Montag, 21. Januar 2013

Wie man einen Artikel nicht schreibt

Von Stefan Sasse

Ich habe ja schon länger ein Problem mit dem Schreibstil in bestimmten Genres des Journalismus, die von der BILD herkommend besonders bei SpiegelOnline eingerissen sind und sich von dort krebsgeschwürartig in den anderen Verästelungen des so genannte  Qualitäts-Journalismus fortwuchern. Dazu gehören beispielsweise Überschriften wie "So [Adjektiv] ist [Substantiv]" oder "Wie [Adjektiv] ist [Substantiv] wirklich?" Aber das ist nur grauenhafter Stil, der mit seiner marktschreierischen Qualität Leser anlocken soll. Es funktioniert ja, und ist irgendwo legitim. Gar nicht legitim ist dagegen die Unart, eigene Spekulationen, Meinungen und Sehnsüchten irgendwelchen Leuten auf den Hals zu schreiben und so zu tun, als hätte man großartige Informationen, während man in Wahrheit nur vor einer dürren dpa-Meldung sitzt. Ein Paradebeispiel dafür ist der Artikel "Brüderle zückt den Dolch" von Philipp Wittrock bei SpOn. Schauen wir uns einmal ein paar Formulierungen näher an. 

Die beiden spielen eine entscheidende Rolle bei der möglichen Neuordnung der Parteispitze, sollte der umstrittene Rösler zurücktreten müssen.
Umstritten ist Rösler überhaupt nicht - ich habe noch von niemandem gelesen, der nicht bei der FDP-Parteizentrale angestellt ist und ihn gut findet, schon gar nicht beim Spiegel. Da ist überhaupt nichts umstritten. Klingt aber gut und objektiv. 

Niedersachsen ist Röslers Schicksalswahl. 
Typisches, eigentlich kaum mehr erwähnenswertes Beispiel einer absurden Personalisierung um Spannung für einen arschlahmen Landtagswahlkampf zu erzeugen. Nur durch solche Aussagen erhält der Wahlkampf überhaupt eine echte bundespolitische Brisanz, die eine Beschäftigung möglich macht.

Verpasst die FDP in Hannover den Wiedereinzug ins Parlament, wäre der Vorsitzende nicht mehr zu halten.
Sagt wer? Siege oder Niederlagen in Wahlen haben überhaupt nichts mit dem Halten zu tun, da geht es nur darum, ob es Leute gibt, die glauben eine Chance zu haben - etwas, das man Brüderle sicher zu Recht unterstellen kann. Auch schön ist das Passiv hier im Satz: "wäre nicht zu halten". Wer hält, wer hält nicht, und warum? So wird das Ganze ins Reich des unpersönlichen gezogen. Irgendwer wird schon. 
Auch wenn der Sprung über die Fünfprozenthürde gelingt, das Ergebnis aber nicht für eine Fortsetzung der schwarz-gelben Landesregierung reicht, wird es schwer für Rösler.
Erneut: der Wahlerfolg selbst ist nur Auslöser, nicht Ursache. Steinmeier hat ein desaströses Wahlergebnis gehabt und fiel wegen der Organspende wochenlang aus. Das hat seine Stellung überhaupt nicht angekratzt.  Rösler hat keinen Rückhalt in seiner eigenen Partei, weil drei Landesverbände an seinem Stuhl sägen.

Die jüngsten Umfragen haben den niedersächsischen Freidemokraten schließlich wieder Hoffnung gemacht.
Woher wissen wir das? Hier wäre ein Konjunktiv angebracht - könnten Hoffnungen machen, machen wahrscheinlich Hoffnungen, dürften Hoffnungen machen - denn wir wisse schlicht gar nichts über die Gemütswelt der niedersächsischen Freidemokraten. Im nächsten Satz macht Wittrock es richtig: Einen Erfolg im Norden dürfte Rösler auch für sich reklamieren. 

Seine Kritiker glauben nicht, dass die FDP mit Rösler an der Spitze Schwung für die Bundestagswahl im Herbst holen kann. Sie wollen, dass der Chef geht - ganz gleich, wie Niedersachsen ausgeht.
Und jetzt sind wir im Herzen: wer sind denn "seine Kritiker"? Brüderle und Lindner sind es nicht, denn am Anfang des Artikels haben wir augenzwinkernd festgestellt, dass sie sich noch rhetorisch zurückhalten. Hätte Wittrock ein Zitat würde er es verwenden, denn er schmückt seinen Artikel mit jedem noch so dürren O-Ton. In Wirklichkeit ist das hier seine eigene Meinung: er glaubt das nicht (auch wenn man ihm zugute halten muss, dass er mit der Meinung wahrlich nicht alleine ist), schreibt sie aber anonymen "Kritikern" zu, weil das besser und seriöser klingt und die Fiktion eines objektiven, neutralen Journalismus aufrecht erhält, wo man in Wirklichkeit eine Kampagne gegen Rösler fährt. 

Brüderle und Lindner haben sich in den vergangenen Wochen mit Kritik an Rösler zurückgehalten. Doch sie wissen, selbst ein Überraschungssieg im Norden wird die Debatte über den Vorsitzenden nicht beenden.
Woher weiß Wittrock, was Brüderle und Lindner "wissen"? Wittrock denkt, dass ein Überraschungssieg die Debatte nicht beenden wird (wozu es keine hellseherischen Fähigkeiten braucht wenn man selbst die Debatte führt) und tut hier so, als hätte er tiefgehende Einsichten in Brüderle und Lindner, die er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht hat. 

Also haben sie jetzt den Druck auf Rösler erhöht. Er soll nicht auf die Idee kommen, ein Weiter-so sei eine Option. Die Botschaft: Egal, was die Wahl in Niedersachsen bringt, es muss etwas passieren. 
Wir wissen übrigens immer noch nicht - und werden auch nicht erfahren - was Rösler eigentlich gerade falsch macht. Das ist aber auch egal, denn der Mann personifiziert den Untergang seiner Partei und muss weg, damit der nächste Vorsitzende erst hochgeschrieben und dann zerfetzt werden kann.  Auffällig auch hier wieder der sichere, absolute Ton: Wittrock weiß ganz genau, was Brüderle und Lindner denken und beabsichtigen. Der Konjunktiv "dürfte" wäre erneut wesentlich angebrachter. 

Hinter den Kulissen wird schon seit Tagen hin und her überlegt, wie man Rösler zum Abtreten bewegen kann.
Und wieder: Hinter den Kulissen, wie die "Kritiker" vorher. Wenn Wittrock überhaupt von irgendjemandem gehört hat, was er im Folgenden schreibt, war es wohl blankes Hörensagen. Jedenfalls legt er im Folgenden einen detaillierten Plan dar, als habe er auf einer Brüderle-Lindner-Strategiesitzung mitschreiben dürfen. Genauso wahrscheinlich ist, dass er denkt, dass es so passieren könnte und realistisch sei. Erneut, das ist durchaus eine valide Einschätzung, aber als solche stellt Wittrock sie nicht dar, sondern als Fakt.

Zwar wundern sich viele in der Partei über das Timing. So zeigte sich der niedersächsische FDP-Spitzenkandidat Stefan Birkner angefressen:
Ein echtes Zitat, kein Hörensagen! Keine Bange, gleich gehts weiter.

Mancher behauptet sogar, der FDP-Fraktionvorsitzende wolle all jene in Niedersachsen zur Stimme für die Liberalen animieren, die bislang Angst davor hatten, sie könnten damit die Amtszeit Röslers verlängern.
Zu "die Kritiker" und "Hinter den Kulissen" tritt nun "Manche". "Manche" sind wahrscheinlich Wittrocks Kollegen, die an der Kaffeemaschine einen Witz gerissen haben. 

Viele wünschen sich den leutseligen Pfälzer als Nachfolger Röslers an der Parteispitze.
"Viele" kommen dazu, der Inhalt bleibt der Gleiche: "Ich". 

Brüderle selbst reißt sich zwar nicht darum, aber er würde sich bitten lassen - für eine Übergangsphase. 
Erneut, kein Zitat verfügbar. Aber Brüderle würde "sich bitten lassen", für "eine Übergangsphase". Das ist in etwa so, als würde Wittrock die Res Gestae für bare Münze nehmen. 

Möglich, dass Lindner in einer neuen Führungsmannschaft Parteivize wird, um später von Brüderle zu übernehmen. Auf jeden Fall dürfte Lindner, auf den auch der FDP-Ehrenvorsitzende Hand-Dietrich Genscher große Stücke hält, im Bundestagswahlkampf eine wichtige Rolle spielen.
Zur Abwechslung mal wieder was Gutes: so sollte der ganze Artikel formuliert sein. 

Auch wenn es teils ermüdend war - solche Formulierungen sind in diesem Typus Artikel extrem häufig. Man liest sie ständig, und sie sind ein reines Surrogat für Informationen, die man nicht hat. Warum man die Leute nicht einfach einen Kommentar schreiben lässt, in dem sie ihre eigene Meinung offen vertreten dürfen und sie stattdessen zwingt, in solchen Formen Objektivität vorzutäuschen, wo klar keine ist, verstehe ich nicht. Aber für mich zumindest ist dieser Quatsch ein wesentlicher Teil der "Krise des Journalismus". 

Kommentare:

  1. In diesem Sinne hättest Du Deinen Artikel natürlich

    "So schreiben Sie Artikel richtig"

    "Die 10 häufigsten Fehler beim Schreiben"

    oder

    "Wie gut schreiben Sie wirklich" nennen müssen.

    :-)

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  2. Sasse wir immer besser.
    Fast hätte ich "feinfedriger Qualitätsjournalismus" geschrieben...

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  3. Was mich ebenso nervt, sind die 3er-Teasertexte, die z.B. die SZ bei Interviews verwendet. Erst zwei normale Punkte, aber der dritte dann gezwungen ulkig um den Leser zum klicken zu animieren (im Stil von "Ein Gespräch über ihre neue Filmrolle, den Mann für's Leben und wieso manchmal ein Müsli doch das bessere Steak ist.")

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    1. Wobei ich das noch halbwegs legitime Vermarktung finde.

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