Freitag, 14. Dezember 2007

Du bist Deutschland - Reloaded

Die Bertelsmann-Stiftung hat mit zahlreicher Unterstützung ihrer Angestellten im Bundestag den zweiten Teil der Kampagne "Du bist Deutschland" aufgelegt. Dieses Mal geht es um unsere Zukunft: unsere Kinder. Denn wir tun nicht genug für Kinder. Deswegen geht es unseren Kindern schlecht, und deswegen haben wir immer weniger Kinder. Aber wenn wir alle, jeder für sich, mehr privates Engagement für unsere Kinder zeigen, dann, ja dann, wird unsere Welt ein Stückchen besser werden.
Schon einmal aufgefallen, wie viele "wir" und "uns" allein in dem Teil da oben stehen? So verhält es sich auch mit der Kampagne. Bertelsmann, ein vollkommen altruistischer Weltkonzern ohne jegliche materiellen Ziele, hat stolz verkündet, dass Merkel und von der Leyen bei der Vorführung ein paar Tränen verdrückt hätten. Dann muss es eine tolle Kampagne sein; die erste, die Begleitmusik für schwarz-gelb hätte werden sollen, hat nach Angaben von Bertelsmann 10 Millionen Menschen dazu gebracht, sich besser zu fühlen. Die neue soll das bei 20 Millionen schaffen. Wahrscheinlich sind wir nach diesem Szenario alle eine glückliche Bertelsmannfamilie und fragen uns nicht mehr, woher diese Phantasiezahlen kommen.
Aber befassen wir uns mit der Kampagne selbst. Der Sinn und Zweck ist dabei etwas diffizil. Eine Kampagne mit solchem Budget könnte in der Politik ein Erdbeben auslösen, ohne Frage. Die Familienpolitik in Richtung Antworten treiben. Aber genau das will die Kampagne dezidiert nicht. Was sie will ist vielmehr etwas anderes. Das offenbart sich auch schon im Bild: schöne, deutsche und weiße Kinder aus reichen Akademikerhaushalten blicken vom Zelluloid herab. Migranten- oder arme Kinder? Fehlanzeige. Alleinerziehende? Problemfamilien? Nichts von alledem.
Stattdessen findet sich in der Broschüre ein Hammerspruch:
Zugleich verknappen die sinkenden Geburtenzahlen das Rekrutierungspotential von Polizei und Bundeswehr und stellen damit deren Einsatzfähigkeit langfristig in Frage.
Scheint so, als ob Alice Schwarzer letztlich Recht behielte und tatsächlich wieder Kinder für den Führer geboren werden sollen. Nur verwette ich viel, viel Geld darauf, dass sie sich vollkommen mucksmäuschenstill verhalten wird.
Viel Schlimmer aber wiegt die eigentliche Botschaft der Kampagne, die angesichts der Initiation durch die Bertelsmann'schen Thinktanks nicht verwundern darf und geradezu dem neoliberalen Handbuch zu entspringen scheint: nicht der Staat hat hier durch vernünftige Familien- und Sozialpolitik etwas zu regeln, sondern die Menschen individuell und eigenverantwortlich (und damit letztlich im freien Friss-oder-Stirb-Wettbewerb stehend) dagegen vorzugehen. Jeder für sich und gegen den anderen. Die schöne neue Welt, die die Kampagne hier zu suggerieren versucht wirft die deutsche Gesellschaft erneut in ihrer Entwicklung um hunderte von Jahren zurück - eine sozialdarwinistische Utopie derer, die es sich leisten können, die mit Werbemillionen im Hochglanzpaket unter das Volk gemischt werden soll.

Kommentare:

  1. Sehr schön kommentiert, da werden wir noch viel Spass mit kriegen, arghhhhh ...

    Grüße
    http://chefarztfrau.de/

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  2. und wer darfs mitbezahlen? der steuerzahler. zumindest solange, wie die bertelsmann-stiftung noch "gemeinnützig" ist.

    tim // 6und8zig.de

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  3. "Zugleich verknappen die sinkenden Geburtenzahlen das Rekrutierungspotential von Polizei und Bundeswehr und stellen damit deren Einsatzfähigkeit langfristig in Frage."

    Wen wundert es? Offenbar betrachten die Reichen und Besitzenden die Polizei als ihre Prätorianergarde. Angst davor, dass sie die äußerst "mühsam" abgezockten Millionen mehr oder weniger freiwillig mit Verarmten und Einwanderern teilen müßten, schürt das Bedürfnis nach umfassendem Polizeischutz.

    Lief im Mittelalter auch nicht anders. Da die meisten Menschen aus der Geschichte nichts lernen, können sich uralte Muster leicht und beliebig oft wiederholen.

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  4. "Angst davor, dass sie die äußerst "mühsam" abgezockten Millionen mehr oder weniger freiwillig mit Verarmten und Einwanderern teilen müßten, schürt das Bedürfnis nach umfassendem Polizeischutz."

    Gute Analyse und unvoreingenommen. Wer so zu differenzierten Äußerungen fähig ist, Hut ab.

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  5. Aber ihr könnt doch nicht wollen, dass wir für euch in Kriegen bluten? Wie haben ja was zu verlieren. Ihr ja nur euere Ketten.

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  6. "Wer so zu differenzierten Äußerungen fähig ist, Hut ab." hehe, ich schmeiß mich weg. btw, hab heute mal wieder ein erlebnis mit meiner gesetzlichen Krankenversicherung gehabt. in der zwischenzeit hab ich von diesem sozialen scheissverein die schnauze voll. seit ich dort einzahl haben die mir nicht ein einziges mal was erstattet, jeden scheiss muss ich selber zahlen. ich will wieder zurück in die private!

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  7. "Zugleich verknappen die sinkenden Geburtenzahlen das Rekrutierungspotential von Polizei und Bundeswehr und stellen damit deren Einsatzfähigkeit langfristig in Frage."

    Set wann gehen Akademikerkinder zu den unteren Diensträngen von Polizei und Bundeswehr?

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  8. Wahrscheinlich gar nicht... aber eine Armee / Polizei ist auch ohne Führung nicht einsatzbereit.

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  9. Es geht ja auch nicht um die prinzipielle Notwendigkeit von neuen Angestellten in niederen und hohen Rängen, sondern darum, dass diese explizit mit der Forderung nach mehr Kindern verbunden ist, was schlichtweg Unfug ist. Die Wehrpflichtigen sind es nicht, die die Leistungsfähigkeit der BW erhalten, oder?

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  10. Schon klar... ich finde dieses Argument genauso unsinnig... das war doch bloß eine Anspielung auf den Anonym über mir...

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  11. hallo alles in allem sehr gut zu lesen und auch inhaltlich sehr schön.... macht Spaß.

    Könntest du das Zitat mal verlinken?
    Ich finde es nur in einem anderem Zusammenhang....

    http://idw-online.de/pages/de/news238847

    Der direkt nichts mit der Kampange zu tun hat....

    grüße

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  12. Das Zitat ist direkt aus dem verlinkten Telepolis-Artikel.

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  13. Das Zitat wird im TP Artikel aber nicht in Verbindung mit einer Broschüre der Aktion "Du bist Deutschland" gebracht.

    Nicht das du das Falsch verstehst bin bei der ganzen Kampangen Geschichte deiner Meinung aber das Zitat wird von dir im Falschen Kontext dargstellt...

    Sehr Nett im Bzug auf Bertelsmann ist diese Satire "Die Wahrheit" der taz:

    http://www.taz.de/1/wahrheit/artikel/1/geld-im-container/?src=SZ&cHash=ceb0884ec9

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