Sonntag, 3. Oktober 2010

Man darf doch wohl noch Volk sein!

Von Marc Schanz
 
Es ist eine runde Sache. Vor genau zwanzig Jahren fand die Wiedervereinigung Deutschlands statt. Der sozialistische Erzfeind im Osten löste sich auf, unser damaliger Kanzler Helmut Kohl nutzte diesen einmaligen Glücksfall der Geschichte und ermöglichte das Undenkbare:  die uns trennende Mauer fiel, wir Deutschen waren wieder vereint und in einem unbändigen Freudentaumel feierten wir gemeinsam die lang erhoffte Wiedervereinigung.

Es ist ein Wunder, alles ist gut, dachte ich damals in meiner Naivität. Doch ich lernte, dass die Geschichte kein Hollywood-Blockbuster ist. Heute bin ich verwundert, dass es in all den Jahren keine kritische Aufbereitung der Ereignisse  rund um die Wiedervereinigung gab, die sich mit den Fehlern des Westens befasste. Das ist für mich Grund genug, eine etwas andere Geschichte zur Wiedervereinigung zu schreiben.

Der entscheidende Tag war gekommen. Lange mussten sie ruhen, schon lange knurrten ihre leeren Mägen. All die Jahre bekamen sie nur die schnöde Schonkost von mickrigen 8 oder 9 Prozent Rendite. Sie hatten sich auf die Magerkost eingestellt, keiner der Renditegierigen glaubte noch an bessere Zeiten. Es war der unerwartete Zufall der Wiedervereinigung, der das Tor zu den unerreichbar scheinenden Jagdgründen hinter dem eisernen Vorhang öffnete. Das Filetstück DDR lag plötzlich direkt vor der Nase der hungrigen Meute. Es war wie im Schlaraffenland, sie mussten nur zubeißen. Unter dem Schutz des langen, dunklen Schattens des Aussitz-Kanzlers Kohl fraßen sich die Raubtiere des Kapitalismus, vom Volk unbemerkt, satt. Es war auch zu leicht, zu verführerisch, sich die ehemalige DDR einzuverleiben.

Für diesen einmaligen Festschmaus hatten die Köche, die vom Kanzler beauftragt waren, wirklich alle Register gezogen. Es war ja auch ein legendäres Team, das unter dem Künstlernamen Trio Infernale bekannt war: der wahrheitsliebende Ex-Bundespräsidenten Horst Köhler, der berühmte Intelligenz- und Integrationsexperte Thilo Sarrazin und Gert Haller, der es zum protokollarisch ranghöchsten Beamten brachte. Exotische Kochkünste waren nicht zu erwarten, ökonomischer Sachverstand war ebenfalls keiner vertreten, daher griffen sie zu einem todsicheren Rezept: reinem machtpolitischen Kalkül.

Das begnadete Kochteam fand schnell die entscheidende Würze, welche die ehemalige DDR für die hungrige Meute der geladenen Gäste unwiderstehlich schmackhaft machte: es war die Einführung der D-Mark im Verhältnis 1:1 und 1:2. Edgar Most, Vizepräsident der DDR-Staatsbank, und Karl Otto Pöhl, Vorsitzender der Bundesbank, warnten Kanzler Kohl vor den Folgen dieser waghalsigen Währungsunion – doch vergeblich. Kohl hörte lieber auf seine Köche und nicht auf den geballten ökonomischen Sachverstand.
Das Festmahl war also angerichtet, die D-Mark wurde eingeführt. Das brach wie erwartet den DDR-Betrieben das Genick, sie hatten nicht die geringste Chance. Das eingeladene Rudel der westdeutschen Kapital- und Konzerninteressen verzehrte gierig das noch dampfende Fleisch, feierte eine dekadente Orgie nach der anderen, und vermehrte sich im Osten wie die Karnickel.

So hätten wir alle noch lange friedlich und zufrieden im deutschen Freiwildgehege leben können, doch Anfang 2000 gab es ein Problem: der Osten war kahl gefressen. Es musste dringend neue Nahrung beschafft werden. Kanzler Gerhard Schröder kam auf die geniale Idee: dann werfen wir doch einfach unsere gesamtdeutschen Arbeiter den Raubtieren zum Fraß vor! Kaum war der Plan gefasst, engagierte er den Starkoch Peter Hartz und  lud erneut zu einem riesigen Festmahl ein.
Einzig das Bundesverfassungsgericht versucht bisher vergeblich, die essgestörten Allesfresser auf Diät zu setzen.

Heute feiern wir die Wiedervereinigung. Natürlich ist für das leibliche Wohl der elitären Ehrengäste der Renditejäger gesorgt. Der Gastgeber des großen Fressens heißt diesmal Stefan Mappus. Er serviert schwäbische Hausmannskost aus der Großstadtprovinz. Leider läuft bei der Fütterung diesmal etwas schief. Mappus hat mit Rech einen Souschef mit miserablem Ruf ausgewählt. Kein Wunder also, dass das Gericht mit dem merkwürdigen Namen Stuttgart 21 total versalzen ist. Die Zutaten sind zudem schlecht, längst verfault und sogar illegale Gewürze sind beigemischt. Kurzum, das Essen ist einfach unterirdisch. Allerdings hat sich Rech eine überaus gelungene Überraschung für seine Gäste einfallen lassen: zu Ehren der Wiedervereinigung baut er eine etwas zu klein geratene Mauer zwischen dem Volk und den fressenden Raubtieren, um das Flair der Trennung zwischen der politischen und wirtschaftlichen Elite und dem Volk wieder aufstehen zu lassen.
Mappus und Rech stehen unter Druck. Die Fütterung der Raubtiere muss unter allen Umständen gelingen, das schaulustige Volk darf dabei nicht stören! Denn selbst der dümmste Politiker weiß, dass er für den herangezüchteten kapitalistischen Raubtierzoo so viel Nahrung wie nur möglich anschaffen muss, notfalls mit Gewalt, oder er wird alternativlos selbst gefressen. So lautet nämlich das Gesetz des neoliberalen Dschungels, in dem wir alle leben.

Doch seit Stuttgart 21 ist eines neu: das Volk geht wieder auf die Straße! Es schreit den Lügnern ”Lügner!” entgegen, es widersetzt sich der gewalttätigen Repression mit der Parole “Wir sind friedlich, was seid ihr!”, und der sinnlosen Umverteilung von unten nach oben entgegnet es “Aufhören, aufhören!”.
Endlich, das Schwabenland hat das Tabu gebrochen: man darf doch wohl noch Volk sein!

Kommentare:

  1. "Heute bin ich verwundert, dass es in all den Jahren keine kritische Aufbereitung der Ereignisse rund um die Wiedervereinigung gab, die sich mit den Fehlern des Westens befasste."

    Dann darf ich Ihnen ein äußerst lesenswertes Buch empfehlen, das genau das tut:

    Daniela Dahn: Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen

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  2. "Doch seit Stuttgart 21 ist eines neu: das Volk geht wieder auf die Straße! Es schreit den Lügnern ”Lügner!” entgegen, es widersetzt sich der gewalttätigen Repression mit der Parole “Wir sind friedlich, was seid ihr!”, und der sinnlosen Umverteilung von unten nach oben entgegnet es “Aufhören, aufhören!”.
    Endlich, das Schwabenland hat das Tabu gebrochen: man darf doch wohl noch Volk sein!"

    Schön wärs.
    Die armen gescholtenen Demonstranten beginnen ja fast jeden Satz mit: ICH habe friedlich demonstriert. Das impliziert jetzt nicht grade, dass man Verständnis für Leute auf anderen Demos aufbringt. Und das wird auch nicht geschehen.
    Frau Slomka wird im Netz für ihre scharfen Fragen gefeiert. Aber im Prinzip hat sie Mappus ja nur gesagt, dass DIESES MAL keine vermummten Steinewerfer zu sehen waren.

    So kann man trotz dieses Ärgernisses die Deutungshoheit über das große Thema Demonstration behalten. Und das bringt halt den Leuten auf der Straße mal grundsätzlich überhaupt nichts

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  3. @Hoeschler

    Die Stuttgarter steht auf der Straße, weil sie ihre Schwabenmetropole retten wollen. Sie werden auch weiterhin kein Verständnis für die Linken haben, eine Solidarisierungswelle wird es also nicht geben.
    Aber, und ich halte das für wichtiger, die Politik hat die Deutungshoheit über etwas viel wichtigeres verloren: sie hat gezeigt, dass das Schema "guter Polizist böser - krimineller Demonstrant" nicht mehr so einfach funktioniert. Das gelingt aber nur bei friedlichen Demonstrationen. Und dass die Stuttgarter ihren friedlichen Protest so lange und so beharrlich geschafft haben, das ist eine absolut bewundernswerte Leistung und an sich schon eine Revolution.

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  4. @Marc:

    Aber genau das ist doch der Punkt, den ich hier anspreche. Die Politik hat die Deutungshoheit eben nicht verloren. Die Strukturen bei der Freiheit statt Angst Demo waren ähnlich, die Ausflüchte für die Polizei dank der guten Dokumentation der Demonstrationsteilnehmer nicht wirklich erfolgreich.

    Trotzdem hat sich am Denken nichts geändert.
    Der Durchschnittsdeutsche ist nunmal ständig auf dem Egotrip: Wenn die anderen für irgendwas auf die Straße gehen, ist es weiterhin nur linkes Krawallmacherpack. Unverständlich isses nur, dass man selbst dieses eine Mal den Arsch hochbekommen hat und das ja im Prinzip was ganz was anderes ist.

    Um die Deutungshoheit zu erhalten muss man halt nur weiter in die Kerbe Schlagen, dass die S21 Proteste ja was völlig anderes seien als andere Demos. Und genau deshalb kann die Politik weiterhin fröhlich mit dem Finger auf die Globalisierungsgegner bei diversen G8 Gipfeln zeigen und "Steinewerfer" rufen. Es wird kaum Stuttgarter geben, die daraufhin mit "Lügner" antworten.

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  5. @Hoeschler

    Dann ist doch die Lösung ganz einfach: schwäbisch lernen und die Demos in Schwabenstreiche umbenennen ;-)

    Im Ernst: vielleicht würden jetzt die Vorfälle bei der Freiheit statt Angst Demo anders bewertet werden, wer weiß das schon. Ich bin da optimistisch.
    Die G8 Proteste sind allerdings alles andere als friedlich und deshalb haben Politik und Polizei ihre Deutungshoheit hier zurecht.
    Demonstrationen sind nicht per se gut, genauso ist z.B. Polizeigewalt bei Hooliganausschreitungen angemessen.
    Demokratie ist halt eine alternativlos komplizierte Sache.

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  6. Ja, nur schade, dass sich das Blatt ausgerechnet bei so einem dummen Bahnhof wendet. Als obs nichts wichtigeres gäbe.

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  7. Ich gebe gerne zu, dass ich Anfang der Neunziger auch noch blind den Medien vertraute, die da postulierten der Osten "habe fertig". Erst mit den Jahren kam die Erkenntnis, dass es durchaus funktionierende Betriebe gab, die sogar auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig waren.

    Wenn jetzt Helmut Kohl in ausschweifenden Reden für seine Verdienste gefeiert wird, kann man sich nur kopfschüttelnd abwenden. Realitätsverlust nennt man so etwas wohl.

    Und nein: Wir sind nicht wieder ein Volk. Zwar hat es in Stuttgart den Anschein, aber die Politik im Verbund mit ihren Medien versteht es ausgezeichnet, das Volk schön zu spalten. Teile und herrsche. So das alte aber immer noch aktuelle Prinzip.

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  8. Für mich ist das nichts Neues, was in Stuttgart passiert ist. Ein Lehrstück -diesmal auch für bürgerliche Kreise- in repressiver Toleranz. Sobald der Protest in Widerstand übergeht, gibts Prügel vom Staat.

    Offene Konfrontationen gegen den paramilitärisch agierenden Polizeiapparat können nicht "gewonnen" werden. Die Zeiten der Helmdemos mit Katschis, Hasskappen und Wackersdorfer Sägefische sind Geschichte. Ich bin da mehr für klandestine Aktionen. Der Rechtsstaat nennt sie Sachbeschädigung.

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