Freitag, 15. März 2013

Ein Rant gegen Adblocker-Blocker

Seit Google die Adblocker aus dem Play Store entfernt hat, ist eine neue Diskussion entfacht worden. Die Einen argumentieren, meist Entwickler, sie seien auf Werbung angewiesen um weiter Apps entwickeln zu können, außerdem würde Google nur die Nutzungsbedingungen durchsetzen. Die Anderen kritisieren Google, die EFF spricht gar von Zensur (http://lallus.net/9qp).

Liebe Entwickler, Ihr erinnert mich immer mehr an die notleidenden Verlage, die für ein Leistungsschutzrecht kämpfen und an die Hinterwäldler der Union, die für Netzsperren, Vorratsdatenspeicherung und andere netzpolitische Vorhaben kämpfen.
 
Seid Ihr von allen guten Geistern verlassen?

Schon das Argument, Google würde nur seine Nutzungsbedingungen durchsetzen, steht auf wackeligen Beinen. Mal völlig davon abgesehen, ob Adblocker andere Apps beeinträchtigen (der Datenverkehr des Smartphones wird im Regelfall lediglich über einen Proxy geleitet, Werbung nicht durchgelassen), gibt es in Deutschland das Gewohnheitsrecht: Jahrelang hat Google Adblocker geduldet, der Erfolg von Android war immer auch der Freiheit, die Anpassungsfähigkeit geschuldet (Open Source!), nun wird auf einmal die Tür geschlossen? Rechtlich ist das mit Sicherheit nicht eindeutig. Die Frage der Moral, das nicht gehaltene Versprechen von Google, lassen wir mal ganz außen vor.

Mit dieser Entscheidung Googles wird zudem manifestiert, was seit längerer Zeit auch auf anderen Plattformen offenbar wird: Das offene Internet ist Geschichte. In der Zukunft gibt es viele, geschlossene Ökosysteme.

Doch darum soll es nur am Rande gehen. Es ist eigentlich ganz einfach: Ich entscheide, was wie auf meinem Smartphone erscheint. Ich entscheide, ob ich Werbung zulasse oder nicht. Das ist meine persönliche Freiheit. Ihr wollt mir diese Freiheit nehmen? Was glaubt Ihr, wer Ihr seid? Der Computer, das Smartphone zählt mittlerweile als ausgelagertes Gehirn. Einzig und allein ich entscheide, was wie damit passiert. Wer mir aus niederen, monetären Beweggründen vorschreiben möchte, wie ich dieses nutze, den kann ich nicht mehr ernst nehmen.

Es gibt wahrlich gute Gründe gegen Werbung, gerade wenn es sich um Android geht. Die bisherige Offenheit ist zugleich die größte Schwäche. Im Play Store gibt es unzählige Malware und andere halbseidene Angebote. Ihr merkt was: Adblocker werden verbannt, andere Angebote mit halber Kraft angegangen. Selbstverständlich schütze ich mich dagegen, auch mit einem Adblocker. Google hätte an diesem Punkt ansetzen müssen, nicht aber bei den Adblockern. Wer seid Ihr, dass Ihr mir verbieten wollt, mich selbst zu schützen? So ganz nebenbei sei auch erwähnt, dass Java oder Flash nicht die sichersten Technologien sind.

Die meisten Nutzer dürften zudem eine Volumenflat gebucht haben. Das heißt, jedes kleine Megabyte an Datenübertragung, welches gespart wird, ist wichtig. Das Blocken von Werbung ist in diesem Fall schon fast Notwehr. Ihr wollt allen Ernstes argumentieren, dass es okay ist, wenn Volumenflats durch Werbung zwangsweise eher aufgebraucht werden? Und sich dann wieder auf Twitter über das schlechte Netz der Telekommunikationsanbieter aufregen.

Aber Werbung ist notwendig, um Apps zu entwickeln und die Kosten zu tragen. Wie oft habe ich dieses Argument in den letzten Monaten gehört. Dieses Argument ist nicht anderes, als eine andere Form des Jammerns für ein Leistungsschutzrecht der Verlage. Wenn Ihr kein anderes Geschäftsmodell habt, ist das nicht mein Problem. Gute Apps werden auch bezahlt. Wenn Ihr Eure Apps nur kostenlos anbieten könnt, weil kein Mensch sie bezahlen möchte, dann sind sie einfach Mist. Oder Ihr solltet Eure Außendarstellung überarbeiten.

Ein Adblocker blockt zudem nicht nur Werbung, er blockt auch das Tracking. Ein Adblocker ist neben der App Brain 1.0 eine der wichtigsten Apps für einen besseren Datenschutz. Das wollt Ihr aus monetären Gründen verhindern? Das ist genauso infantil, wie Unions-Abgeordnete, die im deutschen Bundestag pro Netzsperren, pro Vorratsdatenspeicherung, für mehr Überwachung argumentieren. Meine Daten gehören mir. Da gibt es keine Diskussionen. Niemanden geht etwas an, ob ich YouPorn aufrufe oder nach einem Mittel gegen Hämorrhoiden suche. Wer dagegen argumentiert, der soll sich doch bitte nackt vor den Bahnhof stellen und "La Paloma" singen.

Merkt Ihr gar nicht, auf welchem Glatteis Ihr Euch bewegt?

Ich war und bin immer bereit, für gute Software zu zahlen. Wenn ich heute im Play Store stöbern gehe, schaue ich mir die kostenlosen Angebote schon gar nicht mehr an, sondern immer nur die kostenpflichtigen. Wenn Ihr es nicht schafft, ein Geschäftsmodell abseits der Werbung aufzubauen, dann ist das nicht mein Problem.Gegen Werbung sprechen viele sachliche Gründe, für Werbung nicht ein einziges. Im Gegenteil. Ihr wollt mir die Freiheit nehmen, mein Smartphone zu nutzen, wie ich es wünsche. Sind wir hier in China?

Kommentare:

  1. Zitat:
    "Der Computer, das Smartphone zählt mittlerweile als ausgelagertes Gehirn."

    Genau diesen Eindruck vermitteln viele Smartphonenutzer! Höchste Zeit das Gehirn wieder dort zu integrieren wo es hingehört... ;-)

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  2. Dem Impuls, diese Entwicklung zu verdammen und gleichzeitig vermeintliche Schuldige auszumachen, lässt sich offenbar nur schwerlich widerstehen. Dabei ließe sich das aktuelle Beispiel restriktiver Unternehmensentscheidungen aufgreifen, um Grundsätzliches anzusprechen - auch ohne den obligatorischen Sickendieck'schen Schaum vorm Mund.

    Zunächst einmal ist festzustellen, dass es sich bei Google um ein seinen Aktionären verpflichtetes Unternehmen handelt. In diesem Kontext von niederen Beweggründen zu sprechen, wenn es um die Verteidigung des ureigensten Geschäftsmodells - der Werbung - geht, trägt zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung nichts bei. Schließlich ist es zunächst einmal legitim, wenn ein Konzern sein Angebot so gestaltet, wie es zum Zwecke einer entsprechenden Monetarisierung notwendig oder auch nur opportun erscheint. Google hat offenkundig eine neue Gangart in seiner Unternehmenspolitik eingeschlagen, und ist dabei nicht in erster Linie auf Applaus aus der Blogoshäre aus.

    Beklagenswert, zumal aus Sicht des Konsumenten, sind die Entscheidungen ohne Frage. Was werde ich den Google Reader vermissen. Im obigen „Rant” werden dann auch Ansprüche formuliert, die fast schon belustigend mit heiligem Ernst aus einem Gewohnheitsrecht abgeleitet werden. Es war doch so schön, unser Internet. Wir waren es gewohnt, sämtliche Angebote kostenlos in Anspruch zu nehmen. Die Generation über aus, unbedarft oder blöd genug, sich die Werbung tatsächlich anzuschauen, sollte das zugrunde liegende Geschäftsmodell am laufen halten. Aber wehe, jemand konfrontierte uns mit dem Begriff der Kostenlos-Mentalität, ungeachtet der Tatsache, dass selbst die größsten Akteure sich schwer taten und tun, in diesem Netzklima überhaupt ein Geschäftsmodell zu entwickeln.

    Die Zeit, in der Marktanteile als Währung und Wachstumsindikator ausreichten um Investoren bei Laune zu halten, scheint sich dem Ende zuzuneigen. Es war aber nur eine Frage der Zeit. Wer die Infrastruktur im Netz einigen wenigen Monopolisten anvertraut und gleichzeitig Geschäftsmodelle wie das der Werbung sabotiert, allein weil es geht, weil es so angenehm ist, der kann sich doch nicht ernsthaft wundern, wenn diese Konzerne ihre Macht in im eigenen Interesse nutzen.

    De Frage, die sich stellt ist doch, weshalb wir die Privatisierung der Kommunikationsstrukturwn begeistert mitgemacht haben, weshalb offene Standards nicht angenommen werden, wieso RSS stirbt und Diaspora und App.net weniger als Nischenangebote bleiben. Solange das so bleibt, sind wir auf den Good-Will von einigen Großkapitalisten angewiesen. Laut aufzuschreien, wenn dieser ausbleibt ist, ich entlehne das Wort aus obigem Artikel, infantil.

    PS: Dieser Beitrag wir witzigerweise gratis auf den Srvern von Google gehostet.

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  3. Android ist eine geschlossene Gesellschaft wie Apples iOS auch. Wer da das Geschäftsmodell über Werbung sabotieren will fliegt raus. Das finde ich legitiem. Ich verstehe den Aufschrei der nun öfter schon zu lesen war nicht.

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