Montag, 2. Mai 2011

Zu den offenen Grenzen in Zeiten der „Vollbeschäftigung“ und des „Fachkräftemangels“

Von Jürgen Voß

Spielen wir mal mit etwas Phantasie folgendes durch: Wir schreiben das Jahr 1970.  In dem später mal „alte“ Bundesrepublik genannten Westdeutschland sind exakt 148 846 Frauen und Männer „arbeitslos“ gemeldet. In diesem Vollbeschäftigungsparadies – liberale Ökonomen sprechen sogar von Überbeschäftigung – kommt jemand auf uns zu und entwirft ein Arbeitsmarktszenario der Zukunft: In 41 Jahren, genau: im April des Jahres 2011, werden 5,501 Mio. Menschen auf den Empfang von Arbeitslosengeld angewiesen sein, davon 3,08 Mio. „registrierte“ Arbeitslose und 1,2 Mio. in sog. Fördermaßnahmen versteckte.

Dieser „Prophet“ führt weiter aus, dass trotz dieser verheerenden Zahlen, die Politiker der fernen Zukunft und mit ihnen die gesamte mediale Öffentlichkeit mit geradezu missionarischem Eifer eine weitere Zuwanderung in den Arbeitsmarkt aus dem Ausland empfehlen werden und zum 1. Mai des Jahres 2011 (also am Tag der Arbeit, wenn das nicht zynisch ist!) wird es dann so weit sein: Die Grenzen, die ohnehin für die Arbeitnehmer/innen aus 15 europäischen Ländern seit Jahren offen waren, werden für weitere acht Länder geöffnet.

Kurze Frage? Wäre „unser Mann“ im Jahre 1970 einer Einweisung in die Irrenanstalt entgangen?

Aber im Ernst: Sich über die Öffnung des Arbeitsmarktes nach Osten hin, zu dem immer noch ein beträchtliches Lohngefälle herrscht, zu freuen, fällt nicht wenigen Arbeitnehmern schwer, wenn sie sie überhaupt gut heißen. Diese Skepsis lässt sich nicht nur durch ein irrationales Bedrohtfühlen erklären. Der hiesige Arbeitnehmer kennt als persönlich Betroffener den ramponierten Arbeitsmarkt nur allzu gut und weiß aus bitterer Erfahrung, dass jede Zuwanderung in einen Arbeitsmarkt, der die obigen Zahlen aufweist, immer eine Verdrängung darstellt oder zumindest mit Lohndumpingeffekten verbunden ist.

Damals, in den sechziger und frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als Logik und Plausibilität noch das Denken der Politiker (manchmal zumindest) bestimmten, hatten sich deshalb die Gewerkschaften nicht umsonst mit der Forderung durchgesetzt, dass den zugewanderten Arbeitskräften grundsätzlich Tariflöhne gezahlt werden mussten! Dass auch die Primärbedingung, nämlich echter Arbeitskräftemangel aufgrund des Krieges und dem seit 1961 schlagartig gestoppten Zuzug aus dem anderen deutschen Staat herrschte, erfüllt war, versteht sich in dieser goldenen Zeit des Arbeitsmarktes von selbst. Niemand wäre damals auf die Idee gekommen, bei über 5 Mio. Arbeitsuchenden Zuwanderung zu empfehlen!

Die mangelnde Begeisterung über die weitere Öffnung des Arbeitsmarktes beruht  überdies auch auf Erfahrungswerten, die die Bürger mit der gerade zehn Jahre hinter uns liegende Massenzuwanderung der neunziger Jahre gemacht haben.

Seit der Öffnung des Osten im Jahre 1987 sind nämlich laut Stat. Bundesamt bis einschließlich 2000 6,388 Mio. Menschen per saldo zu uns gekommen, also analog gesprochen, die Bevölkerung von fast 64 Großstädten. Von diesen über 6 Millionen Menschen befand (und befindet) sich die Mehrheit (der Erwerbsfähigen unter ihnen) nicht in ordnungsgemäßen Beschäftigungsverhältnissen (übrigens bis heute nicht); die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländer lag 2000 niedriger als 1973. (Eine gesonderte Statistik über beschäftigte Aussiedler wurde und wird nicht geführt.)

Diese Zuwanderung in einen nicht aufnahmefähigen Arbeitsmarkt hat vielmehr die Zahl der von Transferleistungen lebenden Zuwanderer geradezu explodieren lassen. Leider hat es über diese arbeitsmarktpolitisch vollkommen missglückte Massenzuwanderung nie eine  rationale Diskussion gegeben, sie wurde und wird vielmehr mit meist normativ ideologischen „Argumenten“ gezielt verhindert. Aber trotz dieser Erfahrungen, der Bevölkerung jetzt auch noch mit propagandistischem Elan vermitteln zu wollen, wie toll die neuerliche Öffnung des Arbeitsmarktes ist (als  Begründung werden „teilweise (???) Vollbeschäftigung“ (Brüderle!) und „Fachkräftemangel“ (alle) genannt), zeigt, dass Prognosen und Phantasmagorien gar nicht verrückt genug sein können, um nicht 40 oder 50 Jahre später Wirklichkeit zu werden.

Kommentare:

  1. Bei den schichten die noch in der produktion arbeiten , oder im handwerk oder sagen wir einfach in den arbeiterschichten herrscht der tenor....die ausländer, mirgranten und wie immer wir sie auch nennen wollen ,allemale sind es erstmal menschen, seien fleissiger , williger , belastbarer als so mancher harz 4ler. Und somit schliesst sich der kreis derer die nicht wissen wovon sie reden ...

    AntwortenLöschen
  2. Durch die Arbeitnehmer aus dem Osten werden garantiert hier die Löhne noch weiter sinken. Deswegen brauchen wir auf alle Fälle jetzt endlich mal einen flächendeckenden Mindestlohn. Bin mal gespannt, ob sich Klaus Ernst heute Abend gegen diese Frau der Jungen Unternehmer durchsetzen kann in der Diskussion: http://on.fb.me/gnPIns

    AntwortenLöschen
  3. Ich sehe eigentlich nicht das problem das arbeitsplätze enmass fortfallen werden ,denn das hotel wird nicht am frühen morgen eingepackt und nach billigstan geflogen zum putzen...das liesse sich beliebig fortsetzen. die arbeitsplätze die fortfallen werden sind auch die arbeitsplätze die niemand braucht, denn sie sind volkswirtschaftlich nur schädlich. Diese negativblilanz die will man natürlich nicht sehen in der wirtschaft , bereitet sie denen die davon profitieren , ein angenehmes leben und der gesellschaft kosten ....

    AntwortenLöschen
  4. arbet lohnt nicht, also zocke ich an der börse, mit silber und gold, puts und calls und devisen puts und calls, das lohnt, macht spaß und gibt am tagesende entweder den anreiz es morgen besser zu machen oder das gefühl es heute gut gemacht und was verdient zu haben, wer kann das schon von seiner arbeit sagen?

    AntwortenLöschen
  5. "Leider hat es über diese arbeitsmarktpolitisch vollkommen missglückte Massenzuwanderung nie eine rationale Diskussion gegeben"

    Die hat es auch nie zu Migrationspolitik allgemein gegeben...
    Warum werden bei diesem Thema die migrierenden Menschen überhaupt rein unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit betrachtet? Das ist doch unwürdig und ekelerregend.

    AntwortenLöschen
  6. Der Artikel hat die selbe Qualität, wie die Baehauptung Dirk Müllers bei Westart, die Globalisierung ist dasss die Chinesen die Waschmaschinen für die Deutschen herstellen.
    Wenn man keine Ahnung hat und nicht weiß wie ein Thema zu recherchieren ist, dann ist Schweigen Gold!

    AntwortenLöschen
  7. Die Arbeitslosigkeit ist gewollt:

    Sir Alan Budd beschreibt, dass unter Thatcher die Arbeitslosigkeit bewusst erzeugt worden ist, um die Arbeiterklasse zu schwächen und hohe Profite zu realisieren. Das gleiche Spiel begann bei uns schon in den siebziger Jahren und währt bis heute.

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=9287

    AntwortenLöschen
  8. Ohne Mindestlohn geht es weiter bergab mit den Löhnen. Siehe Erntehelfer, erst waren die Kräfte im eigenen Land zu teuer. Dann wurde mit den Arbeitern aus dem Osten so weit die Löhne gedrückt, dass es selbst diesen zu wenig wurde (lol...) und jetzt müssen die 1Euro Jobber ran. Ich wünsche dem Baugewerbe schon einmal viel spaß. Die "Hotels fliegen nicht nach billigstan", aber wenn zb. die Dachdecker für "nen Appel und nen Ei" anreisen und im Bauwagen pennen guckt die Deutsche Fachkraft doof aus der Wäsche und geht bald stempeln.

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.