Dienstag, 7. Juli 2009

Was uns die Geschichte (nicht) lehrt

Diese Woche titelt der Spiegel mit dem großen Aufmacher „90 Jahre Versailles – Der verschenkte Frieden – Warum auf den Ersten Weltkrieg ein Zweiter folgen musste“. Der Spiegel propagiert damit ein Geschichtsverständnis, das ich für grundfalsch halte und das leider auch vor etablierten Historikern nicht Halt macht. Es ist ein Geschichtsverständnis, das vom Ende einer Entwicklung auf den Anfang zu schließen versucht. Einige Beispiele gefällig?

- Die Weimarer Republik ist gescheitert. Worin lagen die Gründe dieses Scheiterns und wie kam Hitler an die Macht?

- Der Erste Weltkrieg brach nach einer Phase beispiellosen Nationalismus’ aus. Welche Entwicklungen führten zur Krise von 1914?

- Die DDR ging nach 40 Jahren unter. Wie kam es zu diesem Untergang? Welche Strukturen beförderten ihn?

Dies scheint auf den ersten Blick kein Problem und gerechtfertigt zu sein. Doch vor dem Hintergrund einer solchen Fragestellung gerinnt die Geschichte zu Schicksal, zu einer zwangsläufigen Abfolge von Ereignissen, die sie definitiv nicht ist. Es entsteht der Eindruck einer Unentrinnbarkeit und Gesetzmäßigkeit, die in dem aktuellen Spiegel-Titel ihren publizistischen und in Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ ihren wissenschaftlichen Niederschlag findet.

Dabei muss man aber andere Fragen stellen. Diese Fragen würden, angewendet auf die obigen Beispiele, unter anderem lauten:

- War das Scheitern der Weimarer Republik in ihrer Struktur angelegt? Welche Rolle spielten ihre Strukturen überhaupt noch bei der Machtergreifung Hitlers?

- Wie wahrscheinlich war der Ausbruch des Ersten Weltkriegs überhaupt? Hätte er verhindert werden können?

- War der Untergang der DDR ein zwangsläufiger? Gab es Reformbestrebungen innerhalb des Systems?

Um auch dem Nicht-Historiker begreiflich zu machen, worauf ich hinaus will, möchte ich diese Punkte auf die jeweilige historische Situation angewendet etwas weiter ausführen.


1) Die Weimarer Republik


Das System der Weimarer Republik existierte von 1919 bis 1945. In Betrieb war es allerdings nur von 1919 bis 1930/31. Normalerweise wird sein Ende auf 1933 datiert, wenn Hitler die Macht im Land erschleicht, aber zu diesem Zeitpunkt gab es die Weimarer Republik eigentlich bereits nicht mehr.

Das System der Republik hatte bereits einige Krisen erlebt, bevor Hitler an die Macht kam. Bürgerkrieg zwischen Links und Rechts 1919, Kapp-Putsch 1921, das Vier-Krisen-Jahr 1923 (Inflation, Ruhrbesetzung, Rheinlandseperation, Hitler-Putsch), die Weltwirtschaftskrise (ab 1929). Von letzterer würde sich die Republik nicht mehr erholen, und in der oben kritisierten Darstellung führt sie direkt zur Wahl Hitlers, der mit seinen leichten Parolen schnell aufsteigt und schließlich die Machtergreifung durchführt.

Doch ich behaupte, dass 1929 nicht zwangsläufig den Endpunkt der Weimarer Republik datiert. Nicht einmal 1932, das Jahr des größten Wahlsiegs der Nationalsozialisten, tut das. Die Weltwirtschaftskrise begann 1929 in den USA und schwappte Ende 1929, Anfang 1930 nach Deutschland und Europa über, wo sie in den nächsten Jahren stetig schlimmer wurde. Die Zeit zwischen 1930 und 1933 steht vollständig im Schatten der Weltwirtschaftskrise, die zu diesem Zeitpunkt in keinem Land der Welt ausgestanden war, was vor allem mit einer völlig verfehlten Wirtschaftspolitik zu tun hatte, die damals neoliberalen Grundsätzen huldigte und die Selbstheilungskräfte des Marktes beschwor, wenn der Staat nur sich heraushielte und den Staatshaushalt ausgleiche. Die direkte Folge war eine desaströse Sparpolitik, die die Depression verstärkte (deswegen in den USA auch der viel treffendere Begriff für die Weltwirtschaftskrise: „The Great Depression“) und damit den Abschwung unnötig in die Länge zog. In den USA wurde diese Politik von Hoover vertreten, in Deutschland von Heinrich Brüning. Im Gegensatz zu Hoover war sich Brüning wenigstens vage der Konsequenzen seiner Politik bewusst, die er allerdings als politische Waffe gegen die Sieger des Ersten Weltkriegs einzusetzen gedachte, um die Zahlungsunfähigkeit Deutschlands herauszustellen.

Wir wissen, was weiter geschah. Der Reichstag versagte Brüning die weitere Unterstützung, der daraufhin mit Notverordnungen von Hindenburgs Gnaden weiterregierte. Als dieser Zustand unhaltbar wurde, ersetzte man Brüning in rascher Folge durch weitere solche Schattenkanzler, von Papen und von Schleicher. Diese Entwicklung ist der Grund dafür, dass ich das Ende der Weimarer Republik auf 1930/31 datiere, denn seit die Kanzler sich nicht mehr auf eine Mehrheit im Reichstag stützen konnten war das System effektiv ausgehebelt. Was geschah war legal, die Weimarer Verfassung erlaubte es. Das ist der Grund, warum ich ihre offizielle Lebensdauer bis 1945 datiere, denn Hitler hat es nie für notwendig erachtet, sie formal abzuschaffen. Das war nicht nötig, er konnte auch so legal regieren. Er kaum auch nicht zur Macht, weil die NSDAP große Wahlerfolge gefeiert hätte. Die hatte sie, zweifellos. Aber die Macht erlangte Hitler eben nicht über parlamentarische Wege, denn diese funktionierten diesbezüglich noch und hielten ihn von der Macht fern. Es brauchte eine Intrige der Aristokratie (von Hindenburg, von Papen und andere) um ihn zum Kanzler zu machen. Eine direkte Notwendigkeit durch ein Wahlergebnis bestand dazu nicht; 1932 markierte den Höhepunkt der nationalsozialistischen Wahlerfolge, zu dem Zeitpunkt, als Hitler Kanzler wurde, drehte die Stimmung bereits wieder.

Besteht also ein direkter Wirkungszusammenhang zwischen dem Aufstieg Hitlers und dem Ende Weimars, der unvermeidbar gewesen wäre, wie es der Spiegel allein durch den Versailler Vertrag suggeriert? Ich sage nein. Der Versailler Vertrag war bereits zu Weimarer Zeiten das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben war. Deutschland bezahlte so gut wie nichts von den Reparationen, die ihm auferlegt waren, weswegen die Franzosen ja 1923 das Rheinland überhaupt besetzten. Auf Folgekonferenzen wurde die Last immer weiter reduziert, wurden immer weitere Zugeständnisse gemacht. Die Front der Sieger des Ersten Weltkriegs bröckelte, und Deutschland schloss neue Allianzen, unter anderem mit Sowjetrussland und war drauf und dran, den Vertrag vollständig auszuhebeln – ein Ergebnis, das schließlich Hitler vollende. Der Versailler Vertrag kann es also nicht gewesen sein, der Hitler und den Zweiten Weltkrieg zum unabwendbaren Ereignis machte. Es war Hitler, der den Zweiten Weltkrieg zum unabwendbaren Ereignis machte, aber sein Aufstieg war nicht vorgezeichnet. Seine Ideen waren bestenfalls lückenhaft (wie Golo Mann schreibt: „schlechte Literatur“), seine Propaganda zwar meisterhaft, aber vor der katastrophalen Depression fast wirkungslos. Die Weimarer Republik erlebte zwischen 1924 und 1928 eine Phase beispielloser Stabilität und Prosperität. Wäre diese nicht von der Großen Depression abgewürgt worden, könnte sie noch heute bestehen. Sowohl Roosevelt als auch Hitler, beide 1933 an die Macht gekommen bewiesen, dass die Große Depression ein lösbares Problem war, Hitler sogar noch erfolgreicher als Roosevelt. Allein der amerikanische Erfolg des New Deal straft Lügen, dass alleine Hitler Deutschland hätte aus dem wirtschaftlichen Sumpf ziehen können, in den es selbstverschuldet geraten war. Wer also heute die Parallelen zu 1929 beschwört sollte sich auch darüber im Klaren sein, dass wie die Entwicklung und, vor allem, die Entwicklungsperspektiven zu dieser Zeit aussahen.


2) Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs


Das Ende des 19. Jahrhunderts war von einer Phase beispiellosen Nationalismus’ und schließlich sogar Imperialismus’ geprägt. Auf der ganzen Welt griffen die europäischen Nationalstaaten nach Kolonien und bemalten Landkarten in ihren Farben. Im Gegensatz zu den meisten Darstellungen beteiligten sich auch die USA rege und machten Ernst aus der Monroe-Doktrin, derzufolge der amerikanische Doppelkontinent ihre Einflusssphäre sei, während sie gleichzeitig Kolonien in Pazifik und Karibik eroberten, unter anderem im amerikanisch-spanischen Krieg von 1898. Die Rhetorik war aggressiv, der Habitus der beteiligten Mächte ebenso. Es scheint deswegen nur logisch, dass es irgendwann zur Eskalation kommen musste. An düsteren Prophezeiungen fehlte es nicht. Zum Großteil erwarteten die Bevölkerungen einen Krieg, der teilweise sogar als „reinigendes Gewitter“ herbeigesehnt wurde. Doch war der Krieg überhaupt unvermeidbar?

Ich behaupte Nein. Die Periode zwischen 1871 und 1914 war gekennzeichnet durch einen kontinuierlichen Frieden in Europa, trotz aller anderslautenden Rhetorik. Die Situation ist mit der des Ost-West-Konflikts vergleichbar. Jeder erwartete einen kriegerischen Zusammenstoß zwischen verfeindeten Supermächten, die an der Peripherie erbittert um Einflusssphären rangen. Doch der Krieg kam nicht. Wäre er gekommen, er wäre für alle Beteiligten eine gewaltige Überraschung gewesen, gerade trotz der allseitigen Antizipation. Genau gleich war die Situation 1914.

Auf den ersten Blick war die Serbienkrise von 1914 eine wie viele andere zuvor auch. Niemand wollte einen europäischen Krieg, und den Aussagen des deutschen Generalstabs mit seinem „lieber heute Krieg als morgen“ ist nicht allzuviel Gewicht zu schenken. Der deutsche Generalstab war auf den Krieg genauso mangelhaft vorbereitet wie alle anderen, als er schließlich kam; allein die völlig unflexible Konzentration auf ein fehlerhaftes und veraltetes Konzept wie den Schlieffen-Plan beweist es. Es war eine Kette von Missverständnissen, falschem Stolz und katastrophalen Fehlentscheidungen, die schließlich zum Kriegsausbruch führten. Niemand wollte diesen Krieg, denn jeder wusste, was davon zu erwarten war: der Untergang des Alten Europa. Die düstere britische Aussage, nun „gingen in Europa die Lichter aus, und wir werden sie zu unseren Lebzeiten nicht mehr angehen sehen“ wurde Wirklichkeit. Die verzweifelten und hektischen Versuche besonders der deutschen Verantwortlichen, den Ausbruch doch noch abzuwehren, das völlige Fehlen von Kriegszielen (die ersten wurden erst einen Monat nach Beginn des Krieges veröffentlicht!) und die Unvorbereitung des Militärs zeigen deutlich, für wie unwahrscheinlich ein europäischer Krieg zu dieser Zeit gehalten wurde. Darin unterscheidet sich auch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs von der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs. Hitler wollte Krieg, wusste von Anfang an dass er ihn wollte, hatte klare (wenn auch absurde) Ziele und ging gezielt Schritte zur Entfesselung eines Krieges, von dem niemand außer ihm glaubte, dass er irgendeinen positiven Effekt haben könnte.

Der Erste Weltkrieg war nicht, wie allgemein behauptet wird, ein wahrscheinliches Ereignis. Er war unwahrscheinlich. Ich habe vorher den Vergleich mit dem Ost-West-Konflikt gebracht. Das war kein Zufall. Die Perioden des Friedens decken sich fast vollständig. Man muss sich vor Augen halten, dass zwischen 1871 und 1914 die unglaubliche Zahl von 45 Jahren liegt. So lange war selten Friede gehalten worden im Europa der Großmächte. Zwischen 1945 und 1989 liegen ebenfalls fast 45 Jahre; 47 sind es, wenn man den Untergang der Sowjetunion 1991 als Endpunkt wählt. In beiden Perioden wurden Pläne geschmiedet für den Ernstfall, der von allen antizipiert und gleichzeitig gefürchtet wurde, den Ernstfall, von dem man sich wünschte, dass er nie eintreten möge. In einem Fall kam er, und alle vorher gefassten Pläne wurden zur Makulatur, wie sie es in dem anderen auch gewesen wären.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war also ein unwahrscheinliches Ereignis, eines, das hätte verhindert werden können und nach Ansicht der damals Beteiligten auch hätte verhindert werden müssen. Nicht einmal sein Verlauf war vorgegeben, denn im Gegensatz zu 1939 stand der Ausgang des Ganzen keineswegs von Anfang an fest. Es gab niemandem, der einem deutschen Sieg kompromisslos gegenüberstand, wie dies gegen Hitler der Fall war und auch der Fall sein musste. Ein Sieg Deutschlands im Ersten Weltkrieg wäre keine Katastrophe gewesen. Niall Ferguson behauptet sogar, dass die Wirkung potenziell positiver gewesen wäre als seine letztendliche Niederlage.


3) Der Untergang der DDR


Bekanntlich endete die DDR im Jahr 1990, nachdem der Mauerfall 1989 ihren raschen Zerfall eingeleitet hatte. Ich hatte eigentlich nicht vor, die Geschichte der DDR in diesen Artikel zu integrieren, doch nachdem ich heute morgen das Vorbereitungsbuch „Die Geschichte der DDR“ zum niedersächsischen Zentralabitur las, kann ich diesen Aspekt nicht auslassen. Bereits im Vorwort dieses Buches findet sich die klare Ansage, die DDR sei zum Untergang verdammt gewesen, an ihr sei nicht auch nur das geringste Gute zu finden und man müsse den Geschichtsunterricht dazu nutzen, dies den Schülern deutlich zu vermitteln. Das ist hanebüchener Unsinn. Die DDR war nicht zum Untergang verurteilt, schon gar nicht durch ihren inneren Aufbau. Und die vollständige Dämonisierung eines Staatswesens kann kaum dazu beitragen, es zu verstehen. Daran scheitert heute bereits die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Wer die Träger eines solchen Systems pauschal verteufelt, betreibt Ideologie, aber er wird nie verstehen, wie diese Systeme funktioniert haben und deswegen auch keine Lehren daraus ziehen können. Wäre die DDR rundweg schlecht gewesen, sie hätte sich keine 40 Jahre halten können. Dies soll keine Verteidigung der DDR sein, die durchaus kein Staatswesen war, in dem ich hätte leben wollen oder in dem ich irgendjemandem zu leben gewünscht hätte. Man tut sich nur keinen Gefallen, wenn man es derart betrachtet, wie dies oft getan wird.

Ist die DDR also zum Untergang verturteilt gewesen? Seit 1953 war ihre Herrschaft stabil, einen Aufstand gab es bis 1989 nicht. Noch im Frühjahr 1989 ging niemand davon aus, dass die deutsche Teilung in absehbarer Zeit beendet würde, man erwartete sogar, dass sie mehr oder minder lange bleiben würde. Zu diesem Zeitpunkt waren die Weichen interessanterweise jedoch bereits auf Untergang gestellt. Die Glasnost&Perestroika-Bewegung in der Sowjetunion hatte etwas losgetreten, das sich so schnell nicht würde unterdrücken lassen. In seiner derzeitigen Form war das Regime reformunfähig und allein auf die Sicherung seiner Pfründe bedacht.

Wäre aber eine Reform vorher möglich gewesen? Die Geschichte der DDR ist gleichzeitig auch eine Geschichte verpasster Chancen. Ideologie und Realpolitik gerierten in der DDR einen unheilvollen Mix. Während viele besonders wirtschaftspolitische Entscheidungen durch die Ideologie negative Entwicklungen schufen – man denke nur an das Desaster der Landwirtschaftspolitik mit ihren LPGs – zerstörte die Realpolitik mit den hohen Reparationsforderungen der UdSSR und später die Einbindung der DDR in den Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe die wenigen positiven Entwicklungen. Meine Behauptung ist, dass wenn die DDR dieselben Startchancen gehabt hätte wie die BRD (entwickelte Industrie, massive Aufbauhilfen durch die USA, kaum Reparationen) sich wirtschaftlich auch ähnlich gut entwickelt hätte.

Politisch ist es ein anderes Kaliber. Ulbricht war 1953 bereits unhaltbar geworden, seine stalinistische Linie wurde massiv angegriffen und durch den Machtwechsel im Kreml schienen seine Tage gezählt. Ironischerweise konnte er durch den Volksaufstand von 1953 seine Macht festigen, die durch den Mauerbau von 1961 konsolidiert wurde und somit alle Reformbestrebungen blockieren. Erst der Aufstieg Honeckers schien den Boden für Reformen zu bereiten, und in wirtschaftlicher Hinsicht wurden diese auch mit einer Zuwendung zum Konsumsektor halbherzig umgesetzt. Doch der Abstand zur BRD war durch die 20 verschenkten Jahre gigantisch geworden, und Honecker war nicht zu radikalen Reformen bereit – aus seiner Sicht zurecht, wie der schnelle Untergang der DDR 1989/90 beweist.

Mit dem Mauerfall 1989, der ein reines Zufallsprodukt darstellte, bestand ein unglaublicher Handlungszwang. Mit einer gewaltigen Geschicklichkeit, von der nach 1990 nicht ein Jota übrig blieb, trieb Helmut Kohl die Einigung voran und die DDR vor sich her. Die freien Volkskammerwahlen 1990 entmachteten die SED, der Anschluss an die BRD war spätestens nach der Währungsunion praktisch nur noch Formsache.

Wäre das System früher reformiert worden, besonders in wirtschaftlicher Hinsicht, würde es möglicherweise noch heute bestehen. Es ist eine traurige Tatsache, dass Menschen materielle Wohltaten deutlich über politische Freiheiten stellen. Das DDR-System ging nicht daran zugrunde, dass die Menschen kaum Partizipationsmöglichkeiten hatten. Es ging daran zugrunde, dass die Menschen unzufrieden wurden. Auch das nationalsozialistische Regime hatte breiten Rückhalt, solange es einen hohen Lebensstandard generieren konnte. Erst, als es dazu nicht mehr in der Lage war, wuchs die Kritik am System, genauso wie in der DDR .Der Aufstand von 1953 ist dafür das lebendigste Beispiel, denn er entzündete sich an Lohnkürzungen, nicht daran, dass es an politischer Partizipation gefehlt hätte. Die Forderungen nach dieser kamen erst später hinzu.

Diese Lektion halte ich in Bezug auf unsere Gegenwart für sehr wichtig. Auch die Anerkennung unserer parlamentarischen Demokratie fußt darauf, dass sie es schafft, den Menschen ein erträgliches Auskommen zu sichern. Schafft sie das nicht, was aktuell der Fall ist, sinkt der Rückhalt des Systems. Dies ist ein langsamer Prozess, und er ist leicht umkehrbar, gerade die DDR hat es bewiesen. Nie war die Bevölkerung so sehr im Frieden mit dem DDR-System wie zwischen 1971 und dem Beginn der 1980er Jahre, als sich der Lebensstandard langsam anglich. Nie war der Rückhalt des parlamentarischen Systems in der BRD so groß wie zwischen 1957 und 1990, als der Lebensstandard ungeahnte Höhen erreichte.

Es gibt keine Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte. Bei fast jedem geschichtlichen Ereignis spielte der Zufall eine Rolle, nicht nur die grundsätzliche Struktur der Entscheidungsfindung. Es gibt fast immer ein „Was wäre, wenn“, keine Schicksalslinie, an der die Völker wie Marionetten einem größeren Plan folgen. Wer das behauptet kann gleich dem ganze Menschenstreben abschwören, denn alles was wir tun wäre dann letztlich vergeblich. Aber so ist es nicht. Jede Entwicklung lässt sich ändern, ob zum Guten oder zum Schlechten. Wenn wir Lehren aus der Geschichte ziehen wollen müssen wir diese Tatsache anerkennen und nicht nur gemachte Fehler vermeiden, sondern auch nicht getroffene Entscheidungen erkennen und abschätzen, ob es vernünftiger gewesen wäre, sie zu treffen – anstatt einer anderen Entscheidung, die getroffen wurde und Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat.

Kommentare:

  1. Dein Wort in den Ohren der vielen Menschen hier im Land, welche mehr glauben als wissen und nicht versuchen zu verstehen. Es ist interessant so viele parallelen zu sehen und anders lautende Standpunkte kennenzulernen. Das Problem am Ersten Weltkrieg war wirklich, dass Österreich den Krieg mehr oder weniger gegen Serbin wollte, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Da sie zu lange gewartet hatten war der Angriff dann letztlich nicht mehr Plausibel (Rache für das Attentat) und die Kettenreaktion setzte sich in Gang. Sie hätte beliebig gestoppt werden können, aber durch Eitelkeiten und Missverständnisse ging es dann nicht mehr. Es stimmt schon. Dadurch das man den Abstand hat bildet man sich ein alles leicht und einfach zu verstehen.

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  2. Also der Teil zur DDR insbesondere zur wirtschaftlichen Entwicklung und zu Ulbricht/Honecker ist ja nun nicht gerade von grosser Sachkenntnis getrübt. Und die LPG als Desaster? seltsam dass sie immer noch da sind...
    Den Teil zur Weimarer Republik finde ich gut, den zum ersten Weltkrieg auch ok, wenn auch etwas spekulativ.

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  3. Ich meinte auch nicht die LPG, sondern die VEG, also deren Vorläufer. Über den Erfolg der LPG weiß ich tatsächlich nichts. Ansonsten würde ich mich freuen, wenn die obige Kritik detaillierter würde, denn so weiß ich leider nicht, in welchem Bereich ich genauer nachsehen muss.

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  4. Ich hatte irgendwo das Glück gehabt (und das meine ich auch so!) den Kommunismus noch erlebt zu haben - zwar nicht in der DDR, aber wenn ich heute mit Menschen rede, die die DDR erlebten, dann sind die Erfahrungen mit dem System als Solches doch frappierend ähnlich. Das gibt mir nämlich einen weniger ideologischen Blick auf die Geschichte, der auch einen gewissen Lehreffekt hat in Bezug auf heutige Zeiten.

    Der Kommunismus ist nicht nur gescheitert, weil die Menschen unzufrieden waren, er ist auch an der Dekadenz der Machtstrukturen gescheitert, die bei jedem den Eindruck hinterliess, dass Leistung sich nicht mehr lohne, wenn man nicht an den richtigen Trögen sitzt. Das hat dazu geführt, dass die Menschen schon Jahre zuvor innerlich dem Staat gekündigt haben und nur partizipierten, weil sie es mussten. Genau das ist auch die Lehre, die man aus dem Untergang des Kommunismus in den Ostblockstaaten ziehen muss. Genau das Selbe nämlich passiert nun auch - die immer mehr werdenden Nichtwähler und die immer geringere gesellschaftliche Beteiligung der Bürger zeigt es auch deutlich. Diese Agonie darf auch deshalb auf keinen Fall unterschätzt werden, denn sie ist der Vorbote aller Aufstände. Die Identifikation der Deutschen mit der BRD ist ohnehin nie sehr gross gewesen und mit jeder weiteren Verschlechterung der allgemeinen Lebenssituation wird dies noch forciert. Das sollten die Schwachköpfe auch bedenken, die was von 25% MWSt und 30% weniger H4 faseln, aber ich glaube dazu reicht ihr Horizont nicht aus.

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  5. Gab es eine Hungerblockade durch die Engländer?
    Sind viele Deutsche deshalb gestorben?
    Wollte England aus ökonomischen Gründen den Krieg?
    Warum spricht man in England vom 2. 30jährigen Krieg?

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  6. Hi. Was du beschreibst, detailliert Popper unter dem Begriff "Historizismus" in seinen Werken. Wahrscheinlich hast du schon einiges von ihm gelesen, aber falls nicht, dann kann ich dir "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde " sehr ans Herz legen.

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  7. @Manul: Da liegen wir ja auf einer Linie.
    @Anonym:
    1) Ja.
    2) Jein. Die Opferzahlen dieser Blockade sind umstritten und wohl niedriger als früher angenommen. Es gibt Historiker, die bestreiten dass überhaupt Deutsche durch die Blockade gestorben sind.
    3) Nein. Für England war der Krieg ein ökonomisches Desaster.
    4) Ich vermute damit ist die Periode 1914-1945 gemeint. Ich habe den Begriff bislang nur in Fergusons "Krieg der Welt" gelesen, in der er die These einer ungebrochenen Kontinuität in dieser Periode vetrat. Beziehst du dich auf die gleiche Quelle?
    @Anonym: Nein, nie gelesen, sagt mir nichts. Danke für den Hinweis!

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  8. Man kann vielleicht davon ausgehen, dass die Versailler Verträge zu irgendeiner Art von "Knall" führen mussten. Aber wie dieser Knall im Einzelnen aussah war beim besten Willen nicht determiniert. Die potentiellen Szenarien sind nahezu unerschöpflich. Warum das zwangsläufig zu Angriffskriegen, Totalitarismus, Sozialdarwinismus und Juden-/ Kommunistenverfolgung führen musste, das soll mir mal ein Spiegel-Redakteur erklären.
    Es ist doch vielmehr so, dass Imperialismus, Totalitarismus und Sozialdarwinismus damals zum Zeitgeist gehörten, und Hitler für manche Kreise (ich meine nicht die Arbeiterklasse) so eine Art Hoffnungsträger für die eigenen Interessen darstellte.

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  9. Ich denke nicht, dass ein Knall unausweichlich war. Ich denke eher, dass der Weimarer Weg einfach weitergegangen wäre - schrittweise Revidierung des Vertrags, bis schließlich nichts mehr davon übrig war.

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  10. Ihr Geschichtsverständnis scheint mir ein bisschen mechanistisch zu sein, in Gang gesetzt durch einen Zufallsgenerator. Historiker haben bekanntlich das Glück, ihre Prognosen immer ins Nachhinein schreiben zu können, dann, wenn die Chose schon gelaufen ist. Dann fragen sie natürlich "Warum ist die Chose so gelaufen?" Sie suchen nach Erklärung für das Geschehen und finden die natürlich auch. Daraus jedoch eine Art Zwangssteuerung ableiten zu wollen, ist falsch. In Hinsicht auf den Ersten Weltkrieg darf man m.E. das Militär, insbesondere den Generalstab nicht als Belanglos abwerten. Dass der jüngere Moltke nicht das geistige Format des älteren hatte, war schon ziemlich fatal. Wenn man dann noch das Verhalten und die Reden des Allerhöchsten bedenkt und die Tatsache, dass man aus einer Reihe vorausgehender Krisen ohne Krieg herausgekommen war, dann kann man wohl schon Verstehen, dass man das bei der Serbienkrise auch erhoffte. Als es dann nicht eintrat, begann der Friedrich-Mythos zu wirken: wir werden das schon schaffen, wir machen solange weiter, bis die anderen aufgeben. Nun ja, das war eine Fehlkalkulation.
    Natürlich gab es im Sommer 1914 Alternativen zum Krieg, aber man sah sie nicht, man wollte sie nicht sehen und so kam jene Möglichkeit zum Zug, deren Voraussetzungen in Deutschland (und anderswo) am günstigsten waren: der Krieg.
    Die Weimarer Republik ist an vielem gescheitert, auch am Versailler Vertrag. V.a. aber wohl, weil es in ihr nicht nur zu wenige Republikaner gab, sondern vor allem zu wenige Demokraten. Das lag u.a. an der Nachwirkung der gesellschaftlichen Ideale aus dem Kaiserreich, das lag an der durch Hindenburg und Ludendorf in die Welt gesetzten Dolchstosslegende, das lag aber beispielsweise auch an dem Verhalten der Kommunisten in der Endphase der lebenden Weimarer Republik.
    Und schließlich Ihre Vermutung, die DDR sei reformierbar gewesen, sie hätte überdauern können. Reformierbar wäre sie gewesen, wenn die SED auf ihr Primat hätte verzichten können. Das war ihr aber als selbsternannter Avantgarde des Proletariats nach ihrem leninschen Selbstverständnis nicht möglich. Als der große Bruder genau das vesuchte (Gorbatschow), war nicht nur die Sowjetunion, sondern auch ihr Satellit, die DDR, am Ende. Immerhin werden viele sagen, sie hat Großes erreicht: nämlich die Idee des Sozialismus bis auf den St. Nimmerleinstag diskreditiert.

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  11. Hm, da möchte ich widersprechen. Mir geht es ja eben darum zu zeigen, dass Geschichte NICHT mechanisch ist. Vielmehr gibt es immer Möglichkeiten. Ich sage nicht, dass der deutsche Generalstab irrelevant war, ich sage nur, dass er nicht eine so kriegstreibende und bestimmende Kraft war wie allenthalben behauptet wird.

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  12. Geschichtliche Entwicklungen vollziehen sich auf der Basis bestimmter gesellschaftlicher aber hauptsächlich ökonomischer Gesetzmäßigkeiten, welche von zufälligen Eriegnissen überlagert werden. Insofern haben hier beide "Streithähne" Recht. Denn, bereits Friedrich Engles hatte im 19. Jahrhundert vorhergesagt, dass Deutschland den 1. Weltkrieg beginnen muss, um sich den Zugang zu den unter den Kolonialmächten aufgetielten Rohstoffquellen zu sichern, um den Bedürnissen seiner rasant wachsenden Wirtschaft gerecht zu werden. Auf einen flüchtigen Blick mag es so aussehen, dass geschichtliche Ereignisse zufälligen Charakter haben Bei genauem Hinschauen stellt man aber fest, dass ökonomische Gesetze die Grundlage für geschichtliche Entwicklungen sind.

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  13. Ich möchte noch hinzufügen, dass ich den Beitrag trotz meiner leichten Kritik sehr gut finde, er zeugt vom freien Denken und das ist immer notwendig und gut. Es ist schon besorglich zu beobachten wie die Gleichschaltung der Medien wieder beginnt. So hat die Krise damals in der DDR auch begonnen...

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  14. Oeffinger Freidenker schrieb:
    >>Die verzweifelten und hektischen Versuche besonders der deutschen Verantwortlichen, den Ausbruch doch noch abzuwehren, das völlige Fehlen (die ersten wurden erst einen Monat nach Beginn des Krieges veröffentlich!) und die Unvorbereitung des Militärs zeigen deutlich, für wie unwahrscheinlich ein europäischer Krieg zu dieser Zeit gehalten wurde.

    Darin unterscheidet sich auch der Ausbruch des Ersten Weltkrieges von der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges.<<

    Diese Darstellungen sind vollkommen falsch.
    1.Weltkrieg
    Nach heutigem Wissen WOLLTE das deutsche Militär und Politik einen Krieg und steuerte den Zeitpunkt sehr bewußt an. Das kaiserliche Heer war 1914 ihren Gegner noch überlegen, dieser Vorteil wäre im Laufe der nächsten Jahre verloren gehen.
    Es gab keine "verzweifelfelten / hektischen" deutschen Versuche den Krieg abzuwenden. Die deutschen Unterlagen, welche dieses beweisen sollen, sind - nachweislich - später hergestellt und die Originalquellen (ebenfalls nachweislich) reingewaschen worden.
    Es gab schon vor der Entfesselung des 1.Weltkrieges deutsche Kriegsziele. Sie sollten sich dazu kundig machen.
    Literatur zb. Jay Winter (Hrsg) "Der Erste Weltkrieg und das 20.Jahrhundert" und die diesbezüglichen Bücher von Hermann Graml

    2.Weltkrieg
    Hier ist zu differenzieren.
    Hitlers Weltsicht war sozialdarwinistisch, darum erwartete er Krieg und wollte ihn.
    Das deutsche Heer /Marine / Luftwaffe war 1939 auf keinen großen Krieg vorbereitet. Literatur hierzu:
    Karl-Heinz Frieser "Blitzkrieg-Legende".

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  15. Hi,
    danke für deine Kritik. Ich möchte dir allerdings widersprechen. Ich stütze mich in meinen Darstellungen hauptsächlich auf Niall G. Fergusons "Der falsche Krieg", ein recht aktuelles Geschichtswerk.
    Ich möchte kurz darlegen, warum ich deine Einwände für nicht zutreffend halte. Zum einen fragt sich, wer "das Militär" und "die Politik" eigentlich sind. Sowohl Kanzler Bethmann-Holweg als auch der Kaiser selbst wollten den Krieg definitiv nicht. Was sie wollten war ein Krieg gegen Serbien, und dabei unterstützten sie ÖU auch entsprechend. Die daraus folgenden Implikationen mit dem Rest Europas suchte man nicht. Es war völlig klar, dass ein Zweifrontenkrieg nicht zu gewinnen war, und dass die Annahmen Schlieffens unrealistisch sind. Moltke, der damalige Oberbefehlshaber, war von einem geradezu depressiven Pessimismus erfüllt. Es ist richtig, dass es Stimmen gab, die einen Präventivschlag forderten, solange es einen eingebildeten Vorteil gab - doch gerade die Tatsache, dass das Deutsche Reich den Krieg verloren hat beweist doch, dass die deutsche Armee ihren Gegnern eben NICHT überlegen war. Sie konnte einen Waffensieg nicht herbeiführen, einzig in Rumänien und später in Italien verzeichnete man hier entscheidende Erfolge, und selbst diese konnten von den Alliierten insoweit abgewandt werden, als dass es zu keiner Totalniederlage dieser Mäche kam. Russland fiel weniger aufgrund seiner schlechten militärischen Leistungen als aufgrund der politische Situation mit ihrer Revolution.
    Welche Kriegsziele bereits vor 1914 existiert haben sollen weiß ich nicht. Vielleicht verwechselst du dies hier mit der Flut von Denkschriften des Alldeutschen Verbands, dessen Schriften auch von Fritz Fischer als Beweis für seine Theorie einer gezielten Herbeiführung des Krieges gewählt wurden. Diese halten diesem Anspruch jedoch nicht stand. Der Einfluss des Alldeutschen Verbands war zwar auf die öffentliche Meinung relativ groß; sein reales politisches Gewicht war jedoch vernachlässigbar. Es gibt meines Wissens nach keine offiziellen Dokumente, die einen Schluss darauf zulassen dass das Deutsche Reich bewusst in den Krieg gesteuert hätte.

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  16. Hallo
    aus Jay Winter "Der Erste Weltkrieg und das 20.Jahrhundert"(Artikel von Sir Michael Howard "Der Erste Weltkrieg - eine Neubetrachtung")
    Bei diesem Artikel werden alle Länder die am Krieg beteiligt waren, in Bezug auf Motivation etc., analysiert.
    Zitat zum deutschen Kaiserreich:
    "Die Frage ist indessen nicht, ob Deutschland einen Weltkrieg plante und dann provozierte, wie Fischer und seine Kollegen meinen. Vielmehr ist zu fragen: Schlug Deutschland damals einen Kurs ein,der zwangsläufig zu einem bewaffneten Konflikt mit seinen Nachbarn führen mußte? Und wußten die führenden deutschen Politiker, daß ihr Handeln das große Risiko eines europäischen Krieges und - da Großbritanien mit größter Wahrscheinlichkeit ebenfalls an dem Konflikt beteiligt sein würde - sogar eines Weltkrieges in sich barg?
    Beide Fragen müssen bejaht werden. Vor 1914 hatte die deutsche Regierung in einer Weise gehandelt, die einen Krieg sehr wahrscheinlich machte. Für die führenden Politiker - und einen großen Teil der politischen Klasse - Deutschlands hatte das, was man heute eine Kriegsvermeidungsstrategie nennt, einen geringen Stellenwert. Nach der Sarajewo-Krise verfolgte die deutsche Regierung eine Politik, die, wie sie hätte wissen müssen, das große Risiko nicht nur eines europäischen, sondern eines Weltkrieges enthielt. Sie tat dies in der Annahme, der Krieg sei unvermeidbar und die militärischen Machtverhältnisse seien angesichts der wachsenden Macht des russischen Reiches denkbar günstig. Staatsmänner wie Bethmann Hollweg konnten diesen Krieg folglich als einen Präventivkrieg betrachten und ihn gegenüber dem Reichstag als rein defensiv hinstellen.
    ...
    Für viele einflußreiche Denker und führende Politiker in Deutschland handelte es sich jedoch keineswegs um einen Präventivkrieg. Es war der Anbruch des lang ersehnten Tages, an dem Deutschland der Welt zeigen konnte, daß es eine Weltmacht ersten Ranges darstellte."

    Zum Schlieffenplan schreibt er:
    "Es sollte nicht vergessen werden, daß der Schlieffenplan fast gelungen wäre. Wären die deutschen Generäle wagemutiger und die französischen weniger vom Glück begünstigt gewesen, hätte er Erfolg gehabt. Wäre die französische Armee geschlagen worden, wäre Rußland mit größter Wahrscheinlichkeit sofort zu einem Friedensschluß bereit gewesen."

    Das ein Zweifrontenkrieg nicht zu gewinnen war, ist durchaus richtig. Deshalb liefen ja seit Jahren alle Planungen darauf heraus erst einen Gegner zu schlagen um sich hinterher mit ganzer Kraft dem anderen widmen zu können.
    Hermann Graml geht auf diesen ganzen Komplex der deutschen kaiserlichen Vorkriegspolitik, auch mit den Kriegszielen, sehr stark ein.

    Sie schreiben das "doch gerade die Tatsache, daß das Deutsche Reich den Krieg verloren hat beweist doch, daß die deutsche Armee ihren Gegner NICHT überlegen war." Das ist schon sehr undifferenziert weil es die politischen und strategischen Handlungen der deutschen Militärs und Politiker, ebenso wie der Entende, auf nur ein Resultat festschreibt. Um nur auf ein Detail einzugehen. Ohne den US-Kriegseintritt wäre der Krieg, mindestens, unentschieden ausgegangen. Was hat letztendlich zum US-Kriegseintritt geführt?

    Die politische Situation in Rußland war auch wegen der militärischen Niederlagen derart schlecht.

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  17. Der Schlieffenplan wäre nur deswegen fast gelungen, weil die Franzosen in stupiden Angriffen Bajonett an Bajonett die Blüte ihrer Jugend und Armee, rund 300.000 Mann, in den ersten vier Wochen mit Offensiven in Elsass-Lothringen gegen Maschinengewehre und Artillerie der Deutschen verschlissen haben. Einen Plan darauf aufzubauen, dass der Gegner totalen Unsinn macht kann nicht klappen. Hätten die Franzosen ihre Armee in den ersten Augustwochen nicht in einer sinnlosen Offensivdoktrin verbraten, hätten sie die Deutschen deutlich früher gestoppt, aber damals waren ja alle auf Offensive geeicht. Die Umkehrung war dann die Defensivfixierung der Franzosen in den Dreißigern. Ich halte den Schlieffenplan deswegen für nicht machbar, schon alleine, weil er von einem Nichtangreifen der Engländer ausgeht.
    Wenn aber das Militär und die Politik sich ganz auf einen waghalsigen Plan verlassen, der die Teilnahme Englands explizit ausschließt, kann diese nicht mit Risiko eingeplant worden sein. Die Reaktionen der deutschen Führung auf die englische Kriegserklärung waren auch ausgesprochen düster. Die Kriegsbegeisterung, die damals bei weitem nicht alle Teile der Bevölkerung umfasste, wurde von den Führungsspitzen kaum geteilt.
    Selbstverständlich gab es ein Risiko zum Krieg, das bewusst in Kauf genommen wurde. Man wollte ja auch einen Krieg provozieren - mit Serbien. Das Spiel mit dem Feuer geriet jedoch völlig außer Kontrolle, und niemand war gewillt, einen "nationalen Gesichtsverlust" hinzunehmen und zurückzustecken. Davon abgesehen übernahmen mit Beginn der Mobilisierung überall die Militärs die Macht, und die Politik trat in den Hintergrund.
    Und ja, die deutsche Armee hat den Krieg auch wegen des Eintritts der Amerikaner verloren. Diese waren jedoch nicht wegen ihrer Armee entscheidend, die effektiv nicht viel geleistet hat (außer in ihrer ersten und einzigen großen Offensive 100.000 Mann zu verlieren). Entscheidend waren die wirtschaftlichen Lieferungen der USA. Die deutsche Armee war ihren Gegnern zwar operativ immer wieder überlegen, aber auch die Alliierten hatten Erfolge, wie beispielswiese der Einsatz der Tanks beweist.

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  18. Hallo
    Nun, das Wissen wie der Gegner agiert, welche Taktik etc. er nutzt gehört wohl auch zur eigenen Planung. Die deutsche Planung rechnete eben mit der französischen Offensivfixierung und wollte diese, für die eigenen Zwecke, ausnutzen.
    Natürlich wäre die deutsche Offensivplanung - bei einer anderen Reaktion - unsinnig gewesen. Das "funktionierte" aber nicht nur im Sommer 1914 in dieser Weise sondern praktisch immer wenn die Kräfte einigermaßen ausgeglichen sind. Nur wenn der Angreifer sehr stark überlegen ist muß er sich über die evtl. Reaktionen des Gegners kaum (bis keine) Gedanken machen und diese in seine Planung einkalkulieren.
    Wenn Frankreich, im Zuge des Feldzuges kapituliert hätte, hätte das Kaiserreich die Hegemonie in Europa vollzogen. Die Briten hätten nichts dagegen tun können.

    Nicht "das Spiel mit dem Feuer" geriet außer Kontrolle sondern die deutsche militärische und politische Führungen gingen die Möglichkeit eines großen Krieges im vollem Bewußtsein ein.

    Die Frühjahroffensive 1918 erschöpfte die deutschen Kräfte. Das Heer war schon vor Beginn der Offensive in Angriffs- (1.Klasse) und Verteidigungsdivisionen (2.Klasse) geteilt worden. Durch die Offensive waren fast alle Angriffsdivisionen stark geschwächt. Frankreich und GB erlitten zwar auch hohe Verluste, eine Auswirkung davon waren die Meuterein in der französichen Armee, aber durch den Zulauf der US-Divisionen konnte der Kräfteschwund nicht nur gedeckt werden.

    Literaturtip zum downloaden:
    Gerhard Hirschfeld "Der erste Weltkrieg in der deutschen und internationalen Geschichtsschreibung"

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  19. Hi,
    ich fürchte du setzt sehr viel Wissen für die deutschen Generalstäbe voraus. Ich gehe nicht davon aus, dass in ihnen in vollem Umfang die Offensivfixierung der Franzosen bekannt war, noch glaube ich, dass diese wirklich eingeplant war. Wäre die französische Offensive nicht so dilettantisch geführt worden, hätte sie die deutschen Nachschubewege schwer getroffen und Teile Süddeutschlands wären in französische Hand gefallen. Mit so etwas rechnet man nicht.
    Dass die grundsätzliche Überlegung, Frankreich zuerst auszuschalten nicht dumm ist und welchen Zweck sie verfolgt ist mir klar. Aber ich denke Deutschland ging davon aus, dass sie es schaffen, dass GB nichts dagegen tun WILL, ergo nicht in den Krieg eintritt.
    Ja, sie gingen das Risiko ein - aber sie hofften nicht darauf, dass es passiert. Sie wollten, dass der Gegner zurückschreckt und hofften, dass dadurch die Entente zerstört würde. Sie WOLLTEN den Krieg nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied.
    Die Frühjahrsoffensive war ein gigantischer Fehler. Zu diesem Zeitpunkt stand ein Sieg fast so außer Frage wie bei der Ardennenoffensive. Hätte man die Armeen zur Verteidigung genutzt und die Linien verkürzt, hätte man einen deutlich besseren Waffenstillstand aushandeln können als dies nach der Offensive und der dann einsetzenden Offensive der Alliierten geschah.
    Danke für den Tipp!

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  20. Hallo
    Der Schlieffenplan basierte auf dem Gedanken die französische Armee im Süden "hinter sich herzulocken" und mit dem Angriffsflügel im Norden diesen franz. Verbänden in die Flanke und Rücken (operativ gesehen) zu stoßen.
    Aus diesem Grund war der deutsche Südflügel sehr viel schwächer als der Angriffsflügel. Die deutschen Verbände sollten "zurückgedrückt" werden und die Franzosen hinter sich herziehen.

    Mag sein das der Konflikt mit dem britischen Empire nicht "durchgerechnet" wurde. Das würde zu der damaligen deutschen Egozentrik passen. Wenn man allerdings die Vorkriegaktivitäten des Kaiserreichs und den Einmarsch in Belgien, dessen Möglichkeit ja kurz vorher von deutscher Seite ja noch bestritten wurde, in Betracht zieht muß man mit der Gegnerschaft der Briten rechnen.
    Das die Frühjahroffensive ein großer Fehler war würde ich auch so sehen. Ob man allerdings einen anderen / besseren Waffenstillstand ausgehandelt haben könnte weiß ich nicht. Immerhin ist im September 1918 Bulgarien zusammengebrochen, damit müßte auch die Verbindung zum osmanischen Reich gekappt worden sein und im Oktober löste sich Österreich-Ungarn auf. Das bedeutete einen immensen Kräftebedarf um diese "neuen" Fronten zu halten.

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  21. Hi,
    ich muss passen - so genau kenn ich die Militärgeschichte nicht. Es war auf jeden Fall ein ziemlicher gamble.
    Und die Frage ist, ob die anderen Katastrophen mit einer verkürzten, defensiven Westfront nicht hätten aufgehalten werden können. Aber das ist müßig.

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