Freitag, 24. August 2012

Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt - unsere Kinder

Von Christian Sickendiek

In diesen Tagen jähren sich die fremdenfeindlichen Übergriffe von Rostock-Lichtenhagen. Während andere, ähnliche Vorfälle in Vergessenheit geraten sind, die NSU praktisch keine Konsequenzen nach sich gezogen hat, bleibt Rostock-Lichtenhagen den Menschen besonders im Gedächtnis. Der Grund: Während Menschen um ihr Leben fürchteten, sie gejagt wurden, ihre Wohnungen in Brand gesteckt wurden, klatschten rund 3.500 Anwohner den Rechtsradikalen Beifall und skandierten "Zugabe!".

Das Dritte Reich ist kein dunkles Kapitel in unserer Geschichte, sondern in den Köpfen der Menschen noch immer weit verbreitet. Umfragen zufolge können sich rund 20% der Menschen in diesem Land vorstellen, eine fremdenfeindliche Partei zu wählen. Der Osten Deutschlands ist für Migranten eine No-go-Area: In den neuen Bundesländern sind rund 1% der Bürgerinnen und Bürger fremd aussehend, während es im Westen rund 18% sind. Den größten Erfolg feiern NPD & Co. nicht in der Tatsache, in den einen oder anderen Landtag eingezogen zu sein, sondern darin, dass Ostdeutschland praktisch von weißen Deutschen bevölkert wird. Der weiße Arier hat in Ostdeutschland noch die Herrscherkrone auf.

Die Politik hat in diesem Fall nicht nur versagt, sie hat den Osten unseres Landes aktiv den Rechtsradikalen, den Fremdenhassern, den Menschen- und Demokratiefeinden überlassen.

Das Boot ist voll.

Mitte der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre gab es eine beispiellose Medienkampagne, insbesondere durch den Axel-Springer-Konzern, fortgeführt durch zuerst konservative Kreise in der Politik. Fremdenfeindlichkeit war en vogue, das Boot ist voll eine akzeptierte Tatsache in weiten Teilen der Bevölkerung, angefeuert durch die Politik.

Am 26. Mai 1993 hat unser Land seine Unschuld verloren. CDU, CSU, FDP und SPD setzten im Bundestag den sogenannten Asylkompromiss durch, das Grundgesetz wurde geändert, das Grundrecht auf Asyl abgeschafft. Anstatt sich mutig den Rechtsradikalen entgegen zu stellen, nahm die Politik die Steine und Molotowcocktails selbst in die Hand.

Der Asylkompromiss war ein Kniefall vor den Rechtsradikalen, den Fremdenhassern, den Menschen- und Demokratiefeinden. CDU, CSU, FDP und SPD haben nachträglich Rostock-Lichtenhagen legitimiert, Opfer zu Tätern gemacht, Täter zu Opfer. Die Jungle World titelt aktuell über die NSU: Generation Rostock. Man könnte nun sagen, sie treffen damit den Nagel auf dem Kopf. Doch das ist grundlegend falsch.

Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sind unser aller Kinder. Geboren wurden sie am 26. Mai 1993 durch CDU, CSU, FDP und SPD. Und wir alle haben Geburtshilfe geleistet.

Kommentare:

  1. Guter Beitrag und wichtiger Hinweis. Aber ehrlich gesagt, dachte ich, es kommt noch mehr ... Zumindest hätte noch Erwähnung finden sollen, dass unsere demokratisch gewählten Menschenfeinde die AsylbewerberInnen jahrelang als "halbe Menschen" (Prantl, SZ) behandelten und ihnen weniger als das Existenzminimum zustanden (ganz so, als ob es unterhalb des Existenzminimums noch eine Existenz gäbe).

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Oh, da gab es eine Existenz, aber eine gewollt menschenunwürdige. (Damit die nach der Abschiebung den anderen gemutmaßten Wirtschaftsflüchtlingen erzählen können, dass die Traufe auch nass ist. Oder man auch mal aus Versehen im Polizeigewahrsam verbrennen kann.)

      Löschen
  2. Zwar: Es gibt viel ärmere Länder, die im Verhältnis viel mehr Flüchtlinge aufnehmen als Deutschland. Sogar sogenannte "Wirtschafts-Flüchtlinge", die in D gar keine Chance haben.

    Aber: Am Bau der "Festung Europa" sind auch unsere europäischen Nachbarn beteiligt. Und die klassischen Einwanderungsländer (USA, CDN, AUS) selektieren nach Bedarf, Eignung und/oder Vermögen. Deutschland könnte auch bei besserem Willen (was dringlich zu wünschen wäre) die Probleme nicht allein lösen. Mit einem solch plakativen mea culpa wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

    Es gibt zu denken, wie die einst sehr offenen und liberalen Länder NL und DK sich entwickelt haben. Vielleicht gibt es doch so etwas wie eine Überforderung?

    Anzusetzen wäre auch bei der Korrektur einer schändlichen "Ausländer-Politik", die aus ideologischer Verbohrtheit Familien mit Kindern in Kriegsgebiete zurückzwingt. Oft bei Nacht und Nebel.




    AntwortenLöschen
  3. Die Kritik an einer Asyl-feindlichen Politik ist berechtigt , aber nicht die Geburtsstunde der NSU , beides sind eher Symptome des Rechtsrucks in den 90er-Jahren.

    Zschäpe und Co. - kein Witz - heben in der Punk-Szene "angefangen" und in der Zeit nach dem Mauerfall sogar ein rechts dominiertes Jugendzentrum ausgeraubt.
    Erst später sind sie in die rechte Szene abgedriftet, warum auch immer.

    "Die Politik hat in diesem Fall nicht nur versagt, sie hat den Osten unseres Landes aktiv den Rechtsradikalen, den Fremdenhassern, den Menschen- und Demokratiefeinden überlassen."

    Ein bißchen krass vielleicht , im Kern aber richtig.
    Insbesondere die Verhältnisse bei der Polizei waren und sind z.T. noch heute skandalös.

    Nebulös etwa die "Abwicklung" einer höchst erfolgreichen Sonderabteilung gegen rechte Straftaten bei der sächsischen Polizei , aus "Budgetgründen".

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hat jemand diese "Abwicklung" recherchiert? Gibt es dazu Informationen?

      Löschen
  4. Der weiße Arier steht in Westdeutschland über allen ...!

    Als ob alles nicht schon schlimm genug wäre, der Teaser vermittelt den Eindruck, dass sich im Osten alles zu einem „Schwarz-Braunen Loch“ vereinigt hat.
    Wenn damit das Niveau der Einleitung nicht deutlich genug beschrieben ist, versuche ich mal mit dem Schönbohm-Zitat: Dafür ist „die vom SED-Regime erzwungene Proletarisierung verantwortlich“!!!
    Warum nur diese oberflächliche Bösartigkeit und Überheblichkeit des Autoren, Dummheit will ich ihm nicht unterstellen, in diesem Teil des Beitrages?
    Dass die führenden Neonazis wie Apfel, Pastörs, Eisenecker, Andrejewski, Köster, ... aus den alten Bundesländer als „Entwicklungshelfer“ in den Osten gesandt/entsorgt wurden, wäre eine vorsichtige Anmerkung.
    Die falschen Zahlen zum Ausländeranteil im Osten sind da auch nur eine Marginale.
    Es gibt noch einige im Osten, auch Politiker aller demokratischer Parteien, die die angeführten Klischees nicht bedienen.
    Am Ende steht: „Doch das ist grundlegend falsch.“
    Dabei ist ab „Das Boot ist voll.“ fast alles richtig und „die Politik“ sind wir alle!;-)

    AntwortenLöschen
  5. @ Anonym

    Näheres weiß ich selber jetzt nicht , außer daß ich mich auf einen länger zurückliegenden TV-Bericht stütze , eine "journalistisch" korrekte Quelle kann ich nicht liefern.
    Ich finde es nur seltsam , daß dise Budgetgründe bei der Einrichtung offenbar keine Rolle spielten , obwohl die Länder und Kommunen schon seit langer Zeit nicht auf Rosen gebettet sind.

    AntwortenLöschen
  6. eins vorweg: einen solch schlechten artikel hab ich hier selten gelesen. fehlt nur noch ein verweis auf die "töpchentheorie"....
    weil die ddr also ein anderes modell der gastarbeiter als die brd vollzog (die leute nicht auf dauer bleiben konnten) nimmst du die daraus resultierende geringe zahl an "anders aussehenden" (diese aussage allein ist schon eine frechheit) zum anlass den "osten" als "no-go-area" für diesen kreis an menschen zu titulieren. sollten also nach der wende alle "anders aussehnden" vom westen in den osten strömen oder wie? so in etwa wie es die politische "elite" getan hat um dem dummen ossi demokratie zu zeigen?
    komm mal runter von deinem hohen ross. bis ende der 90er jahre waren rechtsradikale parteien in den alten bundesländern stärker als im osten. der wandel kam erst als die leute erkannten, daß die landschaften wohl nie "blühen" werden und die politik trotz westpersonal im grunde noch aus den alten kadern bestand (sed, mfs, blockflöten) und durch eben jene "elite" feindbilder aufgebaut wurden.

    bei lichtenhagen muss man beachten, daß eine eskalation der lage, wenn nicht im interesse der herrschenden kreise, so doch billigend in kauf genommen wurde. insofern verdrehst du auch die kausalität im falle des asylkmpromisses. lichtenhagen diente dazu die spd zum umfallen in dieser frage zu bewegen. wenn man jemandem einen "Kniefall vor den Rechtsradikalen, den Fremdenhassern, den Menschen- und Demokratiefeinden" vorwerfen möchte, dann der spd. ein kniefall vor besagtem kreis aus rechtsradikalen, cdu/csu und springer!

    AntwortenLöschen
  7. Wann werde ich endlich in einer intelligenten Welt (IQ > 200) leben können ohne diesen jahrtausendealten messianisch-beschnittenen-traumatisierten Terror überall, d.h. ohne diesen jüdisch-christlich-muslimisch-kapitalistisch-kommunistisch-faschistisch-nationalsozialistisch--hypersozial-hypermedial-politisch-juristisch-pseudowissenschaftlichen Schwachsinn überall?

    Wenn also ein heutiger Körper, der beschnitten und traumatisiert ist, sich immer noch als „Jude“ bezeichnet, so ist er letztlich „selber schuld“, denn:
    Hätte es keine „Juden“ gegeben, so hätte es auch keine „Muslime“ und „Christen“ gegeben; ohne Christen hätte es aber keine Protestanten gegeben, ohne Protestanten (laut Max Weber [!]) aber keine Kapitalisten; ohne Kapitalisten aber keine Marxisten-Kommunisten, ohne Kommunisten aber keine Faschisten und Nationalsozialisten (etc. etc. etc.)…

    Daher gibt es auch keinen einzigen Unterschied zwischen einem „Juden“ und einem „Nationalsozialisten“: denn beide glauben an ein „auserwähltes Volk“ („Nation“) und an eine „selektierte Rasse“.

    Und zum Angriff Israels ("Juden") auf den Iran ("Arier"):
    Geht lieber Karotten und Bäume pflanzen, ihr verdammten Idioten überall, die mir tagtäglich meine Welt kaputt machen!

    P.S.: Nur Idioten (von Beschneidern bis Breivik) benutzen körperliche Waffen. Die stärkste Waffe (seit Sigmund Freud, Kastrationsangst) war schon immer die Sprache…

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.