Montag, 29. Oktober 2012

Annette Schavan und der Plagiatsvorwurf

Von Stefan Sasse

Als der Plagiatsvorwurf gegen Schavan erhoben wurde, war meine erste Reaktion Ungläubigkeit. Sie war diejenige gewesen, die äußerst scharf gegen Guttenberg geschossen hatte. War das alles Chuzpe, ein gigantischer Bluff, der jetzt auffliegt? - Ich kenne Schavan schon aus ihrer langen Zeit als Kultusministerin hier in Baden-Württemberg und bin sicher kein Fan ihrer Politik. Aber eine Abschreiberin schien sie mir eigentlich nicht zu sein. Klar, ohne persönliche Bekanntschaft ist so etwas immer schwer zu sagen, aber es gibt Leute, bei denen man sofort glaubt, dass es der Fall ist - Guttenberg, Koch-Mehrin und Pröfrock, nur um einige zu nennen - während es bei anderen eher unglaubwürdig erscheint. Als würde man Steinmeier vorwerfen, Steuern hinterzogen zu haben. Das kann der gar nicht, das erfordert mehr Nonkonformismus, als er aufbringen kann. Das Gleiche ist es bei Schavan. 

Tatsächlich ist der Fall bei ihr wesentlich schwieriger als bei Guttenberg, Koch-Mehrin und Co. Während diese offensichtlich abgeschrieben und weite Passagen einfach per Copy+Paste übernommen haben, wird Schavan ein anderer Vorwurf gemacht: sie habe unsauber zitiert, vor allem dadurch, dass sie statt die Primärquellen zu lesen (etwa Siegmund Freud) die zentralen Gedanken einfach aus der Sekundärliteratur übernommen habe und so tat, als habe sie es gelesen. Kenntlich gemacht wurden solche Übernahmen nicht; Erbloggtes hat ein gutes Beispiel dafür aufgedröselt. In Reaktion auf die Vorwürfe hat Schavan das mittlerweile übliche Verteidigungsschema aufgefahren, um Zeit zu gewinnen: sie machte ihrerseits den Prüfern Vorwürfe (in diesem Fall die Informationen an die Presse gegeben zu haben), beklagte sich über "anonyme" Plagiatsjäger im Internet (als ob es einen Unterschied machte) und versuchte generell, die Diskussion von ihren Verfehlungen weg auf die der Gegenseite zu schieben. Dieses Vorgehen ist nicht gerade ungewöhnlich und bei politischen Angriffen üblich. Im Falle Schavan war es überaus erfolgreich, was nicht zuletzt daran lag, dass sie Schützenhilfe aus den Reihen der Wissenschaft erhielt. Dadurch ist es ihr gelungen, die Prüferkommission in Zweifel zu ziehen; es wird fast sicher eine zweite geben. Ob ihr das etwas hilft, wird sich zeigen. 

Derweil zeigt der Fall Schavan zwei wesentliche Themen im Umgang mit den Doktortiteln bei Politikern auf. Das erste Thema ist die Abneigung gegen "wertlose" Doktorentitel, also wissenschaftlich belanglose Arbeiten, die nur geschrieben wurden um den Doktortitel zu bekommen, ohne Intention, im wissenschaftlichen Betrieb zu verbleiben. Das zweite Thema sind die Standards für Doktorarbeiten, die besonders im geisteswissenschaftlichen Bereich vermehrt in der Kritik stehen - wie kann es sein, dass das Zusammenschreiben von Ergebnissen anderer als eigenständige Leistung zählt? 

Die Frage der Doktortitel geht mit dem Vorwurf einher, dass die jeweiligen Doktoranden nichts geleistet und den Titel damit nicht verdient hätten, weil sie eben nur relativ belangloses Zeug zusammenschrieben. Ob Schavans Quellensammlung über das Gewissen oder Schröders Milieustudie der CDU-Wählerschaft - beides ist nicht gerade der Stoff, aus dem neue Superwissenschaftler sind, und beide strebten das auch nie an. Schröder schrieb ihre Arbeit erst, als sie bereits in der Politik war. Die populäre Forderung ist nun, die Kriterien entsprechend zu verschärfen und damit die Zahl der Titel deutlich zu reduzieren; es wäre quasi nur noch möglich den Doktortitel zu erwerben, wenn man auch substantielle wissenschaftliche Interessen hat. Das aber ist Kokolores. In der Medizin etwa passiert das schon seit Ewigkeiten - jeder popelige Landarzt ist Dr. med., ohne dass aus dieser Flut halbseidener Doktorarbeiten wissenschaftlich brauchbare Erkenntnisse hervorkämen, und trotzdem ist weder der Titel dadurch wertlos geworden noch die medizinische Wissenschaft gefährdet. 

Gleiches gilt hier. Diejenigen, die tatsächlich im Wissenschaftsbetrieb tätig sind, sind sehr wohl in der Lage, reine Fleißaufgaben von zukünftigem wissenschaftlichen Material zu unterscheiden - sie tun es ja bereits auf der Ebene der Studentenarbeiten regelmäßig, wo herausragende Abschlussarbeiten ganz anders gewürdigt werden als die Masse der "normalen" Abschlussarbeiten. Zumindest war das an meiner Alma Mater so. Der Vorwurf, die Doktoranden hätten nichts geleistet, ist absurd. 300 Seiten wissenschaftlichen Text zu produzieren ist eine Mammutaufgabe, und jeder der einmal studiert hat weiß das. Ob das Ergebnis am Ende Mist ist ist eine andere Frage, aber gearbeitet haben die Leute dafür definitiv (Kopierkünstler à la Guttenberg, dem ich immer noch glaube, dass er nicht willentlich kopiert hat weil ich davon ausgehe, dass er einen Ghostwriter beauftragt hat, einmal beiseite gelassen). Die Bewertung des Ergebnisses liegt beim Prüfer, der zur Sicherheit noch einen Fremdprüfer zur Seite gestellt bekommt. Wenn diese Prüfer - quasi die Wissenschaftsprofis - ihre Aufgabe nicht mehr wahrnehmen, so dass ein Guttenberg damit rechnen kann, summa cum laude für seinen gequirlten Käse zu bekommen, dann liegt dort das Problem. Darüber redet aber fast niemand. Alle diese Arbeiten wurden offensichtlich nicht besonders eingehend geprüft; andernfalls fallen auch solche Dinge wie das von Erbloggtes aufgestellte Beispiel auf. 

Damit kommen wir zu den Standards. Sind die Geisteswissenschaften einfach zu soft und in einer elementaren Krise? Schließlich hören wir solche Sachen nie von Naturwissenschaftlern. Die Ursache dafür dürfte aber eher darin liegen, dass die überwältigende Mehrheit der Politiker eher Geistes- als Naturwissenschaftler ist denn in deren überlegenen Standards. Denn eines muss man sich in dieser Diskussion klarmachen - die Standards, die aktuell bei den Plagiatsfällen angelegt werden sind so hoch, dass niemand, dem der Vorwurf gemacht und der einer eingehenden Prüfung ausgesetzt wird, unbeschadet herausgehen wird. Die Kritik an den Plagiatsjägern und Prüfungskommissionen ist in diesem Punkt berechtigt. Wer in der Sekundärliteratur über ein Zitat aus einem Primärwerk stolpert und es direkt übernimmt, statt es noch einmal zu prüfen, handelt nicht zwingend vollkommen unwissenschaftlich. Wissenschaft baut auch auf dem Werk derer auf, die vorher kamen. Niemand kann, schon rein zeitlich, sämtliche Quellen noch einmal lesen und gegenprüfen. Man verlässt sich eben darauf, dass das bekannte Sekundärwerk richtig zitiert hat, so wie man sich auch in zahllosen anderen Lebensbereichen auf die richtige Vorarbeit anderer verlässt. 

Von den Vorwürfen, die bisher gegen Schavans Arbeit erhoben wurden, reicht meiner Meinung nach nichts aus, um ihr den Doktortitel abzuerkennen. Das hat nichts mit "Verjährung" zu tun, oder ihren Leistungen als Bildungspolitikerin - diese Argumente sind vollkommener Schwachsinn. Gute Handlungen waschen keine schlechten aus. Schavans Arbeit war mit Sicherheit kein großer Wurf, aber ein erschummeltes Werk mit Plagiatsabsicht ist es auch nicht. Und mir wäre auch nicht bekannt, dass die Arbeit eine ähnlich absurd gute Note bekommen hätte wie dies bei Guttenberg der Fall war. In beiden Fällen aber ist auffällig, wie blauäugig die jeweiligen Prüfer an die Sache herangingen - Guttenbergs ließ sich wohl von Auftreten und Familiennahmen blenden, à la "so jemand betrügt nich", und Schavans Prüfer entblödete sich nicht das auch noch in Worte zu fassen, indem er erklärte, dass jemand, der eine Arbeit über das Gewissen schreibe, überhaupt nicht betrügen könne. Man kann sich vorstellen, wie die Prüfungen dieser Arbeiten vorgenommen wurden. An dieser Stelle sollte angesetzt werden, und nicht die Latte künstlich so hoch gehängt, dass nur noch absolute Ausnahmetalente drüber kommen (exemplarisch ist dies übrigens gut am Fall Götz Aly zu beobachten). Dann können wir vielleicht auch wieder mit dem Doktorarbeiten-vergleichen aufhören - würden die echten Betrugsfälle bereits vom Prüfer entdeckt, wäre nicht plötzlich jeder gefährdet, der zufällig ins Visier gerät.

Kommentare:

  1. Danke sehr! Ich stimme sehr weitgehend zu.

    Zu ergänzen habe ich:
    1. Naturwissenschaftler, die angesichts der Plagiatskrise die schlechte Qualität geisteswissenschaftlicher Arbeiten beklagen, tun dies nur, um ihr eigenes Fach reinzuwaschen und selbst ein weniger schlechtes Gewissen zu haben. VroniPlag hat in hinreichend vielen ingenieurwissenschaftlichen und medizinischen Arbeiten Plagiate gefunden, um die Behauptung, Naturwissenschaften seien plagiatsfrei by design Lügen zu strafen.
    2. Das Abheben darauf, dass allgemein eine schlechte Qualität geisteswissenschaftlicher Arbeiten bestehe, ist ein Ablenkungsmanöver von der Plagiatskrise. Wie oben erörtert gibt es für gute und schlechte Arbeiten Gutachter (die ihre Arbeit machen müssten). Plagiate sind aber keine Qualitätsmängel, sondern Wissenschaftsbetrug. Das ist eine ganz andere Kategorie als eine "schlechte Arbeit", die zu breit angelegt, zu reproduktiv ist, ohne richtige Fragestellung, ohne Methode oder ohne echte Ergebnisse auskommt.
    3. In diesem Sinne kommt es mir bei Schavan nicht darauf an, wie sie auf 60, 92 oder sonstwievielen Seiten unsauber zitiert (die von mir diskutierte Stelle auf S. 78 ist übrigens von Schavanplag nicht bearbeitet). Mir reichen die drei, vier, fünf langen Passagen, die einfach abgeschrieben sind, ohne dass die Quelle vorkommt. Dass Schavan (unwichtigere Unsauberkeiten) systematisch verschleiert hat, ist nur ein Nebenaspekt bei der Bewertung, dass die großen Plagiate Wissenschaftsbetrug (und keine Nachlässigkeiten) sind und deshalb der Doktor aberkannt gehört.
    4. Zum Punkt "Niemand kann, schon rein zeitlich, sämtliche Quellen noch einmal lesen und gegenprüfen." - Meiner Ansich nach wird das jedoch verlangt. Wenn es verlangt wird und unmöglich ist, dann wird Betrug verlangt. Das ist nicht auszuschließen. Die richtige Lösung für das Problem lautet, regelmäßig mit "zitiert nach" zu arbeiten, was nach meinem Eindruck allzu verpönt ist, zumal es die Länge des Literaturverzeichnisses reduzieren würde, die aber als quantitativer Ausweis von Qualität gilt, solange Geisteswissenschaftler sich nur als "Seitenfresser" ansehen und Ansehen erwerben können.
    5. Ich plädiere in diesem Zusammenhang für möglichst schlanke Arbeiten mit möglichst knappem Literaturverzeichnis, dafür aber mit einer expliziten Methode, die garantieren soll, dass man nicht nur irgendwas aufschreibt, was man so gelesen hat, sondern reproduzierbare Ergebnisse erlangt.
    6. Die Denunzierung von Aly auf einer solchen müden und böswillig interpretierten Grundlage (also ohne jedes sichere Indiz) ist ein Skandal, der das veröffentlichende Blatt entehren würde, wenn es Ehre hätte. Allein dieses Geraune in eine Reihe zu stellen mit in monatelanger Detailarbeit genau dokumentierten Problemstellen (über deren Gesamtbewertung man dann in der Tat die eine oder andere Meinung haben kann), ist bereits ein Ablenkungsmanöver vom Plagiatsproblem. Nebenbei: Alys Sachbuch hatte nur 127 Seiten. Dann können nicht 150 Seiten und schon gar nicht 301 Seiten als Diss. recyclet worden sein.

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    1. zu 1.: Weder die Medizin noch die Ingenieurwissenschaften gelten als Naturwissenschaften.

      Die klassischen naturwissenschaftlichen Arbeiten in der Chemie, Physik, Biologie bestehen in den meisten Fällen (theoretische Arbeiten mal außen vor gelassen) aus 80-90% Laborarbeit. Die Durchführung einer solchen Arbeit geschieht nahezu immer in Vollzeit. Hier zu plagiieren ist nicht möglich, jediglich das komplette Fälschen von Forschungsergebnissen. Die Zusammenfassung der eigenen Ergebnisse geschieht dann in der Dissertation. Dort wird zwar dann eine kurze theoretische Einleitung geschrieben (Kenntnisstand), dieser umfasst jedoch meist nur wenige Seiten und die Verwendung von direkten Zitaten ist eher verpönt.



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  2. Meine Meinung: Schavan hat deshalb kein Copy & Paste in ihrer Arbeit, weil dies damals noch nicht technisch ging. Damals musste man per Hand abschreiben und natürlich wurde da gepfuscht und nun ist sie halt erwischt worden und muss die Konsequenzen tragen.

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  3. 1. Danke für die Info!
    2. Absolut richtig. Ich hoffe, dass ich im Artikel den Unterschied hinreichend deutlich gemacht habe.
    3. Ja.
    4. Absolute Zustimmung, darauf wollte ich raus.
    5. Dito.
    6. Hab mich nicht weiters damit beschäftigt. Das Ding soll ja mehr illustrieren, dass niemand aus dem Plagiatsverdacht mehr rauskommt, wenn er einmal im Raum steht.

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  4. Erstens: in den 1980er Jahren galt sehr wohl der Rückgriff auf Sekundärliteratur als nicht korrekt. Lieber sollte man die Quellenangaben reduzieren als Quellen zu zitieren, die man nicht gelesen hat. Daher wusste Anette Schavan, was sie tat.

    Zweitens: langsam wird auffällig, dass ausschließlich konservative und liberale Politiker im Fokus stehen. Wissenschaftlichkeit ist etwas anderes, hier steht der Verdacht im Raum, die anonymen Fahnder möchten Politik machen.

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    1. Haben nicht bei denen schlicht auch wesentlich mehr Leute Titel?

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    2. Nicht, dass ich wüsste. Die Promotionen verteilen sich auf Karrierepolitiker. In der Union und bei der FDP sind häufiger die wenigen im Bundestag vertretenen Unternehmer anzutreffen. Juristen verteilen sich relativ gleichlaufend meines Wissens nach. Ein Wolfgang Kubicki hat keine Promotion.

      Dazu kommt kein Naturwissenschaftler ins Visier und die med-Promotionen (Rößler) gelten anscheinend als ehrbarer, obwohl dafür nur rund ein halbes Jahr, aufbauend auf der eigenen Diplomarbeit, benötigt wird, während Geisteswissenschaftler zwischen 2 und 5 Jahren benötigen.

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    3. Verschwörungstheorien von Rechts?
      „... hier steht der Verdacht im Raum, die anonymen Fahnder möchten Politik machen.“
      Das muss man sich im Kalender anschreiben. In Dubio macht sich lächerlich, aber mein Mitgefühl hat er sicher. ;-)
      Die neoliberale Mischpoke hätte doch tausendmal mehr Kapazitäten an Mietschreibern und Mietmäulern um da gegen zuhalten.
      Aber zurück zu Schavan, es gibt fürs Lesen, da Ihr nichts umsonst macht, auch einen von Euren Fünfzigern dazu.

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  5. Hallo
    Meiner meinung nach kann Frau Dr. Schavan der Doktortitel nicht aberkannt werden, denn dazu wären zwei Dinge notwendig:
    1. Die Arbeit muss bei korrekter Kennzeichnung der übernommenen Stellen nicht mehr als Promotionsleistung durchgehen.
    2. (sehr wichtig) Es muss gerichtsfest bewiesen werden, dass bei der übernahme der Zitate mit Betrugsabsicht gehandelt wurde.

    Punkt 1 scheint schon mal nicht erfüllt zu sein. jedenfalls hat niemand behauptet, dass die Arbeit in absolut korrekter Form promotionsunwürdig wäre. Ich kann das persönlich nicht beurteilen, ich bin NaWi-ler und kein Geisti...

    Punkt 2 wird ganz schwierig zu beweisen sein, denn die Arbeit wurde in Prä-Computerzeiten verfasst, d.h. mit Zettelkasten, Ordnerweisen Kopien von Primär- und Sekundärliteratur sowie einem Berg an handschriftlichen Notizen. (So habe ich noch meine Diplomarbeit geschrieben, die einige äusserst peinliche Fehler enthält...)
    Wenn man da nicht perfekt und mit äusserster Disziplin arbeitet, kommt es sehr leicht zu peinlichen Verwechslungen, Fehl- und gar nicht Zitaten. Diese äusserste Disziplin zu bewahren ist nicht trivial, neben dem Studentischen Leben (kaum vorstellbar, aber die Kandidatin wird wohl auch ab und an mal gefeiert haben) eventuellen leibeigenschaftsähnlichen Lehrverpflichtungen und eventuellem nötigem Nebenverdienst (been there, done that).

    Des weiteren liest man unheimlich viel, und es schleichen sich Formulierungen ein, die man schon irgendwo mal gelesen hat, ohne sie dann zu zitieren....


    Insofern wäre es die Aufgabe des damaligen Betreuers gewesen, sich dieser Probleme anzunehmen.
    Es wäre auch mal intressant, andere zeitgleiche Arbeiten des gleichen Lehrstuhles mit der gleichen Penibilität durchzugehen. Ich wette, dass man einen signifikanten Anteil mit ähnlich gelagerten Hudeleien finden wird.

    Ein weiterer, nicht thematisierter Punkt liegt darin, dass sich in Geisti- und Soz-Päd arbeiten Plagiate und ähnliche Verfehlungen viel leichter mit Überprüfungssoftware nachweisen lassen können.
    bei "harten" NaWi Arbeiten ist das schon schwieriger. (Ing ist keine Naturwissenschaft und medizinische Promotionen leiden unter den alt bekannten Problemen). Stumpfes Abschreiben von Fremddaten fällt da sofort auf, denn normalerweise passt das derartig abgeschriebene nicht zur Arbeit... und um geschicktere Fälschungen zu enttarnen benötigt man Fachkenntnisse, die manchmal nur wenige Personen haben und was ziemlich in Arbeit ausarten kann.
    (Promotion Riesenhuber: „Gitterstörungen in mikrokristallinem FePO4" so viele Kristallographen gibt es nicht in D und die meisten haben besseres zu tun....)
    Hier hat man also mehr mit der Messwert- und Beobachtungsfälschung zu kämpfen.

    Mein persönliches Fazit (auch als Wissenschaftler):
    Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Promotion von Dr Schavan für diese intensive Überprüfung herangezogen wurde, weil es sich um die Arbeit einer bekannten Persönlichkeit handelt. Dass das erste Gutachten an die Presse durchgestochen wurde, verstärkt den Verdacht, dass dieses Verfahren auch einen politisch-persönlichen Hintergrund hat.
    Es werden Fehler unter die Lupe genommen und heftig kritisiert, die in zahllosen Arbeiten ebenfalls auftreten und bislang übersehen bzw toleriert werden/wurden.

    Man kann Frau Schavan vorwerfen, dass sie ihre Arbeit teilweise hingehudelt hat, dass sie in teilbereichen nicht wissenschaftlich perfekt gearbeitet hat...
    aber wer den Wissenschaftsbetrieb kennt und in seinen Arbeiten diesbezüglich vollkommen schuldlos ist, der werfe den ersten Stein...

    Mike
    (Geologe)

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  6. Mich würde mal interessieren, was Schavan sich von der im nächsten Jahr zu erwartenden Entscheidung in Düsseldorf verspricht und warum sie sich ihren Job bis dahin noch antun will:

    1. Nach dem, was man liest, ist die Stimmung dort eh gegen sie. Dann hat sie der Uni noch eine Art Maulkorb verpassen lassen. Damit dürfte sie sich bei den meisten Mitgliedern im Fakultätsrat, der schließlich abstimmt, alles andere als beliebt gemacht haben. In der Sache hat sie klar gegen die Promotionsordnung verstoßen - juristisch reicht es daher meines Erachtens locker für eine Aberkennung. Wenn sie nun mit einer Art Rüge davonkommen würde, stünde der Fakultätsrat (nach Bekanntwerden des Gutachtens) doch als Waschlappen da. Ob ein weiteres Gutachten zu anderen Ergebnissen kommen würde als das bekannte, ist zumindest zweifelhaft; außerdem müsste sich auch niemand danach richten. Eine Aberkennung halte ich daher für wahrscheinlicher als eine Nicht-Aberkennung.

    2. Selbst wenn sie ihren Doktorgrad behalten könnte, würde sie spätestens zu Beginn der nächsten Legislaturperiode abgelöst. Sie könnte so zwar noch ihre Ministerinnenzeit "ehrenhaft" zu Ende bringen, aber am Makel einer nicht ordnungsgemäßen Doktorarbeit würde das nichts ändern. Ich stelle es mir für sie nervig vor, noch ungefähr ein halbes Jahr lang regelmäßig auf die Sache angesprochen zu werden.

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    1. Du sprichst das Riesenproblem an der Sache an: die Vorverurteilung. Spielt es ernsthaft eine Rolle, was nachher rauskommt? Ihr Ruf ist beschädigt. Wie im Kachelmann-Prozess - das Ergebnis ist egal. Das zweite von dir angesprochene Problem ist die politische Dimension: egal wie die Kommission entscheidet, sie hängt in der Politik mit drin. Das muss richtig ätzen.

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  7. So gerne und zustimmend ich Stefan's Blog meistens lese, hier bin ich völlig anderer Meinung. Wenn man sich die Analyse von Schavanplag anschaut (und davon ausgeht, dass die dort angeführten Zitate stimmen), ergibt sich m.E. deutlich, dass Frau Schavan bewusst plagiiert hat.

    Meistens geht es dabei darum, Kenntnis von Primär-Quellen zu simulieren, die sie wahrscheinlich nicht gelesen hat, und Einschätzungen zu verwenden, die nicht von ihr stammen, ohne das zu kennzeichnen. Damit wird u.a. vorgegaukelt, die Autorin hätte sich mehr Arbeit gemacht, als sie tatsächlich investiert hat, und dass sie Dinge verstanden hat, die sie wohl nicht einmal analysiert hat. Zwar mag es nicht immer notwendig sein, zur Primärquelle zu gehen (das mag von den Gepflogenheiten im jeweiligen Fachgebiet abhängen, die ich für Geistes- und Sozialwissenschaften nicht kenne, auf dem Gebiet bin ich Dilettant). Aber so tun als ob man die Primärquelle analysiere, aber dabei von Sekundärquellen abzuschreiben, ohne dies so zu kennzeichnen, dass EINDEUTIG UND UNZWEIFELHAFT klar ist, was von wem stammt, ist unredlich. Da die Arbeit außerdem zu einem nicht unwesentlichen Teil aus der Analyse, Zusammenfassung und Einschätzung von Quellen besteht und darauf basiert, halte ich das Vorgehen der Autorin nicht für verzeihlich. Die Anzahl und Art der von Schavanplag aufgeführten Stellen lässt m.E. ausschließen, dass es sich um "Versehen" oder "handwerkliche Fehler" handelt - hier wurde bewusst getäuscht und nicht nur "gehuddelt". Jeder Doktorant steht vor der Entscheidung, ob er sich die Arbeit auf diese Art erleichtern will (weiss ich aus eigener Erfahrung) - solange man davon ausgehen kann, dass man nicht erwischt wird, ist das eine Gewissensfrage.

    Übrigens: Natürlich trage ich als Autor dafür die Verantwortung, dass ich meine Quellen gelesen habe - und wenn ich sie gelesen, reicht die Zeit auch für ein Zitat (manchmal mag es ja schon ausreichen, von Sekundärquellen geführt den für mich relevanten Teil der Primärquelle zu lesen, das mag fachspezifisch unterschiedlich sein). Was ich nicht gelesen habe, darf ich auch nicht zitieren. Quellen, von denen ich abschreibe, muss ich zitieren (dass mal ein Fehler bei Zitieren auftritt, sei unbenommen).

    Ob Schavanplag dabei politisch motiviert ist oder nicht, ist dabei völlig unerheblich (zu Mike's Beitrag). Ich halte es dabei auch für irrelevant, ob andere vielleicht diesselben Fehler gemacht haben - unzulässig war und ist es allemal.

    Pech gehabt, dass es moderne Elektronik gibt und Schavan bekannt genug ist, dass es jemanden interessiert. Der Doktor sollte weg, und als Wissenschaftsministerin ist sie auch nicht mehr haltbar.

    Axek (Physiker)

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    1. Intressant...
      Wir sind beides NaWiler und kommen bei gleicher Datenlage zu unterschiedlichen Ansichten. Wobei ich ja nicht ausschliese, dass Schavan tatsächlich bewusst getäuscht hat. Ich bin nur der Meinung, dass die Beweise alles andere als hinreichend sind, eine bewusste(!) Täuschung zweifelsfrei nachzuweisen. (Mit der Meinung stehe ich btw. nicht alleine) Und darauf kommt es beim Promotionsentzugsverfahren ja auch an.

      Insofern wäre es ja auch mal intressant, andere Promotionen dieses Lehrstuhles mal genauso durchzuackern, wäre schon intressant, was da dann rauskäme.

      Mike

      P.S. als Wissenschaftsministerin war sie auch schon vorher eigentlich nicht mehr haltbar.... Eine Hauptattraktion in Merkels Gruselkabinett...

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  8. Naja, eine unbewusste Täuschung kann es schlecht geben - dann wäre es keine Täuschung mehr. Interessant vielleicht in diesem Zusammenhang: http://www.academics.de/wissenschaft/der_entzug_des_doktorgrades_46556.html

    Zitat: "Bei Doktorarbeiten lässt die ungekennzeichnete Übernahme fremder Gedanken nach der Rechtsprechung unproblematisch den Schluss auf den Täuschungsvorsatz zu. Mit dem Einwand, nur Fußnoten vergessen zu haben, dringen die Betroffenen regelmäßig nicht durch, sofern die übernommenen Teile die Bagatellgrenze überschreiten."

    Die Bagatellgrenze scheint mir bei Schavan sowohl von der Anzahl der Übernahmen insgesamt als auch in vielen Fällen von deren Umfang her recht deutlich überschritten zu sein.

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  9. Für mich war nach Lesen des "schavanplags" mehr als nachvollziehbar, dass die Arbeit unlauter zustandegekommen ist. Der Dr. Titel verkommt durch das wiederholte Aufdecken dieser Fälle in der Öffentlichkeit zur käuflicher Zierde einer sich um Spielregeln wenig kümmernden High-Society oder Politiker-Klasse mit „Vitamin-B“. Die europäischen Universitäten, die solche Dissertationen durchlassen, wegen mangelnder Kontrollen, möglicherweise wegen Zuwendungen oder sonstiger Versprechen aus Politik und Wirtschaft sind in meinen Augen viel zu wenig in der Kritik.
    Frau Schavan war auch Schirmherrin der "studentischen Förderörganisation" S.I.F.E (Students in Free Enterprise) Schonmal nachgesehen, wer da kräftig finanziert? Koch Industries und die Gebrüder Koch, Milliardäre und die Sponsoren der rechtskonservativen US-Tea-Party finanzieren diesen Laden: http://www.muckety.com/3B6B3704ACC9E4C140C10EAF9E69B5EF.map?autoGroup=7,7

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  10. Abseits von Fälschungsabsicht -- ein Plagiat sollte doch automatisch auffallen, und zwar durch schlechte wissenschaftliche Qualität! Speziell bei Freund Schmalzlockes bestens bewerteter Abschreibe stellt sich die Frage, ob einzelne Prüfer ihre Aufgabe erfüllen.

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