Montag, 30. Januar 2012

Die Basics über Auschwitz

Von Stefan Sasse

Der Stern hat eine wahre Horrorstory anzubieten: ein Fünftel aller Deutschen unter 30 weiß nicht, was Auschwitz ist (nur ein Zwanzigstel bei denen über 30). Über ein Drittel aller Deutschen weiß nicht, wo genau es stand. Und 43% haben noch nie eine KZ-Gedenkstätte besucht. Der Spiegel findet die Zahlen furchtbar. Allein, besonders aussgekräftig sind sie so noch nicht, und eine Interpretation bieten weder Stern noch Spiegel. Das erste Problem ist schon das "nicht wissen, was Auschwitz ist". Jeder der mit "ein kleiner Ort in Polen" antwortet, läge wohl schon mal falsch. Wie genau die Fragestellung war, geht leider nicht hervor. Ohnehin ist anzunehmen, dass die unter 30jährigen im Verlauf ihres Lebens noch eine genauere Einordnung werden vornehmen können. Zwar ist Auschwitz ein omnipräsentes Thema und steht symbolisch für alle KZs; es ist allerdings anzunehmen, dass die Zahl derer, die es korrekt als "Todes- und Vernichtungslager" einordnen können (O-Ton Stern) noch steigt, wenn man Assoziationshilfen wie das Bild des Lagereingangs und den "Arbeit macht frei"-Schriftzug hinzunimmt. Völlig abwegig dagegen ist die nächste Zahl: ein Drittel weiß nicht, wo das Ding steht. Warum es zum Verständnis des Holocaust essentiell ist zu wissen, dass Auschwitz in Polen liegt, bleibt ein Geheimnis der Umfragenmacher beim Stern. Vielleicht hoffte man damit eine besonders krasse Zahl zu bekommen? Im Ergebnis wird man dann enttäuscht sein; nur ein Drittel weiß es nicht. 

Die weiteren Zahlen, die vom Spiegel als schlecht verkauft werden, sind sogar noch besser: nur 43% haben noch nie ein KZ besucht. Das heißt dass über die Hälfte aller Deutschen schon einmal eines besucht hat - und da vermutlich mehr junge als alte Menschen darunter sind, weil man sich erst seit den 1980ern intensiv mit dem Holocaust-Thema beschäftigt, dürfte dieser Prozentsatz in Zukunft noch steigen. Der Holocaust und seine Aufarbeitung haben also keinesfalls an Prägnanz und Aktualität verloren, und die Dichte dieser Aufarbeitung ist überraschend gut. 

Die beste Zahl aber ist die letzte: 56% aller Deutschen sprechen sich dagegen aus, einen Schlussstrich unter die Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Holocaust zu ziehen. Unter den Deutschen unter 30 sind es sogar atemberaubende 65%, die einen Schlussstrich ablehnen! Noch 1994 war eine Mehrheit von 52% für einen Schlussstrich. Es hat hier also ein echtes Umdenken stattgefunden, möglicherweise verursacht durch das Ende der eine diesbezügliche Agenda vertretenden Kohl-Regierung ("geistig-moralische Wende") als auch durch die vermehrten Negativ-Schlagzeilen über Neonazis. Menschen unter 30 sind frühestens in den frühen 1980er Jahren geboren worden, viele dieser Befragten eher in den 1990er Jahren. Sie kennen Kohl und die Wiedervereinigung nur aus den Geschichtsbüchern und haben einen anderen, wohl unverkrampfteren Umgang mit der Vergangenheit. Normalerweise fürchtet man an dieser Stelle das Aufkeimen eines neuen deutschen Nationalismus'; die Zahlen dagegen lassen durchaus hoffen.

Kommentare:

  1. das dritte reich war ein system der unterdrückung ..die demokratie heute ist nicht weit nicht mehr weit entfernt davon ...
    was liegt also nahe das gestern, das heute und das was kommt miteinander in bezug zu bringen ..zu begreifen , wie es war , wie es ist und wie wir es für die zukunft nicht wollen..

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  2. was ist an dem Unwissen so furchtbar, außer dass es die Konsequenz eines BIldungssystems ist, das seit 1980 dumm reformiert wird, wie PISA unschwer belegt. Jetzt daraus einen Hype zu machen ist ja fast wie Sommerloch. Es wird Zeit, dass den Spiegel mal jemand austauscht, der wird nämlich langsam blind und der Stern, das ist noch eine von den alten stromfressenden Glühbirnen, die solte auch mal jemand auswechseln. Soviel dummes Geschreibsel tut echt meinen Augen weh. Würde es allegemein weh tun, hätte man die beiden Blätter wegen Volksunwohlseinbereitung schon lange eliminiert. Ich fände es nicht einmal schade.

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  3. "das dritte reich war ein system der unterdrückung ..die demokratie heute ist nicht weit nicht mehr weit entfernt davon ..."

    Also sorry, das ist schlicht bullshit. Du magst mit dem System nicht einverstanden sein, aber deswegen holt dich niemand ab und packt dich ins KZ. Nicht beachtet zu werden ist vielleicht individuell schlimm, aber vom Terror des Dritten Reichs sind wir Lichtjahre entfernt.

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  4. Sicher , die Methodiken der angeblichen Demokratien der heutigen Zeit sind andere Art als die des dritten Reiches . Es wäre auch schlimm und erbärmlich wenn die Intelligenz aus dem Scheitern des dritten Reiches nichts gelernt hätte. Aber der Manipualtion hat das keinen Abbruch getan. Heute stellt man es feinfühliger an.

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  5. Ne, sorry, die Prämisse akzeptiere ich nicht. In einem demokratischen System einen Kampf um die Meinungshoheit zu verlieren ist eines; in einem totalitären Regime verfolgt zu werden etwas völlig anderes.

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  6. Sorry, ich glaube nicht an eine Demokratie. Und ich werde jeden Tag durch die Nachrichten bestätigt. Der braune Rotz (CxU) zeigt auch ganz offen wieder seine Fratze. Nur weil ich (noch) nicht abgeholt werde, gibt mir das kein beruhigendes Gefühl. Das wird heutzutage nur anders geregelt.
    Dazu passend: Doch abgeholt, halt "nur" in Psychatrie eingeliefert.
    Da müssen manche Blogs aber aufpassen und wir Leser, die einen Systemwechsel fordern. In diesen Staat - kein Vertrauen!!!
    Ach so, der Link für die Klappse ;)
    18-Jähriger Schüler kündigte Revolution über Facebook an – Großeinsatz der Polizei.
    http://www.fr-online.de/wiesbaden/nach-revolutions-drohung-auf-facebook-18-jaehriger–in-psychiatrie-eingewiesen,1472860,11523256.html

    http://www.tauss-gezwitscher.de/?p=3153

    ...aber vom Terror des Dritten Reichs sind wir Lichtjahre entfernt.
    Das bezweifle ich. Wehret den Anfängen. Was ich wohl zu deprimiert bin, finde ich Dich, Stefan, zu blauäugig. Vieleicht liegt die Wahrheit in der Mitte, vieleicht hast Du recht. Mein Gefühl sagt mir was anderes.
    Und vieleicht kommt doch wieder alles ganz anders als man denkt.
    Gruß Frank

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  7. Das scheint schon ein echtes Vorbild zu sein, der Junge:
    http://www.fr-online.de/wiesbaden/drohung-auf-facebook-schueler-war-bewaffnet,1472860,11528672.html
    Hallo? Davon abgesehen strebe ich keinen Systemwechsel an.

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  8. Schön, Stefan Sasse, dass du noch an die Demokratie glaubst.
    Meines Erachtens ist dieses Experiment jedoch schon seit einiger Zeit gescheitert. Wir leben in einer postdemokratischen Zeit. Auf die Gefahr hin dass ich mich wiederhole: Ich tippe da mal auf Plutokratie... (dagegen hilft nicht mal eine Revolution, geschätzter Frank Benedikt.)

    der Herr Karl

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  9. Nachtrag zu "Postdemokratie":

    "Eine seiner Thesen ist, dass sich die heutigen Demokratien dem Zustand der Postdemokratie immer mehr annähern und so in den heutigen Demokratien der „Einfluß privilegierter Eliten“[4] zunimmt. Zu den privilegierten Eliten zählt Crouch vor allem „bestimmte Unternehmer“[5], die durch Lobbyismus wesentlich größeren Einfluss auf die Regierungen haben als andere Interessengruppen oder Nichtregierungsorganisationen.

    Unter anderem deswegen würden die Regierungen seit den 1980er Jahren eine neoliberale Politik verfolgen, die die Privatisierung fördert und den Bürgern mehr Selbstverantwortung aufbürdet. Crouch stellt die These auf: „je mehr sich der Staat aus der Fürsorge für das Leben der normalen Menschen zurückzieht und zuläßt, daß diese in politische Apathie versinken, desto leichter können Wirtschaftsverbände ihn - mehr oder minder unbemerkt - zu einem Selbstbedienungsladen machen. In der Unfähigkeit, dies zu erkennen, liegt die fundamentale Naivität des neoliberalen Denkens.“[6]"
    http://de.wikipedia.org/wiki/Postdemokratie

    der Herr Karl

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  10. @Stefan Sasse

    Zu deinem "schueler-war-bewaffnet"-Link:

    "Die Beamten fanden bei ihm einen Teleskopschlagstock und eine Schreckschusswaffe, allerdings ohne Munition..."

    der Herr Karl

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  11. http://www.heise.de/tp/blogs/5/151340 .....auch ein beispiel aus der demokratieküche

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  12. Natürlich gehört der Kleine in die Psychiatrie. Er redet von Revolution und war schwer bewaffnet ("Die Beamten fanden bei ihm einen Teleskopschlagstock und eine Schreckschusswaffe, allerdings ohne Munition.") - wehret den Anfängen!

    Und warum sollte man auch einen Systemwechsel anstreben, wenn man sich an das alte (Windows) so schön gewöhnt hat?!

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  13. Einen Systemwechsel mit Teleskopschlagstock und Schreckschusswaffe, ob mit oder ohne Munition, lehne ich ab. Ich bin generell gegen einen Systemwechsel, aber davon abgesehen wird er für mich noch ungewollter durch solche Spinnereien.

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  14. Und ja, ein 18jähriger, der bewaffnet (egal wie schlecht) eine Revolution auslösen will gehört untersucht.

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  15. Letzter Kommentar wegen strafrechtlicher Relevanz (Holocaustleugnung) gelöscht.

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  16. Weiterer Kommentar aus gleichem Grund gelöscht.

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  17. Zu "schüler war bewaffnet":

    Weniger spektakulär diese Pressemitteilung der Berliner Polizei:
    Berlin, 11.10.2011:

    “Gestern Mittag wurde auf einem Polizeiabschnitt angezeigt, dass sich in einer Wohnung in Neukölln eine Vielzahl von Waffen befindet. Den eingesetzten Beamten, die gegen 13 Uhr die Wohnung in der Sonnenallee mit einem Durchsuchungsbeschluss betraten, bot sich ein erstaunliches Bild. In einem Zimmer hatten die Eheleute insgesamt 38 Schusswaffen und entsprechende Munition gelagert. Von diesen dort zum Teil „ausgestellten“ Waffen waren vier Gewehre, zwei Pistolen, ein Revolver, eine Abzugsvorrichtung und rund 300 Schuss Munition unterschiedlichen Kalibers waffenrechtlich relevant. Alle Waffen wurden sichergestellt. Gegen die 56-jährige Frau und ihren 59-jährigen Ehemann wird ein Verfahren wegen des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz eingeleitet.”
    Verständlich, dass dieses Ereignis öffentlich nicht wahrgenommen wird, denn es handelte sich bei den Ertappten weder um Islamisten, noch um Linksradikale, Autonome oder Revolutionäre Zellen bzw. RAF 2.0. Eben nur so die netten Nachbarn von nebenan."

    So etwas ordnen die Medien dann unter "Hobby und Freizeit" ein.

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