Dienstag, 30. November 2010

Buchbesprechnung: Manfred G. Schmidt - Demokratietheorien. Eine Einführung

Von Stefan Sasse
Die politische Theorie ist ein Feld der Politikwissenschaften, das neben den Internationalen Beziehungen wie kein zweites das Prädikat „trocken“ verdient. Ein großes Maß an abstraktem Denken in Systemen ist notwendig, um sich dieses Feld zu erschließen. Entsprechend groß ist das Bedürfnis nach einem Einstiegswerk, mit dem Politikstudenten und interessierte Laien einen Einblick in die Welt der Theorie bekommen, ohne gleich völlig überfordert zu werden. Manfred G. Schmidt versucht dies im vorliegenden Fall für das Feld der Demokratietheorien zu bewerkstelligen. Dies ist ein lobenswerter Versuch, doch wie nimmt sich das fertige Produkt in der Praxis aus?


Gleich zu Beginn: es kann Entwarnung gegeben werden. Obgleich Schmidt dem fremdwortlastigen Jargon der Politikwissenschaften nicht vollständig entsagen mag, liest sich das Buch doch angenehm leicht. Es ist nicht notwendig, jeden Satz zweimal zu lesen, nur um zu verstehen, welche Aussage eigentlich gemeint ist. Leider sind viel zu viele Autoren akademischer Werke offensichtlich immer noch der Meinung, die Qualität eines Werkes steige mit der Unverständlichkeit; Schmidt gehört glücklicherweise nicht ihnen.
Manfred G. Schmidt teilt sein Buch „Demokratietheorien. Eine Einführung“ in drei große Kapitel auf. Im ersten Kapitel bespricht er dabei „Vorläufer moderner Demokratietheorien“ wie Aristoteles, Montesquieu, Rosseau, Hamilton, de Tocqueville, Mill und Marx. Die Theorien dieses Kapitels werden allesamt recht knapp und locker geschrieben abgehandelt. Schmidt ist sich nicht zu fein, sie mit einem Schulterzucken zu verwerfen; sie sind hinter dem heutigen Forschungsstand hoffnungslos zurückgeblieben und hauptsächlich von historischem Interesse.
Im zweiten Kapitel skizziert er dann „Moderne Theorien der Demokratie“: Max Weber kommt hier ebenso zu seinem Recht wie Joseph Schumpeter oder Anthony Downs. Ebenfalls besprochen werden die pluralistische Demokratietheorie, die Theorie der sozialen Demokratie, die beteiligungszentrierte Demokratie und die kritischen und komplexen Demokratietheorien. Hier wird Schmidt bereits theoretischer, präziser, der Stil wird akademischer.
Letztlich jedoch sind die ersten beiden Kapitel hauptsächlich Vorlauf für das dritte Kapitel, „Vergleichende Demokratieforschung: empirisch-analytische Demokratietheorien“, sie bieten gewissermaßen das Rüstzeug, mit dem dieses Kapitel verstanden werden kann, das das Buch erst zu dem Standardwerk für Einsteiger werden lässt, das es ist. Verschiedene Vergleiche werden hier angestellt und die dazu notwendigen wissenschaftlichen Werkzeuge erläutert, vom theoretisch argumentierenden Geist bis hin zu Grundkenntnissen in Statistik (die leider eher vorausgesetzt als erläutert werden). Das Buch ist, in seiner nunmehr fünften Auflage, auf dem aktuellen Stand, dicht an der wissenschaftlichen Diskussion und bei alledem immer noch verständlich und komprimiert geschrieben.

Als Standardwerk für Einsteiger in die Welt der Demokratietheorien eignet sich Schmidts Buch daher wie kein Zweites. Zwar wurde bereits oft Kritik an der oft schnippischen Art geäußert, mit der Schmidt besonders im ersten Kapitel über veraltete Theorien hinweggeht. Wer sich jedoch für diese Theorien interessiert – mit denen heute tatsächlich nicht mehr gearbeitet wird -, dem steht eine Fülle an Literatur zu diesem Thema zur Verfügung. Mit seinen 608 Seiten ist das Buch auch so keine Klolektüre, und die Kriterien eines Einstiegswerks erfüllt es allemal.

Diese Rezension erschien im Auftrag des Roten Dorn. 

Kommentare:

  1. wieder mal´n "Waschzettel" abkopiert?

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  2. Gibt es auch eine Einführung in Plutokratietheorien?

    Wie die Politikwissenschaftler das aushalten, was die jeden Tag erzählt bekommen, ist mir ein Rätsel. Demokratie ist eigentlich die Herrschaftsform des Großkapitals. Mich würde ja interessieren, ob der Autor zu dem Thema auch Stellung bezogen hat. Ursprünglich durften nur die reichen Bürger wählen und haben die Politik in ihren Interessen beeinflusst und mit ihren Leuten in den politischen Ämtern.

    Das Großkapital stieß dann oft mit seinen Vorhaben auf den Widerstand des Besitzbürgertums und hat mit dem allgemeinen Wahlrecht dafür gesorgt, dass die Interessenvertreter des Besitzbürgertums bei den Wahlen nicht mehr durchkamen, sondern nur noch die vom Großkapital kontrollierten Politiker Ämter und Würden erhielten.

    Dass jeder Hansl und jede Liesl heute wählen dürfen, verdanken diese dem Großkapital, das sehr richtig eingeschätzt und vorhergesehen hat, dass der Hansl und die Liesl sich mit Hilfe von BILD und SPIEGEL ausreichend steuern lassen, auch völlig gegen ihre eigenen Interessen.

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  3. Wir halten das aus, indem wir uns mit solchen Problemen der modernen Demokratie auseinandersetzen. Die Basis dafür liefert die Theorie.
    Nun, ist es so, dass der neue Bachelor/Master-Studiengang an meiner Uni gerade auf Theorie komplett verzichtet. Da werden rein Anwendungs-orientierte Hilskräfte herangezüchtet. Von denen kannst du kann keine großen Würfe mehr erwarten.

    Schmidt ist natürlich jemand, der viel publiziert, und dessen Bücher auch viel gelesen werden. Aber manchmal nimmt er auch die argumentative Abkürzung und erklärt mal eben den Vermittlungsauschuss zum Garanten für das Gemeinwohl.

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  4. Vielen Dank für die Kommentierung von Schmidts Lehrbuch! Schmidts 'Demokratietheorien' und Merkels 'Systemtransformation' sind Klassiker in politikwissenschaftlichen Seminaren. Das bedeutet leider auch, dass sie als Denkanleitung benutzt werden. Mit "leider" meine ich das holzschnittartige Verständnis von politischer Theorie und Ideengeschichte und das manchmal wahllose Herauspicken von Theoriebestandteilen vergangener Epochen für die hochgepriesene empirisch-analystische Methode. Diese scheint mehr und mehr Besitz zu ergreifen von der Politikwissenschaft. Die Welt läßt sich dadurch leichter erklären. Aber ob sie diese (wie W. Hennis das einst meinte) auch verständlich gemacht wird, bezweifele ich. Eine kritische Sicht auf die Entwicklung dessen, was wir Demokratie nennen, ermöglicht sie zumindest nicht.

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