Mittwoch, 31. Oktober 2012

Urheberrecht und Lifestyle

Von Stefan Sasse 

Euro-Krise. Afghanistan-Einsatz. Soziale Schere. Finanzkrise. Stürme. Rentenkrise. Zahllose große, wichtige Themen, allesamt von elementarer Bedeutung, und die Piraten kümmern sich um das Urheberrecht. "Habt ihr nichts Wichtigeres zu tun?" rauscht es aus dem Blätterwald. "Gebt euch ein Programm auf die großen Krisen der Zeit!" Ah, aber das Urheberrecht ist ein Thema, dessen Bedeutung weit über die technischen Fragen der Verteilung von Unternehmensgewinnen hinausgeht. Es ist ein sehr wichtiges Thema, nicht, weil es so elementar wäre, den GEMA-Verteilungsschlüssel zu diskutieren, sondern weil das Urheberrecht eine entscheidende Wegmarke für die junge Generation und ihren Lebensraum darstellt. Das Urheberrecht ist heute, was Tanzverbote an Feiertagen in den 1950er Jahren waren: ein Schlachtfeld von Lebensentwürfen und Lifestyles, in dem keine Seite mehr die andere versteht. Auch die früheren Tanzverbote waren geltendes Recht, das lange Zeit einen Lebensstil der Mehrheit beschützt und reglementiert hatte, bis die damals junge Generation sich um solche Konventionen nicht mehr scherte. Entsprechend aus der Zeit gefallen wirkten Polizeieinsätze gegen Tanzparties am Ostertag. Heute ist es dasselbe - warum das Teilen eines Bilds auf Facebook ein Problem sein soll, erschließt sich überhaupt nicht. Nur, das Gesetz definiert es als Problem. Und wie damals gibt es Hüter des Status quo, die es sich zunutze machen, weil sie davon profitieren. 

Es klingt merkwürdig, dass ausgerechnet das Urheberrecht so eine Wasserscheide darstellen soll. Ist es schließlich nicht dazu da, künstlerische Ausdrucksformen zu schützen? Also mithin das, was "der Jugend" doch so sehr am Herzen liegt? Aber sicher. Nur dummerweise zieht es einen Rattenschwanz von Problemen nach sich, die mehr und mehr auf eine ungeahnt wuchtige Weise in den Lebensraum dieser Generation eingreifen. Die rapide Ausbreitung des Internets als alternativer Lebensraum besonders durch soziale Netzwerke und internetfähige Mobilgeräte hat Problemstellungen, die vormals nur eine kleine Minderheit betrafen, plötzlich massiv ausgeweitet. Besonders das Teilen von Bildern steht im Mittelpunkt, aber auch die Tatsache, dass man YouTube eigentlich nur noch mit Proxy benutzen kann, zeigt deutlich das Problem auf. Deutschland ist und bleibt ein digitales Entwicklungsland und macht keine Anstalten, das zu ändern. Der Erfolg der Piraten besteht eben auch darin, dass sie diese Probleme verstehen und repräsentieren. Keine andere Partei hat auch nur die geringste Ahnung, um was es überhaupt geht. Die künstliche Aufgeregtheit um die Auszeichnung für Crysis 2 kann dafür exemplarisch genommen werden: warum denn ein Ballerspiel eine Auszeichnung erhalten dürfe! Keiner derer, die sich hier aufregten, dürfte jemals ein solches Spiel aus der Nähe gesehen, geschweige denn gespielt haben - und Crysis als Ballerspiel zu bezeichnen ist ohnehin absurd.

Das Teilen von Artikeln auf Twitter, das Zusammenstellen von Feeds, Pflegen von Profilen, Kreieren von Memen und so weiter ist alles entweder im Graubereich des geltenden Urheberrechts oder widerspricht ihm und wird allein wegen der puren Masse von "Verstößen" nicht weiter verfolgt. Wer sich allerdings in der Welt des Internets vor allem im popkulturell relevanten Teil bewegt wird schnell feststellen, wie isoliert Deutschland hier wirkt. Es gibt keine deutschen Äquivalente zu Know your Meme oder Cracked, zum Escapist oder vergleichbaren Seiten. Popkulturell ist Deutschland ein Entwicklungsland, gibt kaum Input und hält sich aus der zunehmenden internationalen Vernetzung dieses Bereichs auch weitgehend heraus. Das Urheberrecht ist der gesetzgewordene Ausdruck dieser Isolierung. Es ist deswegen richtig, dass es als Problem begriffen und offensiv angegangen wird. Die Piraten sollten sich nicht von dem Gerede ablenken lassen, dass sie "wichtigere" Themen angehen müssten. Das müssen sie nicht.

Kommentare:

  1. Du hast meine volle Zustimmung, bis auf eine Sache: Crysis (2) ist eben doch ein Ballerspiel aka 1st Person Shooter (das können Unions Politiker natürlich nicht fehlerfrei aussprechen).

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  2. "Das Urheberrecht ist heute, was Tanzverbote an Feiertagen in den 1950er Jahren waren: ein Schlachtfeld von Lebensentwürfen und Lifestyles, in dem keine Seite mehr die andere versteht"

    Ein origineller, doch etwas gewagter Vergleich. In der Schweiz gilt wie in Deutschland immer noch ein Tanzverbot an gewissen kirchlichen Feiertagen (kantonal geregelt). In meiner Zeit als Teenager, als noch Jeansjäckchen aktuell waren und Fuchsschwänze an den Mopedlenker hingen, gab es in der Nacht VOR dem Feiertag auch schon ein Tanzverbot. Wenn getanzt werden durfte, hatten Discos grundsätzlich nur bis 24 Uhr offen. Heutzutage jedoch öffnen die Discos erst gegen 23 Uhr und schliessen am Morgen gegen 6 Uhr - finde ich auch nicht gut. An einem Sonntag kann man als Eltern mit seinen Kindern so nur noch selten gemeinsame Aktivitäten planen, weil sie nach einem Discobesuch übernächtigt, übermüdet und mit einem Kater den ganzen Tag über herumliegen.

    Es ist eine Frage von Werten und von Machtpositionen geworden: religiöse Werte und der Einfluss der Kirche contra kommerzielle Werte und der Einfluss von Unternehmen.

    Zu den Piraten und ihre Themen:
    Als ernstzunehmende Partei sollte man das eine tun und das andere nicht lassen.

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    1. In beiden Fällen maßt sich jemand an zu sagen, was moralisch richtig ist und was nicht.

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  3. Tschuldigung, die Piraten haben keine Ahnung vom Urheberrecht und von Recht im Allgemeinen schon gar nicht. Das deutsche Recht an seinen Ursprung im römischen Recht und hat damit eine Jahrtausendalte Tradition. Dieses Rechtsverständnis musste schon mit vielen Veränderungen der Zeitgeschichte fertigwerden, die digitale Welt ist da nichts Besonderes. Die Piraten benehmen sich wie Pubertierende: "Das ist jetzt ganz neu und Ihr Alten versteht einfach nicht die neue Zeit." Blalbabla.

    Eigentum ist der zentrale Begriff jeder freiheitlichen Rechtsordnung. Es steht jedem frei, seine Leistung kostenlos anzubieten und zu verkaufen. Und auch, dies nicht zu tun. Dann muss der Rechtsstaat ihn vor jenen schützen, die seine Ansprüche nicht achten.

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    1. Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen Eigentum und Urheberrecht. Oder gehoert mir ein Buch, das ich gekauft habe jetzt nicht mehr, bzw. ist nicht mein Eigentum, weil ich nicht der Urheber/Autor/Verlag mit Urheberrecht bin?

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    2. Es geht ja gerade darum, Wissen und Information zu vernetzen, ohne dass irgendjemand ständig dabei die Finger in unseren Taschen hat.Der hohe Aufklärungsgrad der Menschheit dank des Internets lag sicherlich nicht im Sinne von Verlagen und Urheberrechtskonzernen wie der GEMA. Denn daran konnten sie einfach nicht verdienen. Das sind in der Tat richtige Evolutionsbremsen, auch wenn mir der Autor dieses Vergleichs gerade nicht einfällt.

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    3. Sie bringen da einen interessanten Aspekt, für den ich jedoch keine Begründung sehe: angeblich würde die Evolution sich ungehindert entfalten, wenn nur keiner sich die Taschen vollmachen würde. Die herrschende Theorie und, schlimmer, die Empirie, zeigen eher etwas anderes: dort, wo die Renditen auf Innovationen besonders hoch sind, wird besonders geforscht und Neues entwickelt. Wie erklären Sie sich, dass die Industriestaaten noch immer das Zentrum der technologischen Entwicklung sind, während die arabische Welt sich sehr träge entwickelt?

      Wenn aber Ihre Eingangsthese wahrscheinlich falsch ist, muss die Schlussfolgerung falsch sein. Übrigens: die Rechte, die ich mit einem Buchkauf erwerbe, sind klar geregelt. So wie es bei jedem Kauf sein sollte.

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    4. Leider ist das nicht ganz so einfach. Das Urheberrecht gilt auch beim Kauf eines Computerspiels, das ich als Download erwerbe... und gerade Dort stellt sich inzwischen immer öfter die Frage: Das ich das, was ich gekauft habe, weiterverkaufen? Und im Prinzip verhält es sich mit dem Buchkauf ähnlich, spätestens wenn wir uns ein Buch nicht in gedruckter, sondern in digital Form auf unser Pad holen.
      Und die arabische Welt als Beispiel zu wählen, dass dort nicht geforscht wird, weil die Renditen zu niedrig sind, ist ein schlechter Witz. Es liegt dort weniger an den Renditen als an der fehlenden Infrastruktur und anderen Bedingungen, die die arabische Welt immer noch in Mittelalter haben stecken lassen. Ohne Aufklärung keine wirkliche Forschung, auch im Okzident begann der Aufschwung der Wissenschaft erst richtig mit dem Abschwung der Monarchie und dem Beginn der freien Meinungsäußerung. Den mit der Empirie verhält es sich wie mit den Regenwürmen beim Regen: SIe müssen diesen wohl sehr lieben, denn nie sind mehr zu sehen, als zu der Zeit wo es aus Kübeln giesst

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  4. Das Urheberrecht ist tatsaechlich bedeutungsvoll und moeglicherweise haben die Piraten dort tatsaechlich die besseren Ansaetze und weitgehenderes Knowhow. Das aendert aber nichts an der Tatsache, dass sobald die Partei in den Bundestag gewaehlt wird, die Piratenabgeordneten ueber voellig andere Themen werden entscheiden muessen. Sie werden ueber Massnahmen zur Bewaeltigung der Finanzkrise abstimmen muessen. Sie werden ueber EU-relevante Themen abstimmen muessen. Sie werden ueber Steuerpolitik abstimmen muessen. Und ich kann einfach nicht erkennen, welchen Sinn es macht, eine Partei ins Parlament zu waehlen, die praktisch keine Meinung hat zu Themen, die ausserhalb ihres winzigen Kernbereichs liegen. Ist es nicht fragwuerdig, den Waehler um seine Stimme zu bitten, ohne wenigstens ansatzweise ein konsistentes Programm zu den wichtigsten politischen Punkten unserer Zeit zu haben?

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    1. Naja, als die Grünen das erste Mal reinkamen war außer Umweltschutz, Friede und Rotationsprinzip auch wenig da.

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  5. Hi

    § 51 UrhSchG zu zulässigen Zitaten z.B. beim wissenchaftlichen Arbeiten und damit auch zu Grenzen der Urheberschaft,

    Gruß Harry

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  6. Gutes Interview in der Zeit:
    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-11/piraten-schloemer-interview

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