Dienstag, 10. April 2012

Gedanken zur Grass-Debatte

Von Stefan Sasse

Günter Grass. Ich sage den Namen mit einem tiefen Aufseufzen. Ich hatte ursprünglich nicht vor, über diese "Debatte" zu schreiben. Ist es überhaupt eine Debatte? Es erinnert so an Sarrazin, nur andersherum. Beim einen unkritischer Jubel mit einigen wenigen kritischen Stimmen, jetzt kollektives Draufhauen mit einigen wenigen, die ihn verteidigen. Als könnte Presse nur in diesen Aggregatszuständen existieren, zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode erregt. - Ich möchte einige Dinge gleich zu Beginn klären. In diesem Blog hat man schon sehr lange nichts mehr zum Nahostkonflikt gelesen, und das wird auch in Zukunft so bleiben. Ich habe für mich entschlossen, nicht zu dieser Thematik zu schreiben. Die Situation dort ist so verworren, komplex und von jahrzehntealten Feindschaften und Mentalitäten geprägt, die ich nicht einmal zu verstehen beginnen kann, dass mir mein eigenes Wissen nicht als ausreichend scheint, qualifiziert Stellung zu beziehen. Und ich habe keine Lust, in irgendwelche Stellvertreterkonflikte hineingezogen zu werden, die ebenfalls permanent den Konflikt überlagern. An dieser Stelle soll es deswegen um die Grass-Debatte in Deutschland selbst gehen und weniger um den Inhalt seines "Gedichts". Mir ist es unmöglich zu beurteilen, wer im Atomstreit mit dem Iran eigentlich den ersten Stein geworfen hat, geschweige denn, beim wievielten wir aktuell stehen. Mit diesen Vorbemerkungen in medias res. 

Die erste Sache, die mir in dem gesamten Streit um Grass' Aussagen wichtig erscheint ist das Alter. Der Mann ist 84 und hat den Zweiten Weltkrieg noch selbst erlebt, und das noch auf der wahrlich falschen Seite. Er zog daraus - und das muss man ihm jenseits allen Anderen hoch anrechnen - den richtigen Schluss und engagierte sich dafür, dass sich so etwas nicht wiederholen kann. Vor seiner Lebensgeschichte als ständigem Mahner und Erinnerer wirkt das Gedicht daher umso greller. Grass und seine gesamte Generation mussten stets sehr vorsichtig auftreten, wenn sie sich mit dem Thema beschäftigten, und sie taten dies meist auch. Auf ihre alten Tage - Stichwort: Martin Walser - scheinen sie irgendwie das Bedürfnis zu haben, gegen dieses "selbstauferlegte Tabu" (FR) zu rebellieren. Dieser Punkt scheint mit dabei sehr relevant zu sein: Grass kämpft gegen ein Schweigen an, das seine Generation selbst - aus gutem Grund - geschaffen hat. Er rennt gegen die eigene Vergangenheit. Noch deutlicher wird dieser demographische Faktor übrigens bei Marcel Reich-Ranicki, im FAZ-Interview. Auch er argumentiert praktisch ausschließlich aus einer lange versunkenen Vergangenheit heraus, die für ihn gleichwohl Lebensgeschichte ist. Wie er die Zusammenkunft mit Grass 1958 beschreibt - man hat das Gefühl, er sitzt geistig wieder in diesem Hotel in Warschau, dem jungen Grass gegenüber, und bekämpft sich intellektuell mit ihm.

Aber zurück zu Grass. Letztlich existiert dieses ungeheure, unaussprechliche Tabu der Israel-Kritk so einfach nicht. Es ist richtig, dass man noch heute ungeheuer vorsichtig und sensibel vorgehen muss, wenn man die Politik dieses Staates kritisieren will. Es ist auch moralisch richtig. Aber die Gemüter sind hier auf allen Seiten reichlich aufgeheizt und gereizt, was auch auf die eingangs angesprochenen Altlasten der vergangenen Jahrzehnte zu tun hat. Israel ist anders, daran kann kein Zweifel bestehen. Die merkwürdigen Frontlinien, bei denen etwa linke und Rechte sich bei ihrer Kritik vereint im selben Lager gegen "die Mitte" finden, spricht Bände, und sie findet sich praktisch nirgends sonst. Es sind Altlasten aus einer Zeit, als die meisten von uns noch nicht einmal geboren wurden, und wir leben hunderte von Kilometern vom Ort der Geschehnisse entfernt. Allein deswegen ist eine gewisse Vorsicht angeraten. 

Genau diese Vorsicht hat Grass - ich unterstelle: absichtlich - vermissen lassen. Seine Gleichsetzungen, der Vorwurf an Israel, das "iranische Volk auslöschen" zu wollen, all das sind mutwillige Übertreibungen, die eine scharfe Reaktion erwarten lassen mussten. Es gibt Kritiker, die darin eine Absicht Grass' erkennen wollen, sein Befürfnis, sich zu Unrecht angreifen zu lassen und dann in einer moralisch überlegenen Pose zu stehen. Den Gefallen, man muss es sagen, hat man ihm getan. Denn genauso maßlos wie er in seinem Gedicht übertrieb, so maßlos übertrieben es manche seiner Kritiker. Wenn Josef Joffe etwa in der ZEIT erklärt, dass ES aus Grass heraus will, wobei ES der Antisemitismus ist, dass quasi ein dunkler Anti-Grass unter der Oberfläche lauert, und das alles in einer großen Linie auf seine Waffen-SS-Mitgliedschaft zurückführen, dann wird es reichlich albern. Auch die gehässigen Angriffe auf seine literarischen Qualitäten sind nicht gerade die feine Art (und ziehen sich auch durch das Ranicki-Interview, bei dem nie ganz klar ist, ob es nun um Literatur oder Politik geht); man sollte von der Ebene her sachlich bleiben und nicht dermaßen herabwürdigend werden. Auch das Einreiseverbot, das Israel jetzt gegen Grass aussprach ist mehr als albern.

Ebenfalls merkwürdig, wenngleich nicht auf die Grass-Debatte beschränkt, ist die stete Gleichsetzung Israels mit "den Juden". Erneut, das kann mit meinem geringen Fachwissen zum Thema zusammenhängen, aber empfinden wirklich alle Juden überall in der Welt Israel als ihren Sprecher, als ihre legitime Stimme? Diese implizite Annahme schwingt in all den Antisemitismusvorwürfen stets mit. Ich empfinde das als merkwürdig. Eigentlich ist das Judentum erst einmal eine Religion; der Vatikanstaat spricht ja auch nicht "für die Christen", zumindest hätte ich noch nie gelesen, dass man christenfeindlich sei, wenn man dessen Politik kritisiert. Die Idee, dass die Juden in ihrer Gesamtheit irgendwie zusammengehören und in eine Art Sippenhaft zu nehmen sind ist doch per se antisemitisch, oder? Genau das wird doch aber, wenngleich ins vermeintlich Positive gewendet, von denen gemacht, die in einem Angriff auf Israel immer sofort Antisemitismus gegen alle Juden, egal wo in der Welt, vermuten. Oder übersehe ich hier etwas? Dieser Widerspruch hat mich schon immer etwas ratlos gelassen, aber nie mehr als jetzt.

Ich finde aber an der Grass-Debatte etwas ganz anderes bemerkenswert. Abgesehen von einigen arg extremen Ausrutschern - Joffe und Reich-Ranicki etwa - ist es gut zu sehen, dass zumindest in diesem Bezug der moralische Kompass der deutschen Öffentlichkeit noch funktioniert. Dass die Mehrheit der befragten Deutschen auf Grass' Seite ist, sagt dabei recht wenig aus. Was ist Grass' Seite überhaupt, und könnte die Mehrheit der Befragten das benennen? Wahrscheinlich ging es den meisten ohnehin nur um die Frage, ob "man Israel kritisieren darf". Klar darf man das, aber das hat auch nie jemand bezweifelt. Das ist auch die Phantomdebatte, die hier geführt wird. Nein, interessant ist etwas völlig anderes, was das unwahrscheinliche Gespann Mely Kiyak und Michael Spreng herausgearbeitet haben, sie etwas deutlicher und pointierter als er. Ihre Einleitung muss man ausführlich zitieren:
Als Thilo Sarrazin vor siebzehn Monaten sein Buch veröffentlichte, in dem er Leute wie mich als minderwertige, der Gesellschaft schadende Subjekte beschrieb und mit falschen Zahlen seine Denunziationsschrift fütterte, passierte erstmal nichts. Genüsslich und unkommentiert veröffentlichte die Bildzeitung, später der Spiegel, vorab Passagen daraus. Dann wurden Talkrunden angestrengt, wo es um die Frage ging, wie man die Defekte bestimmter Gruppen in den Griff kriegt. Ein Land versuchte sich pseudowissenschaftlich in Vererbungslehre und Religionskritik. Versuchte den ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Schaden, den wir diesem Land antun, zu bemessen. Stellte in immer neuen Variationen unsere Existenzberechtigung in Frage. 
Genau hier liegt der eigentliche Skandal. Josef Joffe bezeichnete "Deutschland schafft sich ab" als "Die gute Provokation" und bemühte einige Klassiker, die Sarrazin beigesprungen wären, lebten sie heute noch. Auch die große Mehrheit der sonstigen Medienöffentlichkeit war damals ohne Wenn und Aber auf Sarrazin-Kurs, debattierte lustvoll, warum die Migranten durch Inzest und Bildungsferne uns Deutschen so unterlegen seien. Protest regte sich kaum, und vor allem eine Gruppe blieb geradezu peinlich still: der Zentralrat der Juden und andere, die sich gerade zu Wort melden, wie etwa Reich-Ranicki. An ihnen wäre es damals gewesen, Position zu beziehen gegen diese Diskriminierung. Die größte Erregung war ihnen aber Sarrazins Juden-Gen wert. Das weit verbreitete Schweigen im Falle Sarrazin ist mindestens eine ebenso große moralische Hypothek wie es Grass' verschwiegene SS-Mitgliedschaft war.

Denk- und Sprechverbote bei bestimmten Themen, da haben alle Seiten Recht, sind niemals gut. Joffe hat das beim Thema Sarrazin, Augstein beim Thema Grass erkannt. Der bessere Weg einer Auseinandersetzung mit Quatsch ist es, den Inhalt anzugreifen. Ein allgemeines "Pfui, pfui, pfui" wird den vermeintlichen Tabubrechern stets nur begeisterte Anhänger von den extremen Rändern zutreiben, die dieses Flaggschiff dann nutzen um ihren eigenen Müll zu verbreiten. Hätte man Sarrazin von Anfang an auf sachlicher Ebene auseinandergenommen, vielleicht wäre die Stimmung heute nicht so vergiftet. Auch der Frontalangriff auf Grass dürfte Israel einen Bärendienst erwiesen haben. Der Eindruck, dass "man Israel nicht kritisieren darf" und der Ärger darüber, den es unzweifelhaft gibt, dürften sich dadurch nur verstärkt haben. Überzeugt wird so auch niemand. Das kann nur gehen, wenn man die Argumente widerlegt. Und das ist weder bei Sarrazin noch bei Grass öffentlichkeitswirksam getan worden. Die Folgen im Falle Sarrazin sind mittlerweile schmerzhaft sichtbar, und ich wage zu behaupten, dass es bei Grass ähnlich verlaufen wird.

Nachtrag: Uri Avnery stimmt meinen Gedanken zu. 
Nachtrag2: Man vergleiche auch die Erregung hierüber. 

Kommentare:

  1. Schöner Text. Zwei Korrekturen allerdings vorab: "Ich habe für mich entschlossen, zu dieser Thematik zu schreiben." << Das meinst du vermutlich andersherum. Und der Zentralrat der Juden hat Sarrazin damals kritisiert, das war mir nämlich positiv aufgefallen, sogar mit obligatorischem Hitler-Vergleich. Bsp-Link: http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/spd-zentralrat-der-juden-legt-sarrazin-nahe-in-npd-zu-wechseln_aid_545220.html

    Ansonsten stimme ich dir in vielen Punkten zu, ich fühle mich teilweise auch so merkwürdig unbeteiligt an dieser "Hysterie". Vielleicht ist das wirklich eine Altersfrage, mit 27 bin ich ja noch eher jung.

    Aber diese oberflächliche Phantomdebatten, die dann irgendwie zwangsläufig ablaufen, nerven mich total. Obwohl ich auch die Schuld teils bei Sarrazin und Grass sehe. Wenn gleich von Abschaffung, Auslöschung, 3. Weltkrieg und totaler Apokalypse die Rede ist, fällt ein sachlicher Umgang auch schwer. Und alle Medien springen auf diesen hysterischen Zug auf, das ist eigentlich ein bisschen verrückt. Und irgendwann heißt es dann, "ah immerhin wird jetzt mal darüber geredet" aber das ist eine Lüge. Und irgendwann sind dann alle Vorurteile bestätigt und die Fronten so verhärtet, dass eine vernünftige, sachliche Diskussion für lange Zeit unmöglich sind.

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  2. Noch ein Nachsatz (sry wegen Doppelpost) Diese Diskrepanz in der öffentlichen Debatte, je nachdem ob Juden bzw Israel (die Gleichsetzung verstehe ich übrigens auch nicht, aber für die meisten ist auch der Vatikan = die Katholiken) oder andere wie zb Muslime angegriffen werden, ist mir auch damals schon aufgefallen und ist mir ehrlich gesagt unheimlich.
    Dass Deutschland beim Thema Israel und Juden besonders vorsichtig ist, kann ich verstehen und finde ich auch angemessen, aber das kann doch nicht heißen, dass man ansonsten gerne draufhauen darf? Hauptsache man hat nichts gegen die Juden (fands auch sehr bezeichnend, dass Sarrazin die Juden und auch das Juden-Gen stets als positives Beispiel herausgehoben hat).
    Aber vielleicht ist das auch eine merkwürdige deutsche Verwechslung, es gibt zum Beispiel viele, die Seiten wie PI oder andere rechte Gruppierungen nicht so bedenklich finden, weil die sich auf die Seite von Israel stellen. So nach dem Motto, wer nichts gegen Juden hat, kann auch kein Rassist sein. Mir auch unverständlich, aber dieser Widerspruch ist bei vielen scheinbar wirklich vorhanden.

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  3. Vielleicht gibt es von dieser Seite etwas Klarheit: http://www.literaturkritik.de/public/online_abo/forum/forumfaden.php?rootID=144#thmsg1 :: Ansonsten erschrecke ich etwas über die Ratlosigkeit hier. Etwas Geschichte des Nahen Ostens und des Kolonialismus mögen ebenfalls helfen. Aber zu einem Standpunkt sollt man schon kommen, auch und gerade mit 27 (ich bin 66…)

    (http://blog.hr-schmitz.de/?p=3639)

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    1. Ich habe auch den Eindruck, dass zum umfassenden Verständnis der Debatte ein Geburtsjahrgang zwischen 1920 und 1960 sehr hilfreich, wenn nicht gar notwendig ist.

      Mir gelingt es nachzuvollziehen, weshalb das Gedicht von Grass sowohl inhaltlich als auch auf der assoziativen Ebene zu kritisieren ist. Das Verständnis verlässt mich jedoch, wenn es um die Reaktionen und deren Verhältnismäßigkeiten geht, und dabei meine ich nicht den Clown von Innenminister in Israel.

      Ranicki als Vertreter derselben Generation wie Grass, der öffentlich dessen Werk zerredet, die SPD mit ihrem Verzicht auf eine Wahlkampfhilfe, das sind keine inhaltlichen Stellungnahmen, das ist der Versuch, die öffentliche Person Grass zu dekonstruieren. Auf diese Weise etabliert und zementiert man ein Tabu - sicher man darf Israel auch öffentlich kritisieren, aber offenbar nicht so. Die Motive, dies zu befördern, kann ich allenfalls erahnen, nicht aber nachempfinden. Und das mag dann tatsächlich dem Alter geschuldet sein.

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  4. Muss eigentlich diese Überheblichkeit sein, nur weil ich gerade mein Alter verraten habe? Schließlich sollte die Grass-Debatte Thema sein.
    Aber bitte: in puncto Nahostkonflikt wäre ich auch für mehr Sachlichkeit, wenn alle meinen die Gegenseite wäre irre und würde schon die Atomwaffen startklar haben, kann es nur weitere Eskalationen geben. Ansonsten gibt es für mich da kein gut oder böse, ich sehe sowohl die iranische als auch die israelische Politik kritisch.

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    1. @Ariane: Ich entschuldige mich, überheblich zu sein war nicht meine Absicht. Alter hat aber zuweilen Bedeutung, das ist nun mal so. Da die binäre Schwarz/Weiss-Sicht nicht weiterhilft ist eben der Rückgriff auf Fakten hilfreich; deshalb die Links. Natürlich sind beide schlimme Finger, welche Regierung ist das nicht? Herrschaft ist immer kritisch zu sehen. Nur: Wenn wir als Deutschland Israel gegenüber eine Verantwortung haben (und das haben wir), dann müssen wir denen auf die Finger klopfen und nicht auch noch die Waffen liefern. So verstehe ich Grass.

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  5. Danke für diesen Artikel - sehr wohltuend!

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  6. Vielleicht interessiert die Meinung und Einschätzung einiger Intellektueller, denen selten eine Plattform in den Medien geboten werden und die ich seit Jahren in wichtigen Debatten vermisse, zur Überwindung der Ratlosigkeit. Besonders der Kommentar des Herrn Zuckermanns halte ich als sehr lesenswert.

    http://www.hintergrund.de/201204062011/feuilleton/zeitfragen/was-auch-noch-gesagt-werden-muss.html

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  7. Seit wann gibt es in den Massenmedien überhaupt sachliche und inhaltliche Auseinandersetzungen mit Themen? Wo? Wann? Nenne mir ein Beispiel bitte!

    Es geht stets nur um Skandale, Personifizierungen, Emotionalisierungen, Reduktionen, Vereinfachungen, Polarisierungen, Stimmungsmache, Bilder, Bilder, Bilder usw. Das liegt am System der Massenmedien. Nur so können sie ihren Kram verkaufen. Wer ernsthafte, seriöse und inhaltliche Auseinandersetzungen mit Themen möchte, der muss auf Fachpublikationen, das Internet oder auf Bücher zurückgreifen.

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  8. Linke sind arg gespalten bei dieser Frage. Die meisten (linken) Blogger scheinen bei dieser Debatte zu kapitulieren. Man hält sich "aus guten Gründen" (feysinn) zurück. Ähnlich war's bei dem Antisemitismusvorwurf ggü der Linken. Da konnte man aber noch den Focus lenken auf eine vermeintliche Kampagne gegen die Linkspartei. Im linken Spektrum gibt es einen Grabenkampf zwischen kompromisslosen Antimilitaristen und einäugigen Israel-Unterstützern. Dazwischen liegt auch tatsächlich die unaufgeregte Mehrheitsmeinung ... der Mitte, die Grass eher zustimmt.

    Worin stimmt sie ihm zu? Darin, was Grass eigentlich gesagt hat und nicht darin, wie es ihm ausgelegt wird. Die Fettnäpfchen, in die Grass vermeintlich trat, sind semantische Tretmienen der political Correctness. Grass wird vorgeworfen zu behaupten 'Israel plane den Erstschlag, wolle das iranische Volk auslöschen, wäre Aggressor' usw. Selbst du drehst ihm deutlich das Wort im Mund rum. Er schreibt ein Erstschlag "könnte" das iranische Volk auslöschen. Das ist grundverschieden zur planvollen Absicht. Aber auch wenn die anderen Beispiele manchen als Haarspaltereien erscheinen, das sind sie nicht. Der Zungenschlag, den man Grass durch weitschweifige Interpretationen unterstellt, ist das Missverständnis, das bei geneigten Zuschauern die Aufregung verursacht. Israel ist per se (!) eine Gefahr für den Weltfrieden, schlicht wegen seiner Atomwaffen und des brodelnden Nahost-Konflikts. Damit wird zunächst keineswegs verschleiert, dass der eigentliche Aggressor Iran heißt. Fakt ist, dass Iran Israel in die Notlage des präventiven Erstschlags zwingt (das ist Fakt, das wird ernsthaft diskutiert, auch wenn es Leute wie Clemens Wergin leugnen). Und wenn die Nerven durchgehen, hat man den Salat. Deswegen geht von Israel eine "Gefährdung". Das ist nunmal so. Am deutlichsten wird das Missverständnis wohl bei der semantischen Frage, ob Israel einen "Erstschlag plane" ... so eine Formulierung lässt das Verständnis zu, dass Israel offensiv losprescht, aber auch, dass es defensiv reagiert ... was hierbei tatsächlich Sache ist, ist entscheidend. Sich über eine weitschweifige missverständliche Formulierung aufzuregen, die Grass vllt auch gar benutzt (ich guck jetzt nicht nach), ohne dass man dem Kern - vorurteilsfrei - auf den Grund geht, ist vertane Zeit.

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  9. Ach ja, und das Tabu ... natürlich gibt es ein solches. Sicher kann man manches sagen. Aber was heißt "Tabu"? Nicht unbedingt, dass man Israelkritik 'nicht äußern dürfe', sondern wie political correct sie ist, wie sie akzeptiert wird, wie hoffähig sie ist. Israelkritik ist weitestgehend nicht akzeptiert. Sie wird nicht adäquat ernst genommen. Das Gleiche gibt es ... um auf der linken Schiene zu bleiben ... etwa in der Frage des Sozialismus, geschweige denn Kommunismus. Klar darf man darüber reden. Aber die meisten Leser würden doch zustimmen, dass solche Fragen heute "tabuisiert" sind. Ernsthaft wird sich doch mit solchen Dingen nicht auseinandergesetzt.

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  10. Tobias Fuentes,
    hätte mich ja gewundert, wenn du deinen Kommentar nicht mit "Linke..." begonnen hättest.
    Sonst kann ich mit deinem Kommentar recht gut leben.
    Volker Beck hat dich aber ganz schön abgebügelt...

    der Herr Karl

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  11. Du willst nicht über das Thema schreiben?
    Ist es dir nicht wichtig genug?
    Hast du Sorge, du könntest für deine Meinung Kritik ernten?
    Fürchtest du, du könntest ebenfalls von der israelischen Regierung als "Antisemit" bezeichnet werden?
    Legst du dir deshalb freiwillig diese Zensur an?
    Feigling!
    Habe deine eigene Meinung und stehe dazu.
    Ansonste haben die anderen schon gewonnen und du kannst dir den Blog sparen.

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  12. si tacuisses: kein einziger gedanke

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  13. Der Linke Grass hat was Angreifbares gesagt , prima , hauen wir ihn in die Pfanne.

    Ein Rechter gibt weit Ekligeres (und auch Bescheuerteres ) von sich ? Macht nichts , er steht auf der richtigen Seite, das uralte Spielchen in den Medien ,gäähn...

    In letzter Konsequenz darf also auch das Verhältnis zum israelischen Volk instrumentalisiert werden für die entsprechende Propaganda.
    Neu ist das allerdings nicht , Götz Aly hats vorgemacht.

    Was Grass angeht , ein israelischer Historiker namens Negev (o.ä.) hats auf den Punkt gebracht :

    Grass` Aüßerungen seinen absurd , aber nicht antisemitisch- sie sind nicht einmal anti-israelisch.

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  14. Danke, dass du meiner Bitte entsprochen hast!

    Deine Ratlosigkeit in Sachen Nahost-Konflikt teile ich gleichermaßen.

    Wer übrigens den Autor der Feigheit bezichtigt, weil er keine einseitige Position beziehen mag sollte dies nicht unter dem Deckmantel der Anonymität tun!

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  15. Hmmm ... also ich finde die Analogie zwischen Grass und Sarazin mehr als ungluecklich gewaehlt. Letzterer hat in seinem Buch offen rassisitisch argumentiert, indem er Araber und Tuerken als bildungsfern aus genetischen Gruenden diffamierte. Wohlgemerkt nicht als Nebenpunkt, sondern als Hauptthese seines "Werks". Grass hingegen hat mit einem stellenweise ungluecklich formulierten Gedicht einen Denkanstoss geben wollen. Ueber die literarische Qualitaet desselben kann man gerne streiten. Aber ein "Vorwurf an Israel, das "iranische Volk auslöschen" zu wollen", wie Du behauptest, findet sich in dem Gedicht so nicht. In dem Gedicht heisst es: "Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag [...], der das iranische Volk auslöschen könnte". Dass es in der israelischen Regierung die erklaerte Absicht gibt, das iranische Volk auszuradieren, steht da nicht. Natuerlich ist dieser Abschnitt aus Grass' Werk immer noch Unsinn - ein isaelischer Erstschlag wuerde das iranische Volk nicht ausloeschen - aber es ist eben etwas anderes zu behaupten eine Regierung naeme fuer seine Verteidigung selbst die Vernichtung des Gegners als schlimmstes, keinesfalls wahrscheinlichstes, Szenarios in Kauf, als zu argumentieren eine Regierung wuerde einen Erstschlag mit dem erklaerten Ziel planen, ein gesamtes Volk in einem nuklearen Holocaust zu vernichten.

    Die Formulierung ist dennoch nicht klug gewaehlt, aber sie ist nicht der Kern von Grass' Gedicht. Der Kern liegt vielmehr dort, wo er im letzten Abschnitt seines Werks fordert, sowohl das israelische, als auch das iranische Nuklearpotential sollte von der internationalen Gemeinschaft kontrolliert werden, als ein wichtiger Schritt zum Frieden. Wortwoertlich heisst es:

    "... gleichfalls darauf bestehen,
    daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
    des israelischen atomaren Potentials
    und der iranischen Atomanlagen
    durch eine internationale Instanz
    von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

    Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
    mehr noch, allen Menschen, die in dieser
    vom Wahn okkupierten Region
    dicht bei dicht verfeindet leben
    und letztlich auch uns zu helfen."

    Dies ist es, worum es Grass aus meiner Sicht insgesamt geht. Und dies ist weder antisemitisch, noch radikal, noch provozierend, noch polemisch. Es ist vernuenftig. Und wenn dies der Kern von Grass' Gedicht ist, dann ist auch das Gedicht im Kern vernuenftig. Und das unterscheidet Grass von Sarazin. Sarazin's Werk ist im Kern nirgendwo vernuenftig, sondern durchgehend hetzerisch. Deshalb muss auch die in obigem Blogeintrag nahegelegte Analogie zwischen Grass und Sarazin hinken.

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  16. "Erstmal ist das Judentum eigentlich eine Religion". Das ist nicht ganz richtig. Die Juden, auch die in Deutschland, sehen das Judentum nicht nur als eine Religion (dachte ich auch lange), sondern verstehen sich auch als ein Volk, eine kulturelle Gemeinschaft. Das gilt auch für die vielen säkularen, nicht-religiösen Juden.

    Daher auch die Verbundenheit, ja Identifikation mit dem Staat Israel bei aller Kritik gerade an der gegenwärtigen Regierung. Sie sehen Israel als eine Fluchtburg für den Fall, dass die Judenhasser hier wieder an Boden gewinnen. Und Anzeichen dafür gibt es: NSU-Unterstützer-Netzwerk, das unbeeindruckte Auftreten der Neonazis auch nach der Aufdeckung der NSU-Morde, die Entwicklung in Ungarn. Wie schnell und wie stark Ressentiments aufbrechen können, hat die Reaktion auf Sarazzin gezeigt.

    Und es ist auch nicht ganz richtig, dass die Juden zum Fall Sarazzin geschwiegen hätten. Das Online-Portal www.hagalil.com hat heftige Kritiken an Sarazzin veröffentlicht, ebenso www.publikative.org.

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