sich zu verteidigen, lässt die EU ihre Mitgliedsstaaten gegeneinander kämpfen und schwächt sich somit völlig unnötig. Die Feinde des Euros können sich lachend zurück lehnen und auf die richtige Gelegenheit zu warten, um ihr Werk zu vollenden.

Die jetzige Krise wäre leicht zu meistern, es müssten nur die Zinszahlungen – nicht die Gesamtschulden, wie alle Medien stets schreiben – eines kleinen Landes finanziert werden. Doch das Versagen der EU im Umgang mit der Krise setzt den Spekulanten ein eindeutiges Signal: Der Euro ist reif, holt ihn euch!

Elitenprojekt Euro

Der Euro ist kein ökonomisches Projekt, sondern in erster Linie ein politisches. Das ist der Grund für seine offensichtlichen Konstruktionsfehler. Einer davon sind die Maastricht-Kriterien, sie sollten die Stabilität des Euros gewährleisten. In den meisten europäischen Finanzwirtschaften sind die Märkte nahezu unreguliert. Exzesse und Krisen können, das hat die Kernschmelze des Finanzsystems gezeigt, nicht von Staaten verhindert und deren katastrophalen Folgen von ihnen nicht gestemmt werden. Wenn also die Stabilisierungsmechanismen der Währungsunion nur den machtlosen Beobachter des Geschehens kontrollieren und sanktionieren, sind sie schlicht sinnlos. Werden dann auch noch die tatsächliche Übertretungen der Stabilitätskriterien ignoriert, verkommen sie gänzlich zur Absurdität.
Die eigentlichen Akteure auf dem Finanzmarkt wie Banken, Versicherungen, Hedgefonds und Co., können hingegen ohne Regulierung und ohne Sanktionen in ganz Europa schalten und, wie sie wollen. Die aktuelle Finanzkrise legt in Wahrheit offen, dass der Euro noch nie über effektive Schutzmechanismen verfügte.
 
Der neoliberale Irrweg Lissabons

Es gibt eine tieferliegende Ursache, die einer erfolgreichen Rettung des Euros entgegen steht. Es ist die verbohrte Ideologie des Neoliberalismus, in dessem Geiste der Lissabon-Vertrag verfasst wurde und der die Handlungen der EU bestimmt.

Die drakonischen Sparmaßnahmen, die Griechenland von der EU und dem IWF verordnet wurden, greifen nicht, weil die zugrundeliegende Ideologie falsch ist. Die Rettungsmaßnahmen ignorieren, dass der Kapitalismus exakt drei Dinge benötigt: Wachstum, Wachstum, Wachstum – und keine Sparorgien. Das Resultat dieses Irrsinns ist eine Depression gewaltigen Ausmaßes, das für Griechenland überlebenswichtige Wachstumspotential wird dabei vernichtet. Die Krisenzeichen verschärfen sich in einem erschreckenden Tempo und Ausmaß. Nur unsere Eliten wollen es nicht erkennen und verstehen, denn sie wollen keine Kurskorrektur. Es wäre das Eingeständnis ihres Versagens.

Diese fanatische Fokussierung auf die Wirtschaft mit ihrem Konkurrenzprinzip blendet vollkommen aus, dass ohne eine funktionierende Gesellschaft, die nun mal auf dem Solidaritätsprinzip aufgebaut ist, ein Wirtschaften nicht möglich ist. Nur wenn das Gemeinwesen intakt ist, es keine Unruhen gibt und das Staatswesen nicht korrumpiert ist, kann effektiv gewirtschaftet werden. Dieses Fundament darf nicht angegriffen werden – aber genau dort richtet die aktuelle Krise die heftigsten Schäden an. Die Euro-Krise destabilisiert mit ihren engstirnigen Rettungsmaßnahmen eine ganze Gesellschaft.

Griechenland – Vorbild für Europa!

Griechenland ist klein, Griechenland ist für den Euro unbedeutend, aber Griechenland ist ein Testfall, wie unsere Eliten mit den Krisenfolgen umgehen wollen. Statt den Staat gegen die Angriffe der Spekulanten widerstandsfähiger zu machen, wollen sie ihn bis zur Unkenntlichkeit abschleifen, indem er weitestgehend privatisiert wird. Viele verstehen es noch nicht, weil es vergessen wurde: der Staat schützt die Schwachen – und das sind in einem heißlaufenden Kapitalismus ca. 99 % der Bürger. Ohne Staat ist der Fall ins Bodenlose, zum nackten Existenzkampf nicht weit. Dieses Schicksal dürfte die anderen Krisenstaaten ebenfalls ereilen, die Warteliste ist gut gefüllt. Europa steht am Abgrund und ist bereit, hinunter zu springen.

Europa am Scheideweg

Jeder spürt es, Europa steht mit der Griechenlandkrise am Scheideweg. Der Euro kann gerettet werden, jedoch ist dazu eine Kehrtwende notwendig: die Besinnung auf die Stärke Europas und das ist die solidarische Kraft der europäischen Länder mit ihrer kulturellen Vielfalt. Der Geburtsfehler des Euro muss korrigiert werden, nicht das Konkurrenzprinzip, sondern das Solidaritätsprinzip muss angewandt werden. Und das heißt: den schwachen und krisengeplagten Staaten mit üppigen Investitionen ähnlich einem Marshallplan zu helfen. Wenn sich Europa gemeinsam gegen die Spekulanten stellt, hat es eine Chance. Um dauerhaft die ökonomischen Fehlkonstruktionen des Euros zu beseitigen, müsste ein mutiger Einstieg in eine Transferunion erfolgen, denn nur so lassen sich die kulturell verschiedenen und unterschiedlich leistungsstarken Länder unter einer Währung zusammen halten. Zur Finanzierung müsste eine europaweite Tobin-Steuer eingeführt werden, damit die Finanzmärkte selbst diese Transfers finanzieren. Später, wenn die Zeit dafür reif ist, könnte aus dieser Transferunion ein gesamteuropäisches Finanz- und Wirtschaftsministerium entstehen.
Der Gewinn dieser Strategie wäre nicht nur der Erhalt des Euros, sondern auch die Erkenntnis, dass Solidarität Allen hilft – auch den Starken.

Eine andere Alternative wäre eine geordnete Abwicklung der Währungsunion und eine Rückkehr zu Nationalwährungen. Diese Option steht jedoch nicht unbegrenzte Zeit zur Verfügung. Setzt der unkontrollierte Zerfall der Währungsunion ein, in dem z.B. Länder austreten, wird dieser nicht mehr zu stoppen sein.

Die Eliten kämpfen für sich

Es gibt Alternativen und Wege, die Krise zu beenden, doch sie liegen außerhalb des Erkenntnishorizonts unserer Eliten. Bevor rational über mögliche Lösungen diskutiert werden kann, müssten unsere Eliten in Politik, Ökonomie und Medien über Nacht einen Evolutionssprung vom Schlecht- zum Gutmenschen machen. Erst dann würden sie ein Verständnis für das gemeinsame Erbe europäischer Kultur erlangen und die Lehren aus unserer traditionsreichen Geschichte ziehen, um daraus eine Vision für ein gemeinsames Europa mit einer gemeinsamen Währung zu entwerfen.
Seien wir realistisch und erwarten die alternativlose Zukunft. Unsere Eliten werden am Euro trotz seines offensichtlichen Scheiterns festhalten und uns dafür bedenkenlos opfern. Es gibt für unsere Eliten auch keinen Grund dazu, einen anderen Weg zu wählen, denn die Krise arbeitet in Wahrheit für sie. Während das Volk verliert und um seinen Wohlstand kämpfen muss, gewinnen die Eliten im gleichen Maß an Wohlstand und Macht hinzu.

Finanzfeudalismus

Geld ist Macht, diese alte Weisheit ist auch heute noch gültig. In einer reichen Demokratie definiert das Finanzsystem lediglich die Regeln, um am allgemeinen Wohlstand teilnehmen zu können. Bisher hat der Euro das Versprechen der Wohlstandsvermehrung einhalten können. Doch seit der Krise sind diese goldenen Zeiten vorbei, der Wohlstand fällt in sich zusammen. In der Krise reduziert sich das Finanzsystem zu einem reinen Machtsystem. Das ist eine äußerst gefährliche Entwicklung, denn diese Machtstrukturen können problemlos ganze Demokratien aushebeln.

Diesen Prozess sehen wir gerade in Griechenland. Das Mutterland der Demokratie verliert seine Souveränität und wird zu einem billigen Fußabtreter der EU degradiert.
Die Krise radikalisiert, die Radikalisierung verstärkt die Krise. Es sind bekannte Prozesse, die Europa mehr als einmal in den düsteren Kapiteln seiner Geschichte heimsuchten. Die alten reaktionären Reflexe funktionieren noch. Zu den wahren Schuldigen der Krise werden die bösen Griechen und die anderen faulen Südeuropäer erkoren. Dieses perfide Spiel wird aufgehen, der Rassismus und Hass wird wieder einmal zum Ventil für das Versagen der Eliten. Statt gemeinsam für ein besseres Leben für Alle, Griechen, Spanier und prekarisierte Deutsche, zu kämpfen, versucht jeder für sich allein den aussichtslosen Kampf gegen den Abstieg zu gewinnen.

Kommentare:

  1. Sehr schöne Analyse. Es ist leider immer wieder erschreckend, wie wenig die Mehrheit der europäischen Bevölkerung versteht, dass in Griechenland gerade ein Exempel statuiert wird, dass früher oder später allen drohen wird. Zum Wohl einiger weniger, wird die große Maße in irgendeiner Form zu leiden haben. Am Ende stehen dann die Wege in die Radikalisierung. Ungarn ist da ein schönes Beispiel.

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  2. @Anonym
    So ist es. In der Zwischenzeit redet Juncker Klartext: "Souveränität der Griechen wird massiv eingeschränkt"
    Und was war den das abscheuliche Verbrechen, das die Griechen begangen haben? Jahrelang haben sie vom Euro profitiert und durch eigenes Verschulden einige Dinge ins Rutschen gebracht - so ein Geschwurbel reicht also in Europa aus, damit ein demokratischer Staat seine Souveränität verliert.

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  3. Schöner Artikel. Jetzt darf Juncker endlich seine Folterinstrumente, mit denen er so gerne geprahlt hat, auch benutzen und jeder sollte genau hinsehen, was passiert, wenn die Ratingagenturen den Daumen über ein Land senken. Fällt ein Land auf dem Kapitalmarkt in Ungnade, war es das erst einmal mit Demokratie und Menschenrechten. Da müssen dann Maßnahmen her, um den Investoren zu beweisen, dass man auch über Leichen zu gehen bereit ist, um Anleger glücklich zu machen.
    Das kann nicht das Europa sein, das sich die Menschen vorstellen.

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  4. Hier ist eine Petition gegen den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM):

    https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=18123

    Er hilft den Schuldnerländern nicht, nimmt jedoch unser Land aus.

    Nach dem vorliegenden Vertragsentwurf zum ESM wird Deutschland laut Aufteilungsschlüssel für 27,15 % der Gesamtsumme von 700 Mrd. Euro bürgen; dies entspricht 190,05 Mrd. Euro.

    Der Bundeshaushalt 2011 beträgt 305,8 Mrd Euro. Damit würde Deutschland aktuell mit 62,3 % seines Bundeshaltes bürgen. Bürgen bedeutet, die Zahlungen zu übernehmen, wenn der Schuldner ausfällt. Ein Zahlungsausfall verschiedener Länder, die den ESM in Anspruch nehmen könnten ist nach Faktenlage sehr wahrscheinlich.

    Der Vertragsentwurf zum ESM sieht vor, dass der ESM finanzielle Mittel mobilisieren (= Kredite beschaffen) soll (Artikel 3 und 17)); ein Grundkapital bedingungslos einzuzahlen ist (Artikel 8; auf Deutschland entfallen 22 Mrd. Euro, die kreditfinanziert werden sollen); Änderungen am Grundkapital selbstständig beschließen (Artikel 10) kann; bei Ausfall eines ESM Mitgliedes diese Summe durch die restlichen Mitglieder zu tragen ist (In allerletzter Konsequenz bedeutet dies, das der letzte übrigbleibende Bürge für 700 Mrd. Euro haftet); der ESM sowie seine Führungspersönlichkeiten gerichtliche Immunität besitzen (Artikel 27 und 30).

    Der Vertragsentwurf sieht keinerlei parlamentarische Kontrolle zu Auszahlungen und potenziellen Aufstockungen vor. Dies würde in haushaltsrechtlicher Hinsicht de facto eine Entmachtung der nationalen Parlamente bedeuten. Und selbst wenn es eine parlamentarische Kontrolle gäbe: könnten sich die Parlamentarier dem ungeheuren Druck widersetzten und Zahlungen verweigern?

    Bald 10.000 Bürger haben diese Petition bereits gezeichnet. Bitte unterstützen auch Sie diese Petition!

    Viele weitere Infos täglich auf meiner Twitter-Seite.

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  5. Hört sich toll an: wir müssen nur die Zinsrechnungen begleichen. Nur für ein kleines Land.
    Sind da nicht noch zwei kleine Länder? Und momentan reiht sich gerade Italien in die Liga der kaputten Kleinen ein.
    Was ist mit den fällig werdenden Anleihen der Griechen? Nachdem deren Steuereinnahmen noch nicht einmal die Staatsausgaben decken? Wer zahlt die Darlehen zurück?
    Erst nachdenken, Herr Schanz, bevor Sie gegen 'neoliberalen Irrsinn' und böse Finanzmärkte losblubbern.

    Vielleicht auch überlegen, ob ein Marshallplan in Griechenland überhaupt etwas bewirken kann. Die haben schon bislang EU-'Marshallplanhilfe' erhalten - und in den Konsum versenkt, in Klientelismus, in eine Bürokratie, die nicht einmal in der Lage ist, Investitionen zu genehmigen, geschweige denn wirtschaftlich zu denken.

    Sie ziehen sich an schönen Worten hoch ("Solidarität") und an aktuellen Feindbildern. Ich liebe den Finanzmarkt auch nicht, aber nicht alles, was dort passiert, ist perfide Spekulation: vieles folgt der ökonomischen Logik, die man auf Dauer auch nicht mit deutschen Steuermitteln aushebeln kann.

    Wer glaubt, auf eine Analyse der real existierenden politökonomischen Probleme der Defizitländer verzichten zu können, findet zwar, sofern er im richtigen Blog schreibt, schnell eine Schar von Jubelpersern; aus der seriösen Debatte hat er sich allerdings verabschiedet.

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  6. @Cangrande

    Ich schimpfe nicht auf die pösen Finanzmärkte, mein Vorwurf gilt der Politik, die sich von den Finanzmärkten wie kleine Kinder nach Belieben hin und her schubsen lassen.
    Der Irrsinn ist doch, dass wir uns jetzt gezwungen sehen, die griechischen Anleihen aufzukaufen, obwohl die aktuelle Schieflage nur durch die absurd hohen Zinsen auf die Anleihen zustande kommen. Griechenland kann im einem starken Euro nicht überleben, das ist Fakt, aber die aktuellen Probleme verursacht nur der Finanzmarkt. Griechenland könnte - wenn der Druck genommen würde - mit langfristiger Perspektive modernisiert werden. Mit einer (Achtung: pöses Wort) solidarischen EU wäre das spielend leicht.
    Neben meiner Sicht auf die Krise wollte ich noch Lösungen neben der TINA anbieten. Ein Marshallplan ist wie eine Währungsunion: ist der gut gemacht, toll, wenn nicht wird's teuer.
    Zur seriösen Debatte: wo haben sie diese gefunden? Das würde mich ernsthaft interessieren.

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  7. a) Griechenland zahlt relativ niedrige Zinsen.

    b) Wieso sind die Zinsen, die Griechenland aktuell theoretisch am Markt zahlen müsste, "absurd hoch"? Das Land ist pleite!

    c) Wieso kommt die Schieflage "nur" durch die (hohen oder niedrigen: egal) Zinsen zustande?
    Griechenland hat ein Primärdefizit. Selbst ohne Zinsen und Schuldentilgung kann der Staat nicht mal die laufenden Ausgaben finanzieren. Unsere "Kredite" z. T. auch dafür verwendet.

    c) Dazu kommen Zinsen und Anleihetilgungen. Wenn der Staat nicht zahlt, kollabieren zwar die griechischen Banken. Billiger wäre es allerdings, diese direkt zu retten.

    d) "Marshallplan": Italien versucht spätestens seit dem Ende des 2. Weltkrieges, seinen Mezzogiorno zu modernisieren. In Griechenland fehlt die organisierte Kriminalität, ansonsten das gleiche "mediterrane" soziale Grundmuster: Korruption, Klientelismus, Familiarismus, extreme Erwartungshaltung und geringe Leistungsbereitschaft gegenüber dem Staat.
    Und warum sollten die Griechen ihre (Un-)Sitten ändern, wenn die Idioten im Ausland weiterhin ihren Schlendrian finanzieren? Warum sollen sich andere Problemländer anstrengen?
    Wer nicht auf die Schnauze fliegt, ändert sich nicht(siehe Banken!).

    Böse, nu?
    Anständige Menschen wie Sie dagegen haben keinerlei Hemmungen, deutschen Steuerzahlern Geld für griechische Steuerhinterzieher abzupressen, gelle?
    Sie sanieren skrupellos und gewalttätig ("Staatsgewalt"!) Ihr Ruhekissen-Gewissen auf anderer Leute Kosten!

    Egal ob es mich (unmittelbar) oder "die Reichen" trifft: Wieso sollen wir in fremden Ländern leistungslose Einkommen finanzieren? (Ärgert mich im eigenen Land bei den Reichen natürlich auch).
    Tobin-Steuer ok, aber warum zu Griechenlands Gunsten?

    Anscheinend haben Sie nur wenige Schilderungen (sogar auf den Nachdenkseiten!) über die Ursachen der griechischen Misere gelesen (oder, wenn mehr, sie nicht ernst genommen). Entsprechend leichtfertig (und leichtgewichtig) ist Ihr Optimismus.

    In der Tat ist "Solidarität" ein böses Wort: Wenn es als Rattenfängermelodie Ddazu missbraucht wird, ein ganzes Lemminsgvolk über die Klippen schicken um den einen Lemming zu retten, der runtergesprungen ist!

    "Eine Währungsunion ist der zusätzlichen Gefahr des Auseinanderbrechens ausgesetzt. Diese logische Tatsache verstehen unsere elitären Herren des Euros nicht."

    Nein, kann man auch nicht verstehen, weil unrealistisch. Was 'unsere Eliten' natürlich nicht daran hindert, furchtsamen Menschen wie Ihnen mit genau diesem Szenario die Steuergelder aus dem Kreuz leiern.
    Ist der Dollar gefährdet, weil Kalifornien und andere US-Bundesstaaten und Kommunen pleite sind oder am Rande der Pleite stehen? Da bricht nichts auseinander, und von der Eurozone würde allenfalls was absplittern, was sich nicht in dieser Währungsgemeinschaft halten kann.
    Kein Weltuntergang - außer natürlich für diejenigen, die noch Griechenland-Anleihen von früher halten, oder die solche jetzt billig gekauft haben mit der Erwartung, zu Lasten der Steuerzahler anderer Länder den großen Reibach zu machen.

    "Leider konnten unsere politischen Eliten diesen ... Aufschub nicht nutzen. Statt an einer tragfähigen Lösung der Krise zu arbeiten, spielten sie lieber Krieg in Libyen. Jetzt steht wieder die Griechenlandkrise auf der Agenda und die Eliten verharren in der Diskussion auf dem gleichen Stand wie vor einem Jahr, nur diesmal fehlt .. die Zeit für sinnvolle Rettungsmaßnahmen."

    1) Deutschland spielt (zum Glück) in Libyen (jedenfalls noch) nicht mit.

    2) "Tragfähige Lösung erarbeiten": Klingt wunderbar staatsmännisch, aber wie sieht bitte Ihr Lösungsvorschlag aus? Noch mehr Geld versüden?

    3) Zeit für sinnvolle Rettungsmaßnahmen fehlt: Genau: Griechenland hat anfänglich ein wenig reformiert, und den Rest des Jahres verplempert.
    Wollen Sie dort den Django machen? Nein: lieber (anderen abgepresste) Geldpflaster verteilen!

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  8. @Cangrande

    zu a) riechenland muss derzeit den Zins für die IWF und EU Kredite zahlen, der ist mit im Vergleich zum freien Markt niedrig, das stimmt:
    http://www.querschuesse.de/kurzupdate-griechenland/"

    zu b) Dieser Fakt ist seit Beitritt Griechenlands zur Währungsunion eingetreten, nicht mit den Horrormeldungen in den Medien. Damals waren die Zinsen aber im üblichen Rahmen.

    zu c) Ich meine es so wie ich es schrieb: die aktuelle Schieflage. Gäbe es noch den "alten" Zins vor der Krise, würden die Probleme noch nicht jetzt, dafür etwas später und weniger heftig aufbrechen.

    Billig wird es nicht mehr, der Zug ist abgefahren.

    zu d) So wie ich es schrieb: Ist der Marshallplan gut, toll (siehe Wirtschaftswunder), ist er schlecht, wird es teuer (siehe Neue Bundesländer, Italien)

    Wenn die Steuergelder zu einer soliden Rettung des Euros verwendet werden, dann dürfen sie mir als Steuerzahler "abgepresst" werden. Warum? Es ist billiger als ein Zerfall des Euros. Ich fürchte, das werden wir noch merken.
    Unsere schwachsinnige Politik treibt doch erst die Rettungskosten in die Höhe. Gäbe es ein Konzept, das die Spekulationen auf Pleiten von Euro-Staaten verhindern würde, wäre der Spuk vorbei. Statt dessen steht seit heute mit Italien der nächste Kandidat auf der Abschussliste und die Summe des Rettumgsschirms immer absurder.

    Der Euro hat einen Geburtsfehler: er ist für die europäischen Staaten eine Fremdwährung und nimmt den Staaten daher die Möglichkeit, über Auf- und Abwertungen auf Finanzkrisen zu reagieren. In einer Währungsunion, in der es traditionelle Hart- und Weichwährungsländer gibt, ist das schierer Wahnsinn. Diese Misskonstruktion hat mit dem Dollar rein gar nichts zu tun.

    Lösungen gibt es viele. Nur den Weg, den die Politik aktuell einschlägt, ist nicht nur teuer, sondern äußerst gefährlich.

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  9. Lieber Marc,

    Ihre Äußerungen sind z. T. derart verschwommen, dass ich mich frage, welche Vorstellungen Sie von den Fakten betr. G. überhaupt haben.

    Also:
    1) Griechenland zahlt auch für die (früher) am Freien Markt aufgenommenen Kredite niedrige Zinsen (den genauen Durchschnittswert kenne ich nicht, glaube er liegt unter 5%).

    2) Nachdem die Anleihekurse im Keller sind (logo bei einem Pleitestaat) kann, wer jetzt diese alten Anleihen an der Börse kauft, Traumrenditen erzielen (wenn -letztlich - wir sie bezahlen!). An der Belastung für G. ändert das aber nichts.

    3) Neue Anleihen würde das Land nicht los, würde verständlicher Weise keiner kaufen.

    4) Wenn G. am freien Markt weiterhin Kredite zu 5% bekäme, würde es weiterhin rundum sorglos leben wie früher: also den Haushalt von den Gläubigern statt den Steuerzahler finanzieren lassen. Je später die Krise (Verweigerung neuer Kredite), desto größer (nicht weniger heftig!) wird sie (vgl. US-Immobilienverschuldung).

    5) Pläne sind keine Harry-Potter-Bücher. Entscheidend ist einerseits das ökonomische Umfeld (Ex-DDR; hat angesichts der Problemgröße gar nicht schlecht geklappt), andererseits und hauptsächlich aber die Leute, die sie (nicht) umsetzen können oder wollen (Griechenland).

    5) Es geht nicht um eine Rettung "des" Euro, sondern
    a) um eine Rettung von Staaten vor ihren selbstverschuldeten Defiziten (und andererseits um die Rettung der Kapitalbesitzer) und
    b) um die Erhaltung der Eurozone im bisherigen Umfang.
    Falls überhaupt, ist b) nur durch dauerhafte Transferzahlungen von D. usw. möglich. Wenn Sie das für eine "solide Rettung" halten, dann gute Nacht deutsche Steuerzahler!

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  10. @Cangrande

    Mein Thema war der Euro, nicht Griechenland, denn es hat mit der Euro-Krise herzlich wenig zu tun. Auch gefährdet die Griechenlandpleite den Euro nicht. Ob sie dabei bleiben oder nicht, juckt allein die Betroffenen.
    Aber, und das wollte ich mit meinem Text herausstellen, es entscheidet sich nun, wie wir in Zukunft mit den anderen Krisenländern umgehen werden, die den Euro wirklich bedrohen, wie z.B. Italien. Die Warteliste ist lang.

    Zu einer soliden Rettung gehört ein stimmiges Konzept. Zu den Transferleistungen gehören sowohl strikte Bedingungen als auch - weil davon fast nie die Rede ist - Investitionen, damit die Krisenländer wieder in einen Wachstumsprozess gelangen können.

    Die jetzige Lage der Krisenländer ist nicht nur selbstverschuldet, sondern auch eine Folge der Misskonstruktion des Euros: die Weichwährungsländer wurden der Möglichkeit beraubt, über Abwertung (relativ zu uns) aus der Krise zu gelangen. Diese Tatsache können sie nicht negieren.

    Eine Währungsunion, in der jeder ein Einzelkämpfer bleiben soll, ist reiner Hirnriss. Beerdigen wir dieses Elitenprojekt und gut ist.

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  11. Der Eiertanz um Italien ist überhaupt nur dadurch möglich geworden, dass unser Politbüro erst Griechenland rausgehauen, dann einen Rettungsschirm aufgespannt hat usw.

    Gibt man den Finanzmärkten den kleinen Finger, gieren die selbstverständlich nach der ganzen Hand (würde ich vielleicht selber so machen wenn ich den Eindruck hätte, dass meine 'Partner' Dummköpfe sind).

    Leider haben wir viel zu viele viele Wissenschaftler, Politiker und Meinungsmacher mit vollen Hosen. Wenn es nach denen geht, bläht sich der Rettungsballast auf 1,5 Billionen Euronen auf - und von da geht es dann zur nächsten Eskalationsstufe.

    Die Griechen hätte man zum IWF schicken sollen, meinetwegen auch mit dem Sammelhut nach Peking, oder zum Teufel - und dem Finanzmarkt den Stinkefinger zeigen (klar, ein paar Banken hätten wir dann retten müssen: aber nur die Banken, nicht deren Aktionäre! Und Bankenrettung, das haben die Schweden, uns sogar die Amerikaner festgestellt, kann durchaus ein Gewinn bringendes Geschäft sein).

    Ich glaube allerdings mittlerweile, dass bei dem grassierenden Bailoutismus noch etwas ganz anderes mitspielt als nur die (durchaus vorhandene) Angst um die Gesundheit der Finanzbranche: die internationale Solidarität der Politikerklasse nämlich.
    Diese scheint mir eine Art Bauernkrieg zu führen - gegen ihre eigenen Steuerzahler.
    Leider finden sie dort ja genug Kollaborateure.

    Damit will ich denen - Ihnen z. B. - keine unredlichen Motive unterstellen. Nur: wenn Sie Angst zeigen, oder die geringste Nachgiebigkeit, haben Sie das Spiel mit dem Finanzmarkt von vornherein verloren.

    Hätten wir Griechenland den Bach runtergehen lassen, stände Italien heute nach meiner festen Überzeugung nicht vor Problemen.
    Denn einerseits hätten die ihre Haushaltssanierung dann schon früher eingeleitet, und andererseits ist es ja nicht so, dass nur die Staaten auf die Finanzmärkte angewiesen wären: Die Finanzmärkte ihrerseits brauchen nämlich auch die Staaten, um ihr Geld zinsbringend loszuwerden! Wenn die überall verbrannte Erde machen (die Griechen allerdings haben sich selbst 'verbrannt'!), können die ihr Geld nur noch unters Kopfkissen legen.

    Mit anderen Worten: Hätten die Europäer von vornherein Härte gezeigt (wie ich das zigmal gefordert habe seit meinem ersten Posting "Lässt Klingklax sich klaglos beklauen? Keine Euro-Anleihen zur Rettung der Mittelmeer-Länder! Keine deutschen Steuergelder gen Süden senden!" - http://beltwild.blogspot.com/2009/02/lasst-klingklax-sich-klaglos-beklauen.html - vom 20.02.2009), hätten sich die Problemstaaten und die Finanzmärkte in einem gegenseitigen stillschweigenden Anpassungsprozess arrangiert.

    Wenn natürlich die Finanzmarktakteure feststellen, dass sie die Politik dermaßen ins Bockshorn jagen können, dass die ihre eigenen Steuerzahler mit gigantischen Beträgen rücksichtslos ausplündert, wären sie ja blöd, wenn sie das Pokerspiel von sich aus abbrechen würden.

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  12. @Cangrande

    Kein Widerspruch: Europa wird von der Finanzoligarchie ausgeplündert und Politik und Medien sind willige Handlanger und Vollstrecker.

    Nur eines noch: das Staatsschuldenproblem ist nicht zuletzt ein Problem der Bankenrettungen, erst diese extremen Belastungen lässt die Staaten wanken. Natürlich gibt es auch die hausgemachten Probleme wie in Griechenland, aber sie rechtfertigen nicht das aktuelle Geschehen.

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  13. Naja, das ist ja alles schön und gut. Aber letzten Endes fließt jeder von den Steuerzahlern aufgebrachte Euro zur Rettung Griechenlands wieder zurück zu den Banken, und das heißt, indem angeblich Griechenland gerettet wird, werden eigentlich die internationalen Banken, darunter vor allem deutsche, gerettet. Insofern gibt das scheinbare Chaos bei der Griechenlandrettung
    eben doch einen Sinn, und zwar im Interesse des internationalen Finanzkapitals. Nur eben, dass Griechenland davon nichts hat.

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  14. @Anonym

    Schau es dir doch an, das Finanzkapital hat doch längst alle Schäfchen im Trockenen. Egal welcher Weg eingeschlagen wird, der Dumme werden wir, der Steuerzahler sein.
    Griechenland benötigt Investitionen, doch der Gedanke widerspricht der herrschenden Religion in der EU.

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