Donnerstag, 8. Juli 2010

Buchbesprechung: Franz Walter - Vom Milieu zum Parteienstaat

Von Stefan Sasse
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Die Geschichte der Parteien in Deutschland reicht weiter zurück als nur bis zur Gründung der Bundesrepublik 1949. Zwar waren die insgesamt 19 Jahre Unterbrechung in der politischen Gestaltung der Parteien von 1930 bis 1949 für deren Wirkungsmöglichkeiten eine leere Ära; doch die Zeit der Notverordnung, der nationalsozialistischen Diktatur und der unmittelbaren Nachkriegszeit vollzog sich ja nicht im luftleeren Raum. Die Menschen waren weiterhin da, lebten und entwickelten sich weiter. Franz Walter, profilierter Göttinger Parteienforscher, begibt sich in diesem Buch auf die Spur der spezifischen Parteimilieus von Weimar bis in die heutige Zeit.


Den Anfang und größten Teil machen dabei die „Sternstunden und Tragödien des Sozialismus“, dessen Geschichte in der Tat wechselvoll und aufs Engste mit der deutschen Geisteshaltung verflochten ist. In der das Buch bestimmenden, leicht lesbar-essayistischen Form beschreibt Walter zuerst einige Persönlichkeiten vom linken bis zum rechten Rand der sozialistischen Bewegung; vom Begründer Karl Marx zu Reformisten wie Eduard Bernstein, Gewerkschaftlern wie Otto Brenner und Parteivorsitzenden wie Rudolf Scharping. Gefolgt wird dies von „Verblassten Mythen“, etwa dem roten Sachsen (das heute durch die SED-Diktatur nicht mehr existiert) oder dem radikalen Umschwung von rot zu braun im Thüringen der 1930er Jahre. Die sozialen Bewegungen der 1920er Jahre, in denen die Schaffung eines neuen, sozialistischen Menschen versucht wurde sind ebenfalls einige Essays wert, ebenso wie die „Irrungen und Wirrungen“ wie die Aufgabe Preußens 1932 oder der „Third Way“ Blairs, Giddens und Schröders.
Gefolgt wird dieser Komplex von der „Katholischen Parallelgesellschaft“, die sich in Bismarcks Kulturkampf manifestierte und erst durch die materialistische Konsumgesellschaft der BRD zu Grunde ging. Der Autor hebt dabei besonders auf die auffallenden Ähnlichkeiten im Verhalten und der selbstgewählten Ausgrenzung von katholischem und sozialistischem Milieu ab, die heute bezeichnenderweise beide nicht mehr existieren, da ihre Benachteiligung in der Konsensgesellschaft der 1960er Jahre aufgelöst wurde. Gefolgt wird dieser Bereich von einer Betrachtung der konservativen Lebenswelten, den Traditionen des linken Lagers und der Rolle der Konfessionen in Ost und West, ehe Walter sich mit der Spaltung des Bürgertums beschäftigt, die ebenfalls in der Adenauer-Ära originiert und heute ihren Ausdruck in der Verwirrung von FDP-Wahlergebnissen um die 16% findet.
Die beiden letzten Kapitel befassen sich dann mit den abgehängten Milieus wie den Migranten und den Arbeitslosen und ihrer (kaum vorhandenen) Verwurzelung im Parteiensystem sowie mit den Ausprägungen des Parteienstaates in Deutschland selbst. Walter stellt dabei auch die Frage, ob die sozial benachteiligten und von Parteien kaum repräsentierten Schichten für den Staat gefährlich werden können oder nicht und ob die Parteien zu viel oder zu wenig Macht haben und wie dies in den historischen Kontext einzuordnen ist.

Franz Walters Buch ist eine wahre Fundgrube für alle, die sich näher für Parteien und Wahlverhalten interessieren. Schlaglichtartig befasst sich der Parteienforscher mit bestimmten Aspekten, ohne dabei den Anspruch zu erheben, einen allgemeingültigen oder auch nur ansatzweise vollständigen Überblick zu geben. Die kurzen Essays sind leicht und gut lesbar geschrieben und informieren den Leser über interessante wie in der Wahrnehmung des Autors typische Aspekte der deutschen Milieus. Ein gewisses Grundwissen muss allerdings vorausgesetzt werden, da es sonst kaum möglich ist, die beleuchteten Aspekte in einen größeren Kontext zu rücken. 

Diese Rezension entstand im Auftrag des Roten Dorn und ist auch dort erschienen.  


Kommentare:

  1. Hi Daniel,
    auch dank an dir für die Mühe deiner ausführlichen Kommentare, aber ich werde trotzdem kein Marxist ;)
    Lg
    Stefan

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  2. Hallo,

    Verständnisfrage zum Walterbuch:

    Unklar ist (mir), ob Vf./Prof. Walter sich zur Verfassung bekennt ("Mitwirkung" der Politparteien an "pol. Willensbildung") oder ob Prof. Walter/Vf. die derzeitige, freundlich gesagt: verfassungsfeindliche P r a x i s ausnahmslos a l l e r Politparteien > 5 Prozent in Ganzdeutschland für verfassungskonform hält oder ob Vf. als deutscher Professor nicht mal´s Problem erkennt

    Gruß

    v.A.

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  3. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo du eine Verfassungsfeindlichkeit siehst.

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  4. @Stefan Sasse

    Kriegseinsaetze der Bundeswehr,
    Abschaffung des Sozialstaates,
    Politik nach dem Willen des zahlungskraeftigsten Spenders anstatt nach dem des Volkes,
    Durchsetzung von Gesetzen ueber die Europaschiene anstatt ueber demokratisch gewaehlte Organe...

    Es ist wirklich schwer zu erraten welche verfassungsfeindliche Praxis gemeint sein koennte, wenn es nicht klar und deutlich benannt wird ;)

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