Mittwoch, 6. Juni 2007

G8-Nachlese

Seit sich der vorrangig publizistische Rauch wieder ein wenig verzogen hat, sieht man vieles klarer. Beginnen wir mit der Sachlage, für die keine klare Sicht notwendig ist, ja, eine verdeckte und verdrehte geradezu Grundvorraussetzung: die Hetze der Springerpresse. Die B.Z. hat in einem Artikel einen großen Aufruf zum Dank an die Polizei gestartet, die tapfer in der Unterzahl gegen ein Heer gewaltbereiter Demonstranten ausharrte - so der Tenor. Die Bürger werden aufgerufen, den Polizisten für ihren aufopferungsvollen Einsatz zu danken und ihnen Geschenke zu machen.
Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die Zahlen der Verletzten grotesk übertrieben waren - was keine übermäßig große Überraschung ist; falsche Zahlen und Behauptungen zum Aufstacheln der Situation hatten wir vor 40 Jahren schon. Dass aber von den über 40 "schwer verletzten" Polizisten am Ende ganze zwei leicht verletzte übrig bleiben, ist schon ein dicker Hund.
Inzwischen hat auch Josef Stiglitz, quasi der ökonomische Kopf der G8-Gegner, in einem Spiegel-Interview sehr verkürzt seine Thesen ausgebreitet. An der Stelle noch einmal der Tipp, Stiglitz zu lesen. Er war Chefökonom der Weltbank und ist Ökonomienobelpreisträger, selbst meine Dauerkritiker werden seine Kompetenz kaum anzweifeln können.
Fast untergegangen indes sind die Demonstrationen der Rechten. Wegen der Konzentration der Polizei auf die friedlichen Demonstranten in Rostock gelang es den Neonazis, zwei (!) Demonstrationszüge unangemeldet durch das Brandenburger Tor am Holocaust-Denkmal vorbeimarschieren zu lassen. Die von amerikanischen Botschaftswächtern herbeigerufene Polizei wurde einfach beiseite geschoben, erst der dritte Demonstrationszug der Neonazis konnte mit 250 Beamten aufgehalten werden. Versagt haben dabei aber weniger die Polizisten, die schließlich wirklich nicht überall sein können, als vielmehr die Geheimdienste und der Verfassungsschutz, die von der Rechtskonzentration in Berlin genauso überrascht wurden wie die Polizei selbst. Bisweilen fragt man sich schon, was außer dem Bespitzeln unbescholtener Bürger sie mit ihren außerordentlichen Vollmachten und Budgets eigentlich machen.
Im Deutschlandradio wird ein Polizeipsychologe interviewt, der die Schuld an der Eskalation in Rostock eindeutig den Staatskräften zuschiebt - und Recht hat. Konzepte, die sich bereits in den 1970er Jahren als verfehlt und unwirksam herausgestellt haben, wurden in Rostock angewandt, im Vorfeld wurde, auch über die Medien, massiv polemisiert, pauschalisiert und aufgeheizt. Statt aggressiver Gewalt seitens der Polizei (auch von Merkel im Chor mit Schäuble als Null-Toleranz gefordert) empfiehlt der Psychologe - psychologische Konzepte, wie man sie seit Jahren auf Großveranstaltungen wie dem Oktoberfest anwendet, wo regelmäßig mehr Sachschaden angerichtet wird als auf der Rostocker Demo. Auch Telepolis geht, unter anderen Vorzeichen, auf diese Frage ein: die Bilder von militanten Demonstranten werden in den Medien immer gezeigt, die von Polizeigewalt nie. Woran liegt das?
Zuletzt ein SZ-Artikel zum neuen CDU-Programm, das pünktlich zum G8-Gipfel deren Profil in Richtung Volkspartei zu erweitern sucht, so dass am Ende ein einziger brauner Mischmasch übrig bleibt. Die NDS hatten das bereits gut kommentiert.
SpiegelOnline brachte das Gerücht in Umlauf, eine gewisse "Clown's Army" habe Gift gegen Polizisten gesprüht. Nachdem diverse Magazine und Zeitungen die Meldung ungeprüft übernommen hatten stellte sich heraus, dass es sich um - Seifenblasen gehandelt hatte.

Kommentare:

  1. Auf diese Weise erfährt man wenigstens einmal, was diese Angabe: “Schwer verletzte” eigentlich bedeuten soll. Alles hat sein Gutes.

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  2. Auf einer Pressekonferenz des der Gesamtkoordination des G8-Protestspektrums wurde heute ein Bild veröffentlicht, das eine Person zeigt, die hinter einer Polizeikette auf dem Bauch liegt ein T-Shirt um den Kopf gezogen hat. Der RAV erklärt dazu:

    "Die Person, die das Foto gemacht und uns übergeben hat, beobachtete, wie ein Polizeibeamter einen jungen Mann mit einem Schlag zu Boden brachte. Der junge Mann lag dann mit Gesicht und Bauch zum Boden zugewandt, während ein Beamter mehrfach mit der Hand seinen Kopf auf den Boden stieß und ein anderer Polizist das weiße T-Shirt [...] um den Hals des Betroffenen wrang und zuzog."

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