Freitag, 1. April 2011

Persönliche Nachwehen der Atomkraft

Von Stefan Sasse

Ich muss zugeben, vor Fukushima war Atomkraft für mich kein wirklich großes Thema. Ich war prinzipiell dagegen, aber in der Materie nicht firm genug, um die Argumente gegen den Atomausstieg – keine Möglichkeit, den Atomstrom zu ersetzen – wirklich gegenprüfen zu können. Deswegen befasste sich mein “Grundsätzliches”-Artikel auch hauptsächlich mit den finanziellen Umständen und dem Lobbying. Die Möglichkeit eines Super-GAUs war auf meinem Radar vor Fukushima einfach nicht vorhanden, ich gebe das gerne zu. Und so sehr ich es hasse, in solchen Fällen auf den allgemeinen Entsetzenszug aufzuspringen und “ab heute wird alles anders” zu rufen: in dem Fall tue ich es. Fukushima ist eine Wegmarke in der Geschichte moderner Technologien, die einen Urglauben in die Beherrschbarkeit der Technik nachhaltig erschüttert hat und wohl zu einer noch kaum abschätzbaren Umorientierung führen wird – ähnlich wie der Untergang der unsinkbaren, alle Widrigkeiten beherrschenden, “Titanic” eingangs des 20. Jahrhunderts es für die Zeitgenossen tat.

Der Ausstieg aus der Atomenergie ist so schnell wie möglich zu vollziehen. Die Gründe dafür sollten jedem klar sein. Nicht nur belasten wir uns seit fünf Jahrzehnten mit einer stetig wachsenden Menge Mülls, der noch tausende von Jahren strahlen wird und von dem niemand weiß, wo man ihn lagern soll. Eine in den USA eingesetzte Kommission kam nun auch zu dem Schluss, dass es keine Möglichkeit gibt, selbst im Falle eines geeigneten Lagerorts nachfolgende Generationen sicher zu warnen – wenn unsere Schilder einmal nicht mehr gelesen oder verstanden werden, können immer noch Leute auf den Müll stoßen, ohne zu wissen und zu verstehen, wo das Problem damit liegt. Das kann in zehntausend Jahren der Fall sein, es ist völlig unabsehbar. Atomenergie ist ein Verbrechen an all jenen, die nach uns kommen, das zeigt der Müll deutlich.

Das Risiko ist aber auch für die jetzige Generation eigentlich unzumutbar. Statistisch, darauf hat Urban Priol ätzend hingewiesen, ereignet sich etwa alle 20, 25 Jahre ein Super-GAU. Mit zunehmenden Alter der Meiler steigt die Wahrscheinlichkeit hierfür sogar eher noch an. Nun ist es in der Tat äußerst unwahrscheinlich, dass eine Serie von technischen Pannen hierzulande zu einem Super-GAU führt, oder gar dass ein Flugzeug auf einen Meiler stürzt. Aber die gegen Erdbeben der Stärke 8 sicheren Fukushima-Meiler haben auch dort alle denken lassen, dass es extrem unwahrscheinlich sei, dass etwas passiere. Dann aber kam das Erdbeben Stufe 9, unvorhersehbar und mit fatalen Folgen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das hierzulande nicht passieren könnte. Andernfalls würden kaum so viele Menschen Lotto spielen.

Würde beispielsweise der Meiler Neckarwestheim eine ähnliche Entwicklung nehmen wie Fukushima, und müsste eine Zone von rund 40 Kilometern evakuiert werden, beträfe dies die Hälfte von Baden-Württemberg inklusive der Landeshauptstadt Stuttgart. Würde eine echte Kernschmelze mit Explosionen und allem drum und dran nach dem Vorbild Tschernobyl stattfinden, wäre Baden-Württemberg danach für die nächsten paar tausend Jahre eine radioaktive Sperrzone und alle angrenzenden Länder könnten sicher sein, dass sie ihren Teil abbekommen würden. Alleindie Vorstellung ist so grausig, dass man den Abschaltknopf gar nicht schnell genug suchen kann.

Die Gegenargumente sind hinreichend bekannt, aber sie überzeugen noch weniger als ehedem. Die regenerativen Energiequellen können so viel Strom nicht bereitstellen? Dann brauchen wir eben mehr oder bessere davon. Die Leitungen verschandeln die Landschaft? Dann baut sie eben unterirdisch. Ja, das ist teurer. Im Zweifel stellt noch ein Gas- oder Kohlekraftwerk hin. Wenn dort etwas schiefgeht, sind die Folgen bei weitem nicht so dramatisch. Die Kosten dieses Energiewandels können eigentlich kein Argument mehr sein. Und ja, bei einem solchen Ausstieg würde es zu schwerwiegenden Verwerfungen in der Wirtschaftslandschaft kommen, weil plötzlich einige riesige Stromkonzerne ihre Geschäftsgrundlage verlören. Ihre Aktien würden massiv einbrechen. Damit muss man leben.

Denn Geld ist ultimativ ersetzbar. Vielleicht steigen die Strompreise durch diesen Ausstieg ein wenig; vermutlich aber müssten sie das gar nicht, wenn man die Macht endlich aus den Händen der Stromkonzerne nähme. Wenn die wirtschaftlichen Konsequenzen aus dem Ausstieg für selbige zu massiv wären, blieben immer noch die Zerschlagung und Dezentralisierung; es würde dem Wettbewerb ohnehin nur gut tun. Das Kartellrecht gibt die Möglichkeiten dafür ohnehin. Geld ist ersetzbar. Ein verstrahltes Land ist es nicht. Der Ausstieg muss kommen, besser heute als morgen, für uns, unsere Kinder, und die Nachfahren in tausend Jahren. Die Atomenergie war ein historischer Irrweg, für den wir bereits teuer bezahlt haben. Sorgen wir dafür, dass die Kosten nicht noch weiter steigen.

Kommentare:

  1. Mhmh, ich bin ja auch für einen Ausstieg bei uns, aber wenn z.B. die Chinesen jetzt den Bau ihrer 30 neuen AKWs abbrechen würden und stattdessen Kohle verfeuern würden, wäre das klimatechnisch eine kleine Katastrophe. Der Klimawandel wird ja mittelfristig ein noch viel größerer Gau als alles, was wir uns vorstellen können.

    Aber ich freue mich durchaus, dass in Deutschland eine energiepolitische "yes we can" Stimmung ausgebrochen ist. Wenn wir ca. 40 Prozent Erneuerbare in 2020 schaffen, ist das ein tolles Vorbild für andere Länder. Alleine das sollte es uns wert sein.

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  2. Stefan Sasse: Gut, dass Du auch den Atommüll erwähnst, der je schon fast aus dem Blickwinkel gerät. Was ich allerdings in der öffentlichen Diskussion vermisse, ist die Thematisierung der enormen Einsparpotenziale beim Strom (nächtliche Beleuchtung von Denkmälern, Innenstädten, Schaufenster, Weihnachtsbeleuchtung etc).

    So wird z. B. während meiner täglichen, berufsbedingten 10-stündigen Abwesenheit der Inhalt des Warmwasservorratsbehälters permanent auf 30 Grad gehalten (Fernwärme). Das gilt auch für Urlaube.

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  3. Tscha, schlag mal nach, was bei Douglas Adams zum Thema "extrem unwahrscheinlich" steht ;-) Seine Gedanken dazu sind zwar nur Fiktion, erweisen sich aber gerade jetzt von erschreckender Realitätsbezogenheit.

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  4. @frank: da kann ich nur zustimmen und mich spontan in einen Blauwal verwandeln.

    In diesem Zusammenhang muss ich öfters an Kassandra denken, also die aus der griechischen Mythologie, nicht die Lehrerin der Biene Maja. :-(

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  5. Willkommen im Club, Stefan. Wir hoffen Für Dich, dass Dir Deine Einsicht nicht wie vielen von uns für Jahre den Status "Weltfremder Spinner, will zurück ins Mittelalter" beschert. ;-)

    Die Dimension des Problems ist in der Tat noch eine andere:

    Nicht nur, dass schon einige 10.000 Tonnen (eher noch eine Null mehr) strahlender Müll auf die Entsorgung warten, auch die Kraftwerke selbst müssen irgendwie entsorgt werden. Wenn man sich allerdings die Größenordnung anschaut, dann kann man sich genau so gut fragen: Wie entsorgt man sicher den Kölner Dom? O.K. - man braucht ja nur den kompletten inneren Reaktorbehälter in Frachtschiffgröße und evt. noch ein paar Abklingbecken (kleineres Freibad, obwohl, die müssen eh noch für Jahre mit mehreren MW weiter gekühlt werden, und kommen deshalb viel später dran), sowie ein paar Rohre und Turbinen in U-Bahn-Abmessungen sauber zu zerteilen, einzutüten, in Beton zu gießen und - äh - irgendwo in eine Halle zu stellen (schließlich gibt es weltweit kein echtes Endlager). Und das Ganze multiplizieren wir dann noch mit etwa 400 und dann sollte die Dimension zumindest denen klar sein, die sich solche Größenordnungen noch vorstellen können.

    Unglauben? Dann schaut doch mal die bisher zurückgebauten Kernkraftwerke weltweit an. DIE GIBT ES NICHT! Gut, die einen oder anderen befinden sich seit ein paar Jahren in der "Rückbauphase", wobei von außen nach innen rückgebaut wird, also zunächst die einfachen Sachen, damit es nach Aktion aussieht. Das strahlende Zeug kommt in ein paar Jahren dran oder auch nicht wenn keiner mehr genau hinschaut. Ein paar wirklich rückgebaute oder umgenutzte Anlagen gibt es nur deshalb, weil diese Bauwerke nie mit radioaktivem Material in Betrieb waren.

    Das Kind ist, bildlich gesprochen, schon in den Brunnen gefallen als der erste radioaktive Müll mit langer Halbwertzeit produziert wurde. Und wenn die Anagen noch so sicher sein sollten, wird sich das Zeug in den nächsten paar tausend Jahren gleichmäßig in der Umwelt ausbreiten. Das ist den alten Granden der Anti-Atom-Bewegung vollkommen klar. Es geht nur noch darum, das Brunnenloch bis ans Ende aller Tage zu verschließen um weitere Kinder vom Absturz abzuhalten,

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  6. Die Gefährlichkeit von AKW´s schon während des Betriebs sind die eine Seite des Problems. Es ist in den letzten Wochen schon so viel dazu geschrieben und gesagt worden, dem kann ich kaum etwas Neues hinzufügen.

    Diesbezüglich möchte ich aber noch einmal auf die Anmerkungen von Wolfgang Lieb hinweisen, der sich dieser Problematik auch einmal aus mathematisch-logischer Sicht genähert hatte und damit auch meinen Blickwinkel getroffen hatte. Damit entlarvt er auch den verharmlosenden Begriff des "Restrisikos".

    Denn sofern die Eintrittswahrscheinlichkeit eines atomaren Unfalls größer Null ist und menschliches Leben als höchstes aller schützenswerten Güter betrachtet wird (als mathematischer Wert = unendlich), erreicht der Wert des "Restrisikos" gleichfalls den Wert "unendlich". Egal, wie klein die Eintrittswahrscheinlichkeit auch sein mag. q.e.d.

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=8703

    Doch in meinen Augen ist noch viel katastrophaler, was die "End"lagerung der ausgebrannten Kernstäbe anbelangt. Nicht nur, dass die bisherigen "End"lager sich schon nach kürzester Zeit als völlig ungeeignet herausgestellt haben. Es ist de facto vielmehr so, dass es aufgrund der unvorstellbar langen Strahlungszeit schon theoretisch gar kein prinzipiell sicheres "End"lager geben kann. Um dies zu begreifen, reicht schon dieser kurze Ausschnitt aus "Quarks und Co":

    http://www.youtube.com/watch?v=M8piNqE3JRo

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  7. Stefan, schau mal bitte im Spamfilter nach. Mein Beitrag hängt offensichtlich (wieder einmal) freischwebend in der Luft. Danach zerstört sich dieser Beitrag hier (hoffentlich) selbst. :-)

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  8. Scheibenkl... Das kriege ich jetzt so nicht mehr zusammen. Na gut, dann mal schnell nur stichpunktartig.

    Die Gefahren während des Betriebs sind die eine, schlimme Seite der Medaille. Da hatte Wolfgang Lieb eine Argumentation geführt, die ich voll und ganz teile.

    Sobald die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Störfalls Null überschreitet und der Schutz menschlichen Lebens als höchstes schützenswertes Gut (und damit den Wert "unendlich" annimmt) betrachtet wird, erreicht der Wert des Restrisikos ebenfalls "unendlich".

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=8703

    In meinen Augen jedoch fast noch schlimmer (sofern dies überhaupt noch möglich ist), ist die Frage der "End"lager. Nicht nur, dass sich schon heute sämtliche vermeintlichen "End"lager innerhalb nur weniger Jahre als Hirngespinste herausgestellt haben.

    Der Traum eines sicheren "End"lagers ist prinzipiell Unfug. Das Problem der unvorstellbar langen Strahlungszeiten von bis zu 1 Mio. Jahren macht dies praktisch unmöglich. Dabei stellt nicht nur die von Dir angegebene Möglichkeit der Unwissenheit der nachfolgenden Generationen zu diesen Gefahren ein Risiko dar.

    Der einfache Fakt, dass sich im Zeitraum von 1 Mio. Jahren durch verschiedenste Vorgänge teils gravierende Änderungen an der Erdkruste vollziehen, mag dies erklären. So könnten auch tieferliegende Gesteinsschichten an die Erdoberfläche gebracht werden. Und mit ihnen die dann aufgelösten, aber noch strahlenden Plutoniumbehälter. Für einen ersten Überblick reicht dieser (Teil-)Beitrag von "Quarks und Co" völlig aus:

    http://www.youtube.com/watch?v=M8piNqE3JRo

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  9. Uff. Ich bin überrascht. So gerade ehrliche Statements hört man selten heute. Und sogar mit ehrlicher Fixierung auf die Menschen, statt auf Energie. I.d.R. hört man eher das ständige kalte Zwischendurchlavieren mit dem berüchtigten ökonomisch sachlich unsachlichen Sachverstand mit Wissenstouch aus dem eigenen Schukarton heraus, - von dem die ganze Geschichte schon ewig lebt. Klasse. Danke für diese Ausnahme.

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