Montag, 7. März 2011

Der Irrtum von den Guttenberg-Wählern

Von Stefan Sasse

Die Union jammert: seit Guttenbergs Rücktritt hat man zwei Prozentpunkte verloren, die Partei erreicht in Umfragen nur noch 33%, so schlecht wie seit drei Monaten nicht mehr. Mit Guttenberg, so der O-Ton, habe man den "Garanten für hohe Zustimmungswerte in der Bevölkerung" verloren. So sehr es sich auch sträubt, der Union in ihrer so dunklen Stunde beizustehen - es ist alles halb so schlimm. Die Vorstellung von den Guttenberg-Wählern führt total in die Irre, und es gibt auch ein historisches Beispiel, das sehr gut passt. 

Zuerst die rein mathematische Beruhigung: das Fehlerspektrum der Demoskopen liegt bei +/-3%. Das heißt, dass die zwei Prozent Guttenberg-Wähler, die der Union seit dem Rücktritt abhanden gekommen sind, genausogut eine statistische Unreinheit sein können und es wahrscheinlich auch sind. In zwei Monaten ist Guttenberg Schnee von gestern. 

Dann die Beruhigung der Befragungen: schwindelerregende 74% der befragten Deutschen denken, dass die Union durch den Rücktritt Guttenbergs geschwächt wurde. Selbstverständlich wurde sie das. Zeitweise. Aber die Wahl ist im Herbst 2013, und bis dahin sind es noch über zwei Jahre, in denen viel Gras über die Guttenbergsache wachsen wird. Im Sommer 2013 werden in einer Umfrage 74% der Deutschen nicht mehr wissen, welches Amt Guttenberg überhaupt hatte. 

Und schließlich der historische Präzedenzfall. Bei der Bundestagswahl 1969 gewann die SPD so viele Stimmen hinzu, dass es knapp für die sozialliberale Koalition reichte. Die Demoskopen waren sich einig: dieser Erfolg und damit die Regierungsmehrheit war Wechselwählern zuzuschreiben, die normalerweise Union wählen würden, aber wegen dem damaligen SPD-Wirtschaftsminister Professor Schiller zur SPD gekommen waren. Auf 4% bezifferten die Demoskopen diese Wählerschicht, die man "Schiller-Wähler" nannte. In den Kommentaren der damaligen Leitmedien liest man deswegen auch beständig, dass ein Wegfall Schillers jene 4% und damit die Regierungsmehrheit kosten würde. 

Im Sommer 1972 trat Minister Schiller nach wochenlangen, äußerst zermürbenden Querelen innerhalb des Kabinettes (gegen die Guttenbergs Auswüchse wie ein laues Lüftchen wirken) zurück und später aus der SPD aus. Zusammen mit der Wirtschaftswunder-Legende Erhardt machte er Wahlkampf für die Union und geißelte die Wirtschaftspolitik der SPD. Die Wahl im November 1972 gewann die SPD mit dem besten Ergebnis ihrer Geschichte. 

Also keine Bange, liebe Unionspolitiker: Guttenberg wird euch bei der Bundestagswahl 2013 keine Stimmen kosten. Das habt ihr euch schon alles ganz alleine zuzuschreiben.

Kommentare:

  1. "Im Sommer 2013 werden in einer Umfrage 74% der Deutschen nicht mehr wissen, welches Amt Guttenberg überhaupt hatte."
    ...und das werden sogar die gleichen 74% sein.
    -kdm

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  2. Irgendwann ist aber auch mal gut mit Gutti, oder? ;-)

    Der soll mal jetzt schnell in der Versenkung verschwinden.

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  3. Neulich hat einer gemeint: "Der tritt nicht zurück. Der nimmt nur Anlauf."

    Da hats mich geschaudert.

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  4. Die wirkliche Katastrophe beim Thema Guttenberg ist nicht die Tatsache, dass er zurückgetreten ist, sondern das Wehgeschrei um diesen Abgang. Es hätte für mich weder bewiesener noch haltloser Plagiatsvorwürfe bedurft, um diesen Menschen nicht weiter auf der politischen Bühne sehen zu wollen - denn er war ja schon vor den Plagiatsvorwürfen eine unerträgliche Zumutung.

    Ich erinnere in diesem Zusammenhang an seinen Auftritt anlässlich der Ehrung gefallener deutscher Soldaten in Afghanistan - selbstverständlich in elegantem Schwarz -, an seine vor edler Selbstergriffenheit tremolierende Rede, deren Pathos mir den blanken Ekel in die Gurgel schickte. Nebenbei sei erwähnt, dass er diese Rede dazu benutzte, kundzutun, dass er einem dreijährigen!! Kind, nämlich seiner eigenen Tochter, eine mindestens überholte, wenn nicht reaktionäre Sicht von Vaterlandsliebe, Stolz und Ehrenhaftigkeit einträufelt. Soll eine derart zynische Haltung Vorbild sein für das Erziehungsmodell deutscher Eltern?

    Ich erinnere an seine Talkshow in Afghanistan, anlässlich derer ein gesamtes TV-Equipment dorthin gekarrt wurde. Es geht nicht um die dadurch entstandenen Kosten, sondern um die folgende Frage: Wie kann man, wenn man die Geschmacklosigkeit nicht zum Lebensstil erhoben hat, sich in einem derart gebeutelten Land mit einer vollkommen anderen Kultur in legerer Haltung auf ein Sofa setzen und in seltsamer medialer Kumpanei mit einem Johannes B. Kerner eine Seifenoper veranstalten, die sich "Interview" nennt, in Wahrheit aber nichts anderes ist als die eitle Selbstinszenierung eines Scharlatan. Dass das deutsche Fernsehen und die Medien überhaupt etwas Derartiges bedienen, ist eine Katastrophe, die extra erörtert werden müsste.

    Aber ich möchte auch die offenbar unsägliche Einfalt der Soldaten ins Feld führen, die die Bonbons einer verteidigungsministerlichen "Anteilnahme" lutschen wie das Manna in der Wüste. Wie weit muss die Gehirnwäsche gediehen sein, wenn auch nur einer von ihnen wirklich glaubt, sein Leben bzw. sein Tod sei für irgend einen Verteidigungsminister - und erst recht nicht für einen vom Schlage eines zu Guttenberg - von Belang?! Freilich ist die Rhetorik stets eine andere, aber man müsste auch wissen, dass die Rhetorik stets konträr steht zu dem, was sie verbirgt: Kein Tod von Soldaten (und auch nicht der von Zivilisten) ist in dem, was sich hier "Kampf" nennt, von irgend einer Bedeutung, das fällt alles in die gemeinschaftliche Grube der "Kollateralschäden". Betroffenheitserklärungen in dem Zusammenhang sind schiere Heuchelei - im Falle des Herrn zu Guttenberg sind sie allerdings sehr gut angezogen. Ein Drama, dass - wie zumindest die Medien behaupten - ein Großteil der Bevölkerung sich von einer leeren Hülle blenden lässt. Die Analyse, warum das so ist, wäre ein anderes Thema. Das allerdings müsste ebenfalls dringend aufgearbeitet werden!

    Pollina

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  5. Aber Gutenberg es ist eine interessante Studie dazu, was man mit etwas Charisma alles erreichen kann.

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  6. Eher eine interessante Studie, was man mit der blinden Unterstützung der Medien erreichen kann.

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  7. Interessant, daas gegeltes Haar & nassforsch-beschwingter Schritt schon als Charisma gedeutet werden...
    also wenn danach gesucht wird: jedes Fitness-Studio wäre optimales Castingfeld!

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  8. Zum Abschied drohte der Gutti gestern noch: er werde jetzt seine Gedanken aufschreiben....
    Glaubt ihr auch, dass genau dies der Grund dafür ist, dass die Unionsfreunde alle so toll zu ihm halten? Ein so junger Politiker, zumal in kurzer Zeit so hochgejazzt, hat mit Sicherheit hochrangige Berater in der Partei. Wer ihm wohl was geraten hat, dürfte hochinteressant und zugleich ein ein Grund sein, die CSU in Trümmer zu legen.

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