Mittwoch, 11. Januar 2012

Irrweg ökonomische und finanzielle Bildung

Ein Gastbeitrag von Herbert Danziger

Bereits seit Jahren wird die Implementierung ökonomischer beziehungsweise finanzieller Bildung in die Lehrpläne von allgemeinbildenden Schulen in Deutschland gefordert. Hier in Baden-Württemberg ist das seit einigen Jahren insofern Realität, als dass ein neues Fach "Wirtschaft" - häufig im Fächerverbund mit Geographie und Gemeinschaftszukunde zu GWG verschmolzen - geschaffen und die Ausbildung der Lehrer entsprechend angepasst wurde. Nun aber besteht nicht gerade viel Einigkeit darüber, was unter ökonomischer Bildung eigentlich genau zu verstehen ist und wie diese umgesetzt werden soll. Dies wird augenfällig, wenn man sich die Ausgabe 12/2011 der Reihe "Aus Politik und Zeitgeschichte" (Link mit .pdf) ansieht, die sich dem Thema "Ökonomische Bildung" widmet. Was die Autoren in diesem Heft einer ansonsten qualitativ äußerst hochwertigen und empfehlenswerten Reihe fordern (das Abonnement der Wochenzeitschrift "Das Parlament", dem die APuZ beiliegt, kostet keine 30 Euro im Jahr) grenzt geradezu an Irrsinn. Sie fordern wesentlich weitergehend als dies bisher der Fall ist (in GWG werden volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Theorie gelehrt), dass ein ordentliches Fach Wirtschaft ohne Fächerverbund mit einem eigenen Lehramtsstudium geschaffen wird, in dem sie Schüler zu unternehmerischem Denken erzogen werden sollen und in dem man ihnen beibringen soll, mit Geld umzugehen ("Finanzbildung"). Die Inhalte dieses hypothetischen neuen Fachs, die die Autoren skizzieren, lassen jedoch Böses ahnen, sollte es jemals eingeführt werden. Es veträgt sich in dieser Gestalt überhaupt nicht mit dem Konzept einer Schule. 

Dies liegt vor allem daran, dass die geforderten Inhalte nichts mit einem Fach wie Geschichte oder Gemeinschaftskunde am Hut haben. In diesen Fächern sollen Schüler Kompetenzen entwickeln, um eigenständig reflektieren und Sachverhalte untersuchen zu können. Ein Lehrer, der in einem dieser Fächer versuchte, eine bestimmte Position als einzig wahre zu lehren, würde zurecht für plemplem gehalten werden. Genau das aber verlangen die Autoren für ihr Ökonomiebildungsutopia. So soll das "unternehmerische Denken" der Schüler gesteigert werden, da diese "besonders in Westdeutschland eine Angestellten- und Sicherheitsmentalität" besitzen würden. Diese gelte es zu beseitigen, indem man mehr unternehmerisches Gedankengut (das etwas nebulös bleibt) an die Schüler heranträgt. Zwar kann man an dieser Stelle verteidigend anbringen, dass auch andere Fächer spezifische Denkansätze lehren; jedoch ist die Forderung nach einem solchen Mentalitätswandel merkwürdig losgelöst von didaktischen Konzeptionen. Wo etwa kritisches, hinterfragendes Lesen im Geschichtsunterricht unabdingbar ist, um eine Quelle verstehen zu können, bleibt die Frage wie genau diese neue Mentalität beim Verständnis von Inhalten helfen soll. Ich kann wirtschaftliche Zusammenhänge begreifen, auch ohne ein Unternehmer werden zu wollen, wie ich physikalische Zusammenhänge begreifen kann ohne deswegen gleich in meiner Freizeit experimentierfreudig zu sein. 

Stattdessen wird hier eine Art Gehirnwäsche light verlangt. Die Schüler sollen auf ein spezifisches, wirtschaftlich erwünschtes Gedankengut hin gepolt werden. Das geschieht sonst nur in einem weiteren Fach, Gemeinschaftskunde, das die freiheitlich-demokratische Grundordnung verbindlich vorgibt - und den Sinn dieser Maßnahme dürfte kaum jemand ernsthaft bestreiten. Warum aber sollte etwa im Religionsunterricht nicht mit einer ähnlichen Legitimationsschiene den Schülern Gottesfürchtigkeit eingeimpft werden? Was die Autoren hier vorschlagen, schüfe einen bedenklichen Präzedenzfall für Indoktrination, wie sie an Schulen nichts verloren hat, ganz egal wie ehrenhaft und gut gemeint die Motive auch sein mögen. Noch viel frappanter wird das in einem anderen Artikel der Heftes, in dem ein anderer Autor die Einführung von finanzieller Bildung fordert, also den Umgang mit Geld. Dieser Artikel liest sich in weiten Strecken wie Werbung für die Versicherungswirtschaft. Beständig wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, sich zu versichern, und das Schaubild, das in dem Artikel enthalten ist, macht das auf plakative Weise deutlich: der Abschluss einer Lebensversicherung wird hier zum didaktischen Meilenstein, der den Umgang mit Geld leichter macht und den Schülern ein Gefühl für den Umgang mit den eigenen Finanzen gibt.

Wenn ökonomische Bildung auf diese Art und Weise an die Schulen gelangt, stellt das ein ernstes Problem dar, denn von Bildung lässt sich hier kaum sprechen. Ein Fach, das klare Prämissen aufstellt, die es dann einfach auswändig zu lernen gibt (Nutze Versicherungen!) oder irgendwelche Geisteshaltungen postuliert, hat nichts mit Bildung zu tun. Es ist nicht viel besser als die Staatsbürgerkunde der DDR. Der Umgang mit Geld ist eine Fähigkeit, die die Eltern dem Kind beibringen und nicht die Schule. Die Anmaßung, in solche privaten Lebensbereiche hineinzuregulieren steht ihr nicht an. Sie ist für die Bildung der Kinder und Jugendlichen zuständig, und nicht für die Regelung ihres Alltags.

Kommentare:

  1. Man sehe mir die Beckmesserei nach.
    "Ein Lehrer ... würde zurecht für nicht ganz plemplem gehalten werden."
    Entweder "für plemplem" oder "für nicht ganz dicht" gehalten werden, müsste es m.E. heißen.
    (Kommentar kann gern wieder gelöscht werden)

    AntwortenLöschen
  2. Es ist nicht auszuschließen, dass in den Schulen im Zuge der Einführung/Umsetzung der "marktkonformen Demokratie" neue Fächer wie "Wirtschaft" und "Finanzwesen" (oder auch ein aus beidem kombiniertes Fach) eingeführt werden. Die Gestaltung des entsprechenden Lehramtsstudiums, die an die Schüler zu vermittelnden Lerninhalte sowie Inhalt/Gestaltung der erforderlichen Lehr- und Unterrichtsmaterialien könnte direkt in die Verantwortung der INSM übergeben werden. Schließlich stellt sie bekanntermaßen bereits heute schon Lehrkräften Unterrichtsmaterialien zur Verfügung und führt Veranstaltungen an den sog. "Kinderuniversitäten" durch.

    Die zukünftige "marktkonforme Demokratie" (MkD) benötigt nun mal auch marktkonforme Bürger. Um solche Menschen, die sich in ihren sämtlichen Lebensbereichen ausschließlich nur noch als Marktteilnehmer, sich in ständigem Wettbewerb mit allen und jedem stehend verstehen und jede ihrer anstehenden persönlichen Handlungen/Entscheidungen stets aus rein unternehmerischen Gesichtspunkten betrachten, müssen sie konsequenterweise schon während ihrer Schulzeit dahingehend erzogen werden. Das ist in einer MkD nun mal alternativlos.

    AntwortenLöschen
  3. Das unternehmerische Denken.

    Jedes Jahr versuchen sich hunderttausende unternehmerisch.

    Der größte Teil scheitert.

    Wollen wir wirklich die Kleinunternehmerei der Weimarer Republik zurück.

    Kleinproduktionen sind einfach nicht effizient.

    Wenn der Bäcker an der Ecke seine Selbsständigkeit aufgeben muß und Scheinselbstständiger einer grossen Backkette wird hat das Gründe die außerhalb meiner Person meines Wollens liegen.

    Die Lüge von der Eigenverantwortung kalt aufgewärmt.

    In einer NICHT WACHSENDEN Wirtschaft kann es gar kein UNTERNEHMERTUM geben.

    Die Positionen sind vergeben.

    In China ist es dagegen einfacher für Hunderttausende es als Unternehmer zu versuchen.

    Im Lotteriespiel werden zumindest einige HUNDERT von HUNDERTTAUSENDEN sich als Unternehmer behaupten.

    AntwortenLöschen
  4. Warum müssen wir die Bildung grosser Vermögen zulassen, damit diese Geldgeber sein können?

    Warum ist nicht eine Innovationsstiftung des deutschen Staates möglich?

    http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/:megatrend-batterien-sap-gruender-investiert-in-stromspeicher/60153317.html

    AntwortenLöschen
  5. Kleine Ergänzung zu dem Satz mit dem Fächerverbund an allgemeinbildenden Schulen (in diesem Fall nur die Realschulen) in BW:

    - Das Fach heißt offiziel EWG
    - Die Lehrerausbildung hierzu gibt es bislang nicht. Es ist nach wie vor so, daß es nur die "alten" Fächer Erdkunde bzw. Gemeinschaftskunde als Studienfächern gibt. Es gibt, soweit ich weiß, nicht einmal eine flächendeckende Weiterbildung der bereits angestellten Lehrer

    AntwortenLöschen
  6. "Sie ist für die Bildung der Kinder und Jugendlichen zuständig, und nicht für die Regelung ihres Alltags."

    Das ist doch kein Widerspruch, im Gegenteil. Mathematik (oder "Rechnen") ist auch "Bildung" - um z. B. bei einem Auto-, Haus- oder Wohnungskauf nicht übers Ohr gehauen zu werden. Dazu braucht es auch Faktenwissen.

    Die Fächerverbünde in BW sind allerdings grober Unfug. Es werden i. d. R. nur die Noten zusammengerechnet. Querverbindungen gibt es kaum, innere Zusammenhänge auch nicht. Die Idee kommt aus den USA, hieß dort "social studies" und war im Prinzip ein besserer Ansatz als das Schubladendenken (Fächer) in D.

    AntwortenLöschen
  7. Die Fächerverbünde sind vor allem ne Methode, solange du keine Lehrer für das Fach hast ^^ Das ist mehr ein Provisorium als dauerhaft geplant, was Danziger hier ein bisschen unterschlägt :D Ich mach grade auch die Ausbildung für GWG.

    AntwortenLöschen
  8. Das unternehmerische Denken wäre schon wünschenswert. Tatsächlich gibt es in Deutschland zu viel Untertanengeist. Viele wären ja am liebsten Beamte. Auch wenn sie sich sozialliberal gebärden. Man will schon risikolos abgesichert sein. Und vor allem unkündbar sein. Und natürlich ist man für Marktwirtschaft. Aber ohne die Risiken einer Marktbereinigung in Kauf nehmen zu müssen. Das würde nämlich eventuell auch den Abbau von Beamtenstellen bedeuten. Was natürlich unangenehm für den Beamten wäre. Er wäre dann in der Marktwirtschaft angekommen. Die ist natürlich gut. Solange man davon marktbereinigungstechnisch nicht betroffen ist.
    Fehlen für den ganzen Unternehmergeist lediglich noch die Produktionsmittel.
    Oh!
    Wer hat die denn!
    Die sind ja bei ganz Wenigen.
    Wie konnte das nur passieren?

    AntwortenLöschen
  9. @ RobinHood

    Unternehmerisches Denken kann die Schule kaum vermitteln, allenfalls einige Fachkenntnisse. Das zeigen schon die vielen Schulabbrecher unter den erfolgreichen Unternehmern. Das Fachwissen haben die sich angeeignet oder angestellt.

    Das hat mit Beamtenstellen nichts zu tun. Wer sich ins Getümmel der Konkurrenz stürzen will (mit allen Risiken und Chancen), wird nicht Beamter. Die Beamten dürfen sich dann im Boom belächeln oder verachten und und der Krise beneiden (kein Jobrisiko!) lassen.

    AntwortenLöschen
  10. Ich würde eine ökonomische Bildung nicht von Grunde auf verteufeln. Was mir Sorgen bereitet, ist nicht, das Wirtschaft gelehrt werden soll, sondern es sind die Inhalte. Dass es sich bei den Wirtschaftswissenschaften um eine Sozial- und Geisteswissenschaft handelt, ist heute fast aus dem Blick gedrängt. Personen wie Adam Smith, die waren in erster Linie Moralphilosophen. Friedrich List oder Johann Heinrich von Thünen. DAS wird sicherlich nicht gemeint sein, wenn von "Wirtschaft" in der Schule gesprochen wird. Und dann ist das in der Tat Gehirnwäsche.

    Leider sind die Lehrer selbst kaum in der Lage, das zu überblicken: Die ökonomische Bildung ist - z.B. im Rahmen der "Wirtschaftspädagogik" - ist ja zum Teil an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten angesiedelt und dort wird "Mainstream" gelehrt. Auch das ist sicher Gehirnwäsche.

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.