Sonntag, 21. Juni 2009

Unrealistische Forderungen

Es heißt immer wieder, die Forderung nach einem Mindestlohn, von dem alle Menschen leben können, sei unrealistisch, ganz besonders wenn man diese ernsthaft vertritt und 7,50 Euro oder sogar noch mehr fordert (die LINKE hat gerade einen von 10 Euro als Forderung beschlossen). Aber dabei sind mehr oder weniger sozialdemokratische Politiker beileibe nicht die Einzigen, die unrealistische Forderungen stellen. Maria Daniela Schulze, Direktorin der QF-Hotelkette, beklagte sich:
"Es gibt viel zu wenige geeignete Arbeitskräfte, die qualifiziert, mit hoher Arbeitsmoral und Enthusiasmus ihren Job verrichten."
Hintergrund dieser Klage war Kritik an den viel zu niedrigen Stundenlöhnen der Hotelreinigungsfachkräfte. Bei SpOn ist zu dem Thema ein Artikel erschienen, bei dem eine gelernte Architektin arbeitslos wurde und vom Amt in QF-Hotels Putzen geschickt wurde. Dort verdiente sie pro Stunde 3,56 Euro. Schulze ist sich dabei keiner Schuld bewusst:
"Ich zahle zwischen sieben und neun Euro für die Reinigung eines Zimmers an meinen Dienstleister. Das ist oberstes Niveau. Dem Hotel die niedrigen Löhne anzulasten, ist deshalb unfair."
Zwischen sieben und neun Euro? Aber, aber, Frau Schulze, natürlich ist das fair, Ihnen das anzulasten. Was glauben Sie denn, wie viel von dem Geld bei den Beschäftigten tatsächlich ankommen kann, wenn da noch eine weitere Firma zwischengeschaltet ist? Die Hälfte? Dann sind Sie Optimistin. Immerhin, Thorsten Benthin, der Geschäftsführer der B+K-Agentur, bei der die Dumping-Zimmermädchen angestellt sind, hat ein Herz:

Er wisse, dass die Zimmermädchen "einen Knochenjob haben", sagt Thorsten Benthin, Geschäftsführer von B+K Dienstleistung. Deshalb gestatte man ja ausdrücklich, dass die Flaschen aus den Hotelzimmern gesammelt werden dürfen. Zudem gebe es ja auch Trinkgeld.

Und außerdem: "Wenn bei uns wirklich ein Mädchen nur 3,56 Euro pro Stunde verdient, dann ist es eben die Falsche für den Job", so Benthin. "Dann ist sie zu langsam." Im Übrigen bestreitet er, dass der gesetzliche Mindestlohn für Zimmermädchen überhaupt gilt, weil diese, so seine Argumentation, überwiegend nicht mit Reinigungs-, sondern mit "Servicetätigkeiten" beschäftigt seien.

Das kann eigentlich auch nur als Plädoyer für einen Mindestlohn verstanden werden. Wie viel schneller kann sie denn werden? Selbst wenn sie doppelt so schnell wäre, was rein physikalisch kaum machbar ist, selbst dann würde sie gerade einmal rund 7 Euro verdienen - immer noch ein Witz. Deswegen verwundert es auch nicht, dass wir Steuerzahler hier für das Sparen von QF und B+K aufkommen dürfen:

"Die Zimmermädchen sammeln leere Flaschen aus der Minibar und bringen sie zur nächsten Lidl-Filiale, um ihren Verdienst aufzubessern", erzählt die 31-Jährige. Und der reicht dennoch nicht. Sie und fast alle ihre Kolleginnen beziehen Lohnzusatzleistungen von den Arbeitsagenturen. Bei ihr sind es 130 Euro im Monat. "In gewissem Sinne sind die teuren Hotelzimmer auch noch staatlich subventioniert", sagt Sonntag.

Das ist die wirkliche Frechheit dabei, und volkswirtschaftlich auch höchst schädlich. Wie kann es sein, dass die Löhne dermaßen niedrig sind, bei einer regulären Beschäftigung, dass es nicht zum Leben reicht? Eine Antwort liegt darin, dass die Zimmermädchen auch noch nach Strich und Faden beschissen werden:
"Es sind die Nebenaufgaben, die das Erreichen des gesetzlichen Mindestlohns unmöglich machen", sagt sie. Zustellbetten müssen aufgebaut, die Etagenwagen mit Shampoo-Fläschchen und Utensilien für die Minibar bestückt werden. Doch das findet außerhalb des Hotelzimmers statt - und wird deshalb nicht bezahlt.
Wie kann das sein? Ganz offensichtlich arbeiten diese Menschen, und sie arbeiten auch hart, aber sie bekommen es einfach nicht bezahlt. Glauben die Verantwortlichen bei QF und B+K, dass es ein Privatvergnügen ist, diese Knochenarbeit zu machen? Aber, wir wollen nicht zu hart mit Frau Schulze und Herrn Benthin sein, denn die haben ihre eigenen Probleme.
"Es gibt viel zu wenige geeignete Arbeitskräfte, die qualifiziert, mit hoher Arbeitsmoral und Enthusiasmus ihren Job verrichten."
Ich kann mir kaum vorstellen warum.

Kommentare:

  1. Spontan, nach dem Lesen nur des ersten Absatzes: Als ich vor nun genau 23 Jahren für den Bärenreiter-Verlag in Kassel an der Erarbeitung des Registerbandes zu dem großen Lexikon "Musik in Geschichte und Gegenwart" mitgearbeitet habe, gab es für damalige Verhältnisse eine niedrige Entlohnung, und zwar 15.-- DM die Stunde. Meine Miete lag damals bei 350.-- DM warm. Heute bezahle ich 350.-- Euro Miete.
    Der Lohn wäre aber immer noch der gleiche, wenn man ihn auf mindestens 7,50 Euro festlegt.
    Das Wort unrealistisch impliziert ja zugleich: unrealistisch angesichts bestehender Machtverhältnisse. Im Zeitalter mächtiger Inhumanität ist vieles unrealistisch, das heißt, die Verwendung dieses Attributs sagt sehr viel über die Verkommenheit der Realität aus.

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  2. In Deutschland steht der soziale Abstieg für sehr viele noch bevor,nach Verabschiedung der Schuldenbremse und einem geplanten weiter so wie bisher der Bundeskanzlerin muß man das leider so sehen.Die Frage ist eigentlich nur noch ob sich die Verhältnisse mit einem Knall oder eher friedlich in Deutschland ändern.

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  3. Es sind in diesem Land ganz einfach alle Maßstäbe verloren gegangen.

    Und ich habe mir meine letzte Sueddeutsche Zeitung gekauft: www.sueddeutsche.de/wirtschaft/237/472759/text/6/

    Herr Sinn und sein Institut als Retter der Nation, fast jedenfalls! Un-glaub-lich!

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  4. Erinnere mich ebenfalls, daß zu Beginn meines Studiums vor 16 Jahren im Raum Stuttgart die untere Lohngrenze für Studentenjobs bei 15,-DM/h lag. Selbst mit 7,50€/h sieht man sich heutzutage dem Schicksal "Arbeiten um zu überleben, überleben um zu arbeiten" ausgesetzt.

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  5. Ausbeutung ist Diebstahl und Diebstahl ist ein Verbrechen. Gut, vom der Politik, Gesetzgeber, Richtern und Staatsanwälten ist zu diesem Thema, wie auch Mindestlöhne bzw. Sicherung dieser, nicht viel zu erwarten. Aber die Gewerkschaften könnten doch so einiges tun. Leider haben sie im Bunde mit den Sozialdemokarten die Arbeitnehmer gehörig verkauft und verraten und sind an solchen Zuständen wie hier beschrieben mit schuld. Von denen wird also auch nichts kommen. Wir werden uns wohl oder übel daran gewöhnen müssen, dass wir in einem Land leben wo Ausbeutung die große Überschrift ist und bleibt. Es sei denn...

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  6. Naja, wenn die Hoteltante besseren Service haben will, muss sie dafür auch besser bezahlen.
    Vielleicht einfach mal ein paar tausend bei ihrem eigenen Gehalt einsparen...

    Was die zur Hotelputz-Zwangsarbeit verurteilten Servicefachkräfte angeht: wieso die nicht hier und da mal ein paar Tropfen Buttersäure (oder einfach verdorbene Butter, verdorbene Eier) unbemerkt plazieren, um für das richtige Aroma zu sorgen, ist mir nicht klar.

    Schlimmer als gefeuert zu werden kann nicht kommen. Schadenersatz ist bei so einer Person wohl nicht zu holen und ob das Hotel gerne einen Richter in die Monatslohn-Bescheinigung einer Hotelservicekraft durchgucken lassen will... Schlechte PR: "Ihr Zimmer wird von HartzIV-Zwangsausgebeuteten Niedriglöhnern geputzt".

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  7. Naja, Sabotage kann hier wohl kaum hilfreich sein...Das halte ich für den falschen Weg. Gewalt ist keine Lösung.

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  8. Seit 1990 wurd ein moderner Sklavenstaat geschaffen. Menschen gehen für 3,60€ arbeiten weil Sie angeblich ungeeignet (in dem Fall zu langsam)sind. Es denken immer noch zu wenige darüber nach. Daher ist eine Änderung dieses Systems nur noch durch dessen Niedergang möglich. Und ich hoffe um so schneller um so besser ist es für alle. Wir leben nicht mehr wir vegetieren

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  9. Solange man in Deutschland mit asozialen Sprüchen wie "Sozial ist was Arbeit schafft" (CDU/FDP vornehmlich)noch beklatscht wird,sich viele Menschen ihrer Ausbeutung nicht bewusst werden,die Meinung vorherrscht "Hauptsache Arbeit",die Menschen nicht bemerken (wollen),wie sie von den Mainstreammedien belogen und gehirngewaschen werden,wird sich wohl wenig ändern,befürchte ich,obwohl die vielen kritischen Stimmen im Netz Hoffnung machen.

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  10. Und was sagt "Deutschlands klügster Ökonom" (Hans-Werner Sinn) zu dem Ganzen?

    "Wir leben in einer Marktwirtschaft, und da wird nicht nach Gerechtigkeit entlohnt, sondern nach Knappheit, nach Angebot und Nachfrage. Die Marktwirtschaft ist nicht gerecht, sondern effizient."

    "Man kann dem Wettbewerb nicht ausweichen. Man muss die Lohnstrukturen akzeptieren, die sich daraus ergeben. Nach unseren Schätzungen müsste der Lohn für einfache Arbeit etwa ein Drittel niedriger sein, um drei Millionen Jobs für Geringqualifizierte zu schaffen. Wir brauchen Lohnstrukturen, die jedem einen Job geben, und sei es für einen Hungerlohn."

    "Die große Arbeitslosigkeit ist kein Ergebnis der Marktwirtschaft per se. Sie ist eine Folge des Versuchs, die Löhne unter Gerechtigkeitsgesichtspunkten festzulegen."

    "Die Marktwirtschaft ist ein System, das keine guten Menschen braucht. Marktwirtschaft funktioniert mit dem Menschen so, wie er ist: ein egoistisches profitsüchtiges Individuum, das seinen Konsum maximieren will."

    [Quelle: Chrismon 03/2006, Streitgespräch zwischen dem Leipziger Pfarrer Christian Führer und Hans-Werner Sinn]

    "Wenn die Armen kein Brot haben, sollen sie Kuchen essen!" (Marie Antoinette) Das liegt auf der gleichen Linie. Wie die Sache ausging, ist bekannt: liberté, égalité, fraternité

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  11. Der "Deutsche Michel" lässt sich wieder einmal von Politik und Kapital zur Schlachtbank führen.
    Wir Deutschen werden es wohl nie begreifen, dass wir das Volk sind!

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  12. Was Herrn Sinn angeht: Jemand der ein Buch schreibt über etwas das - zumindest bezüglich D - ausschliesslich in seiner Phantasie existiert (-> Basar-Ökonomie), jemand der den Satz "Autos kaufen keine Autos" für falsch hält, werr noch im Oktober 2008 "keinerlei Anzeichen für eine Rezession in D" gesehen hat, so jemand ist schlicht ökonomisch vollkommen inkompetent. DAS ist aber nicht das Problem. Das Problem ist, das einem solchen Vollpfosten in den Medien nach wie vor eine Plattform geboten wird.

    Zu der Niedriglohn-Geschichte: Wir leben in einem Land, in dem es Tariflöhne von 3.41€ / h gibt. Wir leben in einem Land, in dem Busfahrer für etwas mehr als 2 Euro beschäftigt werden.
    Wir leben in einem Land, in dem es - kaum 6 Monate ist es her - von der FDP-Führung rauschenden Beifall für Herrn Merz gab, der den Chemnitzer "Wissenschaftlern" zu der Studie gratulierte, nach der 132€ als H-IV-Satz ausreichend seien (Das ist übrigens jene Partei, die aktuell von der Krise am Meisten profitiert).
    Und man könnte die Reihung beinahe endlos fortsetzen.
    Kurz gesagt:
    Solange die Bürger ihr Wahlverhalten nicht ändern, werden die Parteien ihre Positionen nicht ändern. So banal ist das.

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  13. Sinn hin oder her, ist eh nur ein Mietmaul marktradikaler Kapitalisten.
    Völlig unglaubwürdig.
    Das Problem ist doch, solange die Leute ruhig gehalten werden durch Nonsens und Klamauk im TV und Manipulation und Lügen in der Presse, solange wird sich auch nichts ändern. Für viele ist doch das nächste Fußballspiel wichtiger als die nächste Wahl. Ich denke, es geht hier vielen noch viel zu gut, um sich wirklich politisch angagiern zu müssen. Erst wenn die Masse hungert, verändert sie. Noch ist aber der Kühlschrank bei den meisten voll.
    Für die Wahl sehe ich deshalb schwarz oder besser gesagt schwarzgelb.

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  14. Wie ist denn die gewerkschaftliche Organisation im Hotelgewerbe. Die müssten doch eine ziemlich ähnliche Macht haben wie die GDL, denn ich denke die Hotels kämen sehr schnell in Probleme. Und auslagern wird mit diesen Jobs schwer.
    So lange allerdings genug Leute bereit sind für das Geld zu arbeiten...tja.

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  15. Solange man völlig überflüssige, inkompetente, korupte, bestechliche von der Wirtschaft gesteuerte Politiker mit utopischen Summen bezahlt, solange man ein Kredit und Bankensystem hat, solange man abermilliarden für rüstungsgüter ausgibt und billionen € an steuern sinnlos verschwendet, jaaaa solange wird man auch für 2 € die stunde arbeiten gehen müssen, 12 stunden am tag, 6 mal die woche... um überleben zu können.. hoffentlich kommt bald der KNALL...

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