Freitag, 8. Oktober 2010

Marc-Beise-Satire

Von Jürgen Voß

Wir schreiben das Jahr 2020: Die neoliberale Ära in Deutschland ist trotz der acht Totalcrashs des Weltfinanzmarktes und einem Schuldenstand der öffentlichen Haushalte von über sechs Billionen Euro sowie dem völligen Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme immer noch nicht beendet, denn Wahlbeteiligungen von unter fünf Prozent haben dazu geführt, dass Kanzler Phillip Rösler mit seinem kleineren Koalitionspartner CDU unangefochten die Richtlinien der Politik bestimmt. Der Reformeifer dieser Regierung ist ungebrochen. Ihr neuestes Projekt: Die Wiedereinführung der Kinderarbeit. Marc Meise, von der Süddeutschen Zeitung, kommentiert:


Eine Reform, die längst überfällig war
Kinderarbeit ist in Zukunft wieder möglich
Ein Kommentar von Marc Meise
Die Reform des Jugendarbeitsschutzgesetzes, das Kindern unter 13 Jahren bislang verbot, am Arbeitsleben teilzunehmen, war schon lange überfällig. Die alternde Ge-sellschaft, der Mangel an Fachkräften und die permanente Weigerung von Niedrig-qualifizierten, sich auch ohne Lohn am Arbeitsleben zu beteiligen, ließ nur noch eine Möglichkeit zu: Die rund 8 Mio. Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 16 Jahren voll ins Arbeitsleben zu integrieren, insbesondere die bisher ausgeschlossenen Kinder zwischen dem 7. und dem 13. Lebensjahr.

Was aus linker Sicht wie ein Rückfall ins frühe 19 Jahrhundert aussieht, markiert in Wirklichkeit auch pädagogisch gesehen fortschrittliches Denken wie kaum eine andere der großen Reformmaßnahmen der neoliberalen Ära.

Zunächst galt es, mit Vorurteilen aufzuräumen: Woher nahmen wir eigentlich das Recht zu glauben, dass Kinder nicht arbeiten wollen, woher die Anmaßung, dass der Spaß und die Selbstverwirklichungsmöglichkeit, die jedem Arbeiten innewohnt, gerade dieser wichtigen Altersgruppe für immer verwehrt bleiben müsste? Welcher Vater hat nicht schon mit Freude seinen achtjährigen Sprössling beobachtet, wenn dieser beim häuslichen Umbau, die Speißmaschine wie ein alter Hase vom Bau bediente; welches Mutterherz hat nicht schon beim Anblick des Töchterchens höher geschlagen, wenn dieses im Kinderkaufladen geschickt die Kunden übers Ohr balbierte?

Welch unglaublich produktive Kraft lag hier seit 1839 brach, als Preußen die Arbeit von Kindern unter neun Jahren verbot, und dies über fast zwei Jahrhunderte?

Das wird nun anders: Mit den schon seit Jahren eingeführten Englisch-, Französisch und Spanisch-Zertifikaten für die 3 - 6 jährigen und den sog. Computerfahrschein für die 6-10 jährigen entsteht hier durch die Aufhebung des Kinderarbeitsverbots ein neues Erwerbspersonenpotential, das kindliche Kreativität, jugendliche Belastbarkeit und frühpubertären Tatendrang zu einer Einheit fügen wird, die im Rahmen der Globalisierung dem Standort Deutschland wieder einen führenden Platz unter den Industrienationen einräumt.

Dass in sozialer Hinsicht die „neue“ Kinderarbeit ein sorgsam geschütztes Terrain bleibt, dafür sorgen schon die neuen Kinderarbeitschutzbedingungen, die auch die striktesten Gegner dieser Reform beruhigen sollten: Der Kinderarbeitstag bleibt auf 12 Stunden täglich beschränkt; Schichtarbeit im Dreischichtenturnus ist genehmi-gungspflichtig ebenso wie die Contiarbeit und Lasten über 1 Zentner dürfen erst von Jugendlichen über 14 Jahren gehoben werden.

Damit hat Deutschland im Gegensatz zu den Schwellenländern, wo Kinderarbeit immer noch gleichzusetzen ist mit Ausbeutung der Schwächsten, ein Regelwerk geschaffen, das weltweit als Vorbild dienen wird.

Kommentare:

  1. Wenn sie an meine Kinder gehn, geh ich in den bewaffneten Untergrund. Bei Gott!

    AntwortenLöschen
  2. Endlich ist Deutschland mit der Elfenbeinküste und Sierra Leone auch in dieser Hinsicht konkurrenzfähig, das wird dem Standort Deutschland enorm nutzen.

    AntwortenLöschen
  3. muss mutti wieder hungern?
    bei ihrem lächeln blitzt noch ihre zahnspange hervor,doch zum lächeln hat susie b.(12) kaum noch grund.
    seit sie mit ihren freundinnen babs(9),perta(11) und doreen(13) am anfang dieses jahres eine agentur für körpernahe dienstleistungen gründete um ihre familien unterstützen zu können,ist susie opfer einer politisch motivierten hetzkampagne geworden.
    "an eine geregelte ausübung unserer geschäftstätigkeit ist nicht mehr zu denken." sagt das junge aber smarte mädchen auf anfrage unserer redaktion.
    dabei hatte doch alles so gut angefangen,als...

    AntwortenLöschen
  4. Ein guter Anfang, nun endlich auch unseren Kleinen unbeschränkten Zutritt zum Arbeitsmarkt zu gewähren. Kann es sich eine alternde Gesellschaft leisten, gerade die Jungen, Gesunden, Energiegeladenen auszugrenzen und auf eine ungewisse Zukunft zu vertrösten? Sie nicht schon so früh wie möglich an die moderne Arbeitswelt heranzuführen? Und die Kinder wollen doch jetzt schon anpacken, sich eigenes Geld verdienen, sich engagieren (damit es ihre Kinder mal besser haben werden) und nicht länger den Eltern auf der Tasche liegen! Ein Schritt in die richtige Richtung, den Kanzler Rösler hier macht! Leider wird es aber nicht ausreichen, so gut die Richtung auch ist. Neben anhaltender Lohnzurückhaltung, die unabdingbar für Wohlstand (für alle), Wachstum und Beschäftigung ist, müssen auch unsere (relativ) gesunden und rüstigen Rentner wieder vermehrt mithelfen. Und, seien wir ehrlich, viele wollen das doch auch. Nicht abgeschoben aufs Altenteil, ausgegrenzt von eine Gesellschaft im krankhaften Jugendwahn, sondern auch mit Mitte Achtzig noch jeden Tag seinen Beitrag leisten zu können, gebraucht zu werden und nicht dem Staat oder den Kindern auf der Tasche liegen zu müssen. Zumal sie so auch im hohen Alter noch selber aktiv Beiträge einzahlen können, was ihnen ja später (mit 91 - dem neue Renteneintrittsalter) mit höheren Renten zum Vorteil gereichen wird. So kann ein System eingerichtet werden, dass allen, aber auch wirklich allen gerecht wird, und das uns auch wieder zum Motor der Weltwirtschaft machen kann. Wir - die Unternehmen und die INSM - sehen voller Freude einer goldenen Zukunft entgegen, einem Deutschland, indem sich endlich Leistung wieder lohnt und indem nahezu Vollbeschäftigung herrscht. Und indem viele sogar einige von ihren Löhnen leben werden können! Ist die Welt nicht wunderbar?

    AntwortenLöschen
  5. Ich kann mich Michael Schöfer nur anschließen und verstehe ansonsten die ganze Aufregung nicht. Wenn wir in Deutschland wettbewerbsfähig bleiben und nicht den Anschluss verpassen wollen, dann müssen wir child-work-balance zulassen. Denn sonst kommen noch ganz harte Zeiten auf uns zu, und das kann keiner wollen, auch nicht die durchgedrehten Schönwetterintellektuellen in diesem Forum hier.

    AntwortenLöschen
  6. Der Beitrag hier bestätigt meine Vermutung, die ich schon länger habe: Wir fallen wieder ins 19. Jahrhundert zurück... echt retro!

    AntwortenLöschen
  7. Ein Facharbeiter - Leistungsträger - muss natürlich auch im Jahre 2020 erstmal ausgebildet werden, auch wenn in dieser goldenen Zukunft damit endlich früher begonnen wird, und die ersten 6 Lebensjahre nicht mehr sinnlos verschenkt werden.
    Ich kann also alle beruhigen, die neue Kinderarbeit wird natürlich nur den bildungsfaulen Nachwuchs des abgehängten Prekariats betreffen, dem ja per se sowieso kein Bildungserfolg zuzutauen ist. Das spart Ressourcen; und die fleißige, fromme Mittelschicht muss sich keine Sorgen um ihre lieben Kleinen machen. Eine rundherum sozial ausgewogene Reform also.

    AntwortenLöschen
  8. Warum eigentlich nicht? Bei der Gelegenheit könnte man auch gleich die Wirtschaftsredaktion der SZ umbauen. Ein paar Buntstifte statt Laptops, ein großer Eimer Kakao statt teure Spesenabrechnungen aus SzeneLokalen; und die Leser können sich an hübschen Hasenbildchen erfreuen statt sich über das ständig gleiche Gefasel aufzuregen.
    Oder Frau Illner ! Endlich anregendes Gebrabbel und spannendes Geschrei,wenn der kleine Guido dem Olaf sein Förmchen gelaut hat. Ah, verdammt. Zu spät.

    AntwortenLöschen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.