Donnerstag, 3. Februar 2011

Nebel im Land der Pharaonen

Von Stefan Sasse

Es ist schon merkwürdig: seit mehreren Tagen beherrscht das Thema Ägypten jetzt die Titelseiten der Zeitungen (und nein, das ist normal und keine fiese Verschwörung der Medien, um Nachrichten über Guttenberg zu unterdrücken, das nimmt den Mann viel zu wichtig). Trotzdem komme ich mir keine Sekunde informiert vor. Geht es euch ähnlich? Was ich weiß ist, dass einige junge, photogene Araber mit guter Pose wütend in Kameras gucken und schreien. Bisweilen sieht man auch ein paar Polizisten, aber die meisten Bilder wirken brutal gestellt. Was die Protester wollen - keine Ahnung. Ich erfahre, dass es sich um die Opposition zu Mubarak handelt (von dem ich vorher ehrlich gesagt nie gehört hatte). Für was Mubarak steht, was die Opposition will - ich weiß es bis heute nicht. Es ist dasselbe Muster wie bei den Protesten im Iran letztes Jahr, bei denen man auch nicht erfuhr, was die Opposition nun eigentlich genau wollte. Stattdessen verläuft die ganze Berichterstattung entlang der üblichen Storyline: tapferes Volk steht gegen bösen Diktator für Demokratie und Menschenrechte auf. Aber diese Geschichte ist viel zu simpel, als dass sie zutreffend sein könnte. 

Wenn man einzig nach der Berichterstattung geht, könnte es sich bei der Opposition auch gut und gerne um Radikalislamisten handeln, denen der Kurs der Regierung zu säkular und westfreundlich ist - es wäre nicht das erste Mal in dieser Region, man denke nur an Palästina oder den Libanon. In dem Fall allerdings wäre die Zurückhaltung westlicher Regierungen verständlich. Sicher, im Falle Ägyptens ist das wohl nicht der Fall, aber die Berichterstattung direkt informiert mich weder in die eine noch in die andere Richtung. Auch irgendwelche Analysen sucht man vergebens: zwar wird mit Verwunderung registriert, dass Mubarak dem Druck der Straße nicht nachgibt und damit dem demokratischen Märchen gewissermaßen das Happy End gibt - hätte dieses Narrativ aber irgendeinen Realitätsbezug, wäre Mappus nicht mehr Ministerpräsident. Es wird der Eindruck erweckt, als dass einzig Mubarak zurücktreten müsse, um alle Probleme zu lösen. Dass das nicht der Fall sein kann, zeigt doch schon ein Blick nach 1989, als der erzwungene Honecker-Rücktritt die DDR auch nicht zu einem freundlicheren Ort machte.

Als große Hoffnung wird ein Mann namens Elbaradei gehandelt, früherer Chef der Atomenergieaufsichtsbehörde und Friedensnobelpreisträger. Keine Ahnung, ob man da nur den ersten sympathischen Ägypter hochschreibt, den man gefunden hat, oder ob der Mann tatsächlich Unterstützung in seinem Land hat. Denn was das Narrativ des demokratischen Märchens ebenfalls selten vorsieht ist die tatsächliche Untersuchung örtlicher Gegebenheiten. Scheinbar herrscht Mubarak nun schon seit vielen Jahren im Ausnahmezustand. Der Optimismus darüber, dass sein Rücktritt demokratische Wahlen problemlos ermöglichte, die dann eine freiheitliche Lichtgestalt an die Macht bringen  ist naiv. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen brauche ich keine speziellen Kenntnisse über die Region. Am Ende wird das Märchen, so viel ist jedenfalls klar, kein Happy End haben. Sollte tatsächlich eine echte Demokratisierung Ägyptens eintreten - und dem stehen deutlich höhere Hürden im Weg als nur Mubaraks Person, wie Max Steinbeis dokumentiert - so wäre das vermutlich eine nicht ganz ungefährliche Entwicklung für den Westen und seinen engsten Partner in der Region, Israel. 

Die Tolerierung von Militärdiktaturen im arabischen Raum geht ja immer auch von der Prämisse aus, dass auf diese Art der Islamismus in Zaum gehalten werden könne - für den Preis, dass die jeweils unterdrückte Bevölkerung den Westen mit seinen Unterdrückern assoziiert, was keinesfalls falsch sein muss. Das Beispiel Saudi-Arabien spricht hier eine deutliche Sprache. Wenn dann der Diktator plötzlich Druck erhält, ist die Beobachtung des Treibens aus großen, westlichen Augen in Erwartung des demokratischen Märchens sicher fehl am Platz, denn allzu oft schwingt hier die Grundhaltung mit, dass ein weiterer unterentwickelter, böser Staat endlich den Weg in die demokratische (westliche) Gemeinschaft findet. Das muss aber nicht der Fall sein. Es ist genausogut möglich, dass diese Länder ganz demokratisch genau die radikalen Spinner an die Macht bringen, die man da gar nicht haben will - die Wahlsiege der Hamas über die gemäßigte Fatah sprechen eine deutliche Sprache. Und was wird der Westen tun, um einem Israel zu helfen, das sich plötzlich von astrein demokratisch legitimierten Radikalen umzingelt sieht? Das Narrativ dafür ist noch nicht geschrieben. Hoffen wir also lieber auf das Happy End, denn die andere Konsequenz auszumalen ist alles andere als beruhigend.

Kommentare:

  1. Nun ja, es gibt noch einen weiteren Weg, nicht nur "westliche Demokratie" oder Diktatur, nämlich ein eigenständiger Staat, der auch vom Islam geprägt sein kann, ohne gleich "fundamentalistisch" zu sein. Man kann niemand ernsthaft wünschen, er würde "westliche Werte" übernehmen... (Mir fällt kein einziger "Wert" ein, der über ein Lippenbekenntnis hinausginge)

    Die Ägypter wollen einfach besser leben und nicht willkürlich bedroht werden. Ein Soldat verdient z.B. unter 200 Euro im Monat. Davon kann eine Familie auch in Ägypten nicht leben.

    Wer einmal durch Ägypten gefahren ist, sieht die Diktatur und damit die Willkür an allen Straßensperren. Kein Wunder, dass das Regime und die Polizei so verhasst sind.

    Die Familie Mubarak hat angeblich 40 Milliarden zusammengerafft - oder dem Volk gestohlen. Ich würde sagen, es sind mehr und das spricht eine deutliche Sprache. Aber in Europa soll es ja auch so weit kommen, dass eine kleine Elite alles hat und die große Mehrheit nichts...

    Die einzige Hoffnung für die Zukunft der Menschheit ist der Rebell! (Osho)

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  2. Die deutschen Medien sind doch sowieso schon ein hoffnungsloser Fall.
    Ich halte mich bei der Berichterstattung über Ägypten an den britischen Guardian, der neben eine Art "Live-Ticker" auch regelmäßig verschiedene Analysen veröffentlicht.
    Ich kann dir schon mal sagen, dass eine islamistisch-fundamentalistische Wende wohl eher unwahrscheinlich ist. Die Islambruderschaft, die einzig nennenswerte islamisch-politische Kraft im Land, war während der Demonstrationen sehr zurückhaltend, darüber hinaus ist diese Bruderschaft auch kein monolithischer Block, sondern umfasst zahlreiche Strömungen.
    Und zu Elbaradei, für den Westen ist er irgendwie der "Oppositionsführer" wobei der Begriff ja impliziert, dass es eine organisierte Opposition gibt, aber das ist nicht der Fall. ElBaradei wird deshalb so bezeichnet, weil er den Westlern bekannt ist und weil er mehr Zeit im Westen verbracht hat als in Ägypten. Daher würde ich auch sagen, dass die meisten Ägypter ihn auch gar nicht kennen.
    Aber wir werden sehen, was am Nil noch so alles passiert. Ich bin gespannt.

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  3. Vielleicht steckt auch wieder nur irgendein Geheimdienst dahinter, der das alles steuert.
    Vielleicht ging irgendjemanden der Altersstarrsinn des M. auf die Nerven oder er hat nicht ganz so gespurt, wie er sollte?
    Wir werden es wohl nie erfahren.
    Es wird so enden wie 1989 in der DDR, ab November marschierte die alt B*R*D* mit bei den Demos und alles kam ganz anders als je gewollt.

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  4. Mit unseren Massenmedien kann man sich da kein brauchbares Bild machen, daher empfehle ich einmal das Voltairenet:

    Egypt on the brink of a bloodbath
    by Thierry Meyssan
    http://www.voltairenet.org/article168319.html

    Mubarak hat mit Hilfe der USA und Israels eine Folterdiktatur errichtet und seinen verantwortlichen Geheimdienstchef nun zum Stellvertreter ernannt.

    Sicher wollen die Ägypter keinen Islamismus, sondern einfach ohne Unterdrückung und Ausbeutung in Freiheit und Wohlstand leben.
    Das lässt sich allerdings mit den Interessen der USA und Israels und Westeuropas nicht vereinbaren, den unser Wohlstand beruht auf dem billigen arabischen Öl und den billigen Arbeitskräften, die unter dem strengen Regime ihrer von CIA und Mossad gestützten Diktatoren unseren Wohlstand erarbeiten.

    Eine Lösung für das Problem weiß ich auch nicht, aber vermutlich wird ja im Prinzip alles so bleiben, wie es nun einmal ist. Meine Sympathie ist natürlich beim ägyptischen Volk.

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  5. Auch vom Voltairenet eine Einschätzung zu Frank G. Wisner, der altgediente CIA-Kopf, den die USA nach Kairo geschickt haben.

    Dass mit Wisners Eintreffen die Gewalt gegen die Demonstranten begann, dürfte kein Zufall gewesen sondern ein Hinweis auf das Ziel seiner Mission sein.

    Wisner ist ein alter Freund von Mubarak, soll diesen geschäftlich in den USA vertreten haben, ist also wohl nicht der richtige Mann, um einen Machtwechsel zu organisieren.

    Interessant noch die Rolle, die Wisner in Bezug auf Frankreich gespielt hat:

    "He married Christine de Ganay (Pal Sarkozy’s second wife) and, in that capacity, reared Nicolas Sarkozy during his New York years. It was he who introduced then-teenage Sarkozy to CIA insiders and facilitated his entry into French political circles. One of Wisner’s sons was Sarkozy’s English-speaking political campaign spokesman; another one of his children became one of the pillars of the Carlyle Group, the asset management firm controlled by the Bush and Bin Laden families."
    http://www.voltairenet.org/article168337.html

    Das ist halt das Voltairenet im Unterschied zu den Nonsense-Artikeln in unserer Presse.

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  6. Warum gehen die Leute auf die Straße? Es ist immer das gleiche, es ist der Hunger:
    http://www.slate.com/id/2283217/
    http://www.businessinsider.com/egypts-economic-tragedy-in-3-simple-charts-2011-1
    Gibt es eine politische Agenda außer angestauter Wut, Hass und der Forderung, Mubarak muss weg? Nein.

    Tja, die Lunte zum dritten Weltkrieg dort unten im Paradies der Pyromanen ist mikroskopisch klein. Und genug waffentechnisches Spielzeug haben wir auch runter geschafft, damit es nicht langweilig wird.

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  7. "(von dem ich vorher ehrlich gesagt nie gehört hatte)"

    Soviel Ehrlichkeit wäre nicht nötig gewesen, ehrlich jetzt :)

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  8. Was erwarten Sie denn für die lumpigen 8 Milliarden Euro, die die deutschen Dummbürger für ihre öffentlichen Schundfunkanstalten blechen?
    Eine informatorische GRUNDversorgung steht Ihnen dafür zu, und die kriegen Sie ja, wenn Sie im Fernseher Bilder von dort unten sehen und erfahren, was unsere Regierung zu den Vorgängen meint.

    Was Sie verlangen, ist dagegen eine informatorische RUNDversorgung! Tja, lieber Freidenker, da müssten Sie schon noch mal 8 Milliarden drauflegen! Dann werden Ihnen unsere Kairoer Korrespondenten auch gewisslich verraten, welche Transparente der Demonstranten sie mit ihren Fernrohren vom örtlichen Interconti aus erspäht haben.

    Nur wenn Sie dann noch mal 8 Milliarden locker machen könnte es passieren, dass unsere Medienpfründeure uns ab und an durch ein kleines Guckloch auch mal in die Hintergründe der Vorgänge in Ägypten blicken lassen.

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