Montag, 4. Juni 2007

Nachbetrachtung der G8-Demo

Es ist absolut interessant: auf eine gewisse Art ist der G8-Protest verlaufen wie erwartet, auf eine gewisse Weise auch wieder nicht. Dass es zu Ausschreitungen kommen würde war so sicher wie das Amen in der Kirche. Zu denen kam es auch bei der WM, nur hat da seltsamerweise niemand lang und breit über einen Bruchteil unter den Fans berichtet, die einfach dämliche Spinner sind. Gleiches gilt hier für die Autonomen, die als "schwarzer Block" mitmarschierten und von denen die Gewalt wohl größtenteils ausging.
Aber geklärt ist die Lage beileibe noch nicht: die ergreifende Schilderung des Politblogs, wie die Polizei die friedlichen Demonstranten aus heiterem Himmel attackierte, passt nicht ins Bild. Das hat auch damit zu tun, dass die Demo seltsamerweise nach Blöcken organisiert war: vorweg die "Guten", die Grünen, attac, die Linke. Hinten an die "Bösen", DVU, der schwarze Block. Als die Gewalt losging, waren die "Guten" bereits am Ende der Demo angekommen, wo ein Konzert stattfand.
Ebenfalls zu erwarten war das Verhalten der rechtskonservativen Medien von Spiegel bis BILD:
Während der Spiegel geradezu lächerlich versucht, die Zahl der Demonstranten auf unter 25.000 kleinzureden (es waren wohl rund 80.000), betätigt sich das Sturmgeschütz gegen Demokratie BILD wieder einmal als eben dieses. In unzulässigerweise werden alle Demonstranten in einen Topf geworfen, wahlweise als gefährlich-irre Kriminelle oder naive Weltverbesserungshippies ("Gegen die Globalisierung zu demonstrieren ist so sinnvoll wie gegen einen Wolkenbruch zu demonstrieren"). Die BILD fabuliert eine generelle Gegnerschaft gegen die Globalisierung, die überhaupt nicht existent ist; attac steht dezidiert wie die anderen Gegner für eine ANDERE Globalisierung. Den Höhepunkt der BILD-Hetze findet folgender Satz:
Im Widerstand gegen die Globalisierung vereinigen sich die Feinde von Demokratie und Marktwirtschaft.
Fett gedruckt mitten im Artikel findet sich eine These, die an intellektuellem Tiefflug kaum zu überbieten ist. Ich glaube nicht, dass man sich ernsthaft weiter mit ihr auseinandersetzen muss.
Ein weiteres interessantes und bisher eher unbeachtetes Faktum ist das der Demo vorangehende Training der Polizei. Günter Wallraff hatte bereits in den 1960er Jahren ein solches Demonstrationstraining beschrieben, bei dem die Polizei schon im Vorfeld, quasi von Amts wegen, unglaublich aufgeheizt wurde. Der RP-Bericht vom Polizeitraining für Rostock eröffnet verhängnisvolle Parallelen: in einem gänzlich abstrusen Szenario (die Demonstranten führen eine richtige Schlacht gegen die Polizei, versuchen Wasserwerfer in die Falle zu locken und werfen Steine, Balken und Hausrat von Häusern herab) werden die Polizisten gezielt auf eine Eskalation vorbereitet. Am 2. Juni 1967 hatte mand en Polizisten gesagt, die Demonstranten hätten einen der ihren erstochen, was der scharfen Stimmung exzessiv Vortrieb gab. In Rostock wurden bald Schauermeldungen von über 100 verletzten Polizisten verbreitet, die sich bald auf drei reduzierten - aber da war der Kampf bereits im Gange, und im Verlauf der Ausschreitungen kamen weitere 433 hinzu.
Während vernünftige Stimmen nun eine Deeskalationsstrategie der Polizei fordern, ist für Polizeisprecher und rechte Regierungskreise (allen voran Schäuble und Beckstein) klar: eine Null-Toleranz-Schiene muss gefahren werden, mit mehr Kontrollen und Verhaftungen. Warum der von Anfang an isolierte und hervorragend zu überwachende schwarze Block überhaupt so problemlos mit dem Steinewerfen beginnen konnte, ist unklar. Vielleicht, weil die Hälfte auf den Gehaltslisten des BND steht? Fragen über Fragen.

Kommentare:

  1. Das mit den Blöcken stimmt nicht. Von der Demo vom Bahnhof aus sah's so aus (ausm Gedächtnis):
    - Gerechtigkeit jetzt - Erlassjahr.de - Via Campesina - Interventionistische Linke (Make Capitalism History) [dies ist der in den Medien beschriebene "schwarze Block"] - attac und diverse andere - Linkspartei - ...

    Zwischendrin waren noch kommunistische Türken, die koreanische Arbeitspartei, etc. pp.

    Da auf der Demo keine rechten waren, war da auch keine DVU - oder was meinst Du mit DVU?

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  2. Hm, ich dachte, ich hätte das so gelesen, muss mich getäuscht haben (oder der Autor, je nachdem). Hab grad aber keinen Nerv, die Quelle ausfindig zu machen, war glaube ich NDS.

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  3. Hmmm, aber aussehen tun diese Schlachten immer äußerst interessant. Ich denke da lohnt es sich auch mal Polizist zu sein...

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  4. http://www.youtube.com/watch?v=xTlYBTwjzfg

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  5. Ich finde die Reaktion der Polizei keineswegs übertrieben. Wenn da einpaar Demonstranten meinen Steine werfen zu müssen, dann sollen die auch richtig kassieren.

    Ich finde diese Demos sowas von lächerlich. Hauptsache mal demonstriert aber einen vernünftigen Vorschlag wie man etwas ändern kann, OHNE dass sich die Industrieländer noch weiter verschulden hat niemand. Naja aber demonstrieren und Steineschmeißen dass kann man. Von Links bis Rechts alles das gleiche Volk.
    ... nicht vergessen ...
    Zu weit Links ist ganz schnell Rechts!

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  6. Bei der WM gabs sehr wohl eine ähnliche Berichterstattung.
    Und dass Polizisten ziellos auf friedliche Demonstranten einschlagen, halte ich auch für ein Gerücht, egal wer da welche Bilder liefert oder was für ein Schund dazu geschrieben wird. Erstens zieht das einen Rattenschwanz an Schreibarbeit nach sich, die kein Polizist gern macht. Zweitens haben sie überhaupt kein Motiv. Drittens - wenn ich solche Idioten in meiner Nähe sehe, dann hau ich gefälligst ab, sonst brauch ich mich nicht zu wundern wenn ich nachher mitten drin statt nur dabei bin. Ich wollte auch nicht bei jedem Idioten neu entscheiden ob ich gleich durch greif oder mir erst eine aufs Maul hauen lass, bevor ich mich was tu.
    Außerdem sind die Polizisten doch bloß die gelackmeierten, weil die Arschlöcher in Berlin meinen sie müssten eine Demonstration ihrer Macht abliefern. Der ganze Gipfel is doch ein Witz. Ich sag schon lange: mit dem Land gehts den Bach runter. Aber lang spiel ich da nimmer mit, im Zweifel verlass ich das sinkende Schiff

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  7. Ich denke auch so kann man leicht meckern... aber steht ihr Hobbykommies die euch so beschwert mal als Polizist mitten in so einer Menge, da hau ich auch zu wenn ich beworfen werd. Das man da nicht einfach alles mit sich machen lässt is ja wohl klar...

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  8. Der Spiegel mag zwar rapide an Qualität eingebüßt haben, über seine wirtschaftspolitische Ausrichtung kann man gewiss auch streiten. Ihn aber als rechtskonservativ zu bezeichnen wird ihm aber in keinster Weise gerecht.

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  9. Heute in der Stuttgarter Zeitung: 47 Schutzhelme (und das sind verdammt schwere Teile) von Polizisten sind zerbrochen. Wenn da ein Stein mehr fliegt, wacht der vielleicht nie mehr auf. Soviel dazu.
    Was ich lustig find: offenbar steht auf der Themenliste des Gipfels auch die Bekämpfung von Raubkopien. Wie lächerlich ist denn das? Arme Welt.

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  10. @Chris: Ich rege mich auch nicht darüber auf, dass die Polizei gegen Steineschmeißende Vollidioten vorgeht, sondern die friedlichen Demonstranten attackiert, wie auch zuvor bereits in Hamburg geschehen. Und dein Warnhinweis hat zwar seine Berechtigung, ist aber in diesem Kontext völlig fehl am Platz.
    @Jan: Zustimmung für den zweiten Teil des Kommentars, aber leider hat sich in der Vergangenheit (siehe auch den Beitrag zum 2. Juli), gerade in Hamburg, gezeigt, dass sie es eben doch tun. Das Ganze zieht keinen Haufen Schreibarbeit nach sich, da überhaupt nicht identifizierbar ist, welcher Bulle wo prügelt. Davon abgesehen war ich auch auf den Stuttgarter Anti-Gebühren-Demos und habe am eigenen Leib erfahren, wie die Bullen vorgehen.
    @Könich: Hast du die Bilder gesehen? Da stehen keine einzelnen Polizisten in der Menge, die sich dann gegen Aggros verteidigen - da sind Formationen aufgefahren.
    @Anonym: Da hast du sicher Recht, das sollte auch polemisch sein.
    @Jan: Wie gesagt - ich hab kein Verständnis für die Steinewerfer.

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