Donnerstag, 7. Oktober 2010

Eine Kotztüte, bitte!

Von Stefan Sasse

Man stelle sich für einen Moment vor, Margot Honecker würde im Neuen Deutschland eine Serie zu der Aufarbeitung von Verbrechen aus der DDR-Zeit redaktionell begleiten. Lassen wir die Vorstellung kurz sinken. Ist jedem klar, wie groß der Neuigkeitswert wäre? Und wie absurd das Ergebnis? Gut, denn so etwas ähnliches plant RTL II. Stephanie zu Guttenberg, den Verteidigungsaußenwirtschaftsstrahleministers Guttenbergs treues Eheweib, die sich derzeit mit größter Penetranz in den Medienzirkus drängelt, wurde "von RTL II als Moderatorin für ein wohl aufsehenserregendes Format gewonnen" (O-Ton DWDL). Das aufsehens- und übelkeiterregende Format trägt den Namen "Tatort Internet - Schützt endlich eure Kinder!" RTL II und Guttenberg geben gleich mit vertrauenserweckendem Lächeln Entwarnung: keine Doku-Soap nach üblichem RTL-II-Muster werde es sein, sondern eine seriöse Show mit einem "gesellschaftspolitischen Anliegen". Rührt sich schon was im Magen? 

Orientieren soll sich die Serie am Vorbild "To catch a Predator", einem - wie könnte es bei der Ideenlosigkeit der Deutschen anders sein - amerikanischen Format, das von 2004 bis 2007 bei NBC lief. Bei dieser Show erstellen die "Investigatoren" Social-Network-Profile von angeblichen Minderjährigen und besuchen Chatrooms, in denen sie versuchen, Erwachsene in Konversationen über sexuelle Themen zu locken und diese dazu zu bringen, den Minderjährigen direkt zu besuchen, der erklärt, alleine an einem bestimmten Ort zu sein und die sexuelle Unterhaltung direkt fortführen zu wollen. Am Ort wartet dann allerdings der Moderator, der den auftauchenden mit Chatprotokollen und Fragen traktiert und sich erst nach den Fragen als Moderator zu erkennen gibt (die ganze Szene wird mit versteckten Kameras aufgenommen). Am Ende bekommt der vermeintliche "sex offender" eine Chance für ein Abschlussstatement, ehe er weggeschickt wird.

Das zumindest ist das Prinzip der amerikanischen Show; denkt man an Guttenbergs letzthin veröffentliches Buch und den Untertitel der Sendung sowie die gesamte Kinderporno-Debatte der letzten zwei Jahre dürfte klar sein, dass zwischen den beiden Formaten kaum substantielle Unterschiede bestehen. Das Problem liegt dabei klar auf der Hand: obwohl die Sendung "To catch a Predator" erklärt, in den Chats nicht aufzustacheln sondern eher einen Mittelweg einzuschlagen, schafft sie Sendung Tatbestände selbst. Im Endeffekt werden Menschen gezielt zu inkriminierenden Aussagen gelockt, denn machen wir uns nichts vor: es ist eine Fernsehsendung im Gossenkanal, die Quote erreichen will, und dazu braucht es Erfolge und sensationelle Fälle. Von der versprochenen Sensibilität im Chatroom dürfte also kaum etwas übrig bleiben. 

Man kann nun argumentieren (und vermutlich wird RTL II das auch tun), dass auf diese Art und Weise Verbrechen wenn schon nicht aufgedeckt so doch zumindest verhindert werden. Tatsächlich können auf diese Art und Weise potentielle Pädophile sicherlich abgeschreckt werden; der Effekt dürfte durchaus heilsam sein. Nur: das ganze passiert vor einem Millionenpublikum im Boulevard-TV, das entsprechend der RTL-II-Linie mit Sicherheit effektheischend und moralisierend sein wird, besonders, wenn man die bekannten Einstellungen der Moderatorin zugrunde legt. Das bedeutet, dass wer auch immer aus welchen Motiven auch immer - diese lassen sich ja nicht überprüfen - dann auftaucht beziehungsweise in en Fokus der Sendung gerät (wir wissen ja noch nicht wie genau das ablaufen soll) vor laufenden Kameras als Pädophiler gebrandmarkt wird. Damit ergeht es jemandem, der sich keines Verbrechens schuldig gemacht hat wie jemandem, der nach verbüßter Strafe irgendwo wohnen will und entsprechend von der Bevölkerung geschnitten, gehasst und ausgestoßen wird, wie es ja schon häufiger vorkam und in den USA durch die Methoden des neumodischen Prangers ja sogar institutionalisiert ist. Und machen wir uns nichts vor: das Abschlussstatement wird daran nichts ändern, denn die Moderatorin hat ja immer das letzte Wort, und eine auch nur halbwegs objektive Urteilung ist bei diesem emotional beladenen Thema eh unmöglich. Letztlich wird die Show also ein gigantischer Pranger sein, vor den Leute gezerrt werden, die formal keines Verbrechens schuldig sind und deren Intentionen zumindest mit einem Unsicherheitsfaktor behaftet bleiben werden. Das ist kein Format, das dazu angetan ist, in irgendeiner Art und Weise berechtigte gesellschaftspolitische Anliegen zu befördern; es ist ein Format, das mit jedem Sendetermin Leben zerstören wird - und ansonsten der schnellen Entrüstung der Zuschauer ein dankbares Ventil bietet. Aber wenn wir ehrlich sind, war bei diesem Sender mit dieser Moderatorenwahl auch nichts anderes zu erwarten. Und wer jetzt sagt, dass ich mich auch der Vorverurteilung hingebe, weil die Sendung schließlich noch nie über den Äther flimmerte hat natürlich Recht. Trotzdem: Wehret den Anfängen!

Via Fefe 

NACHTRAG: Die SZ hat die erste Sendung angesehen und bestätigt exakt meine Befürchtungen. 

Kommentare:

  1. Ich bin für "Tatort Politik".

    Kotzübel ist mir ohnehin schon nach der Ankündigung dieses "Formats".

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  2. Lieber Stefan,

    ich empfinde Deine Beiträge in den letzten Wochen als sehr viel bissiger und ironischer als noch vor einigen Monaten. Bitte bleib so! Es liest sich sehr viel eindringlicher und unterhaltsamer, als der Versuch vermeintliche Objektivität und Sachlichkeit beibehalten zu wollen, die es letztlich eh nie geben kann, da wir alle Individuen sind.

    Und ich hätte gerne eine Kotztüte! ;-)

    Liebe Grüße vom Nachbarn epikur

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  3. zero_content
    ist diese sendung nicht im zusammenhang mit der um sich greifenden restauration in dtschland zu sehen?
    nicht erst,aber spätestens mit der inauguration des "schlechtenberg" als dtschen ministerdarstellers ist die restituierung des sog. adels als moralische instanz (er nahm das weinende kind auf den brüsten seiner mutter -de sade)augenfällig geworden.
    hier wird uns eine eingebildete klasse als vorbild im krassen widerspruch zu der historischen faktizität präsentiert.
    man lese nur den welt artikel einer von und zu,zu den "moralisch desorientierenden" einstufungen der fsk im bereich der filmeinstufung.
    oder wie mein alt-68er-opi im zusammenhang mit den von ihm geschätzten ballerspielen so treffend sagt:usk sa ss

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  4. Tolles Gespann: Kriselnder Sender, dem aktuell gerade nichts spektakuläres einfällt, mit dem er das ohnehin unterirdische Niveau seines bisherigen Programms nochmal unterschreiten könnte und das Gespons des schneidigen Kriegsministers, dass so gerne auch ins Rampenlicht möchte.
    Ich weiß nicht, was mehr Brechreiz auslöst, die Quotengeilheit des Dummsenders, der für die Quote alles zu tun bereit ist, solange es nicht ausdrücklich verboten ist, oder die Dummheit der Zuschauer, die auf die zynische Scheinheiligkeit solcher Sendungen hereinfallen und sich solchen medialen Durchfall ansehen.
    Aber Frau von und zu scheint da ein passendes Biotop für sich gefunden zu haben.

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  5. Da chattet man ganz unverfänglich und unschuldig mit nem Minderjährigen über sexuelle Themen und bloß weil man sich dann mit dem alleine treffen will, soll man als Pädophiler abgestempelt werden? Hätte ja auch sein können man wollte sich bloß ein bißchen nett mit ihm unterhalten. Aber die deutsche Rechtssprechung ist eh voll von krassen Vorverurteilungen. Hab gehört wenn man ne Waffe auf jemanden richtet und abdrückt kann man verurteilt werden auch wenn man danebengeschossen hat, obwohl also gar kein Verbrechen geschehen ist und man vielleicht sogar danebenschießen wollte.

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  6. @Epikur: Naja, zumindest erfreuen sie die Leser mehr. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das so die Zukunft sein soll - ich meine, wollen wir uns ewig damit bescheiden darüber zu ranten, was in den etablierten Medien läuft und uns gegenseitig zu unserer medienkritischen Einstellung und alternativen Ansicht auf die Schulter klopfen? Dieses "Luft ablassen" tut gut, geschrieben wie gelesen und ist immer wieder schön, keine Frage - aber ich versuche auch bestehende Zustände zu verstehen und Alternativen zu erkennen. Dass das etwas trockener und weniger unterhaltsam ist ist klar, aber nichtsdestotrotz notwendig in meinen Augen.

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  7. "Man stelle sich für einen Moment vor, Margot Honecker würde im Neuen Deutschland eine Serie zu der Aufarbeitung von Verbrechen aus der DDR-Zeit redaktionell begleiten."
    Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich. Die Milka-Kuh war auch Täterin, klar. Führt man den Gedanken weiter, dann ist also auch die Verteidigungsaußenwirtschaftsstrahleministersgattin eine Täterin und zwar auf dem Gebiet der Kipo. Grins, grins. Keine Bange, ich finde den Text absolut OK. Und füge philisterhaft hinzu: Wie gut, daß ich kein TV habe, mir entgeht nichts. "TV, c'est opium pour le peuple!"

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  8. Un-glaub-lich! Und sagt so viel über Familie Guttenberg und das geistig-moralische Niveau des Elitenstandes aus, den sie da gerne zu vertreten suchen. Was für dumme Medien-Berater die nur haben müssen, denn das wird ein Bumerang, denke ich.

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  9. @ demokratie-ist-wichtig.de

    Solche Medienhetzereien sagen in der Tat viel über Guttenbergs und Co aus, die Frage ist nur, ob ein Großteil der Leser das auch versteht. Sieht man sich die Kommentare an, dann ist dies wohl eher nicht der Fall. Auch bei Heidi Klums Topmodel-Show oder diesen ganzen Sing-Talentshows werden ja im Grunde genommen Unfähigkeiten und Unfähige vorgeführt, echte Fähgie zu zeigen ist halt viel aufwendiger und dabei weniger interessant. Diesen Zusammenhang kapieren aber anscheinend auch nicht viele, wenn man sich mal so die Kommentarspalten in Online-Zeitungen ansieht.

    Was Frau von Guttenberg angeht: mal in einen Buchladen gehen und sich über ihr Buch lustig machen, denn darin geht es etwa so zu:

    /// Man muss sehen, dass die Medien Sexualisierung von Kindern betreiben, einerseits. Andererseits kann man das aber wieder auch so nicht sagen. Trotzdem muss man die Gefahr erkennen, die von der Sexualierung ausgeht. Aber natürlich kann man nichts dagegen tun außer die Kinder stark machen. Dann wieder muss man sehen, dass man keine Zusammenhänge zwischen Gangsta-Rappern und sexuellem Missbrauch ziehen kann. Andererseits ist Gangsta-Rap für die Sexualisierung unserer Gesellschaft verantwortlich. ///

    So "Einerseits - aber doch nicht - andererseits - und dann doch - aber doch nicht - nochmal seits" in etwa geht das über das ganze Buch hinweg durch.
    Tip: einfach mal ins Literaturverzeichnis reinschauen: wer zuviel welt.de, kaum wissenschaftliche Verlage, und sehr viel sich selbst, also den Verein "Innocence in Danger", zitiert, hat vermutlich nix gescheites zusammengeschrieben, wenn es denn nicht ein Ghostwriter war.

    Frau von Guttenberg profiliert sich und ihren Gatten und verdient vermutlich daran, mehr ist das nicht.

    Sexualisierung im Fernsehen könnte man deutlich stärker einschränken, indem man einfach prüdere Regeln für alle Fernsehsendungen vor 10:00 Uhr aufstellt. Dazu sagt die Gute aber garnichts, auch die Titten-Frau in der Bild wird von Guttenberg nicht kommentiert.

    Es ist Heuchelei, wenn man sich gegen Sexualisierung stellt und dann in der Bild direkt über der Titten-Frau publiziert wird, auch wenns nur wegen der Auflage sein soll. Bild ist noch nicht die einzige deutsche Zeitung. Aber für jede andere deutsche Zeitung war Guttenberg wahrscheinlich zu seicht.

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  10. http://faz-community.faz.net/blogs/deus/archive/2010/10/04/stephanie-zu-guttenberg-ein-koenigreich-fuer-ein-paar-fakten.aspx


    Klingt sehr danach, als würde Guttenberg nur ihr Image schärfen wollen. Hat sie aber erstaunlich dümmlich angestellt dafür, dass sie eine von und zu ist, Geld hat, ihr Mann politisch verdrahtet ist und zumindest Hochschulabschlüsse in ihrer Familie vorhanden sind.
    Aber hätte sie dafür ihren Namen nicht irgendeinem Wissenschaftler zur Verfügung stellen können, damit das, was dann gedruckt würde, wenigstens Wert zu Drucken wäre?

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  11. Fehlt ja nur noch, dass sich Gossensender Nr.2 überlegt, die Gegenperspektive einzunehmen und minderjährige Kinder per Chat an einen abgelegenen Ort lockt, um sie dann dort vor laufenden Kameras zu belehren ("Warum tust Du sowas").
    Wie oft würde dann wohl Fernsehteam Gossensender Nr.1 auf Fernsehteam Gossensender Nr.2 treffen? Leider wäre DAS dann vermutlich nicht Teil der Sendung.

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  12. Die Gemahlin des Märchenkönigs sendet Ihren Geist durch den Äther und gibt sich aufopfernd Ihrem Volke hin. Die große bunte Montagsillustrierte ! Die Inkarnation von Prinzessin Diana und Caroline von Monaco und Königin Silvia in einer Person und das in Deutschland !
    Überwältigend.

    gez. Braunes Hartz.

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