Dienstag, 25. August 2009

Battlestar Galactica

Von Stefan Sasse


Sammelbox aller vier Staffeln
Seit 2004 flimmert die Neuauflage der alten 1978er-Science-Fiction-Serie "Battlestar Galactica" über den Äther. Ich hatte dem Phänomen nie viel Aufmerksamkeit geschenkt und bin eher durch skurrile Umstände auf die Serie aufmerksam geworden: ich hatte mir die Brettspielumsetzung gekauft, da diese sowohl von meinem Lieblingsverlag Fantasy Flight Games als auch von meinem Lieblingsautor Corey Koniezka stammte. Daraufhin riskierten mein Mitbewohner, mit dem ich häufig brettspiele, und ich gleichzeitig und voneinander unabhängig einen Blick auf die Serie und wurden ebenso gleichzeitig und unabhängig voneinander totale Fans und sogen uns eine Staffel nach der anderen rein, bis wir am Ende der letzten und vierten Staffel dann nur noch das TV-Film-Offspring "Razor", die Webisodes und einigen anderen Geek-Stuff über hatten, den zumindest ich mir inzwischen ebenfalls zugemüte gezogen habe. Sobald ich das Geld übrig habe, lege ich mir auch das RPG zu. Nicht, dass ich es jemals spielen würde, aber die Fanboy-Instinkte greifen immer wieder.

Ihr fragt euch jetzt vielleicht, warum ich euch das erzähle. Das hier ist, wie einige von euch vielleicht einwenden werden, kein Durchschnitts-Online-Tagebuch, in dem man seinen Alltag als so wichtig darstellt, dass er von 750 Lesern täglich *angeb* gelesen werden müsste. Nein, ich erzähle euch von der Serie, weil sie für dieses Blog, sein Thema und damit auch für euch alle einen unglaublichen Wert hat, der es geradezu erforderlich macht, sie sich anzusehen - sie ist sozusagen Pflichtlektüre für den politisch interessierten Menschen, der auch gutgemachte Unterhaltung zu schätzen weiß. Ich werde versuchen, die Spoiler im Folgenden so gering wie möglich zu halten, aber der eine oder andere wird in jedem Fall kommen. Wer sich den Spaß nicht verderben will, sollte einfach unbesehen zugreifen. Es würde mich echt wundern, wenn die Serie irgendwem von euch nicht gefällt, außer er ist allergisch gegen SciFi.

Die grundlegende Storyline von Battlestar Galactica (im Folgenden BSG) ist schnell erzählt und auch allseits bekannt: die Menschen besiedeln die zwölf Kolonien von Kobol und haben vor rund 60 Jahren eine Rasse intelligenter Maschinen (Zylonen) geschaffen, die, wie könnte es anders sein, ein Bewusstsein entwickelt und sich gegen die Menschen gewandt hat. Der unvermeidlich folgende Krieg wurde durch einen Waffenstillstand beendet, und die Zylonen zogen sich in ihr Gebiet zurück und wurden für 40 Jahre nicht mehr gesehen. In diesen 40 Jahren wurden die Menschen laxer und machten das, was man in Friedenszeiten gerne macht: nicht an Sicherheit denken. Deswegen trifft der Angriff der Zylonen die Menschen auch überraschend, die die gesamte Flotte ausradieren und die zwölf Kolonien mit Nuklearschlägen auslöschen. Fast niemand überlebt das Massaker, das einzige Kampfschiff der Flotte, das dies tut, ist die Galactica, ein 50 Jahre alter Battlestar, der gerade ausgemustert werden sollte und als Museum umgebaut ist. Dessen Commander, Wiliam Adama, ergreift die Initiative und macht den Battlestar gefechtsbereit, um den Zylonen zu begegnen. Gleichzeitig versucht die Präsidentin der Kolonien (vor kurzem noch Bildungsministerin, durch den Tod der restlichen Kabinettsmitglieder aufgestiegen) die wenigen Überlebenden zu einer Flotte zusammenzufassen und zu retten. Ihre einzige Hoffnung ist die Galactica, doch Commander Adama will lieber einen Rachefeldzug gegen die Zylonen führen. Präsidentin Roslin überzeugt ihn, dass der Krieg verloren ist und die Menschen fliehen müssen, wenn sie eine gemeinsame Zukunft haben wollen. So macht sich die kleine Flotte (kaum 50.000 Menschen) auf, beschützt von der Galactica und gejagt von den Zylonen, um die mysteriöse Ursprungswelt der Menschheit zu erreichen - die Erde.

Keine Bange, diese Geschichte wird im Pilotfilm erzählt und ist vor der ersten Folge der ersten Staffel als gegeben anzunehmen. Ich habe den Pilotfilm nicht gesehen und bin trotzdem sehr schnell in die Welt eingestiegen. Der Grund dafür liegt in den brillanten Charakteren, deren Entwicklung die wohl einschneidenste und überzeugendste sowie tiefgehendste ist, die ich je in einem Film oder einer Serie gesehen habe - keiner der vielen Charaktere ist am Ende der vierten Staffel noch der Mensch, der er am Anfang der ersten war -, dem hervorragend umgesetzten Ambiente, aber vor allem in der Ernsthaftigkeit der Erzählung, die sich vollständig von dem albernen Stil der Ursprungsserie von 1978 abhebt.

Zu Beginn der Serie schien diese zwar technisch überzeugend und spannend erzählt, aber sonst nichts besonderes: tapfere Piloten sichern das Überleben der Flotte, ergehen sich in den üblichen martialischen Männlichkeitsritualen, der harte Militärkommandeur wird von seinen Untergebenen geschätzt und prinzipiell ein Hohelied auf die Armee gesungen. Doch sehr schnell ändert sich dieses Setting grundlegend. Nachdem die Charaktere auf der Galactica eingeführt sind, expandiert die Geschichte vom militärischen Mikrokosmos der Galactica in den gesellschaftlich-politischen Mikrokosmos der Zivilisation der zwölf Kolonien.

Man lernt rasch das politische System kennen (eine republikanische, repräsentative Demokratie) und wie das Leben auf den Raumschiffen und auf der Flucht die Menschen verändert. Eine große Frage wird aufgeworden: zwar ist die Flotte im Krieg und auf der Flucht, aber bedeutet das, dass man die alte Ordnung so leicht aufgeben darf? Das Militär ist drauf und dran, die Herrschaft zu übernehmen, einfach weil es so furchtbar einleuchtend ist, dass sie es tun und die Militärs die Bedürfnisse der Zivilverwaltung nicht verstehen und Werte wie Pressefreiheit ihnen eigentlich nur schaden.

Und das ist nur der erste elementare Konflikt dieser Art, den die Serie aufwirft und der frappante Ähnlichkeit mit den Fragestellungen unserer Zeit aufweist. Da ich wirklich nicht zu sehr spoilern will, hier nur eine Auflistung weiterer topoi, die im Laufe der Serie nicht in dieser Reihenfolge und voneinander unabhängig behandelt werden:

- Widerstand unter einem Besatzungsregime. Wie weit darf man in der Opposition dazu gehen? Sind Selbstmordattentate legitime Kriegsaktionen? Sind Kollaborateure wie Feinde zu behandeln? Oder gar schlimmer? Kann man mit Kollaboration/Widerstand Leben retten? Wie bestraft man danach Kollaborateure?

- Rechtsstaat. Verdienen auch die Feinde einen fairen Prozess? Gibt es Menschenrechte auch für menschenähnliche Wesen wie die Zylonen? Können Bürgerrechte suspendiert werden, weil die Situation dies erfordert?

- Moralische Fragen. Wenn jemand Böses tut, ist es dann gerechtfertigt selbst Böses zu tun um ihn davon abzuhalten? Ist es erlaubt, das Recht zu brechen um das offenkundig Bessere zu tun, wenn das Recht es dem Schlechteren erlaubt, durchgesetzt zu werden? Ist es erlaubt zu lügen, um den anderen Menschen vor der schädlichen Wahrheit zu schützen? Welche Opfer darf man bringen, um ein Ziel zu erreichen?

- Soziale Fragen. Kann es angehen, dass die Herkunft eines Menschen über seinen späteren Beruf entscheidet? Ist der Lebensweg eines Menschen von Anfang an festgelegt? Ist der Streik ein probates Mittel zur Lösung dieser Konflikte?

- Philosophische Fragen. Kann eine Maschine lieben? Träumen Roboter von elektrischen Schafen?

Dies ist nur, was mir spontan einfällt. In Wahrheit werden noch viel mehr solcher Fragen abgehandelt. Mal sind sie Gegenstand eines episoden- oder sogar staffelübergreifenden Plots, mal sind sie nur als Schwingung im Hintergrund vernehmbar, aber stetig wird der Zuschauer zum Nachdenken und Reflektieren angeregt. Das Angenehme ist, dass diese Fragestellungen sich nie in einer störenden Weise in den Vordergrund drängen. Sie gehören generisch zum Setting dazu, und die Geschichte bleibt spannend und abwechslungsreich. Zum Wesen der Serie gehört auch, dass sie keine endgültigen Antworten gibt. Die Charaktere treffen Entscheidungen, aber es gibt eigentlich immer einen Charakter, der eine andere Meinung vertritt. So ist es auch dem Zuschauer in vielen Fällen überlassen, sich selbst ein Urteil zu bilden, es wird ihm nicht bequem wie in einem Jerry-Bruckheimer-Streifen auf dem Silbertablett serviert.

Deswegen noch einmal der abschließende Apell: seht euch die Serie an, wenn ihr könnt auf englisch. Ihr werdet es keinesfalls bereuen, euch in die Welt von BSG versenkt zu haben. Und ach ja, wenn ihr Brettspiele mögt, holt euch ruhig auch das Spiel dazu, es ist es wert.
So say we all!

Kommentare:

  1. Du kannst mich als Leser 751 zählen, der aber die diversen Zählmechanismen dieser Seite aus Datenschutzgründen blockiert. ;-)

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  2. Empfehle unbedingt, die 3-stündige Pilot-Miniserie von 2003 zu schauen. Gehört für mich (zusammen mit dem Übergang von der zweiten zur dritten Staffel) zum Besten, was es so an TV-Sci-Fi gibt, auch wenn es da noch nicht ganz so politisch zugeht. Die DVD kriegt man für wenig Geld unter dem Titel "Kampfstern Galactica".

    Den Creator Ron Moore (studierter Politikwissenschaftler) fand ich schon bei "Star Trek - Deep Space Nine" genial, aber in BSG kann er sich so richtig austoben: Teilweise ist es ja eine 1:1-Aufarbeitung der US-Geschichte seit den gefälschten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000. Der BSG-Cast hat dann auch an einer UN-Podiumsdiskussion über Menschenrechte mitgewirkt (siehe youtube).
    Interessant auch die vielen religiösen Aspekte: Polytheismus (Menschen) vs. Monotheismus (Zylonen) und religiöser Fanatismus in Verbindung mit Selbstmordanschlägen ... Würde mal sagen, nie war eine Sci-fi-Serie relevanter und aktueller als BSG.

    Es gibt einen schönen Essayband über BSG, in dem die gesellschaftlichen Hintergründe beleuchtet werden: "Cylons in America - Critical studies in Battlestar Galactica". Hab da nur mal kurz reingeschaut, sah sehr vielversprechend aus.

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  3. In der Tat eine gute Serie, auch wenn mit die insgesamt sehr düstere Stimmung auf Dauer etwas das Vergnügen getrübt hat. Aber aunschauen lohnt sich definitiv. :)

    CyA
    Caana

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  4. Es ist eine sehr erwachsene Serie und ich mag sie auch sehr. Mit Sci-Fi hat sie sogar eigentlich recht wenig zu tun. Es geht wirklich mehr um die Charakterentwicklung und schwierige moralische Entscheidungen. Für den Durchschnittszuschauer, der nur leichte Unterhaltungskost haben will, ist sie sicher nix.

    Das Einzige was mich ein wenig stört, ist der starke religiöse Touch der Serie. Auch das Militaristische Gehabe könnte weniger sein. Wir von ZG haben die Serie natürlich auch schon lange entdeckt. Zu finden unter www.zeitgeistlos.de unter der TV-Reflektion im Bereich Medien.

    P:S: Wieso funktioniert bei Dir die copy/paste taste beim kommentieren nicht? Sonst hätte ich den Link eingefügt -.-

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  5. Die Serie ist allerdings eine der besten SF-serien aller Zeiten

    Dementsprechend ist auch Das Prequel zur Serie "CAPRICA" zu empfehlen

    Auch dort werden alltagliche und nichtalltägliche Fragen aufgeworfen

    Leider bisher nicht auf deutsch erhältlich und leider auch nach der ersten Staffel eingestellt

    Aber unbedingt anschauen

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