Donnerstag, 22. April 2010

Zeit für eine neue Obamania!

Von Stefan Sasse

Nein, keine Bange. Ich will nicht fordern, dass wieder hysterische Bekundungen über den Messias des amerikanischen Politikbetriebs den Medienalltag bestimmen und ständig verkündet wird, wir bräuchten auch einen Obama, damit uns irgendwelche vorwitzigen Kolumnisten Guttenberg als einen solchen unterzujubeln versuchen, der gerade zwar tapfer vor dem Ausschuss lächelt, sonst aber wenig zustande bringt. Nein, viel interessanter ist die aktuelle SZ-Schlagzeile, nach der Obama tatsächlich weitergehende Finanzmarktreformen will und für diese kämpft. Ich hatte bereits vor kurzem lobende Worte über ihn verloren, als es um die Gesundheitsreform ging und er gegen alle Widerstände wenigstens einen Kompromiss durchbrachte - etwas, das den Clintons 1992 nicht gelang.


Obama wurde in einem Maß mit Vorschusslobeeren überhäuft, das nur noch lächerlich zu nennen war. Die Spitze dieser Hysterie war wohl die Vergabe des Friedensnobelpreises. Es folgte schnell die Ernüchterung darüber, dass Obama doch nur ein Mensch war, und seither kritisiert man ihn deutlich härter als man Bush die ersten sechs Jahre seiner Regierungszeit kritisierte, wohl auch aus dem gleichen Grund, aus dem man die FDP kritisiert: die eigene unreflektierte Begeisterung ist peinlich geworden. 
Ich war seinerzeit im Wahlkampf durchaus skeptisch. Die Worte Obamas klangen groß, und er hatte Erfolg damit. Umso überraschender ist, dass dahinter auch Taten stehen. Nicht nur die Gesundheitsreform und der Irakrückzug, sondern auch die Sondersteuer auf AIG-Bankerboni und nun der Versuch, Geschäfts- und Investmentbanken zu trennen: in den USA tut sich etwas, es prallen politische Fronten mit voller Wucht aufeinander. 
Und das ist deutlich mehr, als man über Deutschland sagen kann. Ja, es ist richtig, dass die Gesundheitsreform ein bis zur Unkenntlichkeit aufgeweichter Kompromiss ist. Ja, es ist richtig, dass Guantanamo noch immer nicht geschlossen ist. Ja, es ist richtig, dass dem Abzug aus dem Irak eine Truppenaufstockung in Afghanistan gegenübersteht. Ja, es ist richtig, dass die AIG-Sondersteuer ein populistisches Manöver war und den Hauptteil der Herde ungeschoren ließ. 
Ja, ja, ja und ja. Und trotzdem: der Mann tut immerhin etwas! Jenseits des Großen Teichs, in good ole Europe, sehe ich gar nichts. Unsere eigene Regierung tut, als ob nichts geschehen wäre, und lehnt jegliche Handlung ab. Obama dagegen kämpft. Wer sich mit dem politischen System und den politischen Prozessen der USA auskennt weiß, wie unglaublich schwierig dieser Kampf ist. Ich habe Respekt vor dem, was er bisher geleistet hat und fühle mich ein wenig an Johnsons "Great Society" erinnert. Die Parallelen sind, mit Ausnahme des kurzfristigen messianischen Komplexes, frappierend. 
Es steht zu hoffen, dass Obama weiter handeln wird. Es steht zu hoffen, dass er Erfolg haben wird. Und es steht zu hoffen, dass er für seine Taten die Unterstützung erhält, die ihm für seine schönen Worte so bereitwillig und im Überschwang gegeben wurde. Aber das ist wohl zu viel der Hoffnung.

Kommentare:

  1. Einen Punkt hast du aber vergessen: Es steht zu hoffen, dass es in Deutschland endlich eine Partei gibt, die Obamas Kurs abkopiert. Wir sind immer noch, und dies ist wohl nicht zu leugnen, ein Satellitenstaat der USA, und "Reformen" werden meist von dort in Richtung "Good old europe" exportiert. Ich hoffe wirklich darauf, dass es bald, zwar keinen dt. Obama gibt, aber das zumindest sein Kurs gegen die Widerstände der Neolibs hierher exportiert wird.....

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  2. tut mir leid, wer obama als hoffnungsträger sieht, der hat ne merkel verdient.

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  3. Warum? Der Mann tut wenigstens was! Und ich traue ihm tatsächlich zu, dass er mehr tun würde als die Komrpomisse, die bisher rausgekommen sind, wenn er könnte. Aber nach Lage der Dinge KANN er einfach nicht mehr machen. "Politik ist das Bohren dicker Bretter mit Leidenschaft und Augenmaß", hat Max Weber gesagt.

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  4. @Stefan Sasse
    Seh ich ähnlich, Obama tut wenigstens war, und wer weiß, dass manche republikanische US-AmerikanerInnen Obama nur deswegen als "Sozialisten" brandmarken, weil er endlich in den USA eine Gesundheitsfürsorge für alle einführt, der ist lieber ein "Sozialist".
    Übrigens, ich denke nicht, dass wir eine Merkel verdient haben, wie "landbewohner" meint - Merkel ist kein zweiter Obama sondern eine Maggy Merkel (ein Fan von Margret Thatcher), lieber "landbewohner". Ergo eine Steinzeit-Neoliberale, und daher glaube ich kaum, dass Merkel mit Obama vergleichbar ist.....eher mit George W. Bush....wäre Frau Merkel ein Mann dann wäre die Ähnlichkeit noch frappierender zu Georgie-Boy aus Texas....ergo hinkt der Vergleich gewaltig, lieber "landbewohner"....

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  5. "Der tut wenigstens etwas"? Ja aber was?

    Surge in Afghanistan.

    Keine Klärung der Folter Frage.

    Gesundheitsreform ist ein Witz, fast schlimmer als vorher.

    Financial Reform ein Witz, sobald man sich die Details näher ansieht.

    Bitte, hört endlich auf mit Obama!

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  6. Schau ich mir an wie es bei uns läuft:
    - Mehr Truppen nach Afghanista, am besten Panzer und Haubitzen
    - Folterungen - kein Ding, hauptsache es sieht so aus als würden wir nicht beteiligt sein
    - Gesundheitsreform: Kopfpauschale, wir kommen
    - Finanzen: Hallo?
    Da lieber das bisschen.

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  7. Ja aber trotzdem. Du gibst dich mit den Krümeln zufrieden, weil du den Kuchen nicht haben kannst.

    Genau das ist das Problem, so denken viele aus der Mittelschicht. Auch in den USA. Deswegen wird sich auch nichts ändern.

    Abder du hast recht, hier ist es momentan wirklich schlimm!

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