Donnerstag, 2. Juni 2011

Das Sterben lernen


Afghanistan, dein vergessener Krieg ist wieder zurück. Eine blutige Explosion hallt tausendfach in den Medien nach. Diesmal traf es keinen der Frontsoldaten, die zum Sterben auserkorenen sind. Es zerfetzte eine hochrangig besetzte Sicherheitskonferenz in Talokan mit Gouverneuren, Polizeichefs und Kommandeuren der ISAF, die Eliten des Krieges also, die es gewohnt sind, außerhalb der Gefahrenzone zu agieren, um in diesem Schutz den Krieg kontrollieren zu können.

Lange, viel zu lange war in Afghanistan kein Krieg. Wir bauten schließlich im Schutze des Militärs nur Kindergärten und Brunnen. Erst im Laufe der Jahre lernte die Bundeswehr am Hindukusch das Kriegshandwerk: das Töten. Keiner hat diese Lektion bisher besser verstanden als Oberst Klein. Die deutsche Justiz sprach zu dem Flammeninferno am Fluss Kunduz mit über hundert afghanischen Toten, das es gut war.

Wir kommen voran, wir sind auf dem richtigen Weg, verspricht uns die Politik. In der Tat, die Exekution Osama bin Ladens hat uns nicht nur die ersehnte Kriegstrophäe beschert, sie führt auch zur gewünschten Eskalation im Kriegsgebiet.

Ein Krieg ohne Gewalt, Leid und Tod ist kein Krieg. Zuerst muss Blut fließen und es müssen Köpfe rollen, nur dann kann die Kriegsgier der Heimatfront geweckt werden. Das schafft endlich die ersehnte Voraussetzung dafür, dass die Militärmaschinerie auf Hochtouren laufen kann. Ohne Skrupel und mit dem immer gleichen Ziel: einem möglichst langen und möglichst teuren Krieg.

Letzten Samstag ist den Taliban ein Enthauptungsschlag gegen die Bundeswehr gelungen. Mehrere Selbstmordattentäter griffen die Sicherheitskonferenz an, unter den zahlreichen Toten sind zwei deutsche Soldaten. Der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe ISAF in Nordafghanistan, der deutsche General Kneip, wurde bei dem Anschlag verletzt. Die Taliban verfügen nicht über das professionelle Background wie die NATO oder die USA. Ihr Enthauptungsschlag wurde nicht mit geheimen Stealth-Helikoptern durchgeführt, die Filmrechte an diesem Plot werden nie von Hollywood gekauft werden, doch militärisch ist es eine gelungene Antwort.

Die Taliban dürfen sich über diesen tödlichen Erfolg freuen wie eine Kanzlerin. Der Anschlag zeigt: die Taliban fühlen sich nicht nur stark genug für einen solchen Enthauptungsschlag gegen ISAF und Bundeswehr – sie können ihn sogar erfolgreich durchführen. Die Konsequenz ist klar: es werden weitere folgen.

Die Kriegslogik mit ihrer eskalierenden Gewaltspirale zieht uns in Afghanistan immer tiefer in den Abgrund. Eine schreckliche Lektion des Krieges, den die Afghanen nur zu gut kennen, lernen wir nun: das Sterben. Es ist unser Wunsch, denn es ist unser selbst gemachtes Vietghan.

Kommentare:

  1. Dazu paßt, dass ein Ex-Soldat aus Afghanistan ein Buch mit dem Titel “Schwarzbuch Bundeswehr” veröffentlicht hat – Achim Wohlgetan rechnet dort mit Von Zu Guttenberg und seinem Nachfolger ab – Er findet auch nicht gut, dass die Bundeswehr nun auch aus wirtschaftlichen Gründen, so in seinem Buch, Krieg führen darf. Der Grund: Die SoldatInnen sind – seiner Ansicht nach – gar nicht darauf vorbereitet, und auch materialmäßig sieht es grottenschlecht aus, d.h. unsere PolitikerInnen verheizen in Vietghan junge Deutsche wie einst die Amis in Vietnam – Daher treffender Vergleich mit Vietghan.
    Gruß
    Bernie

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  2. und es geht ja auch weiter. die nato will in nordafrika fuß fassen, ist in pakistan aktiv. mal sehen: es findet sich sicher auch bald ein grund in südamerika mit soldaten präsent zu sein.

    die sind da unten ja auch relativ selbstverwaltet und haben rohstoffe, die viel, viel profit generien können.

    krieg ist frieden
    empört euch
    sagt der polifisch.blog.de

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  3. Irgendwie habe ich gerade eine ganz bösartige Vorahnung - die deutschen SoldatInnen sollen nicht nur "Das Sterben lernen" sondern auch das Töten - Guido Knopp hat unsere SoldatInnen ja perfekt darauf vorbereitet, indem er aus Wehrmachssoldaten, die Völkermorde begingen (z.B. mittels Gas, Massenerschießungen vor selbstausgehobenen Gruben der zu Tötenden usw. usf. Opfer machte.

    Fazit:

    Auch die Bundeswehr muss wieder von der Wehrmacht lernen, und dass es genug fanatische Typen in Deutschland für solche Menschheitsverbrechen gibt, auch nach all er Aufklärung über die Shoa, durfte ich 2001 erfahren, als es mit Afghanistan losging - da meinte ein Mitangestellter auf dem Rathaus, und zwar damals schon, eine Atombombe drauf und Ruhe is in Afghanistan. Die Sache dürfte nicht besser geworden sein und wir dürfen gespannt darauf warten wann dt. SoldatInnen nicht nur in friedliche Demonstrationszüge reinschießen dürfen, wie dieses Jahr in Afghanistan geschehen, sondern vor Gaswagen, Massengräbern und neuen Vernichtungs- bzw. Konzentrationslagern stehen - nur eben diesmal nicht mit jüdischen Mitbürgern sondern mit anderen Völkern, oder Religionsangehörigen.

    In diesem Sinne hat die einseitige Aufklärung geschichtsfälschender Historiker wie Götz Aly, Guido Knopp, David Irving & Konsorten wohl doch seinen Sinn gehabt?

    Trauriger Gruß
    Bernie

    PS: Wer nun glaubt ich übertreibe dem empfehle ich einmal die Lektüre von Studien wie z.B. der kritische Historiker Harald Welzer die aufgestellt hat, oder auch nur das Milgram-Experiment - Menschen sind zu viel in der Lage, und leider auch dt. Mitbürger wenn die dementsprechend manipuliert werden - von der gewissenlosen Politikerclique in Deutschland, und deren, ebenso gewissenlosen, Wirtschafts"elite".

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  4. "Lange, viel zu lange war in Afghanistan kein Krieg."
    Habe in den letzten Monaten wieder mal alle Folgen von M*A*S*H wiedergesehen: Auch der Koreakrieg (4 Mio Tote) galt als "Polizeieinsatz".
    - kdm

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  5. @ bernie


    "eine Atombombe drauf und Ruhe is in Afghanistan"

    diesen spruch habe ich auch von einem gehört, der aktuell beim bund ist. er hat allerdings die ganze nahost region gemeint.

    ist schon krank so eine einstellung und ich frag mich, was schief gelaufen ist in der perönlichen sozialisation

    empört euch
    meint der polifisch.blog.de

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  6. @polifisch.blog.de

    Ich hab da so meine eigene Theorie was da schief gelaufen ist bei manchen, und es ist eigentlich kein Wunder bei der unterschwelligen Militarisierung die auch schon vor den Auslandseinsätzen der Bundeswehr in Deutschland stattfand bzw. vor dem 11. September 2001.

    Wer das Buch vom Pazifisten Ernst Friedrich "Krieg dem Kriege" gelesen hat, den wundert eigentlich nur noch, dass die Menschen die Militarisierung der Gesellschaften immer noch nicht blicken wollen - Es fängt schon bei der Erziehung an, wenn man Jungs Kriegsspielzeug in die Hand drückt und Mädchen Puppen - nur mal so ein Beispiel aus dem Buch von Ernst Friedrich. Übrigens Militarismus bzw. Krieg verhindernd, so Ernst Friedrich, könnte auch einmal das reale Aussehen von Kriegsopfern bewirken, und genau dies ist - auch heute noch - der Grund warum wir nur Särge, aber nie die zerfetzten Gesichter von Bundeswehrsoldaten und deren "Feinden" sehen.
    Allein dieser Anblick, so Friedrichs Theorie, ebenso wie der reale Anblick von Kriegskrüppeln ist ein Mittel zum Pazifisten zu werden. Friedrich übrigens bezog sich mit seinem Buch "Krieg dem Kriege" noch auf den 1. Weltkrieg, aber der Anti-Terrorkampf seit dem 11. September 2001 arbeitet mit den selben Manipulationen, und zwar bei Al Quaida ebenso wie deren NATO- bzw. US-Gegnern. Beide würden keinen Zulauf erhalten, wenn klar wäre, wie Bilder von Selbstmordattentätern manipuliert werden - von Al Quaida & Konsorten - ebenso wie die Bilder gefallener US-SoldatInnen, wenn man denn doch welche sieht, und keine flaggenbelegten US- bzw. Bundeswehr- oder NATO-Särge.
    Gruß
    Bernie

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  7. @ bernie

    ich frag mich schon die ganze zeit, warum kaum youtube vids über zivile opfer in afghanistan zu sehen sind.

    sowas würde doch die heimatfront zimlich schocken.

    passen dazu ein aufruf von karzai an die nato:

    http://polifisch.blog.de/2011/06/02/karzais-aufruf-11255199/

    sagt der polifisch.blog.de

    Krieg ist Frieden
    empört euch

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  8. @ polifisch:

    "Empört Euch" ist alles, was da noch zu sagen ist, bevor es ans Handeln geht

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  9. Schade übrigens, daß die Diskussion mal wieder zersplittert ist, da Marcs Text auf seinem eigenen Blog, auf meinem und nun auch hier erschienen ist. Da sollten wir Blogger aber noch daran arbeiten.

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  10. @ Frank

    da hast du sicher recht. aber die splittung ist ja auch irgendwie die macht, die vom netz ausgeht. je weiter etwas gesplittet ist, um so mehr menschen sehen es!

    ansonsten bleib der polifisch dabei

    empört euch

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  11. ....es muss für die Deutschen noch schlimmer kommen, d.h. noch mehr Soldaten müssen im Leichensack nach Deutschland zurückkommen.....vorher wird hier nicht kapiert, dass wir dort raus müssen.....

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  12. GG ist nur bedrucktes Papier wenn man unsere "Sicherheit" jetzt in der ganzen Welt verteidigen muss aber gut dass man endlich sagt worum es im Krieg geht und den neuen Rekruten gleich mal verklickert dass sie töten müssen oder auch getötet werden
    "Nie wieder Krieg"man hofft immmer wieder auf das kollektive Vergessen !!

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  13. Zum ersten mal kopiere ich meinen Kommentar zu einem anderen Blog (ad sinistram) weils einfach passt:

    Ich hatte Zeit mir die Debatte um die Bundeswehrreform vergangene Woche anzuschauen. Ich bekam das kalte Grausen. Eine Berufsarmee und Krieg als legitimes Mittel der Außenpolitik. Was unseren Bundespräsidenten noch zum Rücktritt zwang ist heute Allgemeingut (mit Ausnahme der LINKEN). Wie zum Teufel kommen die auf so was ohne auch nur einmal den Widerspruch zu unserer Verfassung zu bemerken? Und die Soldaten? Die leisten den Selben Eid, den ich in den 80ern leisten musste/durfte. Von wegen BRD tapfer verteidigen...im Kosovo, in Afghanistan und morgen in Pakistan? (Pakistan wurde von unserem Kriegsminister explizit als mögliches zukünftiges Ziel benannt!).

    Den Rest gab mir heute Morgen die Gedenkfeier zum Tod unserer Soldaten in Afghanistan. Pfaffen die von Jesus sprechen (wie war das doch gleich mit dieser Bergpredigt?)und von dem Leid der Soldaten und der getöteten Afghanischen Verbündeten. Die aber kein Wort der Trauer für die toten Taliban oder für die Zivilisten die kürzlich tot gebombt wurden (darunter angeblich 12 Kinder!) übrig hatten. Ich muss gestehen nach etwa 15 Minuten hielt ich das nicht mehr aus. Wo geht die Reise hin? Ins Mittelalter oder was?

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  14. Die Realität zu meinem bösartigen Vorahnung oben hat mich schneller eingeholt als ich dachte.

    Die "Junge Welt" berichtet heute, dass deutsche Gebirgsjäger angeblich Kindergartenkinder schon Soldat spielen läßt:

    "[...]Krieg als Kinderspiel[...]"

    Quelle und kompletter Text:

    http://www.jungewelt.de/2011/06-04/062.php

    Ganz wichtig:

    Lest den Text, es ist einfach unglaublich was hier passiert ist....

    ...vor gar nicht allzulanger Zeit hätte es da noch einen Aufschrei gegeben, aber heute?

    Es scheint so, dass die Bundeswehrrekrutierer nun Schritt für Schritt eine Grenze überschreiten, die uns auf neue Kriege, auch mit zivilen Opfern, und Kriegsverbrechen durch deutsche Soldaten, vorbereiten soll.

    Irgendwann wird dann wieder einmal ein angebliches Talibanlager, wie in Kunduz, bombardiert und wir finden es moralisch normal....die sind selbst schuld....shifting baselines eben wie ich bei Ad Sinistram schrieb....

    Gruß
    Bernie

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